Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Freitag, 31. Dezember 2021
Sonntag, 19. Dezember 2021
»… et adieu la verve.«
Mais comment, me direz-vous, le poëte, l’orateur, le peintre, le sculpteur, peuvent-ils être si inégaux, si différents d’eux-mêmes ? C’est l’affaire du moment, de l’état du corps, de l’état de l’âme ; une petite querelle domestique ; une caresse faite le matin à sa femme, avant que d’aller à l’atelier : deux gouttes de fluide perdues et qui renfermaient tout le feu, toute la chaleur, tout le génie ; un enfant qui a dit ou fait une sottise ; un ami qui a manqué de délicatesse ; une maîtresse qui aura accueilli trop familièrement un indifférent ; que sais-je ? un lit trop froid ou trop chaud, une couverture qui tombe la nuit, un oreiller mal mis sur son chevet, un demi-verre de vin pris de trop, un embarras d’estomac, des cheveux ébouriffés sous le bonnet ; et adieu la verve. Il y a du hasard aux échecs et à tous les autres jeux de l’esprit. Et pourquoi n’y en aurait-il pas ? L’idée sublime qui se présente, où était-elle l’instant précédent ? À quoi tient-il qu’elle soit ou ne soit pas venue ? Ce que je sais, c’est qu’elle est tellement liée à l’ordre fatal de la vie du poëte et de l’artiste, qu’elle n’a pas pu venir ni plus tôt ni plus tard, et qu’il est absurde de la supposer précisément la même dans un autre être, dans une autre vie, dans un autre ordre de choses.
(Denis Diderot, Œuvres complètes de Diderot, volume XI, Promenade Vernet (Salon de 1767).
Samstag, 18. Dezember 2021
1965-12-23 Chicago 1st Set [Montag, der 10. Februar 2014]
Wegen des starken Windes mußte Hans Köberlin im leeren Wintergarten frühstücken. Salami, Käse, Butter, Marmelade und Eier waren noch von vorletzter Woche im Kühlschrank gewesen und im Eisfach das Toastbrot für alle Fälle. Er frühstückte, um an die Frühstücke in der Hauptstadt, in der er ja gestern noch gewesen, anzuknüpfen, mit dem ersten Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 23. Dezember 1965 – da war der Busenfreund ein Jahr alt geworden – in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Es war das gleiche Programm wie bei dem ersten Set des Vortags, das Hans Köberlin nicht mehr so im Gedächtnis hatte, daß er hätte vergleichen können. Die Musik rauschte die ersten zehn Minuten dahin, dann ließ Herbie Hancock Hans Köberlin aufhorchen. Während er also mehr oder weniger konzentriert hörend da saß und auf das schaute, was man durch die beiden nicht satinierten Glastüren des leeren Wintergarten sehen konnte – den Hof, die Mauer zum vorderen Garten, den Zitronenbaum, die Palme, die Nachbarhäuser, die Hochhäuser und den Morro de Toix – begann die in der Hauptstadt verbrachte Zeit bereits wieder unwirklich zu werden … gestern am Morgen noch in der ersten Dämmerung bei Kaffee durch das Küchenfenster der Frau auf die Spree geschaut … Bei Stella By Starlight war es Wayne Shorter, der Hans Köberlins besondere Beachtung fand, der Meister selber tauchte vor allem bei den ruhigeren Passagen oder bei unerwarteten Tempowechseln in seinem Bewußtsein auf. Aber es müßte nun einmal wieder etwas Elektrisches kommen, etwas aus seiner, Hans Köberlins, Zeit. I Fall In Love Too Easily war eine Erholung nach Walkin’, irgendeiner der Miles-Davis-Biographen, Hans Köberlin wußte nicht mehr, wo er es gelesen hatte, hatte einmal die Bandbreite der Auftritte jener Zeit mit »Balladenstimmung« und »hektische Treibjagd« abgesteckt, das traf es ganz gut.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XII [Fünfte Phase – oder: Un gringo en Calpe] Vom 10. Februar bis zum 6. März 2014, S. 1182).
Mittwoch, 15. Dezember 2021
Die Galerie #1 (Stand 28. Mai 2014)
Die Abbildung zeigte den Stand vom Mittwoch, dem 28. Mai 2014, es sollten noch, wie aus unserem Bericht zu ersehen sein wird, einige schöne Nackte dazukommen, das vollständige Ensemble zeigen wir unten auf einer Doppelseite. Hans Köberlin sah also Catherine Deneuve in Belle de Jour (1967),* darunter Maruschka Detmers unter der Dusche in Prénom Carmen (1983), dann rechts neben Catherine Deneuve die ihre Bluse aufknöpfende Gudrun Krüger in Die Halbstarken (1956), dann Anna Baldaccini in Sauve qui peut (la vie) (1980) und schließlich die gleichfalls duschende Margarita Borissowna Terechowa in Zerkalo (1975).
* Eben erinnern wir uns sehr gut daran, daß wir in der Fußnote 1062 auf S. 292 geschrieben haben: »Aber das Bild von Catherine Deneuve schlechthin war gleichfalls wegen des morgigen Geburtstages auf einem der alten archivierten Filmkalenderblätter, nämlich sie mit entblößtem Oberkörper von seitlich hinten gesehen, ihr linker Arm verdeckte die linke sichtbare Brust bloß teilweise, und sie blickte über die Schulter mit leicht geöffnetem Mund ihren Betrachter an … Das war natürlich das berühmte Still aus Belle de Jour (1967) von dem genialen Luis Buñuel […] Hans Köberlin sollte morgen dieses Kalenderblatt nehmen und […] es im Schlafzimmer neben dem Still aus Buñuels Un chien Andalou (vgl. oben S. 231) an die Wand drapieren …« – Aber wo war dieses Still aus Un chien Andalou auf der Photographie oben?! Wir sind uns sicher, daß es dort war, als wir die Photographie machten, und wir haben es auch in unseren Unterlagen …
Montag, 6. Dezember 2021
Empirie, 24. Update
- Stand des Manuskripts:
- Seiten: S. 1.628 von ca. 2.400 Seiten
- Fußnoten: 4.525
- Stand der Bearbeitung:
- Seiten: S. 1.373 von ca. 2.400 Seiten
- Fußnoten: 3.735
- Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
- Tag der Bearbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
- Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
- Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
- Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
- Stand der Überarbeitung:
- Seiten: S. 778 von 778 Seiten
- Fußnoten: 2.280
- Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
- Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Stand der Überarbeitung:
- Seite: S. 1.163
- Fußnoten: 3.137
- Kapitel: XII (= Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe)
- Tag der Überarbeitung: Montag, der 10. Februar 2014, der 132. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).
Wird aktualisiert!
Sonntag, 5. Dezember 2021
1965-12-22 Chicago 3rd Set [Sonntag, der 9. Februar 2014]
… also: noch ein heftiger Kuß, dann ließ er die Sicherheitskontrollen über sich ergehen und setzte sich, übermüdet von dem wenigen Schlaf, in den Wartebereich vor dem Gate, legte seine Ohrhörer an und hörte, auf die Aufforderung zum Einstieg in das Flugzeug wartend, das dritte Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 22. Dezember 1965 in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Dreieinhalb Stunden hatte das Quintett in den drei Sets dieses Tages gespielt, und am Folgetag sollten es fast vier Stunden in vier Sets werden. Dieses Set begann mit All Of You, Miles Davis spielte mit Dämpfer dann kam Wayne Shorters Part, der das Warten zu einem Film machte. Von der schwarzen Serie an bis zu den Anfängen der Nouvelle Vague waren Trompete und Saxophon die wichtigsten Instrumente bei Soundtracks, und das Klavier vielleicht noch – denn Herbie Hancocks Einsatz kam gerade –, und Baß und Schlagzeug … also: von der schwarzen Serie an bis zu den Anfängen der Nouvelle Vague kamen die wichtigsten Soundtracks von Jazzquintetten. Übergangslos erfolge der Tempowechsel zu Oleo, dann, ohne Dämpfer, I Fall In Love Too Easily, das einzige Stück, daß sie an diesem Dezembertag zweimal gespielt hatten, dann No Blues und I Thought About You, was Hans Köberlin natürlich tat, an die Frau denken nämlich, auch als er sich an den Rest der Schlange vor den beiden Schaltern anstellen mußte, dort das Ticket zur Kontrolle vorzeigte und zu den letzten Takten des Schlußthemas seinen Platz im Flugzeug einnahm.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1156).
Dienstag, 30. November 2021
1965-12-22 Chicago 2nd Set [Donnerstag, der 6. Februar 2014]
Zu dem Frühstück, zu dem sie sich wegen der eben genannten Disposition garnicht erst richtig anzogen, hörten sie das zweite Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 22. Dezember 1965 in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Diese Sets und die vier des Folgetags waren von einer gewissen Lakonie geprägt. Es begann diesmal ruhig mit My Funny Valentine, dann kam Four, das Hans Köberlin, wie bereits angedeutet, nur in zwei Live-Fassungen kannte, When I Fall In Love schlich sich irgendwie an dem Bewußtsein des abgelenkten Hans Köberlin vorbei, bei Wayne Shorters Saxophonspiel von Agitation horchte er dann wieder auf, gerade rechtzeitig zu Herbie Hancocks Solo, schließlich folgten noch ’Round about Midnight und Milestones.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1143f.).
1965-12-22 Chicago 1st Set [Donnerstags, der 16. Januar 2014]
Mit diesem eher banalen Eintrag in sein Arbeitsjournal eröffnete Hans Köberlin sein Lesen und Schreiben im leeren Wintergarten, nachdem er zuvor dort zum Frühstück das erste Set jenes Konzerts gehört hatte, das Miles Davis am 22. Dezember 1965 in der für ihre Schlachthöfe berüchtigten Stadt gegeben hatte. Jetzt war Wayne Shorter, den ihm damals bei seinem Weggang John Coltrane empfohlen, in seinem Quartett. Es lag noch nicht in der Luft, was in den nächsten Jahren kommen würde, das Set war noch in dem damals üblichen Rahmen, man spielte If I Were A Bell, Stella By Starlight, Walkin’, I Fall In Love Too Easily und über zehn Minuten The Theme, wobei Hans Köberlin nicht heraushören konnte, ob ein und wenn ja welches Stück außer dem Thema dahintersteckte, alle Stücke bis auf Herbie Hancocks Solo in Stella By Starlight und I Fall In Love Too Easily waren eher in einem schnelleren Tempo. Das zweite Set dieses Tages würde es dann in der nächsten Runde geben.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 979).
1964-09-25 Berlin [Mittwoch, der 5. Februar 2014]
… dann frühstückte man zu dem Konzert, das Miles Davis am 25. September 1964 hier in der Hauptstadt gegeben hatte. Das war der erste Auftritt Wayne Shorters in Hans Köberlins Miles-Davis-Sammlung, und dieses Quintett mit Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams sollte bis zum Beginn der elektrischen Phase so fortbestehen. Wie üblich in der Zeit gab es einen Wechsel von schnell und langsam gespielten Stücken, und das Programm bestand aus Milestones, Autumn Leaves, wieder ganz anders interpretiert als zusammen mit Cannonball Adderly und noch weiter weg davon als im Vorjahr in Antibes*, So What, das Hans Köberlin lieber als langsames Stück gehört hätte, wie immer schön Stella by Starlight und Walkinʼ. […] Wie ihn die Stücke der elektrischen Phase stets konkret affizierten, war es bei den vorherigen Stilen – ›Bebop‹, ›Cool‹, ›Hard Bop‹ et cetera – eher ein allgemeines Goutieren, bei dem je nach aktueller Laune dieses oder jenes als besonders gelungen auffiel … »Petit pan de mur jaune …«** Bei ›Fusion‹ war er persönlich stehengeblieben und also auch nicht auf der Höhe der Zeit, aber dazu bekannte er sich … »There have to be dinosaurs or the little kids won’t have nothing to look at in the museum, right?«*** … er nahm dennoch manches danach Gekommene mit Wohlgefallen wahr – etwa den ›Dark Jazz‹ der gestern erworbenen Piano Nights und viele Einspielungen auf Manfred Eichers ECM-Label –, aber man mußte ja nicht alles mitmachen.
* … und zu einer weiteren Interpretation in der Stadt, die niemals schlief; wir werden unten noch auf eine frühere und eine spätere Interpretation Miles Davisʼ zu sprechen kommen. Hans Köberlin kannte Joseph Kosmas Prévert-Vertonung – außer, wie gesagt, der, nicht zuletzt wegen des Auftakts kanonisch gewordenen und auch mit Miles Davis, von Cannonball Adderly – noch von einem Konzert, das John Coltrane am 28. November 1962 in Graz gegeben hatte, dann natürlich aus Kosmas Soundtrack zu Marcel Carnés Les Portes de la nuit (1946), dort gesungen von Yves Montant, und als Medley zusammen mit For Sentimental Reasons und Tenderly gesungen von Natalie Cole.
** Marcel Proust, La Prisonnière, Paris 1923, Chapitre premier: Vie en commun avec Albertine.
*** Thomas Pynchon, Bleeding Edge, New York 2013, S. 156.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1130f.).
1964-07-14 東京市 [Montag, der 27. Januar 2014]
Über dieser Lektüre hatten sich die Wolken weitgehend verzogen und Hans Köberlin absolvierte seinen Dauerlauf und war danach sehr froh, daß es doch noch dazu gekommen war. Anschließend frühstückte er im leeren Wintergarten, denn der Himmel war jetzt zwar wolkenlos blau, aber der Sturm hatte bloß unwesentlich nachgelassen. Dazu hörte er jenes Konzert, das Miles Davis am 14. Juli 1964 in der Hauptstadt des Landes der aufgehenden Sonne gegeben hatte. Das Programm lief zunächst wieder nach der schnell-langsam-Alternation ab, bei der auf If I Were a Bell eine wunderbar dramatische Interpretation von My Funny Valentine folgte, Miles Davis spielte ab hier ohne Dämpfer, dann blieb es aber die nächsten beiden Stücke – So What und Walkin’ – schnell. Das Konzert endete mit dem langsamen All of You, wieder mit Dämpfer gespielt, Hans Köberlin hatte das Gefühl, daß hier ein Übergang in eine neue Phase zu hören war, bei dem man aber noch ziemlich dem eigentlich Überholten anhing.*
* Hätte Hans Köberlin das Buch von Ian Carr zur Hand gehabt, hätte er seine Vermutung dort von kompetenter Seite bestätigt gefunden: »Es war mittlerweile [1964] klar, daß die frische Vitalität des Trompeters und seiner Band und die neue Behandlung alten Materials die Lösung des eigentlichen Problems leidlich hinausschob: es mußten neue musikalische Konzepte entwickelt werden, die die Identität dieser jungen Band, die sich von Miles’ früheren Bands total unterschied, zum Ausdruck bringen konnten […] die schnelleren Stücke [wurden] fast durchweg zu hektisch gespielt und wirken etwas hingehauen, während die langsamen und mittleren Nummern mit vorher noch nie erreichter Tiefe und Brillanz aufgeführt wurden.« (Ian Carr, Miles Davis. Eine kritische Biographie, Baden 1985, S. 150f.; dort auch eine ausführliche Analyse von Miles Davis’ damaliger My Funny Valentine-Interpretation).
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1060f.).
1964-02-12 New York 2nd Set [Mittwoch, der 15. Januar 2014]
Hans Köberlin hörte zu dem Frühstück im leeren Wintergarten das zweite Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 12. Februar 1964 in der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte. Es begann mit einer sehr schönen, moderaten, quasi paraphrasierende Interpretation des All Blues, bei dem das Solo Herbie Hancocks vor dem George Colemans kam, und Hans Köberlin überlegte, ob es das bei seinen Formationen bereits einmal gegeben und ob dies eine Aufwertung des Pianos im Jazz jener Zeit bedeutet, Herbie Hancock hatte bei diesem Set auch sonst neben Miles Davis den größten Raum. Es folgte als längstes Stück des Sets My Funny Valentine, bei dem Hans Köberlin während das Saxophon improvisierte dachte, daß es eine schöne Zeit gewesen sein mußte, damals, während der er im falschen Alter am falschen Ort gewesen, dann, seiner Art nach in einer anderen Stimmung, Joshua, dann wieder wie zuvor I Thought About You …
»Was ich auch tue!« (er meinte die Frau).
… dann Four, das Hans Köberlin nur in zwei Live-Fassungen kannte, die zweite würde bei dieser Runde übersprungen, dann, wieder in der Manier von Joshua das damals aktuelle Seven Steps To Heaven und schließlich There Is No Greater Love …
»Natürlich!« (er meinte die Frau).
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 972 und dort die Fußnote 2723).
1964-02-12 New York 1st Set [Dienstag, der 31. Dezember 2013]
Zum Frühstück, das wegen der Erkältung der Frau wieder im leeren Wintergarten eingenommen wurde, gab es heute das erste Set jenes Konzerts, welches Miles Davis am 12. Februar 1964 in der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte. Es war in etwa das gleiche Programm wie gestern ein Jahr zuvor auf dem Festival in Antibes, morgen, so nahm er sich vor, würde er einen etwas größeren Zeitsprung machen. Die Ansage ging, ihrem Ritual – erst Schlagzeug, dann Baß, dann Klavier et cetera … – folgend, über zwei Minuten, dann kam zur Eröffnung erneut Autumn Leaves, gefolgt von einem sehr schnell interpretierten – also die Stücke wie gestern im Tempo alternierend – So What, dann, Hans Köberlins Favorit auf diesem Mitschnitt, Stella By Starlight, und schließlich noch Walkin’ und All Of You.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 862f.).
1963-07-27 Antibes [Montag, der 30. Dezember 2013]
Es war so sonnig und warm und windstill, daß sie draußen auf der anderen Dachterrasse frühstücken konnten, die erste Mahlzeit, die die Frau dort einnahm. Hans Köberlin schaffte bei der Frühstücksvorbereitung auch das Equipment hoch, das sie benötigten, um während des Frühstücks den Auftritt Miles Davis’ mit seinem damaligen Quintett – Herbie Hancock am Klavier – am 27. Juli 1963 auf dem festival de jazz d’Antibes Juan-les-Pins zu hören. Es war ein langes Konzert, knapp eindreiviertel Stunde, aber die Zeit würde man hier, angenehm in der Sonne auf der anderen Dachterrasse sitzend, haben. Es begann mit Autumn Leaves, dessen kanonische Fassung Davis mit Cannonball Adderley auf Somethin’ Else eingespielt hatte, es folgten das schnelle Milestones und dann langsam und verträumt I Thought About You, was sehr schön zu der entspannten Stimmung unseres Paares paßte, dann wieder schnell, in der Manier von Milestones, Joshua, und dann wieder langsam und verträumt All Of You. Walkin’ und Bye Bye Blackbird sollten folgen und Hans Köberlin nahm erstmals bewußt dieses konsequent durchgezogenen Wechsel von schnell und langsam wahr. Er nahm sich vor, nicht mehr so oberflächlich in seinem Rezeptionsverhalten zu sein, und lobte einmal wieder wegen der Einsichten, zu denen man durch sie gelangte, Rituale und Gewohnheiten, während sie zu dem Abschlußthema bereits begannen, alles zum Hinunterschaffen zusammenzupacken.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 857).
Montag, 29. November 2021
1961-05-19 New York [Dienstag, der 14. Januar 2014]
Er frühstückte dennoch in dem leeren Wintergarten, und während des Frühstücks stellte sich seine Stabilität wieder ein, als er das Konzert hörte, das Miles Davis mit seinem damaligen Quintett sowie mit Gil Evans und seinem Orchester am 19. Mai 1961 in der Carnegie Hall gegeben hatte. Dabei waren, wie Hans Köberlin bei der Eröffnung So What, bei dem Davis mit dem Quintett und dem Orchester gemeinsam spielte, dachte, quasi Kind of Blue und Sketches of Spain zusammengekommen. Weiter ging es mehr oder weniger alternierend – Qrchester und Quintett –, insgesamt umfaßte das Repertoire an diesem Abend zwölf Stücke in knapp eineinhalb Stunden, wobei Teo wieder einmal zu den Höhepunkten gehörte und Hans Köberlin bei Walkin’ wieder einmal dachte, daß das so gespielt eigentlich Runnin’ heißen müßte. Bei No Blues gab es Raum für die Soli der Rhythmusgruppe und den Abschluß bildete schließlich das Adagio des Concierto de Aranjuez, etwas verhaltener als im Studio, was ihm aber nur guttat. Jemand hatte Davis erzählt, Joaquín Rodrigo hätte seine und Gil Evans Version das Adagio nicht gefallen, woraufhin der bloß auf die Tantiemen, die bald eintrudeln würden, verwiesen habe … Wie das wohl in einer Interpretation mit dem Quintett geklungen haben würde …* Er hatte noch eine Version des gesamten Concierto von Paco De Lucia, die könnte er vielleicht später …
* Vgl. Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München 4. Aufl. 2000, S. 330. Dort (S. 330f.) hatte Davis auch eine Geschichte von jener Art, wie auch wir eine, ohne die Quelle angeben zu kön‐ nen, in Telos (a. a. O., S. 65 und dort in der Fußnote 242) kolportiert haben, erzählt: »Von einer Frau erfuhr ich später, daß sie einem alten Stierkämpfer, der sich zurückgezogen hatte und Stiere für die Arena züchtete, die Platte [Scetches of Spain] vorspielte […] er saß da und hörte zu. Als die Musik zu Ende war, stand er auf, zog seinen Toreroanzug an, nahm seinen Degen, ging raus, kämpfte und tötete zum ersten Mal, seitdem er sich zurückgezogen hatte, wieder einen Stier. Sie wollte wissen, warum er das gemacht hatte, und er erklärte ihr, die Musik hätte ihn so bewegt, daß er einfach hätte kämpfen müssen. Ich konnte die Geschichte kaum glauben, aber diese Frau schwor, daß es so gewesen war.«
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 955f.).
1961-04-22 San Francisco 3rd and 4th Set [Samstag, der 8. Februar 2014]
Um das Frühstück ruhig zu gestalten, brach Hans Köberlin eine Regel seines Rituals und ging, noch bevor ein kompletter chronologischer Durchlauf absolviert, sechs Jahre gegenüber gestern zurück zu dem dritten und vierten Set jenes Konzerts, das Miles Davis am Samstag, dem 22. April 1961 in der Stadt gegeben, die man mit Blumen im Haar besuchen sollte. Es begann wieder mit Autumn Leaves, sehr melodisch, deswegen war er ja von dem üblichen Ritual abgewichen, gefolgt von Neo, wie immer genial, auf Two Bass Hit hätte Hans Köberlin verzichten können, das paßte nun garnicht zu der Stimmung davor, obwohl man sich nach dem Intro von dem Schema des Stückes entfernte, und nach dem Bye Bye-Thema schließlich ließ Wynton Kelly wie neulich mit ein paar Takten Love, I’ve Found You das dritte Set ausklingen. Das vierte Set begann schön langsam und balladenhaft mit I Thought About You, es ging weiter in dem Stil mit Someday My Prince Will Come und zum Abschluß, angenehm ausschwingend, Softly As in a Morning Sunrise.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1152f.).
Sonntag, 28. November 2021
Samstag, 13. November 2021
Sonntag, 7. November 2021
Mittwoch, 3. November 2021
1961-04-22 San Francisco 1st and 2nd Set [Dienstag, der 4. Februar 2014]
Anschließend frühstückten sie in der Küche zu dem ersten und dem zweiten Set jenes Konzerts, das Miles Davis am Samstag, dem 22. April 1961, in jener Stadt, zu der man mit Blumen im Haar gehen sollte, gegeben hatte. Im ersten Set spielte er If I Were a Bell, wobei es sehr schöne Passagen in dem Klaviersolo gab, So What mit einem Saxophonsolo von Hank Mobley, bei dem sich Hans Köberlin von der Anspannung bei den Soli der letzten beiden Frühstücke erholen konnte, und ein paar Takte des No Blues. Das zweite Set hob sehr gefällig mit On Green Dolphin Street an, dann kam Walkinʼ, wie immer ein Container für schnelle Läufe, ʼRound Midnight, das hier ein kurzes Vorspiel vor seinem berühmten Intro hatte und ansonsten etwas in die Spielereien der Rhythmusgruppe zerfiel, und schließlich Well You Neednʼt in der Manier von Walkinʼ, es war von der Stimmung her in etwa so wie die drei Sets der Freitagnacht.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1125.).
Sonntag, 31. Oktober 2021
1961-04-21 San Francisco 3rd Set [Sonntag, der 26. Januar 2014]
Das Wetter war aber wieder einmal so, daß er zu seiner großen Freude auf der anderen Dachterrasse frühstücken und anschließend lesen und schreiben konnte. Zum Frühstück hörte er das dritte Set jenes Konzerts, das Miles Davis am Freitag, dem 21. April 1961, in jener Stadt gegeben, zu der man mit Blumen im Haar gehen sollte und in der Scottie Ferguson drei Jahre zuvor einem blonden Phantom nachgejagt war. Man spielte drei Titel über gut eine halbe Stunde, If I Were a Bell, Fran Dance und On Green Dolphin Street. Es war ein entspanntes Konzert oder jedenfalls wirkte es so und Hans Köberlin ertappte sich dabei, wie er seine Brote kauend und die wunderbare Landschaft im Sonnenschein betrachtend die Musik in den Hintergrund abtriften ließ und nicht mehr bewußt seinem Ritual entsprechend zuhörte, bei dem Baßsolo von Fran Dance fiel ihm das auf, und bei On Green Dolphin Street überlegte er gar, ob er vor seiner Reise in die Hauptstadt noch einmal Fish’n’Chips essen gehen sollte.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1052f.).
1961-04-21 San Francisco 2nd Set [Montag, der 13. Januar 2014]
Hans Köberlin frühstückte wegen des Windes wieder einmal in dem leeren Wintergarten und hörte dazu das zweite Set jenes Konzerts, welches Miles Davis am Freitag, dem 21. April 1961, in der Stadt, zu der man mit einigen Blumen im Haar reisen sollte, gegeben hatte, nicht im ›Fillmore West‹, sondern in ›The Blackhawk‹. Es war erhohlsam unspektakulär, im außermusikalischen Sinn gemeint, nach den Ausbrüchen Coltranes gestern. Mit All Of You begann es heiter, dann kam dramatisch Neo daher, was natürlich das Teo von Someday My Prince Will Come war, auf jeden Fall Hans Köberlins Favorit bei diesem Auftritt. Gerne würden wir hier mit Tonarten und Takten klugscheißen, aber das gehört leider ebensowenig zu unserem Repertoire wie zu dem unseres Protagonisten. Auf Neo oder Teo folgte wieder entspannt und leicht elegisch I Thought About You, dann Bye Bye Blackbird, mit Walkin’ noch ein flottes Stück, bei dem die Rhythmusgruppe ihre Soli hatte, und nach dem Thema schließlich ließ Wynton Kelly am Klavier noch mit ein paar Takten Love, I’ve Found You Hans Köberlins Frühstück ausklingen.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 951).
1961-04-21 San Francisco 1st Set [Sonntag, der 29. Dezember 2013]
Es war, wie gesagt, wieder ein Gammeltag. Während des Frühstücks hörten sie das erste von drei Sets, die Miles Davis am Freitag, dem 21. April 1961, im ›Blackhawk‹ in San Francisco gegeben hatte. Es waren drei Titel, das schnelle Oleo, dann sehr lang und groovy No Blues und schließlich das Abschlußthema, alle drei Titel sehr dynamisch.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 853).
1960-03-24 København [Montag, der 3. Februar 2014]
Gefrühstückt wurde, wie Hans Köberlin gestern beschlossen, mit jenem Konzert, das Miles Davis und John Coltrane am 24. März 1960 in jener Stadt gegeben, in der Lars von Triers Rigshospitalet lag. Man spielte das gleiche Repertoire wie gestern und das Konzert verlief ähnlich, wobei die gleichen Stücke natürlich nicht gleich klangen, und Hans Köberlin gewann nach On Green Dolphin Street den Eindruck, daß Coltrane sich fast in den Sound der Band eingefügt, auch der All Blues lief im Rahmen ab und Hans Köberlin fragte sich, was er da erinnert hatte und ob es noch andere Aufnahmen von der finalen Tour der beiden gab, aber jetzt war das egal.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1120).
Dienstag, 26. Oktober 2021
1960-03-22 Stockholm 2nd Set [Sonntag, der 2. Februar 2014]
Für das Frühstück suchte Hans Köberlin das zweite Set jenes Konzerts aus, das Miles Davis zusammen mit John Coltrane am 22. März 1960, also immer noch kurz vor Hans Köberlins Geburt, in der Stadt, in der Martin Beck sein Revier gehabt, gegeben hatte. Es begann mit So What, etwas schneller, aber noch moderat, Miles Davis spielte wunderbar, dann begann das Solo von John Coltrane im gleichen Modus, jedoch nur für ein paar Takte, um sich dann, das Solo, zwischendurch immer wieder kurz aufgefangen, auf seinen eigenen Weg zu machen. Es war allerdings trotz seiner unverhältnismäßigen Dauer nicht so extrem, wie Hans Köberlin es in seiner Erinnerung gehabt hatte. Bei Wynton Kellys anschließendem Klavierpart wußte man, daß man die Gefahr des Ausbruchs beim ersten Stück überstanden hatte. Es ging weiter mit On Green Dolphin Street, Miles Davis benutzte einen Dämpfer, dann kam Coltrane, der die Melodie aufnahm, natürlich nicht dabei blieb, aber doch immer wieder darauf zurückgriff. Es war nicht so stimmig wie vor zwei Jahren in Newport, aber auch nicht der Exzeß, für den Hans Köberlin sich bereits gewappnet, was die Frau bemerkt und zu der Frage veranlaßt hatte, warum er so angespannt sei. Nach dem Klavier folgte Paul Chambers’ Solo, das der mit dem Bogen ausführte. Es blieb schließlich noch über gut sechzehn Minuten der All Blues. Der hob im Kind of Blue-Tempo an, Miles Davis zunächst wieder mit Dämpfer, dann aber offen und sehr pointiert auf einem ornamental gemusterten Schlagzeugteppich. Und John Coltrane blieb auch hier im Rahmen, auch wenn man an manchen Stellen merkte, daß er ihn sprengen wollte. Hans Köberlin war etwas irritiert, er hatte mit einem verheerenden Ausbrauch gerechnet. Trog in sein Gedächtnis, war er von seiner einschlägigen Lektüre beeinflußt oder lag es an dieser besonders aufmerksamen Art des Hörens? Ein Konzert in der Stadt, in der Lars von Triers Rigshospitalet lag, stand von der letzten Tournee der beiden noch aus, und Hans Köberlin beschloß, dies zur weiteren Gedächtnisauffrischung gleich am morgigen Morgen oder Mittag zu hören.
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1113).
Donnerstag, 21. Oktober 2021
Sonntag, 10. Oktober 2021
Samstag, 2. Oktober 2021
Sonntag, 26. September 2021
Empirie, 23. Update
- Stand des Manuskripts:
- Seiten: S. 1.602 von ca. 2.100 Seiten
- Fußnoten: 4.482
- Stand der Bearbeitung:
- Seiten: S. 1.349 von ca. 2.100 Seiten
- Fußnoten: 3.682
- Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
- Tag der Bearbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
- Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
- Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
- Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
- Stand der Überarbeitung:
- Seiten: S. 778 von 778 Seiten
- Fußnoten: 2.280
- Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
- Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Stand der Überarbeitung:
- Seite: S. 1.089
- Fußnoten: 2.984
- Kapitel: XI (= Erstes Intermezzo – oder: Zäsur)
- Tag der Überarbeitung: Freitag, der 31. Januar 2014, der 122. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).
Wird aktualisiert!
Mittwoch, 15. September 2021
Science Fiction (noch eine Fortsetzung)
Freitag, 10. September 2021
Science Fiction (erneute Fortsetzung der Geschichte)
Donnerstag, 9. September 2021
Sonntag, 5. September 2021
Donnerstag, 2. September 2021
1960-03-22 Stockholm 1st Set [Samstag, der 25. Januar 2014]
Er las weiter, bis Mr Bloom Stephen die Photographie von der tiefdekolletierten Mrs Bloom zeigte, und stand dann auf, um im leeren Wintergarten zu frühstücken. Heute wollte er sich Miles Davis und John Coltrane bei dem ersten Set jenes Konzerts, das sie am 22. März 1960, also kurz vor Hans Köberlins Geburt, in der Stadt, in der Martin Beck sein Revier gehabt, gegeben hatten, stellen. Es begann nach der Vorstellung der Band mit einem sehr schnellen So What, Miles Davis spielte wunderbar, dann kam John Coltrane und Hans Köberlin, der als der Typus Nummer zwei auf Adornos Skala, »guter Zuhörer«, die während dieser Tournee dokumentierten Stücke nicht sämtlich im Kopf hatte, wartete auf den Moment, bei dem es nicht mehr passen würde, doch Coltrane blieb diesmal im Rahmen. Es folgte Fran Dance in einem Tempo, bei dem jede Exaltation sofort auffallen würde, auch hier hielt sich Coltrane zurück, war aber näher als zuvor dabei, die von Miles Davis getroffene Formentscheidung zu ignorieren. Das dritte und letzte Stück des Sets war Walkin’, auch hier begann Coltrane passend zu Miles Davis’ vorangegangenem Solo, drohte auch hier ein paarmal, in sein eigenes Ding abzudriften, fings sich aber wieder, sein Solo war bloß etwas zu lang. Hans Köberlin wußte aber, daß es bei zweiten Set des Abends anders kommen würde …
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1049f.).
1960-03-21 Paris 2nd Set [Sonntag, der 12. Januar 2014]
Das Wetter erlaubte das Frühstücken auf der anderen Dachterrasse. Folgte er seinen selberaufgestellten Regeln – und das wollte er heute tun –, stand wieder eines jener problematischen letzten gemeinsamen Konzerte Davis’ mit John Coltrane* an, und zwar das zweite Set des Konzerts in der Stadt der Liebe vom 21. März 1960. Es war das gleiche Spiel wie bei dem ersten Set, Coltranes Soli sprengten den ästhetischen Rahmen der Sets – was meint: außerhalb dieses Kontexts wären sie genial gewesen –, bis auf Oleo, wo er bei 4’:23’’ nicht den Raum dazu hatte und sich wohl einfügen mußte.
* Wie gesagt, Hans Köberlins Miles-Davis-Bücher hatten keinen Eingang in die Basisbibliothek gefunden und waren in einer der Bücherkisten im Gutshof des Verlegers südwestlich der Hauptstadt eingelagert. Deshalb möchten wir nun das, was Hans Köberlin in zwei von ihnen zu dieser Tournee nachgelesen hätte, zitieren. Zunächst aus Miles Davis’ unter Mitwirkung von Quincy Troupe verfaßten Autobiographie: »Es war jetzt Frühjahr 1960 und Norman Granz hatte mich und meine Band für eine Europatournee gebucht. Es sollte eine ziemlich lange Tour sein, von März bis Ende April. Trane wollte eigentlich vor der Tournee aussteigen […] Als ich Trane das nächste Mal sah, sagte ich: ›[…] Wenn du aufhören willst, dann hör auf. Aber kannst du nicht wenigstens warten, bis wir aus Europa zurück sind?‹ Wenn er jetzt gegangen wäre, hätte er mich wirklich hängenlassen, denn außer ihm kannte niemand die Songs. Schließlich kam er doch mit, aber während der ganzen Tournee blieb er für sich und schimpfte und maulte vor sich hin. Es war klar, daß er nach unserer Rückkehr die Gruppe verlassen würde. Aber bevor er ging, schenkte ich ihm das besagte Sopransaxophon und gleich als er drauf spielte, konnte ich hören, wie revolutionär es sich auf seinen späteren Tenorstil auswirken würde. Ich sagte ihm oft im Scherz, daß er dieser Reise sein Sopransaxophon verdankt und er deshalb sein Leben lang in meiner Schuld stehn würde. Dann lachte er, bis ihm die Tränen kamen, und ich sagte: ›Trane, ich mein es ernst.‹ Er umarmte mich ganz fest und sagte: ›Miles, du hast ja recht.‹ Aber das war viel später, als er seine eigene Band hatte, die einfach jeden mit ihrem Kram umhaute. Gleich nachdem wir wieder in den Staaten waren, im Mai, verließ Trane die Gruppe und bekam ein Engagement in der Jazz Gallery.« (Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München 4. Aufl. 2000, S. 333f.). Nicht ganz so moderat klang das bei Ian Carr: »Wo immer Miles mit seiner Band auftrat, gab es – zuweilen sehr heftige – Kontroversen wegen Coltrane. Vor allem ging es um das im Jazz noch nie dagewesene (physische und geistige) Stehvermögen des Saxophonisten. Er setzte für die Kunst der Improvisation neue Maßstäbe. Improvisieren bedeutete jetzt nicht mehr, ein leichtverdauliches melodisches Thema gefällig zu variieren; bei Coltrane waren die Improvisationen ein gewaltiger, unaufhörlicher Strom origineller Ideen, die mit äußerster Intensität vorgetragen wurden […] Anfang 1960 muß Coltrane klargeworden sein, daß er sich von Miles trennen und eigene Wege gehen mußte, um das, was in ihm steckte, zu verwirklichen und die Anerkennung zu bekommen, die er brauchte. Jimmy Cobb beschreibt die Situation in diesen letzten hektischen Monaten, die Coltrane noch in Milesʼ Quintett verbrachte: ›Coltrane spielte ganze Nächte durch, selbst in den Pausen stellte er sich irgendwohin und spielte … in irgendeiner Ecke oder so …, Miles mußte ihn oft unterbrechen, weil er sonst eine Stunde lang solo gespielt hätte, auch wenn unser Auftritt nur vierzig Minuten dauern sollte. Das war unglaublich – er konnte einfach nicht aufhören. Miles sagte: ›Hör mal, Mann, warum spielst du nicht 27 Chorusse statt 28?‹ … Und Coltrane antwortete: ›Wenn ich mal so richtig drin bin, weiß ich nicht, wie ich aufhören soll.‹ Als er das wieder mal nicht wußte, sagte Miles zu ihm: ›Versuch doch mal, das Saxophon aus dem Mund zu nehmen!‹‹ Im März und April nahm das Miles Davis Quintett an einer von Norman Granz organisierten […] Tour teil. Die Tournee führte durch Skandinavien, Frankreich und Deutschland; es war das erstemal, daß Miles mit seiner kompletten Band im Ausland spielte. Coltrane wollte zwar aussteigen, aber Miles konnte ihn trotzdem zur Teilnahme an der Tournee überreden. Jimmy Cobb erinnert sich: ›Er hatte nur seine Saxophone mit sich, einen Handkoffer und einen Kulturbeutel. Eigentlich wollte er gar nicht mitkommen, aber Miles hat ihn dazu überredet. Er saß im Bus neben mir und sah aus, als ob er Jeden Moment abhauen wollte.‹ In Deutschland und Frankreich gab es heftige Kontroversen wegen Coltrane. Als er bei einem größeren Konzert in Deutschland ausgebuht wurde, soll Miles – Gerüchten zufolge – vor Wut zu spielen aufgehört und seine Band von der Bühne geführt haben. In Frankreich gab es nicht nur Verwirrung über Miles Verhalten auf der Bühne, sondern auch beträchtliche Verärgerung über Coltrane, und das Publikum verließ scharenweise die Konzertsäle […] Nach einigen weiteren Auftritten mit Miles in den USA verließ Coltrane das Quintett, um eine eigene Band zu gründen. Sein Weggang traf Miles hart; während ihres letzten gemeinsamen Auftritts in Philadelphia brach Miles beinahe zusammen und weinte. Er war so mitgenommen, daß er sogar ans Mikrophon ging und eine kurze Ansage machte, daß der Saxophonist die Band verlassen werde.« (Ian Carr, Miles Davis. Eine kritische Biographie, Baden 1985, S. 133f.).
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 945f.).