Freitag, 9. Oktober 2026

Unterwegs zu der Insel Mynheer Peeperkorns

Im achtundachtzigsten Kapitel [von Georges Perecs La Vie mode d’emploi] erfuhr man die Geschichte von Madame Altamont und aus einem ihr heimlich von ihrer Tochter entwendetem Brief auch die Geschichte von Monsieur Altamont, in der Hans Köberlin seinen Verdacht bezüglich der Ehe der beiden bestätigt fand und die die Sympathien der Tochter wohl umverteilen würde. Er hatte, wie dem Brief zu entnehmen war, in London im Kino The Red Shoes (1948) gesehen und in einem Pub niemand geringeres als Mynheer Peeperkorn und Madame Chauchat getroffen. Perec zitierte ihn – bis auf die Ersetzung einer Parenthese per Halbgeviert durch eine Parenthese per Komma – mit den Worten, die auch Hans Köberlin – fast hätten wir jetzt geschrieben: ›Hans Castorp‹! – in seiner Ausgabe des Zauberberg mit dicken Bleistiftstrichen markiert hatte …

Das Leben, junger Mann, es ist ein Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste Inständigkeit beansprucht.*



* Georges Perec, Das Leben Gebrauchsanweisung. Romane, Frankfurt am Main 3. Aufl. 1982, S. 697. Perec zitierte nicht den fatalen Abschluß dieser Passage: »… unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird – zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist – erledigt, junger Mann, und ausgespien … Schmach und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang …« (Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt am Main 1986, S. 783f.). Die Herausforderung brauchte vielleicht nicht »höhnisch« zu sein … aber sonst, in der Tat, so war es und so sah es auch Hans Köberlin, der einmal mehr bedauerte, daß Thomas Mann seine Tagebücher aus der Zeit der Abfassung dieser Zeilen vernichtet hatte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XVII [Sechste Phase – Gift und Geschlechtsverzweiflung] 13. März bis zum 10. April 2014, S. 1849).