Dienstag, 1. August 2023

1970-08-29 Isle of Wight [Freitag, der 7. März 2014]

Also: aufstehen und nur mit dem Kimono bekleidet im leeren Wintergarten frühstücken, wie gestern vorgenommen mit jenem Konzert, das Miles Davis am Samstag, dem 29. August 1970, während des Festivals auf der Isle of Wight nach einem Hans Köberlin nicht bekannten Tiny Tim und vor Ten Years After – später sollten an dem Tag noch hintereinander Emerson, Lake & Palmer mit Pictures at an Exhibition, The Doors und The Who mit der kompletten Tommy-Oper auftreten – gegeben hatte. Hans Köberlin hatte das Konzert für diesen Aufbruchstag gewählt, weil es nur gut über eine halbe Stunde ging. Es war von den Stücken des Sets her ein für diese Zeit typisches Konzert, Directions, Bitches Brew, It’s About That Time, Sanctuary, diesmal nur ganz kurz, und Spanish Key. Zuerst horchte Hans Köberlin wegen Dave Hollands E-Baß auf, dann wegen Keith Jarretts Orgel bei Bitches Brew … aber wie bei den meisten Live-Interpretationen kam auch hier der Moment, wo das Stück ein wenig zerfiel. Dann wieder der E-Baß … Es groovte sehr angenehm bis zum Schluß, Miles Davis war einmal wieder das Gravitationsfeld, das dies alles möglich machte … aber Hans Köberlin war, wie schon gesagt, mit den Gedanken bereits woanders […] Während des Duschens mußte er nochmals an Miles Davis denken, und zwar im Kontext der vorherigen Lektüre in Schultz’ Buch über die Gnosis. Miles Davis war, soweit er wußte, stets von jeglichem spirituellen Kram unbeleckt geblieben, im Gegensatz zu den meisten Musikern um ihn herum in der Zeit, das Ehepaar Coltrane zum Beispiel, bei denen die hohe Qualität ihrer Musik – auch später bis zu einem gewissen Punkt die Musik von Alice Coltrane allein – in einem eklatanten Gegensatz zu den Titeln stand, den sie ihren Stücken – und sich selber! – gaben, oder John McLaughlin oder Santana, deren gemeinsames Coltrane-Album Love ꞏ Devotion ꞏ Surrender trotz des Titels und trotz des Gurus auf der Rückseite des Covers von Hans Köberlin sehr geschätzt wurde. Miles Davis war stets westlich urban modern geblieben, und wenn er außermusikalische Bezüge hergestellt, dann keine spirituellen, sondern, wie bei Jack Johnson, politische zu Afrika und zu der Diskriminierung, die die Menschen, die dort ihre Wurzeln hatten, durch die WASPs erfuhren. »Aber«, so schloß Hans Köberlin dieses Thema ab, »was solls, ich höre ja auch die Messen und Kantaten von Bach …«

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit] Vom 7. bis zum 12. März 2014, S. 1466f.).

1970-06-20 New York [Montag, der 3. März 2014]

Zum Frühstück hörte er heute jenes Konzert, das Miles Davis am 20. Juni 1970 im Fillmore East gegeben hatte. Was den Stil und die Stücke betraf, da ähnelte es sehr den anderen Konzerten dieser Reihe, weshalb es Hans Köberlin schwerfiel, sich auf die Besonderheiten zu konzentrieren, weil er ja erst vor vier Tagen das Konzert vom 19. Juni 1970 gehört hatte. Directions hatte in diesem Moment in seinen Ohren keine und war so gut wie immer, dann The Mask, das nach vier Minuten Tohuwabohu interessant wurde, als Trompete und Baß Tohu von Bohu schieden, bei It’s About That Time kamen die neuen Aspekte vor allem von Jack DeJohnette, I Fall In Love Too Easily war quasi das Intro von Sanctuary, der Titel war bei Hans Köberlin seit 2010 für immer verknüpft mit Faulkners düsterer Südstaatenballade, heute kamen ihm die Trompetenschreie noch heftiger als sonst vor, dem folgte Bitches Brew, bei dem nach drei Minuten der Baß plötzlich vom Trockenen ins Weiche wechselte, er dachte, weil er sich darüber erschreckte, an Adornos großen musikalischen Irrtum, den Jazz betreffend, und daran, daß er sich schon lange vorgenommen, sich einmal mit dessen Beckett-Rezeption zu beschäftigen, bei dem es ihm, Hans Köberlin, um den Sinn im Absurden ging,* Bitches Brew drohte mittlerweile zu zerfallen, bis Miles Davis es mit seinem Spiel wieder zusammenfügte und zu dem wunderbar unverwüstlichen Willie Nelson überleitete, bei dem Dave Holland erneut aus heiterem Himmel die Stimmung wechselte. Willie Nelson war zweifellos der Höhepunkt der heutigen Matinée.

* Hans Köberlin hatte Adornos Versuch, das Endspiel zu verstehen, noch nicht gelesen, er hatte nur eine Passage aus der ästhetischen Theorie im Sinn: »Becketts Stücke sind absurd nicht durch Abwesenheit jeglichen Sinnes – dann wären sie irrelevant – sondern als Verhandlung über ihn. Sie rollen seine Geschichte auf […] Kunstwerke, die des Scheins von Sinnhaftigkeit sich entäußern, verlieren dadurch nicht ihr Sprachähnliches. Sie sprechen, mit der gleichen Bestimmtheit wie die traditionellen ihren positiven Sinn, als den ihren Sinnlosigkeit aus […] Alles hängt daran, ob der Negation des Sinns im Kunstwerk Sinn innewohnt oder ob sie der Gegebenheit sich anpaßt; ob die Krise des Sinns im Gebilde reflektiert ist, oder ob sie unmittelbar und darum subjektfremd bleibt. Schlüsselphänomene mögen auch gewisse musikalische Gebilde wie das Klavierkonzert von Cage sein, die als Gesetz unerbittliche Zufälligkeit sich auferlegen und dadurch etwas wie Sinn: den Ausdruck von Entsetzen empfangen. Bei Beckett allerdings waltet parodische Einheit von Ort, Zeit und Handlung mit kunstvoll eingebauten und ausgewogenen Episoden, und mit der Katastrophe, die nun darin besteht, daß sie nicht eintritt. Wahrhaft eines der Rätsel von Kunst, und Zeugnis der Gewalt ihrer Logizität ist, daß jegliche radikale Konsequenz, auch die absurd genannte, in Sinn-Ähnlichem terminiert.« (Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie; in: Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz, Frankfurt am Main 1986, Bd. 7, S. 230f.) Zu einer der »Gewalt der Logizität« analogen Annahme war für die Musik Christian Wolff gegenüber dem auch von Adorno erwähnten John Cage gekommen, siehe oben (¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Erster Teil. Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, [Dritte Phase – oder: Konsolidierung] Vom 19. November bis zum 19. Dezember 2013, S. 751).** Von Beckett hatte Hans Köberlin in diesem Kontext vor allem folgende Passage aus LʼInnommable im Gedächtnis, wir zitieren aus der Ausgabe in seinem, Hans Köberlins, Idiom: »Ich glaubte, es stünde mir frei, etwas x-beliebiges zu sagen, solange ich nicht schwieg. Dann sagte ich mir, daß es letzten Endes vielleicht nicht etwas x-beliebiges wäre, was ich sagte, daß es sehr wohl das sein könnte, was man von mir verlangte, vorausgesetzt, daß man etwas von mir verlangte.« (Samuel Beckett, Der Namenlose; in: Drei Romane. Molloy. Malone stirbt. Der Namenlose, Frankfurt am Main 2005, S. 541). Und auf die Frage, qui parle?, war die Antwort: »das ist es vielleicht, was ich fühle, daß es ein Draußen und ein Drinnen gibt und ich in der Mitte, das ist es vielleicht, was ich bin, das Ding, das die Welt in zwei teilt, einesteils das Draußen, andernteils das Drinnen, es kann dünn sein wie ein Blatt, ich bin weder einerseits noch andererseits, ich bin in der Mitte, ich bin die Scheidewand, ich habe zwei Seiten und keine Dichte, das ist es vielleicht, was ich fühle, ich fühle, wie ich schwinge, ich bin das Tympanon, einerseits ist der Schädel, andererseits die Welt, ich gehöre weder zum einen noch zum anderen« (ebd., S. 522f.). Hans Köberlin dachte dabei natürlich sofort an Luhmann … Dem ging es ja um den Fortbestand der Systeme, hier: »… man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, ich werde weitermachen.« (ebd., S. 566). Nun: Hans Köberlin, der sein Studium mit einer Arbeit über das Weitermachen des Mannes ohne Eigenschaften abgeschlossen, wollte mittlerweile wieder weitermachen …
** Dabei fiel ihm noch etwas aus John Cages Indeterminacy-Geschichten ein, nämlich daß Christian Wolff zu ihm, Cage, gesagt habe (Hans Köberlin erinnerte sich, daß er diese Passage kurz vor Ende eines Dauerlaufs gehört hatte, vor jenem Hotel, das wie ein Schlachtschiff aus der Urbanisazión auf der anderen Seite der Ausfallstraße herausragte), nämlich: egal was man mache, am Ende würde alles auf eine (oder die?) Melodie herauslaufen. Die Rezeption in der Zeit … die wiederholte Rezeption … der Mensch sei Rhythmus, hatte Gérard Genette prägnant postuliert … (Gérard Genette, Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, Reihe Aesthetica, hrsg. von Karl Heinz Bohrer, Frankfurt am Main 1993, S. 307).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1409).

1970-06-19 New York [Donnerstag, der 27. Februar 2014]

Anschließend frühstückte er wie gehabt mit Miles Davis, und zwar mit jenem Konzert, daß der am 19. Juni 1970 in der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte. Auch der Ablauf innerhalb dieser Konzertreihe variierte, wie gesagt, kaum, es begann schnell mit Directions, in der der Hälfte des Stückes ein Tempowechsel, dann abstrakt-langsam The Mask – sehr schön, was da über den Baßläufen passierte –, in einem ähnlich abstrakten Stil weiter mit It’s About That Time, wobei hier das Schlagzeug anfangs die strukturgebende Rolle des Basses übernahm, dann stimmte Miles Davis, der sehr klar spielte, allein die Melodie von I Fall In Love Too Easily an und leitete über zu Sanctuary, das hier in Verkehrung der üblichen Reihenfolge vor dem abschließenden Bitches Brew kam. Hans Köberlin überlegte … er hatte in seiner Sammlung keinen einzigen Live-Mitschnitt von Pharaoh’s Dance, dem Auftakt des Studioalbums … vielleicht war das eine spontane und nicht reproduzierbare Session gewesen … irgendwo, glaubte er, Joe Zawinul als den Komponisten angegeben gelesen zu haben, aber es war ja jetzt nur so ein Nebengedanke zu Bitches Brew gewesen, und also rührte er sich nicht, außerdem gab es da ja noch Teo Macero … Terje Rypdals Ghostdancing von dem Album Vossabrygg aus dem Jahr 2006 hatte sicherlich seine Referenzen zu Pharaoh’s Dance … Bitches Brew selber bot bei diesem Konzert gegenüber den anderen Live-Versionen keine Überraschungen, und dann kam auch schon The Theme.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1376f.).

Dienstag, 25. Juli 2023

1970-06-18 New York [Sonntag, der 23. Februar 2014]

Zu diesem Frühstück mit Spiegelei hörte Hans Köberlin jenes Konzert, das Miles Davis am 18. Juni 1970 at the Fillmore East gegeben hatte. Die Sets waren fast identisch gewesen in jenen Tagen und Hans Köberlin nahm sich einmal wieder vor, das Vertraute der Stücke zu transzendieren und sehr genau zuzuhören und auf die den Augenblicken der Aufführung entsprungenen Nuancen zu achten, und wir bemühen uns einmal wieder mehr oder weniger dilettantisch, dieses Unterfangen einigermaßen in Worte zu fassen. – Zum Auftakt natürlich Directions, das Stück hatte hier nicht für es charakteristisch mit Baß und Schlagzeug begonnen, sondern ein kleines Willie Nelson-Vorspiel außerhalb des üblichen Grooves bekommen, zu dem es auch nicht – wie bei Interpretationen vorher und nachher, etwa in einem halben Jahr in Washington – wieder fand, sondern eher in einem mittlerweile bereits ein Jahr lang hin zu der Jack Johnson-Zeit gereiften Stil von Bitches Brew blieb. Dem entsprechend folgte The Mask, dem Hans Köberlin bei jedem Hören mehr abgewinnen konnte. Bei dem Auftritt gestern aus der Zeit unmittelbar nach Bitches Brew war die Band mit dem Bitches Brew-Repertoir  n o c h  n i c h t  w i e  Bitches Brew aufgetreten, und jetzt schon  n i c h t  m e h r  w i e. Wenn Heraklit recht hatte, dann bei Miles Davis. Es folgte It’s About That Time, noch erkennbar, aber schon sehr weit entfernt von In A Silent Way. Geführt von den Baßläufen hatte Hans Köberlin keine Mühe, genau zuzuhören. Es verlief sich dann und die Trompete erfüllte den Raum eine kurze Weile, um auf Bitches Brew überzuleiten, das – wie auch sonst?! – charakteristisch begann, so blieb es eine Weile, dann kam es zu einer bemerkenswerten Reduktion auf Trompete und Orgel, die – wie am Vortag Chick Corea mit dem E-Piano – die Stelle des Baß einnahm, damit sollte es ausklingen, aber das Publikum bekam noch seine Zugabe, Spanish Key, das nahe an der Version der Studiosession blieb, und Hans Köberlin fühlte sich einmal wieder wie ein Faun.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1341f.).

1970-06-17 New York [Dienstag, der 18. Februar 2014]

Frühstück im leeren Wintergarten mit Miles Davis, diesmal mit jenem Konzert, das der am 17. Juni 1970 at the Fillmore East gegeben hatte. Er hatte hier neben Chick Corea am elektrischen Klavier noch Keith Jarrett – erstmals live dabei, zumindest in Hans Köberlins Sammlung – an der elektrischen Orgel, was für eine gewisse, von Hans Köberlin goutierte, Komplexität im Rhythmus sorgte. Es begann, wie damals üblich, mit Directions bei dem es plötzlich einen Bruch gab, der Hans Köberlin ein Mißverständnis in der Band vermuten ließ: alle hatten wohl gedacht, man sei mit dem Stück durch, als Miles Davis das Thema nochmals aufgriff, man setzte also das verbleibende Drittel wesentlich langsamer bis zu dem wirklichen Ende fort. Aus der Stille folgte, bereits in Richtung Jack Johnson, The Mask, das war in den ersten drei Minuten vor allem eine Improvisation Jarretts, dann, sehr schön, Baß und Trompete beziehungsweise Baß und Saxophon. Anschließend näherte man sich mit It’s About That Time wieder ein wenig dem schnellen Auftakt, es wurde groovy und schließlich kam, nach einem wunderbaren Übergang, Bitches Brew, dem Hans Köberlin, wie bei jedem Konzertmitschnitt, wieder neue Aspekte abgewann, diesmal den stockhausenen Aspekt, als der für das Stück charakteristische Baßlauf pausierte und Chick Chorea das Spiel vorgab, diesmal ohne dabei das Ganze zerfallen zu lassen. Hans Köberlin war sehr zufrieden mit dem, was er da gerade gehört hatte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1280).

Montag, 24. Juli 2023

1970-04-11 San Francisco [Dienstag, den 11. Februar 2014]

Zum Frühstück hörte Hans Köberlin jenes Konzert aus Miles Davis’ elektrischer Phase, das der am 11. April 1970 im ›Fillmore West‹ gegeben hatte. Es war wohl kein kompletter Mitschnitt, denn es begann und endete in medias res und es waren bloß drei Stücke, Paraphernalia, Footprints und Miles Runs The Voodoo Down. Diese Zusammenstellung – ohne Gitarre und ohne Stücke aus Jack Johnson – wirkte so wie aus einer Gelenkzeit zwischen Bitches Brew und On the Corner, mit Verweisen zurück in die Zeit des ›klassischen‹ Quintetts. Miles Davis war sehr präsent, ließ aber auch – wie am Vortag – großen Raum für Corea und Grossman.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1190).

1970-04-10 San Francisco [Sonntag, der 5. Januar 2014]

Zum Frühstück gab es das Konzert, das Miles Davis am 10. April 1970 – etwa die Zeit, als Hans Köberlins aleatorische Knabenspiele begannen – im ›Fillmore West‹ in der Stadt, zu der man mit einigen Blumen im Haar reisen sollte, gegeben hatte, er hatte es ausgewählt, weil hier das von ihm höchstgeschätzte Willie Nelson aus der von ihm höchstgeschätzten Jack Johnson-Zeit zum ersten Mal in seiner Sammlung von Mitschnitten auftauchte* –: ein geniales Konzert! Die Stücke von Bitches Brew wurden mit dem neuen Jack Johnson-Groove, bei dem eigentlich Jimi Hendrix als Gitarrist vorgesehen war, interpretiert, interessant war in diesem Kontext auch die gut eineinhalbminütige Anspielung auf I Fall In Love Too Easily – Hans Köberlin war es gleichfalls immer zu leicht gefallen, was aber, wie er fand, für ihn sprach – nach Willie Nelson. Masqualero überließ Davis weitgehend Steve Grossman und Chick Corea, war aber abwesend anwesend, weil die beiden ohne ihn nie wieder zu solcher Virtuosität gelangen sollten, der nächste Zeitsprung wäre wohl der zu der Live/eviL-Phase, bei der Keith Jarrett Chick Coreas Part übernehmen sollte. Den Abschluß dieses Frühstücks bildeten Spanish Key und The Theme, Hans Köberlin hatte nie gewußt, wie er das für sich adäquat übersetzen sollte – mit ›Erkennungsmelodie‹ wohl nicht … »Erkennen Sie / die Melodie / da-da / da-da …« im präpubertären elterlichen Wohnzimmer –, The Theme jedenfalls war wohl ein Relikt aus der klassischen Zeit der Jazzkonzerte, das bei Miles Davis bald wegfallen sollte. Black Beauty hatte man die Publikation dieses genialen Mittschnitts** unglücklicherweise betitelt, unglücklicherweise deshalb, weil das, was im ursprünglichen Kontext wohl an die emanzipatorische Kraft einer ›schwarzen‹ Ästhetik gemahnte, hier oder zumindest bei Hans Köberlins Sozialisation eine Serie für pubertierende Mädchen mit einem schwarzen Hengst als Protagonisten assoziierte, wobei man durch ›mit einem schwarzen Hengst als Protagonisten‹ komplett in der Fehlleistung saß.*** Aber Anna Sewells Pferderoman aus dem Jahr 1877 mußte doch allen bei der Namensgebung Beteiligten bekannt gewesen sein … Jedenfalls: Hans Köberlin hätte diese Musik noch stundenlang weiterhören können, aber: der Berg rief!

* Hans Köberlin übersah hier das zweite Set des Konzerts im ›Filmore East‹ in der Stadt die niemals schlief am 7. März desselben Jahres.
** »Zum Exempel: als in den 70er Jahren Miles Davis (und Gruppe) seine 3. Häutung als Musikkünstler durchgemacht hatte und mit Bitches Brew, mit Black Beauty / Fillmore West u. a. auf der Klangfläche erschien, wurde der nachwachsenden Generation der verstreuten kulturintellektuellen Szene schlagartig klar: Ja, diese Musik versteht uns (und: die Musik mehr noch als ›der Mann‹!). Sie tritt in die öffentliche Szene, sie drückt mit aller gebotenen Insistenz die zeitgenössische Daseinsbefindlichkeit aus. Sie arbeitet es durch – das Desaster wie das ausstehende Glück in zeitgenössischer Existenz. Sie versteht ganz offenbar das existenzial Prekäre von Erfahrungen in dieser hochziselierten ›Zeitgenossenschaft‹ von Kreaturen, und sie macht es offenbar, sie fängt es musizistisch ein, arbeitet es kriselnd durch on stage / aufführend, gestisch – haptisch – gymnasisch, und sie gibt es durchgearbeitet nach Draußen, in einem disziplinierten Ausbruch, expressiv und ostinat. Was in Musik, was im kunsthaften Werkprozeß zugleich sich ereignen muß: die Anreicherung durch eine Portion gelungener Insistenz, ein passionshaftes Antidotum gegen das durchgearbeitete Desaster. Dies muß zeitgenössisch kontraversal-stilistisch präzise sein, um dem angeregten Verstehen zugleich Spuren seiner ›Lösung‹ in Emphase zu verleihen, Moment der cura, Kurierung. In diesem Moment des ostinaten Verstehens als verarbeiteter Gegengabe im Ausdruck ist ein Moment des Lösens enthalten, ein Quentchen momentaner absolutio, ein Moment des ›Vergebens und Vergessens‹ (Lethe, moments musicaux / Schubert). ›Miles and more‹: Passabel durcharbeiten und emphasieren kann man nur, wenn man das Nötigende durchgemacht hat. Sujet: Der Mann (Miles Davis) hat die Hölle gekannt und das Paradies geahnt …; und das Werk kündet davon in all seinen Fibern. Ex cathedra wird sich nie eine Spur von Authentizität einstellen! Die akademischen Intellektuellen machen etwa ›Musikanthropologie‹, die existenzialen Musiker aber machen Anthropognosie durch die Musik hindurch, was das Durcharbeiten in den Gymnopädien ernötigt, deren Stilistik letztlich spricht und die erfahrene Gnosie so zum Verstehen gibt.« (Hans Peter Weber, MEDIA RELEASE MEDIA. Eine PROGRAMMVORSCHAU. ROAD MAP (zum Frieden); in: Essays, Berlin 2008, Bd. 2: Große beruhigte Automaten. suprem, S. 251 und dort die Fußnote 281).
*** Vgl. vom Verf. HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen. Der erste Teil der Clemens Limbularius Trilogie, 2., ein wenig verbesserte Auflage, Berlin 2012, S. 295.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 889f.).

1970-04-09 San Francisco [Mittwoch, der 12. März 2014]

Er döste anschließend nochmals ein, stand dann auf, zog sich den Bademantel wieder an und bereitete sein vorerst letztes Frühstück hier. Dazu wollte er jenes Konzert hören, das Miles Davis am 9. April 1970 in jener Stadt gegeben, in die man, wenn man zu ihr komme, mit einigen Blumen im Haar kommen sollte, natürlich im Fillmore West. Das Set bestand aus den üblichen Stücken der Konzerte jener Zeit, sie kamen Hans Köberlin aber hier noch rauher vor, vor allem Dave Hollands Baß, Directions als Auftakt, dann kam es zu einem wunderbaren Übergang zu einer relativ langsamen Interpretation von Miles Runs the Voodoo Down, mit dem gleichen Monsterbaß. Der Groove des Stückes verlor sich allerdings nach siebeneinhalb Minuten, um in eine Improvisation Chick Coreas auf dem E-Piano überzugehen. Es folgte jenes ominöse This, von Schlagzeug und Baß begleitet E-Piano und Trompete ziemlich frei, wobei Miles Davis bald seine bekannten Läufe spielte, nach der Hälfte übernahm das Saxophon. Dann kam Itʼs About That Time, auch dies am Anfang ziemlich frei gestaltet, dann aber vom Baß in einen schönen Groove getrieben. Aber auch der brach abrupt wieder ab, diese Wechsel waren eigentlich nichts für Hans Köberlins Abschiedsstimmung, dann, nach I Fall In Love Too Easyly, kam aber unverwüstlich Sanctuary, gefolgt von Spanish Key, so wie Hans Köberlin es hören wollte, dann schwächelte der Groove, aber Baß und Schlagzeug holten Corea wieder in die richtige Richtung. Zum Abschluß kam, erneut eine Dramaturgie, die Hans Köberlin verwunderte, Bitches Brew. Das war eine sehr schöne Version, sehr linear, am Ende dominierte aber wieder Corea und brachte das Ganze zu einem plötzlichen Ende. Na gut … beim nächsten Hören würde es vielleicht ganz anders klingen, Stimmungen …

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit] Vom 7. bis zum 12. März 2014, S. 1513f.).

Mittwoch, 12. Juli 2023

Dienstag, 11. Juli 2023

Sonntag, 25. Juni 2023

Empirie, 31. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.782 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.787
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.525 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 3.986
    • Kapitel: XIV (= Phase 6 – oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung*) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Donnerstag, der 13. März 2014, der 163. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.525
    • Fußnoten: 3.986
    • Kapitel: XIV (= Phase 6 – oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung*) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 13. März 2014, der 163. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 3970 auf S. 1512) Rainald Goetz, Word, Hamburg 1994.
** (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
*** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Montag, 8. Mai 2023

Empirie, 30. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.766 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.764
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.512 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 3.970
    • Kapitel: XIV (= Phase 6 – oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung*) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Donnerstag, der 13. März 2014, der 163. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.464
    • Fußnoten: 3.857
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Freitag, der 07. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 3970 auf S. 1512) Rainald Goetz, Word, Hamburg 1994.
** (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
*** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Freitag, 10. März 2023

Empirie, 29. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.754 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.732
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.491 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 3.934
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Montag, der 10. März 2014, der 160. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.463
    • Fußnoten: 3.850
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Freitag, der 07. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Mittwoch, 1. Februar 2023

1970-03-07 New York 2nd Set [Donnerstag, der 30. Januar 2014]

Das Wetter ließ frühstücken und lesen und schreiben auf der anderen Dachterrasse bis gegen drei Uhr am Nachmittag zu, es war ein Abschied, denn Hans Köberlin hatte sich, wie bereits erwähnt, vorgenommen, nach seiner Rückkehr aus der Hauptstadt wieder auf die hintere, dann mit einem Sonnenschirm versehene, Dachterrasse umzuziehen, und morgen, an seinem Reisetag, würde keine Ruhe für die Schlepperei der Frühstücks- und Konzertutensilien haben. Als Dachterrassenabschiedskonzert hörte er das zweite Set, das Miles Davis am 7. März 1970 im ›Fillmore East‹ gegeben hatte. Von Bitches Brew gab es das titelgebende Stück, Miles Runs the Voodoo Down und Spanish Key, es begann mit Directions und zum Schluß kamen It’s About That Time sowie – die Jack Johnson-Sessions hatten gerade begonnen – Willie Nelson. Miles Davis’ Trompete und Steve Grossmans Saxophon –
»Nein, es war noch Wayne Shorter!«
– waren sehr präsent und Chick Corea hatte ein wunderbares Solo in Spanish Key. Die Musik hob Hans Köberlin in sich auf, sie war Zeit und wurde Raum und verschmolz mit seiner unmittelbaren Umwelt, es würden Zeiten kommen, dessen war Hans Köberlin sich sicher, in denen er sich mit einer schier unerträglich schmerzhaften Sehnsucht auf diesen Platz zurückwünschen würde.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1081f.).

Montag, 16. Januar 2023

Aus gegebenem Anlaß [Der kürzeste Weg zum Strand]

Hans Köberlin verließ das Haus durch das untere Tor, überquerte die Ausfallstraße, ging sie ein paar Meter hinab, bog dann links in eine Gasse, dann gleich wieder rechts bis zu einer größeren Straße, überquerte diese, ging dann rechts – nicht ohne dabei stets an Gina Lollobrigida zu denken1109 – am ›Hotel Esmeralda‹ vorbei entlang eines kleinen Parkplatzes und kam dann schon an der Promenade heraus, gleich auf der Höhe, wo die ›Tango Bar‹ lag.

  1. Wegen Jean Delannoys Verfilmung von Hugos Notre­-Dame de Paris aus dem Jahr 1957, in der Anthony Quinn den Quasimodo spielte und Gina Lollobrigida … hier das eben bei Sophia Loren ausgelassene (siehe oben die Fußnote 984 und dort auf S. 266): »… wie sie als schöne Zigeunerin Esmeralda als ein ›natürlicher Mensch‹ inmitten einer bizarren, besessenen und erstickenden (Männer-)Welt erschienen war, der die mühsam unterdrückten Triebregungen wieder erweckt, zugleich aber auch die Fähigkeit zu reiner Liebe schafft« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 31996, S. 84). Wie bei der Adaption von Ecos Roman, so blieb auch bei dieser Hugo-Verfilmung der weiblichen Protagonistin der im Roman vorgesehene Tod auf dem Scheiterhaufen erspart, vielleicht aus ähnlichen Motiven, die Schiller dazu veranlaßt hatten, seine Johanna nicht verbrennen, sondern enthaupten zu lassen. Die gleiche Wirkung wie als schöne Zigeunerin Esmeralda erzielte sie auch als la donna più bella del mondo in Robert Z. Leonards gleichnamigem Film aus dem Jahr 1955. Wir zitieren aus Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Samstag, dem 5. Oktober 2019: »Da gab es einiges, von Aschenbrödel bis Hamlet (»Die Kunst fliegt um die Wahrheit, aber mit der entschiedenen Absicht sich nicht zu verbrennen. Ihre Fähigkeit besteht darin in der dunklen Leere einen Ort zu finden, wo der Strahl des Lichts, ohne daß dies vorher zu erkennen gewesen wäre, kräftig aufgefangen werden kann.« (Franz Kafka, Beim Bau der chinesischen Mauer; in: Gesammelte Werke, in zwölf Bänden nach der kritischen Ausgabe hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main 22014, Bd. 6, S. 196)): ein einfaches Mädchen schaffte aus Liebe über den Umweg des Tingeltangels den Sprung zur Diva in der italienischen Oper. Auf dem Weg dorthin gab es drei Männer: den bösen Verehrer, den guten Verehrer und die wahre Liebe, ein russischer Prinz, der plötzlich wegen eines Mißverständnisses (wegen der Wette mit den Kameraden: Reitstall vs. Verführung der Unnahbaren, als er Lina noch nicht wiedererkannt hatte) außenvor war. Der gute Verehrer war der Tenor, der während einer Tosca-Aufführung von einem Schergen des bösen Verehrers erschossen wurde. Wie in der Opernhandlung entdeckte Tosca den vermeintlich nur zum Schein erschossenen Cavaradossi wirklich tot auf dem Dach der Engelsburg. Lina verdächtigte die wahre Liebe und mied seitdem ihn und weitere Tosca-Inszenierungen. Als sie ihn dann nach Jahren auf Einladung des Zaren doch noch mit der Tosca brüskieren wollte, entlarvte sich der wahre Täter während der Wiederholung der Schlüsselszene, und sie konnte endlich der wahren Liebe in die Arme fallen. Es ging offensichtlich vor allem darum, das Dekolleté von Gina Lollobrigida in Szene zu setzen, was ganz gut gelungen und wogegen nichts zu sagen war.« Irgendwann, bei einer seiner fast täglichen Passagen des ›Hotel Esmeralda‹, hatte Hans Köberlin noch eine weitere Assoziation, allerdings eine vom gleichen Kaliber, wenn man das einmal so lax formulieren darf: »Ich schelle, die Thür geht von selber auf, und auf dem Flur kommt mir eine geputzte Madam entgegen […] und begrüßt mich […] wie einen Langerwarteten, komplimentiert mich danach durch Portieren in ein schimmernd Gemach mit eingefaßter Bespannung, einem Kristall-Lüster, Wandleuchtern vor Spiegeln, und seidnen Gautschen, darauf sitzen dir Nymphen und Töchter der Wüste, sechs oder sieben, wie soll ich sagen, Morphos, Glasflügler, Esmeralden, wenig gekleidet, durchsichtig gekleidet, in Tüll, Gaze und Glitzerwerk, das Haar lang offen, kurzlockig das Haar, gepuderte Halbkugeln, Arme mit Spangen, und sehen dich mit erwartungsvollen, vom Lüster gleißenden Augen an […] Ich stand und verbarg meine Affecten, sehe mir gegenüber ein offen Klavier, einen Freund, geh über den Teppich drauf los und schlage im Stehen zwei, drei Akkorde an, weiß noch, was es war, weil mir das Klangphänomen gerade im Sinne lag, Modulation von H- nach C-Dur, aufhellender Halbton-Abstand wie im Gebet des Eremiten im Freischütz-­Finale, bei dem Eintritt von Pauke, Trompeten und Oboen auf dem Quartsextakkord von C. Weiß es im Nachher, wußte es aber damals nicht, sondern schlug eben nur an. Neben mich stellt sich dabei eine Bräunliche, in spanischem Jäckchen, mit großem Mund, Stumpfnase und Mandelaugen, Esmeralda, die streichelt mir mit dem Arm die Wange. Kehr ich mich um, stoß mit dem Knie die Sitzbank bei Seite und schlage mich über den Teppich zurück durch die Lusthölle, an der schwadronierenden Zatzenmutter vorbei, durch den Flur und die Stufen hinab auf die Straße, ohne das Messinggeländer nur anzufassen.« (Thomas Mann, Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde, Frankfurt am Main 1986, S. 190f.). Es war jene Esmeralda, bei der sich ein Jahr später der Tonsetzer Adrian Leverkühn mit vollem Bewußtsein (»Sie erfuhr auch aus seinem Munde, daß er die Reise hierher um ihretwillen zurückgelegt habe, und sie dankte es ihm, indem sie ihn vor ihrem Körper warnte.« (ebd., S. 206) die Syphilis holen sollte, Manns immanente Variante des transzendenten Teufelspakts. Und Leverkühn setzte seiner Esmeralda nach seiner Art ein Denkmal: »So findet sich in den Tongeweben meines Freundes eine fünf- bis sechsköpfige Notenfolge, mit h beginnend, mit es endigend und mit wechselndem e und a dazwischen, auffallend häufig wieder, eine motivische Grundfigur von eigentümlich schwermütigem Gepräge, die in vielfachen harmonischen und rhythmischen Einkleidungen, bald der, bald jener Stimme zugeteilt, oft in vertauschter Reihenfolge, gleichsam um ihre Achse gedreht, so daß bei gleichbleibenden Intervallen die Abfolge der Töne verändert ist, darin ihr Wesen treibt […] Es bedeutet aber diese Klang-Chiffre h e a e es: Hetaera esmeralda.« (ebd., S. 207). Noch zu erwähnen wäre jene Esmeralda, die nach einem Zirkusbesuch des siebenjährigen Ingmar Bergman in dessen Leben eine große Rolle gespielt hatte: »Jemand flüsterte, in einer dunklen Nische unter der Zirkuskuppel habe sich ein Löwe gezeigt, die Clowns waren furchterregend und böse, ich schlief vor Gemütsbewegung ein und wachte bei wunderbarer Musik wieder auf: Eine junge Frau in Weiß ritt auf einem gewaltigen schwarzen Hengst. Mich ergriff Liebe zu der jungen Frau. Ich schloß sie in meine Phantasiespiele ein und nannte sie Esmeralda (vielleicht hieß sie wirklich so). Meine Phantasien vollzogen am Ende den allzu gefährlichen Schritt in die Wirklichkeit hinaus, als ich meinem Klassenkameraden Nisse unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, meine Eltern hätten mich an den Zirkus Schumann verkauft, man werde mich bald zu Hause abholen und mich zusammen mit Esmeralda, der schönsten Frau der Welt, zum Akrobaten ausbilden. Am nächsten Tag war meine Phantasie in aller Munde und geschändet […] Ich selbst rächte mich an meinem ehemaligen Freund, indem ich ihn mit dem Dolch meines Bruders über den Schulhof jagte. Als eine Lehrerin dazwischenging, versuchte ich, sie umzubringen. Ich wurde vom Schulbesuch ausgeschlossen und bezog reichlich Prügel. Später bekam mein falscher Freund Kinderlähmung und starb, was mir große Freude machte. Die Klasse wurde wie üblich drei Wochen lang beurlaubt, und alles geriet in Vergessenheit. Ich phantasierte jedoch weiterhin von Esmeralda. Unsere Abenteuer wurden immer gefährlicher, und unsere Liebe immer leidenschaftlicher. Unterdessen schaffte ich es aber noch, mich mit einem Mädchen aus der Klasse zu verloben, das Gladys hieß. Mit der betrog ich Tippan, meine treue Spielgefährtin.« (Ingmar Bergman, Mein Leben, Berlin 21989, S. 16f.). Diese Erlebnisse fanden ihren Niederschlag unter anderem auch in Gycklarnas afton (1953), wir zitieren auch zu diesem Film aus Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Mittwoch, dem 19. November 2008: »Es tat wohl, wieder einmal einen Bergman zu sehen. Die Gauckler zogen am Horizont auf, wie dann fünf Jahre später Max von Sydow in Det sjunde inseglet (siehe unten S. 579f.). Und die stärkste Szene des Films folgte auch alsbald: die Frau des Clowns trieb harmlos-frivole Spielchen mit den Offizieren eines Manövers. Einer von denen machte sich einen Spaß daraus, seinen Burschen zu dem Clown zu schicken, um dem das mitzuteilen. Der Clown machte sich auf, holte seine mittlerweile nackte Frau da heraus und trug sie – nachdem man ihre Kleider versteckt hatte – unter dem Gelächter sowohl der Soldaten als auch seiner Kollegen vom Zirkus nach Hause (zum Lager des Zirkus), wieder am Horizont. Die Frau lachte mittlerweile nicht mehr, und der Clown trug sie derart unter der Last leidend, wie Jesus unter der Last des Kreuzes, auch stürzte er wie jener mehrmals (Liebe als Passion), bis er selbst davongetragen werden mußte. Bergman hatte gewollt, daß man diese Assoziation zog, das merkte man, daß er dies gewollt hatte. Die eigentlichen Protagonisten des Films waren der Zirkusdirektor Albert Johansson, seine Geliebte Anne, der Schauspieler Frans, der Anne verführte, und Alberts verlassene Ehefrau Agda. Albert und Anne versuchten vom Zirkus wegzukommen, je für sich mit Frans und Agda (Agda war froh, daß sie Albert los war), doch es haute nicht hin, und Albert erlebte dabei durch Frans eine Demütigung, die ihn fast zum Selbstmord trieb (er war soweit, aber die Pistole versagte). Am Ende folgten Albert und Anne gemeinsam den Zirkuswagen, und es steckte ein Trost in diesem Bild. Agdas Welt war die sichere Welt der Mutter, die in sich ruhte, und Frans war bloß ein kultivierter Laffe. Der Theaterdirektor Sjuberg sprach das aus, nämlich daß bloß Kultivierung und Seßhaftigkeit ihn und seinesgleichen von den Artisten unterscheide, Kunst und Kunstfertigkeit, wobei da die Grenzen zwischen Theater und Zirkus verschwammen, was Bergman sehr schön zeigte, in der Art, wie Frans seinen Bühnenmonolog hielt. Die Überlegenheit der Kultur zeigte sich darin, daß der schwächere Frans mit seiner Kampftechnik Albert verprügeln konnte (ich merke, meine Sympathien gehören – wenn ich denn wählen muß – den Plebejern, zumindest in diesem Fall).« Und last but not least gab es noch jene von Angela Jones gespielte Esmeralda Villalobos, die als Taxifahrerin in Pulp Fiction (1994) Butch nach seinem fatalen Boxkampf ‒ »So what does it feel like to kill a man with your bare hands? It’s a topic I’m very interested in.« ‒ zu seiner Fabienne brachte. Apropos Quentin Tarantino: bei dem fallen uns noch Santa Esmeralda ein und deren Version des Klassikers Don’t Let Me Be Misunderstood, die in Kill Bill – Vol. 1 (2003, siehe die Fußnote 1951 unten auf S. 634f.) als Overtüre zu dem im Schnee und mit Samuraischwertern ausgeführten Duell zwischen the Bride und O-Ren Ishii zu hören war. Und falls noch weitere Esmeralden auftauchen, werden wir darüber in den Nachlesen berichten.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Erster Teil., Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, V [Erste Phase – oder: Altlasten] Vom 13. Oktober bis zum 2. November 2013, S. 312ff.).

Samstag, 10. Dezember 2022

1970-03-07 New York 1st Set [Montag, der 20. Januar 2014]

Nach seinem Dauerlauf, der anstrengend war, weil er auf der Strecke bis zum Zentrum des Ortes heftigen Gegenwind hatte, frühstückte Hans Köberlin im leeren Wintergarten mit dem ersten Set jenes Konzert, das Miles Davis am 7. März 1970 im Fillmore East gegeben hatte. Die Sessions im Kontext von Jack Johnson hatten zwar bereits begonnen, aber die Tour wurde noch von Bitches Brew – davon gab es Spanish Key – bestimmt. Es war immer interessant, ältere Stücke in dem neuen Bitches Brew-Stil zu hören, hier Directions, Masqualero und It’s About That Time. Hans Köberlin genoß es, merkte aber daß er von dem Dauerlaufen gegen den Wind bereits wieder ein wenig müde war.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1010).

1969-11-07 Berlin [Montag, der 17. Februar 2014]

Zu dem Frühstück heute – keine Angst, wir haben es nicht vergessen, nämlich Hans Köberlins Ritual – sah er sich einen weiteren der neulich erinnerten drei Konzertfilme an, es war die Dokumentation jenes Konzerts, das Miles Davis am 7. November 1969, also nach Bitches Brew, auf den Jazztagen der Hauptstadt gegeben hatte. Dieser Film war in Farbe und begann während des Aufbaus des Equipments mit einer unsäglichen Ansage – als ob es es eine besondere Bedeutung gehabt hätte, daß Dave Holland aus der alten Welt kam! –, die die Vorgestellten, da schon nicht mehr im Anzug, sondern im Outfit ihrer Zeit, geflissentlich ignorierten, dann ging es mit Directions los, alle Stücke noch im klassischen Schema, Miles Davis mit dem Thema, dann die Soli von Wayne Shorter und Chick Corea, dann Wiederaufgreifen des Themas und die Überleitung zu dem nächsten durch Miles Davis, hier ging es jetzt zu Bitches Brew über, dem Hans Köberlin durch seine Interpretation in der gegenüber der Studiosession reduzierten einfachen Besetzung – keine Percussion neben Jack DeJonettes Schlagzeug und keine elektrischer Baß neben Dave Hollands akustischem – wieder neue Aspekte abgewann. Weiter ging sehr schön mit It’s About That Time bei dem Wayne Shorter sein Solo auf dem Tenorsaxophon spielte, während Chick Coreas Improvisationen zerfielen die Stücke etwas, die Musik war eigentlich über dieses klassische Schema hinaus, was man da besonders merkte – aber es war ja erst der Beginn der Revolution gewesen … über ging es zu I Fall In Love Too Easily, als lyrische Ballade von Miles Davis’ Trompete dominiert, und schließlich zu dem Ausklang des Albums, zu Sanctuary.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1255f.).

1969-11-05 Stockholm [Samstag, der 22. Februar 2014]

Dieses [sein Frühstück im leeren Wintergarten] nahm er mit jenem Konzert ein, das Miles Davis am 5. November 1969, also nach Bitches Brew, in der Stadt, in der Martin Beck sein Revier gehabt, gegeben. Und mit dem Titelsong des Bitches Brew-Albums ging es auch gleich nach der Vorstellung der Band durch George Wein los. Die Abmischung der Aufnahme war nicht so ganz gelungen, das Schlagzeug war zu arg im Vordergrund, ansonsten hatte man das Stück dem üblichen Schema mit der Abfolge der Soli – hier: Trompete, Saxophon und Baß – angepaßt, man hatte, so Hans Köberlin in einem etwas unglücklichen Bild, aus einem breitflächigen und diffizil gemusterten Teppich einen einfachen Läufer gemacht. Es folgten dann nur noch Stücke aus der klassischen Quartett-Zeit: Paraphernalia, Nerfertiti und Masqualero, Paraphernalia und This, das letzte Stück, bei dem Hans Köberlin annahm, daß man hier einfach einer Improvisation einen Titel gegeben hatte, hatten teilweise sehr freie Phasen, was ja eigentlich nie Miles Davis’ Richtung gewesen, seine Richtung war ja spätestens seit In a Silent Way der Groove, auch bei Bitches Brew. In Masqualero gab es ein sehr lyrisches Solo von Wayne Shorter. – Wir hatten ja bereits Hans Köberlins Eindruck beim Hören der Konzerte am 25. und 26. Juli 1969 auf dem festival de jazz d’Antibes Juan-les-Pin erwähnt und dazu auch Ian Carr zitiert, auch hier, obwohl die Studiosessions bereits gut zwei Monate zurücklagen, hatte er das gleiche Empfinden eines Übergangs, bei dem man noch nicht nach seinen Möglichkeiten gespielt oder probierte, wie es weitergehen sollte. Wir möchten diesen Eindruck Hans Köberlins jedoch dahingehend relativieren, daß sein ästhetisches Urteil je nach aktueller Stimmung während der Rezeption arg variieren konnte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1321).

1969-10-27 Roma [Sonntag, der 19. Januar 2014]

Zum Frühstück gab es das erste Konzert aus Hans Köberlins Fundus, das Miles Davis nach den Bitches Brew-Sessions gegeben hatte, und zwar am 27. Oktober 1969 im ›Teatro Sistina‹ in der ewigen Stadt.* Es begann – Hans Koberlin wußte nicht, ob dies an eventuell nur teilweise erhaltenen Bändern lag – in medias res mit oder in einer Improvisation, die in ’Round Midnight überging, gefolgt von Masuqualero, und dann kamen zwei der neuen Stücke vom August, Bitches Brew – wobei dies eher eine Improvisation zwischen dem legendären Intro und dessen Gegenstück am Ende war – und, unverkennbar mit seinem Groove, Miles Runs The Voodoo Down. Es folgten im gleichen Stil Footprints und zum Abschluß Sanctuary. Es sollte noch eine Version des Mittschnitts geben, die Hans Köberlin aber zu seinem Bedauern noch nicht hatte auftreiben können, bei der daran anschließend abschließend eine freie Improvisation und Shhh / Peaceful kamen, aber vielleicht war mit den Bändern einiges schiefgelaufen und die Improvisation war die vom Anfang gewesen und Hans Köberlin hatte Shhh / Peaceful vor ’Round Midnight nicht wiederkannt … Die Musik jedenfalls verscheuchte alle trüben Gedanken nach dem Telephonat gestern und während dessen Vermerk im Arbeitsjournal eben.

* Dies war wohl keine offizielle Veröffentlichung, bei der auf dem Cover von Hans Köberlins CD­Version stand, das Konzert habe – ohne Angabe von Tag und Monat – 1969 in der Stadt der Liebe stattgefunden, und Ian Carr hatte in seiner Discographie als Datum noch den 6. Februar 1970 und als Ort die Stadt, die niemals schlief, im Angebot (Miles Davis. Eine kritische Biographie, Baden 1985, S. 315). Die ohne Unterbrechungen gespielten Titel waren – wie man es ab jetzt häufiger machen würde – in zwei lange Stücke eingeteilt worden, betitelt Double Image und Gemini, deren Reihenfolge bei den verschiedenen Ausgaben variierte. Hans Köberlin hatte sich unter der Annahme, Roma, den 27. Oktober 1969, die hier beschriebene Rezeption angewöhnt.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 998).

1969-07-26 Antibes [Mittwoch, der 29. Januar 2014]

Er absolvierte seinen Dauerlauf bei unbeständigem Wetter, und als er seine Runde am oberen Tor beendete, fielen die ersten Tropfen. Er frühstückte also wieder im leeren Wintergarten und hörte dazu, Fischpasteten-, Salami-, Käse, Marmeladen- und Honigbrote kauend und grünen Tee und Orangensaft trinkend und auf den jetzt durchgängig grauen Himmel und den nassen Vorgarten blickend und wie am Samstag, den 18. Januar 2014, angekündigt jenes Konzert um die Bitches Brew-Zeit herum, das Miles Davis am 26. Juli 1969 auf dem festival de jazz d’Antibes Juan-les-Pins gegeben hatte. Es war wieder eine Mischung aus alten und neuen Stücken sowie drei Titeln, die dann auf Bitches Brew erscheinen sollten, Spanish Key, gleich hinter Directions und mit der gleichen Hektik interpretiert, Atem holen konnte man erst anschließend bei I Fall In Love Too Easily, dann Miles Runs the Voodoo Down, bei dem man noch nicht zu dem Groove der Studiosession fand, und am Ende Sanctuary; dazwischen gab es noch aus der vorangegangen Quintettzeit Masqualero, No Blues und Nefertiti. Und wie bei dem Konzert vom Vortag in Antibes – also nicht das von unserem Vortag gestern hier – hatte Hans Köberlin das Empfinden, einer Übergangsphase beizuwohnen, im kommenden Jahr und wohl morgen zu hören würde man in den ›Fillmores‹ an Ost- und Westküste sowie im ›Cellar Door‹ das Vorherige hinter sich gelassen haben.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1070f.).

1969-07-25 Antibes [Samstag, der 18. Januar 2014]

Irgendwann stand er auf und absolvierte seinen Dauerlauf, mit welcher Musik in den Ohren, das wurde nicht überliefert. Das Wetter ließ an diesem Tag eine Benutzung der anderen Dachterrasse nicht zu, und so setzte er sich zum Frühstück, bei dem heute ein Konzert von Miles Davis an der Reihe war, das er am 25. Juli 1969 auf dem festival de jazz d’Antibes Juan-les-Pins gegeben hatte,* in den leeren Wintergarten. Dieses Konzert und das an dem Folgetag, das Hans Köberlin in einer der nächsten Runden hören würde, fanden unmittelbar vor den Studiosessions im August, aus denen dann Bitches Brew hervorgehen sollte, statt, es gab da noch nicht die doppelt besetzte Rhythmussektion, aber Chick Corea spielte bereits in seiner typischer Manier auf dem E-Piano. Auf dem Programm standen Stücke aus der Zeit vor der Bitches Brew-Zäsur, von ’Round Midnight und Milestones bis zu It’s About That Time, sowie Miles Runs The Voodoo Down und Sactuary, die dann auch auf dem Doppelalbum erscheinen sollten. Hans Köberlin hatte ein wenig den Eindruck, man traute dem Publikum noch nicht alles zu, was man damals schon draufhatte,** es war aber ein gelungenes Konzert, vor allem Wayne Shorter hatte beeindruckende Soli.

* Wir hatten ihn bereits einmal auf dieser Veranstaltung, sechs Jahre zuvor, siehe oben während des zweiten Besuchs der Frau S. 857.
** »1969 tauchten bei Live-Auftritten noch keine Rockelemente auf. Die ununterbrochenen Sets waren noch immer von harmonischer Abstraktion geprägt, und die oftmals sehr kraftvollen Polyrhythmen waren im Grunde immer noch jazzig. Stimmungswechsel und thematisches Material der Sets waren festgelegt, aber letztendlich zentrierte sich alles um Miles Davis’ Trompetenspiel, das der Musik die Richtung wies.« (Ian Carr, Miles Davis. Eine kritische Biographie, Baden 1985, S. 194). »Harmonische Abstraktion« war die treffende Bezeichnung, die Hans Köberlin nicht eingefallen war.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 991).

1969-07-05 Newport [Samstag, der 4. Januar 2014]

Für seine Matinée nahm Hans Köberlin das nächste Konzert in seiner Sammlung, 5. Juli 1969 in Newport, er nahm es, weil das Repertoire sich bei zwei von den drei mitgeschnittenen Titeln – Miles Runs the Voodoo Down und It’s About That Time – zu den in Rotterdam gespielten Sachen ergänzte, dazwischen gabe noch eine Sanctuary-Version in der Manier von Bitches Brew. Auch dies ein wunderbares Hören, so daß Hans Köberlin gleich das nächste nachlegen wollte …
»Das geht nicht, das ist ein Ritual!«

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 884).

1969-05-11 Rotterdam [Freitag, der 3. Januar 2014]

Später dann frühstückten sie wieder mit einem Auftritt Miles Davis’, Hans Köberlin hatte vier weitere Konzerte des Jahres 1967 nach Newport übersprungen und man war jetzt bei einem Mitschnitt, der am 11. Mai 1969 in Rotterdam gemacht worden war, also ein paar Monate vor den Albumsessions zu Bitches Brew im August. Hier begann die von Hans Köberlin favorisierte Zeit im Schaffen seines Idols, die sogenannte ›elektrischen Phase. Das Repertoire würde sich jetzt bis On The Corner aus einem bestimmten Fundus von Stücken zusammensetzen. Es begann mit Directions, dessen Auftakt Hans Köberlin zu allen möglichen Situationen vor sich hinzusummen pflegte, dann kam Bitches Brew, halb so lang wie später im Studio und noch etwas schlanker, was dem Stück neue Aspekte abgewann, dann – der Höhepunkt dieses Mittschnitts! – eine Version von Wayne Shorters Sanctuary, die über fast eine halbe Stunde ging …* und zum Abschluß gab es Masqualero.
»Sehr schön, wunderbar, bravo! Nach dem sinnlichen in den Tag kommen eben ein sehr schöner ästhetischer Auftakt«, befand Hans Köberlin.

* Man erinnere sich an unseren zweiten Bericht, in dem wir berichtet haben, wie Clemens Limbularius zu der akustischen und der elektrischen Version dieses Stückes mit der Witwe des toten Kollegen gute (= vögelnde) Zeiten und schlechte (= ansprüchliche, streitende) Zeiten gehabt, siehe vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 134f. und S. 173f. und S. 183f. und S. 198.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 879).

Freitag, 9. Dezember 2022

1967-11-07 Karlsruhe [Donnerstag, der 6. März 2014]

Zum Frühstück hörte Hans Köberlin jenes Konzert, das Miles Davis am 7. November 1967 in der Stadthalle jener Stadt, in der Peter Sloterdijk nun seine Wirkungsstätte hatte, gegeben, er hörte es nicht nur, er sah es auch, denn es war einer der Konzertfilme, die er in seinem Archiv hatte. Alle trugen schwarze Anzüge über weißen Hemden mit Fliege, nur Miles Davis trug einen graugestreiften Anzug über einem gestreiften Hemd mit einer Krawatte. Es begann wie meist in jener Zeit mit Agitation und Hans Köberlin ertappte sich dabei, daß er mehr schaute denn hörte. Die Musiker taten so, als kümmerten sie sich nicht darum, was die anderen machten, aber es herrschte eine subtile Kommunikation. Das Publikum sah man zum ersten Mal im Hintergrund, als die Kamera Herbie Hancock bei seinem Solo – »C. Bechstein« konnte man lesen – filmte. Der Saal war natürlich bestuhlt und alle saßen ruhig da und lauschten, was Hans Köberlin gefiel, keine Sperenzchen … Es folgte Footprints, da war die Bühne plötzlich schwarz und Miles Davis stand in einem Spot, das Licht ging dann für Wayne Shorter wieder an und Hans Köberlin hatte einmal mehr das Gefühl, dem Ritual beizuwohnen, aus dem der Jazz damals bestand, und daß es interessant wäre, die verschiedenen Interpretationen eines Stückes unmittelbar zu vergleichen, sozusagen um die ›Tagesform‹ bestimmen zu können. Es folgte I Fall In Love Too Easily, man sah Miles Davis’ Armbanduhr, sicher ein teures Teil, das Stück begann ruhig, um dann in einen schönen Swing zu fallen, aus dem man aber gleich wieder ausbrach, es gab noch ein längeres Solo von Herbie Hancock mit Zwischenapplaus. Dann kam als letztes Stück Gingerbread Boy, was nicht zu Hans Köberlins Favoriten gehörte und hier als Gegenstück zu Agitation das Konzert schloß. Falls das Publikum nach einer Zugabe verlangt, hatte man das gnädig ausgeblendet. Morgen zum Frühstück vor dem Gang zur Omnibusstation würde es dann Miles Davis’ Auftritt auf der Isle of Wight geben.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1441f.).

Empirie, 28. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.736 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.686
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.469 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 3.880
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.463
    • Fußnoten: 3.850
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Freitag, der 17. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!