Zwanzig Jahre später biege ich um eine Straßenecke und überlege dabei, wie es damals wohl angefangen hat. In einem Zug natürlich: der Protagonist schaute aus dem Fenster auf den Ablauf der Landschaft, jemand drehte anscheinend eine Kurbel, um die Kulisse in Bewegung zu setzen, damit die Illusion einer linearen Bewegung entstand, mir kam die Idee und Clemens Limbularius war irritiert ob der Lage, in der er sich durch diese Konstellation befand, oder anders gesagt: der Zustand seines Bewußtseins fand keine Entsprechung in seiner Umwelt. Welcher Illusion sitze ich jetzt schon wieder auf? fragte sich Clemens Limbularius in Folge der Irritation, dann nickte er ein, nach dem letzten Halt vor dem Bahnhof, an dem er aussteigen mußte, also nach dem Halt in der alten Hauptstadt, beziehungsweise nicht der alten Hauptstadt, sondern der Hauptstadt zwischen der alten alten und der neuen alten Hauptstadt. Er nickte ein, zweiter Klasse Großraumwagen, Raucher, Fensterplatz, ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schoß. Es handelte sich bei dem Buch vermutlich um ein Buch über eingebildete oder wirkliche Lungenkranke in einem Bergsanatorium vor dem ersten Weltkrieg, oder um ein Buch über die Folgen des Eintunkens von Gebäck in Tee während eines Besuchs bei der Großmutter oder der Tante (wenn man nachschlägt stellt man fest: es war Tante Léonie), oder um ein Buch über ein im Meer lebendes Säugetier mit einer für es, das Säugetier, ungewöhnlichen oder zumindest nicht alltäglichen Farbe, oder um ein Buch über einen Romanleser, der sich in der Epoche der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über eine Romanleserin, die sich in dem Realitätsstatus der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über einen Annoncenakquisiteur, der durch eine Stadt strich, während er wußte, daß seine Frau es gerade in ihrem gemeinsamen Ehebett mit einem Anderen trieb oder um sonst ein Buch von beträchtlichem Umfang, geeignet für eine längere Reise. In seinem Gesichtsfeld hatte Clemens die Rückseite der Rückenlehne des Sitzes vor ihm mit dem hochgeklappten Ablagebrett, neben sich auf dem leeren Sitzplatz hatte er seine grüne Segeltuchtasche, deren Reißverschluß zur Hälfte hin geöffnet war, abgestellt, was neben dem der Zuhandenheit der Tasche noch den weiteren und weitaus wesentlicheren Vorteil hatte, daß der Platz für eventuell vorbeigehende Sitzplatzsucher nicht einladend wirkte. Aus der grünen Segeltuchtasche heraus lugte der kurze Hals einer eckigen Flasche mit metallenem Schraubverschluß. Der Bauch der Flasche im Bauch der Tasche lag im Dunkel, nur ein schwacher Dämmer drang von oben herein. Hätte jemand – etwa ein Homunculus, der in der grünen Segeltuchtasche sein Dasein fristete – in der Tasche Licht gemacht, dann hätte er sehen können, daß die Flasche zur Hälfte geleert war; und hätte der Taschenbewohner seine Lesebrille aus dem Jackett gezogen und einen Blick auf das Etikett der Flasche geworfen, dann hätte er wohl den Kopf geschüttelt oder verstehend genickt angesichts Clemens’ Schlummer, soweit er denn in seinem Taschendomizil überhaupt davon Kenntnis genommen hätte. In der Flasche befand sich nämlich ein bernsteinfarbenes Getränk, das in der alten Sprache seines Herkunftslandes uisge beatha genannt wird, was soviel heißt wie Lebenswasser, vulgo ein Getreidebranntwein, hergestellt aus über Torffeuer gedarrtem Gerstenmalz, trinkfähig erst nach mindestens fünfzehn Jahren. Clemens profitierte davon, daß er in einer Organisation seinen Lebensunterhalt verdiente, die es sich, zugegebenermaßen nicht ganz selbstlos, zur Aufgabe gemacht hatte, das Lebenswasser aus seinem Herkunftsland und andere Lebenswässer aus anderen Herkunftsländern, klare und bernsteinfarbene, per Schiff oder Lastkraftwagen zu uns in die Bundesrepublik zu transportieren und hier an jene zu verteilen, die es wiederum gegen einen zu entrichtenden Obolus unter das Volk brachten. Die ganze Verteilerei war – hielt man sich an die Regeln – vollkommen legal. Die Flasche in der Tasche allerdings hatte Clemens in dem Lager der Organisation illegal an sich genommen (das meinte profitieren).
Herbert Neidhöfer, homme de lettres
Home ·
Das Projekt ·
Bilder · Verweise ·
Aus dem Katzengraben ·
Kontakt / Impressum
Dienstag, 29. September 2026
Donnerstag, 30. Juli 2026
Dienstag, 12. Mai 2026
Sonntag, 29. Dezember 2024
Sonntag, 17. September 2023
»… wie jeder Pudding …«
»… das Glück kennt Rezepte wie jeder Pudding. Es kommt auf Grund einer genauen Dosierung verschiedener Elemente zustande. Es ist ein Effekt.«
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.2, S. 785).
Freitag, 18. August 2023
Montag, 24. Juli 2023
1970-04-10 San Francisco [Sonntag, der 5. Januar 2014]
Zum Frühstück gab es das Konzert, das Miles Davis am 10. April 1970 – etwa die Zeit, als Hans Köberlins aleatorische Knabenspiele begannen – im ›Fillmore West‹ in der Stadt, zu der man mit einigen Blumen im Haar reisen sollte, gegeben hatte, er hatte es ausgewählt, weil hier das von ihm höchstgeschätzte Willie Nelson aus der von ihm höchstgeschätzten Jack Johnson-Zeit zum ersten Mal in seiner Sammlung von Mitschnitten auftauchte* –: ein geniales Konzert! Die Stücke von Bitches Brew wurden mit dem neuen Jack Johnson-Groove, bei dem eigentlich Jimi Hendrix als Gitarrist vorgesehen war, interpretiert, interessant war in diesem Kontext auch die gut eineinhalbminütige Anspielung auf I Fall In Love Too Easily – Hans Köberlin war es gleichfalls immer zu leicht gefallen, was aber, wie er fand, für ihn sprach – nach Willie Nelson. Masqualero überließ Davis weitgehend Steve Grossman und Chick Corea, war aber abwesend anwesend, weil die beiden ohne ihn nie wieder zu solcher Virtuosität gelangen sollten, der nächste Zeitsprung wäre wohl der zu der Live/eviL-Phase, bei der Keith Jarrett Chick Coreas Part übernehmen sollte. Den Abschluß dieses Frühstücks bildeten Spanish Key und The Theme, Hans Köberlin hatte nie gewußt, wie er das für sich adäquat übersetzen sollte – mit ›Erkennungsmelodie‹ wohl nicht … »Erkennen Sie / die Melodie / da-da / da-da …« im präpubertären elterlichen Wohnzimmer –, The Theme jedenfalls war wohl ein Relikt aus der klassischen Zeit der Jazzkonzerte, das bei Miles Davis bald wegfallen sollte. Black Beauty hatte man die Publikation dieses genialen Mittschnitts** unglücklicherweise betitelt, unglücklicherweise deshalb, weil das, was im ursprünglichen Kontext wohl an die emanzipatorische Kraft einer ›schwarzen‹ Ästhetik gemahnte, hier oder zumindest bei Hans Köberlins Sozialisation eine Serie für pubertierende Mädchen mit einem schwarzen Hengst als Protagonisten assoziierte, wobei man durch ›mit einem schwarzen Hengst als Protagonisten‹ komplett in der Fehlleistung saß.*** Aber Anna Sewells Pferderoman aus dem Jahr 1877 mußte doch allen bei der Namensgebung Beteiligten bekannt gewesen sein … Jedenfalls: Hans Köberlin hätte diese Musik noch stundenlang weiterhören können, aber: der Berg rief!
* Hans Köberlin übersah hier das zweite Set des Konzerts im ›Filmore East‹ in der Stadt die niemals schlief am 7. März desselben Jahres.
** »Zum Exempel: als in den 70er Jahren Miles Davis (und Gruppe) seine 3. Häutung als Musikkünstler durchgemacht hatte und mit Bitches Brew, mit Black Beauty / Fillmore West u. a. auf der Klangfläche erschien, wurde der nachwachsenden Generation der verstreuten kulturintellektuellen Szene schlagartig klar: Ja, diese Musik versteht uns (und: die Musik mehr noch als ›der Mann‹!). Sie tritt in die öffentliche Szene, sie drückt mit aller gebotenen Insistenz die zeitgenössische Daseinsbefindlichkeit aus. Sie arbeitet es durch – das Desaster wie das ausstehende Glück in zeitgenössischer Existenz. Sie versteht ganz offenbar das existenzial Prekäre von Erfahrungen in dieser hochziselierten ›Zeitgenossenschaft‹ von Kreaturen, und sie macht es offenbar, sie fängt es musizistisch ein, arbeitet es kriselnd durch on stage / aufführend, gestisch – haptisch – gymnasisch, und sie gibt es durchgearbeitet nach Draußen, in einem disziplinierten Ausbruch, expressiv und ostinat. Was in Musik, was im kunsthaften Werkprozeß zugleich sich ereignen muß: die Anreicherung durch eine Portion gelungener Insistenz, ein passionshaftes Antidotum gegen das durchgearbeitete Desaster. Dies muß zeitgenössisch kontraversal-stilistisch präzise sein, um dem angeregten Verstehen zugleich Spuren seiner ›Lösung‹ in Emphase zu verleihen, Moment der cura, Kurierung. In diesem Moment des ostinaten Verstehens als verarbeiteter Gegengabe im Ausdruck ist ein Moment des Lösens enthalten, ein Quentchen momentaner absolutio, ein Moment des ›Vergebens und Vergessens‹ (Lethe, moments musicaux / Schubert). ›Miles and more‹: Passabel durcharbeiten und emphasieren kann man nur, wenn man das Nötigende durchgemacht hat. Sujet: Der Mann (Miles Davis) hat die Hölle gekannt und das Paradies geahnt …; und das Werk kündet davon in all seinen Fibern. Ex cathedra wird sich nie eine Spur von Authentizität einstellen! Die akademischen Intellektuellen machen etwa ›Musikanthropologie‹, die existenzialen Musiker aber machen Anthropognosie durch die Musik hindurch, was das Durcharbeiten in den Gymnopädien ernötigt, deren Stilistik letztlich spricht und die erfahrene Gnosie so zum Verstehen gibt.« (Hans Peter Weber, MEDIA RELEASE MEDIA. Eine PROGRAMMVORSCHAU. ROAD MAP (zum Frieden); in: Essays, Berlin 2008, Bd. 2: Große beruhigte Automaten. suprem, S. 251 und dort die Fußnote 281).
*** Vgl. vom Verf. HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen. Der erste Teil der Clemens Limbularius Trilogie, 2., ein wenig verbesserte Auflage, Berlin 2012, S. 295.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 889f.).
Mittwoch, 13. April 2022
Die Enthebung des Wählenmüssens
Die genaue Beobachtung der Sache empfiehlt dir gleichzeitig auf die natürlichste Weise das Mittel, sie aufs Papier zu übertragen. Sie enthebt dich des Wählenmüssens. Die Entscheidung liegt sozusagen in der Beobachtung selbst […] die Zeichnung ist eine Täuschung mit durchschaubaren Mitteln. Ohne eindrucksvolle Täuschung wärs eine alberne Sache, und ohne Durchschaubarkeit der Mittel wärs eine schlechte Zeichnung. Sind aber diese beiden gegensätzlichen Elemente harmonisch vereint, wirst du sehen, daß die Natur bei genauer Betrachtung eher einer guten Zeichnung ähnelt als einer schlechten.
(Horst Janssen, Zu »Hokusais Spaziergang«; in: Querbeet. Aufsätze, Reden, Traktate, Pamphlete, Kurzgeschichten, Gedichte und Anzüglichkeiten, München 31986, S. 155f.).
Sonntag, 19. Dezember 2021
»… et adieu la verve.«
Mais comment, me direz-vous, le poëte, l’orateur, le peintre, le sculpteur, peuvent-ils être si inégaux, si différents d’eux-mêmes ? C’est l’affaire du moment, de l’état du corps, de l’état de l’âme ; une petite querelle domestique ; une caresse faite le matin à sa femme, avant que d’aller à l’atelier : deux gouttes de fluide perdues et qui renfermaient tout le feu, toute la chaleur, tout le génie ; un enfant qui a dit ou fait une sottise ; un ami qui a manqué de délicatesse ; une maîtresse qui aura accueilli trop familièrement un indifférent ; que sais-je ? un lit trop froid ou trop chaud, une couverture qui tombe la nuit, un oreiller mal mis sur son chevet, un demi-verre de vin pris de trop, un embarras d’estomac, des cheveux ébouriffés sous le bonnet ; et adieu la verve. Il y a du hasard aux échecs et à tous les autres jeux de l’esprit. Et pourquoi n’y en aurait-il pas ? L’idée sublime qui se présente, où était-elle l’instant précédent ? À quoi tient-il qu’elle soit ou ne soit pas venue ? Ce que je sais, c’est qu’elle est tellement liée à l’ordre fatal de la vie du poëte et de l’artiste, qu’elle n’a pas pu venir ni plus tôt ni plus tard, et qu’il est absurde de la supposer précisément la même dans un autre être, dans une autre vie, dans un autre ordre de choses.
(Denis Diderot, Œuvres complètes de Diderot, volume XI, Promenade Vernet (Salon de 1767).
Donnerstag, 29. Oktober 2020
Freitag, 16. Oktober 2020
Donnerstag, 28. Mai 2020
»Very necessary qualification« for a good Persian story-teller
(zit. nach: Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod, Frankfurt am Main 2015, S. 22).
Freitag, 6. März 2020
Lob der Zweideutigkeit
(E. M. Cioran, Saint-John Perse; in: Widersprüchliche Konturen; in: Werke, Frankfurt am Main 2008, S. 1816).
Freitag, 27. Dezember 2019
John Barleycorn
In der Flasche befand sich nämlich ein bernsteinfarbenes Getränk, das in der alten Sprache seines Herkunftslandes uisge beatha genannt wird, was soviel heißt wie Lebenswasser, vulgo ein Getreidebranntwein, hergestellt aus über Torffeuer gedarrtem Gerstenmalz, trinkfähig erst nach mindestens fünfzehn Jahren.
Samstag, 28. September 2019
Nicht nur die Philosophen
(Herman Melville, Typee: A Peep at Polynesian Life, London 1846).
Donnerstag, 18. Juli 2019
Samstag, 13. Juli 2019
Une nouvelle vision à Munich
Dann kam die Treppe. Die Alte schritt rüstig voran, Clemens folgte ihr langsamer, am ersten Absatz bogen die Stufen im rechten Winkel nach links ab und da sah Clemens sie, an der Wand … Ein großer Kunstdruck von guter Qualität, das sah fast wie echt aus, wie echte Kunst natürlich, während Clemens sich vorneigend einen ästhetischen Regreß in den Naturalismus durchmachte und näher trat, um die Odaliske Bouchers anzubeten beziehungsweise das, was sie ihm entgegenstreckte … Die Geschichte der Ekphrasis von Homers Beschreibung des Schildes des Achilleus bis zu Claude Simons Triptychon … der mächtig anschwellende Barockgesang, wie es in der Übersetzung des Manierismusbuches von Achille Bonito Oliva hieß (war das der Übersetzer gewesen oder hatte es der Bockssänger daher?) … Que voulez-vous que cet artiste jette sur la toile? fragte der Aufklärer Diderot und meinte: ce qu’il a dans l’imagination; et que peut avoir dans l’imagination un homme qui passe sa vie avec les prostituées du plus bas étage? Na und?! Monsieur Diderot, kleiner Bürger mit der feuchten Stelle, es ist schön da unten, in der plus bas étage … Tenez, monsieur Boucher, cela n’a pas le sens commun; petite composition de boudoir … Nochmals na und?! Cet homme ne prend le pinceau que pour me montrer des tétons et des fesses. In der Tat. Je suis bien aise d’en voir … Clemens auch! … mais je ne puis souffrir qu’on me les montre … Aber Clemens konnte das sehr wohl vertragen. Und wer mit dem sens commun kommt, der … Mon ami, est-ce qu’il n’y a point de police à cette Académie? Est-ce qu’au défaut d’un commissaire aux tableaux, qui empechât cela d’entrer, il ne serait pas permis de le pousser à coups de pied de long du Salon, sur l’escalier, dans la cour … So sind sie, die Aufklärer … mais le bon goût indigné n’en fait pas moins la brutale mais juste exécution … der gute Geschmack und die Guillotine …
(HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Der erste Roman der Clemens Limbularius Trilogie, 2. Auflage, Berlin 2012, Kapitel III, S. 40f.).
Samstag, 23. März 2019
Nur kein Risches machen!
(Franz Kafka, Tagebücher in der Fassung der Handschrift, Frankfurt am Main 2008, Bd. 2: 1912-1914, S. 31).
Donnerstag, 14. März 2019
Am vergangenen Dienstag in der Pause an Tisch 9
Ein weiterer literarischer Pate neben Homer ist Arno Schmidt mit seiner späteren Erzählung Caliban über Setebos, die ja ihrerseits wiederum eine Version des Mythos von Eurydike und Orpheus darstellt (das Motiv des Ab- oder Rückstiegs zu der einst geliebten Frau).
Donnerstag, 25. Oktober 2018
San Clemente (der Brunnen im Hof)
Auf Clemens’ Schweigen fuhr er fort, der zweite heilige Clemens habe im ersten Jahrhundert nach gelebt – das nach verstehe sich wohl von selbst, sonst könnte er kein Heiliger sein, warf Clemens ein –, ein Papst, Papst Clemens der Erste wäre er gewesen, und sein Namenstag sei der dreiundzwanzigste November. Im Gegensatz zu ihm, Clemens Limbularius, wäre Papst Clemens auch ein Märtyrer gewesen, und ein Jünger des heiligen Petrus und nach Linus und Anaklet sein dritter Nachfolger als Bischof von Rom. Als Kaiser Trajan die Christen verfolgt habe, sei Clemens zur Fronarbeit auf die Halbinsel Chersones auf der Krim, der ewig krisigen, verbannt worden (sein Spirituosenlager, dachte Clemens). Dort hätten bei seiner Ankunft schon mehr als zweitausend Christen in den Marmorsteinbrüchen gelitten, gequält von unablässigem Durst. P. nahm einen Schluck aus der Wacholderbeerschnapsflasche, bevor er fortfuhr: Clemens sei aber einem Lämmlein, das da wohl herumgelaufen wäre, zwischen den durstigen Christen, zu einem Platz gefolgt und habe da seinen Stab in den Boden gestoßen. Prompt habe sich an der Stelle eine Quelle aufgetan, und alle konnten sich erquicken. Nach einer gewissen Frist habe man Clemens jedoch zum Tode verurteilt. Man habe ihm eine glühende Sturmhaube aufgesetzt, ihm einen Anker an den Hals gehängt und ihn ins Meer geworfen, schick, nicht? Die Christen aber hätten gebetet, daß ihnen der Leib des Märtyrers gezeigt werden möge. Da sei das Meer drei Meilen weit zurückgewichen, und sie hätten trockenen Fußes zu einem marmornen Tempel schreiten können, irgendwie gäbe es da Anleihen bei der Mosesgeschichte, zuerst das mit dem Stab und jetzt die weichenden Wasser … Jedenfalls dort, in dem marmornen Tempel, hätten sie Clemens’ Leichnam in einer Arche liegend gefunden. Einer höheren Eingebung folgend ließen sie den Heiligen an dieser Stelle ruhen, und jedes Jahr an Clemens’ Todestag gab das Meer den Zugang für die Pilger frei. Clemens dachte, wenn er im Rieselblick den Tod durch Ertrinken erleiden würde, ob dann auch die Wasser, einmal im Jahr … Einmal, so P. weiter, sei ein Weib mit ihrem Söhnchen gekommen, und während der Feier wäre der Kleine eingeschlafen. Als aber dann das Rauschen der zurückkehrenden Wellen zu vernehmen gewesen wäre, habe die erschrockene Mutter ihr Kind vergessen und sei – ganz Rabenmutter – allein an das Ufer geeilt. Dort fiel ihr der Knabe wieder ein, und sie habe geweint und zum Himmel gefleht, doch er wäre verschwunden geblieben. Erst nur an sich denken und dann beten, warf Clemens ein, das habe man gern … Ein Jahr lang habe sie um ihren Sohn getrauert, dann sei sie wieder an den Ort gekommen und habe das Knäblein in dem marmornen Tempel unversehrt vorgefunden, genau dort, wo sie es zurückgelassen hatte. Wenn das kein Wunder sei, das solle er, Sankt Clemens Limbularius, erst einmal nachmachen. Nun zum Ende der Geschichte: wegen der Sünden der Menschen aber sei eines Tages das Wunder der Öffnung des Meeres vergangen. Clemens’ Gebeine und der Anker seien viele Jahre später von frommen Christen gefunden und nach Rom gebracht worden, und seither lägen sie in der Kirche seines Namens, San Clemente, in der Nähe des Colosseums, im zwölften Jahrhundert über einer Basilika aus dem Jahr dreihundertfünfundachtzig errichtet, die tausendvierundachtzig zerstört worden sei. Die Chorschranken seien noch aus der alten Kirche, das mittelalterliche Apsismosaik sei dem des Vorgängerbaues nachempfunden. Von der Oberkirche, die auch mit beeindruckenden Kosmatenarbeiten (Clemens schaute fragend, wurde aber nicht aufgeklärt) und Fresken geschmückt sei, könne man in die Ausgrabungen der frühchristlichen Kirche hinabsteigen, unter der sich wiederum Reste eines römischen Hauses aus dem zweiten Jahrhundert befänden, vermutlich ein Lupanarium – ah, ein Lichtblick! –, wie die Archäologen aus den Resten der Fresken geschlossen, sowie ein Gebäude mit einem Mithrasheiligtum. Der heilige Clemens, nur so viel noch, werde mit Anker; auch mit Lamm und Quelle dargestellt. Er sei der Patron von Aarhus, Compiègne, der Krim und von Sevilla – La Siraña den Sevilla … –; des weiteren sei er der Schutzheilige der Hutmacher, wohlbemerkt, nicht ihrer Phantome, der Marmorarbeiter, Mosthändler (na also!), Schiffer, Seeleute und der Kinder. Man rufe ihn an gegen Gewitter, Stürme und gegen Schiffbruch. Und P. spekulierte, ob wohl der Schiffskoch seinen, Clemens’ Namenspatron angerufen habe, als ihm in der Kombüse der MS Helena das Wasser bis zum Hals gestiegen …
(HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Der erste Roman der Clemens Limbularius Trilogie, 3. Auflage, unveröffentlichtes E-Book, Berlin 2015, Kapitel XIII).











