Über neue Wege zu der Metrostation Chiaia, die spektakulär gestaltet war. Von dort zwei Stationen bis zu dem Strand an der Golfpromenade, an der für irgendeine Veranstaltung Bühnen aufgebaut wurden, was an den Schluß von Otto e mezzo erinnerte. Es gab zwei Strände, beide nicht zu voll und ruhig. Dann schwimmen, Leute anschauen und herumdaddeln. Viermal im Wasser, diesmal wohl wirklich der Abschied vom Meer für diese Saison. Das Waaser ist in den zurückliegenden zweieinhalb Wochen etwas abgekühlt. Dann mit der Metro zurück bis zur Endstation, die woanders lag, als vermutet, und in einer Bar etwas getrunken.
Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Mittwoch, 16. September 2026
Freitag, 6. März 2026
Mittwoch, 4. Februar 2026
Christa Lang (23. Dezember 1943 – 30. Januar 2026)
Apropos beeindruckende Frauen: während unserer Arbeit an diesem Kapitel erfuhren wir am Mittwoch, dem 4. Februar 2026, daß am Freitag, dem 30. Januar 2026, in der Stadt der Engel im Alter von 82 Jahren Christa Lang, verheiratete Fuller, verstorben war, man erinnere sich: die Séductrice in Alphaville (1964, siehe oben S. 322ff.) und die Paula in Chabrols Le scandale (1967; siehe oben die dreizehnte Nachlese auf S. 1529) und die fatale Christa in Tote Tauben in der Beethovenstraße (1972, siehe vom Verf. Telos, a. a. O., S. 65ff.). Wir möchten Christa Lang hier mit einem Filmstill aus Alphaville gedenken, der sie mit Akim Tamiroff zeigte und den wir ursprünglich auf S. 67 in Telos hatten wiedergeben wollen (siehe ebd., S. 378) …
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XVI [Der dritte Besuch der Frau (II): In der Hauptstadt der autonomen Region] Vom 22. bis zum 27. April 2014).
Freitag, 19. September 2025
Körpferpflege SPEICK ORIGINAL SEIFE Einzigartiger Duft Basische Pflege · Soap · Savon · Jabón · Sapone · Zeep · Såpe
Dann kam auch die Frau, sie schlüpfte nackt aus dem Schlaf- in das Badezimmer, kam aber kurz darauf in die Küche, wo Hans Köberlin zugange, und fragte ihn mit gespieltem Entsetzen, was er denn da für eine »Altmännerseife« gekauft habe, die rieche ja schrecklich. Es handelte sich um ein Stück Seife der Marke ›Speik Original‹ … Hans Köberlin hätte sich eigentlich denken können, daß es sich um eine »Altmännerseife« handelte, denn sie hatte im Idiom seiner Herkunft und in the international spoken language beschriftet im Sortiment des ›Consum‹ gestanden und war wohl hauptsächlich – es stand auch ›Jabón‹ und ›Savon‹ auf der Packung – für die männlichen Pensionistas von nördlich der Alpen gedacht. Sein, Hans Köberlins, Vater hatte das Rasierwasser dieser Marke benutzt, allerdings bereits da benutzt, als er noch jünger gewesen als Köberlin jetzt und ergo noch kein alter Mann gewesen war, vielleicht hatte der Name ihn auch an David Lynchs Dune (1984) erinnert. Als Hans Köberlin die Seife gestern frisch ausgepackt und in bester proustscher Absicht in das Badezimmer gelegt und anschließend die Pappschachtel wegwerfen gewollt, hatte er gesehen, daß sie innen betextet war. »Dem Speick auf der Spur« versprach die Überschrift – das klang nach Dune – und Hans Köberlin hatte weitergelesen …
In der Botanik kennt man ihn als Valeriana celtica. »Valere« ist lateinisch und bedeutet »gesund erhalten«, während »celtica« für die keltische Herkunft, heute die alpinen Kärntner Nockberge, steht. Bereits seit Jahrtausenden gewinnt man das wertvolle Speick-Öl durch sanfte Extraktion aus der ganzen Pflanze. Im Ägypten des Jahres 500 v. Chr. aromatisierte man die Bäder mit Speick und pflegte sich anschließend mit dem kostbaren Öl …
»Also hatte vielleicht auch Kleopatra, wenn sie nicht gerade Stutenmilch oder das Blut von Jungfrauen genommen, in speikgewürztem Wasser gebadet und sich anschließend mit Speik-Öl für ihren Caesar und nach den Iden des März für ihren Marcus Antonius gepflegt …
… die nackte Elizabeth Taylor als Kleopatra in ihrem Bade …
Und auf diesen Gedanken hin hatte er sich vorgenommen, seine Hände mit Speik-Seife zu waschen, bevor er das nächste Mal, wenn die Frau wieder fern, Hand an sich legen würde, auf seiner Hand spüren und riechen was Kleopatra auf ihren nackten Brüsten und noch sonstwo auf ihrem nackten göttlichen Körper gespürt und gerochen …
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche] Vom 11. bis zum 21. April 2014).
Samstag, 2. August 2025
Theda Bara
… blätterte er zurück und las nochmals die Beschreibung des Etiketts der von Vater Krull produzierten und vertriebenen Sektflaschen, auf dem »eine nur mit Spangen und Halsketten bekleidete Frauengestalt zu sehen war, welche, mit übergeschlagenem Beine auf der Spitze eines Felsens sitzend, erhobenen Armes einen Kamm durch ihr wallendes Haar führte.« Hans Köberlin imaginierte … »erhobenen Armes … nur mit Spangen und Halsketten bekleidet« …*
* »Ein paar locker gesponnene Spinnweben dienten als Büstenhalter, oder auch eine Natter, die sich um ihren Busen wand, während ein paar Perlen, die an ihrer Hüfte befestigt waren, aussahen wie das erotische Beiwerk eines Satyrs. In ihren historischen Vamp-Rollen trug sie schweren Schmuck und metallische Ketten auf der nackten Haut, was einen gewissen Unterton der Perversität erzielte.« (Alexander Walker; zit. nach. Seeßlen, Die Ästhetik des erotischen Films, a. a. O., S. 11; entweder aus The Celluloid Sacrifice. Aspects of Sex in the Movies, New York 1967, oder aus Sex in the Movies, Baltimore 1968). Die Rede war hier von Theda Bara, dem »ersten menschlichen ›Gesamtkunstwerk‹, das der Film hervorbrachte« (Seeßlen, ebd.). Auch sie hatte die Kleopatra v e r k ö r p e r t , wie ein Still aus J. Gordon Edwardsʼ Film von 1917, das wir Hans Köberlins Fundus entnommen haben, eindrucksvoll belegte. Román Gubern hatte in seiner Historia del cine (Barcelona 1969, edición revisada y actualizada de 2014) zu Theda Bara im Kontext des Typ ›Vamp‹ geschrieben: »El perfil psicológico de estas mujeres no es nítido. Como escribe Edgar Morin ›la vamp, surgida de las mitologías nórdicas, y la gran prostituta, surgida de las mitologías mediterráneas, tan pronto se distinguen como se confunden en el seno del gran arquetipo de la mujer fatal.‹ Lo que sí es definible es cada una de las individualidades de esta gran familia arqueólogos del cine erótica. Los americano aseguran que su primera vamp fue Alice Hollister, que en 1913 interpretó el papel de María Magdalena y dos cintas de expresivos títulos: The Vampire y The Destroyer, ambas sobre el egoísmo y la crueldad de una mujer dispuesta a todo para sostener su vida lujosa y parásita. Pero ni la Hollister ni la actriz danesa Betty Nansen, que William Fox importó en 1914, consiguieron la rotunda e indiscutible celebridad de Theda Bara. Nacida en 1890 en Cincinnati (Ohio) y de ascendencia judeoinglesa, Theda Bara fue un producto creado por el departamento publicitario de la Fox. Su verdadero nombre era Theodosia Goodman, pero la Fox hizo circular la fabulosa versión de que la joven actriz había nacido en el Sahara, fruto de los amores prohibidos de un oficial francés y de una muchacha árabe, que murió al darla a luz. Su nombre ‒ cuya sonoridad era por cierto vagamente nórdica ‒ era un anagrama de las palabras ›muerte árabe‹ (arab death, en inglés). Al público le encantó aquella leyenda y se la creyó. Para redondear el mito la Fox creó un eslogan sugestivo con que arropar a su estrella: ›La mujer más perversa del mundo‹ (the wickedest woman in the world). Con este fascinante aparato publicitario entró Theda Bara en el cine para encarnar los personajes de Carmen, Madame Du Barry, Cleopatra, Safo, Salomé, Margarita Gautier y otros que testimonian la escasa imaginación de los productores de todos los tiempos. Theda Bara levantó, desde la pantalla y en su vida privada, turbulentas pasiones y atizó la ira de todas las organizaciones puritanas y bienpensantes del país, que además alegaban que miss Theda Bara practicaba el espiritismo y las ciencias ocultas. Con Theda Bara se incorpora un elemento clave en el mosaico de la mitología sexual. Siguiendo sus pasos vendrán luego Nita Naldi, Barbara LaMarr, Greta Nissen, Mae West, Evelyn Brent, Margaret Livingstone, Betty Blythe, Lya de Putti, Carmel Myers, Alma Rubens, Pola Negri, Olga Baclanova … Todo un desfile de provocativas bellezas, que exhibirán generosamente su epidermis, en perpetuo duelo con todas las censuras del mundo, y añadirán capítulos gloriosos a la antología osculatoria de la pantalla.« ‒ Am Montag, dem 21. Juli 2025, sollten die Frau und Hans Köberlin als Tagesausflug den Schauplatz von Hitchcocks To Catch a Thief (1955)** besuchen. Dabei erstand Hans Köberlin auf einem marché aux puces eine reich bebilderte zweibändige italienische Ausgabe von Guberns Historia del cine, Storia del Cinema, traduzione dallo spagnuolo da Umberto Serra, Napoli 1972, in der in Bd. 1 auf S. 151 Theda Bara als Kleopatra abgebildet war, im gleichen Kostüm ‒ oder besser: Schmuck ‒ wie auf der Abbildung aus Hans Köberlins Fundus. Wir geben diese hier wieder.
Seeßlen hatte ihr in seiner Ästhetik des erotischen Films (a. a. O., S. 7ff.) den zweiten Abschnitt seines ersten Kapitels, Der Stummfilm, gewidmet: Die Geburt des Stars: Theda Bara. Und auch er hatte die von Fox kolportierte Geschichte, noch etwas ausgeschmückt, wiedergegeben: »Die filmgeschichtliche Legende will, daß er [der Künstlername ›Theda Bara‹] ein Anagramm von arab death darstellt, doch ist er vermutlich eine Umformung ihres Vornamens Theodosia und eine Verkürzung des Familiennamens ihrer Mutter, Baranger. Was die Publicity-Abteilung von Fox an den Geschichten und Mythen um ihre Erscheinung rankte, war ganz auf die Charakterisierung als ›schöne Fremde‹ abgestimmt, die mit dem Typus femme fatale korrespondierte. Nach dieser Legende war sie die Tochter eines arabischen Scheichs und einer Prinzessin, die mit dem Blut von Schlangen genährt worden war und von nomadischen Wüstenstämmen entführt wurde. Sie habe, so hieß es, die Gabe der Prophetie, und die unersättliche erotische Gier, die ihre Rollen auszeichne, sei auch Wesensmerkmal der Schauspielerin selbst. Zu Beginn ihrer Karriere bestand Fox außerdem darauf, daß Theda Bara vorgeben mußte, nicht Englisch zu sprechen.« (ebd., S. 10f.).
** Am Sonntag, dem 14. Februar 2010, hatte Hans Köberlin, damals noch im Wahn oder zumindest in der Illusion, dazu geschrieben: »Hitchcock bezeichnete den Film gegenüber Truffaut als ›eine leichte Geschichte‹ [Truffaut / Hitchcock, a. a. O., S. 188]. Das war es auch, und ich hatte sie etwas flotter in Erinnerung. Grace Kelly kam wirklich recht gut ins Bild. Zu ihr sagte Hitchcock: ›Weshalb ich immer wieder auf die mondän reservierten blonden Schauspielerinnen zurückkomme? Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden.‹« [ebd.].
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche] Vom 11. bis zum 21. April 2014).
Samstag, 29. Juni 2024
1989-07-21 Montreux [Dienstag, der 25. Februar 2014]
Zum Frühstück im leeren Wintergarten sah Hans Köberlin einen lange vor seinem Exil aus dem weltweiten Netz heruntergeladenen Filmmitschnitt jenes Konzerts, das Miles Davis am 21. Juli 1989 –
»Ein heißer aber auch fataler Sommer!«
– auf dem Jazzfestival in Montreux gegeben hatte. Mit den Titeln konnte Hans Köberlin nur teilweise etwas anfangen, es war hektischer Disco-Funk, zu dem Miles Davis Melodien oder kurze Läufe beisteuerte, nur manchmal kam ein längerer Groove auf. Auf der Bühne war ein einziges Gewusel, was durch die Kameraführung noch verstärkt wurde. Es gab zwei Bassisten, von den einer den Baßpart und der andere den des Gitarristen übernahm, zwei Keyboarder, die den typischen achtziger-Jahre-Synthesizer-Sound produzierten, einen Drummer und einen Saxophonspieler, bei Human Nature trat Chaka Khan als Gastvokalistin auf. Einer der Bassisten, der mit dem Gitarrenpart, der Hans Köberlin mit seiner überdimensionierten Latzhose, seiner Frisur und seiner Brille an Whoopie Goldberg erinnerte, stellte sich immer wieder ganz dicht an Miles Davis, beobachte ihn und seine rote Trompete und spielte dann ein paar Tackte dazu, was wohl ein ›Dialog‹ sein sollte. Hans Köberlin war nicht einverstanden mit dem, was er da sah, und nur in wenigen Momenten mit dem, was er da hörte. Aber, so sagte er sich, ähnlich war es wahrscheinlich auch den Hörerinnen und Hörern zwei Generationen zuvor ergangen, als es elektrisch und rockig wurde … und wie bei den alten Tatort-Episoden fragte sich Hans Köberlin nach dem objektivierbaren Anteil seines ästhetischen Urteils, ob er nicht einfach irgendwo trotzig stehengeblieben war, während die Musik sich allgemein verändert hatte … »Bei Onkel Pö spielt ne Rentnerband seit zwanzig Jahren Dixieland …« Hing das damit zusammen, ob man das Ganze als eine teleologische Entwicklung – korrespondierend mit einer Verfallsgeschichte – betrachtete oder ob man dabei ein arbiträres einander Abwechseln der Moden mit ihren späteren Reprisen sah? Eine andere Frage war, wie sich Miles Davis ohne die fünf Jahre des Abtauchens nach Agharta und Pangaea kontinuierlich weiterentwickelt hätte – ›weiter‹ ersteinmal nur temporär, Miles Davis wollte immer etwas Neues, und nicht qualitativ verstanden – oder wenn ihn ein anderer Musiker als Marcus Miller aus der Versenkung geholt hätte … zum Beispiel Bill Laswell oder Henry Kaiser …
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1361f.).
Dienstag, 14. März 2023
Montag, 16. Januar 2023
Aus gegebenem Anlaß [Der kürzeste Weg zum Strand]
Hans Köberlin verließ das Haus durch das untere Tor, überquerte die Ausfallstraße, ging sie ein paar Meter hinab, bog dann links in eine Gasse, dann gleich wieder rechts bis zu einer größeren Straße, überquerte diese, ging dann rechts – nicht ohne dabei stets an Gina Lollobrigida zu denken1109 – am ›Hotel Esmeralda‹ vorbei entlang eines kleinen Parkplatzes und kam dann schon an der Promenade heraus, gleich auf der Höhe, wo die ›Tango Bar‹ lag.
- Wegen Jean Delannoys Verfilmung von Hugos Notre-Dame de Paris aus dem Jahr 1957, in der Anthony Quinn den Quasimodo spielte und Gina Lollobrigida … hier das eben bei Sophia Loren ausgelassene (siehe oben die Fußnote 984 und dort auf S. 266): »… wie sie als schöne Zigeunerin Esmeralda als ein ›natürlicher Mensch‹ inmitten einer bizarren, besessenen und erstickenden (Männer-)Welt erschienen war, der die mühsam unterdrückten Triebregungen wieder erweckt, zugleich aber auch die Fähigkeit zu reiner Liebe schafft« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 31996, S. 84). Wie bei der Adaption von Ecos Roman, so blieb auch bei dieser Hugo-Verfilmung der weiblichen Protagonistin der im Roman vorgesehene Tod auf dem Scheiterhaufen erspart, vielleicht aus ähnlichen Motiven, die Schiller dazu veranlaßt hatten, seine Johanna nicht verbrennen, sondern enthaupten zu lassen. Die gleiche Wirkung wie als schöne Zigeunerin Esmeralda erzielte sie auch als la donna più bella del mondo in Robert Z. Leonards gleichnamigem Film aus dem Jahr 1955. Wir zitieren aus Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Samstag, dem 5. Oktober 2019: »Da gab es einiges, von Aschenbrödel bis Hamlet (»Die Kunst fliegt um die Wahrheit, aber mit der entschiedenen Absicht sich nicht zu verbrennen. Ihre Fähigkeit besteht darin in der dunklen Leere einen Ort zu finden, wo der Strahl des Lichts, ohne daß dies vorher zu erkennen gewesen wäre, kräftig aufgefangen werden kann.« (Franz Kafka, Beim Bau der chinesischen Mauer; in: Gesammelte Werke, in zwölf Bänden nach der kritischen Ausgabe hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main 22014, Bd. 6, S. 196)): ein einfaches Mädchen schaffte aus Liebe über den Umweg des Tingeltangels den Sprung zur Diva in der italienischen Oper. Auf dem Weg dorthin gab es drei Männer: den bösen Verehrer, den guten Verehrer und die wahre Liebe, ein russischer Prinz, der plötzlich wegen eines Mißverständnisses (wegen der Wette mit den Kameraden: Reitstall vs. Verführung der Unnahbaren, als er Lina noch nicht wiedererkannt hatte) außenvor war. Der gute Verehrer war der Tenor, der während einer Tosca-Aufführung von einem Schergen des bösen Verehrers erschossen wurde. Wie in der Opernhandlung entdeckte Tosca den vermeintlich nur zum Schein erschossenen Cavaradossi wirklich tot auf dem Dach der Engelsburg. Lina verdächtigte die wahre Liebe und mied seitdem ihn und weitere Tosca-Inszenierungen. Als sie ihn dann nach Jahren auf Einladung des Zaren doch noch mit der Tosca brüskieren wollte, entlarvte sich der wahre Täter während der Wiederholung der Schlüsselszene, und sie konnte endlich der wahren Liebe in die Arme fallen. Es ging offensichtlich vor allem darum, das Dekolleté von Gina Lollobrigida in Szene zu setzen, was ganz gut gelungen und wogegen nichts zu sagen war.« Irgendwann, bei einer seiner fast täglichen Passagen des ›Hotel Esmeralda‹, hatte Hans Köberlin noch eine weitere Assoziation, allerdings eine vom gleichen Kaliber, wenn man das einmal so lax formulieren darf: »Ich schelle, die Thür geht von selber auf, und auf dem Flur kommt mir eine geputzte Madam entgegen […] und begrüßt mich […] wie einen Langerwarteten, komplimentiert mich danach durch Portieren in ein schimmernd Gemach mit eingefaßter Bespannung, einem Kristall-Lüster, Wandleuchtern vor Spiegeln, und seidnen Gautschen, darauf sitzen dir Nymphen und Töchter der Wüste, sechs oder sieben, wie soll ich sagen, Morphos, Glasflügler, Esmeralden, wenig gekleidet, durchsichtig gekleidet, in Tüll, Gaze und Glitzerwerk, das Haar lang offen, kurzlockig das Haar, gepuderte Halbkugeln, Arme mit Spangen, und sehen dich mit erwartungsvollen, vom Lüster gleißenden Augen an […] Ich stand und verbarg meine Affecten, sehe mir gegenüber ein offen Klavier, einen Freund, geh über den Teppich drauf los und schlage im Stehen zwei, drei Akkorde an, weiß noch, was es war, weil mir das Klangphänomen gerade im Sinne lag, Modulation von H- nach C-Dur, aufhellender Halbton-Abstand wie im Gebet des Eremiten im Freischütz-Finale, bei dem Eintritt von Pauke, Trompeten und Oboen auf dem Quartsextakkord von C. Weiß es im Nachher, wußte es aber damals nicht, sondern schlug eben nur an. Neben mich stellt sich dabei eine Bräunliche, in spanischem Jäckchen, mit großem Mund, Stumpfnase und Mandelaugen, Esmeralda, die streichelt mir mit dem Arm die Wange. Kehr ich mich um, stoß mit dem Knie die Sitzbank bei Seite und schlage mich über den Teppich zurück durch die Lusthölle, an der schwadronierenden Zatzenmutter vorbei, durch den Flur und die Stufen hinab auf die Straße, ohne das Messinggeländer nur anzufassen.« (Thomas Mann, Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde, Frankfurt am Main 1986, S. 190f.). Es war jene Esmeralda, bei der sich ein Jahr später der Tonsetzer Adrian Leverkühn mit vollem Bewußtsein (»Sie erfuhr auch aus seinem Munde, daß er die Reise hierher um ihretwillen zurückgelegt habe, und sie dankte es ihm, indem sie ihn vor ihrem Körper warnte.« (ebd., S. 206) die Syphilis holen sollte, Manns immanente Variante des transzendenten Teufelspakts. Und Leverkühn setzte seiner Esmeralda nach seiner Art ein Denkmal: »So findet sich in den Tongeweben meines Freundes eine fünf- bis sechsköpfige Notenfolge, mit h beginnend, mit es endigend und mit wechselndem e und a dazwischen, auffallend häufig wieder, eine motivische Grundfigur von eigentümlich schwermütigem Gepräge, die in vielfachen harmonischen und rhythmischen Einkleidungen, bald der, bald jener Stimme zugeteilt, oft in vertauschter Reihenfolge, gleichsam um ihre Achse gedreht, so daß bei gleichbleibenden Intervallen die Abfolge der Töne verändert ist, darin ihr Wesen treibt […] Es bedeutet aber diese Klang-Chiffre h e a e es: Hetaera esmeralda.« (ebd., S. 207). Noch zu erwähnen wäre jene Esmeralda, die nach einem Zirkusbesuch des siebenjährigen Ingmar Bergman in dessen Leben eine große Rolle gespielt hatte: »Jemand flüsterte, in einer dunklen Nische unter der Zirkuskuppel habe sich ein Löwe gezeigt, die Clowns waren furchterregend und böse, ich schlief vor Gemütsbewegung ein und wachte bei wunderbarer Musik wieder auf: Eine junge Frau in Weiß ritt auf einem gewaltigen schwarzen Hengst. Mich ergriff Liebe zu der jungen Frau. Ich schloß sie in meine Phantasiespiele ein und nannte sie Esmeralda (vielleicht hieß sie wirklich so). Meine Phantasien vollzogen am Ende den allzu gefährlichen Schritt in die Wirklichkeit hinaus, als ich meinem Klassenkameraden Nisse unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, meine Eltern hätten mich an den Zirkus Schumann verkauft, man werde mich bald zu Hause abholen und mich zusammen mit Esmeralda, der schönsten Frau der Welt, zum Akrobaten ausbilden. Am nächsten Tag war meine Phantasie in aller Munde und geschändet […] Ich selbst rächte mich an meinem ehemaligen Freund, indem ich ihn mit dem Dolch meines Bruders über den Schulhof jagte. Als eine Lehrerin dazwischenging, versuchte ich, sie umzubringen. Ich wurde vom Schulbesuch ausgeschlossen und bezog reichlich Prügel. Später bekam mein falscher Freund Kinderlähmung und starb, was mir große Freude machte. Die Klasse wurde wie üblich drei Wochen lang beurlaubt, und alles geriet in Vergessenheit. Ich phantasierte jedoch weiterhin von Esmeralda. Unsere Abenteuer wurden immer gefährlicher, und unsere Liebe immer leidenschaftlicher. Unterdessen schaffte ich es aber noch, mich mit einem Mädchen aus der Klasse zu verloben, das Gladys hieß. Mit der betrog ich Tippan, meine treue Spielgefährtin.« (Ingmar Bergman, Mein Leben, Berlin 21989, S. 16f.). Diese Erlebnisse fanden ihren Niederschlag unter anderem auch in Gycklarnas afton (1953), wir zitieren auch zu diesem Film aus Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Mittwoch, dem 19. November 2008: »Es tat wohl, wieder einmal einen Bergman zu sehen. Die Gauckler zogen am Horizont auf, wie dann fünf Jahre später Max von Sydow in Det sjunde inseglet (siehe unten S. 579f.). Und die stärkste Szene des Films folgte auch alsbald: die Frau des Clowns trieb harmlos-frivole Spielchen mit den Offizieren eines Manövers. Einer von denen machte sich einen Spaß daraus, seinen Burschen zu dem Clown zu schicken, um dem das mitzuteilen. Der Clown machte sich auf, holte seine mittlerweile nackte Frau da heraus und trug sie – nachdem man ihre Kleider versteckt hatte – unter dem Gelächter sowohl der Soldaten als auch seiner Kollegen vom Zirkus nach Hause (zum Lager des Zirkus), wieder am Horizont. Die Frau lachte mittlerweile nicht mehr, und der Clown trug sie derart unter der Last leidend, wie Jesus unter der Last des Kreuzes, auch stürzte er wie jener mehrmals (Liebe als Passion), bis er selbst davongetragen werden mußte. Bergman hatte gewollt, daß man diese Assoziation zog, das merkte man, daß er dies gewollt hatte. Die eigentlichen Protagonisten des Films waren der Zirkusdirektor Albert Johansson, seine Geliebte Anne, der Schauspieler Frans, der Anne verführte, und Alberts verlassene Ehefrau Agda. Albert und Anne versuchten vom Zirkus wegzukommen, je für sich mit Frans und Agda (Agda war froh, daß sie Albert los war), doch es haute nicht hin, und Albert erlebte dabei durch Frans eine Demütigung, die ihn fast zum Selbstmord trieb (er war soweit, aber die Pistole versagte). Am Ende folgten Albert und Anne gemeinsam den Zirkuswagen, und es steckte ein Trost in diesem Bild. Agdas Welt war die sichere Welt der Mutter, die in sich ruhte, und Frans war bloß ein kultivierter Laffe. Der Theaterdirektor Sjuberg sprach das aus, nämlich daß bloß Kultivierung und Seßhaftigkeit ihn und seinesgleichen von den Artisten unterscheide, Kunst und Kunstfertigkeit, wobei da die Grenzen zwischen Theater und Zirkus verschwammen, was Bergman sehr schön zeigte, in der Art, wie Frans seinen Bühnenmonolog hielt. Die Überlegenheit der Kultur zeigte sich darin, daß der schwächere Frans mit seiner Kampftechnik Albert verprügeln konnte (ich merke, meine Sympathien gehören – wenn ich denn wählen muß – den Plebejern, zumindest in diesem Fall).« Und last but not least gab es noch jene von Angela Jones gespielte Esmeralda Villalobos, die als Taxifahrerin in Pulp Fiction (1994) Butch nach seinem fatalen Boxkampf ‒ »So what does it feel like to kill a man with your bare hands? It’s a topic I’m very interested in.« ‒ zu seiner Fabienne brachte. Apropos Quentin Tarantino: bei dem fallen uns noch Santa Esmeralda ein und deren Version des Klassikers Don’t Let Me Be Misunderstood, die in Kill Bill – Vol. 1 (2003, siehe die Fußnote 1951 unten auf S. 634f.) als Overtüre zu dem im Schnee und mit Samuraischwertern ausgeführten Duell zwischen the Bride und O-Ren Ishii zu hören war. Und falls noch weitere Esmeralden auftauchen, werden wir darüber in den Nachlesen berichten.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Erster Teil., Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, V [Erste Phase – oder: Altlasten] Vom 13. Oktober bis zum 2. November 2013, S. 312ff.).
Sonntag, 30. Oktober 2022
Dienstag, 13. September 2022
Mittwoch, 1. Juni 2022
Mittwoch, 15. Dezember 2021
Die Galerie #1 (Stand 28. Mai 2014)
Die Abbildung zeigte den Stand vom Mittwoch, dem 28. Mai 2014, es sollten noch, wie aus unserem Bericht zu ersehen sein wird, einige schöne Nackte dazukommen, das vollständige Ensemble zeigen wir unten auf einer Doppelseite. Hans Köberlin sah also Catherine Deneuve in Belle de Jour (1967),* darunter Maruschka Detmers unter der Dusche in Prénom Carmen (1983), dann rechts neben Catherine Deneuve die ihre Bluse aufknöpfende Gudrun Krüger in Die Halbstarken (1956), dann Anna Baldaccini in Sauve qui peut (la vie) (1980) und schließlich die gleichfalls duschende Margarita Borissowna Terechowa in Zerkalo (1975).
* Eben erinnern wir uns sehr gut daran, daß wir in der Fußnote 1062 auf S. 292 geschrieben haben: »Aber das Bild von Catherine Deneuve schlechthin war gleichfalls wegen des morgigen Geburtstages auf einem der alten archivierten Filmkalenderblätter, nämlich sie mit entblößtem Oberkörper von seitlich hinten gesehen, ihr linker Arm verdeckte die linke sichtbare Brust bloß teilweise, und sie blickte über die Schulter mit leicht geöffnetem Mund ihren Betrachter an … Das war natürlich das berühmte Still aus Belle de Jour (1967) von dem genialen Luis Buñuel […] Hans Köberlin sollte morgen dieses Kalenderblatt nehmen und […] es im Schlafzimmer neben dem Still aus Buñuels Un chien Andalou (vgl. oben S. 231) an die Wand drapieren …« – Aber wo war dieses Still aus Un chien Andalou auf der Photographie oben?! Wir sind uns sicher, daß es dort war, als wir die Photographie machten, und wir haben es auch in unseren Unterlagen …
Dienstag, 30. November 2021
1964-09-25 Berlin [Mittwoch, der 5. Februar 2014]
… dann frühstückte man zu dem Konzert, das Miles Davis am 25. September 1964 hier in der Hauptstadt gegeben hatte. Das war der erste Auftritt Wayne Shorters in Hans Köberlins Miles-Davis-Sammlung, und dieses Quintett mit Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams sollte bis zum Beginn der elektrischen Phase so fortbestehen. Wie üblich in der Zeit gab es einen Wechsel von schnell und langsam gespielten Stücken, und das Programm bestand aus Milestones, Autumn Leaves, wieder ganz anders interpretiert als zusammen mit Cannonball Adderly und noch weiter weg davon als im Vorjahr in Antibes*, So What, das Hans Köberlin lieber als langsames Stück gehört hätte, wie immer schön Stella by Starlight und Walkinʼ. […] Wie ihn die Stücke der elektrischen Phase stets konkret affizierten, war es bei den vorherigen Stilen – ›Bebop‹, ›Cool‹, ›Hard Bop‹ et cetera – eher ein allgemeines Goutieren, bei dem je nach aktueller Laune dieses oder jenes als besonders gelungen auffiel … »Petit pan de mur jaune …«** Bei ›Fusion‹ war er persönlich stehengeblieben und also auch nicht auf der Höhe der Zeit, aber dazu bekannte er sich … »There have to be dinosaurs or the little kids won’t have nothing to look at in the museum, right?«*** … er nahm dennoch manches danach Gekommene mit Wohlgefallen wahr – etwa den ›Dark Jazz‹ der gestern erworbenen Piano Nights und viele Einspielungen auf Manfred Eichers ECM-Label –, aber man mußte ja nicht alles mitmachen.
* … und zu einer weiteren Interpretation in der Stadt, die niemals schlief; wir werden unten noch auf eine frühere und eine spätere Interpretation Miles Davisʼ zu sprechen kommen. Hans Köberlin kannte Joseph Kosmas Prévert-Vertonung – außer, wie gesagt, der, nicht zuletzt wegen des Auftakts kanonisch gewordenen und auch mit Miles Davis, von Cannonball Adderly – noch von einem Konzert, das John Coltrane am 28. November 1962 in Graz gegeben hatte, dann natürlich aus Kosmas Soundtrack zu Marcel Carnés Les Portes de la nuit (1946), dort gesungen von Yves Montant, und als Medley zusammen mit For Sentimental Reasons und Tenderly gesungen von Natalie Cole.
** Marcel Proust, La Prisonnière, Paris 1923, Chapitre premier: Vie en commun avec Albertine.
*** Thomas Pynchon, Bleeding Edge, New York 2013, S. 156.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1130f.).
1963-07-27 Antibes [Freitag, der 28. März 2014]
Weil Hans Köberlin heute seinen Dauerlauf nicht absolvierte, gab es nur eine Katzenwäsche. Dann bereitete er sich sein Frühstück, zu dem er, wie gestern beschlossen, nochmals jenes Konzert hörte, das Miles Davis am 27. Juli 1963 auf dem festival de jazz d’Antibes Juan-les-Pins gegeben hatte. Wir sind natürlich neugierig auf den Vergleich mit der Rezeptionssituation vom Montag, dem 30. Dezember 2013 […] der Hörer und sein Beobachter oder sein Zuhörer und letztlich auch sein Mithörer, beide nicht gerade oben auf der AdornoSkala …
Das Set begann wieder mit der Ansage von André Francis – »’erbie ’ancock« –, anschließend los ging es mit Autumn Leaves, ein Stück, auf das man sich meist verlassen konnte, wie auf My Funny Valentine und ’Round Midnight. Die Musiker kamen Hans Köberlin entspannter vor als gestern, es war eine angenehme melodische Viertelstunde, dann kam Milestones, auch das gefiel ihm, obwohl es sehr schnell zuging, es wurde differenziert interpretiert, auch bei den Soli. Hans Köberlin hatte bei dem Hören von Milestones immer den Verdacht, daß Michel Legrand ein paar Takte, die nach dem Intro kamen, in seinem Soundtrack zu Bande à part (1964) verwendet oder zumindest beim Komponieren an das Stück gedacht hatte. Es folgte I Thought About You, auch das kam ihm wunderbar vor, vor allem Herbie Hancocks Solo. Langsam, schnell, langsam … es folgte Joshua, und Hans Köberlin beschlich der Verdacht, daß seine ästhetischen Urteile in weiten Bereichen von seiner jeweiligen, wie man so sagte: Tagesform, was die Rezeption betraf, abhingen, denn gespannt hörte er nun zu. Man müßte das Joshua von gestern und das Joshua von heute jeweils häppchensweise hintereinander hören … aber die Mühe wollte er sich nicht machen. Bei dem folgenden All Of You, dem längsten Stück des Sets, begann Miles Davis sein Spiel mit dem Dämpfer, es folgten die Soli in der üblichen Reihenfolge, fast schon zu gefällig, aber es blieb noch im Rahmen und Miles Davis schloß, immer noch mit dem Dämpfer, ab. Dann kam Walkinʼ in der ›Runninʼ‹-Version, Hans Köberlin, der mittlerweile mit dem Frühstück fertig war, hatte sich mit seiner Teetasse zurückgelehnt und dachte an Borgesʼ Pierre Menard, autor del Quijote: Walkinʼ gehört von den Musikern gespielt 1963 in Antibes und dasselbe Walkinʼ gehört 2014 an der weißen Küste. gehört mit zwei mittelmäßigen Lautsprechern und mit dem Wissen um Agharta und Pangaea (1975), über diesen Gedanken hatte Tony Williams sein Solo … es war ein Zugang über ein Interesse an der aktuell gehörten Musik selber hinaus, es war nicht zeitlos, trotz der beeindruckenden Momente in George Colemans Solo … Agharta und Pangaea waren zeitlos und hatten in Hans Köberlins Ohren alles, was nach 1980 von Miles Davis noch gekommen, überdauert. Aber er hatte heute wirklich einen guten Willen und blieb dabei, auch als Herbie Hancock von dem Rausch der Geschwindigkeit gepackt wurde. Als Abschluß vor dem Thema gab es, wieder mit Dämpfer, Bye Bye Blackbird, etwas Unverwüstliches von ganz früher aus dem Jahre 1926, mit viel Melodie, »Sugar’s sweet, so is she, bye bye blackbird …« Das Thema ging diesmal sogar über sechs Minuten, es schien also auch Miles Davis sehr entspannt gewesen zu sein.
Am Montag, dem 30. Dezember 2013, als das Ritual gerade zum sechsten Mal stattgefunden, war die Frau bei Hans Köberlin gewesen und sie hatten auf der vorderen Dachterrasse gefrühstückt, das waren natürlich andere Rezeptionsbedingungen. Damals, also vor dem Ritual, hatte Hans Köberlin relativ selten Mitschnitte von Konzerten Miles Davisʼ aus der Zeit vor 1967, obwohl er sie gesammelt, gehört, jetzt, nachdem die elektrischen Sachen alle gehört worden waren, steckte er quasi mitten drin … Aber wir wollen das alles nicht überbewerten, im Grunde dachte er damals wie heute bei jedem Stück immer bloß »gefällt mir« oder »gefällt mir nicht so«, Gründe für letzteres Urteil waren in seinen Ohren ein zu schnelles Spiel, später der übertriebene Einsatz von Perkussionsinstrumenten und schließlich der zu glatte und weichgespülte Disco-Funk, das wurde alles in den vergangenen Wochen erörtert. Miles Davisʼ Autobiographie und Ian Carrs Analysen hatte er hier nicht zur Hand, im weltweiten Netz war er während seiner Nachmittage in der ›Tango Bar‹ nur selten den Hintergründen einzelner Titel oder Sets nachgegangen, also alles ziemlich dilettantisch, Eindrücke, deren Wiedergabe nur unserer Chronistenpflicht geschuldet ist … Hans Köberlin jedenfalls war nun neugierig, ob es bei dem dritten Konzert in Antibes noch entspannter, sowohl was die Musiker als auch was ihn betraf, zugehen würde.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. 1712f.).
Donnerstag, 2. September 2021
1957-11-30 Paris [Freitag, der 21. März 2014]
Zum Frühstück dann, der Witterungsumstände halber wieder im leeren Wintergarten – die Dachterrasse vor ein paar Tagen, war wohl die eine Schwalbe gewesen, die noch keinen Sommer gemacht, hörte er also wie vorgenommen den Mittschnitt jenes Konzerts, das Miles Davis am 30. November 1957 in der Stadt der Liebe gegeben hatte. Und das Ritual wollte kein Ende nehmen, denn in das digitale Archiv dieses Mitschnitts war ein Mitschnitt von einem Konzert – oder mehreren Konzerten? – geraten, die Miles Davis im Juli 1986 im Jardin des Arênes de Cimiez in jener Stadt, über deren Dächern Hitchcock 1955 einen Film mit Grace Kelly und Cary Grant gedreht,* gegeben hatte, veröffentlicht zunächst als Bonus zu Tutu und dann im kommenden Jahr in einer Box mit allen Alben der Jahre ‒ Miles Davis letzte Jahre ‒ bei den Gebrüdern Warner. Das Ende des Rituals zog sich also, wie gesagt, weiter hinaus, was sich bis jetzt noch aufgefunden hatte, war allerdings in Miles Davisʼ musikalischer Vita zu früh oder zu spät, um Hans Köberlin wirklich zu begeistern. ‒ Aber zurück in die Stadt der Liebe. Das Konzert, das in der Hinsicht bemerkenswert war, weil Miles Davis hier mit dem Rene Urtreger Trio spielte, mit dem er in der Folge den Soundtrack zu Malles Ascenseur Pour Lʼechafaud (1958) einspielen sollte,** und zu Hans Köberlins angenehmer Überraschung begann es auch in diesem Stil, ohne natürlich die Dramatik der Filmmusik zu haben. Hans Köberlin, etwas müde heute, ließ sich treiben, bis Bagsʼ Groove mit seinem markanten Intro kam. Anschließend gab es noch, gleichfalls beachtungsheischend, ʼRound Midnight, Nowʼs the Time und Walkinʼ.
»Doch, ganz schön, das Ganze.«
Und wie bei Bande à part (1964) vor drei Tagen dachte er, er hätte eine Dekade früher in der Stadt der Liebe, als sie noch in Schwarzweiß gewesen, geboren werden sollen.
* Wir zitieren aus Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Sonntag, dem 7. April 2019: »Am Sonntag, dem 14. Februar 2010, schrieb ich, damals noch im Wahn oder zumindest in der Illusion: ›Hitchcock hatte den Film gegenüber Truffaut als ›eine leichte Geschichte‹ bezeichnet. Das war es auch, und ich hatte ihn etwas flotter in Erinnerung gehabt. Grace Kelly kam wirklich recht gut ins Bild. Über sie hatte Hitchcock gesagt: ›Weshalb ich immer wieder auf die mondän reservierten blonden Schauspielerinnen zurückkomme? Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden.‹ Hitchcock hatte einige wirklich schöne Anzüglichkeiten an der Zensur vorbeigebracht.‹«
** Bei einer Recherche im weltweiten Netz, irgendwann in den folgenden Tagen während eines Nachmittags in der ›Tango Bar‹, stellte Hans Köberlin fest, daß in der gleichen Besetzung auch das ein paar Tage zuvor gehörte Konzert vom 8. Dezember 1957 in der Stadt, der Kais Jacques Brel besungen, gegeben worden war. Und auch diesmal gefiel ihm Barney Wilen am Saxophon.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).























