Montag, 18. Januar 2016

Samstag, der 18. Januar 2014


[109 / 215]
Und wie begingen die Brüder 50 Jahre vor Arno Schmidts Geburtstag diesen Tag? – Nun: dem Nachgeborenen angemessen, und weil die behandelten Themen interessant sind (und, nebenbei bemerkt, weil stellenweise ein erschütternder Eindruck von unserem Säulenheiligen Flaubert vermittelt wird), wollen wir den längeren Eintrag aus dem Journal in seiner vollen Länge zitieren …
18. Januar – Bei Magny.
Man spricht über Schurkereien in der Literatur. Gautier streitet sie ab. Sainte-Beuve schlägt mit der Faust auf den Tisch: »Hören Sie auf! Jeden Tag bekomme ich infame Briefe! Schreibt man mir etwa nicht in Bezug auf Vigny: ›Wir warten darauf, Sie über Monsieur de Vigny sprechen zu hören, der von Ihnen gesagt hat: Sainte-Beuve ist eine Kröte, die jedes Wasser, in dem sie schwimmt vergiftet.‹ Ich bin sicher, daß das ein Universitätsprofessor ist. Nur die sind zu solchen Feigheiten in der Lage.«
Und man kommt auf die Frauen, das übliche Gesprächsthema. Gautier behauptet, er liebe nur die asexuelle Frau, das heißt die so junge, daß sich jede Vorstellung von Geburt, von Mutterschaft, von Entbindung verbietet; und er fügt hinzu, da er diesen Geschmack wegen der Polizisten nicht befriedigen könne, hätten sämtliche Frauen, ob sie nun zwanzig oder fünfzig seien, für ihn das gleiche Alter.
Da kommt Flaubert in Fahrt mit glühendem Gesicht, röhrender Stimme, die großen Augen rollend, und sagt, Schönheit sei nicht erotisch, schöne Frauen seien nicht zum Vögeln da, sie taugten als Modell für Skulpturen, die Liebe bestehe aus jenem Unbekannten, das Erregung hervorruft und die Schönheit sehr selten hervorruft. Er beschreibt sein Ideal, das sich als das Ideal der ordinären Rouchie herausstellt. Man zieht ihn auf. Nun sagt er, er habe nie wirklich eine Frau gevögelt, er sei Jungfrau, er habe aus allen Frauen, die er gehabt habe, die Matratze einer anderen erträumten Frau gemacht.
Währenddessen diskutieren Nefftzer und Taine über das Wort konkret, wundern sich dabei über alle Bedeutungen, die es umfaßt, und werfen dauernd mit Begriffen wie Idiosynchrasie* um sich.
Flaubert, der heute abend noch ein wenig großmäuliger ist als gewöhnlich und seine Paradoxa nicht mit Gautiers Leichtigkeit eines indischen Gauklers einwirft, sondern sie mühsam im Gleichgewicht hält wie ein Jahrmarktsherkules oder vielmehr einfach wie ein überspannter Provinzler, beteuert, der Koitus sei für die Gesundheit des Organismus überhaupt nicht vonnöten, er sei ein eingebildetes Bedürfnis. Taine gibt ihm zu bedenken, daß er, der kein großer Vögler sei, wenn er sich alle zwei oder drei Wochen dem Koitus widme, immerhin von einer gewissen Unruhe, einer gewissen Zwanghaftigkeit befreit sei und merke, daß er den Kopf freier habe für die Arbeit. Flaubert antwortet, daß er sich täusche, daß der Mann keinen Samenerguß brauche, sondern einen Erguß der Seele** und da er, Taine, im Bordell vögele, keinerlei Erleichterung empfinden könne, daß man Liebe brauche, daß man Erschütterung brauche, das Erbeben beim Drücken einer Hand. Wir geben ihm zu bedenken, daß sehr wenige von uns dieses Glück besäßen, da doch die, die sich nicht im Bordell befriedigten, eine alte Mätresse, eine Frau von der Straße oder eine rechtmäßige Gattin hätten, bei denen es weder Erschütterung noch Erbeben gäbe. Also hätte dreiviertel der Menschheit keinen Erguß der Seele und viel Glück, wenn er ihnen in einem ganzen Koitusleben dreimal begegne.
Das ganze Diner lang streitet man sich darüber herum; man läuft einmal um die Welt der Frage wegen. Flaubert beteuert, die Barbaren seien Päderasten und Sodomisten, während die Zivilisierten Masturbateure und Cunnilinguisten seien, wobei der Cunnilingus die religiöse Anbetung der Frau sei.
Vom Koitus kommt man zum Spleen. Taine klagt über diese besondere Krankheit unserer Profession. Wir, die das Genie für eine Neurose halten, finden sie ganz natürlich. Aber da kommt Gautier mit der Behauptung, das Genie sei im Gegenteil der Gipfel der Gesundheit, das vollkommene Gleichgewicht der vitalen Kräfte: »Und das Talent? frage ich ihn. – Ach ja, das Talent, da gebe ich Ihnen recht, das ist vielleicht eine krankhafte Veranlagung.«
Währenddessen ist Taine in seinen Wortschwall gestiegen wie ein schottischer Wanderprediger in seine kleine tragbare Holzkanzel. Er fordert, daß man den Spleen mit allen medizinischen, hygienischen, moralischen Mitteln bekämpft und vor allem mit einer guten Methode. Man kann ihm noch so laut zurufen, daß vielleicht unser ganzes Talent nur unter der Bedingung dieses nervösen Zustands existiert, er läßt sich nicht beirren. Er fordert, daß man gegen diese Zustände von Erschlaffung und Faulheit angehen soll, die ihm zu zeigen scheinen, daß Jahrhunderte an der Schieflage einer Geisteskultur abrutschen. Und stets Engländer und Protestant, sieht er die Heilung des Spleens, die Rettung und Erneuerung fatal verfallender Gesellschaften in der kindlichen Nachahmung der englischen Sitten, in jenem staatsbürgerlichen Leben, in einer Übernahme des englischen Patriotismus und Patrouillotismus – »]a, ruft ihm einer von uns zu, die Allianz von Talent und Nationalgarde!«
Man lacht und geht.
… »Man lacht und geht« …: ach ja! Hans Köberlin hätte sich auch gerne einmal wieder einen Abend lang unter geistreichen Reden mit Freunden betrunken …


* Siehe dazu vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 381ff., wo wir darüber berichtet haben, wie Clemens Limbularius als der Herausgeber von Hans Köberlin sich mit dessen Essay über den Begriff der ›Idiosynkrasie‹ beschäftigt hatte.
** Wir möchten an dieser Stelle nochmals Shirley MacLaine mit ihrem Bonmot zu Wort kommen lassen, nämlich Männer, bei denen die Lust von Herzen komme (und Herz oder Seele …: cʼest bonnet blanc ou blanc bonnett!), seien ihr suspekt, denn die Lust solle etwas tiefer sitzen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Sonntag, 17. Januar 2016

Freitag, der 17. Januar 2014


[108 / 216]
Die Sonne machte Hans Köberlin schläfrig, er legte seine Füße auf den zweiten Stuhl und nickte ein, ein paar Minuten nur, dann war er wieder frisch. »Die Hunde bellen, aber die Kamele ziehen vorbei«, las er bei Ingeborg Bachmann. Er schaute nach seiner elektronischen Post, der Verleger hatte auf ein Schreiben Hans Köberlins geantwortet, er wurde auf seine alten Tage anscheinend noch zum Lacanianer … Dann stieß er bei Shakespeare, bei dem er die Herkunft einer Phrase recherchierte, zufällig in The History of Troylus and Cressida, Act 1, Scene 2, auf eine Stelle, die ihm gefiel: »Indeed a Tapsters Arithmetique may soone bring his particulars as therein, to a totall.« Und dann begann er, nicht wie beabsichtigt morgen, sondern bereits heute, also einen Tag vor Arno Schmidts 100. Geburtstag, mit der Lektüre von Schwarze Spiegel, jener Erzählung, in der ein Ich-Erzähler in typisch schmidtscher Manier beschrieb, was ein Überlebender des finalen Atomkriegs 1960 (also dem Jahr, in dem Hans Köberlin geboren worden war) allein in der Lüneburger Heide so treiben würde. Er, an der Stelle des Protagonisten, so sagte sich Hans Köberlin, er hätte sich zum südlichsten Punkt Europas durchgeschlagen. Was Hans Köberlin von der Lektüre der diversen Romane und Erzählungen Arno Schmidts gelernt hatte – er hatte diesem Autor überhaupt viel zu verdanken –, das war das ad-hoc-Sicheinrichten, auch wenn es bloß um temporäre Aufenthalte ging (hier, an der weißen Küste, das war ein Mittelding: ein temporäres Andauerndes). Da standen sie alle in der Tradition Robinson Crusoes.* Hans Köberlin vermutete, Schmidt ging es in Schwarze Spiegel unter anderem auch darum, sich an der Bürokratie zu rächen, etwa bei der Postamtsszene …: ein kleinbürgerlicher Cioran, der die Welt untergehen ließ, um einmal hinter den Postschalter stehen und in fremden Briefen schnüffeln und später dann unbehelligt Bücher klauen zu dürfen …: seine Welt nach dem Atomkrieg war eine einzige Wunscherfüllungsphantasie. Aber einen Wunsch konnte man sich nicht alleine erfüllen, den wichtigsten …


* Es gab – neben Schwarze Spiegel und anderen Erzählungen Schmidts – noch einige Referenzen zu den Modalitäten seines Hierseins, denen er noch nicht nachgegangen war, Defoes Roman gehörte dazu und Shakespeares The Tempest und Stanley Kubricks Shining (1980).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Samstag, 16. Januar 2016

Donnerstag, der 16. Januar 2014


[107 / 217]
Mr Bloom traf in einem orientalistischen Ambiente – »A wine of shame, lust, blood exudes, strangely murmuring.« – die Hure Zoe,* die ihm »Schorach ani wenowach, benoith Hierushaloim« sang und deren rechte Brust er gerade noch so eben streicheln konnte, dann wurde er zum Lord Mayor und sogar zum Landesvater ernannt. Hans Köberlin legte den Ulysses zur Seite und nahm sich den zweiten Band der Sudelbücher, wo Lichtenberg schrieb: »Relationen und Ähnlichkeiten zwischen Dingen finden, die sonst niemand sieht. Auf diese Weise kann Witz zu Erfindungen leiten.« Das war auch Hans Köberlins Bestreben. Und zu dem Lemmi-Caution-Spruch von den Prinzessinnen und den Drachen fand er im Kommentarband zu den Sudelbüchern etwas von Rousseau in der Tradition Platons: »Les hommes seront toujours ce quʼil plaira aux femmes: si vous voulez donc, quʼils deviennent grands et vertueux, apprenez aux femmes ce que cʼest que grandeur dʼâme et vertu.« Später sollte Hans Köberlin unter sein Aufzeichnungen als Fazit in sein Arbeitsjournal schreiben: »War heute nachmittag in einer ziemlich kommoden Stimmung.«


* So hatte auch die Septuaginta den hebräischen Namen חוה übersetzt.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Freitag, 15. Januar 2016

Mittwoch, der 15. Januar 2014


[106 / 218]
Zurück im Haus, bereitete er sich sein Abendmahl, wenn etwas im Fernsehen kam, dann schaute er das (wie heute die Dokumentation zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt), manchmal schaute er auch was, wenn nichts im Fernsehen kam, dann ärgerte er sich über sich selber, sonst saß er am Schreibtisch, trank noch das ein oder andere Glas Wein, hörte Musik und las und schrieb über das Gelesene und das dabei Reflektierte.
Wir müssen gestehen, daß auch wir den ästhetischen Zustand hier genießen und es bei jeder uns bietenden Gelegenheit Hans Köberlin gleichzutun versuchen: wir lesen in seinen Büchlein, trinken von seinen Weinchen und machen uns seine Gedankchen (wir schlafen allerdings nicht in seinem Bettchen und vögeln auch nicht sein Frauchen). Wir hatten bereits überlegt, uns Unterstützung zu rufen, jemanden, der über uns berichtete, wie wir (nicht) über Hans Köberlin berichteten, Supervision quasi … aber auch diese Unterstützung bräuchte bald einen externen Berichterstatter, denn die Möglichkeit einer artgerechten Haltung war schier unwiderstehlich. Vielleicht, wenn wir drei wären …
  • der Beobachter (Hans Köberlin),
  • ein Beobachter zweiter Ordnung (wir, die wir Hans Köberlin beobachteten, wie Hans Köberlin beobachtete) und
  • noch ein Beobachter zweiter Ordnung* (der Externe, der uns beobachtete, wie wir Hans Köberlin beobachteten, wie Hans Köberlin beobachtete vulgo: ein Leser, denn allein ein Leser – oder besser: viele Leser können noch reflektieren, was wir beim bloßen Zusammentragen des Materials nicht reflektieren konnten und was Hans Köberlin – siehe Kafka – als Betroffener schon gar nicht reflektieren konnte),
dann könnten wir vielleicht vereint die nötige kriminelle Energie entwickeln, uns mit dem Geschäftsführer des Instituts für Ausziehtanz zusammenzuschließen, um den ultimativen Coup durchzuziehen, ein Coup, der uns die Mittel brächte, diesen ästhetischen Zustand bis an das Ende unserer Tage aufrecht zu erhalten … ein Coup wie Mesrine: zwei Banken unmittelbar hintereinander. Der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares hatte gemeint, Geld vermöge nicht alles, die persönliche Anziehungskraft hingegen, mittels derer man zu viel Geld kommen könne (und die Hans Köberlin wie auch uns und wie auch Clemens Limbularius versagt war), vermöge tatsächlich fast alles.
»He, du Welt da draußen! – Sag: gibt es noch Mäzene?«
Reich wurde man ja heute nicht mehr durch Arbeit, sondern durch Partizipation an einem virtuellen System … Man müßte sein eigenes virtuelles System etablieren, ein System, das keine andere Funktion hätte, als unseresgleichen – Hans Köberlin, Clemens Limbularius, den Busenfreund, dem Verleger … – ein gutes Leben zu ermöglichen …: ein perpetuum mobile?


* Vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 54 und dort die Fußnote 204: »Einen Beobachter dritter Ordnung gab es nicht … Aber völlig überrascht lasen wir neulich in Niklas Luhmanns Die Politik der Gesellschaft, hrsg. von André Kieserling, Frankfurt am Main 2002, S. 312 in Klammern und mit Ausrufungszeichen versehen: ›(dritter Ordnung!)‹«. Auch wir haben diesen ominösen Beobachter dritter Ordnung bei Luhmann nochmals erwähnt gefunden, nämlich in Das Medium der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 136f., wo er der Theorie, und in Weltkunst; in: ebd., S. 214, wo er mit dem Autor (»wir« = Luhmann) gleichgesetzt wurde. Und in dem Text Weltkunst (a. a. O., dort insbes. S. 223) wird der Beobachter dritter Ordnung sogar theoriekonstituierend, denn »nur der Beobachter dritter Ordnung (verfügt) über einen Begriff der Einheit des (binären) Codes.« Und schließlich eine Passage in dem Text Wahrnehmung und Kommunikation anhand von Kunstwerken (in: ebd., S. 255), die für die von uns gewählte Form von Telos und von dieser Langzeitdokumentation relevant ist: »Man wird erwarten dürfen, daß dies [der Versuch des Künstlers, seine Unabhängigkeit zu wahren] im Wege der Selbstfaszinierung durch das im Entstehen begriffene Kunstwerk geschieht, das bestimmte Züge ›verlangt‹ und dadurch Aufmerksamkeit bindet. Aber auch hier gibt es Ansätze zu einer Beobachtung dritter Ordnung, nämlich zur Demonstration von Authentizität im vollen Wissen der auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung laufenden Kommunikation.« – Es war Hans Köberlin als Dilettanten nicht ganz klar, ob Luhmann diese Instanz bloß für das Kunstsystem vorgesehen hatte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Donnerstag, 14. Januar 2016

»Nous n’avons jamais été modernes.«

»Vom Erzähler E. T. A. Hoffmann laufen mehrfache Linien über ein Jahrhundert hinweg zu den modernen Autoren. Zu ihnen gehört die Kultur des Nachdenkens über das Erzählen während des Erzählens, des Redens über die poetische Arbeit in deren Vollzug selbst (…) Damit entdeckt und definiert sich die berichtete Welt als eine konstruierte. Das Erzählen wird von einem Medium, das gesicherte Wirklichkeit vermittelt, zu einer Tätigkeit, in der eingestandenermaßen etwas aufgebaut und angefertigt wird. Was so bei Hoffmann begonnen hat (…), das kann im modernen Erzählen zur großen Konstitutionsregel werden. Da schimmert dann die Tätigkeit des Erzählers nicht nur da und dort in der erzählten Szenerie auf, sondern sie ist ebensosehr durchgezogener Gegenstand des Berichts wie die Geschichte / Fabel / Story selbst. Man pflegt solches ein ›Spiel‹ zu nennen, dort ein romantisches, hier ein avantgardistisches, und unterstellt damit, daß die betreffenden Autoren eines Tages schon wieder zum ›richtigen Erzählen‹ zurückkehren würden. In Wahrheit aber bewegt dieses angebliche Spiel meist der höhere ›Ernst‹ als die richtig und tüchtig erzählten Schicksalsläufe nach vertrauten Mustern. Das ›solide Erzählen‹, wie es eine zwischen Treuherzigkeit und Arroganz schwebende Kritik und eine mit den ›berechtigten Wünschen unserer Leser‹ vertraute Verlegerschaft fordern und fördern, ist in Wahrheit dem mechanistischen ›Spiel‹ näher, als es selbst je zugeben würde. Denn es operiert mit längst ausprobierten Erzählmustern und gewinnt seine Effekte allein über das ungewohnte Zusammensetzen gewohnter Teile.«
(Peter von Matt, … fertig ist das Angesicht. Zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts, Frankfurt am Main 1989, S. 236f.).

Das war als es geschrieben wurde, nämlich im Jahre 1983, bereits ein alter Hut, und es ist bedenklich, daß man es gut 30 Jahre später immer noch zitieren muß.

Dichte Beschreibung

Zwischen Suppe und Mund kann sich vieles ereignen.

(Ror Wolf, Fortsetzung des Berichts, Frankfurt am Main 2010, S. 72).

Donnerstag, der 14. Januar 2016

Dienstag, der 14. Januar 2014


[105 / 219]
Als Hans Köberlin am Dienstag, dem 14. Januar 2014,* erwachte, da wurde ihm klar, daß er den Moment, an dem es an sein Eingemachtes ginge, noch nicht erreicht und den Verrat Diotimas noch nicht überwunden hatte. Er nahm den auf dem verwaisten Platz neben sich liegenden kleinen Laptop und schrieb das eben realisierte, seine gestrige Weinbilanz und seine Traumerinnerung nieder: »Kurz nach neun Uhr im Bett. Habe den Moment, an dem es an mein Eingemachtes geht, noch nicht erreicht und den Verrat Diotimas noch nicht überwunden. Kam gestern auf gut eineinhalb Flaschen Rotwein. Bin nach vier einmal mit Beklemmungsgefühlen wachgeworden. Träumte, C___ und S___ wären zu Besuch hier, wobei S___ auch Züge von M___ hatte, weswegen er mir da nicht so nahe war, wie er es eigentlich ist. Dann überraschend kam noch O___. Er steckte in einem metallenen Gestell, wie es Leute tragen, die einen Unfall an der Wirbelsäule hatten. An dem Gestell war eine Art von Galgen, an dem an einer Spiralfeder eine Rinne zur Nahrungsaufnahme hing, über dem Gestell trug O___ einen Pullover mit einem Rautenmuster, wie es die Socken haben, die ich im vergangenen Jahr zum Geburtstag bekommen. Ich sagte, er sähe wegen des ganzen Blechs aus wie Don Quijote.** Er legte die Teile des Gestells ab, die wurden gleich von den herumwieselnden Kindern der Touristen aus Nordeuropa und der Einheimischen zum damit Spielen verschleppt. Mir fiel der Gleichmut auf, mit dem er das geschehen ließ. Das Herumgewiesel ging mir auf die Nerven und ich verschaffte mir paarmal grob Freiraum. Eine Touristin aus dem Land meiner Herkunft war da, die hatte ein behindertes Kind. C___ gab mir einen Zettel mit einer Einladung zu einem Fest in eine Lokalität, ich machte mir eine Kopie. Dann wollten wir, glaube ich, gemeinsam kochen.«
Hans Köberlin stand auf, machte seinen Dauerlauf unter einem wolkenverhangenen Himmel und frühstückte im leeren Wintergarten, und während des Frühstücks stellte sich seine Stabilität wieder ein. Als er dann mit den Büchern und dem großen Laptop an dem Tisch im leeren Wintergarten zu und The 40th Anniversary Special Edition of Tago Mago und The Lost Tapes von CAN las und schrieb, da mußte er an die Wanderungen mit der Frau denken, vor allem an die letzte mit dem langen Abweg und da an den letzten Teil des Rückwegs. Der Maler bei Proust und seine kleine gelbe Mauerecke kurz vor seinem Tod …***


* … dem Todestag von Lewis Carroll (†1898) und Geburtstag von Mishima (*1925) und dem Geburtstag von Harriet Andersson, weshalb das archivierte Filmkalenderblatt von 1997 sie in Mennesker modes og sod musik opstar i hjertet (Henning Carlsen, 1967) zeigte, wie sie im Bett liegend den neben ihr liegenden Erik Weders mit Pralinen fütterte.
** Im Journal der Brüder konnte man unter dem Datum des 29. Januar 1862 den Eintrag lesen, ein Mann, dessen Gesicht einige Züge von Don Quijote aufweise, habe auch stets einige schöne Züge in der Seele (vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 202).
*** Vgl. vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 78: »Bei diesem Satz, beziehungsweise wegen des exponierten Platzes, den er in den Tagebüchern [Hans Köberlins] einnahm, fiel Clemens das Ende Bergottes ein, wie Proust es in La Prisonnière beschrieben hatte: der kranke Maler war trotz des von den Ärzten aufgestellten Gebots der absoluten Ruhe in eine Vermeerausstellung gegangen, um dessen Ansicht von Delft wegen einer von ihm, Bergotte, für vollkommen erachteten kleinen gelben Mauerecke unter einem Dachvorsprung – die es bekanntlich auf dem Gemälde Vermeers nicht gab – zu betrachten. Vor dem Bild sprach er mehrmals vor sich hin: ›petit pan de mur jaune avec un auvent, petit pan de mur jaune‹, bekam dann einen Schlag, dachte, es läge an den zuvor verzehrten Kartoffeln – ›C’est une simple indigestion que m’ont donnée ces pommes de terre pas assez cuites, ce n’est rien.‹ – (Kartoffeln gelten ja manchen als eine heimtückische Speise, wie man etwa bei dem Spinner Rudolf Steiner nachlesen konnte), war optimistisch, daß es gleich vorübergehen würde, und starb.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

»Dir bleiben die Tage und die Nächte, der Verstand, die Gewohnheiten, die Welt.«

Wenn man mir sagte, auf dem Mond gebe es Einhörner, so hielte ich diese Auskunft für richtig oder falsch oder behielte mir das Urteil vor, aber ich könnte sie mir doch vorstellen. Sagte man mir dagegen, daß auf dem Mond sechs oder sieben Einhörner drei sein könnten, so hielte ich dies von vornherein für unmöglich. Wer einmal begriffen hat, daß drei und eins vier sind, macht nicht mit Münzen, Würfeln, Schachfiguren oder Bleistiften die Probe. Er begreift es, und das genügt ihm. Er kann sich keine andere Zahl vorstellen.

(Jorge Luis Borges, Blaue Tiger; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1993ff., Bd. 13: Spiegel und Maske, S. 206ff.).

Mittwoch, 13. Januar 2016

Montag, der 13. Januar 2014


[104 / 220]
Der Montag, der 13. Januar 2014, hatte als Gedenktag eine besondere Beziehung zu Hans Köberlins momentaner Lektüre, denn an diesem Tag vor 73 Jahren war in seinem Exil James Joyce verstorben, am Ende blind wie Homer. Das einzige archivierte Filmkalenderblatt aus dem Jahr 1997 verzeichnete seinen Todestag nicht, obwohl Hans Köberlin mindestens von einer Verfilmung des Ulysses wußte (Joseph Strick, 1967; leider hatte er den Film noch nie gesehen),* und es gab natürlich noch (diesen Film hatte er bei seinem Erscheinen im Kino gesehen) John Hustons letzten Film, die Adaption von The Dead (1987), … das einzige archivierte Filmkalenderblatt aus dem Jahr 1997 verzeichnete also den Geburtstag von Albert Lamorisse (*1932) und zeigte aus diesem Anlaß ein Still aus Le ballon rouge (1956), auf dem Pascal Lamorisse (Alberts Sohn?) eine lange Treppe hinabstieg (vom Montmartre?),** wobei der titelgebende rote Ballon an einer Straßenlaterne befestigt zu sehen war.
»Träumte, ich hätte ein neuartiges Präzisionsgewehr, mit dem ich auf Leuchtreklamebuchstaben schoß, so zum Beispiel auf das orangene C des ›Consum‹, was mir großen Spaß machte. Dann funktionierte das Ding nicht mehr und ich wurde wach.«
Hans Köberlin las noch ein wenig im Bett und machte dann seinen Dauerlauf. Als er an dem ›Ifach-Park‹ genannten großen Gebäudekomplex (mit Appartements, Läden, Restaurants, einer Diskothek, Sportanlagen et cetera) vorbeilief, standen dort ein Fahrzeug der Guardia Civil, eines der Policía Local und ein Leichenwagen.


* Anthony Burgess hatte in seinem Vorwort zu Joyce Images darauf aufmerksam gemacht, daß Joyce kein optischer Autor gewesen sei und daß er Gestalten geschaffen habe, die man kaum sehen könne (vgl. James Joyce Bilder, entworfen und gestaltet von Bob Cato, hrsg. von Greg Vitiello und mit einer Einführung von Anthony Burgess, Frankfurt am Main 1994, S. 7). Hans Köberlin hatte ungefähre Vorstellungen von Bloom, Molly – die sah ihm wegen der bereits erwähnten Verwechslung aus wie Eva Mattes –, Simon Dedalus und seinem Sohn Stephen, von Buck Mulligan und natürlich von Gerty MacDowall. Am Mittwoch, dem 14. Oktober 2015, sollte er endlich in der Wohnung der Frau auf seinem geretteten VHS-Recorder Joseph Stricks Film – der, nebenbei bemerkt, sich die gleichfalls gerettete VHS-Cassette mit Scorseses Taxi Driver (1975) teilte – sehen. Hier das, was er in seinem Arbeitsjournal vermerkt: »Mittwoch, den 14. Ein guter Start in den Tag, dann schaute ich mir aus einer spontanen Laune heraus, als die Frau zur Dentistin und anschließend zur Arbeit gefahren war, endlich Ulysses an. Hatte dabei ein schlechtes Gewissen, weil sie arbeiten muß und Streß hat, während ich müßig und erfolglos bin. Wie jedes Jahr eine leichte Buchmessenkrise des Nichtdabeiseienden. – Dieser Film (Ulysses) ist, glaube ich, nur etwas für die, die den Roman kennen. Es war eine unvollkommene Visualisierung des dünnen Handlungsfadens, quasi die Gags und die Stellen (soweit das damals ging – nicht weit also, es gab aber dennoch einen Skandal), mit Gesichtern und Gestalten, die nicht mit meinen Imaginationen kongruierten (vor allem Stephen, Mr Bloom und Molly nicht); aber für mich, der ich seit meiner Lektüre im Exil ein Stück weit in dem Roman lebe und der ich ihn fast täglich beim Dauerlauf vorgelesen oder als Hörspiel höre und der ich nun seinen Kommentar (ohne den Text dazu) lese und der ich wirklich sehr wunderbare Tage mit der Frau in Blooms Stadt verbracht habe, für mich also hatte er dennoch seinen Reiz.«
** Man erinnert sich noch an Hans Köberlins Wünsche bezüglich seiner oder seiner Asche letzten Ruhestätte? – Warum wir jetzt nochmals darauf kommen? – Nun, bei dem Stichwort ›Montmartre‹ fiel uns § 6 von Heines Testament ein: »Wenn ich mich zur Zeit meines Ablebens in Paris befinde und nicht zu weit von Montmartre entfernt wohne, so wünsche ich auf dem Kirchhofe dieses Namens beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege, wo ich lange Jahre hindurch gewohnt habe.« (Heinrich Heine, Testament; in: Werke und Briefe, hrsg. von Hans Kaufmann, Berlin und Weimar 2. Auflage 1972, Bd. 7, S. 450). Er teilte übrigens Poes Angst: »§ 5. Ich verbiete, meinen Körper nach meinem Hinscheiden einer Autopsie zu unterwerfen; nur glaube ich, da meine Krankheit oftmals einem starrsüchtigen Zustande glich, daß man die Vorsicht treffen sollte, mir vor meiner Beerdigung eine Ader zu öffnen.« (ebd.). Außerdem, wie wir zufällig gelesen haben: »Das erste erotische Haustheater, wenn man von dem bald unterdrückten Versuch der Bordellbesitzerin Lacroix im Jahre 1741 absieht, dürfte Philipp von Orleans 1749 in Montmartre eröffnet haben.« (Artikel: Theateraufführungen, Erotische; in: Bilderlexikon der Erotik. Universallexikon der Sittengeschichte und Sexualwissenschaft, hrsg. vom Institut für Sexualforschung, Wien 1928ff., Bd. 2, S. 836).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Dienstag, 12. Januar 2016

So kann es einem ergehen …

Letztlich mußte Zappa der Tatsache ins Auge sehen, daß sie [die Mothers of Invention] von einem Tanzclub nur dann engagiert werden würden, wenn sie Tanzmusik brachten.

(Barry Miles, Zappa, Berlin 2005, S. 160).

Sonntag, der 12. Januar 2014


[103 / 221]
Zum Beginn des Sonntags, des 12. Januar 2014,* wollen wir einmal wieder aus Hans Köberlins Arbeitsjournal zitieren: »Gegen halbneun Uhr im Bett. Träumte von einem wegen einer ständigen Bedrohung stark befestigten Haus in den Bergen. Fred Frith lebte darin und arbeitete an seiner Musik. Ich zeigte der Frau alte Bilder, auf denen er mit Dagmar Krause zu sehen war, beide hatten die typischen Frisuren der sechziger Jahre. Nebenan, hinter dem hohen Zaun, stand ein großes Gebäude, das wie aus Schrotteilen und Stoffetzen zusammengesetzt aussah. Dann eben beim Nochmalseindösen diesen absurden Traumfetzen: zur Untersuchung mußte einer toten Ente ein Bohrkern entnommen werden.


* Am 12. Januar 1751 wurde der unglückliche Jakob Michael Reinhold Lenz geboren, und die archivierten Blätter erinnerten an François Duperyons La machine (1994), an Michel Soutters Les arpenteurs (1972) und an Tarkowskijs Offret (1986).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Montag, 11. Januar 2016

Joh 14.2 oder: Die einzige Erwähnung auf S. 354 (aus gegebenem Anlaß)

Am 22. Dezember 1982 stand Bob Dylan bei Zappa vor der Tür. Dylan hatte das Gefühl, den Anschluß an die zeitgenössische Aufnahmetechnik verloren zu haben, und suchte nach einem Produzenten, der mit dem neuesten Stand der Technik vertraut war. Am Klavier im Keller spielte er eine Reihe von Songs, die später auf seinem Album Infidels erscheinen sollten. Frank, dem die Stücke gefielen, erklärte sich bereit, die Platte zu produzieren, aber dann war Dylan offensichtlich die von Zappa geforderte prozentuale Beteiligung zu hoch. Nachdem er noch mit Elvis Costello und David Bowie gesprochen hatte, entschloß er sich, das Album mit Mark Knopfler zu produzieren. Wir werden niemals erfahren, was Zappa mit Infidels angestellt hätte.

(Barry Miles, Zappa, Berlin 2005, S. 353f.).

Samstag, der 11. Januar 2014


[102 / 222]
Später las er in seiner digitalen Bibliothek die kurzen Prosastückchen aus dem Nachlaß Kafkas …
»Das Glück, Kafka zu lesen.«
Jener wunderbare Dialog zum Beispiel, nachdem sich jemand darüber mokiert hatte, daß die Weisen stets in Gleichnissen sprächen, die für den Alltag nicht Relevant wären …
Darauf sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.«
Ein anderer sagte: »Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.« Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«
Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«
Der erste sagte: »Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.«
Dann wandte er sich wieder dem Ulysses zu, Mr Blooms Odyssee durch das Rotlichtviertel, wo sich Reales mit Halluziniertem mischte. Aber wer halluzinierte? Der Autor des Stückes …*


* Später, am 17. Januar 2014, sollte Hans Köberlin bei Nabokov, den er diesmal bereits vor Beendigung der Lektüre des Kapitels konsultierte, um eine zweite Meinung neben der seiner eigenen einzuholen, die gleiche Vermutung lesen ((Vladimir Nabokov, Die Kunst des Lesens. Meisterwerke der europäischen Literatur. Jane Austen – Charles Dickens – Gustave Flaubert – Robert Louis Stevenson – Marcel Proust – Franz Kafka – James Joyce, hrsg. von Fredson Bowers, Frankfurt am Main 1991, S. 426). Dann kam Nabokov noch auf eine poetisch formulierte Lösung, er sagte nämlich (ebd.), das Buch selber träume und habe Visionen, das Kapitel sei lediglich eine Übersteigerung, eine alptraumhafte Entwicklung der in ihm vorkommenden Personen, Gegenstände und Motive. Das hatte sich Hans Köberlin gleichfalls bereits gedacht …
»Warum vertraust du nicht auf dein Urteil?«
Was er allerdings nicht bemerkt hatte, das war, daß Joyce hier auf Visionen in Flauberts La temptation du Saint Antoine anspielte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014; siehe auch …).

Sonntag, 10. Januar 2016

Freitag, der 10. Januar 2014


[101 / 223]
Machen wir uns also an das zweite Hundert … Auch am Freitag, dem 10. Januar 2014, bescherte die Filmkalenderblattsammelkiste Hans Köberlin (…) auf dem einzigen Blatt David (*1932) und Albert Maysles mit Mick Jagger bei den Dreharbeiten von Gimme Shelter (1970). – Apropos Rolling Stones: lange bevor er es in der Systemtheorie Niklas Luhmanns mit binären Codierungen zu tun bekommen, hatte Hans Köberlin vornehmlich in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bei anderen Zweiwertigkeiten Vorlieben festzulegen. Hier einige Beispiele, nach den Vorlieben Hans Köberlins (+) sortiert (…) John Lennon (+) und Paul McCartney …*


* »Nachdem sich die Beatles 1970 getrennt hatten, zog sich Paul McCartney auf seinen schottischen Bauernhof zurück, wo er begann, das Material für ein Soloalbum zu komponieren, das im Sommer des folgenden Jahres unter dem Titel Ram erschien. So vergiftet waren zu jener Zeit die Verhältnisse zwischen den ehemaligen Bandmitgliedern, daß Paul McCartney und John Lennon sich gegenseitig mit Schmähgesängen bewarfen und letzterer aus gutem Grund zum Beispiel den Vers ›too many people preaching practices‹ auf sich beziehen konnte. John Lennon antwortete ein paar Monate später mit dem Lied How Do You Sleep? Es enthält die Zeile: ›The sound you make is muzak to my ears.‹ Weil er gleichzeitig seinem ehemaligen Kollegen eine noch verbleibende Karriere von höchstens zwei Jahren vorhersagte, kann es keinen Zweifel geben, wie das Wort ›muzak‹ hier zu verstehen ist: John Lennon mag aus der Tanzmusik für die niederen Schichten gekommen sein, erhebt aber nun für sein Werk einen Kunstanspruch. Er rückt die Kompositionen der Beatles zumindest in die Nachbarschaft absoluter Musik.« (Thomas Steinfeld, Phänomenologie eines kleinen Gedankens. Das Hören, das Zuhören und »Muzak«; in: Merkur, Heft 789, Februar 2015, S. 28).
Auch Harry Rowohlt hatte zu dem Thema Dichotomien etwas gesagt: »Immer wieder fragen mich Menschen, ob ich nicht mal Lust hätte, den Ulysses neu zu übersetzen. Das ist völlig undenkbar, denn man ist entweder Flann-OʼBrien-Fan oder Joyce-Fan. Beides zugleich geht nicht. Man steht entweder auf Beatles oder Stones, man steht entweder auf Gina Lollobrigida oder auf Sophia Loren, man steht entweder auf Paris oder London. Beides hat in einem Menschenherzen keinen Platz. So ist das eben auch mit Flann OʼBrien und Joyce. Das ist wie St. Pauli und HSV. Entweder oder.« (Harry Rowohlt, In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 146f.). – Nun, im Herzen von Hans Köberlin waren viele Kammern, er war sowohl Flann-OʼBrien-Fan als auch Joyce-Fan, das ging beides bei ihm sehr gut. Was die beiden Combos anging, das hatten wir eben, würde Hans Köberlin die Lollobrigida der Loren vorziehen, bei der Stadt der Liebe und der Hauptstadt der Angeln und der Sachsen würde er wieder nicht entscheiden wollen und die Frage, ob St. Pauli oder HSV ging ihm so ziemlich am Arsch vorbei.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014; siehe auch …).

Samstag, 9. Januar 2016

Donnerstag, der 9. Januar 2014


[100 / 224]
Im Traum war einer von Hans Köberlins alten Freunden zurückgekehrt, Hans Köberlin wußte nicht mehr, von wo und wohin. Der alte Freund war gekleidet wie ein Steptänzer der zwanziger Jahre: weißer Anzug, schwarze Weste und Schuhe mit Gamaschen, auf dem Kopf keck einen weißen Zylinder und in der Hand einen Stock mit Elfenbeinknauf. Er war auch wieder mit seiner ehemaligen Freundin zusammen, Hans Köberlin sah die beiden in der Nacht in der Stadt der Narren die übliche Straße entlanggehen, sie wie immer von ihm geführt. Eine ältere Frau (die Musikerbörsenwirtin, die Hans Köberlin mittlerweile an Alter übertroffen hatte?) spielte auf die alten Zeiten an. Dann half Hans Köberlin einem Mädel, das große Pflastersteine mit der Schubkarre transportierte. Die Frau sagte zu ihm, er solle nicht irgendwelchen Schlampen helfen, Pflastersteine zu transportieren, sondern schreiben.*


* Hebbels Judith: »Oft hab ich gedacht, ob der Mensch wohl auch noch kurz vor seinem Tode träumt.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Freitag, 8. Januar 2016

Was sonst?

Zappa stellte sicher, daß das Ergebnis seiner Mühen dissonant war.

(Barry Miles, Zappa, Berlin 2005, S. 58).

Was war in dem Päckchen?

Wenn man bestimmte Texte richtig auswendig aufsagte, bekam man als Belohnung eine Reliquie. Frank [Zappa] war ein Mal erfolgreich: Er gewann eine kleine Karte und ein Päckchen, in das etwas eingenäht war und das er niemals öffnen durfte.

(Barry Miles, Zappa, Berlin 2005, S. 27).

Mittwoch, der 8. Januar 2014


[99 / 225]
Wie merkten gestern an, daß Hans Köberlins Tage nun einförmiger werden würden, nun: den Mittwoch, den 8. Januar 2014, den Todestag von Paul Verlaine (†1896; von John Zorns Naked City-Projekt gab es ein wunderbares Stück in zwei Teilen zu ihm, Absinthe hieß das Album, das wollte sich Hans Köberlin bei Gelegenheit einmal wieder anhören) und Peter Altenberg (†1919),* verbrachte Hans Köberlin im Grunde wie den gestrigen Tag: er schlief aus, schrieb zuerst seinen Traum nieder,** dachte mit ein wenig Wehmut an seine verlorene Bibliothek, las dann etwas im Bett, absolvierte dann seinen Dauerlauf, diesmal mit dem ersten Teil der John-Peel-Sessions von Soft Machine, er frühstückte dann auf der anderen Dachterrasse, schrieb und las dann so lange auf der anderen Dachterrasse, wie das Wetter das zuließ, er duschte dann und machte dann seinen Spaziergang ans Meer mit dem anschließenden obligatorischen Besuch der ›Tango Bar‹ und den obligatorischen zwei oder drei vinos tintos dort.
Hans Köberlin beendete endlich nach sechs Jahren die Lektüre èn passant – deswegen hatte es so lange gedauert – von Hebbels Tagebüchern. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er die vier Bände in einem Antiquariat im Osten der Hauptstadt gekauft … Am Ende waren es bloß noch Exzerpte und Anekdoten, »Collectaneen«, wie er das genannt hatte. – Im Krankenhaus ging das frivole Gelage weiter und die schwere Geburt, nach der sich Mr Bloom erkundigen wollte, schickte sich an, zu ihrem glücklichen Abschluß zu kommen.


* Es gab gleich zwei archivierte Blätter mit Stills aus Fassbinderfilmen, nämlich Liebe ist kälter als der Tod und Der amerikanische Soldat, sowie anläßlich David Bowies Geburtstag ein Still mit ihm und Kim Novak aus David Hemmingsʼ Schöner Gigolo, armer Gigolo (1978).
** Ich hatte in meinem Kinderzimmer (mit der grünen Rauhfasertapete) Bücherregale aufzustellen, was wegen den Dachschrägen nicht so ganz einfach war, man verschenkte auf jeden Fall viel Raum. Die Regale hatte ich, glaube ich, von einem Bekannten aus der Hauptstadt, und der Busenfreund war da und es ging um irgendwelche Termine. Ich stand auf einer Leiter und sortierte oben, fast unter der Decke, die Bücher ein, die dicken grünen Bände des Grimm, als jemand vor der Haustür stand und klingelte und wie in einem Film mit Laurel & Hardy das Regal kippte, wobei es die Leiter mitriß. Elegant sprang ich von der Leiter ab und schwebte so herab, daß ich noch vor ihr und dem Regal auf dem Boden landete. Schließlich waren alle Wände vollgestellt und ich überlegte, wie ich die letzten Regale und Bücher noch unterbringen konnte. Dann nahm ich mir ein Buch zum Lesen und wollte damit irgendwohin ausgehen. Es gab ein Fest auf dem Hof, ich stand im Garten und sah zwei Mädchen, so um die vierzehn, die saßen in ihren Bikinis auf der Fensterbank im ersten Stock (wo meine Oma früher ihr Zimmer gehabt hatte und wo auch ich eine Weile gelebt habe) und ließen die Beine herunterbaumeln.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Donnerstag, 7. Januar 2016

»Read ʼem ʼn weep …«

Dienstag, der 7. Januar 2014


[98 / 226]
In Hebbels Tagebüchern las Hans Köberlin: »Nimm mir das Leben, wenn Du mir denn das Leid nicht nehmen kannst!« Das erinnerte ihn an eine Abmachung qua Versprechen – »Hand drauf!« –, die er, perfide und nicht ganz ernst (wie er jetzt, wo er die Frau liebte, behauptete), dafür war es zu absurd gewesen (wie er jetzt, wo er die Frau liebte, behauptete), Diotima einmal vorgeschlagen hatte … Und dann, ein paar Seiten weiter, eine makabre Beschreibung seines, Hans Köberlins, ›als-ob‹: »halb unter der Erde liegen.« Auf die »sociale Tragödie« angesprochen meinte er, Hebbel, desweiteren, dies sei eine anthropologische Konstante und (außer aus einer religiösen oder kommunistischen Perspektive) wie der Tod keine »Frage von Schuld und Versöhnung« und ergo nicht tragisch. Hier würde Hans Köberlin gleichfalls – wie bei der Verzweiflung – ontisch und sozial (also: ontisch fundierte »sociale Tragödie« und sozial fundierte »sociale Tragödie«)* – differenzieren, wobei er sich diesmal der ontischen Seite zuschlagen würde: sein materielles Elend (auf das er seine »sociale Tragödie« reduzierte) war das Resultat seiner Haltung zur Welt und nicht das Resultat einer allgemeinen Ungerechtigkeit …
»Ich habe meine Chancen, einen Platz in der Welt zu finden, gehabt, sie aber nicht genutzt oder vertan, und das ist – zumindest für mich – tragisch …. – manchmal zumindest.«**
Dann begann Hans Köberlin – er konnte solches wie das eben gerade mittlerweile vollkommen ruhig und gelassen denken – mit der Lektüre von Heißenbüttels Projekt Nr. 1: D’Alemberts Ende, einem Buch, das er, wie gesagt, in der Bibliothek des Hauses gefunden hatte. Wenn er dann am Montag, dem 9. Juni 2014, passend zu Beginn der letzten Phase, diese Lektüre beendet haben würde, dann sollte er im letzten Kapitel »Drittes Quergespräch: Demaskierung« lesen: »Alles Material nachprüfbar. Nachzuprüfende Schauplätze, Daten, Wettervoraussagen, Sonnenuntergänge, Straßen, Personen, Berufe, Institutionen, Anspielungen, Reden, Zitate, Relationen usw.; zugleich alles völlig unprüfbar. Eine Welt aus authentischen Bestandteilen ganz und gar erfunden.« Und wir möchten zu diesem ästhetischen Ansatz, der sich zum Teil auch ein wenig mit dem unseren deckte, aber nur zum Teil, denn wir genießen die Wonnen der Postauthentizität, siehe Lionel Trilling, wir also möchten nochmals darauf hinweisen, daß wir die erste Option – »Alles Material nachprüfbar …« – durch unsere Fußnoten erheblich erleichtern.


* »… because (…) we are all born in the same way but we all die in different ways.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 378).
** Wir, die wir Differenzierungen lieben, stießen bezüglich des Platzes in der Welt und wie man ihn ausfüllte auf eine interessante Differenzierung bei Milan Kundera, nämlich die Einteilung der Menschen in ›Entschuldiger‹ und in ›Anschnautzer‹. Alain, einer seiner Protagonisten in La fête de lʼinsignifiance, ging von der seit Hobbes bekannten Tatsache, das Leben sei ein Kampf aller gegen alle aus, und er fragte sich, wie so ein Kampf in einer mehr oder minder zivilisierten Gesellschaft, in der die Leute nicht übereinander herfallen könnten, sobald sie sich erblickten, verlaufe, und er kam zu der Einsicht, daß sie stattdessen versuchten, dem anderen die Schande der Schuld anzuhängen. Es gewänne immer der, dem es gelänge, den anderen schuldig zu machen, und es verliere der, der seinen Fehler zugebe. Alain exemplifizierte dies an der Situation des Touchierens auf der Straße (vgl. dazu auch vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 77ff.): wer würde den anderen anschnauzen, wer würde sich entschuldigen. In Wirklichkeit sei ja jeder der beiden zugleich Angerempelter und Rempler, und doch betrachteten sich manche sofort, spontan als Rempler, das hieße als Schuldige, und manche sähen sich immer, sofort, spontan als Angerempelte, das hieße als im Recht, bereit, den anderen zu beschuldigen und bestrafen zu lassen. Und er kam zu der traurigen und fatalen Einsicht, daß wer sich entschuldige, sich schuldig bekennen würde, und wenn man sich schuldig bekenne, ermutige man den anderen noch, einen weiter zu beschimpfen, einen anzuprangern, in aller Öffentlichkeit, bis zu seinem Tod. Und das seien die verhängnisvollen Folgen der ersten Entschuldigung (vgl. Milan Kundera, Das Fest der Bedeutungslosigkeit, München 2015, S. 55ff.). – Müssen wir noch sagen, daß Hans Köberlin wie auch Clemens Limbularius wie Kunderas Protagonisten Alain und Charles Entschuldiger waren?

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Mittwoch, 6. Januar 2016

Pessoa natürlich (mit Bacon)

»Und so war alles für mich, noch bevor ich es dachte. Wenn ich dies heute niederschreibe, dann, weil ich mich erinnere.«
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 313).

*

»Solomon saith: There is no new thing upon the earth. So that as Plato had an imagination, that all knowledge was but remembrance; so Solomon giveth his sentence, that all novelty is but oblivion
(Francis Bacon, Essays).

Montag, der 6. Januar 2014


[97 / 227]
Am Montag, dem 6. Januar 2014,* also wurde Hans Köberlin vor dem Wecker, der wegen der Abreise der Frau notwendig, wach und weckte auch die Frau, damit sie noch genug Zeit hatten …


* An diesem Tag im Jahre 1854 hatte in Mycroft in North Yorkshire Sherlock Holmes das Licht der Welt erblickt. Und in der Filmkalenderblatsammelkiste gab es Stills aus Die Halbstarken, Horst Buchholz ging einem Mädchen im Sinne des Wortes an die Wäsche, und aus Despair, die wunderbare Andréa Ferréol fast nackt in einem Klappstuhl auf einer Wiese sitzend. Dieses Bild fand seinen Platz in Hans Köberlins Schlafzimmerensemble. Der Zitatenkalender aus dem Jahr 2015 sollte an diesem Tag – da ein Dienstag – Kemal Kayankaya zitieren: »Keine Religion, keine Sternzeichen, keine warmen Steine oder Glückszahlen. Wenn ich Halt brauche, nehme ich mir ein Bier.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Dienstag, 5. Januar 2016

Cold Genius


What power art thou, who from below
Hast made me rise unwillingly and slow
From beds of everlasting snow?
Seeʼst thou not how stiff and wondrous old,
Far unfit to bear the bitter cold,
I can scarcely move or draw my breath?
Let me, let me freeze again to death.

(Henry Purcell, King Arthur).

Sonntag, der 5. Januar 2014


[96 / 228]
Bleibt uns noch das Journal, Edmond heute vor 141 Jahren …
Sonntag, 5. Januar – Flaubert schrieb mir: »Es geht nicht gut, nein, es geht überhaupt nicht gut!« Das ist vollkommen richtig. Dieses Talent stirbt vor Wut über den finanziellen Erfolg von Droz und Belot, vor Eifersucht auf das dicke Geld, vor schnödem Neid auf den großen Wirbel um triviale Literatur.
Droz? Belot? Uns sagten die Namen nichts, was natürlich einen lebenden Flaubert nur dann getröstet hätte, wenn er sonst wohl eingerichtet gewesen wäre. Und Hans Köberlin imaginierte …: Droz? Belot? – Aber Gustave Flaubert! …: X?* Y?* – Aber Hans Köberlin! …: »Know all men, he (Stephen Dedalus) said, timeʼs ruins build eternityʼs mansions.«**


* Wenn man nicht mit Absicht bestimmte Regungen unterdrücke, so könne man diese hochrangigen Bücher nicht genießen, schrieb Borges in einer höflichen Schmähung (vgl. Jorge Luis Borges, Von Büchern und Autoren. Rezensionen, Essays, Biogramme 1936-1939; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1993ff., Bd. 4, S. 45).
** James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 354.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Montag, 4. Januar 2016

Borges natürlich

Die Wörter sind Symbole, die ein gemeinsames Gedächtnis voraussetzen.

(Jorge Luis Borges, Der Kongreß; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1993ff., Bd. 13: Spiegel und Maske, S. 127).

Samstag, der 4. Januar 2014


[95 / 229]
Hans Köberlin hatte sich nicht getäuscht, es gab den Perspektivwechsel, und zwar während Leopold Bloom angesichts der ihm offenbarten Einblicke auf Gerty MacDowells Schenkel und auf das Dazwischen Hand an sich legte,* wirklich sehr geschickt hatte Joyce das gemacht, diesen Perspektivwechsel, mit einer Art Überblendung, wie man beim Film sagen würde, der Bewußtseinsströme beziehungsweise Erzählinstanzen, den Orgasmus als Feuerwerk,** wobei Hans Köberlin auf die Metapher Hitchcocks am Ende von North by Northwest (1959) denken mußte. Und dann begannen Mr Blooms Reflexionen über Frauen und über Frauen und Männer und darüber, wie man zusammenkommen konnte oder auch nicht, wobei er sogar überlegte, was seine Molly wert wäre, würde sie für den Beischlaf Geld nehmen. Auf Seite 336 dann stieß Hans Köberlin in Blooms Bewußtseinsstrom auf die Verse »Those girls, those girls, those lovely seaside girls.« und er wollte sie sich notieren, doch als er an die Stelle in seinem Arbeitsjournal kam, wo das Notat hingehört hätte, da sah er, daß diese Verse dort bereits standen, weil sie Bloom auf Seite 59 bereits im Kopf geklungen hatten. Er hatte, wie man lesen konnte, gestern daran denken müssen, wann er die Frau kennengelernt hatte und wann es mit ihnen angefangen … nun: Joyce hatte bekanntlich seine Nora am 16. Juni 1904 kennengelernt. Hatte je ein Mann seiner Frau ein größeres Geschenk gemacht, als diesen Tag derart zu verewigen? – – – Am Bloomsday würde er hoffentlich noch hier sein, dachte Hans Köberlin, dann würde es wieder heiß sein, und er nahm sich vor, sollte er am Bloomsday noch hier sein, dann zurück an diesen Samstag, den 4. Januar 2014, zu denken und mit sich selber ein Glas Wein auf den Tag und auf die Frau nebenan und auf seine Gefühle für sie und auf seine Gefühle hier an diesem Ort, seinem Schicksalsort, zu trinken.


* Nabokov hatte diese Liebe auf Distanz als »Bloomismus« bezeichnet (Vladimir Nabokov, Die Kunst des Lesens. Meisterwerke der europäischen Literatur. Jane Austen – Charles Dickens – Gustave Flaubert – Robert Louis Stevenson – Marcel Proust – Franz Kafka – James Joyce, hrsg. von Fredson Bowers, Frankfurt am Main 1991, S. 423).
** Wir können uns natürlich nicht enthalten, die betreffende Beschreibung hier unzuführen: »… there was another and she leaned back and the garters were blue to match on account of the transparent and they all saw it and shouted to look, look there it was and she leaned back ever so far to see the fireworks and something queer was flying about through the air, a soft thing to and fro, dark. And she saw a long Roman candle going up over the trees up, up, and, in the tense hush, they were all breathless with excitement as it went higher and higher and she had to lean back more and more to look up after it, high, high, almost out of sight, and her face was suffused with a divine, an entrancing blush from straining back and he could see her other things too, nainsook knickers, the fabric that caresses the skin, better than those other pettiwidth, the green, four and eleven, on account of being white and she let him and she saw that he saw and then it went so high it went out of sight a moment and she was trembling in every limb from being bent SO far back he had a full view high up above her knee where no-one ever not even on the swing or wading and she wasnʼt ashamed and he wasnʼt either to look in that immodest way like that because he couldnʼt resist the sight of the wondrous revealment half offered like those skirtdancers behaving so immodest before gentlemen looking and he kept on looking, looking. She would fain have cried to him chokingly, held out her snowy slender arms to him to come, to feel his lips laid on her white brow the cry of a young girlʼs love, a little strangled cry, wrung from her, that cry that has rung through the ages. And then a rocket sprang and bang shot blind and O! then the Roman candle burst and it was like a sigh of O! and everyone cried O! O! in raptures and it gushed out of it a stream of rain gold hair threads and they shed and ah! they were all greeny dewy stars falling with golden, O so lovely! O so soft, sweet, soft!« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 331).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Sonntag, 3. Januar 2016

Freitag, der 3. Januar 2014


[94 / 230]
Hans Köberlin erinnerte sich beim Lesen, wie er die Frau kennengelernt, in der vorletzten oder der letzten Juniwoche des vergangenen Jahres, an den genauen Tag konnte er sich wegen der allgemeinen Auflösung damals nicht mehr erinnern,* bloß an den genauen Tag, zu dem er sie zum Essen eingeladen … man hatte gut gegessen und gescherzt in dem Restaurant, das nach einem Film von Visconti benannt worden war, und Hans Köberlin hatte von den Telos-Fragmenten, die er zu einem Ende bringen sollte, erzählt und man hatte sich zum Abschied an der U-Bahn-Station leidenschaftlich geküßt …: das war der Dienstag, der 2. Juli 2013, gewesen. – Hans Köberlin war also unterwegs in jenem Stadtteil in der Mitte der Hauptstadt, der der Einfachheit halber oder aus Kalkül einfach ›Mitte‹ hieß und früher der Westen des Ostens gewesen war, unterwegs um sich zur Klärung von Details über das Haus an der weißen Küste und der Übergabe der Miete für das erste Halbjahr und zum Anstoßen mit einem Glas Sekt mit seinem künftigen Landlord zu treffen. Er war aber wie immer viel zu früh dran und wollte in einem petit café, in dem man auch draußen sitzen konnte, noch ein Glas Rotwein trinken. Es gab allerdings draußen keinen freien Tisch, und Hans Köberlin tat, was er in solchen Fällen für gewöhnlich immer tat: er schaute nach dem Tisch, an dem die schönste Frau alleine saß … und er fragte sie also, ob er sich zu ihr setzen dürfe, was sie ihm mit einer Geste gewährte, um sich dann wieder in ihre Lektüre zu vertiefen. Die Bedienung kam, Hans Köberlin bestellte sich zur Einübung (als ob er das nötig gehabt hätte!) einen Rotwein aus dem Land seines künftigen Exils und betrachtete verstohlen die Frau beim Lesen und beim gelegentlichen Nippen an ihrem Café au lait. Sie las in dem monatlichen Organ einer internationalen Organisation für Bergewanderer, Bergsteiger und Kletterer. Hans Köberlin nahm einen Schluck, zapfte seinen Krafthorizont an und sagte …**
»Schade, ich leide leider unter Akrophobie.«
Die Frau blickte von ihrem Magazin auf, schaute ihn an, überlegte einen Moment und entgegnete dann …
»Ich habe auch noch andere Interessen …«
Tja, so hatte es angefangen …


* Wenn unsere Recherchen stimmen, dann war es der Donnerstag, der 27. Juni 2013, also bloß fünf Tage vor ihrem ersten gemeinsamen Essen, gewesen.
** Und hier ist Kevin Ayers’ Soundtrack dazu (wir habe die Version von Odd-Ditties zwar bereits einmal zitiert, aber Gutes kann man nicht oft genug und in jedem Idiom wiederholen …
I just came in off the street
Looking for somewhere to eat
I find a small cafe
I see a girl and then I say

»May I sit and stare at you for a while?
I’d like the company of your smile«

You don’t have to say a thing
You’re the song without the sing
The sunlight in your hair
You look so good just sitting there

»May I sit and stare at you for a while?
I’d like the company of your smile«
(Mai I, Shooting at the Moon, 1970).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Samstag, 2. Januar 2016

»Zeit vergeuden hat etwas Ästhetisches.«

Einer rigorosen Ätiologie unserer Skrupel muß eine ironische Diagnose unserer Zugeständnisse an die Normalität folgen.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 307).

Donnerstag, der 2. Januar 2014


[93 / 231]
Nachdem er diese Eintragung vermischten Inhalts in seinem Arbeitsjournal gemacht, begann Hans Köberlin wie beabsichtigt mit der Lektüre des 13. Kapitels des Ulysses. Hier wurde wohl der Stil der Trivialromane für Mädchen parodiert, also quasi das Gegenstück zu dem patriotischen Gewäsch der Männer im vorherigen Kapitel, das ja auch Queneau so wunderbar in On est toujours trop bon avec les femmes parodiert hatte. Selbstreferenz und Fremdreferenz gingen eindeutig auseinander, die Erzählinstanz referierte Gerty MacDowells Perspektive … wenn Hans Köberlin sich recht erinnerte, dann mußte aber irgendwann ein Umschlag in die Perspektive Blooms erfolgen, denn Bloom äußerte doch seine Enttäuschung darüber, daran erinnerte er sich gewiß, daß Gerty hinkte … Mal sehen. Hans Köberlin las im Merkur einen interessanten Aufsatz über Schüchternheit,* die ja eines seiner basalen Probleme war (momentan weniger in Bezug auf Frauen als in Bezug auf den sogenannten Arbeitsmarkt, die Kampfzone, deren Ausweitung er persönlich nie so erlebt hatte Houellebecq). »Wenn ich nicht immer so schüchtern gewesen wäre, ich hätte, glaube ich. alles erreichen können, was ich gewollt habe.« Aber das war natürlich übertrieben, denn erstens war er nicht in allen Fällen schüchtern gewesen und zweitens hatte er sehr spät erst (außer was das Sexuelle betraf, natürlich!) mit dem Wollen angefangen.


* Urs Stäheli, Die Angst vor der Gemeinschaft. Figuren des Schüchternen; in: Merkur Nr. 773 / 774: Wir? Formen der Gemeinschaft in der liberalen Gesellschaft, Oktober / November 2013, S. 928ff.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Freitag, 1. Januar 2016

Mittwoch, der 1. Januar 2014


[92 / 232]
Mittwoch, der erste Januar (›enero‹ im hiesigen Idiom) 2014* …: es begann also jenes Jahr, welches einmal hätte Hans Köberlins letztes Jahr sein sollen. Daran war nun allerdings nicht mehr zu denken, und das Ende seiner Zeit hier an der weißen Küste lag noch in relativ unbestimmter Ferne …
Und Hans Köberlin las im Ulysses, wie Mr Bloom – wie bereits von Nabokov angekündigt – ein Plädoyer für die Liebe hielt. Dann ging es unter den nationalistischen Zechern um einen Zeitungsartikel …: »Itʼs only initialled: P. – And a very good initial too, says Joe.« Ob Clemens Limbulariusʼ Freund P. daher wohl die Anregung genommen, sich P. zu nennen?** Und Hans Köberlin las weiter und las – Nausikaa alias Gerty MacDowall, ausgerechnet die Tochter des »citizen« – das Kapitel zu Ende. Nabokovs Bemerkungen dazu waren eher mager. Als nächstes käme dann – aber jetzt nicht mehr, morgen – das dreizehnte, wie gesagt das Nausikaa-Kapitel, und er mußte an Robert von Ranke-Gravesʼ Version der Odyssee denken, in der jener Nausikaa das Epos verfassen ließ, nachdem Odysseus sie von ihren Freiern befreit hatte … von Freiern befreit ist nun die Maid … Und wie so oft in der Zeit nach der Katastrophe stellte er sich die Frage …
»Ob ich nochmals dazu kommen werde, den Roman (er meinte jetzt Ranke-Gravesʼ Homerʼs Daughter) zu lesen?«
Er hatte meistens so gelesen, als würde er das nochmals lesen, was – das Zweimallesen – ja auch eine gute Methode war. Aber angesichts des zu Lesenden und angesichts der alten Weisheit ars longa vita brevis (die Geschichten aus tausendundeiner Nacht hatte er auch noch nie vollständig gelesen …) dachte er mittlerweile, man sollte jedes Buch so lesen, als sei es das letzte Buch, das man lesen könne.


* Es gab bloß zwei Filmkalenderblätter in der Filmkalenderblattsammelkiste, nämlich das von 1997 mit La provinciale (Mario Soldati, 1953), wo auf dem Still unter anderem auch die junge Gina Lollobrigida zu sehen war, und das von 1996 mit einem Still aus Straßenmusik (Hans Deppe, 1936). Nach Hans Köberlins neuem Zitatenkalender, den er, wie gesagt, erst am 9. Februar aufhängen sollte, war Neumond und am 1. Januar 1857 war James George Frazer geboren worden, dessen The Golden Bough Eingang in Hans Köberlins Basisbibliothek gefunden hatte, und zitiert wurde der kanadische Zeichner Jimmy Beaulieu mit der Aussage, man könne nicht gleichzeitig das Leben und die Menschen lieben. Hans Köberlin – von dem man wahrhaft nicht sagen konnte, er sei ein Philanthrop – würde dem widersprechen: wenn man überhaupt diese Differenz ziehen könne, dann war das Leben ohne Menschen nichts. Aber dann ging ihm auf, daß es wohl um das ›die Menschen‹ ging und nicht Menschen wie die Frau oder der Busenfreund, und ›die Menschen‹, also ›die Menschheit‹, die liebte Hans Köberlin nicht, weil man etwas Abstraktes nicht (im emphatischen Sinn) lieben konnte.
** Vgl. vom Verf. HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012, S. 87. Wir glauben, es war (zwischen Clemens Limbularius und P.) keine wirkliche Freundschaft, wie etwa die zwischen dem Busenfreund und Hans Köberlin, ihre Zeit war auch nur kurz gewesen, wobei das nichts zu heißen brauchte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Dienstag, der 31. Dezember 2013


[91 / 233]
Am Dienstag, den 31. Dezember 2013, dem letzten Tag in diesem denkwürdigen Jahr, aktualisierte Hans Köberlin zum letzten Mal seinen Filmkalender, denn für das neue Jahr 2014 hatte der betreffende Verlag aus für Hans Köberlin nicht nachvollziehbaren Gründen keinen neuen Filmkalender verlegt. Und weil es für das Jahr 2014 keinen Filmkalender gab, besorgte sich Hans Köberlin später, während er in der ersten Februarwoche die Frau in der Hauptstadt im Bezirk des Hauptmanns besuchte, einen Tagesabreißzitatenkalender, auf dem gleichfalls Geburtstage und Todestage verzeichnet waren, sowie der Beginn eines Sternzeichens (was Hans Köberlin nicht mehr interessierte) und die Mondphasen. Sollte sich dort etwas Erwähnenswertes befinden, dann werden wir es erwähnen, ansonsten werden wir wie gehabt die Filmkalenderblattsammelkiste konsultieren. Das letzte aktuelle Blatt zeigte also anläßlich des Todestages von Matthias Fuchs († 2001) Gudrun Landgrebe in Robert van Ackerens Die flambierte Frau (1983), es sollte dort bis zum 9. Februar 2014 hängenbleiben.*
Hans Köberlin notierte über seinen Traum im Arbeitsjournal: »Da waren drei verschiedene Dinge im Traum, die irgendwie außerhalb waren, aber doch eigentlich hineingehört hätten und erledigt werden wollten. Eines, das wichtigste, war ein Faß ohne Boden. Mit einem irrealen Gefühl erwacht.« Er las dann im Ulysses weiter, immer noch in dem Kyklopen-Kapitel. Dann las er in Hebbels Tagebüchern Einträge vom Juni 1863. Hebbel hatte die Gewohnheit gepflegt, am Ende des Jahres in seinem Tagebuch Bilanz zu ziehen. Zöge er eine Jahresbilanz in der Manier Hebbels, so dachte sich Hans Köberlin, dann hätte er von einem halben schlimmen Jahr mit Diotima und von einem halben seltsam schönen Jahr mit der Frau zu berichten und von Exodus und Exil und von dem unvollkommenen Abschluß der Trilogie durch seine Hand …


* Auf dem Vorjahresblatt sah man erneut einen Still aus True Romance und 1997 sah man Madonna in Warren Beattys Dick Tracy (1990). Hans Köberlin überlegte, ob er Madonna zu seinem Ensemble im Schlafzimmer … doch das Blatt von 1996 präsentierte das Original, das ins Pantheon kommen sollte: Marilyn Monroe, wie sie sich zwischen zwei überdimensionierten Silvesterböllern die diamantenbehangenen Ohren zuhielt.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Montag, der 30. Dezember 2013


[90 / 234]
Dann las er zu seinem Erstaunen folgende Umschreibung von Mrs Bloom: »Pride of Calpeʼs rocky mount, the ravenhaired daughter of Tweedy.«* Sollte etwa …?! Hans Köberlin hatte gedacht, Molly sei auf dem Affenfelsen an der Meerenge, an den Säulen des Herakles aufgewachsen …**


* James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 288.
** Die Römer hatten den Affenfelsen ›Calpe‹ genannt, wie Hans Köberlin dann schnell herausbekam.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

»Es gibt keinen Kontext.«

Genauso (Man müßte einen Gedichtband hintereinander weg, von Anfang bis Ende lesen können.) müßte sich ein Roman auf einer x-beliebigen Seite aufschlagen lassen und unabhängig vom Kontext gelesen werden können. Es gibt keinen Kontext.

(Michel Houellebecq, Die Welt aks Supermarkt. Interventionen, Reinbek 2. Aufl. 2001, S. 38).

x-beliebige Seite aus: der Verf., HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012

Dienstag, 29. Dezember 2015

Lob der Sehnsucht

Das Gedicht gewinnt, wenn wir ahnen, daß es Ausdruck eines Verlangens ist, nicht die Geschichte von etwas, das stattgefunden hat.

(Jorge Luis Borges, Der Andere; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1993ff., Bd. 13: Spiegel und Maske, S. 101).

Sonntag, der 29. Dezember 2013


[89 / 235]
In André Bretons Anthologie de l’humour noir las Hans Köberlin in Tristan Corbières Litanie du sommeil einen netten Vers …
Obscène Confesseur des dévotes mort-nées!
Und in Lichtenbergs Sudelbüchern
Den 12ten nov. 1769 brachte Herr Ljungberg den Gedanken auf die Bahn, ob man nicht vielleicht dereinst würde ein Mittel erfind[en,] die Bilder in der Camera obscura auf dem Papier stehen bleiben zu machen.*
Wann war Daguerre gewesen?** Dann zog es ihn wieder zu Mr Bloom. Der ging gerade seinem unschuldigen Frivolitätchen nach und schrieb an jene ominöse Martha Clifford … »naughty boy« hatte sie ihn genannt … Dann wollte er aufbrechen. Nach Simon Dedalus sang Ben Dollard noch die Ballade vom croppy boy und Mr Bloom empfand die tröstende Melancholie der Musik und verlor sich in diversen Betrachtungen über – wie hatte Nabokov geschrieben? …: sein Geschick – und über eine der Bardamen …
Blank face. Virgin should say: or fingered only. Write something on it: page. If not what becomes of them? Decline, despair. Keeps them young. Even admire themselves. See. Play on her. Lip blow. Body of white woman, a flute alive. Blow gentle. Loud. Three holes all women. Goddess I didn’t see …

* Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd. 2, S. 25. So wie hier die Photographie antizipiert wurde, hatte Lichtenberg auch die Möglichkeiten der modernen kosmetischen Chirurgie vorausgeahnt: »Sollten die Menschen noch nicht einmal ein Mittel erfinden in den Muskeln unschädliche Lokal-Schwellungen zu erwecken um sich auf einige Zeit vollere Gesichter zu machen, so wie man sich akkommodieren läßt? Masken wären vielleicht besser, aber die Bewegung fehlt.« (ebd., Bd. 1, S. 964).
** In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts …, komisch, daß Jules de Goncourt während seiner Kur am 28. Juni 1869 nicht an ihn, Daguerre, gedacht hatte, als er folgendes in sein Journal niederschrieb: »Il y a ici, près de l’établissement des bains, un petit pavillon en bois, où un vieux militaire vous fait voir un miracle d’art. C’est une chambre obscure. Qu’on imagine dans la nuit de la petite pièce, sur une feuille de papier – dont le rond d’une timbale de guerre du XVIIIe siècle peut donner l’idée – les mon-tagnes, les torrents, les omnibus, les chevaux, les passants, peints et touchés, comme par les plus admirables petits maîtres qu’on pourrait rêver. Car le côté curieux de cette représentation, ce n’est pas la na-ture telle que vos yeux la voient, c’est la plus jolie, la plus spirituelle, la plus blonde, la plus colorée peinture qui soit, à ce point que, si par un progrès qu’on peut prévoir, on parvenait à fixer ces images colorées, il n’y aurait plus d’art de peindre. Un moment le montreur de cette magie a fait tenir, sur le rond de mon chapeau gris, toute une chaîne de montagnes qui ressemblait à une impression japonaise sur une feuille de crêpe.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Montag, 28. Dezember 2015

Samstag, der 28. Dezember 2013


[88 / 236]
Und Edmond betrachtete heute vor 128 Jahren auf einer japanischen Versammlung 57 Kompositionen von Hokusai …
Dies sind die ersten Zeichnungen, die mir echte Hokusais zu sein scheinen. Nur sind es Zeichnungen, die, für die Radierung geschaffen, sehr stark den Charakter von Zeichnungen haben, die von einem geschickten Kupferstecher gemacht wurden, aber nichts von der Freiheit, der Furia der Inspiration eines Malers besitzen und nicht erlauben, das Talent eines Künstlers vollständig zu beurteilen. Kurz, so wie sie sind und mit den Anmerkungen, von denen man versichert, daß sie von Hokusais Hand sind und die empfehlen, dieses und jenes Laubwerk nicht zu radieren, das einen Fleck macht, nicht … diese Zeichnungen sind sehr interessant. Sie halten einem die unverminderte Originalität dieses flüchtigen und unsteten Zeichnens vor Augen, das trotz seines Naturgetreuen etwas von der Zickzackbewegung einer Peitsche in der Luft hat, und, nach jenem schnurgerade Fall senkrechter Linien um einen Körper, beim Fußspann der Männer und in dem Gewoge der Frauenröcke am Boden, gleichsam die Verstrickungen und Verknotungen der Schnur dieser plötzlich um etwas herum geschlungenen Peitschen.*
Auch Hans Köberlin hatte einen Faible für diesen Künstler, ja überhaupt für die Kunst aus dem Land der aufgehenden Sonne …


* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 7, S. 571. Im Oktober 22 Jahre früher hatte sich auch Jules Kunst aus dem Reich der aufgehenden Sonne angeschaut: »Neulich habe ich Alben mit japanischen Obszönitäten gekauft. Das erheitert mich, amüsiert mich, bezaubert mein Auge. Ich betrachte das ungeachtet des Obszönen, das darin steckt und doch auch wieder nicht, und das ich gar nicht sehe, so sehr verschwindet es unter der Phantasie. Die Heftigkeit der Linien, das Unerwartete der Zusammenstellung, die Anordnung der Accessoires, das Launige der Posen und Dinge, das Pittoreske und die Landschaft der Geschlechtsteile sozusagen. Während ich sie betrachte, denke ich an die griechische Kunst, die Langeweile in der Perfektion, eine Kunst, die sich von einem Verbrechen nie reinwaschen wird: vom Akademischen! (ebd., Bd. 3, S. 640).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Sonntag, 27. Dezember 2015

Freitag, der 27. Dezember 2013


[87 / 237]
Als Hans Köberlin am Freitag, dem 27. Dezember 2013, erwachte, da wußte er zwar konkret, daß er etwas geträumt hatte (er wußte es konkret und nicht abstrakt, wie man etwa weiß, daß man immer etwas träumt), die Erinnerung daran aber, was er geträumt hatte, war ihm nicht zugänglich.* Es war gegen acht Uhr, als er erwachte, so früh schon, obwohl sie wieder die halbe Nacht gevögelt hatten, er war indifferent unruhig, konnte nicht wieder einschlafen, stand auf und brachte den Müll weg, woraus sich schließen läßt, daß es am Abend zuvor Fisch oder Langostinos gegeben hatte.


* Uns aber schon: Hans Köberlin hatte von einem riesigen Kreuzfahrtschiff geträumt, von der ›Queen Mary‹ oder einem ihrer Schwesterschiffe, es war ihm aber nicht auf offener See begegnet, sondern in einem Hafen. Das Schiff kam ganz nah an einen heran, man sah seinen gigantischen Schatten, der alles verdunkelte, über sich und duckte sich zusammen, aber dann passierte doch nichts.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Samstag, 26. Dezember 2015

Donnerstag, der 26. Dezember 2013


[86 / 238]
Nachdem Hans Köberlin das Filmkalenderblatt mit Hanna Schygulla in der Rolle der Effi Briest abgerissen und in seine Filmkalenderblattsammelkiste gelegt hatte, sah er anläßlich des 52. Geburtstags von Jörg Schüttauf ein Still aus Alexander Adolphs So glücklich war ich noch nie (2009). Man sah Nadja Uhl und Devid Striesow, und wegen Nadja Uhls schönem Gesicht und weil er bei dem Titel an die Frau dachte, beschloß Hans Köberlin, der den Film nicht kannte, das Blatt zu archivieren.*
Draußen tobte ein kräftiger Sturm, Hans Köberlin sah, wie die Palme gebeutelt wurde, aber der Himmel war strahlend blau und vollkommen wolkenlos. Hans Köberlin begann also im Ulysses mit der Lektüre des Sirenenkapitels … »A jumping rose on satiny breast of satin, rose of Castille.« Es war die Stunde des Ehebruchs …


* Im Vorjahr gab es anläßlich Howard Hawks’ Tod (†1977 … er war also einen Tag nach Chaplin gestorben, als Hans Köberlin gut 17½ Jahre alt gewesen war) ein Still aus The Big Sky (1952), auf dem man Kirk Douglas als Trapper Jim Deakins und das Model Elizabeth Threatt in ihrem einzigen Film als entzückende Blackfood Squaw Teal Eye sah. Sie kam aber am Ende nicht mit Deakins zusammen, wie das Bild suggerierte, sondern mit dessen Kumpel Boone. 1997 gab es einen weiteren Klassiker, nämlich John Hustons Adaption von Dashiel Hammetts The Maltese Falcon (1941) mit unserem Freund H. B. … und 1996 sah man Jérome Olivier in Daniel Schmids La Paloma (1973).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Freitag, 25. Dezember 2015

Mittwoch, der 25. Dezember 2013


[85 / 239]
»Wieder einen heiligen Abend gut über die Runden gebracht. Hatte einen Schleifentraum über eine Fußnote, an dem sich andere Geschichten aufhängten, die ich aber nicht mehr zusammenbekomme. Morgen ist hier kein Feiertag, ich muß mir also keine Sorgen um den Weinvorrat machen. ›The cup that cheers but not inebriates, as the old saying has it.‹«* – Das schrieb Hans Köberlin am Mittwoch, dem 25. Dezember 2013, nachdem er (…) etwas später aufgestanden und wie üblich mit dem Gasofen umgezogen war, in sein Arbeitsjournal. Hanna Schygulla hatte Geburtstag, geboren im Jahre 1943, deshalb präsentierte sie das aktuelle Filmkalenderblatt als Effi Briest und das vom Vorjahr zusammen mit dem Regisseur (als »der Griech aus Griechenland«) in Katzelmacher. Und Charles Chaplin hatte Todestag (†1977), es sind im Zusammenhang mit Buster Keaton bereits einige Bemerkungen über ihn gefallen, und am Sonntag, dem 29. Dezember 2013, wird sich unser Paar Modern Times anschauen. Und W. C. Fields hatte Todestag (†1946), und auf die Gefahr, zu sagen was jeder weiß …: berüchtigt durch seinen Spruch daß der, der keine Hunde und Kinder möge, nicht ein ganz so schlechter Mensch sein könne. Was die Hunde betraf, da pflichte Hans Köberlin ihm unbedingt bei, nicht erst seit er fast täglich auf der vollgekackten Promenade flanierte. Das Blatt von 1997 zeigte – warum auch immer – die Skizze einer Cinematographe-Kamera mit Wasserkugel zum Kühlen des heißen Lichtstrahls, und 1996 schließlich gab es anläßlich des Geburtstags des Drehbuchautors Noel Langley, geboren im Jahre 1911, und wohl auch wegen des ersten Weihnachtstags ein Still aus Brian Desmond Hursts Adaption von Dickens’ A Christmas Carol aus dem Jahre 1951.


* James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 216.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Empirie, 3. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):

  • Stand des Manuskripts: S. 886 von ca. 1.800 Seiten
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 785 von ca. 1.800 Seiten
    • Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Mittwoch, der 19. Februar 2014, der 141. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Fußnoten Stand des Manuskripts: 2520
  • Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 2176
  • Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
  • Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen


* (= die momentane Fußnote 317 auf S. 66) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

Wird aktualisiert!

Dienstag, der 24. Dezember 2013


[84 / 240]
Bevor wir fortfahren möchten wir noch kurz etwas in eigener Sache mitteilen, ein Jubiläum …: heute nämlich, genau auf den Tag vor einem Vierteljahrhundert, am Samstag dem 24. Dezember 1988, hat unsere Laufbahn als Berichterstatter begonnen. Es sollten allerdings noch 19 Jahre vergehen (und nicht 20 Jahre, wie wir unzutreffend behauptet), bis jene Zeilen gedruckt vorlagen …
Ich biege zwanzig Jahre später um eine Straßenecke und überlege dabei, wie es damals wohl angefangen hat. In einem Zug natürlich: der Protagonist schaute aus dem Fenster auf den Ablauf der Landschaft, jemand drehte anscheinend eine Kurbel, um die Kulisse in Bewegung zu setzen, damit die Illusion einer linearen Bewegung entstand, mir kam die Idee und Clemens Limbularius war irritiert ob der Lage, in der er sich durch diese Konstellation befand, oder anders gesagt: der Zustand seines Bewußtseins fand keine Entsprechung in seiner Umwelt.*

* Vgl. vom Verf. HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012, S. 9.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Montag, der 23. Dezember 2013


[83 / 241]
Unser Paar frühstückte wie gehabt im leeren Wintergarten mit dem improvisierten Adventskranz auf dem Tisch und Musik aus dem Radio von dem hiesigen Klassiksender. Anschließend legte man sich nochmals hin (…) und spazierte später am frühen Nachmittag zur ›Coral Beach Bar‹, die die Frau ja noch nicht kannte. Es war ein idealer Tag für diese Lokalität: die Sonne schien und es war windstill. Die Frau war wie Hans Köberlin beeindruckt von der Möglichkeit, quasi im Meer sitzend ein Glas Rotwein zu trinken. Unterwegs hatte man noch den Busenfreund angerufen, der an diesem Tag seinen 49. Geburtstag feierte.
»Ich möchte dir etwas vorlesen, aus dem Journal der Goncourts …« Und Hans Köberlin holte die am Morgen gescannte und ausgedruckte Passage aus der Gesäßtasche seiner Hose, schüttelte sie, bis sich das Blatt auseinanderfaltete, und las vor …
Wenn es in unserem Leben weder Glück noch eine glückliche Fügung für uns gibt, so haben wir doch diese große Sache, diese vielleicht einmalige Sache seit die Welt besteht: diese körperliche und moralische Gesellschaft in all unseren Stunden, diese unsere Gemeinschaft von uns beiden, an die wir gewöhnt sind wie an die Gesundheit. Ein seltenes und kostbares Glück: zumindest könnte man dies glauben, bei dem Preis, den das Leben uns dafür bezahlen läßt, als würden uns alle darum beneiden.*
Hans Köberlin merkte, wie ihm, weil ihm die Tiefe der Freundschaft bewußt wurde, das Wasser in die Augen stieg … »Und dabei gibt es in unserem Leben Glück: du hast deine Familie und ich die Liebe der Frau …«


* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 2, S. 574. Jean Pauls Schoppe äußerte im Titan eine schöne Sequenz: »Daran erkenn’ ich eben den Freund, daß er mich oder sich nicht unterhalten, sondern bloß dasitzen will …« (Jean Paul, Titan; in: Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt. Bd. 3, S. 515).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).