Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Montag, 2. November 2026
Gustave Flaubert, Madame Bovary
Freitag, 30. Oktober 2026
Jean Paul, Titan
Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Thalia sahen einst in das irdische Helldunkel hernieder und, müde des ewig heitern, aber kalten Olympos, sehnten sie sich herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr leidet, und wo sie trüber, aber wärmer ist. Sie hörten die heiligen Töne heraufsteigen, mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tiefe bange Erde durchwandelt, um uns zu erquicken und zu erheben; und sie trauerten, daß ihr Thron so weit abstehe von den Seufzern der Hülflosen.
Mittwoch, 28. Oktober 2026
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering, Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttåg des Jahres 1913.
Sonntag, 25. Oktober 2026
John Cowper Powys, Wolf Solent
From Waterloo Station to the small country town of Ramsgard in Dorset is a journey of not more than three or four hours, but having by good luck found a compartment to himself, Wolf Solent was able to indulge in such an orgy of concentrated thought, that these three or four hours lengthened themselves out into something beyond all human measurement.
Dienstag, 20. Oktober 2026
Donnerstag, 15. Oktober 2026
Marcel Proust À la recherche du temps perdu
Longtemps, je me suis couché de bonne heure. Parfois, à peine ma bougie éteinte, mes yeux se fermaient si vite que je n’avais pas le temps de me dire: «Je m’endors.» Et, une demi-heure après, la pensée qu’il était temps de chercher le sommeil m’éveillait; je voulais poser le volume que je croyais avoir encore dans les mains et souffler ma lumière; je n’avais pas cessé en dormant de faire des réflexions sur ce que je venais de lire, mais ces réflexions avaient pris un tour un peu particulier; il me semblait que j’étais moi-même ce dont parlait l’ouvrage: une église, un quatuor, la rivalité de François Ier et de Charles-Quint. Cette croyance survivait pendant quelques secondes à mon réveil; elle ne choquait pas ma raison, mais pesait comme des écailles sur mes yeux et les empêchait de se rendre compte que le bougeoir n’était pas allumé. Puis elle commençait à me devenir inintelligible, comme après la métempsycose les pensées d’une existence antérieure; le sujet du livre se détachait de moi, j’étais libre de m’y appliquer ou non ; aussitôt je recouvrais la vue et j’étais bien étonné de trouver autour de moi une obscurité, douce et reposante pour mes yeux, mais peut-être plus encore pour mon esprit, à qui elle apparaissait comme une chose sans cause, incompréhensible, comme une chose vraiment obscure. Je me demandais quelle heure il pouvait être; j’entendais le sifflement des trains qui, plus ou moins éloigné, comme le chant d’un oiseau dans une forêt, relevant les distances, me décrivait l’étendue de la campagne déserte où le voyageur se hâte vers la station prochaine; et le petit chemin qu’il suit va être gravé dans son souvenir par l’excitation qu’il doit à des lieux nouveaux, à des actes inaccoutumés, à la causerie récente et aux adieux sous la lampe étrangère qui le suivent encore dans le silence de la nuit, à la douceur prochaine du retour.
Montag, 12. Oktober 2026
Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Ein Fragment
Nun denn, so sitzen wir – man muß uns nicht benennen – also wieder hier*, um zu vollenden**, was wir vor ein wenig mehr als zwei Dezennien, damals die Konsequenzen unseres Beginnens nicht bedenkend und daher so leichtfüßig und leichtsinnig, begonnen, nämlich nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten*** von den drei seltsamen Abenteuern, welche Clemens Limbularius in seinem »Leben von sieben Schritten und achtmal fallen«**** widerfuhren, als da wären das erste Abenteuer im Raum, das zweite Abenteuer in der Zeit und das dritte Abenteuer …, oder das erste Abenteuer in der Vergangenheit, das zweite Abenteuer in der Zukunft und das dritte …, oder das thetische Abenteuer, das antithetische Abenteuer und das …, oder das Abenteuer des Hundes, das Abenteuer der Wildente und das Abenteuer des Aals, oder die Abenteuer Vater, Sohn und heiliger Geist, wie auch immer, als wir damals anfingen jedenfalls, da dachten wir, es sei mit einem Abenteuer, über das zu berichten, getan, aber so ist das nun einmal im Leben: man kommt schwer zu einem Ende und ein Abenteuer zieht das andere nach. Aber dieses hier ist das letzte Abenteuer und dieses hier wird unser letzter Bericht sein, und wenn wir ihn vollendet*****, wird man aus unserer Feder geschrieben kein Wort mehr über ein seltsames Abenteuer des Clemens Limbularius lesen, so schwer uns das nach all dem, nach der ein wenig mehr als zwei Dezennien währenden Beschäftigung mit Clemens Limbularius, auch fallen mag.
* Wir verfassen diesen Prolog weder in einer désobligeant noch in einer vis-a-vis noch in sonst einem Hippomobil, sondern wie gesagt: hier, und hier ist an unserem Schreibtisch, dem siebten Schreibtisch seit Beginn des ersten Berichts vor ein wenig mehr als zwei Jahrzehnten. Es folgt ein Verzeichnis der sieben Orte, an denen die Schreibtische der Berichte standen:
1. im Osten der Hansestadt,
2. im Herzen der Hansestadt,
3. in der Bibliothek an der Peripherie der Hansestadt,
4. im Arbeitszimmer an der Peripherie der Hansestadt,
5. in der ersten Wohnung in der Hauptstadt,
6. in der zweiten Wohnung in der Hauptstadt und
7. im Mediterranen.
Wir sitzen, wie gesagt, am siebten Schreibtisch, an jenem also, an dem wir sämtliche das dritte Abenteuer
des Clemens Limbularius betreffende Materialien – soweit überliefert – bei Bedarf zur Hand haben.
** Vgl. dagegen Anmerkung 1.
*** Ein Wortspiel à la Godard:
BERICHTEN
BERICHTEN
**** Vgl. Daisetz Teitaro Suzuki, Leben aus Zen, mit einer Einführung in die Texte von Wei-Lang (Hui-neng), Frankfurt am Main 1982, S. 25.
***** Vgl. dagegen die Anmerkungen 1 und 14 [= **].
Donnerstag, 8. Oktober 2026
Edgar Allan Poe, The Man of the Crowd
It was well said of a certain German book that ›er lasst sich nicht lesen‹ – it does not permit itself to be read. There are some secrets which do not permit themselves to be told. Men die nightly in their beds, wringing the hands of ghostly confessors, and looking them piteously in the eyes – die with despair of heart and convulsion of throat, on account of the hideousness of mysteries which will not suffer themselves to be revealed. Now and then, alas, the conscience of man takes up a burden so heavy in horror that it can be thrown down only into the grave. And thus the essence of all crime is undivulged.
Dienstag, 6. Oktober 2026
Herman Melville, Moby-Dick or The Whale
Call me Ishmael. Some years ago – never mind how long precisely – having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world. It is a way I have of driving off the spleen, and regulating the circulation. Whenever I find myself growing grim about the mouth; whenever it is a damp, drizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people’s hats off – then, I account it high time to get to sea as soon as I can. This is my substitute for pistol and ball. With a philosophical flourish Cato throws himself upon his sword; I quietly take to the ship. There is nothing surprising in this. If they but knew it, almost all men in their degree, some time or other, cherish very nearly the same feelings towards the ocean with me.
Samstag, 3. Oktober 2026
Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
11. September, rue Toullier.
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d’Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
Freitag, 2. Oktober 2026
… du rissest dich denn ein.
Ein Mann tritt in der Abenddämmerung mit Musik in den Ohren, Beethoven, Opus achtzehn Nummer drei D-dur, und durch einen für die aktuelle Mode etwas zu langen Trenchcoat vor der Witterung geschützt und mit einer Aktentasche in der Hand aus einem Bürogebäude und tritt ein in den winterlich-kalten Nieselregen, der aus dem in dieser Region üblichen dunkelgrauen Himmel regnet.
Mittwoch, 30. September 2026
James Joyce, Ulysses
Stately, plump Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of lather on which a mirror and a razor lay crossed. A yellow dressinggown, ungirdled, was sustained gently behind him by the mild morning air. He held the bowl aloft and intoned:
— Introibo ad altare Dei.
Dienstag, 29. September 2026
HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen
Zwanzig Jahre später biege ich um eine Straßenecke und überlege dabei, wie es damals wohl angefangen hat. In einem Zug natürlich: der Protagonist schaute aus dem Fenster auf den Ablauf der Landschaft, jemand drehte anscheinend eine Kurbel, um die Kulisse in Bewegung zu setzen, damit die Illusion einer linearen Bewegung entstand, mir kam die Idee und Clemens Limbularius war irritiert ob der Lage, in der er sich durch diese Konstellation befand, oder anders gesagt: der Zustand seines Bewußtseins fand keine Entsprechung in seiner Umwelt. Welcher Illusion sitze ich jetzt schon wieder auf? fragte sich Clemens Limbularius in Folge der Irritation, dann nickte er ein, nach dem letzten Halt vor dem Bahnhof, an dem er aussteigen mußte, also nach dem Halt in der alten Hauptstadt, beziehungsweise nicht der alten Hauptstadt, sondern der Hauptstadt zwischen der alten alten und der neuen alten Hauptstadt. Er nickte ein, zweiter Klasse Großraumwagen, Raucher, Fensterplatz, ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schoß. Es handelte sich bei dem Buch vermutlich um ein Buch über eingebildete oder wirkliche Lungenkranke in einem Bergsanatorium vor dem ersten Weltkrieg, oder um ein Buch über die Folgen des Eintunkens von Gebäck in Tee während eines Besuchs bei der Großmutter oder der Tante (wenn man nachschlägt stellt man fest: es war Tante Léonie), oder um ein Buch über ein im Meer lebendes Säugetier mit einer für es, das Säugetier, ungewöhnlichen oder zumindest nicht alltäglichen Farbe, oder um ein Buch über einen Romanleser, der sich in der Epoche der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über eine Romanleserin, die sich in dem Realitätsstatus der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über einen Annoncenakquisiteur, der durch eine Stadt strich, während er wußte, daß seine Frau es gerade in ihrem gemeinsamen Ehebett mit einem Anderen trieb oder um sonst ein Buch von beträchtlichem Umfang, geeignet für eine längere Reise. In seinem Gesichtsfeld hatte Clemens die Rückseite der Rückenlehne des Sitzes vor ihm mit dem hochgeklappten Ablagebrett, neben sich auf dem leeren Sitzplatz hatte er seine grüne Segeltuchtasche, deren Reißverschluß zur Hälfte hin geöffnet war, abgestellt, was neben dem der Zuhandenheit der Tasche noch den weiteren und weitaus wesentlicheren Vorteil hatte, daß der Platz für eventuell vorbeigehende Sitzplatzsucher nicht einladend wirkte. Aus der grünen Segeltuchtasche heraus lugte der kurze Hals einer eckigen Flasche mit metallenem Schraubverschluß. Der Bauch der Flasche im Bauch der Tasche lag im Dunkel, nur ein schwacher Dämmer drang von oben herein. Hätte jemand – etwa ein Homunculus, der in der grünen Segeltuchtasche sein Dasein fristete – in der Tasche Licht gemacht, dann hätte er sehen können, daß die Flasche zur Hälfte geleert war; und hätte der Taschenbewohner seine Lesebrille aus dem Jackett gezogen und einen Blick auf das Etikett der Flasche geworfen, dann hätte er wohl den Kopf geschüttelt oder verstehend genickt angesichts Clemens’ Schlummer, soweit er denn in seinem Taschendomizil überhaupt davon Kenntnis genommen hätte. In der Flasche befand sich nämlich ein bernsteinfarbenes Getränk, das in der alten Sprache seines Herkunftslandes uisge beatha genannt wird, was soviel heißt wie Lebenswasser, vulgo ein Getreidebranntwein, hergestellt aus über Torffeuer gedarrtem Gerstenmalz, trinkfähig erst nach mindestens fünfzehn Jahren. Clemens profitierte davon, daß er in einer Organisation seinen Lebensunterhalt verdiente, die es sich, zugegebenermaßen nicht ganz selbstlos, zur Aufgabe gemacht hatte, das Lebenswasser aus seinem Herkunftsland und andere Lebenswässer aus anderen Herkunftsländern, klare und bernsteinfarbene, per Schiff oder Lastkraftwagen zu uns in die Bundesrepublik zu transportieren und hier an jene zu verteilen, die es wiederum gegen einen zu entrichtenden Obolus unter das Volk brachten. Die ganze Verteilerei war – hielt man sich an die Regeln – vollkommen legal. Die Flasche in der Tasche allerdings hatte Clemens in dem Lager der Organisation illegal an sich genommen (das meinte profitieren).
Sonntag, 27. September 2026
Johann Wolfgang Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit
Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.