Freitag, 23. Oktober 2026

Die List des Verhängnisses

Da alles anders kommt, als man denkt, ist das Verhängnis sehr behindert durch die fürchtend vorwegnehmenden Gedanken des Menschen, die einer Beschwörung gleichen. Darum lähmt es die Einbildungskraft, daß sie auf alles verfällt, nur nicht auf das Verhängnis, welches so der Abbiegung durch den vorstellenden Gedanken entgeht und seine ganze Urwüchsigkeit und schmetternde Schlagkraft bewahrt.« (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Frankfurt am Main, Buch II: Der Junge Joseph, Fünftes Hauptstück: Die Fahrt zu den Brüdern, Die Zumutung, S. 527).

Donnerstag, 22. Oktober 2026

The question …

… from Blakes »The question answered«.

(Robert Crumb, Sketchbook, Vol. II: Sept. 1968 – Jan. 1975, Köln 2026, S. 256).

Mittwoch, 21. Oktober 2026

Hoffnung auf die Zeit der Reife

Dies scheint zu beweisen, daß die Einsicht Einzelner sich nicht geltend machen kann, so lange der Geist der Zeit nicht reif ist, sie aufzunehmen. (Arthur Schopenhauer, Die Lehre vom Idealen und Realen; in: Werke in fünf Bänden, nach den Ausgaben letzter Hand hrsg. von Ludger Lütkehaus, Zürich 1991, Bd. IV: Parerga und Paralipomena, S. 13).

Montag, 19. Oktober 2026

Asta Nielsen

Nachtrag zu dem Besuch der Insel Mynheer Peeperkorns, genauer: vor dem Asta-Nielsen-Haus (nicht auf dem Bild, rechts davon) am Samstag, dem 10. Oktober 2026.

Stefan Zweig war [am 28. November] 1881 geboren worden, und Randy Newman …
   Oh Baltimore
   Man it’s hard just to live
   Oh, Baltimore
   Man, it’s hard just to life, just to live
(Baltimore, 1977) … war 1943 geboren worden und Leslie Nielsen, den wir vor allem wegen Forbidden Planet (Fred McLeod, 1955) mochten (wahrscheinlich war niemals außer vielleicht bei Flash Gordon (1974) und bei Barbarella (1968) ein Nymphchen in einem kürzeren Röckchen im Weltall zu sehen gewesen, höchstens noch in den frühen Star Trek-Folgen; außerdem verdanken wir diesem Film die denkwürdige Aussage des Dr. Morbius: »My evil self is at that door, and I have no power to stop it!«), Leslie Nielsen also war 2010 gestorben und Alberto Moravia war 1907 geboren worden, was im Jahre 1997 jedoch nicht dazu geführt hatte, einen Still von Le mépris (1963) zu zeigen, sondern einen aus Bertoluccis Il conformista (1969/70), zu dem er gleichfalls die Vorlage geliefert hatte, einen Still auf dem man Dominique Sanda sah, wie sie mit gespreizten Beinen auf einem gigantischen Schreibtisch saß und einem Mann dahinter ihr Allerheiligstes präsentierte. – Wir widerstehen der Versuchung, an dieser Stelle aus Anlaß von Moravias Geburtstag etwas zu Le mépris zu sagen und warten, bis ein betreffender Still – von dem wir mit Sicherheit wissen, daß es eines gibt, nämlich am Dienstag, dem 18. Februar 2014 – kommt (siehe unten S. 1262ff.).
   Nebenbei bemerkt: nachdem wir in Hans Köberlins Arbeitsjournal nach Leslie Nielsen gesucht hatten, stießen wir (ohne Quellenangabe) auf Borges’ Bekenntnis, in seiner Jugend habe er Asta Nielsen geliebt. Sollen wir der Versuchung, zu zitieren, was Seeßlen unter der Überschrift Der nordische Vamp zu Asta Nielsen gesagt hat, nachgeben?
   »Ja, unbedingt!«
   »Eine femme fatale von anderem Wesen war, zuerst im dänischen: dann auch im deutschen Film, Asta Nielsen. Zwar verkörperte auch Sie, wie die italienischen Diven, ›den Reiz des Verbotenen‹ (Enno Patalas), eine verführerische Erotik jenseits bürgerlicher Wohlanständigkeit, doch zugleich war sie die Frau, die durch den schädlichen Einfluß ihrer Umwelt, oder bei dem Versuch, beengenden oder demütigenden Verhältnissen zu entkommen, in gefährliche Milieus und auf die schiefe Bahn gerät. Die ›fast schon ins Groteske gesteigerte Schlankheit, überbetont durch die schwarzweißen Längsstreifen, die von der Nielsen privat sowie in ihren Filmkostümen bevorzugt wurden, weil sie nicht nur die schlanke Linie, sondern auch die Schwarzweißwirkung ihrer eminent filmischen Erscheinung betonten‹ (Heinrich Fraenkel), die grazilen, dennoch bestimmten Bewegungen und ein Darstellungsstil, der sich ganz dem Medium Film anglich, ließen ihre Erscheinung als die Gestalt gewordene Dämonie des Sexus erscheinen, die das Bürgertum bedrohte […] Immer gerät sie in Konflikt mit der Moral des Bürgertums, dem sie entstammt oder nach dessen Geborgenheit sie sich insgeheim sehnt. Selten ist, wie etwa bei Theda Bara, sie es, die den Anstoß für die Entwicklung der Dinge gibt, an deren Ende Leid steht. Auch in ihren deutschen Filmen […] blieb sie die Frau, die auf Grund ihrer persönlichen Ansprüche in Widerspruch zu ihrer Umwelt gerät. Männer werden ihr Schicksal, nicht so sehr, weil sie sich über sie hinwegsetzen, sondern weil sie zu schwach sind, sich zu dem Bruch mit der heuchlerischen Moral rings um sie zu bekennen. Asta Nielsens Darstellung verweist auf die Einsamkeit des Vamps; das Unglück, das sie bringt, entspringt nicht einer zerstörerischen Komponente ihrer Erotik, sondern der Unfähigkeit der Männer, ihre Leidenschaft anzunehmen. In Die freudlose Gasse (G. W Pabst, 1925) wird sie zur Mörderin aus Leidenschaft, während der Mann ihre Liebe gar nicht in ihrer Dimension begreifen kann […] Die unterschiedlichen Erfahrungen der Vorkriegs und Kriegszeit ließen völlig andere Perspektiven in einer phänotypisch verwandten Figur wirken. War die italienische Diva ein Geschöpf der herrschenden Klasse und war der amerikanische Vamp, wie die Mondäne des Stummfilms, Ausdruck sich wandelnder kultureller Werte, so war die dämonische Frau im deutschen Stummfilm eine Anklage gegen die Schwäche der Männer, die Gewalt und Lüge verkörpern. Bezeichnenderweise gab es im deutschen Film keinen Rudolph Valentino vergleichbaren Schauspieler, während etwa Douglas Fairbanks in Harry Piel und anderen Darstellern sein Pendant fand.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 29f.).
   Nicht vergessen wollen wir das gestern angekündigte weitere Zitatenkalenderblatt mit einem Zitat von Montaigne: »Das Ziel unserer Laufbahn«, hatte der gemeint, »ist der Tod, ob wir wollen oder nicht. Aber das Leben hat keine Übel mehr für den, der begriffen hat, das der Verlust des Lebens kein Übel ist.« Hans Köberlin richtete sein Augenmerk lieber auf die sinnlichen Etappen als Ziele seiner Laufbahn denn auf das eine Ziel; die in dem zweiten Satz propagierte Einstellung kam ihm allerdings doch von sich selber bekannt vor …

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Erster Teil. Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, VIII [Dritte Phase – oder: Konsolidierung] vom 19. November bis zum 19. Dezember 2013, S. 593f., Fußnote 1862).

Sonntag, 18. Oktober 2026

Jean-Luc Godard, Allemagne année 90 neuf zéro (1991)

Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr; denn sie sind die Perioden der Zusammenstimmung, des fehlenden Gegensatzes. (Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Leipzig 1924).

Samstag, 17. Oktober 2026

The question answered

What is it men in women do require?
The lineaments of gratified desire.
What is it women do in men require?
The lineaments of gratified desire.

(William Blake).

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Marcel Proust À la recherche du temps perdu

Longtemps, je me suis couché de bonne heure. Parfois, à peine ma bougie éteinte, mes yeux se fermaient si vite que je n’avais pas le temps de me dire: «Je m’endors.» Et, une demi-heure après, la pensée qu’il était temps de chercher le sommeil m’éveillait; je voulais poser le volume que je croyais avoir encore dans les mains et souffler ma lumière; je n’avais pas cessé en dormant de faire des réflexions sur ce que je venais de lire, mais ces réflexions avaient pris un tour un peu particulier; il me semblait que j’étais moi-même ce dont parlait l’ouvrage: une église, un quatuor, la rivalité de François Ier et de Charles-Quint. Cette croyance survivait pendant quelques secondes à mon réveil; elle ne choquait pas ma raison, mais pesait comme des écailles sur mes yeux et les empêchait de se rendre compte que le bougeoir n’était pas allumé. Puis elle commençait à me devenir inintelligible, comme après la métempsycose les pensées d’une existence antérieure; le sujet du livre se détachait de moi, j’étais libre de m’y appliquer ou non ; aussitôt je recouvrais la vue et j’étais bien étonné de trouver autour de moi une obscurité, douce et reposante pour mes yeux, mais peut-être plus encore pour mon esprit, à qui elle apparaissait comme une chose sans cause, incompréhensible, comme une chose vraiment obscure. Je me demandais quelle heure il pouvait être; j’entendais le sifflement des trains qui, plus ou moins éloigné, comme le chant d’un oiseau dans une forêt, relevant les distances, me décrivait l’étendue de la campagne déserte où le voyageur se hâte vers la station prochaine; et le petit chemin qu’il suit va être gravé dans son souvenir par l’excitation qu’il doit à des lieux nouveaux, à des actes inaccoutumés, à la causerie récente et aux adieux sous la lampe étrangère qui le suivent encore dans le silence de la nuit, à la douceur prochaine du retour.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Eine Erzählinstanz spricht

Was wir hier zu berichten haben, würde uns, wenn wir Geschichtenerfinder wären und es, im stillen Einvernehmen mit dem Publikum, als unser Geschäft betrachteten, Lügenmärlein für einen unterhaltenden Augenblick wie Wirklichkeit aussehen zu lassen, sicher als Aufschneiderei und unmäßige Zumutung ausgelegt werden, und der Vorwurf bliebe uns nicht erspart, wir nähmen den Mund zu voll von Fabel und Jägerlatein, nur um noch einen Trumpf aufzusetzen und eine Lauschergutgläubigkeit zu verblüffen, die denn doch ihre Grenzen habe. Desto besser also, daß dies unsere Rolle nicht ist; daß wir uns vielmehr auf Tatsachen der Überlieferung stützen, deren Unerschütterlichkeit nicht darunter leidet, daß sie nicht alle allen bekannt sind, sondern daß einige davon einigen wie Neuigkeiten lauten. So sind wir in der Lage unsere Aussagen mit einer Stimme abzugeben, die, gelassen wenn auch eindringlich und ihrer Sache sicher, solche sonst zu befürchtenden Einwürfe von vornherein abschneidet. (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Frankfurt am Main 1986, Erstes Buch: Die Geschichten Jaakobs, Fünftes Hauptstück: In Labans Diensten, Von Labans Zunahme, S. 282).

Dienstag, 13. Oktober 2026

Montag, 12. Oktober 2026

Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Ein Fragment

Nun denn, so sitzen wir – man muß uns nicht benennen – also wieder hier*, um zu vollenden**, was wir vor ein wenig mehr als zwei Dezennien, damals die Konsequenzen unseres Beginnens nicht bedenkend und daher so leichtfüßig und leichtsinnig, begonnen, nämlich nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten*** von den drei seltsamen Abenteuern, welche Clemens Limbularius in seinem »Leben von sieben Schritten und achtmal fallen«**** widerfuhren, als da wären das erste Abenteuer im Raum, das zweite Abenteuer in der Zeit und das dritte Abenteuer …, oder das erste Abenteuer in der Vergangenheit, das zweite Abenteuer in der Zukunft und das dritte …, oder das thetische Abenteuer, das antithetische Abenteuer und das …, oder das Abenteuer des Hundes, das Abenteuer der Wildente und das Abenteuer des Aals, oder die Abenteuer Vater, Sohn und heiliger Geist, wie auch immer, als wir damals anfingen jedenfalls, da dachten wir, es sei mit einem Abenteuer, über das zu berichten, getan, aber so ist das nun einmal im Leben: man kommt schwer zu einem Ende und ein Abenteuer zieht das andere nach. Aber dieses hier ist das letzte Abenteuer und dieses hier wird unser letzter Bericht sein, und wenn wir ihn vollendet*****, wird man aus unserer Feder geschrieben kein Wort mehr über ein seltsames Abenteuer des Clemens Limbularius lesen, so schwer uns das nach all dem, nach der ein wenig mehr als zwei Dezennien währenden Beschäftigung mit Clemens Limbularius, auch fallen mag.



* Wir verfassen diesen Prolog weder in einer désobligeant noch in einer vis-a-vis noch in sonst einem Hippomobil, sondern wie gesagt: hier, und hier ist an unserem Schreibtisch, dem siebten Schreibtisch seit Beginn des ersten Berichts vor ein wenig mehr als zwei Jahrzehnten. Es folgt ein Verzeichnis der sieben Orte, an denen die Schreibtische der Berichte standen:
1. im Osten der Hansestadt,
2. im Herzen der Hansestadt,
3. in der Bibliothek an der Peripherie der Hansestadt,
4. im Arbeitszimmer an der Peripherie der Hansestadt,
5. in der ersten Wohnung in der Hauptstadt,
6. in der zweiten Wohnung in der Hauptstadt und
7. im Mediterranen.
Wir sitzen, wie gesagt, am siebten Schreibtisch, an jenem also, an dem wir sämtliche das dritte Abenteuer des Clemens Limbularius betreffende Materialien – soweit überliefert – bei Bedarf zur Hand haben.
** Vgl. dagegen Anmerkung 1.
*** Ein Wortspiel à la Godard:
BERICHTEN
BERICHTEN
**** Vgl. Daisetz Teitaro Suzuki, Leben aus Zen, mit einer Einführung in die Texte von Wei-Lang (Hui-neng), Frankfurt am Main 1982, S. 25.
***** Vgl. dagegen die Anmerkungen 1 und 14 [= **].

Freitag, 9. Oktober 2026

Unterwegs zu der Insel Mynheer Peeperkorns

Im achtundachtzigsten Kapitel [von Georges Perecs La Vie mode d’emploi] erfuhr man die Geschichte von Madame Altamont und aus einem ihr heimlich von ihrer Tochter entwendetem Brief auch die Geschichte von Monsieur Altamont, in der Hans Köberlin seinen Verdacht bezüglich der Ehe der beiden bestätigt fand und die die Sympathien der Tochter wohl umverteilen würde. Er hatte, wie dem Brief zu entnehmen war, in London im Kino The Red Shoes (1948) gesehen und in einem Pub niemand geringeres als Mynheer Peeperkorn und Madame Chauchat getroffen. Perec zitierte ihn – bis auf die Ersetzung einer Parenthese per Halbgeviert durch eine Parenthese per Komma – mit den Worten, die auch Hans Köberlin – fast hätten wir jetzt geschrieben: ›Hans Castorp‹! – in seiner Ausgabe des Zauberberg mit dicken Bleistiftstrichen markiert hatte …

Das Leben, junger Mann, es ist ein Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste Inständigkeit beansprucht.*



* Georges Perec, Das Leben Gebrauchsanweisung. Romane, Frankfurt am Main 3. Aufl. 1982, S. 697. Perec zitierte nicht den fatalen Abschluß dieser Passage: »… unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird – zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist – erledigt, junger Mann, und ausgespien … Schmach und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang …« (Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt am Main 1986, S. 783f.). Die Herausforderung brauchte vielleicht nicht »höhnisch« zu sein … aber sonst, in der Tat, so war es und so sah es auch Hans Köberlin, der einmal mehr bedauerte, daß Thomas Mann seine Tagebücher aus der Zeit der Abfassung dieser Zeilen vernichtet hatte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XVII [Sechste Phase – Gift und Geschlechtsverzweiflung] 13. März bis zum 10. April 2014, S. 1849).

Donnerstag, 8. Oktober 2026

Edgar Allan Poe, The Man of the Crowd

It was well said of a certain German book that ›er lasst sich nicht lesen‹ – it does not permit itself to be read. There are some secrets which do not permit themselves to be told. Men die nightly in their beds, wringing the hands of ghostly confessors, and looking them piteously in the eyes – die with despair of heart and convulsion of throat, on account of the hideousness of mysteries which will not suffer themselves to be revealed. Now and then, alas, the conscience of man takes up a burden so heavy in horror that it can be thrown down only into the grave. And thus the essence of all crime is undivulged.

Dienstag, 6. Oktober 2026

Herman Melville, Moby-Dick or The Whale

Call me Ishmael. Some years ago – never mind how long precisely – having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world. It is a way I have of driving off the spleen, and regulating the circulation. Whenever I find myself growing grim about the mouth; whenever it is a damp, drizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people’s hats off – then, I account it high time to get to sea as soon as I can. This is my substitute for pistol and ball. With a philosophical flourish Cato throws himself upon his sword; I quietly take to the ship. There is nothing surprising in this. If they but knew it, almost all men in their degree, some time or other, cherish very nearly the same feelings towards the ocean with me.

Sonntag, 4. Oktober 2026

Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821

Die Themenkomplexe ›Sterben‹ und ›Tod‹ waren ja bereits hier in unserem Bericht in diversen Kontexten angeschnitten worden, etwa die Metaphern dafür, die letzten Worte und, ausgehend von Frank Zappas Tod und dem Tod Ugos in La grande bouffe (1973), die Art, wie man starb, bewußt und gefaßt oder ohne es zu merken – vielleicht – im Schlaf oder … Ohne eine für ihn selber erkennbare Ursache kam Hans Köberlin die Phrase – nicht das Ereignis! – »der Tod Napoléons« in den Sinn und dadurch mußte er an einen ehemaligen Freund aus der Zeit in der Kreisstadt denken, den er auf nie ganz geklärte Art und Weise als Freund verloren, vielmehr erinnerte er sich jetzt eigentlich nicht an ihn, sondern an eine bestimmte Stimmung und an das Treppenhaus, das zu dem in einem ehemaligen Hotel unter dem Dach gelegenen Zimmer des ehemaligen Freundes geführt hatte. Und in diesem Treppenhaus hatte es viele Stiche aus dem 19. Jahrhundert hinter Glas gegeben, unter denen hatte auch eine Schwarzweißreproduktion von Carl von Steubens, oder vielmehr: von Charles de Steubens Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821 aus dem Jahre 1828 gehangen …*

Hans Köberlin hatte bei jedem Auf- oder Absteigen einen Blick auf diese ikonographisch gewordene Darstellung geworfen, und mit der Erinnerung an dieses Bild kam Hans Köberlin die Erinnerung an den Geruch dieses Treppenhauses in der warmen Jahreszeit in den Sinn …: es hatte nach einer feuchten, verschlammten Dachrinne gerochen.** Manche derartigen Gerüche waren Hans Köberlin nicht unangenehm, da war er wie Leopold Bloom mit seiner Niere zum Frühstück oder dem reifen Gorgonzolakäse, den er auf einem Brot mit Senf und Oliven und einem Glas Burgunder dazu verzehrt hatte … Bilder, Gerüche, Töne …: sinnliche Marginalien, die einen, einmal erlebt, ein Leben lang begleiteten … der ganze Proust-Komplex …*** Napoleon soll übrigens laut Kafka**** gesagt haben: »Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« Hans Köberlin stimmte dem zu.
   »Sire, où allez-vous?«
   »Demandez au cheval.«



* Edmond de Goncourt hatte am Samstag, dem 25. Mai 1895, einen Tag vor seinem Geburtstag, eine Ausstellung über die Revolution und das erste Kaiserreich besucht und dazu unter anderem folgendes mit Ergriffenheit in seinem Journal notiert: »ce vieux panama, tout gondolé, au cordonnet noir, que le grand Empereur portait à Sainte-Hélène. Et tout près du chapeau de l’exil, cette veste de piqué blanc, aux taches jaunes, qui semblent sorties du foie du Prométhée de l’île africaine. Enfin ce lit sur lequel il est mort, ce lit qui a la grandeur d’un lit de garçonnet, ce lit en fer, monté sur des roulettes, avec son pe-tit dais en forme de tente militaire, sa soie verte passée, son mince matelas, son traversin, son gros oreiller: – ce lit, entre les rideaux duquel, il y a eu peut-être, dans l’insomnie, la plus grande souffrance morale de notre siècle.«
   Hans Köberlin hatte als Teenager einmal im Fernsehen zu abgelegener Zeit Abel Gances Stummfilmepos Napoléon aus dem Jahre 1927 gesehen, teilweise für drei Leinwände konzipiert, und am Samstag, dem 25. November 2023 sahen die Frau und er sich Ridley Scotts da gerade vor ein paar Tagen in die Kinos gekommenen Film an. Schwer enttäuscht schrieb Hans Köberlin in sein Arbeitsjournal: »Ich hatte zwar ein Spektakel erwartet, aber nicht so ein oberflächliches. Aufgehangen hatte Scott das Ganze an der Beziehung zu Joséphine – da hätte er konsequent sein sollen und den Film auch ›Joséphine‹ nennen ‒ der viereinhalbstündige Director’s Cut soll in die Richtung gehen. So war es perspektivlos und ohne besondere Einstellung zu der Figur, die von anderen wesentlich vielschichtiger und ambivalenter gezeigt worden war. Die dargestellten Ereignisse wurden ohne Dramaturgie aneinandergereiht, ich hätte mit einer Nachstellung von Steubens Stich begonnen und dann mit thematischen und nicht chronologischen Rückblenden gearbeitet.«
** »… a damp, chilly, but not unpleasant smell, composed of many separate elements. It was composed of wet moss, of old dead leaves, of yet older dead wood, of long submerged, slime-coated masonry, of clammy river weeds.« (Powys, A Glastonbury Romance, London 1933, S. 125f.).
*** In Hans Köberlins Erinnerung hatten allerdings auf dem Bild weniger Personen dem Sterben von l’empereur beigewohnt, und der Raum, in dem das Totenbett gestanden, war dort weiß-abstrakter gewesen. Hans Köberlin hatte wahrscheinlich gestern en passant und unbewußt auf einem seiner Film- oder Zitatenkalenderblätter die Zeichenfolge ›†1821 Napoléon Bonarparte‹ ‒ ohne sie in einen seiner Kontexte einzubinden ‒ gesehen. Borges hatte in seinem autobiographischen Essay eingestanden, an Waterloo stets als an einen Sieg gedacht zu haben (vgl. Fritz Arnold / Gisbert Haefs (Hg.), Borges lesen, Frankfurt am Main 1991, S. 20), Hans Köberlin, der die Geschehnisse von Waterloo hauptsächlich aus Hugos Les Miserables kannte, empfand die Schlacht – wie Goethe – immer als Niederlage der Idee Europas gegen den bornierten Nationalismus … die sogenannten ›Befreiungskriege‹ …: diese Bezeichnung war einer der größten Euphemismen der Weltgeschichte. – Kafka war, was Hans Köberlin dann doch erstaunt hatte, sehr an Napoléon interessiert gewesen und hatte seitenlang unter der Überschrift »Fehler die Napoleon beging« Passagen aus den Memoiren des Generals Marcellin Marbot in sein Tagebuch exzerpiert (Gesammelte Werke in zwölf Bänden, nach der kritischen Ausgabe hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main 2. Aufl. 2014, Bd. 11, S. 101ff.) Und am 11. November 1911 hatte Kafka eine Lesung Jean Richepins aus La légende de Napoléon besucht und einen Tag darauf darüber geschrieben: »Ich spürte eine Wirkung Richepins auf mich, wie sie Salomo hat spüren müssen, als er junge Mädchen ins Bett nahm.« (ebd., Bd. 9, S. 191). Diesen Vergleich konnte Hans Köberlin allerdings überhaupt nicht nachvollziehen.
**** Er schrieb dies in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1912 in einem Brief an Felice Bauer (Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hrsg. von Erich Heller und Jürgen Born, Frankfurt am Main 1976, S. 221).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Dritter Teil. Vom 28. April 2014 bis zum 21. August 2014, XVII [Siebte Phase – darin: Besuch von Freunden] Vom 28. April bis zum 15. Mai 2014).

Samstag, 3. Oktober 2026

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

11. September, rue Toullier.
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d’Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.

Freitag, 2. Oktober 2026

… du rissest dich denn ein.

Ein Mann tritt in der Abenddämmerung mit Musik in den Ohren, Beethoven, Opus achtzehn Nummer drei D-dur, und durch einen für die aktuelle Mode etwas zu langen Trenchcoat vor der Witterung geschützt und mit einer Aktentasche in der Hand aus einem Bürogebäude und tritt ein in den winterlich-kalten Nieselregen, der aus dem in dieser Region üblichen dunkelgrauen Himmel regnet.