Mittwoch, 21. Februar 2024

Samstag, 23. Dezember 2023

Avenida Gabriel Miró

Im Zentrum mußte Hans Köberlin feststellen, daß hier heute ein Feiertag war, und zwar ein kirchlicher Feiertag, man feierte den heiligen Joseph, den Schutzheiligen der Zimmermänner und der gehörnten Ehemänner, und deshalb gab es auch kein neues Volumen für den Surfstick und deshalb war es wohl auch heute morgen leerer als gewöhnlich auf den Straßen gewesen und deshalb würde er morgen wohl auch etwas später seinen Dauerlauf absolvieren, um dabei den heute kirchlich vereitelten Kauf von Volumen nachzuholen. Es war noch zu früh für den Pub, er ging also weiter die Haupteinkaufsstraße hoch zu dem Platz, an dem er zu Beginn des Exils mit der Frau die kuriose Beobachtung gemacht,* und bestellte sich dort in der Bar einen Rotwein. Der Blick war wie immer herrlich: die Straße hinab auf den Strand mit der Stirnseite des Peñón de Ifach als Akzent am Horizont, und zum ersten Mal seit er hier im Exil, kam ihm der Gedanke, daß man bei der Gründung des Ortes – der festen Gründung nach den organischen Ursprüngen – die Lage der Hauptstraße bewußt so angelegt hatte.


* Siehe oben S. 193. An dem Tag, dem Montag, dem 7. Oktober 2013, dem sechsten von 324 Tagen, hatte Hans Köberlin auch die hier wiedergegebene Aufnahme gemacht.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

Samstag, 2. Dezember 2023

Empirie, 33. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.842 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.900
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.574 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.082
    • Kapitel: XIV (= Phase 6 – oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung*) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Dienstag, der 18. März 2014, der 168. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.525
    • Fußnoten: 3.986
    • Kapitel: XIV (= Phase 6 – oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung*) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 13. März 2014, der 163. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 3970 auf S. 1512) Rainald Goetz, Word, Hamburg 1994.
** (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
*** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Sonntag, 26. November 2023

1972-09-29 New York [Mittwoch, der 22. Januar 2014]

Nach dem Dauerlaufen frühstückte Hans Köberlin witterungsbedingt wieder im leeren Wintergarten und hörte dabei jenes Konzert, das Miles Davis am 29. September 1972 in der Philharmonic Hall der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte; man befand sich nun wieder in der stockhausigen On the Corner-Zeit, es waren anscheinend zwei Sets, weil es zweimal The Theme gab, aber Hans Köberlin behandelte sie, da es zu keinen Wiederholungen kam, wie eines, es konnte ja auch sein, daß es nur eine Pause innerhalb eines Sets gegeben hatten. Die Aufnahme begann mit Rated X, ein teuflischer Groove, der auf M’tumes Perkussion und kurzen Riffs einer per Wah-wah pedal verzerrten elektrischen Gitarre basierte, akzentuiert von Miles Davis’ gleicherart verzerrten Trompete, bis sich nach gut fünf Minuten Hendersons elektrischer Baß mit ein paar heftigen Schlägen meldete und, gefolgt von dem Saxophon, in das Treiben einstieg, ein geniales Gewusel, das Hans Köberlin anscheinend dazu verleiten wollte, zur angemessenen Rezeption unangemessen auf nüchternen Magen irgendeinen hochprozentigen Alkohol zu trinken – in die Jahre gekommen gab er freilich dieser Versuchung aus Vernunftsgründen nicht nach.* Es folgte Honky Tonk, wobei der Bruch nicht so arg war, wie sich das hier vielleicht liest, man erkannte das Stück am Baß, aber die Trompete wies schon auf die kommenden drei Jahre; wunderbar das Saxophon! Hans Köberlin schaute nach: Carlos Garnett … den Namen hatte er noch nicht bewußt wahrgenommen … er durfte nicht vergessen, daß er heute Nachmittag einen Termin mit Carlos Metafonía hatte … Es folgte Theme from Jack Johnson, es klang diesmal wie das Intro von Moja (Dark Magus) oder Zimbabwe (Pangaea) und nicht wie das gleichnamige Stück von Agharta, dem folgte Black Satin, durch eine leichte Akzentverschiebung des Baßlaufs etwas kommoder als im Studio, dann, nach einem Applaus, gut eine halbe Stunde Ife, in der ersten Viertelstunde ruhige Meditationen der Musiker auf einem monotonen Baß, dann wurde es kurz hektisch wie bei der Studiosession, wieder ruhig und ging schließlich in ein modifiziertes Right Off über. Es war ein sehr anregendes Frühstück. Hans Köberlin überlegte, wie das wäre, mit einem Wah-wah pedal verzerrt zu schreiben … Aber es war ja nicht die Verzerrung der Klänge, die diese Musik ausmachte, sondern der spezifische Rhythmus, M’tumes Perkussion vor allem … Und für sein Schreiben wäre das Wah-wah pedal wohl nicht die angemessene Metapher.

* »Meine Kompositionen waren schon lange Zeit kreisförmig angelegt und durch Stockhausen wurde mir jetzt klar, daß ich nie wieder zu dem alten Achttakteschema zurückkehren will, denn meine Stücke sind nie zu Ende; sie können immer weitergehen […] Stockhausen regte mich dazu an, Musik als einen Prozeß von Addition und Subtraktion zu betrachten. Genau wie ein ›Ja‹ nur nach einem ›Nein‹ Sinn bekommt. Ich experimentierte viel. Beispielsweise sagte ich meiner Band, sie solle den Rhythmus spielen, ihn halten und auf nichts reagieren, was passiert; das Reagieren wollte ich übernehmen.« (Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München, 42000, S. 442f.).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1025f.).

1972-09-14 Boston [Mittwoch, der 19. Februar 2014]

Zum Frühstück im leeren Wintergarten hörte er heute jenes Konzert, das Miles Davis am 14. September 1972 für den Rundfunk in der Pauls Mall in Boston gegeben hatte. Es war die On the Corner-Zeit und als erstes gab es, nicht so filigran wie bei der Studiosession, Black Satin, dann Honky Tonk, gleichfalls im On the Corner-Stil interpretiert, wie auch das anschließende Right Off und die abschließenden drei Takte Sanctuary. Die Aufzeichnung ging nur über fünfunddreißig Minuten, so daß sich Hans Köberlin im Anschluß noch On the Corner selbst anhörte. Dieses Album war ihm – wie Bitches Brew – durch unzähliges Hören so vertraut geworden, daß seine Form sich quasi in ihrem Medium auflöste und Hans Köberlins Gedanken, so sehr er sie auch dabei behalten wollten, abschweiften, verströmten, dabei aber doch, irgendwie anders als im Modus des Hörens, bei der Musik blieben … ›hörend überhören‹, hätte Kafka vielleicht geschrieben … ach … Hans Köberlin kam es jetzt vor, als sei bereits eine Ewigkeit vergangen, seit er sich mit den Forschungen des Hundes auseinandergesetzt hatte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014 Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1289f.).

Sonntag, 19. November 2023

1971-11-08 København [Sonntag, den 16. März 2014]

Zum Frühstück nun gab es – wenn Hans Köberlin nichts in seinem Musikarchiv übersehen hatte,* den letzten regulären noch nicht gehörten Miles-Davis-Konzertmitschnitt, nämlich den vom 8. November 1971 aus dem Tivoli in der Stadt von Kirkegaard und Hans Christian Anderson beziehungsweise von dessen kleiner Meerjungfrau. Das Cover von Hans Köberlins nur digital zuhandenen Version dieses Mitschnitts, war, wenn er sich nicht täuschte, von Mati Klarwein und zeigte eine tropische und keine skandinavische Szene mit einer reizvollen üppigen Frau im Zentrum. Es war ein längerer Mitschnitt, über eineinhalb Stunden, es gab das übliche Programm aus der Zeit, beginnend mit Dircetions, die Titelfolge war die gleiche wie gestern in der Donaumetropole,** aber das Konzert hatte in toto einen etwas anderen Charakter, es kam Hans Köberlin homogener vor. Auch hier war die Qualität der Aufnahme durchwachsen, dafür gab es einen schönen Groove und Hans Köberlins fand seinen die Themen betreffenden Eindruck von gestern bestätigt. Der Höhepunkt war für Hans Köberlin Keith Jarretts Solo auf dem E-Piano zum Beginn des abschließenden Funky Tonk.

* Später am Tag fiel ihm aus heiterem Himmel ein, daß er noch einen sehr frühen Mitschnitt aus dem Mai des Jahres 1949 hatte, wo Miles Davis als Teil des Tadd Dameron Quintets spielte. Als er sich den raussuchte, fand er noch einen Mitschnitt vom 8. Dezember 1957 aus Amsterdam, einen Mitschnitt vom 9. September 1958 aus dem Plaza Hotel in New York, einen Mitschnitt von einem Konzert im Oktober 1964 in Helsinki und einen vom 23. Oktober 1983 aus Warsaw. Und dabei schließlich stieß er auf einen Datenordner, der bei dem Transfer von seinem alten Computer auf das große Laptop vor dem Aufbruch in sein Exil wohl verschollen gegangen war. Er enthielt vier Mittschnitte von insgesamt sechs Sets der zweiten Europatournee des Jahres 1960, auf der Sonny Stitt John Coltrane ersetzt hatte.
** Hans Köberlin wußte noch von einem Mitschnitt vom 6. November 1971 aus der Philharmonie der Hauptstadt, der sich aber zu seinem Bedauern nicht in seiner Sammlung befand.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

Sonntag, 22. Oktober 2023

Haus und Palme

Der längste Weg zum Meer

Er war dabei, alle möglichen Wegvarianten zwischen seinem Haus und dem Strand zu erkunden und legte sich Routen für alle möglichen Anlässe zurecht (später sollte er sein Routenrepertoire nach Norden hin erweitern, aber dazu mehr, wenn es soweit war). Es kristallisierten sich zwei Hauptrouten heraus …

  • der direkte Weg zum Meer: Hans Köberlin verließ das Haus durch das obere Tor, überquerte die Ausfallstraße (die nicht, wie er lange geglaubt, zu der durch die Berge des Hinterlands verlaufenden Nationalstraße führte, sondern zu dem nächsten Ort an der Küste), ging in die gegenüberliegende Gasse bis zu einem großen Hotel mit roter Fassade und gelben Balkonen, das zwar nicht sonderlich hoch war, aber wuchtig wie ein altes Schlachtschiff (Броненосец Потёмкин, 1925) dalag, ging rechts und dann gleich wieder links und sah von da bereits am Ende der Gasse den (naturgemäß, aber selten auf seinen Bildchen) waagerechten Horizont hinter der schräg nach rechts abfallenden Straße. Wenn er diese Straße am Meer entlang hinabging, dann kam bald der Anfang der Promenade, auf der man, rechterhand flankiert von Hochhäusern die Steilküste entlang zum Strand und zu der ›Tango Bar‹ kam;
  • der kürzeste Weg zum Strand: Hans Köberlin verließ das Haus durch das untere Tor, überquerte die Ausfallstraße, ging sie ein paar Meter hinab, bog dann links in eine Gasse, dann gleich wieder rechts bis zu einer größeren Straße, überquerte diese, ging dann rechts – nicht ohne dabei stets an Gina Lollobrigida zu denken – am ›Hotel Esmeralda‹ vorbei entlang eines kleinen Parkplatzes und kam dann schon an der Promenade heraus, gleich auf der Höhe, wo die ›Tango Bar‹ lag.

Dazu kam später noch …

  • der längste Weg zum Meer: Hans Köberlin verließ das Haus durch das obere Tor, ging dann zu der übernächsten oder überübernächsten Straße und überquerte erst dann die Ausfallstraße und kam so, vorbei an der ›Casa Wagner‹, die wie es aussah nichts mit dem Bayreuther zu tun hatte, weiter oben an der Steilküste heraus.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Erster Teil., Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, V [Erste Phase – oder: Altlasten] Vom 13. Oktober bis zum 2. November 2013, S. 312ff.).

Donnerstag, 12. Oktober 2023

1971-11-05 Wien [Samstag, der 15. März 2014]

Er konnte dann tatsächlich einmal wieder auf der Dachterrasse frühstücken und ein wenig tomar el sol, wie man im hiesigen Idiom sagte, er würde aber zum Lesen und Schreiben an den Lese- und Schreibtisch gehen, obwohl es seinem Hals besser ging, denn der Hustenreiz war noch da. Zum Frühstück hörte er den Mittschnitt jenes Konzerts, das Miles Davis am 5. November 1971 in der Donaumetropole ‒ diesmal aber wirklich! ‒ gegeben hatte. Es begann – natürlich! – mit Directions, sehr percussionslastig und mit viel zu wenig Baß, es war von der Qualität her wohl wieder eine von den Aufnahmen, die früher als Bootlegs kursiert waren, obwohl diese Aufnahme hier vom ORF aufgezeichnet worden war. Oder lag es an der Qualität des kleinen blauen Lautsprechers? Hans Köberlin war fast so weit, sein Ritual zu unterbrechen und zurück zum ›Cellar Door Club‹ zu gehen, aber nach einer Weile versöhnte ihn Gary Bartz’ Saxophonsolo und Miles Davis’ anschließende etwas weniger verzerrte Übernahme des Soloparts und dann Keith Jarretts elektrisches Piano, das zu Honky Tonk überleitete. Es war eine etwas undramatische Interpretation des Stückes, aber weil er es auf der Dachterrasse hören konnte, ließ er es sich gefallen. Es bekam einen gewissen Groove als Vorspiel für das folgende What I Say. Das wurde ganz anders als üblich interpretiert, ohne die gewohnte Dynamik, und man hatte es am Mischpult immer noch nicht hinbekommen, den tragenden Baß adäquat herauszubringen. Jarrett spielte sehr gut, so gut wie in dieser Zeit mit Miles Davis sollte er nie wieder werden, aber das hatten wir ja schon des öfteren von Hans Köberlin gehört. Aber auch Miles Davis spielte sehr gut, die Minderung beim Hören dieses Konzerts kam allein von der Qualität der Aufnahme. Nach gut fünf Minuten gab es einen Tempowechsel hin zur gewohnten Interpretation, aber wahrscheinlich war auch die Unterteilung der durchgehenden Musik in ihre einzelnen, an den Motiven erkennbaren, Stücke mehr oder weniger willkürlich, und wo früher ein Thema die Stücke abgegrenzt, gab es nun diverse Themen in einem großen Stück, das dann das Set des Konzerts war. Er müßte sich unter diesem Aspekt alle Konzerte nach den Sessions in Washington DC nochmals anhören … neue Binnendifferenzierungen innerhalb der elektrischen Phase … Klar geschieden wurde dann natürlich Sanctuary, zunächst, dann klang das Motiv von Bitches Brew an, es folge eine Aus- und eine Einblende, Hans Köberlin konnte nicht sagen, ob etwas fehlte, wahrscheinlich aber schon, was dann kam … auf Hans Köberlins Version hieß es It’s About That Time und auf der Discographie im weltweiten Netz wurde ergänzt: »as Miles Run(s) The Voodoo Down / Selim« – letzteres würde es wohl explizit übermorgen zum Frühstück geben. Aber Hans Köberlin focht das alles nicht mehr an, er saß auf seiner Dachterrasse und hörte mit zunehmendem Wohlwollen und Wohlbefinden zu. Yesternow dann begann nach einem hörbaren Applaus wieder charakteristisch, lange Zeit über sehr angenehm minimalistisch, dann kam, provoziert vom Saxophon, die Füllung durch die Perkussionisten, ein weiterer hörbarer Applaus, dann eine paar Takte Inamorata, dann eine Improvisation Keith Jarretts, dann weiter mit Inamorata, das auch hier wieder Funky Tonk hieß, dann kam der Abschluß, nochmals mit Sanctuary, von dem es aber nur zwei Takte des Themas gab, nach denen das Konzert endete, wie es begonnen hatte, mit den Perkussionisten.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

Mittwoch, 11. Oktober 2023

1971-11-03 Belgrad [Donnerstag, der 13. März 2014]

Zum Frühstück im leeren Wintergarten hörte Hans Köberlin jenes Konzert – es wurde langsam eng mit der Auswahl! –, welches Miles Davis am 3. November 1971 in der Hauptstadt des damals noch existierenden Jugoslawien gegeben hatte. Die Band harmonisierte besser als die von vor rund eineinhalb Jahren, die er am Vortag gehört hatte, jetzt war Keith Jarrett am E-Piano, er blieb wie in Washington DC außerhalb der ihm zugewiesenen Soli bei dem Groove. Es begann – natürlich – mit Directions, dann kam Honky Tonk mit einigen wunderbaren Passagen, aber etwas unglücklich abgemischt, die beiden Perkussionisten waren zu penetrant im Vordergrund, weiter ging es sehr schön mit SivaD, wohl einem Koffer für eine groovige Improvisation, dann kam sehr dynamisch What I Say, gefolgt von Sanctuary und einem schönen Funky Tonk, um mit Yesternow auszuklingen.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

Samstag, 7. Oktober 2023

Charakteristik des ›Lesers Hans Köberlin‹ mit Hilfe von Italo Calvino

Wundern Sie sich nicht, wenn Sie meine Augen umherschweifen sehen. Effektiv ist das meine Art zu lesen, nur so wird die Lektüre für mich ergiebig. Wenn mich ein Buch wirklich interessiert, kann ich ihm nur über wenige Zeilen folgen, und schon beginne ich abzuschweifen: Mein Geist fängt einen Gedanken auf, den ihm der Text suggeriert, oder ein Gefühl, eine Frage, ein Bild, und beginnt zu wandern, springt von Gedanke zu Gedanke, von Bild zu Bild und begibt sich auf eine Reise, die ich fortsetzen muß bis ans Ende, selbst wenn ich mich so weit vom Buch entferne, daß ich es aus den Augen verliere. Ich brauche die Anregung durch die Lektüre […] Lesen ist eine diskontinuierliche und fragmentarische Operation. Oder besser ausgedrückt: Gegenstand der Lektüre ist eine punkt- und staubförmige Materie. Im fließenden Fortgang der Schrift unterscheidet die Aufmerksamkeit des Lesers minimale Segmente, Wortverbindungen, Metaphern, syntaktische Kombinationen, logische Abläufe, lexikalische Eigenheiten, die eine äußerst hochkonzentrierte Bedeutungsdichte aufweisen. Sie sind wie die Elementarteilchen, die den Kern eines Werkes bilden, um den alles übrige kreist. Oder wie das leere Loch auf dem Grund eines Strudels, das die Strömungen ansaugt und verschlingt. Durch diese Löcher und Ritzen oder punktförmigen Indizien offenbart sich, aufleuchtend in kaum wahrnehmbaren Blitzen, die innere Wahrheit eines Buches, seine letzte Substanz. Mythen und Mysterien bestehen aus winzigen Krumen, ungreifbar wie der Blütenstaub, der an Schmetterlingsbeinen haftet […] Jedesmal wenn ich auf ein solches Krümchen Bedeutung stoße, muß ich ringsherum weitergraben, um zu prüfen, ob sich das Goldkorn womöglich in einer Goldader fortsetzt. Und darum findet meine Lektüre auch niemals ein Ende: Ich lese und lese wieder und wieder, stets auf der Suche nach einer Bestätigung dessen, was ich in den Ritzen und Falten der Sätze an Neuem entdeckt zu haben glaube […] bei jedem Wiederlesen scheint mir, ich läse zum ersten Male ein neues Buch […] ist die Lektüre – die Aktivität des Lesens – wie ein Bau, der Form gewinnt durch Zusammenfügung einer Unzahl von Variablen und sich nie zweimal nach demselben Bauplan erstellen läßt […] Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß die Lektüre – die Aktivität des Lesens – eine Operation ohne Gegenstand ist. Oder anders ausgedrückt, ihr wahrer Gegenstand ist sie selbst. Das Buch ist nur ein äußeres Hilfsmittel oder gar nur ein Vorwand […] Jedes neue Buch, das ich lese, wird Teil jenes einheitlichen und allumfassenden Buches, das aus der Summe aller meiner Lektüren hervorgeht. Das geschieht nicht ohne Anstrengung: Um jenes Gesamtbuch zu bilden, muß jedes Einzelbuch sich verändern, transformieren, in eine Beziehung treten zu den Büchern, die ich vorher gelesen habe, ihre Fortsetzung oder Weiterentwicklung werden, ihre Widerlegung oder ihr Beiwerk oder ihr Kommentar oder ihr Bezugstext […] Für mich zählt am meisten der Augenblick, der dem Lesen vorangeht. Manchmal genügt schon der Titel, um in mir das Verlangen nach einem Buch zu wecken, das vielleicht gar nicht existiert. Manchmal der Anfang des Buches, das Incipit, die ersten Sätze […] mir gefällt es, in den Büchern nur das zu lesen, was dasteht; und die Details mit dem Ganzen zu verbinden; und gewisse Lektüren als definitiv zu betrachten …

(Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht, München 2004, S. 270ff.).

Sonntag, 17. September 2023

»… wie jeder Pudding …«

»… das Glück kennt Rezepte wie jeder Pudding. Es kommt auf Grund einer genauen Dosierung verschiedener Elemente zustande. Es ist ein Effekt.«

(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.2, S. 785).

Dienstag, 5. September 2023

Glück … heute … heute vor …

2013
2014
2015
2017
2020
2021
heute

Empirie, 32. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.804 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.830
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.543 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.014
    • Kapitel: XIV (= Phase 6 – oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung*) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Freitag, der 14. März 2014, der 164. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.525
    • Fußnoten: 3.986
    • Kapitel: XIV (= Phase 6 – oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung*) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 13. März 2014, der 163. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 3970 auf S. 1512) Rainald Goetz, Word, Hamburg 1994.
** (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
*** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Sonntag, 6. August 2023

1971-10-22 Dietikon (Newport) [Dienstag, der 11.März 2014]

Es war bereits nach Mittag, als Hans Köberlin aufstand, um das Frühstück zuzubereiten und die Frau unter die Dusche stieg. Wenn Hans Köberlin das richtig im Blick hatte, was er nicht hatte, dann hatte er in seinem Archiv nur noch fünf wirkliche Konzertmitschnitte für sein Ritual über, dann kämen die Kompilationen diverser Auftritte und Teo Maceros aus den Cellar Door- und den Jack Johnson-Sessions zusammenmontiertes Phantasiekonzert LivE EviL. Alle die fünf Konzerte waren mit ähnlichen Sets aus der Zeit von Bitches Brew und Jack Johnson. Er entschied sich für ein Konzert, das Miles Davis am 22. Oktober 1971 im Rahmen einer Europatournee des Newport-Festivals im eidgenössischen Dietikon gegeben hatte. Es waren, wie gesagt, die üblichen Stücke mit Directions zum Auftakt, Hans Köberlin war einmal wieder erstaunt, daß Miles Davis dem so oft gespielten Stück stets neue Aspekte abgewinnen konnte, auch er stieg also niemals in den gleichen Fluß. Im Gegensatz zu dem Konzert gestern kam hier wieder der Baß seinen nötigen Spielraum, was dann wohl so bleiben würde. Übergangslos ging es dann mit What I Say weiter und Hans Köberlin bemühte sich, das entspannte bewußte Hören mit der Konversation mit der Frau unter einen Hut zu bringen. Bei dem Stück störte ihn, daß der schöne Groove durch ein Perkussionssolo abgewürgt wurde. Das Solo leitete nach ein paar Takten den vorherigen Themas über zu Sanctuary, eine seltsame Dramaturgie, wie Hans Köberlin fand. Auch das daran anschließende Itʼs About That Time wurde neu und sehr ansprechend interpretiert, vor allem mit Baß und E-Piano. Es folgte in einer knapp zwölfminütigen Version Bitches Brew, angenehm sehr langsam und quasi sortiert, aber mit einem abrupten Ende, denn plötzlich war man bei Funky Tonk, das sehr verhalten mit ein paar wunderschönen kristallenen Akkorden auf dem E-Piano, von der Stimmung fast wie I Love Him Madly, begann ‒ entweder war das Publikum sehr verständig gewesen, oder man hatte es herausfiltern können ‒, und plötzlich ‒ Hans Köberlin merkte, daß er dieses Konzert lange nicht mehr gehört hatte ‒ war es dann nicht mehr Funky Tonk, sondern Inamorata in einer sehr schönen langsamen Version ohne das Pathos der Cellar Door-Sessions. Zum Schluß kamen dann nochmals ein paar Takte Sanctuary mit dem Beifall des Publikums.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit] Vom 7. bis zum 12. März 2014, S. 1505f.).

1970-12-19 Washington 2nd Set [Montag, der 10. März 2014]

Zum Frühstück dann hörte Hans Köberlin, nun wieder turnusgemäß, das zweite Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 19. Dezember 1970 in ›The Cellar Door‹‐Club, 34th and M Street NW in Washington, D. C., gegeben hatte und bei dem John McLaughlin wieder als Gastmusiker dabeigewesen war. Es begann, wie auch die anderen Sets, mit Directions, bei dem diesmal Jack DeJohnette eine etwas längere Vorgabe hatte, Miles Davis mit der elektrisch verzerrten Trompete den Orgasmus des Themas lange hinauszögernd, dafür dann aber lange zelebrierend, dann ein schönes Saxophon-Solo über der Rhythmus-Gruppe, dann McLaughlin und Jarrett, bei denen das Stück mehr oder weniger – das Thema wurde nochmals kurz aufgegriffen und Inamorata bereits angedeutet – zerfiel und in Jarretts Improvisation auf dem E-Piano überging, bei der sich Hans Köberlin gut vorstellen konnte, daß ein Soloalbum Jarretts auf dem E-Piano sicher einen größeren Reiz gehabt hätte, als die manchmal doch etwas zu sphärischen Studioalben und Live-Mitschnitte – am bekanntesten wohl der aus der Domstadt vom 24. Januar 1975 – auf dem Konzertflügel.* Dann kam endlich Inamorata, das diesmal allerdings nicht so groovte, weil der Baß nicht so zur Geltung kam, und eher unspektakulär in Sanctuary überging. Sehr schön war es dennoch. Das Konzert – und damit die Reihe der sechs dokumentierten Sets in ›The Cellar Door‹Club – endete, oder besser: klang aus oder verklang passend mit einer äußerst gelungenen abstrakt-minimalistischen Interpretation von It’s About That Time. Hans Köberlin räumte die Frühstücksutensilien weg und ging unter die Dusche.

* Der Satiriker Wiglaf Droste hatte in einer Polemik über das Konzert gereimt …
Schwarze Tasten, weiße Tasten
Töne, die das Herz belasten
Hände, die nicht ruhn noch rasten
Hasten über Tasten, Tasten
Junge Menschen wurden Greise
Wenn Keith Jarrett klimperte
Auf dem Flokati litt ganz leise
Wer vorher fröhlich pimperte
… und es damit auf den Punkt gebracht, seine Bezeichnung »kunstgewerblerisch« traf zu, und wenn man The Köln Concert mit dem verglich, was Miles Davis damals zeitgleich im Reich der aufgehenden Sonne gemacht hatte, dann hatte man den Wandel, der sich damals vollzog vor Augen beziehungsweise in den Ohren. Der Handke-Leser Hans Köberlin war Mitte der siebziger Jahre nicht frei von diesen Anfechtungen gewesen, hatte aber neben Handke auch Bukowski verschlungen.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit] Vom 7. bis zum 12. März 2014, S. 1498f.).

Samstag, 5. August 2023

1970-12-19 Washington 1st Set [Mittwoch, der 12. Februar 2014]

Der Himmel war tatsächlich wieder blau und Hans Köberlin machte sich auf zu seinem Dauerlauf und konnte anschließend – endlich! – auf der hinteren Dachterrasse unter dem wieder aufgestellten Sonnenschirm frühstücken. Es gab daher keinen der drei gestern erinnerten Filme, sondern Hans Köberlin hörte, sich auf Michael Hendersons Elektrobaß freuend, das erste Set jenes Konzerts, das Miles Davis am Samstag, dem 19. Dezember 1970 in ›The Cellar Door‹-Club, 34th and M Street NW in Washington, D. C., gegeben hatte. Wie gestern im ›Fillmore West‹ gab es drei Stücke, Directions, Honky Tonk und What I Say, die groovige Stimmung war wie bei den vier Sets zuvor,* nur daß hier noch John McLaughlin dazugestoßen war und eine seiner besten Perfomances gegeben hatte. Besonders beeindruckt – beeindruckt im Sinne der bereits mehrfach bemühten kleinen gelben Mauerecke – war Hans Köberlin diesmal von dem Einsetzen von Gary Bartz’ Saxophon bei Honky Tonk, nach Miles Davis’ – in dem Part nicht mit Wah-Wah-Pedal verzerrten – Trompete.

* Insgesamt waren zehn Sets mitgeschnitten worden und Hans Köberlin fragte sich, warum man bloß sechs ausgewählt hatte anstatt sie sämtlich zu publizieren. Wir wollen an dieser Stelle aus dem Beibuch zu dem Cellar Door-Box-Set noch Michael Henderson zitieren, wie er ein Erscheinen – wohl im Sinne von Epiphanie – von Miles Davis’ Frau oder damals bereits Ex-Frau – wir wissen es nicht –, beschrieb: »Betty [Mabry] comes in and she had on this see-through blouse with no bra … you know the era, free love and all that Jimi Hendrix kind of stuff, in 1969, 1970, you know.«

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014 Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1199).

Freitag, 4. August 2023

1970-12-18 Washington 2nd Set [Freitag, der 31. Januar 2014]

Hans Köberlin frühstückte, da noch in der Stimmung, als sei es ein Tag wie jeder andere, im leeren Wintergarten und hörte dazu das zweite Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 18. Dezember 1970 in ›The Cellar Door‹-Club, 34th and M Street NW in Washington, D. C., gegeben hatte. Es war von der Auswahl der Stücke und von der Grundstimmung ihrer Interpretation her wie bei den vorigen drei Konzerten in dem Club, wobei die Stücke nach mehrmaligem aufmerksamen Hören ihren individuellen Charakter bekamen. Aber bei jedem jeweiligen Hören jedes der sechs Sets hatte Hans Köberlin den Eindruck, gerade dieses sei das beste Set, und man könnte wegen dieser Eindrücke Leopold von Rankes Wort abwandeln und – fast – in dessen Intention sagen, jedes Set war unmittelbar zu Hans Köberlin und seine Qualität beruhte gar nicht auf dem, was aus ihm hervorging, sondern in seiner Existenz selber, in seinem Eigenen selber.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1099).

Donnerstag, 3. August 2023

1970-12-18 Washington 1st Set [Dienstag, der 21. Januar 2014]

Beim Abrufen seiner elektronischen Post erfuhr er durch eine wohl gezielt lancierte Werbung im weltweiten Netz, daß im März ein neues Box-Set von Miles Davis aus der Bootleg-Serie erscheinen sollte, mit Aufnahmen aus der Bitches Brew- und Tribute to Jack Johnson-Zeit, und wenn Hans Köberlin wirklich in dieser sublunaren Welt weitermachen wollte, dann mußte er dieses Box-Set natürlich haben, egal wie leicht er sich machen wollte!
»Kein Glück ohne Fetischismus.«*
Aber zunächst hörte er zum Frühstück das erste Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 18. Dezember 1970 in ›The Cellar Door‹-Club, 34th and M Street NW in Washington, D. C., gegeben hatte. Es dauerte gut eine Dreiviertelstunde und bestand aus Directions, Honky Tonk und What I Say. Diese Konzerte in Washington blieben, wie gesagt, während der vier Tage, in denen sie stattfanden, homogen und Hans Köberlin verlor sich gedankenleer im leeren Wintergarten wieder bei den durch Miles Davis Akzente möglich gewordenen Grooves von Jack DeJohnette, Keith Jarrett und Michael Henderson und bei dem schier endlosen Prolog, der Honky Tonk war, und bei dem schier endlosen Intro What I Say.

* Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben; in: Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz, Frankfurt am Main 1986, Bd. 4, Auktion, S. 137. Wir haben dieses Diktum bereits oft zitiert.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1016).

1970-12-17 Washington [Dienstag, der 7. Januar 2014]

Die Sonne schien und es war windstill, so daß er, als er seine Runde durch hatte, auf der anderen Dachterrasse frühstücken konnte. Dazu wollte er, um an das gestrige Frühstück mit der jetzt abwesenden Frau erinnert zu werden, das Konzert hören, das Miles Davis am Folgetag, dem 17. Dezember 1970 also, in ›The Cellar Door‹-Club, 34th and M Street NW in Washington, D. C., gegeben hatte, denn von der Atmosphäre her entsprachen sich diese sechs aufgezeichneten Konzerte. Dazu war übrigens der Umzug des ganzen technischen Equippments obsolet geworden, denn Hans Köberlin hatte – wir haben vergessen, das da zu berichten, als es geschah –, als er mit der Frau im Zentrum des Ortes gewesen, sich einen kleinen blauen portablen Lautsprecher gekauft, den er nun überall an den Laptop oder auch an das Taschentelephon anschließen konnte. Hans Köberlin hörte in seiner exponierten Lage auf dem Dach auch dieses Konzert nicht laut genug, aber das tat der Musik keinen großen Abbruch. Es begann mit What I Say, wozu Jack DeJohnette,* Keith Jarrett und vor allem Michael Henderson wunderbar den Rhythmus vorlegten, gefolgt von dem über zwanzig Minuten äußerst langsam zelebrierten Honky Tonk und dies wiederum gefolgt von einer Interpretation von Itʼs About That Time, die stark von der In a Silent Way-Fassung abwich. Dann, wie bei jedem der vier Konzerttage, Keith Jarretts Improvisation, die in Inamorata überging, an diesem Tag von etwas zurückgehaltenerer Intensität als am Vortag und mit ein paar Takten Sanctuary endend. Morgen würde er dann zwei Jahre weiter in die On the Corner-Phase springen.

* Miles Davis selber sprach von diesem Schlagzeugrhythmus als der kleinen rhythmischen Figur, die Jack DeJonette während des ganzen Stücks durchziehn sollte, und Davis wollte, daß diese Figur alles enthalte, aber sie sollte auch Feuer haben, was sie ja hatte. Für Davis war What I Say nach eigenem Bekunden der Grundstein für LivE-EviL (1970), jenes Album, das aus diesen Auftritten in Washington herausdestilliert werden sollte. Es enthalte, so Davis, die Stimmung und den Rhythmus, die er gewollt hatte. Und weiter erinnerte es sich, daß bei dieser Platte etwas Komisches passiert sei: er habe plötzlich Sachen in den oberen Registern gehört; bei What I Say habe er viele hohe Noten auf der Trompete gespielt, die er normalerweise deswegen nicht gebracht, weil er sie nicht gehört habe, aber nachdem er seine neue Musik gespielt, habe sich das geändert (vgl. Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München, 42000, S. 426f.).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 907f.).

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Mittwoch, 2. August 2023

1970-12-16 Washington [Montag, der 6. Januar 2014]

Ein melancholisches Frühstück, zu dem sie, wie von Hans Köberlin geplant, das Konzert hörten, das Miles Davis am 16. Dezember 1970 in ›The Cellar Door‹-Club, 34th and M Street NW in Washington, D. C., gegeben hatte. Hans Köberlin hatte dieses Konzert, wie gesagt, ausgewählt, weil da Keith Jarrett Chick Corea komplett abgelöst hatte, nachdem er bereits zuvor im Juni an der Ostküste ergänzend neben ihm gespielt hatte. An die publizierten Mitschnitte aus dieser Zeit, die sich (»Noch!«) nicht in seinem Musikarchiv befanden, wollte er jetzt garnicht erst denken –: egal! – Besonders schätzte Hans Köberlin an The Cellar Door Sessions Michael Hendersons elektrischen Baß, der den Groove dieser neuen Richtung vorgab. Das Repertoire bestand aus Directions, Yesternow, What I Say, einer Improvisation von Keith Jarrett und, als krönendem Abschluß: Inamorata, Hans Köberlins Favorit, ein Stück, das zu dem nichtmelancholischen Teil der Dramatik des heutigen Tages paßte. Man hörte das Konzert allerdings zu leise, hätte man es angemessen gehört, wäre es vielleicht zu Irrationalitäten gekommen, die komplizierte und ökonomisch empfindliche Folgen nach sich gezogen hätten, man hörte vernünftig zu leise also und man war mit seinen Gedanken nicht ganz dabei. Dann saß man auch schon im Auto Richtung Aeropuerto.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 893f.).

Dienstag, 1. August 2023

1970-08-29 Isle of Wight [Freitag, der 7. März 2014]

Also: aufstehen und nur mit dem Kimono bekleidet im leeren Wintergarten frühstücken, wie gestern vorgenommen mit jenem Konzert, das Miles Davis am Samstag, dem 29. August 1970, während des Festivals auf der Isle of Wight nach einem Hans Köberlin nicht bekannten Tiny Tim und vor Ten Years After – später sollten an dem Tag noch hintereinander Emerson, Lake & Palmer mit Pictures at an Exhibition, The Doors und The Who mit der kompletten Tommy-Oper auftreten – gegeben hatte. Hans Köberlin hatte das Konzert für diesen Aufbruchstag gewählt, weil es nur gut über eine halbe Stunde ging. Es war von den Stücken des Sets her ein für diese Zeit typisches Konzert, Directions, Bitches Brew, It’s About That Time, Sanctuary, diesmal nur ganz kurz, und Spanish Key. Zuerst horchte Hans Köberlin wegen Dave Hollands E-Baß auf, dann wegen Keith Jarretts Orgel bei Bitches Brew … aber wie bei den meisten Live-Interpretationen kam auch hier der Moment, wo das Stück ein wenig zerfiel. Dann wieder der E-Baß … Es groovte sehr angenehm bis zum Schluß, Miles Davis war einmal wieder das Gravitationsfeld, das dies alles möglich machte … aber Hans Köberlin war, wie schon gesagt, mit den Gedanken bereits woanders […] Während des Duschens mußte er nochmals an Miles Davis denken, und zwar im Kontext der vorherigen Lektüre in Schultz’ Buch über die Gnosis. Miles Davis war, soweit er wußte, stets von jeglichem spirituellen Kram unbeleckt geblieben, im Gegensatz zu den meisten Musikern um ihn herum in der Zeit, das Ehepaar Coltrane zum Beispiel, bei denen die hohe Qualität ihrer Musik – auch später bis zu einem gewissen Punkt die Musik von Alice Coltrane allein – in einem eklatanten Gegensatz zu den Titeln stand, den sie ihren Stücken – und sich selber! – gaben, oder John McLaughlin oder Santana, deren gemeinsames Coltrane-Album Love ꞏ Devotion ꞏ Surrender trotz des Titels und trotz des Gurus auf der Rückseite des Covers von Hans Köberlin sehr geschätzt wurde. Miles Davis war stets westlich urban modern geblieben, und wenn er außermusikalische Bezüge hergestellt, dann keine spirituellen, sondern, wie bei Jack Johnson, politische zu Afrika und zu der Diskriminierung, die die Menschen, die dort ihre Wurzeln hatten, durch die WASPs erfuhren. »Aber«, so schloß Hans Köberlin dieses Thema ab, »was solls, ich höre ja auch die Messen und Kantaten von Bach …«

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit] Vom 7. bis zum 12. März 2014, S. 1466f.).

1970-06-20 New York [Montag, der 3. März 2014]

Zum Frühstück hörte er heute jenes Konzert, das Miles Davis am 20. Juni 1970 im Fillmore East gegeben hatte. Was den Stil und die Stücke betraf, da ähnelte es sehr den anderen Konzerten dieser Reihe, weshalb es Hans Köberlin schwerfiel, sich auf die Besonderheiten zu konzentrieren, weil er ja erst vor vier Tagen das Konzert vom 19. Juni 1970 gehört hatte. Directions hatte in diesem Moment in seinen Ohren keine und war so gut wie immer, dann The Mask, das nach vier Minuten Tohuwabohu interessant wurde, als Trompete und Baß Tohu von Bohu schieden, bei It’s About That Time kamen die neuen Aspekte vor allem von Jack DeJohnette, I Fall In Love Too Easily war quasi das Intro von Sanctuary, der Titel war bei Hans Köberlin seit 2010 für immer verknüpft mit Faulkners düsterer Südstaatenballade, heute kamen ihm die Trompetenschreie noch heftiger als sonst vor, dem folgte Bitches Brew, bei dem nach drei Minuten der Baß plötzlich vom Trockenen ins Weiche wechselte, er dachte, weil er sich darüber erschreckte, an Adornos großen musikalischen Irrtum, den Jazz betreffend, und daran, daß er sich schon lange vorgenommen, sich einmal mit dessen Beckett-Rezeption zu beschäftigen, bei dem es ihm, Hans Köberlin, um den Sinn im Absurden ging,* Bitches Brew drohte mittlerweile zu zerfallen, bis Miles Davis es mit seinem Spiel wieder zusammenfügte und zu dem wunderbar unverwüstlichen Willie Nelson überleitete, bei dem Dave Holland erneut aus heiterem Himmel die Stimmung wechselte. Willie Nelson war zweifellos der Höhepunkt der heutigen Matinée.

* Hans Köberlin hatte Adornos Versuch, das Endspiel zu verstehen, noch nicht gelesen, er hatte nur eine Passage aus der ästhetischen Theorie im Sinn: »Becketts Stücke sind absurd nicht durch Abwesenheit jeglichen Sinnes – dann wären sie irrelevant – sondern als Verhandlung über ihn. Sie rollen seine Geschichte auf […] Kunstwerke, die des Scheins von Sinnhaftigkeit sich entäußern, verlieren dadurch nicht ihr Sprachähnliches. Sie sprechen, mit der gleichen Bestimmtheit wie die traditionellen ihren positiven Sinn, als den ihren Sinnlosigkeit aus […] Alles hängt daran, ob der Negation des Sinns im Kunstwerk Sinn innewohnt oder ob sie der Gegebenheit sich anpaßt; ob die Krise des Sinns im Gebilde reflektiert ist, oder ob sie unmittelbar und darum subjektfremd bleibt. Schlüsselphänomene mögen auch gewisse musikalische Gebilde wie das Klavierkonzert von Cage sein, die als Gesetz unerbittliche Zufälligkeit sich auferlegen und dadurch etwas wie Sinn: den Ausdruck von Entsetzen empfangen. Bei Beckett allerdings waltet parodische Einheit von Ort, Zeit und Handlung mit kunstvoll eingebauten und ausgewogenen Episoden, und mit der Katastrophe, die nun darin besteht, daß sie nicht eintritt. Wahrhaft eines der Rätsel von Kunst, und Zeugnis der Gewalt ihrer Logizität ist, daß jegliche radikale Konsequenz, auch die absurd genannte, in Sinn-Ähnlichem terminiert.« (Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie; in: Gesammelte Schriften, hrsg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz, Frankfurt am Main 1986, Bd. 7, S. 230f.) Zu einer der »Gewalt der Logizität« analogen Annahme war für die Musik Christian Wolff gegenüber dem auch von Adorno erwähnten John Cage gekommen, siehe oben (¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Erster Teil. Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, [Dritte Phase – oder: Konsolidierung] Vom 19. November bis zum 19. Dezember 2013, S. 751).** Von Beckett hatte Hans Köberlin in diesem Kontext vor allem folgende Passage aus LʼInnommable im Gedächtnis, wir zitieren aus der Ausgabe in seinem, Hans Köberlins, Idiom: »Ich glaubte, es stünde mir frei, etwas x-beliebiges zu sagen, solange ich nicht schwieg. Dann sagte ich mir, daß es letzten Endes vielleicht nicht etwas x-beliebiges wäre, was ich sagte, daß es sehr wohl das sein könnte, was man von mir verlangte, vorausgesetzt, daß man etwas von mir verlangte.« (Samuel Beckett, Der Namenlose; in: Drei Romane. Molloy. Malone stirbt. Der Namenlose, Frankfurt am Main 2005, S. 541). Und auf die Frage, qui parle?, war die Antwort: »das ist es vielleicht, was ich fühle, daß es ein Draußen und ein Drinnen gibt und ich in der Mitte, das ist es vielleicht, was ich bin, das Ding, das die Welt in zwei teilt, einesteils das Draußen, andernteils das Drinnen, es kann dünn sein wie ein Blatt, ich bin weder einerseits noch andererseits, ich bin in der Mitte, ich bin die Scheidewand, ich habe zwei Seiten und keine Dichte, das ist es vielleicht, was ich fühle, ich fühle, wie ich schwinge, ich bin das Tympanon, einerseits ist der Schädel, andererseits die Welt, ich gehöre weder zum einen noch zum anderen« (ebd., S. 522f.). Hans Köberlin dachte dabei natürlich sofort an Luhmann … Dem ging es ja um den Fortbestand der Systeme, hier: »… man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, ich werde weitermachen.« (ebd., S. 566). Nun: Hans Köberlin, der sein Studium mit einer Arbeit über das Weitermachen des Mannes ohne Eigenschaften abgeschlossen, wollte mittlerweile wieder weitermachen …
** Dabei fiel ihm noch etwas aus John Cages Indeterminacy-Geschichten ein, nämlich daß Christian Wolff zu ihm, Cage, gesagt habe (Hans Köberlin erinnerte sich, daß er diese Passage kurz vor Ende eines Dauerlaufs gehört hatte, vor jenem Hotel, das wie ein Schlachtschiff aus der Urbanisazión auf der anderen Seite der Ausfallstraße herausragte), nämlich: egal was man mache, am Ende würde alles auf eine (oder die?) Melodie herauslaufen. Die Rezeption in der Zeit … die wiederholte Rezeption … der Mensch sei Rhythmus, hatte Gérard Genette prägnant postuliert … (Gérard Genette, Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, Reihe Aesthetica, hrsg. von Karl Heinz Bohrer, Frankfurt am Main 1993, S. 307).

(¡Hans Koberlin vive!, a. a. O., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014 Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1409).

1970-06-19 New York [Donnerstag, der 27. Februar 2014]

Anschließend frühstückte er wie gehabt mit Miles Davis, und zwar mit jenem Konzert, daß der am 19. Juni 1970 in der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte. Auch der Ablauf innerhalb dieser Konzertreihe variierte, wie gesagt, kaum, es begann schnell mit Directions, in der der Hälfte des Stückes ein Tempowechsel, dann abstrakt-langsam The Mask – sehr schön, was da über den Baßläufen passierte –, in einem ähnlich abstrakten Stil weiter mit It’s About That Time, wobei hier das Schlagzeug anfangs die strukturgebende Rolle des Basses übernahm, dann stimmte Miles Davis, der sehr klar spielte, allein die Melodie von I Fall In Love Too Easily an und leitete über zu Sanctuary, das hier in Verkehrung der üblichen Reihenfolge vor dem abschließenden Bitches Brew kam. Hans Köberlin überlegte … er hatte in seiner Sammlung keinen einzigen Live-Mitschnitt von Pharaoh’s Dance, dem Auftakt des Studioalbums … vielleicht war das eine spontane und nicht reproduzierbare Session gewesen … irgendwo, glaubte er, Joe Zawinul als den Komponisten angegeben gelesen zu haben, aber es war ja jetzt nur so ein Nebengedanke zu Bitches Brew gewesen, und also rührte er sich nicht, außerdem gab es da ja noch Teo Macero … Terje Rypdals Ghostdancing von dem Album Vossabrygg aus dem Jahr 2006 hatte sicherlich seine Referenzen zu Pharaoh’s DanceBitches Brew selber bot bei diesem Konzert gegenüber den anderen Live-Versionen keine Überraschungen, und dann kam auch schon The Theme.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014 Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1376f.).

Dienstag, 25. Juli 2023

1970-06-18 New York [Sonntag, der 23. Februar 2014]

Zu diesem Frühstück mit Spiegelei hörte Hans Köberlin jenes Konzert, das Miles Davis am 18. Juni 1970 at the Fillmore East gegeben hatte. Die Sets waren fast identisch gewesen in jenen Tagen und Hans Köberlin nahm sich einmal wieder vor, das Vertraute der Stücke zu transzendieren und sehr genau zuzuhören und auf die den Augenblicken der Aufführung entsprungenen Nuancen zu achten, und wir bemühen uns einmal wieder mehr oder weniger dilettantisch, dieses Unterfangen einigermaßen in Worte zu fassen. – Zum Auftakt natürlich Directions, das Stück hatte hier nicht für es charakteristisch mit Baß und Schlagzeug begonnen, sondern ein kleines Willie Nelson-Vorspiel außerhalb des üblichen Grooves bekommen, zu dem es auch nicht – wie bei Interpretationen vorher und nachher, etwa in einem halben Jahr in Washington – wieder fand, sondern eher in einem mittlerweile bereits ein Jahr lang hin zu der Jack Johnson-Zeit gereiften Stil von Bitches Brew blieb. Dem entsprechend folgte The Mask, dem Hans Köberlin bei jedem Hören mehr abgewinnen konnte. Bei dem Auftritt gestern aus der Zeit unmittelbar nach Bitches Brew war die Band mit dem Bitches Brew-Repertoir  n o c h  n i c h t  w i e  Bitches Brew aufgetreten, und jetzt schon  n i c h t  m e h r  w i e. Wenn Heraklit recht hatte, dann bei Miles Davis. Es folgte It’s About That Time, noch erkennbar, aber schon sehr weit entfernt von In A Silent Way. Geführt von den Baßläufen hatte Hans Köberlin keine Mühe, genau zuzuhören. Es verlief sich dann und die Trompete erfüllte den Raum eine kurze Weile, um auf Bitches Brew überzuleiten, das – wie auch sonst?! – charakteristisch begann, so blieb es eine Weile, dann kam es zu einer bemerkenswerten Reduktion auf Trompete und Orgel, die – wie am Vortag Chick Corea mit dem E-Piano – die Stelle des Baß einnahm, damit sollte es ausklingen, aber das Publikum bekam noch seine Zugabe, Spanish Key, das nahe an der Version der Studiosession blieb, und Hans Köberlin fühlte sich einmal wieder wie ein Faun.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014 Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1341f.).

1970-06-17 New York [Dienstag, der 18. Februar 2014]

Frühstück im leeren Wintergarten mit Miles Davis, diesmal mit jenem Konzert, das der am 17. Juni 1970 at the Fillmore East gegeben hatte. Er hatte hier neben Chick Corea am elektrischen Klavier noch Keith Jarrett – erstmals live dabei, zumindest in Hans Köberlins Sammlung – an der elektrischen Orgel, was für eine gewisse, von Hans Köberlin goutierte, Komplexität im Rhythmus sorgte. Es begann, wie damals üblich, mit Directions bei dem es plötzlich einen Bruch gab, der Hans Köberlin ein Mißverständnis in der Band vermuten ließ: alle hatten wohl gedacht, man sei mit dem Stück durch, als Miles Davis das Thema nochmals aufgriff, man setzte also das verbleibende Drittel wesentlich langsamer bis zu dem wirklichen Ende fort. Aus der Stille folgte, bereits in Richtung Jack Johnson, The Mask, das war in den ersten drei Minuten vor allem eine Improvisation Jarretts, dann, sehr schön, Baß und Trompete beziehungsweise Baß und Saxophon. Anschließend näherte man sich mit It’s About That Time wieder ein wenig dem schnellen Auftakt, es wurde groovy und schließlich kam, nach einem wunderbaren Übergang, Bitches Brew, dem Hans Köberlin, wie bei jedem Konzertmitschnitt, wieder neue Aspekte abgewann, diesmal den stockhausenen Aspekt, als der für das Stück charakteristische Baßlauf pausierte und Chick Chorea das Spiel vorgab, diesmal ohne dabei das Ganze zerfallen zu lassen. Hans Köberlin war sehr zufrieden mit dem, was er da gerade gehört hatte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014 Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1280).

Montag, 24. Juli 2023

1970-04-11 San Francisico [Dienstag, den 11. Februar 2014]

Zum Frühstück hörte Hans Köberlin jenes Konzert aus Miles Davis’ elektrischer Phase, das der am 11. April 1970 im ›Fillmore West‹ gegeben hatte. Es war wohl kein kompletter Mitschnitt, denn es begann und endete in medias res und es waren bloß drei Stücke, Paraphernalia, Footprints und Miles Runs The Voodoo Down. Diese Zusammenstellung – ohne Gitarre und ohne Stücke aus Jack Johnson – wirkte so wie aus einer Gelenkzeit zwischen Bitches Brew und On the Corner, mit Verweisen zurück in die Zeit des ›klassischen‹ Quintetts. Miles Davis war sehr präsent, ließ aber auch – wie am Vortag – großen Raum für Corea und Grossman.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014 Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1190).