Mittwoch, 13. April 2022

Fenster #381

Die Enthebung des Wählenmüssens

Die genaue Beobachtung der Sache empfiehlt dir gleichzeitig auf die natürlichste Weise das Mittel, sie aufs Papier zu übertragen. Sie enthebt dich des Wählenmüssens. Die Entscheidung liegt sozusagen in der Beobachtung selbst […] die Zeichnung ist eine Täuschung mit durchschaubaren Mitteln. Ohne eindrucksvolle Täuschung wärs eine alberne Sache, und ohne Durchschaubarkeit der Mittel wärs eine schlechte Zeichnung. Sind aber diese beiden gegensätzlichen Elemente harmonisch vereint, wirst du sehen, daß die Natur bei genauer Betrachtung eher einer guten Zeichnung ähnelt als einer schlechten.

(Horst Janssen, Zu »Hokusais Spaziergang«; in: Querbeet. Aufsätze, Reden, Traktate, Pamphlete, Kurzgeschichten, Gedichte und Anzüglichkeiten, München 31986, S. 155f.).

Fenster #380 [Die Welt kann durch eine Dachluke gesehen erstaunlich weit sein.]

Samstag, 26. März 2022

Wenn nicht dort – wo sonst?

Wenn ich im Schilf sitze, verliere ich die Angst, fast vergessene Binsenwahrheiten einfach auszusprechen.

(Horst Janssen, Tagebuch zu »Hokusais Spaziergang«; in: Querbeet. Aufsätze, Reden, Traktate, Pamphlete, Kurzgeschichten, Gedichte und Anzüglichkeiten, München 31986, S. 114f.).

Samstag, 19. März 2022

Sonntag, 13. März 2022

Empirie, 25. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.660 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.571
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.403 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 3.779
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.255
    • Fußnoten: 3.383
    • Kapitel: XII (= Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe)
    • Tag der Überarbeitung: Montag, der 17. Februar 2014, der 139. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Sonntag, 6. März 2022

Freitag, 4. März 2022

Donnerstag, 17. Februar 2022

1965-12-23 Chicago 2nd Set [Samstag, den 15. Februar 2014]

Zum Frühstück hörte er das zweite Set jenes Konzerts, daß Miles Davis am 23. Dezember 1965 in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Es begann schön langsam mit All of You, Miles Davis spielte mit Dämpfer und gab das Spiel nach viereinhalb Minuten an Wayne Shorter weiter. Hans Köberlin mußte sich bemühen, bei der Musik zu bleiben und seine Aufmerksamkeit nicht zu arg schweifen zu lassen, er merkte das, als er sich plötzlich in Gedanken bereits bei gleich zu schreibenden Aufzeichnungen im ersten Drittel von Agitation wiederfand … also zurück zu Wayne Shorter im vorherigen Stück, das dann von Miles Davis zum Ausklang geführt wurde. Agitation war natürlich ein schnelles Stück, aber diesmal nicht zu schnell, Miles Davis spielte hier ohne Dämpfer, was Hans Köberlin bei den älteren Sachen bevorzugte. Dann zog es, getrieben vom Schlagzeug, an, was aber durch Herbie Hancock Klavierspiel konterkariert wurde, auch beim anschließenden Saxophonsolo, bei dem der Baß quasi das Schlagzeug an die Leine nahm, es wurde freier, dann übernahm das Klavier, blieb im Freien, um am Ende die Melodie wieder aufzugreifen und an Miles Davis abzugeben, der das Stück schloß und überleitete zu My Funny Valentine, das langsam akzentuiert begann und dann von Rhythmusgruppe in einen Swing gezogen wurde, über dem Miles Davis weiter seine Akzente setzte und Hans Köberlin mußte an die Bedienung gestern im ›Dolphin Pub‹ denken, dann brachte Wayne Shorter den Swing zum Stoppen, bevor er über der Melodie, die fast zum Stillstand kam, improvisierte, bis Herbie Hancock sein Solo bekam. Dann kam, wieder mit Dämpfer, On Green Dolphin Street, und erneut hatte Hans Köberlin einen Einsichten gewährenden Ausschnitt vor Augen, dieses Set gefiel Hans Köberlin jetzt, nach den bisher im Verlauf seines Rituals fünf gehörten, am besten von den sieben dieser beiden Konzertnachmittage und -abende, aber nicht bloß deswegen, wegen der Erinnerung an gewährte Einblicke auf Ausblicke, an seinem Gefallen änderte auch das für Hans Köberlins viel zu schnell gespielte So What nichts. Es kam, wie in der Zeit üblich, wobei eigentlich auch schon da überholt, noch das sogenannte Thema, bei dem Miles Davis und Wayne Shorter was das Tempo betraf um die Wette spielten.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1232f.).

Montag, 14. Februar 2022

Nach dem Nebel

Als Hans Köberlin so gegen halbsechs Uhr aufbrach, da setzte der Wind wieder ein und der graue Spuck begann sich zu verziehen und gab nach und nach einen blauen wolkenlosen Himmel frei. Und als Hans Köberlin auf der Höhe der Cala Calalga an die Steilküste kam, da sah er, daß im Nachbarort linkerhand noch stellenweise der Nebel zwischen den Hügeln festhing, was aussah, als habe man auf einem farbig leuchtenden Bild stellenweise die Farben – die wir hier eh nicht wiedergeben können – wegradiert.
Nur nebenbei und um einen Eindruck von Hans Köberlins physischer Verfassung bei artfördernder Haltung zu vermitteln sei hier angemerkt: der dunkle Punkt im Meer rechts auf der Photographie war die gelbe Boje der links nicht mehr auf der Photographie zu sehenden Cala Calalga – jede Badestelle hier hatte ihre gelben Bojen –, bis zu der Hans Köberlin in der Ende April endlich anhebenden Schwimmsaison fast täglich mindestens einmal hinausschwimmen sollte.

Freitag, 11. Februar 2022

Der eintausendachthundertneunundsechzigste Eintrag

Be not the first by whom the new are try’d,
Nor yet the last to lay the old aside.

(Alexander Pope, Essay on Criticism, London 1711).

Sonntag, 2. Januar 2022

Sonntag, 19. Dezember 2021

»… et adieu la verve.«

Mais comment, me direz-vous, le poëte, l’orateur, le peintre, le sculpteur, peuvent-ils être si inégaux, si différents d’eux-mêmes ? C’est l’affaire du moment, de l’état du corps, de l’état de l’âme ; une petite querelle domestique ; une caresse faite le matin à sa femme, avant que d’aller à l’atelier : deux gouttes de fluide perdues et qui renfermaient tout le feu, toute la chaleur, tout le génie ; un enfant qui a dit ou fait une sottise ; un ami qui a manqué de délicatesse ; une maîtresse qui aura accueilli trop familièrement un indifférent ; que sais-je ? un lit trop froid ou trop chaud, une couverture qui tombe la nuit, un oreiller mal mis sur son chevet, un demi-verre de vin pris de trop, un embarras d’estomac, des cheveux ébouriffés sous le bonnet ; et adieu la verve. Il y a du hasard aux échecs et à tous les autres jeux de l’esprit. Et pourquoi n’y en aurait-il pas ? L’idée sublime qui se présente, où était-elle l’instant précédent ? À quoi tient-il qu’elle soit ou ne soit pas venue ? Ce que je sais, c’est qu’elle est tellement liée à l’ordre fatal de la vie du poëte et de l’artiste, qu’elle n’a pas pu venir ni plus tôt ni plus tard, et qu’il est absurde de la supposer précisément la même dans un autre être, dans une autre vie, dans un autre ordre de choses.

(Denis Diderot, Œuvres complètes de Diderot, volume XI, Promenade Vernet (Salon de 1767).

Die hintere Dachterrasse

Samstag, 18. Dezember 2021

1965-12-23 Chicago 1st Set [Montag, den 10. Februar 2014]

Wegen des starken Windes mußte Hans Köberlin im leeren Wintergarten frühstücken. Salami, Käse, Butter, Marmelade und Eier waren noch von vorletzter Woche im Kühlschrank gewesen und im Eisfach das Toastbrot für alle Fälle. Er frühstückte, um an die Frühstücke in der Hauptstadt, in der er ja gestern noch gewesen, anzuknüpfen, mit dem ersten Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 23. Dezember 1965 – da war der Busenfreund ein Jahr alt geworden – in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Es war das gleiche Programm wie bei dem ersten Set des Vortags, das Hans Köberlin nicht mehr so im Gedächtnis hatte, daß er hätte vergleichen können. Die Musik rauschte die ersten zehn Minuten dahin, dann ließ Herbie Hancock Hans Köberlin aufhorchen. Während er also mehr oder weniger konzentriert hörend da saß und auf das schaute, was man durch die beiden nicht satinierten Glastüren des leeren Wintergarten sehen konnte – den Hof, die Mauer zum vorderen Garten, den Zitronenbaum, die Palme, die Nachbarhäuser, die Hochhäuser und den Morro de Toix – begann die in der Hauptstadt verbrachte Zeit bereits wieder unwirklich zu werden … gestern am Morgen noch in der ersten Dämmerung bei Kaffee durch das Küchenfenster der Frau auf die Spree geschaut … Bei Stella By Starlight war es Wayne Shorter, der Hans Köberlins besondere Beachtung fand, der Meister selber tauchte vor allem bei den ruhigeren Passagen oder bei unerwarteten Tempowechseln in seinem Bewußtsein auf. Aber es müßte nun einmal wieder etwas Elektrisches kommen, etwas aus seiner, Hans Köberlins, Zeit. I Fall In Love Too Easily war eine Erholung nach Walkin’, irgendeiner der Miles-Davis-Biographen, Hans Köberlin wußte nicht mehr, wo er es gelesen hatte, hatte einmal die Bandbreite der Auftritte jener Zeit mit »Balladenstimmung« und »hektische Treibjagd« abgesteckt, das traf es ganz gut.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1182).

Mittwoch, 15. Dezember 2021

Die Galerie #1 (Stand 28. Mai 2014)

Die Abbildung zeigte den Stand vom Mittwoch, dem 28. Mai 2014, es sollten noch, wie aus unserem Bericht zu ersehen sein wird, einige schöne Nackte dazukommen, das vollständige Ensemble zeigen wir unten auf einer Doppelseite. Hans Köberlin sah also Catherine Deneuve in Belle de Jour (1967),* darunter Maruschka Detmers unter der Dusche in Prénom Carmen (1983), dann rechts neben Catherine Deneuve die ihre Bluse aufknöpfende Gudrun Krüger in Die Halbstarken (1956), dann Anna Baldaccini in Sauve qui peut (la vie) (1980) und schließlich die gleichfalls duschende Margarita Borissowna Terechowa in Zerkalo (1975).

* Eben erinnern wir uns sehr gut daran, daß wir in der Fußnote 1062 auf S. 292 geschrieben haben: »Aber das Bild von Catherine Deneuve schlechthin war gleichfalls wegen des morgigen Geburtstages auf einem der alten archivierten Filmkalenderblätter, nämlich sie mit entblößtem Oberkörper von seitlich hinten gesehen, ihr linker Arm verdeckte die linke sichtbare Brust bloß teilweise, und sie blickte über die Schulter mit leicht geöffnetem Mund ihren Betrachter an … Das war natürlich das berühmte Still aus Belle de Jour (1967) von dem genialen Luis Buñuel […] Hans Köberlin sollte morgen dieses Kalenderblatt nehmen und […] es im Schlafzimmer neben dem Still aus Buñuels Un chien Andalou (vgl. oben S. 231) an die Wand drapieren …« – Aber wo war dieses Still aus Un chien Andalou auf der Photographie oben?! Wir sind uns sicher, daß es dort war, als wir die Photographie machten, und wir haben es auch in unseren Unterlagen …

Un chien Andalou (Luis Buñuel, 1928)

Montag, 6. Dezember 2021

Empirie, 24. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.628 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 4.525
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.373 von ca. 2.400 Seiten
    • Fußnoten: 3.735
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.163
    • Fußnoten: 3.137
    • Kapitel: XII (= Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe)
    • Tag der Überarbeitung: Montag, der 10. Februar 2014, der 132. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Sonntag, 5. Dezember 2021

1965-12-22 Chicago 3rd Set [Sonntag, den 9. Februar 2014]

… also: noch ein heftiger Kuß, dann ließ er die Sicherheitskontrollen über sich ergehen und setzte sich, übermüdet von dem wenigen Schlaf, in den Wartebereich vor dem Gate, legte seine Ohrhörer an und hörte, auf die Aufforderung zum Einstieg in das Flugzeug wartend, das dritte Set jenes Konzert, das Miles Davis am 22. Dezember 1965 in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Dreieinhalb Stunden hatte das Quintett in den drei Sets dieses Tages gespielt, und am Folgetag sollten es fast vier Stunden in vier Sets werden. Dieses Set begann mit All Of You, Miles Davis spielte mit Dämpfer dann kam Wayne Shorters Part, der das Warten zu einem Film machte. Von der schwarzen Serie an bis zu den Anfängen der Nouvelle Vague waren Trompete und Saxophon die wichtigsten Instrumente bei Soundtracks, und das Klavier vielleicht noch – denn Herbie Hancocks Einsatz kam gerade –, und Baß und Schlagzeug … also: von der schwarzen Serie an bis zu den Anfängen der Nouvelle Vague kamen die wichtigsten Soundtracks von Jazzquintetten. Übergangslos erfolge der Tempowechsel zu Oleo, dann, ohne Dämpfer, I Fall In Love Too Easily, das einzige Stück, daß sie an diesem Dezembertag zweimal gespielt hatten, dann No Blues und I Thought About You, was Hans Köberlin natürlich tat, an die Frau denken nämlich, auch als er sich an den Rest der Schlange vor den beiden Schaltern anstellen mußte, dort das Ticket zur Kontrolle vorzeigte und zu den letzten Takten des Schlußthemas seinen Platz im Flugzeug einnahm.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1156).

Dienstag, 30. November 2021

1965-12-22 Chicago 2nd Set [Donnerstag, der 6. Februar 2014]

Zu dem Frühstück, zu dem sie sich wegen der eben genannten Disposition garnicht erst richtig anzogen, hörten sie das zweite Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 22. Dezember 1965 in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Diese Sets und die vier des Folgetags waren von einer gewissen Lakonie geprägt. Es begann diesmal ruhig mit My Funny Valentine, dann kam Four, das Hans Köberlin, wie bereits angedeutet, nur in zwei Live-Fassungen kannte, When I Fall In Love schlich sich irgendwie an dem Bewußtsein des abgelenkten Hans Köberlin vorbei, bei Wayne Shorters Saxophonspiel von Agitation horchte er dann wieder auf, gerade rechtzeitig zu Herbie Hancocks Solo, schließlich folgten noch ’Round about Midnight und Milestones.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1143f.).

1965-12-22 Chicago 1st Set [Donnerstags, der 16. Januar 2014]

Mit diesem eher banalen Eintrag in sein Arbeitsjournal eröffnete Hans Köberlin sein Lesen und Schreiben im leeren Wintergarten, nachdem er zuvor dort zum Frühstück das erste Set jenes Konzerts gehört hatte, das Miles Davis am 22. Dezember 1965 in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Jetzt war Wayne Shorter, den ihm damals bei seinem Weggang John Coltrane empfohlen, in seinem Quartett. Es lag noch nicht in der Luft, was in den nächsten Jahren kommen würde, das Set war noch in dem damals üblichen Rahmen, man spielte If I Were A Bell, Stella By Starlight, Walkin’, I Fall In Love Too Easily und über zehn Minuten The Theme, wobei Hans Köberlin nicht heraushören konnte, ob ein und wenn ja welches Stück außer dem Thema dahintersteckte, alle Stücke bis auf Herbie Hancocks Solo in Stella By Starlight und I Fall In Love Too Easily waren eher in einem schnelleren Tempo. Das zweite Set dieses Tages würde es dann in der nächsten Runde geben.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 979).

1964-09-25 Berlin [Mittwoch, der 5. Februar 2014]

… dann frühstückte man zu dem Konzert, das Miles Davis am 25. September 1964 hier in der Hauptstadt gegeben hatte. Das war der erste Auftritt Wayne Shorters in Hans Köberlins Miles-Davis-Sammlung, und dieses Quintett mit Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams sollte bis zum Beginn der elektrischen Phase so fortbestehen. Wie üblich in der Zeit gab es einen Wechsel von schnell und langsam gespielten Stücken, und das Programm bestand aus Milestones, Autumn Leaves, wieder ganz anders interpretiert als zusammen mit Cannonball Adderly und noch weiter weg davon als im Vorjahr in Antibes*, So What, das Hans Köberlin lieber als langsames Stück gehört hätte, wie immer schön Stella by Starlight und Walkinʼ. […] Wie ihn die Stücke der elektrischen Phase stets konkret affizierten, war es bei den vorherigen Stilen – ›Bebop‹, ›Cool‹, ›Hard Bop‹ et cetera – eher ein allgemeines Goutieren, bei dem je nach aktueller Laune dieses oder jenes als besonders gelungen auffiel … »Petit pan de mur jaune …«** Bei ›Fusion‹ war er persönlich stehengeblieben und also auch nicht auf der Höhe der Zeit, aber dazu bekannte er sich … »There have to be dinosaurs or the little kids won’t have nothing to look at in the museum, right?«*** … er nahm dennoch manches danach Gekommene mit Wohlgefallen wahr – etwa den ›Dark Jazz‹ der gestern erworbenen Piano Nights und viele Einspielungen auf Manfred Eichers ECM-Label –, aber man mußte ja nicht alles mitmachen.

* … und zu einer weiteren Interpretation in der Stadt, die niemals schlief; wir werden unten noch auf eine frühere und eine spätere Interpretation Miles Davisʼ zu sprechen kommen. Hans Köberlin kannte Joseph Kosmas Prévert-Vertonung – außer, wie gesagt, der, nicht zuletzt wegen des Auftakts kanonisch gewordenen und auch mit Miles Davis, von Cannonball Adderly – noch von einem Konzert, das John Coltrane am 28. November 1962 in Graz gegeben hatte, dann natürlich aus Kosmas Soundtrack zu Marcel Carnés Les Portes de la nuit (1946), dort gesungen von Yves Montant, und als Medley zusammen mit For Sentimental Reasons und Tenderly gesungen von Natalie Cole.
** Marcel Proust, La Prisonnière, Paris 1923, Chapitre premier: Vie en commun avec Albertine.
*** Thomas Pynchon, Bleeding Edge, New York 2013, S. 156.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1130f.).

1964-07-14 東京市 [Montag, der 27. Januar 2014]

Über dieser Lektüre hatten sich die Wolken weitgehend verzogen und Hans Köberlin absolvierte seinen Dauerlauf und war danach sehr froh, daß es doch noch dazu gekommen war. Anschließend frühstückte er im leeren Wintergarten, denn der Himmel war jetzt zwar wolkenlos blau, aber der Sturm hatte bloß unwesentlich nachgelassen. Dazu hörte er jenes Konzert, das Miles Davis am 14. Juli 1964 in der Hauptstadt des Landes der aufgehenden Sonne gegeben hatte. Das Programm lief zunächst wieder nach der schnell-langsam-Alternation ab, bei der auf If I Were a Bell eine wunderbar dramatische Interpretation von My Funny Valentine folgte, Miles Davis spielte ab hier ohne Dämpfer, dann blieb es aber die nächsten beiden Stücke – So What und Walkin’ – schnell. Das Konzert endete mit dem langsamen All of You, wieder mit Dämpfer gespielt, Hans Köberlin hatte das Gefühl, daß hier ein Übergang in eine neue Phase zu hören war, bei dem man aber noch ziemlich dem eigentlich Überholten anhing.*

* Hätte Hans Köberlin das Buch von Ian Carr zur Hand gehabt, hätte er seine Vermutung dort von kompetenter Seite bestätigt gefunden: »Es war mittlerweile [1964] klar, daß die frische Vitalität des Trompeters und seiner Band und die neue Behandlung alten Materials die Lösung des eigentlichen Problems leidlich hinausschob: es mußten neue musikalische Konzepte entwickelt werden, die die Identität dieser jungen Band, die sich von Miles’ früheren Bands total unterschied, zum Ausdruck bringen konnten […] die schnelleren Stücke [wurden] fast durchweg zu hektisch gespielt und wirken etwas hingehauen, während die langsamen und mittleren Nummern mit vorher noch nie erreichter Tiefe und Brillanz aufgeführt wurden.« (Ian Carr, Miles Davis. Eine kritische Biographie, Baden 1985, S. 150f.; dort auch eine ausführliche Analyse von Miles Davis’ damaliger My Funny Valentine-Interpretation).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1060f.).

1964-02-12 New York 2nd Set [Mittwoch, der 15. Januar 2014]

Hans Köberlin hörte zu dem Frühstück im leeren Wintergarten das zweite Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 12. Februar 1964 in der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte. Es begann mit einer sehr schönen, moderaten, quasi paraphrasierende Interpretation des All Blues, bei dem das Solo Herbie Hancocks vor dem George Colemans kam, und Hans Köberlin überlegte, ob es das bei seinen Formationen bereits einmal gegeben und ob dies eine Aufwertung des Pianos im Jazz jener Zeit bedeutet, Herbie Hancock hatte bei diesem Set auch sonst neben Miles Davis den größten Raum. Es folgte als längstes Stück des Sets My Funny Valentine, bei dem Hans Köberlin während das Saxophon improvisierte dachte, daß es eine schöne Zeit gewesen sein mußte, damals, während der er im falschen Alter am falschen Ort gewesen, dann, seiner Art nach in einer anderen Stimmung, Joshua, dann wieder wie zuvor I Thought About You
»Was ich auch tue!« (er meinte die Frau).
… dann Four, das Hans Köberlin nur in zwei Live-Fassungen kannte, die zweite würde bei dieser Runde übersprungen, dann, wieder in der Manier von Joshua das damals aktuelle Seven Steps To Heaven und schließlich There Is No Greater Love
»Natürlich!« (er meinte die Frau).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 972).

1964-02-12 New York 1st Set [Dienstag, der 31. Dezember 2013]

Zum Frühstück, das wegen der Erkältung der Frau wieder im leeren Wintergarten eingenommen wurde, gab es heute das erste Set jenes Konzerts, welches Miles Davis am 12. Februar 1964 in der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte. Es war in etwa das gleiche Programm wie gestern ein Jahr zuvor auf dem Festival in Antibes, morgen, so nahm er sich vor, würde er einen etwas größeren Zeitsprung machen. Die Ansage ging, ihrem Ritual – erst Schlagzeug, dann Baß, dann Klavier et cetera … – folgend, über zwei Minuten, dann kam zur Eröffnung erneut Autumn Leaves, gefolgt von einem sehr schnell interpretierten – also die Stücke wie gestern im Tempo alternierend – So What, dann, Hans Köberlins Favorit auf diesem Mitschnitt, Stella By Starlight, und schließlich noch Walkin’ und All Of You.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 862f.).

1963-07-27 Antibes [Montag, der 30. Dezember 2013]

Es war so sonnig und warm und windstill, daß sie draußen auf der anderen Dachterrasse frühstücken konnten, die erste Mahlzeit, die die Frau dort einnahm. Hans Köberlin schaffte bei der Frühstücksvorbereitung auch das Equipment hoch, das sie benötigten, um während des Frühstücks den Auftritt Miles Davis’ mit seinem damaligen Quintett – Herbie Hancock am Klavier – am 27. Juli 1963 auf dem festival de jazz d’Antibes Juan-les-Pins zu hören. Es war ein langes Konzert, knapp eindreiviertel Stunde, aber die Zeit würde man hier, angenehm in der Sonne auf der anderen Dachterrasse sitzend, haben. Es begann mit Autumn Leaves, dessen kanonische Fassung Davis mit Cannonball Adderley auf Somethin’ Else eingespielt hatte, es folgten das schnelle Milestones und dann langsam und verträumt I Thought About You, was sehr schön zu der entspannten Stimmung unseres Paares paßte, dann wieder schnell, in der Manier von Milestones, Joshua, und dann wieder langsam und verträumt All Of You. Walkin’ und Bye Bye Blackbird sollten folgen und Hans Köberlin nahm erstmals bewußt dieses konsequent durchgezogenen Wechsel von schnell und langsam wahr. Er nahm sich vor, nicht mehr so oberflächlich in seinem Rezeptionsverhalten zu sein, und lobte einmal wieder wegen der Einsichten, zu denen man durch sie gelangte, Rituale und Gewohnheiten, während sie zu dem Abschlußthema bereits begannen, alles zum Hinunterschaffen zusammenzupacken.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 857).

Montag, 29. November 2021

1961-05-19 New York [Dienstag, der 14. Januar 2014]

Er frühstückte dennoch in dem leeren Wintergarten, und während des Frühstücks stellte sich seine Stabilität wieder ein, als er das Konzert hörte, das Miles Davis mit seinem damaligen Quintett sowie mit Gil Evans und seinem Orchester am 19. Mai 1961 in der Carnegie Hall gegeben hatte. Dabei waren, wie Hans Köberlin bei der Eröffnung So What, bei dem Davis mit dem Quintett und dem Orchester gemeinsam spielte, dachte, quasi Kind of Blue und Sketches of Spain zusammengekommen. Weiter ging es mehr oder weniger alternierend – Qrchester und Quintett –, insgesamt umfaßte das Repertoire an diesem Abend zwölf Stücke in knapp eineinhalb Stunden, wobei Teo wieder einmal zu den Höhepunkten gehörte und Hans Köberlin bei Walkin’ wieder einmal dachte, daß das so gespielt eigentlich Runnin’ heißen müßte. Bei No Blues gab es Raum für die Soli der Rhythmusgruppe und den Abschluß bildete schließlich das Adagio des Concierto de Aranjuez, etwas verhaltener als im Studio, was ihm aber nur guttat. Jemand hatte Davis erzählt, Joaquín Rodrigo hätte seine und Gil Evans Version das Adagio nicht gefallen, woraufhin der bloß auf die Tantiemen, die bald eintrudeln würden, verwiesen habe … Wie das wohl in einer Interpretation mit dem Quintett geklungen haben würde …* Er hatte noch eine Version des gesamten Concierto von Paco De Lucia, die könnte er vielleicht später …

* Vgl. Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München 4. Aufl. 2000, S. 330. Dort (S. 330f.) hatte Davis auch eine Geschichte von jener Art, wie auch wir eine, ohne die Quelle angeben zu kön‐ nen, in Telos (a. a. O., S. 65 und dort in der Fußnote 242) kolportiert haben, erzählt: »Von einer Frau erfuhr ich später, daß sie einem alten Stierkämpfer, der sich zurückgezogen hatte und Stiere für die Arena züchtete, die Platte [Scetches of Spain] vorspielte […] er saß da und hörte zu. Als die Musik zu Ende war, stand er auf, zog seinen Toreroanzug an, nahm seinen Degen, ging raus, kämpfte und tötete zum ersten Mal, seitdem er sich zurückgezogen hatte, wieder einen Stier. Sie wollte wissen, warum er das gemacht hatte, und er erklärte ihr, die Musik hätte ihn so bewegt, daß er einfach hätte kämpfen müssen. Ich konnte die Geschichte kaum glauben, aber diese Frau schwor, daß es so gewesen war.«

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 955f.).

1961-04-22 San Francisco 3rd and 4th Set [Samstag, der 8. Februar 2014]

Um das Frühstück ruhig zu gestalten, brach Hans Köberlin eine Regel seines Rituals und ging, noch bevor ein kompletter chronologischer Durchlauf absolviert, sechs Jahre gegenüber gestern zurück zu dem dritten und vierten Set jenes Konzerts, das Miles Davis am Samstag, dem 22. April 1961 in der Stadt gegeben, die man mit Blumen im Haar besuchen sollte. Es begann wieder mit Autumn Leaves, sehr melodisch, deswegen war er ja von dem üblichen Ritual abgewichen, gefolgt von Neo, wie immer genial, auf Two Bass Hit hätte Hans Köberlin verzichten können, das paßte nun garnicht zu der Stimmung davor, obwohl man sich nach dem Intro von dem Schema des Stückes entfernte, und nach dem Bye Bye-Thema schließlich ließ Wynton Kelly wie neulich mit ein paar Takten Love, I’ve Found You das dritte Set ausklingen. Das vierte Set begann schön langsam und balladenhaft mit I Thought About You, es ging weiter in dem Stil mit Someday My Prince Will Come und zum Abschluß, angenehm ausschwingend, Softly As in a Morning Sunrise.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1152f.).

Samstag, 13. November 2021