Nachtrag zum Freitag, dem 4. September 2026
Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Mittwoch, 7. Oktober 2026
Dienstag, 6. Oktober 2026
Herman Melville, Moby-Dick or The Whale
Call me Ishmael. Some years ago – never mind how long precisely – having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world. It is a way I have of driving off the spleen, and regulating the circulation. Whenever I find myself growing grim about the mouth; whenever it is a damp, drizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people’s hats off – then, I account it high time to get to sea as soon as I can. This is my substitute for pistol and ball. With a philosophical flourish Cato throws himself upon his sword; I quietly take to the ship. There is nothing surprising in this. If they but knew it, almost all men in their degree, some time or other, cherish very nearly the same feelings towards the ocean with me.
Montag, 5. Oktober 2026
Sonntag, 4. Oktober 2026
Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821
Die Themenkomplexe ›Sterben‹ und ›Tod‹ waren ja bereits hier in unserem Bericht in diversen Kontexten angeschnitten worden, etwa die Metaphern dafür, die letzten Worte und, ausgehend von Frank Zappas Tod und dem Tod Ugos in La grande bouffe (1973), die Art, wie man starb, bewußt und gefaßt oder ohne es zu merken – vielleicht – im Schlaf oder … Ohne eine für ihn selber erkennbare Ursache kam Hans Köberlin die Phrase – nicht das Ereignis! – »der Tod Napoléons« in den Sinn und dadurch mußte er an einen ehemaligen Freund aus der Zeit in der Kreisstadt denken, den er auf nie ganz geklärte Art und Weise als Freund verloren, vielmehr erinnerte er sich jetzt eigentlich nicht an ihn, sondern an eine bestimmte Stimmung und an das Treppenhaus, das zu dem in einem ehemaligen Hotel unter dem Dach gelegenen Zimmer des ehemaligen Freundes geführt hatte. Und in diesem Treppenhaus hatte es viele Stiche aus dem 19. Jahrhundert hinter Glas gegeben, unter denen hatte auch eine Schwarzweißreproduktion von Carl von Steubens, oder vielmehr: von Charles de Steubens Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821 aus dem Jahre 1828 gehangen …*
Hans Köberlin hatte bei jedem Auf- oder Absteigen einen Blick auf diese ikonographisch gewordene Darstellung geworfen, und mit der Erinnerung an dieses Bild kam Hans Köberlin die Erinnerung an den Geruch dieses Treppenhauses in der warmen Jahreszeit in den Sinn …: es hatte nach einer feuchten, verschlammten Dachrinne gerochen.** Manche derartigen Gerüche waren Hans Köberlin nicht unangenehm, da war er wie Leopold Bloom mit seiner Niere zum Frühstück oder dem reifen Gorgonzolakäse, den er auf einem Brot mit Senf und Oliven und einem Glas Burgunder dazu verzehrt hatte … Bilder, Gerüche, Töne …: sinnliche Marginalien, die einen, einmal erlebt, ein Leben lang begleiteten … der ganze Proust-Komplex …*** Napoleon soll übrigens laut Kafka**** gesagt haben: »Der wird nicht weit kommen, der von Anfang an weiß, wohin er geht.« Hans Köberlin stimmte dem zu.
»Sire, où allez-vous?«
»Demandez au cheval.«
* Edmond de Goncourt hatte am Samstag, dem 25. Mai 1895, einen Tag vor seinem Geburtstag, eine Ausstellung über die Revolution und das erste Kaiserreich besucht und dazu unter anderem folgendes mit Ergriffenheit in seinem Journal notiert: »ce vieux panama, tout gondolé, au cordonnet noir, que le grand Empereur portait à Sainte-Hélène. Et tout près du chapeau de l’exil, cette veste de piqué blanc, aux taches jaunes, qui semblent sorties du foie du Prométhée de l’île africaine. Enfin ce lit sur lequel il est mort, ce lit qui a la grandeur d’un lit de garçonnet, ce lit en fer, monté sur des roulettes, avec son pe-tit dais en forme de tente militaire, sa soie verte passée, son mince matelas, son traversin, son gros oreiller: – ce lit, entre les rideaux duquel, il y a eu peut-être, dans l’insomnie, la plus grande souffrance morale de notre siècle.«
Hans Köberlin hatte als Teenager einmal im Fernsehen zu abgelegener Zeit Abel Gances Stummfilmepos Napoléon aus dem Jahre 1927 gesehen, teilweise für drei Leinwände konzipiert, und am Samstag, dem 25. November 2023 sahen die Frau und er sich Ridley Scotts da gerade vor ein paar Tagen in die Kinos gekommenen Film an. Schwer enttäuscht schrieb Hans Köberlin in sein Arbeitsjournal: »Ich hatte zwar ein Spektakel erwartet, aber nicht so ein oberflächliches. Aufgehangen hatte Scott das Ganze an der Beziehung zu Joséphine – da hätte er konsequent sein sollen und den Film auch ›Joséphine‹ nennen ‒ der viereinhalbstündige Director’s Cut soll in die Richtung gehen. So war es perspektivlos und ohne besondere Einstellung zu der Figur, die von anderen wesentlich vielschichtiger und ambivalenter gezeigt worden war. Die dargestellten Ereignisse wurden ohne Dramaturgie aneinandergereiht, ich hätte mit einer Nachstellung von Steubens Stich begonnen und dann mit thematischen und nicht chronologischen Rückblenden gearbeitet.«
** »… a damp, chilly, but not unpleasant smell, composed of many separate elements. It was composed of wet moss, of old dead leaves, of yet older dead wood, of long submerged, slime-coated masonry, of clammy river weeds.« (Powys, A Glastonbury Romance, London 1933, S. 125f.).
*** In Hans Köberlins Erinnerung hatten allerdings auf dem Bild weniger Personen dem Sterben von l’empereur beigewohnt, und der Raum, in dem das Totenbett gestanden, war dort weiß-abstrakter gewesen. Hans Köberlin hatte wahrscheinlich gestern en passant und unbewußt auf einem seiner Film- oder Zitatenkalenderblätter die Zeichenfolge ›†1821 Napoléon Bonarparte‹ ‒ ohne sie in einen seiner Kontexte einzubinden ‒ gesehen. Borges hatte in seinem autobiographischen Essay eingestanden, an Waterloo stets als an einen Sieg gedacht zu haben (vgl. Fritz Arnold / Gisbert Haefs (Hg.), Borges lesen, Frankfurt am Main 1991, S. 20), Hans Köberlin, der die Geschehnisse von Waterloo hauptsächlich aus Hugos Les Miserables kannte, empfand die Schlacht – wie Goethe – immer als Niederlage der Idee Europas gegen den bornierten Nationalismus … die sogenannten ›Befreiungskriege‹ …: diese Bezeichnung war einer der größten Euphemismen der Weltgeschichte. – Kafka war, was Hans Köberlin dann doch erstaunt hatte, sehr an Napoléon interessiert gewesen und hatte seitenlang unter der Überschrift »Fehler die Napoleon beging« Passagen aus den Memoiren des Generals Marcellin Marbot in sein Tagebuch exzerpiert (Gesammelte Werke in zwölf Bänden, nach der kritischen Ausgabe hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main 2. Aufl. 2014, Bd. 11, S. 101ff.) Und am 11. November 1911 hatte Kafka eine Lesung Jean Richepins aus La légende de Napoléon besucht und einen Tag darauf darüber geschrieben: »Ich spürte eine Wirkung Richepins auf mich, wie sie Salomo hat spüren müssen, als er junge Mädchen ins Bett nahm.« (ebd., Bd. 9, S. 191). Diesen Vergleich konnte Hans Köberlin allerdings überhaupt nicht nachvollziehen.
**** Er schrieb dies in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1912 in einem Brief an Felice Bauer (Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hrsg. von Erich Heller und Jürgen Born, Frankfurt am Main 1976, S. 221).
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Dritter Teil. Vom 28. April 2014 bis zum 21. August 2014, XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden] Vom 28. April bis zum 15. Mai 2014).
Samstag, 3. Oktober 2026
Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
11. September, rue Toullier.
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d’Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
Freitag, 2. Oktober 2026
… du rissest dich denn ein.
Ein Mann tritt in der Abenddämmerung mit Musik in den Ohren, Beethoven, Opus achtzehn Nummer drei D-dur, und durch einen für die aktuelle Mode etwas zu langen Trenchcoat vor der Witterung geschützt und mit einer Aktentasche in der Hand aus einem Bürogebäude und tritt ein in den winterlich-kalten Nieselregen, der aus dem in dieser Region üblichen dunkelgrauen Himmel regnet.
Donnerstag, 1. Oktober 2026
Mittwoch, 30. September 2026
James Joyce, Ulysses
Stately, plump Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of lather on which a mirror and a razor lay crossed. A yellow dressinggown, ungirdled, was sustained gently behind him by the mild morning air. He held the bowl aloft and intoned:
— Introibo ad altare Dei.
Dienstag, 29. September 2026
HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen
Zwanzig Jahre später biege ich um eine Straßenecke und überlege dabei, wie es damals wohl angefangen hat. In einem Zug natürlich: der Protagonist schaute aus dem Fenster auf den Ablauf der Landschaft, jemand drehte anscheinend eine Kurbel, um die Kulisse in Bewegung zu setzen, damit die Illusion einer linearen Bewegung entstand, mir kam die Idee und Clemens Limbularius war irritiert ob der Lage, in der er sich durch diese Konstellation befand, oder anders gesagt: der Zustand seines Bewußtseins fand keine Entsprechung in seiner Umwelt. Welcher Illusion sitze ich jetzt schon wieder auf? fragte sich Clemens Limbularius in Folge der Irritation, dann nickte er ein, nach dem letzten Halt vor dem Bahnhof, an dem er aussteigen mußte, also nach dem Halt in der alten Hauptstadt, beziehungsweise nicht der alten Hauptstadt, sondern der Hauptstadt zwischen der alten alten und der neuen alten Hauptstadt. Er nickte ein, zweiter Klasse Großraumwagen, Raucher, Fensterplatz, ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schoß. Es handelte sich bei dem Buch vermutlich um ein Buch über eingebildete oder wirkliche Lungenkranke in einem Bergsanatorium vor dem ersten Weltkrieg, oder um ein Buch über die Folgen des Eintunkens von Gebäck in Tee während eines Besuchs bei der Großmutter oder der Tante (wenn man nachschlägt stellt man fest: es war Tante Léonie), oder um ein Buch über ein im Meer lebendes Säugetier mit einer für es, das Säugetier, ungewöhnlichen oder zumindest nicht alltäglichen Farbe, oder um ein Buch über einen Romanleser, der sich in der Epoche der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über eine Romanleserin, die sich in dem Realitätsstatus der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über einen Annoncenakquisiteur, der durch eine Stadt strich, während er wußte, daß seine Frau es gerade in ihrem gemeinsamen Ehebett mit einem Anderen trieb oder um sonst ein Buch von beträchtlichem Umfang, geeignet für eine längere Reise. In seinem Gesichtsfeld hatte Clemens die Rückseite der Rückenlehne des Sitzes vor ihm mit dem hochgeklappten Ablagebrett, neben sich auf dem leeren Sitzplatz hatte er seine grüne Segeltuchtasche, deren Reißverschluß zur Hälfte hin geöffnet war, abgestellt, was neben dem der Zuhandenheit der Tasche noch den weiteren und weitaus wesentlicheren Vorteil hatte, daß der Platz für eventuell vorbeigehende Sitzplatzsucher nicht einladend wirkte. Aus der grünen Segeltuchtasche heraus lugte der kurze Hals einer eckigen Flasche mit metallenem Schraubverschluß. Der Bauch der Flasche im Bauch der Tasche lag im Dunkel, nur ein schwacher Dämmer drang von oben herein. Hätte jemand – etwa ein Homunculus, der in der grünen Segeltuchtasche sein Dasein fristete – in der Tasche Licht gemacht, dann hätte er sehen können, daß die Flasche zur Hälfte geleert war; und hätte der Taschenbewohner seine Lesebrille aus dem Jackett gezogen und einen Blick auf das Etikett der Flasche geworfen, dann hätte er wohl den Kopf geschüttelt oder verstehend genickt angesichts Clemens’ Schlummer, soweit er denn in seinem Taschendomizil überhaupt davon Kenntnis genommen hätte. In der Flasche befand sich nämlich ein bernsteinfarbenes Getränk, das in der alten Sprache seines Herkunftslandes uisge beatha genannt wird, was soviel heißt wie Lebenswasser, vulgo ein Getreidebranntwein, hergestellt aus über Torffeuer gedarrtem Gerstenmalz, trinkfähig erst nach mindestens fünfzehn Jahren. Clemens profitierte davon, daß er in einer Organisation seinen Lebensunterhalt verdiente, die es sich, zugegebenermaßen nicht ganz selbstlos, zur Aufgabe gemacht hatte, das Lebenswasser aus seinem Herkunftsland und andere Lebenswässer aus anderen Herkunftsländern, klare und bernsteinfarbene, per Schiff oder Lastkraftwagen zu uns in die Bundesrepublik zu transportieren und hier an jene zu verteilen, die es wiederum gegen einen zu entrichtenden Obolus unter das Volk brachten. Die ganze Verteilerei war – hielt man sich an die Regeln – vollkommen legal. Die Flasche in der Tasche allerdings hatte Clemens in dem Lager der Organisation illegal an sich genommen (das meinte profitieren).
Montag, 28. September 2026
Sonntag, 27. September 2026
Johann Wolfgang Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit
Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.
Samstag, 26. September 2026
Die Zeit einmal wieder
Daß die Zeit vergeht, empfinden wir und beklagen wir alle täglich; aber wie die Zeit vergeht, das entzieht sich uns durch die Mechanik unseres Bewußtseins ins Blaue und Ungenaue. (Hans Blumenberg, Utopien – hinterher gelesen; in: Schriften zur Literatur 1945-1958, hrsg. von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler, Berlin 2017, S. 115).
Freitag, 25. September 2026
John Cowper Powys, A Glastonbury Romance
Donnerstag, 24. September 2026
Mittwoch, 23. September 2026
Fragmente zu Kapitel XIII [Ein Herbsttag in der Hauptstadt]
Die Sagen, die der Erde sich entfernen,
Vom Geiste, der gewesen ist und wiederkehret,
Sie kehren zu der Menschheit sich, und vieles lernen
Wir aus der Zeit, die eilends sich verzehret.
Die Bilder der Vergangenheit sind nicht verlassen
Von der Natur,* als wie die Tag’ verblassen
Im hohen Sommer, kehrt der Herbst zur Erde nieder,
Der Geist der Schauer findet sich am Himmel wieder.
In kurzer Zeit hat vieles sich geendet,
Der Landmann, der am Pfluge sich gezeiget,
Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.
Der Erde Rund mit Felsen ausgezieret
Ist wie die Wolke nicht, die abends sich verlieret,
Es zeiget sich mit einem goldnen Tage,
Und die Vollkommenheit ist ohne Klage.
* Können sich hier die Bilder deshalb behaupten, weil sie solche der Vergangenheit sind? Die Vergangenheit ist in den Turmgedichten Hölderlins positiv besetzt, wie auch der Grundton der meisten Gedichte jener Zeit optimistisch klingt. – Man sollte einmal den Verwendung des Begriffes ›Bild‹ in Hölderlins späten Gedichten systematisch untersuchen, allein die beiden Schlußverse des zweiten Gedichts …
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet
Die Jahreszeiten oder auch die ganzen Jahre werden häufig in der Metaphorik eines Tagesablaufs beschrieben …
Er siehet, wie das Jahr sich frohem Ende neiget,
In solchen Bildern ist des Menschen Tag vollendet.
… überhaupt glaubte Clemens [Limbularius] aus diesen Gedichten eine Anthropomorphisierung des Kosmos herauszuhören.
Robert Walser hatte das Schicksal Hölderlins auf die drei Punkte gebracht, die seiner eigenen Vita entsprechen sollten: »Hölderlin hatte angefangen, Gedichte zu schreiben, doch die leidige Armut zwang ihn, als Erzieher in ein Haus nach Frankfurt am Main zu gehen, damit er sein Brot verdiene.« An diesem Punkt bereits hatte er den Ausbruch der Krankheit gesehen: »Da, da zerbrach er, und er war von da an ein armer beklagenswerter Kranker […] Hier begann denn auch schon die klägliche Geisteszerrüttung, jenes langsame, weiche, entsetzliche Zerschellen aller Klarheit.« Dann: »Trübe, plump und dunkel wurde ihm die Welt, und um sich wenigstens an Tändelei und Täuschung zu berauschen, grenzenlose Trauer um verlorne Freiheit zu vergessen […] fiel es ihm ein, sich in die gnädige Frau zu verlieben. Dies zerstreute ihn, kam ihm gelegen, tat dem vernichteten, erwürgten, erstickten Herzen auf Minuten wohl.« Die »gnädige Frau« aber erklärte ihm die Unmöglichkeit dieser Liebe und verkündete ihm Robert Walsers Credo: »Doch deine kühnen Einbildungen töten dich, und der Traum, den du dir vom Leben machst, raubt dir das Leben. Könnte: Auf-Größe-Verzichten nicht auch Größe sein? Schmerzlich ist ja alles.« Und schließlich: »Hölderlin ging dann aus dem Hause fort, trieb eine Zeitlang noch in der Welt umher und fiel darauf in unheilbare Umnachtung.« (Hölderlin; in: Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Zürich 1985ff., 6. Band: Poetenleben, S. 116ff.). – Wir freilich würden den Grund für die Zerrüttung – »He is romantic.« – in der unmöglichen Liebe zur »gnädigen Frau« (Diotima) sehen wollen – »Bei gleicher Qualifikation Frauen zuerst«, wie P. zu sagen pflegte –, und nicht in dem Verlust einer Freiheit durch Armut und der daraus resultierenden Knute der Fron in bürgerlichen Verhältnissen.
Dienstag, 22. September 2026
Montag, 21. September 2026
»Regardez vous-même si vous voyez mieux avec ce verre-ci, avec celui-là, avec cet autre.«
L’écrivain ne dit que par une habitude prise dans le langage insincère des préfaces et des dédicaces: »mon lecteur«. En réalité, chaque lecteur est, quand il lit, le propre lecteur de soi-même. L’ouvrage de l’écrivain n’est qu’une espèce d’instrument optique qu’il offre au lecteur afin de lui permettre de discerner ce que, sans ce livre, il n’eût peut-être pas vu en soi-même. La reconnaissance en soi-même, par le lecteur, de ce que dit le livre est la preuve de la vérité de celui-ci, et vice versa, au moins dans une certaine mesure, la différence entre les deux textes pouvant être souvent imputée non à l’auteur mais au lecteur. De plus, le livre peut être trop savant, trop obscur pour le lecteur naïf et ne lui présenter ainsi qu’un verre trouble, avec lequel il ne pourra pas lire. Mais d’autres particularités (comme l’inversion) peuvent faire que le lecteur ait besoin de lire d’une certaine façon pour bien lire; l’auteur n’a pas à s’en offenser mais, au contraire, à laisser la plus grande liberté au lecteur en lui disant: »Regardez vous-même si vous voyez mieux avec ce verre-ci, avec celui-là, avec cet autre.« (Marcel Proust, Le Temps retrouvé, Paris 1927, Chapitre III: Matinée chez la princesse de Guermantes).
Sonntag, 20. September 2026
Virginia Woolf am Mittwoch, dem 31. Juli 1918
»Ich sah [in London] ein totes Pferd auf dem Pflaster […] was ich ziemlich rührend fand – an einem warmen Nachmittag auf der Oxford Street zu sterben & nur ein Zugpferd gewesen zu sein; & als ich auf dem Rückweg wieder vorbeikam, war es entfernt worden. Daraus kann man ersehen, was meine Geschäfte waren.« (Tagebücher, hrsg. von Klaus Reichert, Frankfurt am Main 1990, Bd. 1, S. 283).
Samstag, 19. September 2026
Transfer
Vom Wecker um viertelvorvier Uhr aus dem Tiefschlaf gerissen. Aufstehen, den Rest für die Abreise erledigen und runtergehen, die das Öffnen der elektrischen Türschlösser testen. Dann die Wohnung verlassen. Die Vermieterin schickt eine Auftragsbestätigung des Taxis, dann steht es auch schon an der Ecke. Problemlose Fahrt zum Flughafen.
Freitag, 18. September 2026
Mergellina e Posillipo
Aufbruch zur Metro, dann raus bis Mergellina, dort an der Küste entlang weiter bis zu den Anfängen von Posillipo. Die Strände sind privat und nicht zugänglich, bis auf einen schmalen Streifen, der über eine Treppe erreichbar ist. Dort nochmals schwimmen, mehrmals, nun der endgültige Abschied vom Meer in dieser Saison. Anschließend auf ein Getränk in eine Bar und zurück zur Unterkunft.























