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Montag, 19. Oktober 2026

Asta Nielsen

Nachtrag zu dem Besuch der Insel Mynheer Peeperkorns, genauer: vor dem Asta-Nielsen-Haus (nicht auf dem Bild, rechts davon) am Samstag, dem 10. Oktober 2026.

Stefan Zweig war [am 28. November] 1881 geboren worden, und Randy Newman …
   Oh Baltimore
   Man it’s hard just to live
   Oh, Baltimore
   Man, it’s hard just to life, just to live
(Baltimore, 1977) … war 1943 geboren worden und Leslie Nielsen, den wir vor allem wegen Forbidden Planet (Fred McLeod, 1955) mochten (wahrscheinlich war niemals außer vielleicht bei Flash Gordon (1974) und bei Barbarella (1968) ein Nymphchen in einem kürzeren Röckchen im Weltall zu sehen gewesen, höchstens noch in den frühen Star Trek-Folgen; außerdem verdanken wir diesem Film die denkwürdige Aussage des Dr. Morbius: »My evil self is at that door, and I have no power to stop it!«), Leslie Nielsen also war 2010 gestorben und Alberto Moravia war 1907 geboren worden, was im Jahre 1997 jedoch nicht dazu geführt hatte, einen Still von Le mépris (1963) zu zeigen, sondern einen aus Bertoluccis Il conformista (1969/70), zu dem er gleichfalls die Vorlage geliefert hatte, einen Still auf dem man Dominique Sanda sah, wie sie mit gespreizten Beinen auf einem gigantischen Schreibtisch saß und einem Mann dahinter ihr Allerheiligstes präsentierte. – Wir widerstehen der Versuchung, an dieser Stelle aus Anlaß von Moravias Geburtstag etwas zu Le mépris zu sagen und warten, bis ein betreffender Still – von dem wir mit Sicherheit wissen, daß es eines gibt, nämlich am Dienstag, dem 18. Februar 2014 – kommt (siehe unten S. 1262ff.).
   Nebenbei bemerkt: nachdem wir in Hans Köberlins Arbeitsjournal nach Leslie Nielsen gesucht hatten, stießen wir (ohne Quellenangabe) auf Borges’ Bekenntnis, in seiner Jugend habe er Asta Nielsen geliebt. Sollen wir der Versuchung, zu zitieren, was Seeßlen unter der Überschrift Der nordische Vamp zu Asta Nielsen gesagt hat, nachgeben?
   »Ja, unbedingt!«
   »Eine femme fatale von anderem Wesen war, zuerst im dänischen: dann auch im deutschen Film, Asta Nielsen. Zwar verkörperte auch Sie, wie die italienischen Diven, ›den Reiz des Verbotenen‹ (Enno Patalas), eine verführerische Erotik jenseits bürgerlicher Wohlanständigkeit, doch zugleich war sie die Frau, die durch den schädlichen Einfluß ihrer Umwelt, oder bei dem Versuch, beengenden oder demütigenden Verhältnissen zu entkommen, in gefährliche Milieus und auf die schiefe Bahn gerät. Die ›fast schon ins Groteske gesteigerte Schlankheit, überbetont durch die schwarzweißen Längsstreifen, die von der Nielsen privat sowie in ihren Filmkostümen bevorzugt wurden, weil sie nicht nur die schlanke Linie, sondern auch die Schwarzweißwirkung ihrer eminent filmischen Erscheinung betonten‹ (Heinrich Fraenkel), die grazilen, dennoch bestimmten Bewegungen und ein Darstellungsstil, der sich ganz dem Medium Film anglich, ließen ihre Erscheinung als die Gestalt gewordene Dämonie des Sexus erscheinen, die das Bürgertum bedrohte […] Immer gerät sie in Konflikt mit der Moral des Bürgertums, dem sie entstammt oder nach dessen Geborgenheit sie sich insgeheim sehnt. Selten ist, wie etwa bei Theda Bara, sie es, die den Anstoß für die Entwicklung der Dinge gibt, an deren Ende Leid steht. Auch in ihren deutschen Filmen […] blieb sie die Frau, die auf Grund ihrer persönlichen Ansprüche in Widerspruch zu ihrer Umwelt gerät. Männer werden ihr Schicksal, nicht so sehr, weil sie sich über sie hinwegsetzen, sondern weil sie zu schwach sind, sich zu dem Bruch mit der heuchlerischen Moral rings um sie zu bekennen. Asta Nielsens Darstellung verweist auf die Einsamkeit des Vamps; das Unglück, das sie bringt, entspringt nicht einer zerstörerischen Komponente ihrer Erotik, sondern der Unfähigkeit der Männer, ihre Leidenschaft anzunehmen. In Die freudlose Gasse (G. W Pabst, 1925) wird sie zur Mörderin aus Leidenschaft, während der Mann ihre Liebe gar nicht in ihrer Dimension begreifen kann […] Die unterschiedlichen Erfahrungen der Vorkriegs und Kriegszeit ließen völlig andere Perspektiven in einer phänotypisch verwandten Figur wirken. War die italienische Diva ein Geschöpf der herrschenden Klasse und war der amerikanische Vamp, wie die Mondäne des Stummfilms, Ausdruck sich wandelnder kultureller Werte, so war die dämonische Frau im deutschen Stummfilm eine Anklage gegen die Schwäche der Männer, die Gewalt und Lüge verkörpern. Bezeichnenderweise gab es im deutschen Film keinen Rudolph Valentino vergleichbaren Schauspieler, während etwa Douglas Fairbanks in Harry Piel und anderen Darstellern sein Pendant fand.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 29f.).
   Nicht vergessen wollen wir das gestern angekündigte weitere Zitatenkalenderblatt mit einem Zitat von Montaigne: »Das Ziel unserer Laufbahn«, hatte der gemeint, »ist der Tod, ob wir wollen oder nicht. Aber das Leben hat keine Übel mehr für den, der begriffen hat, das der Verlust des Lebens kein Übel ist.« Hans Köberlin richtete sein Augenmerk lieber auf die sinnlichen Etappen als Ziele seiner Laufbahn denn auf das eine Ziel; die in dem zweiten Satz propagierte Einstellung kam ihm allerdings doch von sich selber bekannt vor …

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Erster Teil. Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, VIII [Dritte Phase – oder: Konsolidierung] vom 19. November bis zum 19. Dezember 2013, S. 593f., Fußnote 1862).

Montag, 12. Oktober 2026

Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Ein Fragment

Nun denn, so sitzen wir – man muß uns nicht benennen – also wieder hier*, um zu vollenden**, was wir vor ein wenig mehr als zwei Dezennien, damals die Konsequenzen unseres Beginnens nicht bedenkend und daher so leichtfüßig und leichtsinnig, begonnen, nämlich nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten*** von den drei seltsamen Abenteuern, welche Clemens Limbularius in seinem »Leben von sieben Schritten und achtmal fallen«**** widerfuhren, als da wären das erste Abenteuer im Raum, das zweite Abenteuer in der Zeit und das dritte Abenteuer …, oder das erste Abenteuer in der Vergangenheit, das zweite Abenteuer in der Zukunft und das dritte …, oder das thetische Abenteuer, das antithetische Abenteuer und das …, oder das Abenteuer des Hundes, das Abenteuer der Wildente und das Abenteuer des Aals, oder die Abenteuer Vater, Sohn und heiliger Geist, wie auch immer, als wir damals anfingen jedenfalls, da dachten wir, es sei mit einem Abenteuer, über das zu berichten, getan, aber so ist das nun einmal im Leben: man kommt schwer zu einem Ende und ein Abenteuer zieht das andere nach. Aber dieses hier ist das letzte Abenteuer und dieses hier wird unser letzter Bericht sein, und wenn wir ihn vollendet*****, wird man aus unserer Feder geschrieben kein Wort mehr über ein seltsames Abenteuer des Clemens Limbularius lesen, so schwer uns das nach all dem, nach der ein wenig mehr als zwei Dezennien währenden Beschäftigung mit Clemens Limbularius, auch fallen mag.



* Wir verfassen diesen Prolog weder in einer désobligeant noch in einer vis-a-vis noch in sonst einem Hippomobil, sondern wie gesagt: hier, und hier ist an unserem Schreibtisch, dem siebten Schreibtisch seit Beginn des ersten Berichts vor ein wenig mehr als zwei Jahrzehnten. Es folgt ein Verzeichnis der sieben Orte, an denen die Schreibtische der Berichte standen:
1. im Osten der Hansestadt,
2. im Herzen der Hansestadt,
3. in der Bibliothek an der Peripherie der Hansestadt,
4. im Arbeitszimmer an der Peripherie der Hansestadt,
5. in der ersten Wohnung in der Hauptstadt,
6. in der zweiten Wohnung in der Hauptstadt und
7. im Mediterranen.
Wir sitzen, wie gesagt, am siebten Schreibtisch, an jenem also, an dem wir sämtliche das dritte Abenteuer des Clemens Limbularius betreffende Materialien – soweit überliefert – bei Bedarf zur Hand haben.
** Vgl. dagegen Anmerkung 1.
*** Ein Wortspiel à la Godard:
BERICHTEN
BERICHTEN
**** Vgl. Daisetz Teitaro Suzuki, Leben aus Zen, mit einer Einführung in die Texte von Wei-Lang (Hui-neng), Frankfurt am Main 1982, S. 25.
***** Vgl. dagegen die Anmerkungen 1 und 14 [= **].

Freitag, 9. Oktober 2026

Unterwegs zu der Insel Mynheer Peeperkorns

Im achtundachtzigsten Kapitel [von Georges Perecs La Vie mode d’emploi] erfuhr man die Geschichte von Madame Altamont und aus einem ihr heimlich von ihrer Tochter entwendetem Brief auch die Geschichte von Monsieur Altamont, in der Hans Köberlin seinen Verdacht bezüglich der Ehe der beiden bestätigt fand und die die Sympathien der Tochter wohl umverteilen würde. Er hatte, wie dem Brief zu entnehmen war, in London im Kino The Red Shoes (1948) gesehen und in einem Pub niemand geringeres als Mynheer Peeperkorn und Madame Chauchat getroffen. Perec zitierte ihn – bis auf die Ersetzung einer Parenthese per Halbgeviert durch eine Parenthese per Komma – mit den Worten, die auch Hans Köberlin – fast hätten wir jetzt geschrieben: ›Hans Castorp‹! – in seiner Ausgabe des Zauberberg mit dicken Bleistiftstrichen markiert hatte …

Das Leben, junger Mann, es ist ein Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste Inständigkeit beansprucht.*



* Georges Perec, Das Leben Gebrauchsanweisung. Romane, Frankfurt am Main 3. Aufl. 1982, S. 697. Perec zitierte nicht den fatalen Abschluß dieser Passage: »… unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird – zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist – erledigt, junger Mann, und ausgespien … Schmach und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang …« (Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt am Main 1986, S. 783f.). Die Herausforderung brauchte vielleicht nicht »höhnisch« zu sein … aber sonst, in der Tat, so war es und so sah es auch Hans Köberlin, der einmal mehr bedauerte, daß Thomas Mann seine Tagebücher aus der Zeit der Abfassung dieser Zeilen vernichtet hatte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XVII [Sechste Phase – Gift und Geschlechtsverzweiflung] 13. März bis zum 10. April 2014, S. 1849).

Sonntag, 4. Oktober 2026

Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821

Die Themenkomplexe ›Sterben‹ und ›Tod‹ waren ja bereits hier in unserem Bericht in diversen Kontexten angeschnitten worden, etwa die Metaphern dafür, die letzten Worte und, ausgehend von Frank Zappas Tod und dem Tod Ugos in La grande bouffe (1973), die Art, wie man starb, bewußt und gefaßt oder ohne es zu merken – vielleicht – im Schlaf oder … Ohne eine für ihn selber erkennbare Ursache kam Hans Köberlin die Phrase – nicht das Ereignis! – »der Tod Napoléons« in den Sinn und dadurch mußte er an einen ehemaligen Freund aus der Zeit in der Kreisstadt denken, den er auf nie ganz geklärte Art und Weise als Freund verloren, vielmehr erinnerte er sich jetzt eigentlich nicht an ihn, sondern an eine bestimmte Stimmung und an das Treppenhaus, das zu dem in einem ehemaligen Hotel unter dem Dach gelegenen Zimmer des ehemaligen Freundes geführt hatte. Und in diesem Treppenhaus hatte es viele Stiche aus dem 19. Jahrhundert hinter Glas gegeben, unter denen hatte auch eine Schwarzweißreproduktion von Carl von Steubens, oder vielmehr: von Charles de Steubens Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821 aus dem Jahre 1828 gehangen …*

Hans Köberlin hatte bei jedem Auf- oder Absteigen einen Blick auf diese ikonographisch gewordene Darstellung geworfen, und mit der Erinnerung an dieses Bild kam Hans Köberlin die Erinnerung an den Geruch dieses Treppenhauses in der warmen Jahreszeit in den Sinn …: es hatte nach einer feuchten, verschlammten Dachrinne gerochen.** Manche derartigen Gerüche waren Hans Köberlin nicht unangenehm, da war er wie Leopold Bloom mit seiner Niere zum Frühstück oder dem reifen Gorgonzolakäse, den er auf einem Brot mit Senf und Oliven und einem Glas Burgunder dazu verzehrt hatte … Bilder, Gerüche, Töne …: sinnliche Marginalien, die einen, einmal erlebt, ein Leben lang begleiteten … der ganze Proust-Komplex …*** Napoleon soll übrigens laut Kafka**** gesagt haben: »Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« Hans Köberlin stimmte dem zu.
   »Sire, où allez-vous?«
   »Demandez au cheval.«



* Edmond de Goncourt hatte am Samstag, dem 25. Mai 1895, einen Tag vor seinem Geburtstag, eine Ausstellung über die Revolution und das erste Kaiserreich besucht und dazu unter anderem folgendes mit Ergriffenheit in seinem Journal notiert: »ce vieux panama, tout gondolé, au cordonnet noir, que le grand Empereur portait à Sainte-Hélène. Et tout près du chapeau de l’exil, cette veste de piqué blanc, aux taches jaunes, qui semblent sorties du foie du Prométhée de l’île africaine. Enfin ce lit sur lequel il est mort, ce lit qui a la grandeur d’un lit de garçonnet, ce lit en fer, monté sur des roulettes, avec son pe-tit dais en forme de tente militaire, sa soie verte passée, son mince matelas, son traversin, son gros oreiller: – ce lit, entre les rideaux duquel, il y a eu peut-être, dans l’insomnie, la plus grande souffrance morale de notre siècle.«
   Hans Köberlin hatte als Teenager einmal im Fernsehen zu abgelegener Zeit Abel Gances Stummfilmepos Napoléon aus dem Jahre 1927 gesehen, teilweise für drei Leinwände konzipiert, und am Samstag, dem 25. November 2023 sahen die Frau und er sich Ridley Scotts da gerade vor ein paar Tagen in die Kinos gekommenen Film an. Schwer enttäuscht schrieb Hans Köberlin in sein Arbeitsjournal: »Ich hatte zwar ein Spektakel erwartet, aber nicht so ein oberflächliches. Aufgehangen hatte Scott das Ganze an der Beziehung zu Joséphine – da hätte er konsequent sein sollen und den Film auch ›Joséphine‹ nennen ‒ der viereinhalbstündige Director’s Cut soll in die Richtung gehen. So war es perspektivlos und ohne besondere Einstellung zu der Figur, die von anderen wesentlich vielschichtiger und ambivalenter gezeigt worden war. Die dargestellten Ereignisse wurden ohne Dramaturgie aneinandergereiht, ich hätte mit einer Nachstellung von Steubens Stich begonnen und dann mit thematischen und nicht chronologischen Rückblenden gearbeitet.«
** »… a damp, chilly, but not unpleasant smell, composed of many separate elements. It was composed of wet moss, of old dead leaves, of yet older dead wood, of long submerged, slime-coated masonry, of clammy river weeds.« (Powys, A Glastonbury Romance, London 1933, S. 125f.).
*** In Hans Köberlins Erinnerung hatten allerdings auf dem Bild weniger Personen dem Sterben von l’empereur beigewohnt, und der Raum, in dem das Totenbett gestanden, war dort weiß-abstrakter gewesen. Hans Köberlin hatte wahrscheinlich gestern en passant und unbewußt auf einem seiner Film- oder Zitatenkalenderblätter die Zeichenfolge ›†1821 Napoléon Bonarparte‹ ‒ ohne sie in einen seiner Kontexte einzubinden ‒ gesehen. Borges hatte in seinem autobiographischen Essay eingestanden, an Waterloo stets als an einen Sieg gedacht zu haben (vgl. Fritz Arnold / Gisbert Haefs (Hg.), Borges lesen, Frankfurt am Main 1991, S. 20), Hans Köberlin, der die Geschehnisse von Waterloo hauptsächlich aus Hugos Les Miserables kannte, empfand die Schlacht – wie Goethe – immer als Niederlage der Idee Europas gegen den bornierten Nationalismus … die sogenannten ›Befreiungskriege‹ …: diese Bezeichnung war einer der größten Euphemismen der Weltgeschichte. – Kafka war, was Hans Köberlin dann doch erstaunt hatte, sehr an Napoléon interessiert gewesen und hatte seitenlang unter der Überschrift »Fehler die Napoleon beging« Passagen aus den Memoiren des Generals Marcellin Marbot in sein Tagebuch exzerpiert (Gesammelte Werke in zwölf Bänden, nach der kritischen Ausgabe hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main 2. Aufl. 2014, Bd. 11, S. 101ff.) Und am 11. November 1911 hatte Kafka eine Lesung Jean Richepins aus La légende de Napoléon besucht und einen Tag darauf darüber geschrieben: »Ich spürte eine Wirkung Richepins auf mich, wie sie Salomo hat spüren müssen, als er junge Mädchen ins Bett nahm.« (ebd., Bd. 9, S. 191). Diesen Vergleich konnte Hans Köberlin allerdings überhaupt nicht nachvollziehen.
**** Er schrieb dies in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1912 in einem Brief an Felice Bauer (Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hrsg. von Erich Heller und Jürgen Born, Frankfurt am Main 1976, S. 221).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Dritter Teil. Vom 28. April 2014 bis zum 21. August 2014, XVII [Siebte Phase – darin: Besuch von Freunden] Vom 28. April bis zum 15. Mai 2014).

Freitag, 2. Oktober 2026

… du rissest dich denn ein.

Ein Mann tritt in der Abenddämmerung mit Musik in den Ohren, Beethoven, Opus achtzehn Nummer drei D-dur, und durch einen für die aktuelle Mode etwas zu langen Trenchcoat vor der Witterung geschützt und mit einer Aktentasche in der Hand aus einem Bürogebäude und tritt ein in den winterlich-kalten Nieselregen, der aus dem in dieser Region üblichen dunkelgrauen Himmel regnet.

Dienstag, 29. September 2026

HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen

Zwanzig Jahre später biege ich um eine Straßenecke und überlege dabei, wie es damals wohl angefangen hat. In einem Zug natürlich: der Protagonist schaute aus dem Fenster auf den Ablauf der Landschaft, jemand drehte anscheinend eine Kurbel, um die Kulisse in Bewegung zu setzen, damit die Illusion einer linearen Bewegung entstand, mir kam die Idee und Clemens Limbularius war irritiert ob der Lage, in der er sich durch diese Konstellation befand, oder anders gesagt: der Zustand seines Bewußtseins fand keine Entsprechung in seiner Umwelt. Welcher Illusion sitze ich jetzt schon wieder auf? fragte sich Clemens Limbularius in Folge der Irritation, dann nickte er ein, nach dem letzten Halt vor dem Bahnhof, an dem er aussteigen mußte, also nach dem Halt in der alten Hauptstadt, beziehungsweise nicht der alten Hauptstadt, sondern der Hauptstadt zwischen der alten alten und der neuen alten Hauptstadt. Er nickte ein, zweiter Klasse Großraumwagen, Raucher, Fensterplatz, ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schoß. Es handelte sich bei dem Buch vermutlich um ein Buch über eingebildete oder wirkliche Lungenkranke in einem Bergsanatorium vor dem ersten Weltkrieg, oder um ein Buch über die Folgen des Eintunkens von Gebäck in Tee während eines Besuchs bei der Großmutter oder der Tante (wenn man nachschlägt stellt man fest: es war Tante Léonie), oder um ein Buch über ein im Meer lebendes Säugetier mit einer für es, das Säugetier, ungewöhnlichen oder zumindest nicht alltäglichen Farbe, oder um ein Buch über einen Romanleser, der sich in der Epoche der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über eine Romanleserin, die sich in dem Realitätsstatus der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über einen Annoncenakquisiteur, der durch eine Stadt strich, während er wußte, daß seine Frau es gerade in ihrem gemeinsamen Ehebett mit einem Anderen trieb oder um sonst ein Buch von beträchtlichem Umfang, geeignet für eine längere Reise. In seinem Gesichtsfeld hatte Clemens die Rückseite der Rückenlehne des Sitzes vor ihm mit dem hochgeklappten Ablagebrett, neben sich auf dem leeren Sitzplatz hatte er seine grüne Segeltuchtasche, deren Reißverschluß zur Hälfte hin geöffnet war, abgestellt, was neben dem der Zuhandenheit der Tasche noch den weiteren und weitaus wesentlicheren Vorteil hatte, daß der Platz für eventuell vorbeigehende Sitzplatzsucher nicht einladend wirkte. Aus der grünen Segeltuchtasche heraus lugte der kurze Hals einer eckigen Flasche mit metallenem Schraubverschluß. Der Bauch der Flasche im Bauch der Tasche lag im Dunkel, nur ein schwacher Dämmer drang von oben herein. Hätte jemand – etwa ein Homunculus, der in der grünen Segeltuchtasche sein Dasein fristete – in der Tasche Licht gemacht, dann hätte er sehen können, daß die Flasche zur Hälfte geleert war; und hätte der Taschenbewohner seine Lesebrille aus dem Jackett gezogen und einen Blick auf das Etikett der Flasche geworfen, dann hätte er wohl den Kopf geschüttelt oder verstehend genickt angesichts Clemens’ Schlummer, soweit er denn in seinem Taschendomizil überhaupt davon Kenntnis genommen hätte. In der Flasche befand sich nämlich ein bernsteinfarbenes Getränk, das in der alten Sprache seines Herkunftslandes uisge beatha genannt wird, was soviel heißt wie Lebenswasser, vulgo ein Getreidebranntwein, hergestellt aus über Torffeuer gedarrtem Gerstenmalz, trinkfähig erst nach mindestens fünfzehn Jahren. Clemens profitierte davon, daß er in einer Organisation seinen Lebensunterhalt verdiente, die es sich, zugegebenermaßen nicht ganz selbstlos, zur Aufgabe gemacht hatte, das Lebenswasser aus seinem Herkunftsland und andere Lebenswässer aus anderen Herkunftsländern, klare und bernsteinfarbene, per Schiff oder Lastkraftwagen zu uns in die Bundesrepublik zu transportieren und hier an jene zu verteilen, die es wiederum gegen einen zu entrichtenden Obolus unter das Volk brachten. Die ganze Verteilerei war – hielt man sich an die Regeln – vollkommen legal. Die Flasche in der Tasche allerdings hatte Clemens in dem Lager der Organisation illegal an sich genommen (das meinte profitieren).

Mittwoch, 23. September 2026

Fragmente zu Kapitel XIII [Ein Herbsttag in der Hauptstadt]

Die Sagen, die der Erde sich entfernen,
Vom Geiste, der gewesen ist und wiederkehret,
Sie kehren zu der Menschheit sich, und vieles lernen
Wir aus der Zeit, die eilends sich verzehret.

Die Bilder der Vergangenheit sind nicht verlassen
Von der Natur,* als wie die Tag’ verblassen
Im hohen Sommer, kehrt der Herbst zur Erde nieder,
Der Geist der Schauer findet sich am Himmel wieder.

In kurzer Zeit hat vieles sich geendet,
Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget,
Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.

Der Erde Rund mit Felsen ausgezieret
Ist wie die Wolke nicht, die abends sich verlieret,
Es zeiget sich mit einem goldnen Tage,
Und die Vollkommenheit ist ohne Klage.



* Können sich hier die Bilder deshalb behaupten, weil sie solche der Vergangenheit sind? Die Vergangenheit ist in den Turmgedichten Hölderlins positiv besetzt, wie auch der Grundton der meisten Gedichte jener Zeit optimistisch klingt. – Man sollte einmal den Verwendung des Begriffes ›Bild‹ in Hölderlins späten Gedichten systematisch untersuchen, allein die beiden Schlußverse des zweiten Gedichts …

Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet

Die Jahreszeiten oder auch die ganzen Jahre werden häufig in der Metaphorik eines Tagesablaufs beschrieben …

Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.

… überhaupt glaubte Clemens [Limbularius] aus diesen Gedichten eine Anthropomorphisierung des Kosmos herauszuhören.
   Robert Walser hatte das Schicksal Hölderlins auf die drei Punkte gebracht, die seiner eigenen Vita entsprechen sollten: »Hölderlin hatte angefangen, Gedichte zu schreiben, doch die leidige Armut zwang ihn, als Erzieher in ein Haus nach Frankfurt am Main zu gehen, damit er sein Brot verdiene.« An diesem Punkt bereits hatte er den Ausbruch der Krankheit gesehen: »Da, da zerbrach er, und er war von da an ein armer beklagenswerter Kranker […] Hier begann denn auch schon die klägliche Geisteszerrüttung, jenes langsame, weiche, entsetzliche Zerschellen aller Klarheit.« Dann: »Trübe, plump und dunkel wurde ihm die Welt, und um sich wenigstens an Tändelei und Täuschung zu berauschen, grenzenlose Trauer um verlorne Freiheit zu vergessen […] fiel es ihm ein, sich in die gnädige Frau zu verlieben. Dies zerstreute ihn, kam ihm gelegen, tat dem vernichteten, erwürgten, erstickten Herzen auf Minuten wohl.« Die »gnädige Frau« aber erklärte ihm die Unmöglichkeit dieser Liebe und verkündete ihm Robert Walsers Credo: »Doch deine kühnen Einbildungen töten dich, und der Traum, den du dir vom Leben machst, raubt dir das Leben. Könnte: Auf-Größe-Verzichten nicht auch Größe sein? Schmerzlich ist ja alles.« Und schließlich: »Hölderlin ging dann aus dem Hause fort, trieb eine Zeitlang noch in der Welt umher und fiel darauf in unheilbare Umnachtung.« (Hölderlin; in: Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Zürich 1985ff., 6. Band: Poetenleben, S. 116ff.). – Wir freilich würden den Grund für die Zerrüttung – »He is romantic.« – in der unmöglichen Liebe zur »gnädigen Frau« (Diotima) sehen wollen – »Bei gleicher Qualifikation Frauen zuerst«, wie P. zu sagen pflegte –, und nicht in dem Verlust einer Freiheit durch Armut und der daraus resultierenden Knute der Fron in bürgerlichen Verhältnissen.

Samstag, 19. September 2026

Transfer

Vom Wecker um viertelvorvier Uhr aus dem Tiefschlaf gerissen. Aufstehen, den Rest für die Abreise erledigen und runtergehen, die das Öffnen der elektrischen Türschlösser testen. Dann die Wohnung verlassen. Die Vermieterin schickt eine Auftragsbestätigung des Taxis, dann steht es auch schon an der Ecke. Problemlose Fahrt zum Flughafen.

Freitag, 18. September 2026

Mergellina e Posillipo

Aufbruch zur Metro, dann raus bis Mergellina, dort an der Küste entlang weiter bis zu den Anfängen von Posillipo. Die Strände sind privat und nicht zugänglich, bis auf einen schmalen Streifen, der über eine Treppe erreichbar ist. Dort nochmals schwimmen, mehrmals, nun der endgültige Abschied vom Meer in dieser Saison. Anschließend auf ein Getränk in eine Bar und zurück zur Unterkunft.

Donnerstag, 17. September 2026

Museo e Real Bosco di Capodimonte

Die bereits bekannte Fahrt zum Museo e Real Bosco di Capodimonte. Begannen im zweiten Stock mit der mittelalterlichen Kunst und Werken aus der Renaissance, dann im ersten Stock en passant Porzellan und weitere Renaissance-Gemälde bis welchen aus dem Barock. Es gab noch eine meditierende Maria Magdalena von Jusepe de Ribera und eine himmelfahrende von Sebastiano Ricci, dann noch eine von Tizian, bei der später herauskam, daß es die von vor zwei Jahren war, die bloß umgehängt wurde und nun neben einer Venus hing, außerdem waren vor zwei Jahren die Säle noch nicht verdunkelt gewesen. Das Museum war angenehm leer. Dann noch ein paar Stadtaussichten von oben und mit dem Bus zurück bis zur Via Toledo. Unterwegs noch ein Eis.

Mittwoch, 16. September 2026

spiaggia Mappatella

Über neue Wege zu der Metrostation Chiaia, die spektakulär gestaltet war. Von dort zwei Stationen bis zu dem Strand an der Golfpromenade, an der für irgendeine Veranstaltung Bühnen aufgebaut wurden, was an den Schluß von Otto e mezzo erinnerte. Es gab zwei Strände, beide nicht zu voll und ruhig. Dann schwimmen, Leute anschauen und herumdaddeln. Viermal im Wasser, diesmal wohl wirklich der Abschied vom Meer für diese Saison. Das Waaser ist in den zurückliegenden zweieinhalb Wochen etwas abgekühlt. Dann mit der Metro zurück bis zur Endstation, die woanders lag, als vermutet, und in einer Bar etwas getrunken.

Dienstag, 15. September 2026

l’Orto Botanico di Napoli

Der öffentliche Nahverkehr streikt, die Metro ist verschlossen, bekommen dann aber doch noch noch einen Bus bis zum Orto Botanico, der tatsächlich geöffnet hat, trotz der offensichtlichen Unlust des Personals. Flanieren, von Mücken attackiert, eine gute Stunde.

Montag, 14. September 2026

Vico della Tofa, 21, secondo piano

Stelle das mitgenommene Exemplar des zweiten Bandes der Trilogie unter die Bände der vorhandenen, rein italienischsprachigen Bibliothek, die einen leicht akademischen Eindruck macht. Die ganze Wohnung vermittelt den Eindruck, als habe dort ein älterer Junggeselle gewohnt. Sichte die Bände oberflächlich, nichts explizit Erotisches dabei.

Sonntag, 13. September 2026

Gammeltag

An den Strand, zweimal schwimmen, vielleicht der Abschied vom Meer in diesem Jahr. In die Bar von gestern abend, dann zur Unterkunft.

Samstag, 12. September 2026

Ercolano [Hochzeitstag]

Ercolano wurde wegen der anderen geographischen Lage anders zerstört als Pompeii, nicht so spektakulär, es war auch eine kleinere Stadt gewesen. Laufen viel herum.

Freitag, 11. September 2026

Sorento

Eis essen, Besuch einer der beiden Goya-Ausstellungen ‒ nicht die mit den Desastres de la Guerra ‒, Besuch der Kathedrale und Imbiß mit diversen Fischen. Dann dort einkaufen und zum Bahnhof.

Donnerstag, 10. September 2026

castello e spiaggia

Über den steilen Treppenweg voller Mücken hoch zum Castello, das aber geschlossen hatte. Wieder zurück zur Unterkunft und eine kleine Rast.Auf zum Strand, schwimmen in dem angenehmen weichen und warmen Wasser. Am Strand in einen äußerst angenehmen tiefen Schlaf gefallen, während der Himmel sich langsam zugezogen hat. Dann nochmals schwimmen und auf einen Wein in die übliche Bar.

Mittwoch, 9. September 2026

Pompeii

Teils Bekanntes, teils Neues, am Ende natürlich noch das Lupanar mitnehmen.

Dienstag, 8. September 2026

Monte Faito

Dann gemütlich zurück zu der Station, wo der Bus abfahren soll. Spektakulärer Sonnenuntergang, dann ist es gegen acht Uhr schlagartig dunkel. Etwas abenteuerliches Warten in der Dunkelheit, ob der Bus tatsächlich kommt, er kommt und fährt mit uns als einzigen Passagieren in der Nacht auf einer anderen Route enge Serpentinenstraße herunter.