Sonntag, 4. Oktober 2026

Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821

Die Themenkomplexe ›Sterben‹ und ›Tod‹ waren ja bereits hier in unserem Bericht in diversen Kontexten angeschnitten worden, etwa die Metaphern dafür, die letzten Worte und, ausgehend von Frank Zappas Tod und dem Tod Ugos in La grande bouffe (1973), die Art, wie man starb, bewußt und gefaßt oder ohne es zu merken – vielleicht – im Schlaf oder … Ohne eine für ihn selber erkennbare Ursache kam Hans Köberlin die Phrase – nicht das Ereignis! – »der Tod Napoléons« in den Sinn und dadurch mußte er an einen ehemaligen Freund aus der Zeit in der Kreisstadt denken, den er auf nie ganz geklärte Art und Weise als Freund verloren, vielmehr erinnerte er sich jetzt eigentlich nicht an ihn, sondern an eine bestimmte Stimmung und an das Treppenhaus, das zu dem in einem ehemaligen Hotel unter dem Dach gelegenen Zimmer des ehemaligen Freundes geführt hatte. Und in diesem Treppenhaus hatte es viele Stiche aus dem 19. Jahrhundert hinter Glas gegeben, unter denen hatte auch eine Schwarzweißreproduktion von Carl von Steubens, oder vielmehr: von Charles de Steubens Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821 aus dem Jahre 1828 gehangen …*

Hans Köberlin hatte bei jedem Auf- oder Absteigen einen Blick auf diese ikonographisch gewordene Darstellung geworfen, und mit der Erinnerung an dieses Bild kam Hans Köberlin die Erinnerung an den Geruch dieses Treppenhauses in der warmen Jahreszeit in den Sinn …: es hatte nach einer feuchten, verschlammten Dachrinne gerochen.** Manche derartigen Gerüche waren Hans Köberlin nicht unangenehm, da war er wie Leopold Bloom mit seiner Niere zum Frühstück oder dem reifen Gorgonzolakäse, den er auf einem Brot mit Senf und Oliven und einem Glas Burgunder dazu verzehrt hatte … Bilder, Gerüche, Töne …: sinnliche Marginalien, die einen, einmal erlebt, ein Leben lang begleiteten … der ganze Proust-Komplex …*** Napoleon soll übrigens laut Kafka**** gesagt haben: »Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« Hans Köberlin stimmte dem zu.
   »Sire, où allez-vous?«
   »Demandez au cheval.«



* Edmond de Goncourt hatte am Samstag, dem 25. Mai 1895, einen Tag vor seinem Geburtstag, eine Ausstellung über die Revolution und das erste Kaiserreich besucht und dazu unter anderem folgendes mit Ergriffenheit in seinem Journal notiert: »ce vieux panama, tout gondolé, au cordonnet noir, que le grand Empereur portait à Sainte-Hélène. Et tout près du chapeau de l’exil, cette veste de piqué blanc, aux taches jaunes, qui semblent sorties du foie du Prométhée de l’île africaine. Enfin ce lit sur lequel il est mort, ce lit qui a la grandeur d’un lit de garçonnet, ce lit en fer, monté sur des roulettes, avec son pe-tit dais en forme de tente militaire, sa soie verte passée, son mince matelas, son traversin, son gros oreiller: – ce lit, entre les rideaux duquel, il y a eu peut-être, dans l’insomnie, la plus grande souffrance morale de notre siècle.«
   Hans Köberlin hatte als Teenager einmal im Fernsehen zu abgelegener Zeit Abel Gances Stummfilmepos Napoléon aus dem Jahre 1927 gesehen, teilweise für drei Leinwände konzipiert, und am Samstag, dem 25. November 2023 sahen die Frau und er sich Ridley Scotts da gerade vor ein paar Tagen in die Kinos gekommenen Film an. Schwer enttäuscht schrieb Hans Köberlin in sein Arbeitsjournal: »Ich hatte zwar ein Spektakel erwartet, aber nicht so ein oberflächliches. Aufgehangen hatte Scott das Ganze an der Beziehung zu Joséphine – da hätte er konsequent sein sollen und den Film auch ›Joséphine‹ nennen ‒ der viereinhalbstündige Director’s Cut soll in die Richtung gehen. So war es perspektivlos und ohne besondere Einstellung zu der Figur, die von anderen wesentlich vielschichtiger und ambivalenter gezeigt worden war. Die dargestellten Ereignisse wurden ohne Dramaturgie aneinandergereiht, ich hätte mit einer Nachstellung von Steubens Stich begonnen und dann mit thematischen und nicht chronologischen Rückblenden gearbeitet.«
** »… a damp, chilly, but not unpleasant smell, composed of many separate elements. It was composed of wet moss, of old dead leaves, of yet older dead wood, of long submerged, slime-coated masonry, of clammy river weeds.« (Powys, A Glastonbury Romance, London 1933, S. 125f.).
*** In Hans Köberlins Erinnerung hatten allerdings auf dem Bild weniger Personen dem Sterben von l’empereur beigewohnt, und der Raum, in dem das Totenbett gestanden, war dort weiß-abstrakter gewesen. Hans Köberlin hatte wahrscheinlich gestern en passant und unbewußt auf einem seiner Film- oder Zitatenkalenderblätter die Zeichenfolge ›†1821 Napoléon Bonarparte‹ ‒ ohne sie in einen seiner Kontexte einzubinden ‒ gesehen. Borges hatte in seinem autobiographischen Essay eingestanden, an Waterloo stets als an einen Sieg gedacht zu haben (vgl. Fritz Arnold / Gisbert Haefs (Hg.), Borges lesen, Frankfurt am Main 1991, S. 20), Hans Köberlin, der die Geschehnisse von Waterloo hauptsächlich aus Hugos Les Miserables kannte, empfand die Schlacht – wie Goethe – immer als Niederlage der Idee Europas gegen den bornierten Nationalismus … die sogenannten ›Befreiungskriege‹ …: diese Bezeichnung war einer der größten Euphemismen der Weltgeschichte. – Kafka war, was Hans Köberlin dann doch erstaunt hatte, sehr an Napoléon interessiert gewesen und hatte seitenlang unter der Überschrift »Fehler die Napoleon beging« Passagen aus den Memoiren des Generals Marcellin Marbot in sein Tagebuch exzerpiert (Gesammelte Werke in zwölf Bänden, nach der kritischen Ausgabe hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main 2. Aufl. 2014, Bd. 11, S. 101ff.) Und am 11. November 1911 hatte Kafka eine Lesung Jean Richepins aus La légende de Napoléon besucht und einen Tag darauf darüber geschrieben: »Ich spürte eine Wirkung Richepins auf mich, wie sie Salomo hat spüren müssen, als er junge Mädchen ins Bett nahm.« (ebd., Bd. 9, S. 191). Diesen Vergleich konnte Hans Köberlin allerdings überhaupt nicht nachvollziehen.
**** Er schrieb dies in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1912 in einem Brief an Felice Bauer (Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hrsg. von Erich Heller und Jürgen Born, Frankfurt am Main 1976, S. 221).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Dritter Teil. Vom 28. April 2014 bis zum 21. August 2014, XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden] Vom 28. April bis zum 15. Mai 2014).