Montag, 11. Januar 2016

Samstag, der 11. Januar 2014


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Später las er in seiner digitalen Bibliothek die kurzen Prosastückchen aus dem Nachlaß Kafkas …
»Das Glück, Kafka zu lesen.«
Jener wunderbare Dialog zum Beispiel, nachdem sich jemand darüber mokiert hatte, daß die Weisen stets in Gleichnissen sprächen, die für den Alltag nicht Relevant wären …
Darauf sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.«
Ein anderer sagte: »Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.« Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«
Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«
Der erste sagte: »Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.«
Dann wandte er sich wieder dem Ulysses zu, Mr Blooms Odyssee durch das Rotlichtviertel, wo sich Reales mit Halluziniertem mischte. Aber wer halluzinierte? Der Autor des Stückes …*


* Später, am 17. Januar 2014, sollte Hans Köberlin bei Nabokov, den er diesmal bereits vor Beendigung der Lektüre des Kapitels konsultierte, um eine zweite Meinung neben der seiner eigenen einzuholen, die gleiche Vermutung lesen ((Vladimir Nabokov, Die Kunst des Lesens. Meisterwerke der europäischen Literatur. Jane Austen – Charles Dickens – Gustave Flaubert – Robert Louis Stevenson – Marcel Proust – Franz Kafka – James Joyce, hrsg. von Fredson Bowers, Frankfurt am Main 1991, S. 426). Dann kam Nabokov noch auf eine poetisch formulierte Lösung, er sagte nämlich (ebd.), das Buch selber träume und habe Visionen, das Kapitel sei lediglich eine Übersteigerung, eine alptraumhafte Entwicklung der in ihm vorkommenden Personen, Gegenstände und Motive. Das hatte sich Hans Köberlin gleichfalls bereits gedacht …
»Warum vertraust du nicht auf dein Urteil?«
Was er allerdings nicht bemerkt hatte, das war, daß Joyce hier auf Visionen in Flauberts La temptation du Saint Antoine anspielte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014; siehe auch …).

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