Mittwoch, 3. November 2021

1961-04-22 San Francisco 1st and 2nd Set [Dienstag, der 4. Februar 2014]

Anschließend frühstückten sie in der Küche zu dem ersten und dem zweiten Set jenes Konzerts, das Miles Davis am Samstag, dem 22. April 1961, in jener Stadt, zu der man mit Blumen im Haar gehen sollte, gegeben hatte. Im ersten Set spielte er If I Were a Bell, wobei es sehr schöne Passagen in dem Klaviersolo gab, So What mit einem Saxophonsolo von Hank Mobley, bei dem sich Hans Köberlin von der Anspannung bei den Soli der letzten beiden Frühstücke erholen konnte, und ein paar Takte des No Blues. Das zweite Set hob sehr gefällig mit On Green Dolphin Street an, dann kam Walkinʼ, wie immer ein Container für schnelle Läufe, ʼRound Midnight, das hier ein kurzes Vorspiel vor seinem berühmten Intro hatte und ansonsten etwas in die Spielereien der Rhythmusgruppe zerfiel, und schließlich Well You Neednʼt in der Manier von Walkinʼ, es war von der Stimmung her in etwa so wie die drei Sets der Freitagnacht.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1125.).

Sonntag, 31. Oktober 2021

Blick aus dem Küchenfenster auf den Plattenbau

1961-04-21 San Francisco 3rd Set [Sonntag, der 26. Januar 2014]

Das Wetter war aber wieder einmal so, daß er zu seiner großen Freude auf der anderen Dachterrasse frühstücken und anschließend lesen und schreiben konnte. Zum Frühstück hörte er das dritte Set jenes Konzerts, das Miles Davis am Freitag, dem 21. April 1961, in jener Stadt gegeben, zu der man mit Blumen im Haar gehen sollte und in der Scottie Ferguson drei Jahre zuvor einem blonden Phantom nachgejagt war. Man spielte drei Titel über gut eine halbe Stunde, If I Were a Bell, Fran Dance und On Green Dolphin Street. Es war ein entspanntes Konzert oder jedenfalls wirkte es so und Hans Köberlin ertappte sich dabei, wie er seine Brote kauend und die wunderbare Landschaft im Sonnenschein betrachtend die Musik in den Hintergrund abtriften ließ und nicht mehr bewußt seinem Ritual entsprechend zuhörte, bei dem Baßsolo von Fran Dance fiel ihm das auf, und bei On Green Dolphin Street überlegte er gar, ob er vor seiner Reise in die Hauptstadt noch einmal Fish’n’Chips essen gehen sollte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1052f.).

1961-04-21 San Francisco 2nd Set [Montag, der 13. Januar 2014]

Hans Köberlin frühstückte wegen des Windes wieder einmal in dem leeren Wintergarten und hörte dazu das zweite Set jenes Konzerts, welches Miles Davis am Freitag, dem 21. April 1961, in der Stadt, zu der man mit einigen Blumen im Haar reisen sollte, gegeben hatte, nicht im ›Fillmore West‹, sondern in ›The Blackhawk‹. Es war erhohlsam unspektakulär, im außermusikalischen Sinn gemeint, nach den Ausbrüchen Coltranes gestern. Mit All Of You begann es heiter, dann kam dramatisch Neo daher, was natürlich das Teo von Someday My Prince Will Come war, auf jeden Fall Hans Köberlins Favorit bei diesem Auftritt. Gerne würden wir hier mit Tonarten und Takten klugscheißen, aber das gehört leider ebensowenig zu unserem Repertoire wie zu dem unseres Protagonisten. Auf Neo oder Teo folgte wieder entspannt und leicht elegisch I Thought About You, dann Bye Bye Blackbird, mit Walkin’ noch ein flottes Stück, bei dem die Rhythmusgruppe ihre Soli hatte, und nach dem Thema schließlich ließ Wynton Kelly am Klavier noch mit ein paar Takten Love, I’ve Found You Hans Köberlins Frühstück ausklingen.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 951).

1961-04-21 San Francisco 1st Set [Sonntag, der 29. Dezember 2013]

Es war, wie gesagt, wieder ein Gammeltag. Während des Frühstücks hörten sie das erste von drei Sets, die Miles Davis am Freitag, dem 21. April 1961, im ›Blackhawk‹ in San Francisco gegeben hatte. Es waren drei Titel, das schnelle Oleo, dann sehr lang und groovy No Blues und schließlich das Abschlußthema, alle drei Titel sehr dynamisch.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 853).

1960-10-13 (oder 10?) Stockholm 2nd Concert [Dienstag, der 25. März 2014]

Zum Frühstück hörte Hans Köberlin die beiden Sets des zweiten Konzerts, das Miles Davis am 13. – oder am 10.? – Oktober 1960 in der Hauptstadt des Landes, wo früher die Rätselheftchen und die Pornoheftchen – und manchmal sogar eine Kombination von beidem – hergekommen, gegeben hatte. Es begann schön langsam mit All of You, über eine Viertelstunde, dann kam sehr schnell Walkinʼ, die Geschwindigkeit, ging Hans Köberlin da auf, sollte sicher auch simples Virtuosentum demonstrieren, später auch bei den Gitarristen, McLaughlin etwa, bei seinen Alben mit Shakti … man konnte sich zu diesen schnellen Läufen nicht bewegen, höchstens mit der Fußspitze wippen, man hatte wohl in einem bestuhlten Konzertsaal gesessen, selber ruhig dabei, bis, wie gesagt, auf den dicken Zeh, aber alles in allem wie in einem Windkanal. Dann folgte als letztes Stück des ersten Sets wieder ruhig Autumn Leaves, etwas von der bekannten Melodie entfernt. Wie schon bei dem zweiten Set des ersten Konzerts begann auch das das zweite Set des zweiten Konzerts ohne Miles Davis und ohne Sonny Stitts mit Wynton Kelly als führendem Solisten, Softly, as in a Morning Sunrise, worin wieder der Bassist sein Solo bekam. Auch beim folgenden Stück, Makinʼ Whoopee, fehlten Trompete und Saxophon. Bei Lover Man war dann Sonny Stitts dabei, es war eine melancholische Ballade in Schwarzweiß. Bei seinem Spiel bestand wirklich ein großer Unterschied zu dem, was John Coltrane im gleichen Jahr bei der Tour davor gemacht hatte. Bei If I Where a Bell stieg Miles Davis wieder ein. Es plätscherte so dahin, um dann mit No Blues zu enden, Miles Davis spielte hier sehr schön, Hans Köberlin mußte sogar an Right Off denken. Morgen dann vier Jahre weiter … Das Helsinki-Konzert hatte er schon ewig nicht mehr gehört, so daß er selber gespannt sein durfte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1960-10-13 (oder 10?) Stockholm 1st Concert [Montag, der 24. März 2014]

Es war ein kommoder trockener Tag mit Sonnenschein und blauem Himmel, aber immer noch zu windig, um den Vormittag draußen verbringen zu können. Heute war zum Frühstück das Hören der beiden Sets des ersten Konzerts, das Miles Davis am 10. oder 13. Oktober 1960* in der Stadt, in der Kommissar Beck gewirkt, gegeben hatte, vorgesehen. Es begann mit Walkinʼ im gewohnten Tempo, der etwas träge Hans Köberlin ließ sich mittreiben, erst von der Trompete, dann vom Saxophon, dann vom Klavier, dann vom Baß – mit Bogen –, dann nahm Miles Davis das Thema wieder auf. Es folgte sehr balladenhaft Autumn Leaves, die langsamen Stücke dieser Zeit gefielen Hans Köberlin zweifellos besser, die Soli gab es in der gleichen Abfolge wie zuvor. Weiter ging es mit So What, wieder eher schnell, aber dennoch eine schöne Interpretation, vor allem das Klavier ließ Hans Köberlin aufhorchen. Als letztes Stück des ersten Sets folgte ʼRound Midnight mit einer etwas befremdlichen Rumba-Einlage. Das zweite Set begann mit zwei Stücken, die Hans Köberlin nicht einordnen konnte, nämlich June Night und Stardust. Bei dem ersten Stück war das nicht verwunderlich, es spielte bloß die Rhythmusgruppe, eine Recherche im weltweiten Netz sollte ergeben, daß es sich um einen 1924 publizierten Song handelte, den Wynton Kelly desöfteren gecovert hatte. Hier bekam auch der Drummer sein erstes Solo. Ähnlich verhielt es sich mit Stardust, einem Song von 1927, bei dem Sonny Stitt seinen großen Auftritt hatte. Hans Köberlin versuchte, sich in die Zuhörer zu versetzen: man war wegen Miles Davis gekommen und hatte wohl auch einen entsprechenden Obolus entrichtet, und der ließ sich eine gute Viertelstunde nicht blicken … Bei On Green Dolphin Street war er dann wieder dabei, mit Dämpfer, und zu Hans Köberlins Freude blieb man beim anschließenden All Blues im Tempo von A Kind of Blue, es war eine äußerst bemerkenswerte Interpretation … also alles in allem ein ruhiges zweites Set. Das Konzert insgesamt war in Hans Köberlins eines der schönsten aus der Zeit, er hatte aber das Gefühl, es nicht angemessen goutieren zu können. Angesichts Sonny Stitts balladenhaftem Saxophonspiel fragte er sich, warum er es nicht in einem ästhetischen Rückfall genauso goutieren konnte, wie er die naturalistischen und realistischen Darstellungen nackter Frauen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert goutierte …** Es spielten halt andere Dinge mit … Es gab auch jene sonst überhörten Stücke, die durch ihren expliziten Einsatz in einem Soundtrack eine ganz neue Bedeutung bekamen … Umgekehrt vergällte einem die Werbung das Hören von mach zeitlos gutem Song …

* Auf der von Hans Köberlin archivierten digitalen Ausgabe war der 10. Oktober 1960 angegeben, in den Discographien der Autobiographie (Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München, 4. Auflage 2000, S. 586), der von Ian Carr (Miles Davis. Eine kritische Biographie, Baden 1985, S. 307) und der im weltweiten Netz jedoch der 13. Oktober 1960, Miles selber hatte in der Autobiographie gesagt: »Über Schweden und Paris ging es dann weiter in die Staaten, wo wir die Tour beendeten« (ebd., S. 337), was wegen der Reihenfolge wiederum für den 10. Oktober 1960 sprechen würde.
** Wir hatten ja bereits häufiger erwähnt, daß sich Hans Köberlin – wie auch Clemens Limbularius – bei der bildenden Kunst sujetabhängig nicht state oft he art bewegte, sondern in einen Realismus oder sogar einen Naturalismus zurückfiel (siehe z. B. die Fußnote 3378 auf S. 1252f.,S. 1258f. und die Fußnote 3720 auf S. 1392 mit der dazugehörigen Abbildung auf der Folgeseite). Damit stand er nicht allein, wie diese Anmerkung Michael Koetzles zu den Anfängen der Kunstphotographie in dem Bildband 1000 Nudes belegte: »Tatsächlich dürfte das Gros der meist von pariser Spezialverlagen edierten Mappen mit entsprechenden Studioposen weniger akademischen als erotischen Interessen entgegengekommen sein. Nur so erkärt sich auch der bis weit ins 20. Jahrhundert hinein anhaltende Bedarf an ›Künstlerakt-Lichtbildern‹, nachdem die eigentliche ›Akademie‹ im Zuge von Impressionismus, Expressionismus sowie einer sich anbahnenden Abkehr vom Gegenständlichen ihre Bedeutung verloren hatte.« (Uwe Scheid Collection, 1000 Nudes. A History of Erotic Photography from 1839-1939, Köln 2005, S. 103).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1960-10-11 Paris 2nd Set [Sonntag, der 23. März 2014]

Und weiter ging in dem sich länger als erwartet hinziehenden Abschluß des Frühstücksrituals mit dem Mitschnitt des zweiten Sets jenes Konzerts, das Miles Davis am 11. Oktober 1960 in der Stadt der Liebe gegeben hatte. Es begann mit einer sehr schönen Interpretation von Walkinʼ, sehr schön meinte, daß Hans Köberlin für die Musik zugänglich war, was auf eine weiche Stimmung schließen ließ. Jeder außer dem Bassisten bekam sein Solo. Als nächstes kam If I Were a Bell, Miles Davis spielte mit dem Dämpfer und Hans Köberlins Aufmerksamkeit wanderte etwas ab, weil er sich überlegte, wo er Miles Davis im Rahmen seiner Möglichkeiten hätte sehen können … es gab ein paar dokumentierte Konzerte ab 1986 aus dem Land seiner Herkunft, von denen er wußte, in seinem Fundus waren nur der Mitschnitt vom 10. Juli 1988 aus der Stadt bei den Mönchen, in der er zehn Jahre zuvor mit einem guten Freund gewesen. Auch Fran Dance, gleichfalls mit dem Dämpfer gespielt, konnte Hans Köberlins Aufmerksamkeit nicht fesseln, bis der Bassist endlich sein Solo bekam. Erstaunlicherweise gefiel ihm dann Two Bass Hit, ein Stück, das er sonst wegen seines etwas penetranten Themas nicht so mochte, aber das wurde hier quasi camoufliert. Dann kam All of You, das längste Stück des Sets, es kam wohlgefällig ruhig daher, ließ aber Hans Köberlin wieder abschweifen. Zum Abschluß gab es So What, wie meist auf der Bühne nicht so pointiert wie im Studio und viel zu schnell gespielt. Nach einer Weile hatte sich Hans Köberlin reingehört. Er kam darauf, daß es wie im Studio nur mit John Coltrane und Cannonball Adderley funktionieren konnte. Sonny Stitts Solo war gut, aber nur teilweise spezifisch für dieses Stück. Für seine Zeit sicherlich ein gutes Konzert, dachte sich Hans Köberlin nach dem Anspielen des Themas zum Abschluß.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1960-10-11 Paris 1st Set [Samstag, der 22. März 2014]

Zum Frühstück hörte Hans Köberlin das erste Set jenes Konzerts, das Miles Davis am 11. Oktober 1960 in der Stadt der Liebe gegeben hatte. Es war, wie gesagt, die zweite Europatournee dieses Jahres, bei der Sonny Stitt den mit Miles Davis nicht mehr kompatiblen John Coltrane ersetzt hatte, weil der von Coltrane empfohlene Nachfolger Wayne Shorter bei Art Blakeys Jazz Messengers unabkömmlich war. Es begann mit Walkinʼ, heute wieder schnell, gefolgt von einer sehr schönen Version von Autumn Leaves. Das anschließende Four war gegenüber dem zuvor geörten ein Rückfall in eine frühere Ära, ähnlich wie das unidentifizierte Stück danach, dann aber kam ʼRound About Midnight, Hans Köberlin gefiel, wie Sonny Stitt da und überhaupt spielte, zwar konventionell, aber mit Lust und ohne große Sperenzchen, und auch Wynton Kelly am Klavier. No Blues war dann über eine gute Viertelstunde ein passender Abschluß.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1960-03-24 København [Montag, der 3. Februar 2014]

Gefrühstückt wurde, wie Hans Köberlin gestern beschlossen, mit jenem Konzert, das Miles Davis und John Coltrane am 24. März 1960 in jener Stadt gegeben, in der Lars von Triers Rigshospitalet lag. Man spielte das gleiche Repertoire wie gestern und das Konzert verlief ähnlich, wobei die gleichen Stücke natürlich nicht gleich klangen, und Hans Köberlin gewann nach On Green Dolphin Street den Eindruck, daß Coltrane sich fast in den Sound der Band eingefügt, auch der All Blues lief im Rahmen ab und Hans Köberlin fragte sich, was er da erinnert hatte und ob es noch andere Aufnahmen von der finalen Tour der beiden gab, aber jetzt war das egal.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1120).

Dienstag, 26. Oktober 2021

1960-03-22 Stockholm 2nd Set [Sonntag, der 2. Februar 2014]

Für das Frühstück suchte Hans Köberlin das zweite Set jenes Konzerts aus, das Miles Davis zusammen mit John Coltrane am 22. März 1960, also immer noch kurz vor Hans Köberlins Geburt, in der Stadt, in der Martin Beck sein Revier gehabt, gegeben hatte. Es begann mit So What, etwas schneller, aber noch moderat, Miles Davis spielte wunderbar, dann begann das Solo von John Coltrane im gleichen Modus, jedoch nur für ein paar Takte, um sich dann, das Solo, zwischendurch immer wieder kurz aufgefangen, auf seinen eigenen Weg zu machen. Es war allerdings trotz seiner unverhältnismäßigen Dauer nicht so extrem, wie Hans Köberlin es in seiner Erinnerung gehabt hatte. Bei Wynton Kellys anschließendem Klavierpart wußte man, daß man die Gefahr des Ausbruchs beim ersten Stück überstanden hatte. Es ging weiter mit On Green Dolphin Street, Miles Davis benutzte einen Dämpfer, dann kam Coltrane, der die Melodie aufnahm, natürlich nicht dabei blieb, aber doch immer wieder darauf zurückgriff. Es war nicht so stimmig wie vor zwei Jahren in Newport, aber auch nicht der Exzeß, für den Hans Köberlin sich bereits gewappnet, was die Frau bemerkt und zu der Frage veranlaßt hatte, warum er so angespannt sei. Nach dem Klavier folgte Paul Chambers’ Solo, das der mit dem Bogen ausführte. Es blieb schließlich noch über gut sechzehn Minuten der All Blues. Der hob im Kind of Blue-Tempo an, Miles Davis zunächst wieder mit Dämpfer, dann aber offen und sehr pointiert auf einem ornamental gemusterten Schlagzeugteppich. Und John Coltrane blieb auch hier im Rahmen, auch wenn man an manchen Stellen merkte, daß er ihn sprengen wollte. Hans Köberlin war etwas irritiert, er hatte mit einem verheerenden Ausbrauch gerechnet. Trog in sein Gedächtnis, war er von seiner einschlägigen Lektüre beeinflußt oder lag es an dieser besonders aufmerksamen Art des Hörens? Ein Konzert in der Stadt, in der Lars von Triers Rigshospitalet lag, stand von der letzten Tournee der beiden noch aus, und Hans Köberlin beschloß, dies zur weiteren Gedächtnisauffrischung gleich am morgigen Morgen oder Mittag zu hören.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur] Vom 31. Januar bis zum 9. Februar 2014, S. 1113).

Samstag, 2. Oktober 2021

Sonntag, 26. September 2021

Empirie, 23. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.602 von ca. 2.100 Seiten
    • Fußnoten: 4.482
  • Stand der Bearbeitung:
    • Seiten: S. 1.349 von ca. 2.100 Seiten
    • Fußnoten: 3.682
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Bearbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen der Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen,** ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen.
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen.

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 778 von 778 Seiten
    • Fußnoten: 2.280
    • Kapitel: VIII (= Dritte Phase – oder: Konsolidierung) von VIII Kapiteln nebst einem vorläufigen Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 19. Dezember 2013, der 79. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
Mit der Vorbereitung zur Publikation des ersten Teils des zweiten Teilbandes wurde mittlerweile begonnen (obwohl der erste Teilband noch nicht publiziert wurde – c’est la vie).

  • Stand der Überarbeitung:
    • Seite: S. 1.089
    • Fußnoten: 2.984
    • Kapitel: XI (= Erstes Intermezzo – oder: Zäsur)
    • Tag der Überarbeitung: Freitag, der 31. Januar 2014, der 122. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen


* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.
** (= eine Anmerkung aus der fünften Nachlese) »Die Welt des Dichters ist nicht die einzige Welt. Es gibt mehrere Dichter.« (Bertolt Brecht, Schriften zum Theater 1; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 15, S. 393).

Wird aktualisiert!

Mittwoch, 15. September 2021

Science Fiction (noch eine Fortsetzung)

An Bord beobachteten wir seltsame Phänomene.
Wir vermuteten, daß sich das Raum-Zeit-Kontinuum verschob.
Die ›Brücke‹ blieb unbesetzt …
… ebenso die Gefechtsstationen.

Tango Staff

Freitag, 10. September 2021

Science Fiction (erneute Fortsetzung der Geschichte)

Wir folgten dem Leitsignal.
Zwar wurde unsere Ankunft gemeldet …
… doch das Schott blieb verschlossen.
Und wieder mußten wir weiterziehen …

Donnerstag, 9. September 2021

Sonntag, 5. September 2021

Donnerstag, 2. September 2021

1960-03-22 Stockholm 1st Set [Samstag, der 25. Januar 2014]

Er las weiter, bis Mr Bloom Stephen die Photographie von der tiefdekolletierten Mrs Bloom zeigte, und stand dann auf, um im leeren Wintergarten zu frühstücken. Heute wollte er sich Miles Davis und John Coltrane bei dem ersten Set jenes Konzerts, das sie am 22. März 1960, also kurz vor Hans Köberlins Geburt, in der Stadt, in der Martin Beck sein Revier gehabt, gegeben hatten, stellen. Es begann nach der Vorstellung der Band mit einem sehr schnellen So What, Miles Davis spielte wunderbar, dann kam John Coltrane und Hans Köberlin, der als der Typus Nummer zwei auf Adornos Skala, »guter Zuhörer«, die während dieser Tournee dokumentierten Stücke nicht sämtlich im Kopf hatte, wartete auf den Moment, bei dem es nicht mehr passen würde, doch Coltrane blieb diesmal im Rahmen. Es folgte Fran Dance in einem Tempo, bei dem jede Exaltation sofort auffallen würde, auch hier hielt sich Coltrane zurück, war aber näher als zuvor dabei, die von Miles Davis getroffene Formentscheidung zu ignorieren. Das dritte und letzte Stück des Sets war Walkin’, auch hier begann Coltrane passend zu Miles Davis’ vorangegangenem Solo, drohte auch hier ein paarmal, in sein eigenes Ding abzudriften, fings sich aber wieder, sein Solo war bloß etwas zu lang. Hans Köberlin wußte aber, daß es bei zweiten Set des Abends anders kommen würde …

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 1049f.).

1960-03-21 Paris 2nd Set [Sonntag, der 12. Januar 2014]

Das Wetter erlaubte das Frühstücken auf der anderen Dachterrasse. Folgte er seinen selberaufgestellten Regeln – und das wollte er heute tun –, stand wieder eines jener problematischen letzten gemeinsamen Konzerte Davis’ mit John Coltrane* an, und zwar das zweite Set des Konzerts in der Stadt der Liebe vom 21. März 1960. Es war das gleiche Spiel wie bei dem ersten Set, Coltranes Soli sprengten den ästhetischen Rahmen der Sets – was meint: außerhalb dieses Kontexts wären sie genial gewesen –, bis auf Oleo, wo er bei 4’:23’’ nicht den Raum dazu hatte und sich wohl einfügen mußte.

* Wie gesagt, Hans Köberlins Miles-Davis-Bücher hatten keinen Eingang in die Basisbibliothek gefunden und waren in einer der Bücherkisten im Gutshof des Verlegers südwestlich der Hauptstadt eingelagert. Deshalb möchten wir nun das, was Hans Köberlin in zwei von ihnen zu dieser Tournee nachgelesen hätte, zitieren. Zunächst aus Miles Davis’ unter Mitwirkung von Quincy Troupe verfaßten Autobiographie: »Es war jetzt Frühjahr 1960 und Norman Granz hatte mich und meine Band für eine Europatournee gebucht. Es sollte eine ziemlich lange Tour sein, von März bis Ende April. Trane wollte eigentlich vor der Tournee aussteigen […] Als ich Trane das nächste Mal sah, sagte ich: ›[…] Wenn du aufhören willst, dann hör auf. Aber kannst du nicht wenigstens warten, bis wir aus Europa zurück sind?‹ Wenn er jetzt gegangen wäre, hätte er mich wirklich hängenlassen, denn außer ihm kannte niemand die Songs. Schließlich kam er doch mit, aber während der ganzen Tournee blieb er für sich und schimpfte und maulte vor sich hin. Es war klar, daß er nach unserer Rückkehr die Gruppe verlassen würde. Aber bevor er ging, schenkte ich ihm das besagte Sopransaxophon und gleich als er drauf spielte, konnte ich hören, wie revolutionär es sich auf seinen späteren Tenorstil auswirken würde. Ich sagte ihm oft im Scherz, daß er dieser Reise sein Sopransaxophon verdankt und er deshalb sein Leben lang in meiner Schuld stehn würde. Dann lachte er, bis ihm die Tränen kamen, und ich sagte: ›Trane, ich mein es ernst.‹ Er umarmte mich ganz fest und sagte: ›Miles, du hast ja recht.‹ Aber das war viel später, als er seine eigene Band hatte, die einfach jeden mit ihrem Kram umhaute. Gleich nachdem wir wieder in den Staaten waren, im Mai, verließ Trane die Gruppe und bekam ein Engagement in der Jazz Gallery.« (Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München 4. Aufl. 2000, S. 333f.). Nicht ganz so moderat klang das bei Ian Carr: »Wo immer Miles mit seiner Band auftrat, gab es – zuweilen sehr heftige – Kontroversen wegen Coltrane. Vor allem ging es um das im Jazz noch nie dagewesene (physische und geistige) Stehvermögen des Saxophonisten. Er setzte für die Kunst der Improvisation neue Maßstäbe. Improvisieren bedeutete jetzt nicht mehr, ein leichtverdauliches melodisches Thema gefällig zu variieren; bei Coltrane waren die Improvisationen ein gewaltiger, unaufhörlicher Strom origineller Ideen, die mit äußerster Intensität vorgetragen wurden […] Anfang 1960 muß Coltrane klargeworden sein, daß er sich von Miles trennen und eigene Wege gehen mußte, um das, was in ihm steckte, zu verwirklichen und die Anerkennung zu bekommen, die er brauchte. Jimmy Cobb beschreibt die Situation in diesen letzten hektischen Monaten, die Coltrane noch in Milesʼ Quintett verbrachte: ›Coltrane spielte ganze Nächte durch, selbst in den Pausen stellte er sich irgendwohin und spielte … in irgendeiner Ecke oder so …, Miles mußte ihn oft unterbrechen, weil er sonst eine Stunde lang solo gespielt hätte, auch wenn unser Auftritt nur vierzig Minuten dauern sollte. Das war unglaublich – er konnte einfach nicht aufhören. Miles sagte: ›Hör mal, Mann, warum spielst du nicht 27 Chorusse statt 28?‹ … Und Coltrane antwortete: ›Wenn ich mal so richtig drin bin, weiß ich nicht, wie ich aufhören soll.‹ Als er das wieder mal nicht wußte, sagte Miles zu ihm: ›Versuch doch mal, das Saxophon aus dem Mund zu nehmen!‹‹ Im März und April nahm das Miles Davis Quintett an einer von Norman Granz organisierten […] Tour teil. Die Tournee führte durch Skandinavien, Frankreich und Deutschland; es war das erstemal, daß Miles mit seiner kompletten Band im Ausland spielte. Coltrane wollte zwar aussteigen, aber Miles konnte ihn trotzdem zur Teilnahme an der Tournee überreden. Jimmy Cobb erinnert sich: ›Er hatte nur seine Saxophone mit sich, einen Handkoffer und einen Kulturbeutel. Eigentlich wollte er gar nicht mitkommen, aber Miles hat ihn dazu überredet. Er saß im Bus neben mir und sah aus, als ob er Jeden Moment abhauen wollte.‹ In Deutschland und Frankreich gab es heftige Kontroversen wegen Coltrane. Als er bei einem größeren Konzert in Deutschland ausgebuht wurde, soll Miles – Gerüchten zufolge – vor Wut zu spielen aufgehört und seine Band von der Bühne geführt haben. In Frankreich gab es nicht nur Verwirrung über Miles Verhalten auf der Bühne, sondern auch beträchtliche Verärgerung über Coltrane, und das Publikum verließ scharenweise die Konzertsäle […] Nach einigen weiteren Auftritten mit Miles in den USA verließ Coltrane das Quintett, um eine eigene Band zu gründen. Sein Weggang traf Miles hart; während ihres letzten gemeinsamen Auftritts in Philadelphia brach Miles beinahe zusammen und weinte. Er war so mitgenommen, daß er sogar ans Mikrophon ging und eine kurze Ansage machte, daß der Saxophonist die Band verlassen werde.« (Ian Carr, Miles Davis. Eine kritische Biographie, Baden 1985, S. 133f.).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 945f.).

1960-03-21 Paris 1st Set [Samstag, der 28. Dezember 2013]

Zum Frühstück gab es diesmal das erste Set eines Konzerts, das im Rahmen der letzten gemeinsamen Tournee von Davis und Coltrane am 21. März 1960, also kurz vor Hans Köberlins Geburt, in der Stadt der Liebe stattgefunden hatte. Auf dieser Tournee wurde auf erschütternde Art und Weise offenbar, daß Davis und Coltrane nicht mehr miteinander spielen konnten. »Sie waren«, so Hans Köberlin, »aus verschiedenen Richtungen gekommen, dann hatten sich ihre Wege gekreuzt, was der Nachwelt den Geniestreich Kind of Blue hinterlassen, dann hätte jeder wieder seiner Wege gehen sollen, anstatt gemeinsam auf diese Tournee zu gehen.« Das Mißverständnis sollte von Konzert zu Konzert größer werden, hier bekam man bei Coltranes Solo in All of You eine Ahnung, wo das hinführen würde, bei So What, dem Eröffnungsstück von Kind of Blue, hier wesentlich schneller, ging es dann wieder, als sei das Stück zu stark, unpassende Ausbrüche zuzulassen – aber in Stockholm sollte es auch da anders kommen –, und in On Green Dolphin Street schließlich konnte man manchmal für Momente den Eindruck gewinnen, Coltrane habe vergessen, daß er nicht allein auf der Bühne stand. Hans Köberlin bedauerte, daß seine Miles-Davis-Bücher keinen Eingang in die Basisbibliothek gefunden hatten, und er war froh, daß ersteinmal viele andere Konzerte kommen würden, bis das zweite Set dieses Tages an der Reihe war.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 844f.).

1958-09-09 New York [Mittwoch, der 19. März 2014]

Zum Frühstück hörte Hans Köberlin den Mitschnitt jenes Konzerts, das Miles Davis am 9. September 1958 in dem Plaza Hotel der Stadt, die niemals schlief, gegeben hatte, und zwar – bis auf das erste Stück, das ohne Cannonball Adderley war – mit jener Quintett-Besetzung, die ein Jahr später Kind of Blue einspielen würde. Als er es zum Hören aus seinem digitalen Archiv heraussuchte, fand er tatsächlich noch einen weiteren zuvor übersehnen Mitschnitt – er war falsch deklariert gewesen –, nämlich vom 18. Februar 1956 im Pasadena Civic Auditorium. Den würde es nun morgen geben. Heute begann Miles Davis mit If I Where a Bell, er spielte mit Dämpfer, dann kam Oleo in der gleichen Manier, Cannonball Adderley und John Coltrane bekamen viel Raum für ihre Soli, die aus sehr schnellen Läufen bestanden, das lyrische Spiel von Kind of Blue und Somethinʼ Else sollte wohl erst noch kommen. Als nächstes folgte My Funny Valentine in einer, wie Hans Köberlin fand, sehr schönen Interpretation, Miles Davis spielte immer noch mit dem Dämpfer und die beiden Saxophonisten hatten Pause. Den Abschluß bildete Straight, No Chaser, bei dem Miles Davis endlich den Dämpfer weggelegt hatte. Hier gab es wieder viel Platz für die schnellen Saxophonläufe. Hans Köberlin fand den Mitschnitt ganz gut so, aber bis auf My Funny Valentine nicht bemerkenswert.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1958-07-03 Newport [Freitag, der 27. Dezember 2013]

Hans Köberlin stand dann auf, um das Frühstück zu richten. Wie gestern sollte es dazu eine Aufzeichnung von dem Newport Jazz Festival geben, diesmal drei Jahre später, als Miles Davis dort am 3. Juli 1958 mit John Coltrane gespielt hatte. Hans Köberlins Favoriten waren die langsameren Stücke Fran Dance und Bye Bye Blackbird mit dem Solo von Coltrane, Two Bass Hit aber klang ihm zu arg nach der Erkennungsmelodie einer Fernsehshow. Und wie es von ’Round Midnight für Hans Köberlins Ohren die außergewöhnliche Interpretation von Robert Wyatt gab, so gab es von Bye Bye Blackbird die von Nina Simone, aufgenommen 1961 in der Stadt die niemals schlief.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 839f.).

1957-12-08 Amsterdam [Dienstag, der 8. März 2014]

Zum Frühstück im leeren Wintergarten hörte Hans Köberlin den Mittschnitt jenes Konzerts, das Miles Davis am 8. Dezember 1957 in jener Stadt gegeben, deren Kais Jacques Brel besungen hatte. Eigentlich handelte es sich um zwei Sets, aber da sich keines der Stücke wiederholte, hörte Hans Köberlin beide wieder am Stück. Es waren eher ruhige Stücke und Hans Köberlin war von seinem physischen Empfinden her in einer melancholischen Stimmung und nicht so bei der Sache, heute. Bei einer interessanten Version von A Night in Tunesia horchte er auf, triftete dann aber in Gedanken wieder ab, bis ihn die bisher langsamste Version von Walkinʼ, so kam es ihm jetzt zumindest vor, ihn erneut aufhorchen ließ. Insgesamt klang die Aufnahme manchmal so, als sei hier eine Langspielplatte, die bereits ein paar Kratzer gehabt, digitalisiert worden. ʼRound About Midnight war wieder einmal wunderbar melancholisch und paßte zur Stimmung, ein ihm unbekannter Barney Wilen spielte sehr schön auf dem Tenorsaxophon. Zum Abschluß gab es, fast schon wie ein Reggae, Ladybird.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1957-11-30 Paris [Freitag, der 21. März 2014]

Zum Frühstück dann, der Witterungsumstände halber wieder im leeren Wintergarten – die Dachterrasse vor ein paar Tagen, war wohl die eine Schwalbe gewesen, die noch keinen Sommer gemacht, hörte er also wie vorgenommen den Mittschnitt jenes Konzerts, das Miles Davis am 30. November 1957 in der Stadt der Liebe gegeben hatte. Und das Ritual wollte kein Ende nehmen, denn in das digitale Archiv dieses Mitschnitts war ein Mitschnitt von einem Konzert – oder mehreren Konzerten? – geraten, die Miles Davis im Juli 1986 im Jardin des Arênes de Cimiez in jener Stadt, über deren Dächern Hitchcock 1955 einen Film mit Grace Kelly und Cary Grant gedreht,* gegeben hatte, veröffentlicht zunächst als Bonus zu Tutu und dann im kommenden Jahr in einer Box mit allen Alben der Jahre ‒ Miles Davis letzte Jahre ‒ bei den Gebrüdern Warner. Das Ende des Rituals zog sich also, wie gesagt, weiter hinaus, was sich bis jetzt noch aufgefunden hatte, war allerdings in Miles Davisʼ musikalischer Vita zu früh oder zu spät, um Hans Köberlin wirklich zu begeistern. ‒ Aber zurück in die Stadt der Liebe. Das Konzert, das in der Hinsicht bemerkenswert war, weil Miles Davis hier mit dem Rene Urtreger Trio spielte, mit dem er in der Folge den Soundtrack zu Malles Ascenseur Pour Lʼechafaud (1958) einspielen sollte,** und zu Hans Köberlins angenehmer Überraschung begann es auch in diesem Stil, ohne natürlich die Dramatik der Filmmusik zu haben. Hans Köberlin, etwas müde heute, ließ sich treiben, bis Bagsʼ Groove mit seinem markanten Intro kam. Anschließend gab es noch, gleichfalls beachtungsheischend, ʼRound Midnight, Nowʼs the Time und Walkinʼ.
»Doch, ganz schön, das Ganze.«
Und wie bei Bande à part (1964) vor drei Tagen dachte er, er hätte eine Dekade früher in der Stadt der Liebe, als sie noch in Schwarzweiß gewesen, geboren werden sollen.

* Wir zitieren aus Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Sonntag, dem 7. April 2019: »Am Sonntag, dem 14. Februar 2010, schrieb ich, damals noch im Wahn oder zumindest in der Illusion: ›Hitchcock hatte den Film gegenüber Truffaut als ›eine leichte Geschichte‹ bezeichnet. Das war es auch, und ich hatte ihn etwas flotter in Erinnerung gehabt. Grace Kelly kam wirklich recht gut ins Bild. Über sie hatte Hitchcock gesagt: ›Weshalb ich immer wieder auf die mondän reservierten blonden Schauspielerinnen zurückkomme? Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden.‹ Hitchcock hatte einige wirklich schöne Anzüglichkeiten an der Zensur vorbeigebracht.‹«
** Bei einer Recherche im weltweiten Netz, irgendwann in den folgenden Tagen während eines Nachmittags in der ›Tango Bar‹, stellte Hans Köberlin fest, daß in der gleichen Besetzung auch das ein paar Tage zuvor gehörte Konzert vom 8. Dezember 1957 in der Stadt, der Kais Jacques Brel besungen, gegeben worden war. Und auch diesmal gefiel ihm Barney Wilen am Saxophon.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1956-02-18 Pasadena [Donnerstag, der 20. März 2014]

Zum Frühstück hörte Hans Köberlin also jenen gestern wiedergefundenen über eine halbe Stunde gehenden Mitschnitt des Miles-Davis-Konzerts vom 18. Februar 1956 aus dem Pasadena Civic Auditorium. John Coltrane war da bereits dabei, nach einer längeren Vorstellung von einem gewissen Gene Norman und dem schnellen Eröffnungsstück Chance It kam eine sehr schöne Zehnminutenversion von Walkinʼ, sie kam quasi im Schrittempo daher. Dann nach einer weiteren Vorstellung – John Coltrane wurde als »Johnny Coltrane« vorgestellt und dann respektlos einfach als »Johnny« angesprochen – folgte It Never Entered My Mind, eine Ballade, die Hans Köberlin, wenn er sich recht erinnerte – was er nicht tat, siehe zum Beispiel Workinʼ –, außer bei diesem Konzert noch nie gehört hatte. Es folgten noch zwei schnelle Stücke, Woodyʼn You und Gillespies Salt Peanuts, das Davis ganz früher mit Charlie Parker gespielt hatte. Weil Hans Köberlin mit dem Frühstück noch nicht fertig war, hörte er im Anschluß Kind of Blue und war wie immer begeistert, und dann hörte er noch bei aufkommender Wollust wegen Francesʼ zum Draufküssen schönen Schultern Someday My Prince Will Come. Das Hören dieses Albums machte Hans Köberlin zufällig auf einen weiteren vergessenen Mitschnitt aufmerksam, nämlich auf den im Olympia in der Stadt der Liebe vom 30. November 1957. Den würde es morgen geben, der Abschluß des Rituals zog sich also dahin …

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1955-07-17 Newport [Donnerstag, der 26. Dezember 2013]

Eine gute glücklich=sinnlich verbrachte Stunde später bereitete Hans Köberlin das Frühstück, zu dem man heute Miles Davis’ ersten – so weit Hans Köberlin informiert war – Auftritt auf dem Newport Jazz Festival am 17. Juli 1955 hören wollte. Der Duke stellte die Band vor, dann gab es Hackensack, ’Round Midnight und Now’s The Time, was natürlich nicht für die Dauer des Frühstücks reichte. Das erste und das dritte Stück wiesen, so Hans Köberlins Ansicht beim Marmeladenbrot, in die Vergangenheit, ’Round Midnight in die Zukunft, zumindest in die nächste Dekade, bis es elektrisch wurde, das Stück könnte uns, wenn Hans Köberlin mit diesem Ritual durchhalten sollte, noch bei manchem Frühstück begegnen. Und natürlich gab es da noch die Version von Robert Wyatt …
»… aucun n’accéderait à la beauté s’il ne passait point par la Musique.«*

* Michel Serres, musique, Paris 2011.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 829.).

Mittwoch, 1. September 2021

1952 sometimes in spring Saint Louis [Freitag, den 14. März 2014]

Zum Frühstück im leeren Wintergarten hörte er – er brauchte in der letzten Phase seines Rituals noch einmal etwas Abwechslung, jene neulich vergessenen Ausschnitte von Konzerten, die Miles Davis irgendwann im Frühling 1952 mit Jimmy Forrest at the Barrel St. Louis gegeben hatte.* Gillespies A Night In Tunisia, das durch den Duke populär gewordene Perdido und Oh, Lady Be Good von den Gershwins waren ja Gassenhauer, Hans Köberlin kannte neben diesen keines der Stücke außerhalb des Kontextes dieser Mitschnitte. Auf der im Tempo gleichbleibenden Rhythmusgruppe wechselten sich Miles Davis und Jimmy Forrest zwischen den Themen mit ihren Soli ab. »Before my time«, dachte Hans Köberlin, Lol Coxhill ziterend, nach einer Viertelstunde, und er meinte nicht allein die Zeit der Auftritte, sondern auch die Art des Jazz, er war nicht in der Lage, die für ein Goutieren notwendige Binnendifferenzierung zu vollziehen. Das erste ruhigere Stück ‒ Hans Köberlin hatte nicht mehr damit gerechnet ‒ war What’s New, damit konnte er schon ein wenig mehr anfangen. Auch das folgende Perdido war nicht so hektisch wie die ersten drei Titel, aber bei All The Things You Are zog das Tempo, außer bei dem darin enthaltenen Klaviersolo, wieder an. Die letzten drei Stücke waren ähnlich der ersten, bei Oh, Lady Be Good gab es noch ein paar Scat-Einlagen à la Ella … Hans Köberlin resümierte, daß damit nun also auch dieser Teil des Rituals erfüllt war.

* »So um die Zeit tat ich mich mit Jimmy Forrest zusammen, einem Tenorsaxophonisten aus St. Louis. Er war auch ein Junkie und wußte, wo es den besten Stoff gab. Wir spielten oft im Barrelhouse, einem Club draußen an der Delmar in St. Louis. Es kamen meistens nur Weiße raus und hier lernte ich dieses junge, schöne, reiche weiße Mädchen kennen, dessen Eltern eine Schuhfabrik besaßen. Sie mochte mich sehr und hatte viel Geld.« (Miles Davis und Quincy Troupe, Die Autobiographie, München, 42000, S. 200f.).

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1951-02-17 / 06-22 / 09-29 New York [Sonntag, den 9. März 2014]



Zum Frühstück hörten sie drei Mittschnitte von Auftritten, die Miles Davis im Jahre 1951 am 17. Februar, dann am 2. Juni und schließlich am 29. September im ›Birdland‹ gegeben hatte, sie hörten gleich drei Mitschnitte wegen der Kürze der einzelnen Sets. Die Musik lag zwischen Birth of the Cool und Diggin’ With Miles Davis und war gleichsam hektisch, aber eben melodisch hektisch. Move gab es bei jedem Set, bei zweien Half Nelson, die anderen Titel hatte Hans Köberlin nicht parat. Es war ähnlich wie bei den beiden Konzerten am 4. September 1948 und am 18. September 1948 im ›Royal Rost‹ und Hans Köberlin kam nicht wirklich zu einem bewußten Hören, auch deswegen nicht, weil man sich über dieses und jenes unterhielt und die Musik für ein bewußtes Hören für Hans Köberlins Ohren zu leise hörte.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit] Vom 7. bis zum 12. März 2014, S. 1492).

Dienstag, 31. August 2021

1949-05-08-15 Paris [Montag, der 17. März 2014]

Er richtete sich also wieder im leeren Wintergarten ein. Die nachträglich entdeckten Konzertmitschnitte wollte er chronologisch durchgehen, also heute die, die zwischen dem 8. und dem 15. Mai 1949 in der Stadt der Liebe gemacht worden waren. Miles Davis hatte da mit dem Tadd Dameron Quintet gespielt. Diese in ihrer Zeit verhaftete Musik erschien Hans Köberlin heute zugänglicher als sonst, es schienen Rundfunkmitschnitte darunter zu sein, denn ab und an moderierte einer über die Musik hinweg. Tadd Dameron spielte balladenhaft, die schnellen Läufe kamen von Miles Davis. Dann, als Donʼt Blame Me wurde das Stück angekündigt, spielte auch Miles ruhig, nach dem Eröffnungsstück Rifftide hatte es auch nach zwanzig Minuten kein Wettrennen mehr gegeben. Hans Köberlin lauschte träge und schaute auf die Nebelschwanden im Umkreis von dreißig Metern und auf die weiße Wand dahinter. Hans Köberlin konnte sich zeitgenössische Hörerinnen und Hörer, die bei der Musik dieser Zeit stehengeblieben waren, nicht vorstellen … Er wollte es nicht mit einem Techno-Hörer, für den seine Vorliebe für den Jazz der siebziger Jahre unvorstellbar war, vergleichen … vielleicht besser mit jemandem, der den Miles Davis der Zeit nach seinem Comeback favorisierte und mit Erstaunen auf die Exzesse der siebziger blickte … Darüber überhörte er das Schlagzeugsolo auf Allenʼs Allay. Die nächsten beiden Stücke erkannte er, das sehr ruhige Embraceable You und den Charlie-Parker-Klassiker Ornithology, letzteres natürlich sehr flott vorgetragen und mit einem weiteren Schlagzeugsolo versehen. Dann fiel Hans Köberlin ein, daß nur fünf Jahre zuvor noch ganz andere Töne aus der Stadt der Liebe zu hören gewesen waren … Lover Man, das er von Billie Hollyday kannte, war sehr ruhig und auch das abschließende The Squirrel sprengte nicht den moderaten Rahmen.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, XIII [Sechste Phase ‒ oder: Gift und Geschlechtsverzweiflung] Vom 13. März bis zum 10. April 2014, S. noch offen).

1948-09-18 New York [Samstag, der 11. Januar 2014]

Das Wetter ließ wieder ein Frühstück auf der anderen Dachterrasse zu und Hans Köberlin beschloß, heute vom 11. Oktober 1981 nicht sieben Jahre weiter in die Stadt bei den Mönchen zu springen, sondern einunddreißig Jahre zurück zu jenem Konzert aus dem Birth of the Cool-Kontext, das Miles Davis mit seinem Nonett am 18. September 1948 in der Stadt, die niemals schlief, im ›Royal Roost‹ gegeben. Das war nach dem Miles Davis der achtziger Jahre nicht ein so arger Unterschied, wie es nach dem Miles Davis der siebziger Jahre gewesen wäre. Das Set begann wieder mit dem schnellen Move, gefolgt von dem langsamen Moon Dreams, dann kam wieder flott Hallucinations oder Budo und schließlich Darn That Dream, ein Song aus der Broadway-Version von Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, bei dem Kenny ›Pancho‹ Hagood den Gesangspart übernommen hatte …

Darn that dream, I dream each night
You say you love me and you hold me tight
But when I awake, you’re out of sight
Oh, darn that dream

Ja, solches kannte unser Hans Köberlin hier in seinem Exil auch, und seit fünf Tagen kannte er es wieder …

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, X [Vierte Phase – oder: modus vivendi] Vom 7. bis zum 30. Januar 2014, S. 937).

Montag, 30. August 2021

Science Fiction (dritte Fortsetzung der Geschichte)

Weiter suchten wir im All nach einer neuen Lebenswelt.
Wir beobachteten eine kosmische Tragödie:
eine Supernova verschlang ihre Planeten.
Das All blieb gleichgültig.
Da sahen wir das Leitsignal einer gigantischen Raumstation …

1948-09-04 New York [Mittwoch, der 25. Dezember 2013]

Es war ein grauer Tag, man frühstückte ausgiebig im leeren Wintergarten und Hans Köberlin versuchte, eine neue Gewohnheit zu implementieren, nämlich zu jedem Frühstück die Aufnahme eines Konzerts von Miles Davis zu hören, und zwar, um Wiederholungen im Repertoire nicht zu dicht aufeinander folgen zu lassen, nicht strikt chronologisch. Er begann mit der frühesten Aufnahme, die sich in seinem Archiv befand – die Sachen vorher mit Charlie Parker berücksichtigte er nicht – mit einem knapp halbstündigen Radiokonzert für eine Sendung von Sidney Tarnopol alias Symphony Sid, aufgenommen im ›Royal Roost‹-Club in New York am 4. September 1948. Hans Köberlin hatte ja – wie die meisten aus unserer Generation und unserer Art – Miles Davis mit Bitches Brew kennengelernt und hatte sich, um dann später auch die Birth of the Cool-Ära angemessen goutieren zu können, nicht in Dissonanzen, sondern in Harmonien einhören müssen. Er kam allerdings in diese Ära nicht so hinein, wie er es gerne gewollt, in seiner Erinnerung präsent war ihm bei diesem Radiokonzert nur das schnelle Eröffnungsstück Move und daß in dem nächsten, das in irgendeinem Zusammenhang das Wort ›Love‹ im Titel trug [es war die müßige Frage Why do I love you?, und hätte Hans Köberlin ein besseres musikalisches Gedächtnis gehabt, dann hätte er sich daran erinnert, daß er diesen Song aus der Feder von Kern & Hammerstein II bereits von Charlie Parker Plays South the Border her kannte; Anmerk. des Verf.], gesungen wurde.

(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin und Heide 2013ff., Zweiter Teil. Vom 20. Dezember 2013 bis zum 27. April 2014, IX [Der zweite Besuch der Frau] Vom 20. Dezember 2013 bis zum 6. Januar 2014, S. 824f.).

Donnerstag, 19. August 2021

159. Das dietmarsische Lügenmärchen

Ich will euch etwas erzählen. Ich sah zwei gebratene Hühner fliegen, flogen schnell und hatten die Bäuche gen Himmel gekehrt, die Rücken nach der Hölle, und ein Amboß und ein Mühlstein schwammen über den Rhein, fein langsam und leise, und ein Frosch saß und fraß eine Pflugschar zu Pfingsten auf dem Eis. Da waren drei Kerle, wollten einen Hasen fangen, gingen auf Krücken und Stelzen, der eine war taub, der zweite blind, der dritte stumm und der vierte konnte keinen Fuß rühren. Wollt ihr wissen, wie das geschah? Der Blinde, der sah zuerst den Hasen über Feld traben, der Stumme rief dem Lahmen zu, und der Lahme faßte ihn beim Kragen. Etliche, die wollten zu Land segeln und spannten die Segel im Wind und schifften über große Äcker hin: da segelten sie über einen hohen Berg, da mußten sie elendig ersaufen. Ein Krebs jagte einen Hasen in die Flucht, und hoch auf dem Dach lag eine Kuh, die war hinaufgestiegen. In dem Lande sind die Fliegen so groß als hier die Ziegen. Mache das Fenster auf, damit die Lügen hinausfliegen.

(Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm, Stuttgart 1982, Bd. 2, S. 276f.).

Mittwoch, 18. August 2021

Science Fiction (weitere Fortsetzung der Geschichte)

Wir sichteten am Tag, der zwei Gaia-Tagen entsprach,
die Oberfläche des Planeten.
Wir entdeckten gigantische Artefakte, nicht aber ihre Erbauer,
nur Spuren sinnloser Zerstörung.
In der nächsten Nacht befragten wir das Orakel.
Es riet uns, den Orbit bald zu verlassen.
So setzen wir unsere Suche fort.

Donnerstag, 12. August 2021

Science Fiction (Fortsetzung der Geschichte)

Nach Lichtjahren fanden wir einen der Gaia ähnlichen Planeten.
Auch er hatte einen Trabanten.
Wir näherten uns voller Hoffnung seiner Oberfläche.
Die Flora erschien uns vielversprechend …
… nicht aber die Fauna!