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| am Mittwoch, dem 12. Februar 2014, um 18Uhr42 |
Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Mittwoch, 24. Juni 2015
Dienstag, 23. Juni 2015
Was ist Wahrheit?
Blumenberg über das Uhrengleichnis von Schopenhauer: »Der einsame Besitzer der wahren Zeit in einer Stadt mit lauter falsch gehenden Turmuhren ist kein Weiser, sondern ein Narr.«
Mutter Natur
Hebbel fragte sich am 29. November 1836 in seinem Tagebuch, »ob ein mystisches Gefühl im Menschen liegt, was ihm sagt, ob die öconomisch=umsichtige Natur ihn schon in ihre Pläne verwendet hat, oder nicht?« Das Gefühl mag ja da sein, ich glaube aber nicht, daß es einen Grund außer in dem es Fühlenden hat, denn die Natur hat keinen Plan und agiert auch nicht ökonomisch. Manche sprechen vom »Zufall« und tun dabei so, als wäre das etwas Anrüchiges, was nicht statthaben darf. Und was meinte Hebbel mit »schon«? Wenn schon, dann doch immer, oder?
Montag, 22. Juni 2015
Sinn?
Die Frau: Am Ende des achten Gesangs der Odyssee gibt der König der Phäaken Alkinoos eine Antwort auf die Frage, warum ein Held all die Unbill ertragen muß. Und das kam so: Alkinoos sieht seinen Gast, dessen Identität er noch nicht kennt, erschüttert. Die Erschütterung rührt daher, daß Odysseus (…) mit seiner eigenen Geschichte konfrontiert wird, als während des Gastmahls der blinde Sänger Demodokos ein Epos vom trojanischen Krieg vorträgt. Der Held ist erschüttert, als er mitanhört, was er selbst doch miterlebt hat, es ist, als käme ihm jetzt erst zu Bewußtsein, was alles er da durchgemacht hat, vor Troja und wegen Troja. Daraufhin also Alkinoos …
Alkinoos, König der Phäaken: Sage mir auch, was weinst du, und warum trauerst du so herzlich, wenn du von der Achäer und Ilions Schicksale hörest? Dieses beschloß der Unsterblichen Rat und bestimmte der Menschen Untergang, daß er würd ein Gesang der Enkelgeschlechter.
Die Frau: Das Schicksal und die Widrigkeiten, die den Helden begegnen, werden dadurch motiviert, daß sie den späteren Generationen als Stoff für ihre Geschichten dienen können …
Der Mann: Homer war REALIST. (…)
Lionel Trilling: … die grausame Irrationalität der Bedingungen des menschlichen Lebens, die von einem Idioten erzählte Geschichte, die kindischen Götter, die uns nicht um der Strafe, sondern um des Zeitvertreibs willen martern …
Die Frau: Es ist klar, daß diese Erklärung auf Dauer nicht haltbar war. Denn die Motive lagen hier quasi außen …
* Hans Köberlin, »… schön ist das nicht …« oder: Apologie des Mysteriums; in: Arbeitsgruppe »menschen formen« (Hg.), Ver-Schiede der Kultur. Aufsätze zur Kippe kulturanthropologischen Nachdenkens, Marburg 2002, S. 271f.; siehe dort auch die Nachweise der im Hörstück eingefügten Zitate. Ein ähnliches Beispiel – nicht für die oben aufgezählten re-entries, sondern für den Hohn metaphysischer Instanzen – war natürlich noch die Geschichte Hiobs, dessen Leiden einzig einer Wette Jahwes mit seinem Widersacher entsprangen (siehe Hi 1.6ff.).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Alkinoos, König der Phäaken: Sage mir auch, was weinst du, und warum trauerst du so herzlich, wenn du von der Achäer und Ilions Schicksale hörest? Dieses beschloß der Unsterblichen Rat und bestimmte der Menschen Untergang, daß er würd ein Gesang der Enkelgeschlechter.
Die Frau: Das Schicksal und die Widrigkeiten, die den Helden begegnen, werden dadurch motiviert, daß sie den späteren Generationen als Stoff für ihre Geschichten dienen können …
Der Mann: Homer war REALIST. (…)
Lionel Trilling: … die grausame Irrationalität der Bedingungen des menschlichen Lebens, die von einem Idioten erzählte Geschichte, die kindischen Götter, die uns nicht um der Strafe, sondern um des Zeitvertreibs willen martern …
Die Frau: Es ist klar, daß diese Erklärung auf Dauer nicht haltbar war. Denn die Motive lagen hier quasi außen …
* Hans Köberlin, »… schön ist das nicht …« oder: Apologie des Mysteriums; in: Arbeitsgruppe »menschen formen« (Hg.), Ver-Schiede der Kultur. Aufsätze zur Kippe kulturanthropologischen Nachdenkens, Marburg 2002, S. 271f.; siehe dort auch die Nachweise der im Hörstück eingefügten Zitate. Ein ähnliches Beispiel – nicht für die oben aufgezählten re-entries, sondern für den Hohn metaphysischer Instanzen – war natürlich noch die Geschichte Hiobs, dessen Leiden einzig einer Wette Jahwes mit seinem Widersacher entsprangen (siehe Hi 1.6ff.).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Freitag, 19. Juni 2015
Was passiert
Bei guten Büchern ist die Handlung völlig wurscht, wenn Sie Handlung wollen, gehen Sie zum Catchen.
(Harry Rowohlt, vgl. In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 59).
(Harry Rowohlt, vgl. In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 59).
Dienstag, 16. Juni 2015
Eine Kompetenz
MARTINA: (…) ich kann mächtich schweign, wenn’s an der Zeit iss …
(Arno Schmidt, Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 30).
(Arno Schmidt, Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 30).
Auch dies beim Aufräumen gefunden …
John Cage: Afternote to LECTURE ON NOTHING
In keeping with the thought expressed above that a discussion is nothing more than an entertainment, I prepared six answers for the first six questions asked, regardless of what they were. In 1949 or '50, when the lecture was first delivered (at the Artists' Club as described in the Foreword), there were six questions. In 1960, however, when the speech was delivered for the second time, the audience got the point after two questions and, not wishing to be entertained, refrained from asking anything more.
The answers are:
The answers are:
- That is a very good question. I should not want to spoil it with an answer.
- My head wants to ache.
- Had you heard Marya Freund last April in Palermo singing Arnold Schoenberg's Pierrot Lunaire, I doubt whether you would ask that question.
- According to the Farmers' Almanac this is False Spring.
- Please repeat the question …
And again …
And again … - I have no more answers.
Today is Bloomsday!
Heute ist Bloomsday, ein Feiertag, es gilt aber auch, zweier Verstorbener zu gedenken (es ist ja auch der Tag von Paddy Dignams Beisetzung): am 16. Juni 1955 starb in Triest James Joyces Bruder Stanislaus, seines Bruders Hüter …: eine seltsame Koinzidenz … und hätte Harry Rowohlt noch einen Tag gewartet, dann wäre der Bloomsday sein Todestag gewesen … »Gin Tonic – das war für mich der Inbegriff der Zivilisation, mit klirrenden Eiswürfeln zu heißen Soul-Rhythmen die Knochen geschüttelt. Danach war wieder eine Woche lang Beschaulichkeit angesagt.« (In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 210).
Und als Hans Köberlin nach dem Duschen schließlich am Schreibtisch saß und sich gerade den Kierkegaard vornehmen wollte, da klingelte es, das dritte Mal, nach dem Gemeindemann und nachdem einmal – wir haben vergessen, das zu erwähnen – seine vom Busenfreund per Eischreiben geschickte neue EC-Karte angekommen war, und wie die beiden Male zuvor erschrak Hans Köberlin. Es war diesmal keine neuerliche Umfrage ob des Status der Häuser (initiiert etwa von der Guardia Civil nach deren Inquirieren neulich), es war wieder el cartero, der ihm das bestellte Exemplar von James Joyces Ulysses im Originalidiom brachte … Wordsworth Classics … auf dem schwarzen Cover ein Gemälde, das die Halfpenny Bridge in Dublin zeigte, von einem Jonathan Barry, der als »Contemporary Irish Artist« vorgestellt wurde … Hans Köberlin freute sich sehr darüber und las gleich dort und in seinen beiden Ausgaben (den Übersetzungen von Goyert und Wollschläger) die berühmten ersten Sätze, man schrieb Donnerstag, den 16 Juni 1904 …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
*
Und als Hans Köberlin nach dem Duschen schließlich am Schreibtisch saß und sich gerade den Kierkegaard vornehmen wollte, da klingelte es, das dritte Mal, nach dem Gemeindemann und nachdem einmal – wir haben vergessen, das zu erwähnen – seine vom Busenfreund per Eischreiben geschickte neue EC-Karte angekommen war, und wie die beiden Male zuvor erschrak Hans Köberlin. Es war diesmal keine neuerliche Umfrage ob des Status der Häuser (initiiert etwa von der Guardia Civil nach deren Inquirieren neulich), es war wieder el cartero, der ihm das bestellte Exemplar von James Joyces Ulysses im Originalidiom brachte … Wordsworth Classics … auf dem schwarzen Cover ein Gemälde, das die Halfpenny Bridge in Dublin zeigte, von einem Jonathan Barry, der als »Contemporary Irish Artist« vorgestellt wurde … Hans Köberlin freute sich sehr darüber und las gleich dort und in seinen beiden Ausgaben (den Übersetzungen von Goyert und Wollschläger) die berühmten ersten Sätze, man schrieb Donnerstag, den 16 Juni 1904 …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Montag, 15. Juni 2015
Über das romantische Empfinden
Das romantische Empfinden setzt die Dinge jenseits der Dinge fort. Wie der Schatten den Körper. Wie die an den Gegenständen haftende Erinnerung an sie. Die Fortsetzung des Dinges. Lebendig, gegenwärtig, greifbar. Das Ding und zugleich die Erinnerung an das Ding ›in der Gegenwart‹. Sonst haben die Dinge keinen Schatten, keine Erinnerung.
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Kometen-Wörter, S. 208).
Er verließ also das Haus durch das untere der beiden Tore, schloß es wieder hinter sich ab, hielt sich links (die untere, wie gesagt, adreßgebende Straße war eine Sackgasse, das hatten sie gestern am Abend festgestellt, als sie auf die alte Nachbarin gewartet), auf der Straße Schwellen aus Kunststoff, dead policemen, wie man sie in der neuen Welt nannte, kam bis zu einer Einfallsstraße und ging dort rechts auf einem schotterigen Streifen – aber dennoch auf einer elementareren Erde, wie Borges dieses Empfinden des Gehens in einem Ausnahmezustand einmal komperativ ausgedrückt hatte – neben der Fahrbahn bergab. Mit überhöhter Geschwindigkeit – ein Schild gemahnte 40 – rasten Autos die Einfallstraße hinauf (sie nahmen Anlauf für die Steigung) und hinab (man befand sich Abfahrtsrausch), nach ein paar Metern stand auf dem Schotter neben der Straße das Ortseingangsschild, auf dem, wie auf vielen Schildern in der Region, mit Übermalungen und Überschreibungen der Übermalungen et cetera ad infinitum der bereits erwähnte absurde Kampf um das e ausgetragen wurde.
Hans Köberlin blickte – Achtung: erster Eindruck! – auf eine nach dem hiesigen König – der, das sei hier nur nebenbei bereits verraten, im Verlauf von Hans Köberlins Exil seinen Thron räumen sollte – benannte vierspurige Straße mit einem von der Sonne gedörrten begrünten aber durch Staub gebräunten Mittelstreifen, zu der sich als Fortsetzung die zweispurige Einfallstraße, die er hinabgegangen, hinter einem Kreisverkehr erweiterte, an deren Ende sich ein phallusartiges Hochhaus, ein Teil des bereits erwähnten ›Ifach Parc‹, wie er später herausfinden sollte, erhob. Hans Köberlin dachte, das Gebäude habe die Gestalt eines auf den Kopf gestellten Ypsilons (Sie können der Phallusassoziation folgen?), doch was er von weitem gesehen für die Öffnung zwischen den Schenkeln des kopfstehenden Buchstabens gehalten (Schenkel … jetzt kamen feminine Assoziationen ins Spiel, aber nicht wegen des Anblicks des Gebäudes, sondern wegen der Begriffe seiner Beschreibung), stellte sich später, als er das Gebäude zum ersten Mal von nahem passierte, als verglaster dreieckiger Lobbyvorbau heraus.
(…)
Hans Köberlin empfand angenehm die hier herrschende und anscheinend zu Alliterationen verleitende und eine allgemeine Wollust verbreitende Hitze. Hans Köberlin besah sein Exil im äußersten Maße unkritisch, denn dadurch, daß es ihm Exil war und dadurch, daß es das Meer gab und dadurch, daß die Sonne schien, war der Ort ihm, Hans Köberlin, über jede Kritik – auch die der Frau …
»¡Vive Dios, que me espanta esta grandeza!«
– erhaben. Es galt ihm hier, was die Differenz zwischen Wahrnehmung beziehungsweise Empfindung und die als ›Wirklichkeit‹ an ihn herangetragene Fremdwahrnehmung betraf, Hegels berüchtigtes Diktum: »Umso schlimmer für die Wirklichkeit.« Der Schluß von Borges’ Essay La muralla y los libros fiel ihm ein: die Musik, die Zustände des Glücks, die Mythologie, die von der Zeit gewirkten Gesichter, gewisse Dämmerungen und gewisse Orte, so Borges in einer seiner genialen Aufzählungen, wollten einem etwas sagen oder hätten einem etwas gesagt, was man nicht hätte verlieren dürfen (eine Option à la Baudelaire; H. K.), oder schickten sich an, einem etwas zu sagen, und dieses Bevorstehen einer Offenbarung, zu der es nicht käme (dito; H. K.), sei vielleicht der ästhetische Vorgang.
Linkerhand der vierspurigen Straße reihten sich die Hochhäuser, die er von der Dachterrasse aus gesehen hatte, und rechts lag eine große Brachfläche (»el terreno baldío que se deshace en yuyos y alambres« sollte Hans Köberlin später in Borges’ Luna de enfrente lesen). Die beiden Supermärkte – ›Consum‹ (ein Name, der – anders betont als hier üblich ausgesprochen – bei der Frau Assoziationen an ihre Kindheit auslöste …) und ›Mercadona‹ – lagen links und rechts des Kreisverkehrs.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Kometen-Wörter, S. 208).
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Er verließ also das Haus durch das untere der beiden Tore, schloß es wieder hinter sich ab, hielt sich links (die untere, wie gesagt, adreßgebende Straße war eine Sackgasse, das hatten sie gestern am Abend festgestellt, als sie auf die alte Nachbarin gewartet), auf der Straße Schwellen aus Kunststoff, dead policemen, wie man sie in der neuen Welt nannte, kam bis zu einer Einfallsstraße und ging dort rechts auf einem schotterigen Streifen – aber dennoch auf einer elementareren Erde, wie Borges dieses Empfinden des Gehens in einem Ausnahmezustand einmal komperativ ausgedrückt hatte – neben der Fahrbahn bergab. Mit überhöhter Geschwindigkeit – ein Schild gemahnte 40 – rasten Autos die Einfallstraße hinauf (sie nahmen Anlauf für die Steigung) und hinab (man befand sich Abfahrtsrausch), nach ein paar Metern stand auf dem Schotter neben der Straße das Ortseingangsschild, auf dem, wie auf vielen Schildern in der Region, mit Übermalungen und Überschreibungen der Übermalungen et cetera ad infinitum der bereits erwähnte absurde Kampf um das e ausgetragen wurde.
Hans Köberlin blickte – Achtung: erster Eindruck! – auf eine nach dem hiesigen König – der, das sei hier nur nebenbei bereits verraten, im Verlauf von Hans Köberlins Exil seinen Thron räumen sollte – benannte vierspurige Straße mit einem von der Sonne gedörrten begrünten aber durch Staub gebräunten Mittelstreifen, zu der sich als Fortsetzung die zweispurige Einfallstraße, die er hinabgegangen, hinter einem Kreisverkehr erweiterte, an deren Ende sich ein phallusartiges Hochhaus, ein Teil des bereits erwähnten ›Ifach Parc‹, wie er später herausfinden sollte, erhob. Hans Köberlin dachte, das Gebäude habe die Gestalt eines auf den Kopf gestellten Ypsilons (Sie können der Phallusassoziation folgen?), doch was er von weitem gesehen für die Öffnung zwischen den Schenkeln des kopfstehenden Buchstabens gehalten (Schenkel … jetzt kamen feminine Assoziationen ins Spiel, aber nicht wegen des Anblicks des Gebäudes, sondern wegen der Begriffe seiner Beschreibung), stellte sich später, als er das Gebäude zum ersten Mal von nahem passierte, als verglaster dreieckiger Lobbyvorbau heraus.
(…)
Hans Köberlin empfand angenehm die hier herrschende und anscheinend zu Alliterationen verleitende und eine allgemeine Wollust verbreitende Hitze. Hans Köberlin besah sein Exil im äußersten Maße unkritisch, denn dadurch, daß es ihm Exil war und dadurch, daß es das Meer gab und dadurch, daß die Sonne schien, war der Ort ihm, Hans Köberlin, über jede Kritik – auch die der Frau …
»¡Vive Dios, que me espanta esta grandeza!«
– erhaben. Es galt ihm hier, was die Differenz zwischen Wahrnehmung beziehungsweise Empfindung und die als ›Wirklichkeit‹ an ihn herangetragene Fremdwahrnehmung betraf, Hegels berüchtigtes Diktum: »Umso schlimmer für die Wirklichkeit.« Der Schluß von Borges’ Essay La muralla y los libros fiel ihm ein: die Musik, die Zustände des Glücks, die Mythologie, die von der Zeit gewirkten Gesichter, gewisse Dämmerungen und gewisse Orte, so Borges in einer seiner genialen Aufzählungen, wollten einem etwas sagen oder hätten einem etwas gesagt, was man nicht hätte verlieren dürfen (eine Option à la Baudelaire; H. K.), oder schickten sich an, einem etwas zu sagen, und dieses Bevorstehen einer Offenbarung, zu der es nicht käme (dito; H. K.), sei vielleicht der ästhetische Vorgang.
Linkerhand der vierspurigen Straße reihten sich die Hochhäuser, die er von der Dachterrasse aus gesehen hatte, und rechts lag eine große Brachfläche (»el terreno baldío que se deshace en yuyos y alambres« sollte Hans Köberlin später in Borges’ Luna de enfrente lesen). Die beiden Supermärkte – ›Consum‹ (ein Name, der – anders betont als hier üblich ausgesprochen – bei der Frau Assoziationen an ihre Kindheit auslöste …) und ›Mercadona‹ – lagen links und rechts des Kreisverkehrs.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
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Sonntag, 14. Juni 2015
Der Antagonist des ersten Romans betitelt den vierten Roman
Auf der anderen Seite der Wand stand, ebenfalls auf einem Rest der Decke, der allerdings, wegen des unmittelbar daran stoßenden Treppenhauses, etwas breiter war, der Pfarrer, zu dessen Füßen Wolfram kauerte, den Stiefel des Gottesmannes unbarmherzig im Nacken, ein Bild wie von Sankt Georg dem Drachentöter, dachte Clemens da. Wolfram versuchte einige Befreiungsbewegungen, aber das nützte ihm nichts, und sich in seine Lage fügend begann also der Schiffskoch nun, laut und immer wieder ohne Unterbrechung schreiend zu verkünden, Hans Köberlin sei nicht tot, Hans Köberlin lebe, was in Verbindung mit seinem rußgeschwärzten Gesicht einen schauerlichen Eindruck machte und was sicher mit dazu beitrug, daß er später in der Klapsmühle landete.
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
Freitag, 12. Juni 2015
re-entries
In seinem Essay Magias parciales del Quijote hatte Borges die These aufgestellt, Cervantes habe sich darin gefallen, die Welt des Lesers und die Welt des Buches zu vermischen, und er brachte als Beispiel, wie Cervantes den Barbier, eine seiner Figuren, eines seiner, Cervantes’, Werke – die Galatea – der Kritik unterzogen habe, und daß die Protagonisten zu Beginn des zweiten Teils den ersten Teil der Beschreibung ihrer Abenteuer gelesen hatten. Anschließend brachte er weitere Beispiele, in denen das Werk im Werk nochmals auftauchte …
»… lisant au livre de lui-même …«**
… wie Borges selber, am Ende von La busca de Averroes, gefühlt hatte, nämlich daß seine Erzählung ein Symbol des Menschen war, der er gewesen war, während er sie geschrieben hatte, und daß er, um diese Erzählung zu schreiben, dieser Mensch habe sein müssen, und um dieser Mensch zu sein, diese Erzählung habe verfassen müssen, und so ad infinitum.
* Vgl. dazu auch vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 491: »… angefangen mit der Abbildung der Welt auf dem von Hephaistos verfertigten Schild des Achilleus bei Homer – wo die Welterschließung in toto noch deskriptiv geschehen konnte, weil die Welt noch überschaubar war; Realismus fände immer an einem gewissen Komplexitätsgrad seine Grenze, wenn er nicht die Komplexität selber als Gegenstand nähme …«
** Stéphane Mallarmé, Hamlet et Fortinbras.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
- Hamlet als Theaterstück in Hamlet,
- das Ramayana und sein Autor Valmiki am Ende der Ramayana,
- das Märchen der 602. Nacht in Tausendundeiner Nacht,
- Josiah Royces The World and the Individual, wo die vollständige Karte eines Landes im Maßstab 1:1 ihre Karte enthalte, die wiederum ihre Karte enthalte, die wiederum ihre Karte … (subitil aufgegriffen von Michel Houellebecq in La Carte et le territoire, Paris 2010),
- der Teppich, den Helena wie in der Ilias beschrieben in Troja gewebt hatte und der die in der Ilias geschilderten Kriegsszenen darstellte, und
- Aeneas, der in der Aeneis in Karthago Reliefs mit Szenen aus dem trojanischen Krieg sah, unter anderem solchen mit sich selber,
- nochmals die Ilias, die nämlich Odysseus in der Odyssee von dem blinden Rhapsoden der Phäaken vorgetragen hörte,
- la recherche du temps perdu, die sich Marcel, wie eben bereits erwähnt, am Ende von À la recherche du temps perdu anschickte, zu beschreiben,
- der in der Ilias beschriebene Schild des Achilles, der die gesamte Welt darstellte und also eine Art von Proto-Aleph war*, und schließlich
- wir, die wir von dem Autor Hans Köberlin berichten, der die Fragmente unseres Berichts über die seltsamen Abenteuer seines, Hans Köberlins kommentierenden Herausgebers, kommentiert und herausgibt.
»… lisant au livre de lui-même …«**
… wie Borges selber, am Ende von La busca de Averroes, gefühlt hatte, nämlich daß seine Erzählung ein Symbol des Menschen war, der er gewesen war, während er sie geschrieben hatte, und daß er, um diese Erzählung zu schreiben, dieser Mensch habe sein müssen, und um dieser Mensch zu sein, diese Erzählung habe verfassen müssen, und so ad infinitum.
* Vgl. dazu auch vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 491: »… angefangen mit der Abbildung der Welt auf dem von Hephaistos verfertigten Schild des Achilleus bei Homer – wo die Welterschließung in toto noch deskriptiv geschehen konnte, weil die Welt noch überschaubar war; Realismus fände immer an einem gewissen Komplexitätsgrad seine Grenze, wenn er nicht die Komplexität selber als Gegenstand nähme …«
** Stéphane Mallarmé, Hamlet et Fortinbras.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Donnerstag, 11. Juni 2015
Mittwoch, 10. Juni 2015
John Cage, Indeterminacy
[57 / 267]
Hans Köberlin hörte während seines Dauerlaufs tatsächlich John Cages Indeterminacy, er schaffte die ersten beiden Teile und zehn Minuten des dritten Teils, das hieß, daß er in den vergangenen eineinhalb Wochen der großen Dauerlaufstrecke schneller geworden war. In einer dieser Geschichten erzählte Cage (während Hans Köberlin südlich hinter der Hauptstraße Treppenstufen hinunter zum Strand lief) von einem Freund aus der Stadt des Lichts, der seinen alten Ford (wohl so ein Kleinbus, ›Transit‹ oder wie die Dinger geheißen) mit Möbeln und Topfpflanzen zu einem mobilen Wohnzimmer gemacht hatte. Eines Tages dann sei er damit vor einer Hamburgerbude vorgefahren, habe einen roten Teppich ausgerollt, sei darüber in die Bude gegangen, habe einen Hamburger gegessen, habe anschließend den Teppich wieder eingerollt und sei weitergefahren. – Mit dem Hören von John Cages Geschichten, während des Dauerlaufens im Hinterland, vorbei an den beiden Discountern aus Hans Köberlins Herkunftsland, die zu boykottieren er sich entschlossen hatte, und vorbei an dem dazwischen liegenden nach Odysseus benannten Trailerpark und den beiden vereinzelten Hochhäusern im Hinterland, und über die Brücke über das ausgetrocknete Flußbett (wir vergessen immer, wie diese hier häufig vorkommenden ausgetrockneten Flußbetten genannt wurden) am Ende des Hinterlande und am Anfang des Ortes, und vorbei an den beiden Tankstellen und über die Straße, die wegen der sie flankierenden Allee als einzige Avenida des Ortes in Hans Köberlins Imagination die Bezeichnung Avenida verdient hatte und auf deren Zebrastreifen er wegen des hiesigen Fahrstils stets befürchtete, daß ihn hier einmal sein Schicksal ereilen könne …: mit John Cage im Ohr von einem dieser protzigen SUVs, wie man die dämlich nannte, überrollt … – aber das mit der Avenida stimmte nicht ganz: es gab noch die ein oder andere Stelle, die sich ihre Berechtigung aus anderen (Re-)Imaginationen Hans Köberlins holen konnte – und weiter durch den Ort an die Promenade und dann am Meer entlang – mit dem Hören von John Cages Geschichten also sollte es seine besondere Bewandtnis haben, aber dazu später mehr. (…)
[58 / 266]
Auch an diesem Morgen, nachdem er nach Aktualisierung des Filmkalenders ein Still aus Max Ophüls’ Adaption der Stevan-Zweig-Novelle Brief einer Unbekannten goutiert hatte, hörte Hans Köberlin während seines Dauerlaufs Cages Indeterminacy, er begann aber diesmal mit dem zweiten Teil, um mit dem Hören weiter als gestern zu kommen. Das hatte den Nebeneffekt – der Cage bestimmt gefallen hätte –, daß es zu einer Art von Phasenverschiebung betreffs des Hörens bestimmter Geschichten und den Orten des Hörens dieser Geschichten kam, weil Hans Köberlin sich beim jeweiligen Hören an die Orte des vormaligen Hörens erinnerte, die spezifische Rezeptionssituation war ihm ja – was einen bei Hans Köberlin sicher nicht wunderte – Teil der Rezeption. So hörte er zum Beispiel heute die Geschichte von Cages Freund mit dem alten Ford, die er gestern an den Stufen zum Strand südlich hinter der Hauptstraße gehört hatte, bereits auf einer der Straßen im Hinterland. Er hörte die Geschichte also aktuell und simultan, quasi als Echo aus der Vergangenheit … Und er sollte sich fürder, wenn er die Rezeptionsorte auch ohne Cage zu hören passierte, an die Cage-Rezeptionssituation während seines Dauerlaufs erinnern.
In einer anderen Geschichte, die Hans Köberlin diesmal überhört hatte oder die sich im ersten, diesmal nicht gehörten Teil befand (der Erinnerung der Rezeptionssituation nach war der erste Fall, also das Überhören, wahrscheinlicher), ging es um ein Mädchen, das in einer schulischen Situation nie ihre Aufgaben erledigte. Als sie gefragt wurde, warum sie das nicht täte, antwortete sie, sie habe keine Zeit dafür gehabt. Was sie denn glaube, so der Lehrer weiter, wie viele Stunden ein Tag habe? – Na, vierundzwanzig. – Nein, so der Lehrer weiter, der Tag habe so viele Stunden, wie man ihm geben würde. – Da war etwas dran, so Hans Köberlin, aber wie bei allen solchen Geschichten: nur etwas, der Hauch einer Metapher, denn der Tag hatte nun einmal bloß vierundzwanzig Stunden, da biß die Maus keinen Faden ab.
Noch eine andere Geschichte gefiel Hans Köberlin außerordentlich: »Artists talk a lot about freedom«, so Cage, und man gebrauche häufig den Vergleich »free as a bird«, nun, Morton Feldman habe neulich im Park Vögel beobachtet (»our feathered friends«, nannte sie Cage) und sei zu der Einsicht gekommen: »They’re not free: they’re fighting over bits of food«, eine Erfahrung, die Hans Köberlin auch mit den Spatzen und den Tauben und den Möwen auf der Terrasse der ›Tango Bar‹ machte, und er, Hans Köberlin, war auch nicht frei, denn er mußte seine Nüßchen zum Wein gegen seine gefiederten Freunde, die er eher als seine gefiederten Feinde betrachtete, verteidigen (und natürlich sympathisierte er mit dem Taubenvergifter im Park).
Und wenn Cage von einer Einladung zu einem Essen bei einer indischen Freundin erzählte, zu dem außer ihm noch Dr. Suzuki, Gertrude Stein und James Joyce gekommen,* da dachte Hans Köberlin: »Ach …!«
* Da aber hatte Hans Köberlin nicht aufmerksam zugehört …
»An Indian lady invited me to dinner and said Dr. Suzuki would be there. He was. Before dinner I mentioned Gertrude Stein. Suzuki had never heard of her. I described aspects of her work, which he said sounded very interesting. Stimulated, I mentioned James Joyce, whose name was also new to him. At dinner he was unable to eat the curries that were offered, so a few uncooked vegetables and fruits were brought, which he enjoyed. After dinner the talk turned to metaphysical problems, and there were many questions, for the hostess was a follower of a certain Indian yogi and her guests were more or less equally divided between allegiance to Indian thought and to Japanese thought. About eleven o’clock we were out on the street walking along, and an American lady said, ›How is it, Dr. Suzuki? We spend the evening asking you questions and nothing is decided.‹ Dr. Suzuki smiled and said, ›That’s why I love philosophy; no one wins.‹« (Composition as Process; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 41).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Hans Köberlin hörte während seines Dauerlaufs tatsächlich John Cages Indeterminacy, er schaffte die ersten beiden Teile und zehn Minuten des dritten Teils, das hieß, daß er in den vergangenen eineinhalb Wochen der großen Dauerlaufstrecke schneller geworden war. In einer dieser Geschichten erzählte Cage (während Hans Köberlin südlich hinter der Hauptstraße Treppenstufen hinunter zum Strand lief) von einem Freund aus der Stadt des Lichts, der seinen alten Ford (wohl so ein Kleinbus, ›Transit‹ oder wie die Dinger geheißen) mit Möbeln und Topfpflanzen zu einem mobilen Wohnzimmer gemacht hatte. Eines Tages dann sei er damit vor einer Hamburgerbude vorgefahren, habe einen roten Teppich ausgerollt, sei darüber in die Bude gegangen, habe einen Hamburger gegessen, habe anschließend den Teppich wieder eingerollt und sei weitergefahren. – Mit dem Hören von John Cages Geschichten, während des Dauerlaufens im Hinterland, vorbei an den beiden Discountern aus Hans Köberlins Herkunftsland, die zu boykottieren er sich entschlossen hatte, und vorbei an dem dazwischen liegenden nach Odysseus benannten Trailerpark und den beiden vereinzelten Hochhäusern im Hinterland, und über die Brücke über das ausgetrocknete Flußbett (wir vergessen immer, wie diese hier häufig vorkommenden ausgetrockneten Flußbetten genannt wurden) am Ende des Hinterlande und am Anfang des Ortes, und vorbei an den beiden Tankstellen und über die Straße, die wegen der sie flankierenden Allee als einzige Avenida des Ortes in Hans Köberlins Imagination die Bezeichnung Avenida verdient hatte und auf deren Zebrastreifen er wegen des hiesigen Fahrstils stets befürchtete, daß ihn hier einmal sein Schicksal ereilen könne …: mit John Cage im Ohr von einem dieser protzigen SUVs, wie man die dämlich nannte, überrollt … – aber das mit der Avenida stimmte nicht ganz: es gab noch die ein oder andere Stelle, die sich ihre Berechtigung aus anderen (Re-)Imaginationen Hans Köberlins holen konnte – und weiter durch den Ort an die Promenade und dann am Meer entlang – mit dem Hören von John Cages Geschichten also sollte es seine besondere Bewandtnis haben, aber dazu später mehr. (…)
[58 / 266]
Auch an diesem Morgen, nachdem er nach Aktualisierung des Filmkalenders ein Still aus Max Ophüls’ Adaption der Stevan-Zweig-Novelle Brief einer Unbekannten goutiert hatte, hörte Hans Köberlin während seines Dauerlaufs Cages Indeterminacy, er begann aber diesmal mit dem zweiten Teil, um mit dem Hören weiter als gestern zu kommen. Das hatte den Nebeneffekt – der Cage bestimmt gefallen hätte –, daß es zu einer Art von Phasenverschiebung betreffs des Hörens bestimmter Geschichten und den Orten des Hörens dieser Geschichten kam, weil Hans Köberlin sich beim jeweiligen Hören an die Orte des vormaligen Hörens erinnerte, die spezifische Rezeptionssituation war ihm ja – was einen bei Hans Köberlin sicher nicht wunderte – Teil der Rezeption. So hörte er zum Beispiel heute die Geschichte von Cages Freund mit dem alten Ford, die er gestern an den Stufen zum Strand südlich hinter der Hauptstraße gehört hatte, bereits auf einer der Straßen im Hinterland. Er hörte die Geschichte also aktuell und simultan, quasi als Echo aus der Vergangenheit … Und er sollte sich fürder, wenn er die Rezeptionsorte auch ohne Cage zu hören passierte, an die Cage-Rezeptionssituation während seines Dauerlaufs erinnern.
In einer anderen Geschichte, die Hans Köberlin diesmal überhört hatte oder die sich im ersten, diesmal nicht gehörten Teil befand (der Erinnerung der Rezeptionssituation nach war der erste Fall, also das Überhören, wahrscheinlicher), ging es um ein Mädchen, das in einer schulischen Situation nie ihre Aufgaben erledigte. Als sie gefragt wurde, warum sie das nicht täte, antwortete sie, sie habe keine Zeit dafür gehabt. Was sie denn glaube, so der Lehrer weiter, wie viele Stunden ein Tag habe? – Na, vierundzwanzig. – Nein, so der Lehrer weiter, der Tag habe so viele Stunden, wie man ihm geben würde. – Da war etwas dran, so Hans Köberlin, aber wie bei allen solchen Geschichten: nur etwas, der Hauch einer Metapher, denn der Tag hatte nun einmal bloß vierundzwanzig Stunden, da biß die Maus keinen Faden ab.
Noch eine andere Geschichte gefiel Hans Köberlin außerordentlich: »Artists talk a lot about freedom«, so Cage, und man gebrauche häufig den Vergleich »free as a bird«, nun, Morton Feldman habe neulich im Park Vögel beobachtet (»our feathered friends«, nannte sie Cage) und sei zu der Einsicht gekommen: »They’re not free: they’re fighting over bits of food«, eine Erfahrung, die Hans Köberlin auch mit den Spatzen und den Tauben und den Möwen auf der Terrasse der ›Tango Bar‹ machte, und er, Hans Köberlin, war auch nicht frei, denn er mußte seine Nüßchen zum Wein gegen seine gefiederten Freunde, die er eher als seine gefiederten Feinde betrachtete, verteidigen (und natürlich sympathisierte er mit dem Taubenvergifter im Park).
Und wenn Cage von einer Einladung zu einem Essen bei einer indischen Freundin erzählte, zu dem außer ihm noch Dr. Suzuki, Gertrude Stein und James Joyce gekommen,* da dachte Hans Köberlin: »Ach …!«
* Da aber hatte Hans Köberlin nicht aufmerksam zugehört …
»An Indian lady invited me to dinner and said Dr. Suzuki would be there. He was. Before dinner I mentioned Gertrude Stein. Suzuki had never heard of her. I described aspects of her work, which he said sounded very interesting. Stimulated, I mentioned James Joyce, whose name was also new to him. At dinner he was unable to eat the curries that were offered, so a few uncooked vegetables and fruits were brought, which he enjoyed. After dinner the talk turned to metaphysical problems, and there were many questions, for the hostess was a follower of a certain Indian yogi and her guests were more or less equally divided between allegiance to Indian thought and to Japanese thought. About eleven o’clock we were out on the street walking along, and an American lady said, ›How is it, Dr. Suzuki? We spend the evening asking you questions and nothing is decided.‹ Dr. Suzuki smiled and said, ›That’s why I love philosophy; no one wins.‹« (Composition as Process; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 41).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
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Verleser
Anschließend unterlief Hans Köberlin ein Verleser, der ihm sehr gut gefiel: »Cioran hat oft darauf aufmerksam gemacht, daß die charakteristische Regung seines Denkens und Schreibens die Umkehrung eines Fluchs in eine Aufzeichnung gewesen sei«, las er, aber Sloterdijk hatte natürlich geschrieben: »Cioran hat oft darauf aufmerksam gemacht, daß die charakteristische Regung seines Denkens und Schreibens die Umkehrung eines Fluchs in eine Auszeichnung gewesen sei.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).
Statt »Das Denkmal an der Grenze seiner Sprachfähigkeit« (ein Buchtitel) las ich ›Das Denkmal für die Grenze der Sprachfähigkeit‹ und dachte, das sei der Titel eines Kunstwerks.
Hans Blumenberg: »Diese Verlesung (statt ›si fractus illabatur / impavidum ferient ruinae‹ ›sic fratus illabitur …‹) ist die Wunschhandlung eines Theologen, den Konjunktiv des antiken Autors zum eschatologischen Indikativ seiner spezifischen Gewißheit zu machen.«
Verleser bei einem Gedicht von Heinrich Heine: »… klingt das Lied auch nicht ergötzlich, / hat’s mich doch von Arbeit befreit.« Bei Heine steht jedoch: »hat’s mich doch von Angst befreit.«
»Ich korrigiere die Fahnen der Lukian-Auswahl, die ich für Bompiani gemacht habe. In meiner Anmerkung zu Eine wahre Geschichte hatte ich geschrieben: ›Der Homer der Legende ist blind, weil der Tradition zufolge die Muse dem Dichter den Gesang (il canto) gibt und ihm das Augenlicht nimmt.‹ Aber der Setzer hat statt canto (Gesang) conto (Rechnung) gesetzt.«
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Kalauer, S. 187).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).
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Statt »Das Denkmal an der Grenze seiner Sprachfähigkeit« (ein Buchtitel) las ich ›Das Denkmal für die Grenze der Sprachfähigkeit‹ und dachte, das sei der Titel eines Kunstwerks.
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Hans Blumenberg: »Diese Verlesung (statt ›si fractus illabatur / impavidum ferient ruinae‹ ›sic fratus illabitur …‹) ist die Wunschhandlung eines Theologen, den Konjunktiv des antiken Autors zum eschatologischen Indikativ seiner spezifischen Gewißheit zu machen.«
*
Verleser bei einem Gedicht von Heinrich Heine: »… klingt das Lied auch nicht ergötzlich, / hat’s mich doch von Arbeit befreit.« Bei Heine steht jedoch: »hat’s mich doch von Angst befreit.«
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»Ich korrigiere die Fahnen der Lukian-Auswahl, die ich für Bompiani gemacht habe. In meiner Anmerkung zu Eine wahre Geschichte hatte ich geschrieben: ›Der Homer der Legende ist blind, weil der Tradition zufolge die Muse dem Dichter den Gesang (il canto) gibt und ihm das Augenlicht nimmt.‹ Aber der Setzer hat statt canto (Gesang) conto (Rechnung) gesetzt.«
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Kalauer, S. 187).
Und dies ist der 132. Eintrag
(John Cage, Silence. Lecture on Nothing; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 112).
*
This is the first verse
This is the first verse
This is the first verse
This is the first verse …
And this is the chorus
Or perhaps it’s a bridge
Or just another part
of the song that I'm singing
This is the second verse
Or it may the last verse
This is the second verse
Or it may the last one
And this is the chorus
Or perhaps it’s a bridge
Or just another key change …
(Matching Mole, Signed Curtain; Words & Music by Robert Wyatt).
Dienstag, 9. Juni 2015
Das kann einem so passieren
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Montag, 8. Juni 2015
Form und Welt
Was ist die Einheit einer Zweiheit?
(Niklas Luhmann, Die Welt der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 301).
(Niklas Luhmann, Die Welt der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 301).
Samstag, 6. Juni 2015
Jules et Edmond en Rome
Ah! le peuple heureux que ce peuple gai de la gaieté de son ciel, avec ses bonheurs à bon marché, achetant la viande de première qualité, douze baïoques, et le vin rien, pour ainsi dire, et sans la conscription, et sans presque d’impôts, et sans humiliation dans la pauvreté, et sans amertume dans la misère, soulagé qu’il est par tant d’institutions de bienfaisance, et aussi par la main à la poche des un peu moins pauvres que les plus pauvres.
Quand je compare ce peuple aux peuples de progrès et de liberté, marqués au signe de ce sinistre affairement moderne, en lutte avec le budget de chaque jour, massacrés d’impôts, y compris celui du sang, je trouve vraiment que les mots se payent bien cher.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 15. April 1867).
Quand je compare ce peuple aux peuples de progrès et de liberté, marqués au signe de ce sinistre affairement moderne, en lutte avec le budget de chaque jour, massacrés d’impôts, y compris celui du sang, je trouve vraiment que les mots se payent bien cher.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 15. April 1867).
Freitag, 5. Juni 2015
Nöte
Wie gerne hätten wir in Bezug auf Hans Köberlin jene Verse aus Borges’ Sonett über den Chronisten des Ritters von der traurigen Gestalt zitiert …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Contemplaría, hundido el sol, el anchoAllein: wir waren dazu nicht Nachwelt genug.
Campo en que dura un resplandor de cobre;
Se creía acabado, solo y pobre,
Sin saber de qué música era dueño …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Donnerstag, 4. Juni 2015
Mittwoch, 3. Juni 2015
Die Fußnote mit der derzeitigen Nummer 1863
Dies erinnerte uns an den Anfang von John Cages Mesostichon Overpopulation and Art, vorgetragen an der Stanford University in Palo Alto am 28 Januar 1992, einige Monate vor seinem Tod …
Neueren Theorien zufolge soll das nicht stimmen, die Toten sollen immer in der Überzahl sein, was uns aber egal ist.
ab li all at onc equaled the numbe the g became equel to the we are now in the f it is something e | Out 1948 or 50 the number of people Ving E R who had ever lived at any time all added together Present as far as numbers O Past Uture Lse |
Neueren Theorien zufolge soll das nicht stimmen, die Toten sollen immer in der Überzahl sein, was uns aber egal ist.
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Dienstag, 2. Juni 2015
Empirie, 1. Update
¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
* (= die momentane Fußnote 280 auf S. 59) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
- Stand des Manuskripts: S. 774 von ca. 1.800 Seiten
- Stand der Überarbeitung:
- Seiten: S. 681 von ca. 1.800 Seiten
- Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
- Tag der Überarbeitung: Montag, der 10. Februar 2014, der 132. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Fußnoten Stand des Manuskripts: 2159
- Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 1819
- Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
- Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
- Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
- Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen
* (= die momentane Fußnote 280 auf S. 59) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
¡Nada!
Qué importa el tiempo sucesivio si en él
hubo una plenitud, un éxtasis, una tarda.
(Jorge Luis Borges, Pagina para recordar al colonel Suárez, vencedor en Junín; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 10: Die zyklische Nacht, Frankfurt am Main 1993, S. 40; diese Verse befinden sich auch unter den Motti von Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region] des work in progress ¡Hans Koberlin vive!).
hubo una plenitud, un éxtasis, una tarda.
(Jorge Luis Borges, Pagina para recordar al colonel Suárez, vencedor en Junín; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 10: Die zyklische Nacht, Frankfurt am Main 1993, S. 40; diese Verse befinden sich auch unter den Motti von Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region] des work in progress ¡Hans Koberlin vive!).
Eine Sehnsucht geweckt nach etwas, was fehlt, ohne daß man es bisher vermißt hätte
Es dürfte nicht ausreichen, mit diesem Begriff [Fiktionalität] nur die besondere Qualität einer besonderen Art von Texten zu bezeichnen, etwa Texten, denen erlaubt ist, sich nicht nach der bekannten Realität und ihren Wesensformen zu richten, sondern virtuelle Realitäten anderer Art vorzustellen. (…) Auch die sich selbst überlassene, nur auf das ästhetisch Mögliche verwiesene Fiktionalisierung der Literatur gerät mit dem Gott der Leibnizschen Weltordnung in Konflikt. Denn offenbar ist jetzt Fiktionalität, sofern sie ästhetisch gelingt, nicht darauf angewiesen, sich kompossibel in unsere Welt einzufügen. Kann man, so ist zu fragen, diesen Punkt offenlassen? Ist also Fiktionalität nur gelungene Darstellung einer möglichen Ordnung oder muß mehr verlangt werden?
Sieht man genauer zu und zieht man die Geschichte der Ausdifferenzierung von eigenständiger Fiktionalität mit in Betracht, dann handelt es sich gar nicht um die bloße Ausarbeitung irgendeiner virtuellen Realität, sondern, thematisch oder unthematisch, um das Verhältnis von virtueller Realität und realer Realität. Es wird eine fiktionale Ordnung gefunden, damit man von da aus die normale, allen bekannte Wirklichkeit betrachten kann, etwa in ihrer Härte und Unausweichlichkeit oder in ihrer Normalität und Langweiligkeit. Oder es wird eine Sehnsucht geweckt nach etwas, was fehlt, ohne daß man es bisher vermißt hätte.
(Niklas Luhmann, Literatur als fiktionale Realität; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 280f.).
Sieht man genauer zu und zieht man die Geschichte der Ausdifferenzierung von eigenständiger Fiktionalität mit in Betracht, dann handelt es sich gar nicht um die bloße Ausarbeitung irgendeiner virtuellen Realität, sondern, thematisch oder unthematisch, um das Verhältnis von virtueller Realität und realer Realität. Es wird eine fiktionale Ordnung gefunden, damit man von da aus die normale, allen bekannte Wirklichkeit betrachten kann, etwa in ihrer Härte und Unausweichlichkeit oder in ihrer Normalität und Langweiligkeit. Oder es wird eine Sehnsucht geweckt nach etwas, was fehlt, ohne daß man es bisher vermißt hätte.
(Niklas Luhmann, Literatur als fiktionale Realität; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 280f.).
Montag, 1. Juni 2015
So ist es.
Eigentlich begehrt und braucht jeder Mensch seinen besondern Roman. Wie für Griechenland Homers Epos alles war und gab: so ist der Roman das prosaische Epos ihres Lebens, ihrer Vergangenheit und Zukunft.
(Jean Paul, Vorschule der Ästhetik; in: Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt., Bd. 5, S. 482).
(Jean Paul, Vorschule der Ästhetik; in: Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt., Bd. 5, S. 482).
Am Mittwoch, dem 29. August 1979 …
Clemens zuckte bloß mit den Schultern und meinte, man solle sehen, daß man weiter käme und, wie bereits Shakespeare gesagt habe, die Toten ihre Toten begraben lassen. Aber Clemens, meinte P. darauf lachend, das war doch nicht Shakespeare, das war doch Jesus!
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
Samstag, 30. Mai 2015
Zu spät …
Pierre me raconte qu'il est arrivé à quatre heures. Son père [der Zeichner und Graphiker Paul Gavarni, einer der besten Freunde der Gebrüder Goncourt], à son arrivée, resta d'abord immobile. Puis, sous la pression de sa main, il lui dit d'une voix rude:
»Ah! c'est toi, mon garçon.«
Et comme s'il faisait sa dernière et suprême légende:
»Eh bien! voilà mon caractère!«
Pierre lui parla alors de changer de vie, quand il serait sur ses pattes et qu'il faudrait aller à ces pays de soleil dont il revenait:
»Nous parlerons de cela, je ne te dis pas le contraire.«
Ce fut son dernier mot.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 6. Dezember 1866).
»Ah! c'est toi, mon garçon.«
Et comme s'il faisait sa dernière et suprême légende:
»Eh bien! voilà mon caractère!«
Pierre lui parla alors de changer de vie, quand il serait sur ses pattes et qu'il faudrait aller à ces pays de soleil dont il revenait:
»Nous parlerons de cela, je ne te dis pas le contraire.«
Ce fut son dernier mot.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 6. Dezember 1866).
Mittwoch, 27. Mai 2015
Eine Topographie der Träume
Der geniale Jorge Luis Borges hatte im Vorwort zu seinem Libro de sueños die These aufgestellt (und sie als gefährlich attraktiv bezeichnet), daß Träume die älteste und komplexeste literarische Gattung seien. Clemens dachte darüber nach und fragte sich, ob diese These nur für Träume gelte, die man als Träume erlebe und in der wachen Erinnerung als Träume rezipiere, oder auch für die Träume, die man nicht für Träume sondern für himmlische oder sonstige Einflüsterungen halte. Man mußte das wohl unterscheiden, wie Borges die Träume der Nacht von den Träumen des Tages, die er als eine absichtliche Übung unseres Geistes betrachtete, unterschieden haben wollte, wobei dann Arno Schmidt bekanntermaßen die Träume des Tages von der absichtlichen Übung des Geistes unterschieden und letzteres als »längeres Gedankenspiel« beschrieben hatte. Eine andere Unterscheidung, die Borges dort anführte, war die zwischen trügerischen und der prophetischen, wobei er – und da ging Clemens, nicht zuletzt wegen des mit Lindsay Erlebten – mit Borges d’accord, wenn der die prophetischen als weniger wertvoll bezeichnete.
Borges machte ihn in seinem Vorwort auch auf einen Umstand aufmerksam, der Clemens sofort einleuchtete: die Eiländer jenseits des Kanals bezeichneten die ›Albträume‹ als ›Nachtstuten‹.
Und noch ein Fundstück aus dem Vorwort (wir müssen aufpassen, daß wir nicht das ganze Buch abschreiben) gab Clemens zu denken: Coleridge habe geschrieben, so Borges, daß im Wachen die Bilder Empfindungen inspirierten, während im Traum die Empfindungen die Bilder inspirierten. Sein Beispiel war der Tiger, der im Wachen Angst bereite, wobei aber die Angst im Traum den Tiger inspiriere. Es müsse aber nicht per se etwas Angstmachendes oder Grauenerregendes sein, es gäbe keine einzige Form im Weltall, die sich nicht vom Grauen verseuchen ließe. Auch hier sprach Borges Clemens aus dem Herzen, und Clemens ergänzte für sich, die Nachtstuten bedenkend: selbst der liebste Mensch, der ja bei Clemens stets weiblichen Geschlechts sein sollte.
(aus: Telos, Berlin 2013, S. 165f.).
Borges machte ihn in seinem Vorwort auch auf einen Umstand aufmerksam, der Clemens sofort einleuchtete: die Eiländer jenseits des Kanals bezeichneten die ›Albträume‹ als ›Nachtstuten‹.
Und noch ein Fundstück aus dem Vorwort (wir müssen aufpassen, daß wir nicht das ganze Buch abschreiben) gab Clemens zu denken: Coleridge habe geschrieben, so Borges, daß im Wachen die Bilder Empfindungen inspirierten, während im Traum die Empfindungen die Bilder inspirierten. Sein Beispiel war der Tiger, der im Wachen Angst bereite, wobei aber die Angst im Traum den Tiger inspiriere. Es müsse aber nicht per se etwas Angstmachendes oder Grauenerregendes sein, es gäbe keine einzige Form im Weltall, die sich nicht vom Grauen verseuchen ließe. Auch hier sprach Borges Clemens aus dem Herzen, und Clemens ergänzte für sich, die Nachtstuten bedenkend: selbst der liebste Mensch, der ja bei Clemens stets weiblichen Geschlechts sein sollte.
(aus: Telos, Berlin 2013, S. 165f.).
Dienstag, 26. Mai 2015
Wald
Cuentan que Ulises, harto de prodigios,
Lloró de amor al divisar su Itaca
Verde y humilde. El arte es esa Itaca
De verde eternidad, no de prodigios.
(Jorge Luis Borges, Arte poética; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 125).
Lloró de amor al divisar su Itaca
Verde y humilde. El arte es esa Itaca
De verde eternidad, no de prodigios.
(Jorge Luis Borges, Arte poética; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 125).
Samstag, 23. Mai 2015
Fisch ist gut fürs Hirn!
Tout être, homme ou femme, qui aime le poisson, a des goûts délicats.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 24. September 1866).
Clemens blickte auf das Gebäude: die unteren Fenster waren sämtlich erleuchtet, Gardinen verwehrten jedoch den Einblick. Im ersten Stockwerk waren nur zwei Fenster hell, sonst war alles dunkel. Das gelblichgrünliche Licht, das Clemens von der Grünanlage aus gesehen hatte, kam von einem gelben Schild, darauf zu sehen das Wappen einer lokalen Brauerei mit dem Namen des Gebräus nach pilsener Art, darunter in grün der Name des Etablissements: Motel-Pension Rieselblick. Was alles Böses gegen das Bier bei Philosophen gesagt werde, so wie immer treffend Jean Paul, gelte nicht bei ihm.
Nun, dachte Clemens, zauderte einen Moment, dann schritt er schräg über den Parkplatz auf die Tür unter dem Schild zu. Neben der Tür war eine Reklame angebracht, die dazu aufforderte, mehr Fisch zu essen, denn Fisch sei gut fürs Hirn, angebracht von der Fischpacht und Fischräucherei Umschlag. Gut fürs Hirn und gut auch für … ergänzte Clemens bei sich. Die ersten Walfänger hielten den sogenannten Walrat, den sie im Kopf des Pottwales fanden, für dessen Sperma und nannten ihn dementsprechend Sperm Whale. Ja, das mimetische Vermögen … Analogien allen Orts …
Clemens drückte die Klinke herunter und trat ein.
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 24. September 1866).
Clemens blickte auf das Gebäude: die unteren Fenster waren sämtlich erleuchtet, Gardinen verwehrten jedoch den Einblick. Im ersten Stockwerk waren nur zwei Fenster hell, sonst war alles dunkel. Das gelblichgrünliche Licht, das Clemens von der Grünanlage aus gesehen hatte, kam von einem gelben Schild, darauf zu sehen das Wappen einer lokalen Brauerei mit dem Namen des Gebräus nach pilsener Art, darunter in grün der Name des Etablissements: Motel-Pension Rieselblick. Was alles Böses gegen das Bier bei Philosophen gesagt werde, so wie immer treffend Jean Paul, gelte nicht bei ihm.
Nun, dachte Clemens, zauderte einen Moment, dann schritt er schräg über den Parkplatz auf die Tür unter dem Schild zu. Neben der Tür war eine Reklame angebracht, die dazu aufforderte, mehr Fisch zu essen, denn Fisch sei gut fürs Hirn, angebracht von der Fischpacht und Fischräucherei Umschlag. Gut fürs Hirn und gut auch für … ergänzte Clemens bei sich. Die ersten Walfänger hielten den sogenannten Walrat, den sie im Kopf des Pottwales fanden, für dessen Sperma und nannten ihn dementsprechend Sperm Whale. Ja, das mimetische Vermögen … Analogien allen Orts …
Clemens drückte die Klinke herunter und trat ein.
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
Freitag, 22. Mai 2015
Warum nicht?
Ist womöglich das Genie, das heißt der höchste Ausdruck, das nec plus ultra der intellektuellen Aktivität ledigliche eine Neurose? Warum nicht?
(Jacques-Joseph Moreau, La Psychologie Morbide Dans Ses Rapports Avec La Philosophie de L'Histoire, Ou de L'Influence Des Nevropathies Sur Le Dynamisme Intellectuel, Paris 1859).
(Jacques-Joseph Moreau, La Psychologie Morbide Dans Ses Rapports Avec La Philosophie de L'Histoire, Ou de L'Influence Des Nevropathies Sur Le Dynamisme Intellectuel, Paris 1859).
Mittwoch, 20. Mai 2015
Noch zwei signifikante Monatskalenderblätter
[1 / 323]
Der auf drei Tage angelegte Transfer von der Hauptstadt in das zweite Exil des Hans Köberlin an der weißen Küste des Landes des Ritters von der traurigen Gestalt und in dem Land des genialen Luis Buñuel, an jener Küste (allerdings etwas südlicher als die wilde lag die weiße), an welcher auch der nicht minder geniale Roberto Bolaño sein Exil verbracht, startete –
»¡Ándale, ándale!«
– also am frühen Morgen des Mittwochs, des 2. Oktobers 2013 (da war Hans Köberlin genau 53½ Jahre alt), und er, der Transfer, startete vor dem Haus, in dem die Frau lebte, im Bezirk des Hauptmanns, nachdem man am Abend zuvor mit Hilfe des Verlegers und des Busenfreundes den Teil von Hans Köberlins verbliebener Habe, den er mitnehmen wollte (den Rest hatte er auf dem Gutshof des Verlegers südwestlich der Hauptstadt abstellen können), als da waren …
»¡Ándale, ándale!«
[324 / 0]
Am Donnerstag, dem 21. August 2014 … und vor dem ersten Einschlafen hier, wieder zurück: dahin kommen, überall gut leben zu können.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013, und Kapitel XXIII [Transfer retour], 13. bis 21. August 2014).
Der auf drei Tage angelegte Transfer von der Hauptstadt in das zweite Exil des Hans Köberlin an der weißen Küste des Landes des Ritters von der traurigen Gestalt und in dem Land des genialen Luis Buñuel, an jener Küste (allerdings etwas südlicher als die wilde lag die weiße), an welcher auch der nicht minder geniale Roberto Bolaño sein Exil verbracht, startete –
»¡Ándale, ándale!«
– also am frühen Morgen des Mittwochs, des 2. Oktobers 2013 (da war Hans Köberlin genau 53½ Jahre alt), und er, der Transfer, startete vor dem Haus, in dem die Frau lebte, im Bezirk des Hauptmanns, nachdem man am Abend zuvor mit Hilfe des Verlegers und des Busenfreundes den Teil von Hans Köberlins verbliebener Habe, den er mitnehmen wollte (den Rest hatte er auf dem Gutshof des Verlegers südwestlich der Hauptstadt abstellen können), als da waren …
- fünf mittelgroße Kisten mit den Ende Mai nach einer wegen der Beschränkung mühsamen Auswahl zusammengestellten Bänden der von Hans Köberlin so bezeichneten ›Basisbibliothek‹,
- eine große lederne Reisetasche, einen großen Rucksack und zwei blaue Plastiksäcke mit Hans Köberlins – abgesehen von einer Winterjacke, einem Wollschal und drei Paar langen Unterhosen – sämtlicher verbliebener Kleidung,
- eine kleine lederne Reisetasche und einen kleinen von der Frau ausgemusterten Rucksack mit diversen Dingen (vor allem mit Computerzubehör und den zum Schnorcheln benötigten Utensilien),
- eine Umhängetasche mit dem kleinen Laptop mit der klemmenden I-Taste, Unterwäsche zum Wechseln während des Transfers und Waschzeug sowie unverpackt an geeigneten Stellen im Auto verstaut
- der eigens für das Exil gekaufte große Laptop, ein Scanner und ein Drucker,
»¡Ándale, ándale!«
[324 / 0]
Am Donnerstag, dem 21. August 2014 … und vor dem ersten Einschlafen hier, wieder zurück: dahin kommen, überall gut leben zu können.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013, und Kapitel XXIII [Transfer retour], 13. bis 21. August 2014).
Dienstag, 19. Mai 2015
Montag, 18. Mai 2015
Freitag, 15. Mai 2015
Donnerstag, 14. Mai 2015
Ein Beispiel von heroischer Melancholie
Nadie rebaje a lágrima o reproche
Esta declaración de la maestría
De Dios, que con magnífica ironía
Me dio a la vez los libros y la noche.
(Jorge Luis Borges, Poema de los dones; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 48).
Esta declaración de la maestría
De Dios, que con magnífica ironía
Me dio a la vez los libros y la noche.
(Jorge Luis Borges, Poema de los dones; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 48).
… candy colored clown they call the sandman …
In den Träumen (schreibt Coleridge) stellen die Bilder jene Eindrücke dar, die sie nach unserer Meinung nach hervorrufen; wir fühlen kein Grauen, weil uns eine Sphinx bedrückt, sondern wir träumen eine Sphinx, um das Gauen zu erklären, das wir empfinden.
(Jorge Luis Borges, Ragnarök; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 43).
Im Traum waren die Städte und die Landschaften im oben erwähnten Sinne Borges’ stets Emotionen. Die Sehnsucht, per definitionem auf das Unerreichbare gerichtet (die im Erreichbaren erfüllte Sehnsucht hatte sich ihm stets als Fata Morgana erwiesen), fand in den Träumen ihr Erreichbares in den Traumstädten und Traumlandschaften, ohne daß es da unbedingt gemütlich zugegangen wäre. Aber es waren der Immanenz des Clemens Limbularius’ ideale Himmel und Höllen.
(…)
Einer der wenigen überlieferten Aufzeichnungen Clemens Limbularius’: »Sonntag, den 6.: Träumte vor dem Aufwachen einen Satz: ›Und dann waren sie still und die Dunkelheit konnte hereinkommen.‹ Als ich merkte, daß der Satz von mir war, freute ich mich.«
Hebbel notierte am 29. November 1858 als Grabschrift für eine ehemalige Gönnerin folgendes Distichon in sein Tagebuch:
(aus: Telos, Berlin 2013, S. 168ff.).
(Jorge Luis Borges, Ragnarök; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 43).
Im Traum waren die Städte und die Landschaften im oben erwähnten Sinne Borges’ stets Emotionen. Die Sehnsucht, per definitionem auf das Unerreichbare gerichtet (die im Erreichbaren erfüllte Sehnsucht hatte sich ihm stets als Fata Morgana erwiesen), fand in den Träumen ihr Erreichbares in den Traumstädten und Traumlandschaften, ohne daß es da unbedingt gemütlich zugegangen wäre. Aber es waren der Immanenz des Clemens Limbularius’ ideale Himmel und Höllen.
(…)
Einer der wenigen überlieferten Aufzeichnungen Clemens Limbularius’: »Sonntag, den 6.: Träumte vor dem Aufwachen einen Satz: ›Und dann waren sie still und die Dunkelheit konnte hereinkommen.‹ Als ich merkte, daß der Satz von mir war, freute ich mich.«
Hebbel notierte am 29. November 1858 als Grabschrift für eine ehemalige Gönnerin folgendes Distichon in sein Tagebuch:
Wie von den einzelnen Mühen und Lasten des Lebens im Schlummer,
Ruht sie vom Leben selbst endlich im Tode sich aus.
(aus: Telos, Berlin 2013, S. 168ff.).
Seinsweisen
»אֶהְיֶה אֲשֶר אֶהְיֶה« (Exodus 3.14).
»I am not what I am.« (Iago in Shakespeares The Tragedy of Othello, the Moor of Venice, Act I, Scene I).
»I yam what I yam, an’ tha’s all I yam.« (Popeye the Sailor).
»I am not what I am.« (Iago in Shakespeares The Tragedy of Othello, the Moor of Venice, Act I, Scene I).
»I yam what I yam, an’ tha’s all I yam.« (Popeye the Sailor).
Mittwoch, 13. Mai 2015
Dienstag, 12. Mai 2015
Das Universalbild
Die Referentin begann also mit dem Referat von Hans Köberlins Beschreibung einer geplanten aber – wen wunderts? – nie realisierten Installation mit dem Titel Das Universalbild. Diese Installation, so ging aus dem Text hervor, war inspiriert von Borges’ Erzählungen La biblioteca de Babel, El libro de arena und El aleph, wobei La biblioteca de Babel, wie sicher alle wüßten, wiederum in der Tradition von Leibniz stehe und vielleicht sogar von der Erzählung Die Universalbibliothek des preußischen Gymnasiallehrers und Kantianers Kurd Laßwitz inspiriert sei, Hans Köberlin jedenfalls habe sich bei Laßwitz die Anregung für seinen Titel geholt. Weiter erfuhr man, daß Hans Köberlin bei seiner Installation von einem Monitor mit einer bestimmten, der Einfachheit halber nicht allzu hohen Auflösung, sagen wir einmal sechshundertvierzig mal vierhundertachtzig, ausgegangen war, das ergaben dreihundertsiebentausendzweihundert Pixel. Ging man außerdem von zweihundertsechsundfünfzig RGB-Farben aus, so kam man per Kombinatorik zu einer sehr, sehr großen, aber endlichen (Ausrufungszeichen) Zahl von Möglichkeiten der Farbanordnung auf den dreihundertsiebentausendzweihundert Pixeln, jener sehr großen aber endlichen Zahl, die nach Hans Köberlin nichts anderes angab als die Zahl aller möglichen Bilder überhaupt, aller vergangenen und aller künftigen Bilder (…), sowohl aller – nennen wir sie einmal so – natürlichen Bilder, die alle jemals lebenden Menschen sahen und sehen werden, wenn sie irgendwohin schauen, als auch aller künstlichen Bilder in allen Phasen ihrer Entstehung und ihres Verfalls, von der Mona Lisa bis zu dem Beweisphoto eines Auffahrunfalls in einer Vorstadt mit Bürogebäuden, alle Bilder, seien sie nun gerahmt oder die bewegten Einzelbilder der Kinematographie (die gefilmten Fresken, die in Fellinis Roma in der Untergrundbahnbaustelle durch ihre Rezeption verschwinden), Bilder aus allen Perspektiven (die Camera obscura, die Clemens auf dem vatikanischen Deckengemälde gesehen hatte), den möglichen wie den unmöglichen (die Vogelperspektive bei Hitchcock), sofern sie bloß abbildbar waren. Und gäbe es einen Beobachter, der älter als die Welt werden könne, dann, so die Referentin, würde er mit Erstaunen – vielleicht – feststellen, daß es länger als das Bestehen der Welt brauchte, um Hans Köberlins Installation bis an das Ende eines vollen Durchlaufs zu betrachten, weil die Dauer der Welt ja bloß den Ablauf der realen Bilder ausmachte.
Ein Tuscheln ging durch den Raum, die Leute fragten sich, ob das logisch richtig war oder ob man ihnen einen Bären aufband.
Hans Köberlin, so die Kunsthistorikerin weiter, habe den Monitor irgendwo aufstellen und dann mit einem weißen Bildschirm als erstem Bild beginnen wollen, dann wäre die Kombinatorik in Gang gekommen, allerdings nicht systematisch mit einem Pixel links oben in der Ecke auf dem zweiten Bild et cetera, sondern zufallsgeneriert, damit es nicht die nächsten hunderttausend Jahre allzu langweilig werden würde, zufallsgeneriert aber ohne Wiederholung einer bereits aufgetauchten Kombination von Pixeln, denn man wollte ja irgendwann zu einem Ende kommen, das war ja die Pointe dieses Projekts. Und was man während ihrer Einführung im Hintergrund gesehen habe (sie blickte kurz hinter sich) und jetzt noch sehe sei der Versuch (man hörte die Ironie in ihrer Stimme), einen Ausschnitt aus diesem Projekt zu rekonstruieren.
Soviel dazu.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 488ff.).
Ein Tuscheln ging durch den Raum, die Leute fragten sich, ob das logisch richtig war oder ob man ihnen einen Bären aufband.
Hans Köberlin, so die Kunsthistorikerin weiter, habe den Monitor irgendwo aufstellen und dann mit einem weißen Bildschirm als erstem Bild beginnen wollen, dann wäre die Kombinatorik in Gang gekommen, allerdings nicht systematisch mit einem Pixel links oben in der Ecke auf dem zweiten Bild et cetera, sondern zufallsgeneriert, damit es nicht die nächsten hunderttausend Jahre allzu langweilig werden würde, zufallsgeneriert aber ohne Wiederholung einer bereits aufgetauchten Kombination von Pixeln, denn man wollte ja irgendwann zu einem Ende kommen, das war ja die Pointe dieses Projekts. Und was man während ihrer Einführung im Hintergrund gesehen habe (sie blickte kurz hinter sich) und jetzt noch sehe sei der Versuch (man hörte die Ironie in ihrer Stimme), einen Ausschnitt aus diesem Projekt zu rekonstruieren.
Soviel dazu.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 488ff.).
Montag, 11. Mai 2015
5. Februar 1866
Der Norden schenkt sich den Rausch ein, der Süden atmet ihn: es gibt Länder, wo man den Himmel trinkt.
(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 325).
(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 325).
Sonntag, 10. Mai 2015
home is where my heart is …
Später ging man schwimmen und entdeckte die ›Tango Bar‹, die sich mit der Zeit – wir werden darüber berichten – zur Institution im Leben des Hans Köberlin hier entwickeln sollte, noch institutioneller als das »chez Magny« der Gebrüder Goncourt,* und der emblematische Blick würde der Blick von der Bar auf das Meer werden, mit einer Bank und einer Laterne auf der Promenade als strukturierende Akzente. Und wenn man nach rechts schaute, dann sah man den Peñón de Ifach hinter Palmen … Wild Palms … und Hans Köberlin mußte an Faulkner denken und mit einem leichten Schmerz im Gemüth an die Umstände seiner Faulknerlektüre. Man bestellte una cerveza con limón (die Frau) und una cerveza (Hans Köberlin), küßte sich, scherzte, vergaß die Zeit und den Tag (den letzten) und sah dem Treiben am Strand und auf der Promenade zu.
* Samedi 22 novembre [1862]. – Gavarni a organisé avec Sainte-Beuve un dîner qui doit avoir lieu deux fois par mois. C’est aujourd’hui l’inauguration de cette réunion et le premier dîner chez Magny, où Sainte-Beuve a ses habitudes. Nous ne sommes aujourd’hui que Gavarni, Sainte-Beuve, Veyne, de Chennevières et nous, mais le dîner doit s’élargir et compter d’autres convives. (Vgl. – mit einem etwas anderen Wortlaut – Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 417).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
* Samedi 22 novembre [1862]. – Gavarni a organisé avec Sainte-Beuve un dîner qui doit avoir lieu deux fois par mois. C’est aujourd’hui l’inauguration de cette réunion et le premier dîner chez Magny, où Sainte-Beuve a ses habitudes. Nous ne sommes aujourd’hui que Gavarni, Sainte-Beuve, Veyne, de Chennevières et nous, mais le dîner doit s’élargir et compter d’autres convives. (Vgl. – mit einem etwas anderen Wortlaut – Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 417).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Samstag, 9. Mai 2015
Der Beginn eines großen Abenteuers
Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose ‘Ndrja Cambrìa, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.
(Stefano D’Arrigo, Horcynus Orca, aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn, Frankfurt am Main 2015, S. 11).
(Stefano D’Arrigo, Horcynus Orca, aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn, Frankfurt am Main 2015, S. 11).
Donnerstag, 7. Mai 2015
Kein Grund zur Eile, oder?
Heute nach dem Frühstück las ich bei Kierkegaard dort weiter, wo ich vor ein paar Tagen aufgehört hatte, und las:
»Vielleicht wäre die Sache mir besser geraten, wenn ich noch etwas gewartet hätte – jedenfalls habe ich nicht darum geeilt, weil ich besorgte, ein besserer Kenner könnte mir zuvorkommen; nein, sondern weil ich fürchtete, daß, wenn ich schwiege, die Steine anheben würden.« (Søren Kierkegaard, Die unmittelbar-erotischen Stadien oder das Musikalisch-Erotische; in: Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Leipzig 1885, S. 74).
Eben dann, kurz nach Mittag, las ich bei Pessoa dort weiter, wo ich gestern aufgehört hatte, und las:
»Nach uns allen kommt die Sintflut, aber erst nach uns allen. Wohl denen, die erkennen, daß alles Fiktion ist, und ihren Roman schreiben, bevor ihn ein anderer für sie schreibt.« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.103).
Ein zweifacher Appell …: in dem Bewußtsein, daß weder die Steine anheben werden noch ein anderer meinen Roman schreiben wird, lasse ich mir die Zeit, die ich brauche, und zur Not bleibt noch die Gattung ›Fragment‹ …
»Vielleicht wäre die Sache mir besser geraten, wenn ich noch etwas gewartet hätte – jedenfalls habe ich nicht darum geeilt, weil ich besorgte, ein besserer Kenner könnte mir zuvorkommen; nein, sondern weil ich fürchtete, daß, wenn ich schwiege, die Steine anheben würden.« (Søren Kierkegaard, Die unmittelbar-erotischen Stadien oder das Musikalisch-Erotische; in: Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Leipzig 1885, S. 74).
Eben dann, kurz nach Mittag, las ich bei Pessoa dort weiter, wo ich gestern aufgehört hatte, und las:
»Nach uns allen kommt die Sintflut, aber erst nach uns allen. Wohl denen, die erkennen, daß alles Fiktion ist, und ihren Roman schreiben, bevor ihn ein anderer für sie schreibt.« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.103).
Ein zweifacher Appell …: in dem Bewußtsein, daß weder die Steine anheben werden noch ein anderer meinen Roman schreiben wird, lasse ich mir die Zeit, die ich brauche, und zur Not bleibt noch die Gattung ›Fragment‹ …
Mittwoch, 6. Mai 2015
Noch ein Alibi
Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 260 und 261 von Niklas Luhmanns Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, genauer: in dem Text 9. Die Evolution des Kunstsystems, erfuhr, habe ich für den Freitag, den 7. Februar 2014, 14:46 Uhr, ein Alibi (das zweite an einem Tag gefundene, siehe: Ein Alibi). Damals nämlich löste ich in einer Tram einen Einzelfahrausweis, Regeltarif für den Tarifbereich Berlin AB.
Symmetrie
Über seine Erinnerung grinsend sah Clemens ein symmetrisches Doppelhaus. Jede Symmetrie ist eine Lüge, dachte Clemens, weil es ja zwei nur quasiidentische weil spiegelverkehrte Teile sind, Borges hatte irgendwo von unnützen Symmetrien und manischen Wiederholungen gesprochen. Das Drama der zwei, die zusammen sind, ist: sie gehen entweder in einem auf oder zerfasern sich im Unendlichen. Außerdem, wie Blumenberg richtig bemerkt hatte, gab es da eine grundlegende Asymmetrie in allem Sein überhaupt, nämlich der Rest, der in dem voranfänglich symmetrischen Verhältnis von Materie und Antimaterie am Anfang von allem dann von der Materie übrig geblieben war und der eben ausmachte, daß da etwas war und nicht nichts, siehe auch Althusser, Materialismus der Begegnung, wobei es bei dem eine Aberration und keine Asymmetrie war. Jedenfalls: das war eine gute Grundlage für einen gesunden Nihilismus … hm, aber wohl auch nicht, denn man mußte ja dem Gerede von Materie und Antimaterie und Asymmetrie und Aberration glauben. Ich glaube an den Nihilismus – was für ein Satz! Über die Frage, warum etwas war und nicht nichts war, darüber machte Clemens sich keine wirklichen Gedanken. Der Überschuß an Materie, aus der nach diesen Theorien alles kam, war natürlich kein Anfang, denn irgendwoher mußte diese Asymmetrie oder Aberration ja gekommen sein und irgendwoher mußte die Materie und die Antimaterie oder die Homogenität, von der abgewichen wurde, ja gekommen sein, daß sie in einem asymmetrischen oder aberrierten Verhältnis zueinander stehen konnten, Hennen und Eier das alles … Man konnte sich da nur noch unter Nichtberücksichtigung der Details entscheiden zwischen der Annahme eines selbstreflexiven Anfangs oder der Annahme eines Zufalls als Auslöser der Asymmetrie oder der Aberration innerhalb der Ewigkeit. Clemens votierte bei dieser Frage ganz klar für den Zufall. Analoges nahm er für das Ende von allem an, oder, je nach Gusto, für den großen Neuanfang, aber das, das Ende, kümmerte ihn noch weniger als der Anfang, weil er ja da nicht mehr sein würde, das würde nicht mehr sein, was den Clemens ausmachte, nur noch eine Handvoll verstreuter indifferenter Mineralien und Salze (per un pugno di salini … und Clemens pfiff vor sich hin, Camel Filters …). In gewisser Weise, so dachte er sich, trug er die Zeit von irgendeinem zufälligen Anfang, den er annahm, bis zu seiner Geburt als Erbe mit sich herum, ein restaristotelisches Denken war das wohl, aber relevant wurde es für ihn mit der Welt erst von dem Moment an, in dem er da war, ob pränatal oder erst nach der Geburt, auch die Frage war ihm zweitrangig.
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird; siehe auch Asymmetrie).
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird; siehe auch Asymmetrie).
Ein Alibi
Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 164 und 165 von Jorge Luis Borges’ Einhorn, Sphinx und Salamander, auf denen sich der Artikel Die Achtfache Schlange befindet, erfuhr, habe ich für den 23. Dezember 1994, 9:59 Uhr, ein Alibi. Damals kaufte ich nämlich für 16,90 DM in der Buchhandlung Schmitt & Hahn im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main den 8. Band von Borges’ Werken in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1992.
Dienstag, 5. Mai 2015
Die Nichtexistenz der Tiefe
Ich entdeckte die Nichtexistenz der Tiefe. Was uns an die Existenz der Tiefe glauben läßt, ist lediglich der Abstand, der sich zwischen uns und ›eine‹ Oberfläche schiebt. Zwischen uns und der ›Tiefe‹ ist nur eine Abfolge von ›Oberflächen‹. Auch die ›Tiefe‹ ist eine ›Oberfläche‹.
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Der Deutsche und Europa, S. 88; in diesem Artikel gibt es auch wunderbare Passagen gegen jeglichen Nationalismus und Patriotismus).
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Der Deutsche und Europa, S. 88; in diesem Artikel gibt es auch wunderbare Passagen gegen jeglichen Nationalismus und Patriotismus).
Sonntag, 3. Mai 2015
Übergänge
Rien de déchirant comme ce suprême sourire d’un homme qui commence à être un mort.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 26. September 1865).
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 26. September 1865).
Donnerstag, 30. April 2015
Satori
Denn niemand ist da, der etwas gewahr wird, noch ist etwas vorhanden, das zum Gegenstand des Gewahrwerdens wird. Trotzdem gib es deutlich einen Zustand des Gewahrseins.
(Deisetz Teitaro Suzuki, Leben aus Zen. Mit einer Einführung in die Texte von Wei-Lang (Hui-neng), Frankfurt am Main 1982, S. 91).
(Deisetz Teitaro Suzuki, Leben aus Zen. Mit einer Einführung in die Texte von Wei-Lang (Hui-neng), Frankfurt am Main 1982, S. 91).
Dienstag, 28. April 2015
Bernardo Soares super grammaticam
Will ich sagen, daß ich existiere, werde ich sagen: »Ich bin.« Will ich sagen, daß ich als einzelne Seele existiere, werde ich sagen: »Ich bin ich.« Will ich aber sagen, daß ich als Wesenheit existiere, die sich an sich selbst richtet und sich selbst gestaltet und der göttlichen Aufgabe des Sich-selbst-Erschaffens nachkommt, wie könnte ich da das Verb »sein« anders verwenden als auf der Stelle transitiv! Dann werde ich triumphierend und über alle Grammatikregeln erhaben sagen: »Ich bin mich.«
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 96; Pessoas Hauptwerk hat übrigens auch Kommissarin Eva Saalfeld in dem grottenschlechten Tatort vom vergangenen Sonntag gelesen).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 96; Pessoas Hauptwerk hat übrigens auch Kommissarin Eva Saalfeld in dem grottenschlechten Tatort vom vergangenen Sonntag gelesen).
Hans Köberlin und die Musik #4 und Beschluß
Aber jetzt zu den Anfängen der bewußten Musikrezeption Hans Köberlins, noch nicht als guter Zuhörer, aber auf dem Weg dorthin, mit dem ersten Radiorecorder von Philips, BASF Cassetten, C120, den entsprechenden Bandsalat reparierte man selber mit Tesafilm, hier ergaben sich Stellen, die man – die Macht der Gewohnheit – nie mehr unverstümmelt hören konnte, zu Zeiten des Glamrocks (man hörte nun von T. Rex Children of the Revolution) und der sogenannten Oldies, als was man damals die Musik von den Anfängen des Rock’n’Roll über die Musik der Beatles und der frühen Rolling Stones bis zu der Musik der Zeit von Woodstock bezeichnete (man hörte – nicht von dem Festival – Jimi Hendrix’ Version von Bob Dylans All along the Watchtower), und eingeschlossen in das Glitternde und Glitzernde auf der einen und das Expressive, nach Authentizität Lechzende auf der anderen Seite, eingeschlossen wie eine Perle in einer Auster, also wenn einer das Prädikat progressiv verdient habe, dann CAN (man hörte – natürlich – Spoon), auch denen sei Köberlin sein Leben lang treu geblieben. Dann der sogenannte Artrock, unter deren Bands aber bloß Pink Floyd (man hörte Whish you where here) und King Crimson übergeblieben wären, dann ein kurzer Abstecher zu Bands aus den USA, wie etwa den Allman Brothers, Hot Tuna und Grateful Dead (es gab eine Sequenz aus Dark Star), wobei Hans Köberlin letzteren gleichfalls treu blieb, die Doors (man hörte Love Street) nähmen hier eine Sonderstellung ein, denn mit denen sei er damals in die Welt gezogen, hier läge allerdings wegen Köberlins modifiziertem Verhältnis zu Drogen eine partielle Untreue vor, und dann – endlich! – dann käme die Entdeckung des Jazz (hier kam prompt Miles Davis, der Anfang von Pharaoh’s Dance) sowie die Entdeckung Frank Zappas, Kevin Coynes, der Canterbury Szene (Robert Wyatt, Kevin Ayers, Daevid Allen et cetera) und schließlich die Entdeckung Fred Frith’ sowie die der New York Downtownszene um den genialen Saxophonisten John Zorn (hier kam – nicht ganz repräsentativ für seinen Stil, aber was hätte das bei der Vielfalt auch sein sollen?! – John Zorns Interpretation von Ennio Morricones The Sicilian Clan von dem ersten Naked City Album, und Clemens und der Verleger – zwei Deppen und ein Gedanke – nannten Emilia den Titel, die jedoch Film sowie Soundtrack selber kannte) und schließlich die Entdeckung der zeitgenössischen Musik, etwa Stockhausen, Holliger, Xenakis und Goebbels. Dazwischen habe es immer Einschübe der sogenannten klassischen Musik gegeben, hier vor allem Bach – hier mußte natürlich der Name Glenn Gould fallen –, die Kammermusik der ersten wiener Schule, die drei großen Opern von Mozart und da Ponto (man hörte Leporellos Listenarie), dann natürlich das fin de siècle, das Klavierwerk Eric Saties und die Symphonien Mahlers.
Dann zog der Referent einige Schlüsse über die Entwicklung von Köberlins Hörgewohnheiten und seinem Musikverständnis, etwa sein heikler Umgang mit dem Pathos, die Rolle des Rhythmus’, Köberlins Aneignungsmethode von extrem komplexer neuer Musik (mittels Verknüpfung mit den diversen Rezeptionssituationen), seinen musikalischen Stimmungen, idiosynkratischen Reaktionen (Der letzte Trottel kann einem die beste Musik vergällen!) und dem, Zitat Köberlin: permanenten Soundtrack zu seinem Leben im Kopf, Zitatende, et cetera. Neben den eben erwähnten gab der Referent noch andere Hörbeispiele, während denen er die Cover der Alben oder Bilder der Musiker und Komponisten an die Wand projizierte. Man kam sich vor wie in Thomas Manns Zauberbergkapitel In der Fülle des Wohllauts, das war sehr angenehm und hätte noch eine zeitlang so weitergehen können. Einige notierten sich, wohl das bedenkend, was sie über die Distributionswege unpopulärer Musik gehört hatten, die Titel der Alben, und am Ende wurde der Referent mit großem Applaus bedacht, als hätte er selber ein Konzert gegeben. Ein paar Leute fragten nach Musik, die sie wohl persönlich bevorzugten, dann war es gut.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 478ff.).
Dann zog der Referent einige Schlüsse über die Entwicklung von Köberlins Hörgewohnheiten und seinem Musikverständnis, etwa sein heikler Umgang mit dem Pathos, die Rolle des Rhythmus’, Köberlins Aneignungsmethode von extrem komplexer neuer Musik (mittels Verknüpfung mit den diversen Rezeptionssituationen), seinen musikalischen Stimmungen, idiosynkratischen Reaktionen (Der letzte Trottel kann einem die beste Musik vergällen!) und dem, Zitat Köberlin: permanenten Soundtrack zu seinem Leben im Kopf, Zitatende, et cetera. Neben den eben erwähnten gab der Referent noch andere Hörbeispiele, während denen er die Cover der Alben oder Bilder der Musiker und Komponisten an die Wand projizierte. Man kam sich vor wie in Thomas Manns Zauberbergkapitel In der Fülle des Wohllauts, das war sehr angenehm und hätte noch eine zeitlang so weitergehen können. Einige notierten sich, wohl das bedenkend, was sie über die Distributionswege unpopulärer Musik gehört hatten, die Titel der Alben, und am Ende wurde der Referent mit großem Applaus bedacht, als hätte er selber ein Konzert gegeben. Ein paar Leute fragten nach Musik, die sie wohl persönlich bevorzugten, dann war es gut.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 478ff.).
Montag, 27. April 2015
Hans Köberlin und die Musik #3
Bevor er nun chronologisch die einzelnen Phasen von Hans Köberlins Musikrezeption vorstelle, möge man ihm einige allgemeine Bemerkungen über die Unterscheidung in populäre und nichtpopuläre Musik erlauben, eine Unterscheidung, die entgegen der landläufigen Meinung nicht gleichzusetzen sei mit der Unterscheidung in sogenannte Unterhaltungsmusik und sogenannte ernsthafte Musik und die schon gar nicht ein ästhetisches Qualitätsurteil impliziere. Nein, ihm gehe es bei dieser Unterscheidung um die verschiedenen Distributionswege, die damit einhergingen. Und er entwarf verschiedene Möglichkeiten musikalischer Seilschaften, die für die Verbreitung unpopulärer Musik sorgten und die zu so etwas führten, was der Verleger eben als unter seinesgleichen bezeichnet hatte, analog dem etwa, was Ernst Jünger einmal bezüglich der Sterne-Leser als den geheimen Orden der Shandyisten bezeichnet hatte. Daraus ergaben sich Bezüge und Konstellationen, die ähnlich wie bei dem eben erwähnten Robert Walser als Schiboleth dienen konnten. Fred Frith bezeichnete der Referent als den populärsten unter den nichtpopulären Musikern.
Dann kam er zu Hans Köberlin zurück, es gäbe da etwas, über das man nicht sprechen müsse, quasi vor dem Anfang, da wäre der kleine Hans noch unter zehn gewesen, Komm zu mir habe der Schlager geheißen und, wenn er recht informiert sei, Edina Pop habe ihn gesungen, hier nur der Refrain und auch nur gesprochen (der Referent intonierte betont ernsthaft, als trage er wahre Poesie vor):
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 477f.; siehe → #4).
Dann kam er zu Hans Köberlin zurück, es gäbe da etwas, über das man nicht sprechen müsse, quasi vor dem Anfang, da wäre der kleine Hans noch unter zehn gewesen, Komm zu mir habe der Schlager geheißen und, wenn er recht informiert sei, Edina Pop habe ihn gesungen, hier nur der Refrain und auch nur gesprochen (der Referent intonierte betont ernsthaft, als trage er wahre Poesie vor):
Komm, komm zu mir,Das glaube man dem kleinen Hans, daß er damit nicht scherze, flüsterte Clemens dem Verleger zu, der wiederum zu Emilia hinschielte.
du mußt nicht lange fragen,
die Tür ist offen wie mein Herz.
Komm, komm zu mir,
du kannst es ruhig wagen,
denn sowas sag ich nie zum Scherz.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 477f.; siehe → #4).
Hans Köberlin und die Musik #2
Nähme man Adornos Typen musikalischen Verstehens, so der Referent weiter, dann könne man Hans Köberlin zu den guten Zuhörern zählen. Der gute Zuhörer, Zitat, höre über das musikalisch Einzelne hinaus; vollziehe spontan Zusammenhänge, urteile begründet, nicht bloß nach Prestigekategorien oder geschmacklicher Willkür, aber er sei der technischen und strukturellen Implikationen nicht oder nicht voll sich bewußt, er verstehe Musik etwa so, wie man die eigene Sprache verstehe, auch wenn man von ihrer Grammatik und Syntax nichts oder wenig wisse, unbewußt der immanenten musikalischen Logik mächtig, Zitatende.
Dann hantierte der Referent erneut an dem Laptop herum, und an der Stelle der Notation erschien ein von Ray Smith gestaltetes Plattencover der britischen Band Henry Cow, jene legendäre Socke grob aus roten und blauen Elektrokabeln gestrickt, das Ende des Beines (spät erst war bei Clemens der Groschen gefallen), wozu Musik erklang.
Teenbeat, flüsterte Clemens dem Verleger zu, der nippte wissend an seinem Wein und meinte bestätigend, man befände sich unter seinesgleichen. Was man soeben gehört habe, so der Referent nach dem Ausklingen der letzten Töne, hieße Teenbeat und sei ein sehr frühes Stück, das Fred Frith als Mitglied der britischen Band Henry Cow eingespielt habe, ein Stück, in dem die wichtigsten Aspekte der Musik dieses Genies bereits angelegt seien, in seinen eigenen Worten: a beautiful living and breathing beast that was always fun to play and had all kinds of hidden subtileties. Fred Frith – ein Multiinstrumentalist – sei der Musiker, dessen OEuvre den erwachsenen Hans Köberlin ständig begleitet und ihm über weite Strecken den Soundtrack seines Lebens geliefert habe und der ihn auch häufig beim Schreiben beeinflußt habe, explizit zum Beispiel das Album Dropera bei dem Ende seines ersten Romans, für Köberlin sei Fred Frith der bedeutendste zeitgenössische Musiker gewesen, und nicht nur zeitgenössische, zurecht, wie er glaube, deswegen habe er dieses Beispiel auch an den Anfang seines Vortrags gestellt.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 476f.; siehe → #3).
Dann hantierte der Referent erneut an dem Laptop herum, und an der Stelle der Notation erschien ein von Ray Smith gestaltetes Plattencover der britischen Band Henry Cow, jene legendäre Socke grob aus roten und blauen Elektrokabeln gestrickt, das Ende des Beines (spät erst war bei Clemens der Groschen gefallen), wozu Musik erklang.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 476f.; siehe → #3).
Hans Köberlin und die Musik #1
Der nächste Referent stand bereits am Rednerpult, das er ohne Hilfe des Busenfreundes fachkundig in die seiner Größe angemessene Höhe gekurbelt hatte. Er legte eine CD in den Laptop, wollte anheben, sah den Verleger mit dem Tablett und wartete, bis der an seinem Platz angekommen war, seine Nachbarn ihn von der Last befreit hatten und er sich hinsetzen konnte. Die drei duckten sich weg und machten sich unauffällig an den Verzehr ihrer Brezeln.
Der Mann klopfte Toc, Toc, Toc auf das Mikrophon, räusperte sich dann und nannte seinen Namen, sagte, daß er Hans Köberlin von dessen einundzwanzigstem Lebensjahr an gekannt und mit ihm eine Weile in einer Kommune gelebt habe, und daß er hier nun über Hans Köberlins Verhältnis zur Musik und seine diesbezüglichen Neigungen referieren wolle. Um es gleich vorweg zu sagen: Hans Köberlin sei zeitlebens nur ein Rezipient von Musik gewesen, wenn auch ein elaborierter, von Musik als der sinnlichsten aller Künste, gemäß dem von Hanns Zischler überlieferten Wort Godards, Musik drücke nicht die Seele, sondern den Körper einer Frau aus; Köberlin sei jedoch, was das Machen von Musik betraf, vollkommen untalentiert gewesen und habe keine Noten lesen können, und die zwei oder drei Dinge, die es da gab und die, wie er gehört habe, im Rahmen der Werkausgabe auf der Daten-DVD erscheinen würden, das seien reine Kuriosa, musikalisch völlig nichtssagend. Er wolle deswegen hier bloß einen dieser musikalischen Versuche anführen, nämlich jenen mit Swallow Songs betitelten, bei dem sich Köberlin sehr stark – und sehr stark wäre noch untertrieben – an John Cage orientiert habe.
An einem lauen Sommerabend beim Weizenbier an einem See im Osten (aber von hier aus im Nordwesten) sitzend habe Köberlin relativ gedankenlos, wie er ausdrücklich in einem Brief an ihn vermerkt habe, auf das Dach eines Bauernhofes, unter dessen Traufe viele Schwalben nisteten, geschaut. Auf dem Dach habe es eine Fernsehantenne mit fünf Querstreben gegeben, auf denen die Schwalben zwischen ihren abendlichen Fliegenjagden gesessen hätten, aber nicht still, es habe ein ständiges Hin und Her und Kommen und Gehen gegeben, und irgendwann habe Köberlin damit begonnen, die Positionen der Schwalben auf den Querstreben der Fernsehantenne auf eine Serviette zu notieren. Herausgekommen sei dabei folgendes … Er hantierte eine Weile an dem Laptop herum … Da Köberlin, wie gesagt, keine Noten … er hantierte … die spielbare Notation stamme von ihm … er hantierte weiter und an der Stelle der vermutlich letzten Photographie Hans Köberlins, gemacht vermutlich von seiner unbekannten Reisebegleiterin, erschien … So …
Das, so der Referent, höre sich etwa so an … Und man hörte eine Aufnahme, bei der jemand – vemutlich der Referent – das auf einem Klavier gespielt hatte, was einer, der Noten lesen konnte, bereits in seiner Vorstellung (dabei den Kopf schüttelnd) gehört haben mochte. Aha … kurios, sehr kurios!
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 474ff.; siehe → #2).
Der Mann klopfte Toc, Toc, Toc auf das Mikrophon, räusperte sich dann und nannte seinen Namen, sagte, daß er Hans Köberlin von dessen einundzwanzigstem Lebensjahr an gekannt und mit ihm eine Weile in einer Kommune gelebt habe, und daß er hier nun über Hans Köberlins Verhältnis zur Musik und seine diesbezüglichen Neigungen referieren wolle. Um es gleich vorweg zu sagen: Hans Köberlin sei zeitlebens nur ein Rezipient von Musik gewesen, wenn auch ein elaborierter, von Musik als der sinnlichsten aller Künste, gemäß dem von Hanns Zischler überlieferten Wort Godards, Musik drücke nicht die Seele, sondern den Körper einer Frau aus; Köberlin sei jedoch, was das Machen von Musik betraf, vollkommen untalentiert gewesen und habe keine Noten lesen können, und die zwei oder drei Dinge, die es da gab und die, wie er gehört habe, im Rahmen der Werkausgabe auf der Daten-DVD erscheinen würden, das seien reine Kuriosa, musikalisch völlig nichtssagend. Er wolle deswegen hier bloß einen dieser musikalischen Versuche anführen, nämlich jenen mit Swallow Songs betitelten, bei dem sich Köberlin sehr stark – und sehr stark wäre noch untertrieben – an John Cage orientiert habe.
An einem lauen Sommerabend beim Weizenbier an einem See im Osten (aber von hier aus im Nordwesten) sitzend habe Köberlin relativ gedankenlos, wie er ausdrücklich in einem Brief an ihn vermerkt habe, auf das Dach eines Bauernhofes, unter dessen Traufe viele Schwalben nisteten, geschaut. Auf dem Dach habe es eine Fernsehantenne mit fünf Querstreben gegeben, auf denen die Schwalben zwischen ihren abendlichen Fliegenjagden gesessen hätten, aber nicht still, es habe ein ständiges Hin und Her und Kommen und Gehen gegeben, und irgendwann habe Köberlin damit begonnen, die Positionen der Schwalben auf den Querstreben der Fernsehantenne auf eine Serviette zu notieren. Herausgekommen sei dabei folgendes … Er hantierte eine Weile an dem Laptop herum … Da Köberlin, wie gesagt, keine Noten … er hantierte … die spielbare Notation stamme von ihm … er hantierte weiter und an der Stelle der vermutlich letzten Photographie Hans Köberlins, gemacht vermutlich von seiner unbekannten Reisebegleiterin, erschien … So …
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 474ff.; siehe → #2).
Noch ein denkwürdiger Tag (heute)
Heute habe ich bei der Überarbeitung von ¡Hans Koberlin vive! quasi – wenn dieser martialische Begriff in dem Kontext einmal erlaubt sei – die Front erreicht; das heißt: ich bin jetzt da, wo ich Mitte August 2014 in Calpe vor meiner Rückreise mit dem Schreiben aufgehört habe (die Überarbeitung hat die Frontlinie mittlerweile bis zu S. 666 vorgetrieben) …
[129 / 195]
An diesem Freitag, dem 7. Februar 2014, gab es – kaum zu glauben! – kein archiviertes Filmkalenderblatt und auch der neue Zitatenkalender gab nichts unmittelbar Bemerkenswertes her und auch der postexilische Zitatenkalender des Jahres 2015 nicht. Hans Köberlin hatte geträumt, er wäre in einer Wandergruppe, es ging durch Wälder und auf asphaltierten Straßen entlang von Bächen in die kreisfreie Stadt Kaufbeuren; oder aber die kreisfreie Stadt Kaufbeuren sollte das Ende der ersten Etappe sein. Alle waren am Abend erschöpft, worüber Hans Köberlin sich wunderte, denn er merkte nichts von dem Gehen und wäre am liebsten noch weiter gegangen. Die Gruppe saß in einem Gasthaus, übernachtet sollte, glaubte Hans Köberlin sich zu erinnern, in einer Art Jugendherberge werden. Dann war er auf einem Bahnhof und stieg eine Treppe hinab, die nach 39 Stufen plötzlich im Nichts aufhörte. Es waren Bauarbeiten zugange und er stand ungefähr zehn Meter über dem Boden und hatte Angst, hinunterzufallen. Die Bauarbeiter meinten, er solle sich nicht so anstellen und einer sprang zur Demonstration von ganz oben hinunter und landete nach einem dieser typischen Zeitlupentraumsprünge auf einem Kühlschrank, der unten stand, so ein laut brummender Kühlschrank, wie die Frau ihn in der Küche hatte. Das wollte Hans Köberlin auf keinen Fall versuchen, obwohl es bei dem Bauarbeiter leicht ausgesehen hatte. Dann kam noch ein Mensch, ein Rucksacktourist, der vor dem gleichen Problem wie Hans Köberlin stand, worauf der froh war, nicht mehr allein in dieser mißlichen Lage zu sein, denn jetzt mußten sie etwas unternehmen. Einer der Bauarbeiter improvisierte und ein Eisengitter, wie es zur Bewehrung von Beton benutzt wurde, kam an einem Seil von oben herab. An das klammerten sich der Rucksacktourist und Hans Köberlin und derart wurden sie auf den Boden herabgelassen. Dann waren da irgendwelche Sätze, die modifiziert werden wollten, die Sätze quasi in Form von Gegenständen oder Ereignissen, die wie ein Film vor Hans Köberlin abliefen, und er kam nicht so recht weiter damit.
Sein Echtermeyer-Sortilegium nach dem Erwachen führte ihn zu Angelus Silesius …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014; vgl. auch Empirie).
[129 / 195]
An diesem Freitag, dem 7. Februar 2014, gab es – kaum zu glauben! – kein archiviertes Filmkalenderblatt und auch der neue Zitatenkalender gab nichts unmittelbar Bemerkenswertes her und auch der postexilische Zitatenkalender des Jahres 2015 nicht. Hans Köberlin hatte geträumt, er wäre in einer Wandergruppe, es ging durch Wälder und auf asphaltierten Straßen entlang von Bächen in die kreisfreie Stadt Kaufbeuren; oder aber die kreisfreie Stadt Kaufbeuren sollte das Ende der ersten Etappe sein. Alle waren am Abend erschöpft, worüber Hans Köberlin sich wunderte, denn er merkte nichts von dem Gehen und wäre am liebsten noch weiter gegangen. Die Gruppe saß in einem Gasthaus, übernachtet sollte, glaubte Hans Köberlin sich zu erinnern, in einer Art Jugendherberge werden. Dann war er auf einem Bahnhof und stieg eine Treppe hinab, die nach 39 Stufen plötzlich im Nichts aufhörte. Es waren Bauarbeiten zugange und er stand ungefähr zehn Meter über dem Boden und hatte Angst, hinunterzufallen. Die Bauarbeiter meinten, er solle sich nicht so anstellen und einer sprang zur Demonstration von ganz oben hinunter und landete nach einem dieser typischen Zeitlupentraumsprünge auf einem Kühlschrank, der unten stand, so ein laut brummender Kühlschrank, wie die Frau ihn in der Küche hatte. Das wollte Hans Köberlin auf keinen Fall versuchen, obwohl es bei dem Bauarbeiter leicht ausgesehen hatte. Dann kam noch ein Mensch, ein Rucksacktourist, der vor dem gleichen Problem wie Hans Köberlin stand, worauf der froh war, nicht mehr allein in dieser mißlichen Lage zu sein, denn jetzt mußten sie etwas unternehmen. Einer der Bauarbeiter improvisierte und ein Eisengitter, wie es zur Bewehrung von Beton benutzt wurde, kam an einem Seil von oben herab. An das klammerten sich der Rucksacktourist und Hans Köberlin und derart wurden sie auf den Boden herabgelassen. Dann waren da irgendwelche Sätze, die modifiziert werden wollten, die Sätze quasi in Form von Gegenständen oder Ereignissen, die wie ein Film vor Hans Köberlin abliefen, und er kam nicht so recht weiter damit.
Sein Echtermeyer-Sortilegium nach dem Erwachen führte ihn zu Angelus Silesius …
Das Wort, das dich und mich und alle Dinge trägt,
Wird wiederum von mir getragen und gehegt.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014; vgl. auch Empirie).
Zufällige Erinnerung an einen denkwürdigen Tag
Samstag, den 21. [Juni 2008] – Mein ganzes bisheriges Leben kommt mir im Augenblick so vor wie eine einzige Aneinanderreihung von genußvoll bei einem Glas guten Rotweins oder nach dem Essen zu Espresso und Cognac oder Trester inhalierten Zigaretten. Und das soll jetzt vorbei sein … Die letzte Zigarette ist weg und ich denke an nichts anderes als an das Rauchen.
Samstag, 25. April 2015
Freitag, 24. April 2015
Eine zweifelhafte Gewohnheit
Diese – zweifelhafte – Gewohnheit des morgendlichen Photographierens behielt er in der Folge noch eine Weile lang bei, wobei er allerdings – zu seinem eigenen späteren Bedauern, als er nämlich anfing zu versuchen (wozu auch wir, wenn auch teilweise mit anderen Mitteln, angetreten), die Zeit mit dem Anlegen von Listen und Reihen zu verdichten – nicht darauf achtete, immer die gleiche oder zumindest (ohne Stativ) ungefähr die gleiche Perspektive beizubehalten, um an der Gleichheit – wir hatten das im Kontext mit unseren Anmerkungen zur Gewohnheit – die Variation zu goutieren.
Der Begriff ›Photographieren‹, so kam es Hans Köberlin in den Sinn, bezeichnete allerdings den Vorgang, den er da mit seinem Taschentelephon vollzog, eigentlich nicht mehr treffend, denn er ›schrieb‹ oder ›zeichnete‹ ja nicht mehr mit Licht, er meinte damit: er hatte keinen Film, oder wie ganz früher, keine Photoplatte mehr … was er da machte, so dachte er, könnte man vielleicht treffender als das ›Digitalisieren von Blicken‹ bezeichnen. Aber wie, kam es ihm daraufhin in den Sinn, wie war es dann mit dem Schreiben auf dem Computer? Sollte man das dann analog als das ›Digitalisieren von Semantik‹ oder gar von ›Sinn‹ (›Sinn‹ im Sinne Luhmanns) bezeichnen? »Der Computer, die Tastatur und das Wordprogramm als Paratexte meines Schreibens …« Da ging etwas durcheinander … Verfahren und Medien und Metaphern … Hans Köberlin war noch zu träge zum Denken, und aktuelle diesbezügliche wissenschaftliche Publikationen – das ›Bild‹ wurde gegenwärtig mittels einer eigenen Wissenschaft untersucht – hatte er nicht in seine Basisbibliothek aufgenommen, also belassen wir es bei ›Photographieren‹.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Der Begriff ›Photographieren‹, so kam es Hans Köberlin in den Sinn, bezeichnete allerdings den Vorgang, den er da mit seinem Taschentelephon vollzog, eigentlich nicht mehr treffend, denn er ›schrieb‹ oder ›zeichnete‹ ja nicht mehr mit Licht, er meinte damit: er hatte keinen Film, oder wie ganz früher, keine Photoplatte mehr … was er da machte, so dachte er, könnte man vielleicht treffender als das ›Digitalisieren von Blicken‹ bezeichnen. Aber wie, kam es ihm daraufhin in den Sinn, wie war es dann mit dem Schreiben auf dem Computer? Sollte man das dann analog als das ›Digitalisieren von Semantik‹ oder gar von ›Sinn‹ (›Sinn‹ im Sinne Luhmanns) bezeichnen? »Der Computer, die Tastatur und das Wordprogramm als Paratexte meines Schreibens …« Da ging etwas durcheinander … Verfahren und Medien und Metaphern … Hans Köberlin war noch zu träge zum Denken, und aktuelle diesbezügliche wissenschaftliche Publikationen – das ›Bild‹ wurde gegenwärtig mittels einer eigenen Wissenschaft untersucht – hatte er nicht in seine Basisbibliothek aufgenommen, also belassen wir es bei ›Photographieren‹.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Dienstag, 21. April 2015
Empirie
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Was sagt das aus?
Ein Moment am Donnerstag, dem 12. Juni 2008
Im Zug beim Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft eingeschlafen und später wieder wach geworden, weil die Musik zu Ende war.
Man kann nicht alles haben
… der Drache ist vielleicht das bekannteste, aber gleichzeitig das unglücklichste aller Tiere der Phantasie.
(Jorge Luis Borges, Der westliche Drache; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 8: Einhorn, Sphinx und Salamander, Frankfurt am Main 1992, S. 47).
(Jorge Luis Borges, Der westliche Drache; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 8: Einhorn, Sphinx und Salamander, Frankfurt am Main 1992, S. 47).
Montag, 20. April 2015
Noch ein Fundstück, diesmal von Benjamin und mit Quellenangabe
»Aus dem Erfahrungskreise der Schwelle hat das Tor sich entwickelt, das den verwandelt, der unter seiner Wölbung hindurchschreitet.«
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 139; es geht ihm um den Arc de triomphe: »Das römische Siegestor macht aus dem heimkehrenden Feldherrn den Triumphator.«).
Man denkt bei dem Überschreiten der Stadtgrenze von Paris – »Nirgends, es sei denn in Träumen, ist noch ursprünglicher das Phänomen der Grenze zu erfahren als in Städten.« (ebd., S. 141) – natürlich gleich daran, wie Eddie Constantine alias Lemmy Caution in Alphaville, der Hauptstadt der Schmerzen, Jean-Luc Godards schwarzweißem Paris des Jahres 1965, ankommt, und wie er die Stadt mit Anna Karina alias Natacha Von Braun wieder verläßt …
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 139; es geht ihm um den Arc de triomphe: »Das römische Siegestor macht aus dem heimkehrenden Feldherrn den Triumphator.«).
Man denkt bei dem Überschreiten der Stadtgrenze von Paris – »Nirgends, es sei denn in Träumen, ist noch ursprünglicher das Phänomen der Grenze zu erfahren als in Städten.« (ebd., S. 141) – natürlich gleich daran, wie Eddie Constantine alias Lemmy Caution in Alphaville, der Hauptstadt der Schmerzen, Jean-Luc Godards schwarzweißem Paris des Jahres 1965, ankommt, und wie er die Stadt mit Anna Karina alias Natacha Von Braun wieder verläßt …
Zwei Zitate von Hermann Broch, vor sieben Jahren ohne Quellenangabe zitiert
»Oft ist es, als ob man sein ganzes Leben darauf angelegt hätte, sich selbst Überraschungen zu bereiten, sich erstaunt oder erschreckt zu stellen vor etwas, das man selbst herbeigeführt hat.«
Und folgende Formulierung:
»… und sie lehnte am Fenster in der ruhigen Sicherheit ihrer Anmut.«
Und folgende Formulierung:
»… und sie lehnte am Fenster in der ruhigen Sicherheit ihrer Anmut.«
Sonntag, 19. April 2015
Tatort Nr. 52 (Essen): Die Abrechnung (Wolfgang Becker, 1975)
Wenn ich eine Fernsehproduktion aus den siebziger Jahren, die auch in dieser Zeit spielt, sehe, dann habe ich das Gefühl, daß da die Welt wohl noch in Ordnung gewesen sein mußte, obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß sie da auch nicht mehr oder weniger in Ordnung oder in Unordnung gewesen war als jetzt. Es geht auch nicht um meine Gemüths- oder Lebensumstände, nein, daß ich von diesen Fernsehfilmen so affiziert bin, das liegt vielleicht daran, daß das, was derzeit öffentlich geschieht, diese Mischung aus wohlfeilem Zynismus, Dummheit und Unverschämtheit, damals noch nicht so geschmacklos war, beziehungsweise: daß man sich noch genötigt sah zu versuchen, diese Mischung aus wohlfeilem Zynismus, Dummheit und Unverschämtheit zu camouflieren (vielleicht kann man sagen: man hatte damals noch ein natürliches Verhältnis zu dem Künstlichen, wohingegen man heute das Künstliche natürlich erscheinen lassen will), oder daran, daß etwas noch nicht so perfekt war oder sein mußte, oder auch daran, daß noch der letzte Hauch einer Aufbruchsstimmung (1968) nachwehte (wie wenig fundiert die auch immer gewesen sein mag). Es liegt vielleicht auch einfach daran, daß ich damals noch jung war (siehe Kafkas Kleine Fabel).
Die reiche Witwe Evelyn tötete ihren Schwiegervater und den Einbrecher, mit dem sie sich nur eingelassen hatte, um den Einbruch zu inszenieren, in dessen Kontext dann der Mord geschehen sollte.
Der Ablauf der Tat war von Anfang an klar, die Frau kam vor Gericht und ihr Anwalt Dr. Alexander – eine Karikatur von Rolf Bossi – paukte sie heraus und machte den ermittelnden Kommissar Haferkamp dabei lächerlich. Der Anwalt war der beste Freund des ermordeten Schwiegervaters und drohte seiner Mandantin Konsequenzen für den Fall an, sollte sich herausstellen, daß sie es doch getan hatte.
Die Stieftochter der reichen Frau hatte den Mord beobachtet, sie kam mit der Tat nicht klar und brachte sich um (wie setzte man die Tragik ins Bild, die der Selbstmord eines jungen Mädchens bedeutete? – nun: man zeigte, als ihr Körper nackt in der Pathologie lag, ihre schönen Brüste).
Die titelgebende Abrechnung des Anwalts, der aus dem Abschiedsbrief des Mädchens den Tathergang erfahren hatte, sah nun so aus, daß er den Selbstmord als Mord arrangierte, den er dann seiner Mandantin anlastete.
Das Ganze war keine Meisterleistung der Regieführung, der Anwalt hätte nicht so dick auftragen dürfen, alles war zu offensichtlich, aber: obwohl ich diese Episode mindestens schon zweimal gesehen hatte, langweilte ich mich an keiner Stelle. Es machte mir einfach Freude, den Leuten zuzuschauen. Gelungen war die Schilderung des Milieus von Haferkamp, die Behörden (die Beamten schämten sich noch nicht, welche zu sein und sahen auch noch so aus) und die Kneipen (damals noch Paradiese für Raucher und Trinker, man lernte etwas über den Unterschied von Frikadellen, deutschem Beefsteak und faschierten Laberln – Haferkamp in einer anderen Folge: »Ein Steak braten, das kann wirklich jeder. Aber für eine Frikadelle braucht man Erfahrung! Eine Frikadelle darf außen nicht verkrustet sein und nicht zu hell. Schlechte Frikadellen sind matschig oder knochenhart, wenn man sie anfaßt. Die meisten sind auch viel zu groß, sind weich und lappig wie ein Pfannkuchen! Sie müssen klein sein und fast rund, ein bißchen abgeflacht, außen kroß und innen gerade durch.«), da kannte sich Wolfgang Becker – oder, wahrscheinlicher: Hansjörg Felmy – wohl aus, wohingegen die Schilderung der reichen Witwe und ihres Umfelds und die der beiden Gerichtsszenen holzschnittartig gerieten.
Das Wort ›Intelligenz‹ fiel auffallend oft und manchmal in kuriosen Zusammenhängen. Haferkamp hatte die Möglichkeit, über die Moral des Polizisten zu philosophieren und der Schauspieler, der den Anwalt spielte, konnte zeigen, was er auf der Theaterbühne gelernt hatte, denn da kam das her, was er und Maria Schell trieben (etwa wenn sie ein Buch aus dem Regal nahm und darin blätterte … man sah die Regieanweisung direkt vor sich: ›Evelyn (nimmt ein Buch aus dem Regal und blättert darin) …‹). Drastisch war die Großaufnahme der schweißnassen Mundpartie des Anwalts, während er sein Plädoyer hielt und als er sich am Ende – auch in einer Großaufnahme, diesmal seines ganzen Gesichts – nach seiner Entlarvung zwei Finger auf den Mund legte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Die reiche Witwe Evelyn tötete ihren Schwiegervater und den Einbrecher, mit dem sie sich nur eingelassen hatte, um den Einbruch zu inszenieren, in dessen Kontext dann der Mord geschehen sollte.
Der Ablauf der Tat war von Anfang an klar, die Frau kam vor Gericht und ihr Anwalt Dr. Alexander – eine Karikatur von Rolf Bossi – paukte sie heraus und machte den ermittelnden Kommissar Haferkamp dabei lächerlich. Der Anwalt war der beste Freund des ermordeten Schwiegervaters und drohte seiner Mandantin Konsequenzen für den Fall an, sollte sich herausstellen, daß sie es doch getan hatte.
Die Stieftochter der reichen Frau hatte den Mord beobachtet, sie kam mit der Tat nicht klar und brachte sich um (wie setzte man die Tragik ins Bild, die der Selbstmord eines jungen Mädchens bedeutete? – nun: man zeigte, als ihr Körper nackt in der Pathologie lag, ihre schönen Brüste).
Die titelgebende Abrechnung des Anwalts, der aus dem Abschiedsbrief des Mädchens den Tathergang erfahren hatte, sah nun so aus, daß er den Selbstmord als Mord arrangierte, den er dann seiner Mandantin anlastete.
Das Ganze war keine Meisterleistung der Regieführung, der Anwalt hätte nicht so dick auftragen dürfen, alles war zu offensichtlich, aber: obwohl ich diese Episode mindestens schon zweimal gesehen hatte, langweilte ich mich an keiner Stelle. Es machte mir einfach Freude, den Leuten zuzuschauen. Gelungen war die Schilderung des Milieus von Haferkamp, die Behörden (die Beamten schämten sich noch nicht, welche zu sein und sahen auch noch so aus) und die Kneipen (damals noch Paradiese für Raucher und Trinker, man lernte etwas über den Unterschied von Frikadellen, deutschem Beefsteak und faschierten Laberln – Haferkamp in einer anderen Folge: »Ein Steak braten, das kann wirklich jeder. Aber für eine Frikadelle braucht man Erfahrung! Eine Frikadelle darf außen nicht verkrustet sein und nicht zu hell. Schlechte Frikadellen sind matschig oder knochenhart, wenn man sie anfaßt. Die meisten sind auch viel zu groß, sind weich und lappig wie ein Pfannkuchen! Sie müssen klein sein und fast rund, ein bißchen abgeflacht, außen kroß und innen gerade durch.«), da kannte sich Wolfgang Becker – oder, wahrscheinlicher: Hansjörg Felmy – wohl aus, wohingegen die Schilderung der reichen Witwe und ihres Umfelds und die der beiden Gerichtsszenen holzschnittartig gerieten.
Das Wort ›Intelligenz‹ fiel auffallend oft und manchmal in kuriosen Zusammenhängen. Haferkamp hatte die Möglichkeit, über die Moral des Polizisten zu philosophieren und der Schauspieler, der den Anwalt spielte, konnte zeigen, was er auf der Theaterbühne gelernt hatte, denn da kam das her, was er und Maria Schell trieben (etwa wenn sie ein Buch aus dem Regal nahm und darin blätterte … man sah die Regieanweisung direkt vor sich: ›Evelyn (nimmt ein Buch aus dem Regal und blättert darin) …‹). Drastisch war die Großaufnahme der schweißnassen Mundpartie des Anwalts, während er sein Plädoyer hielt und als er sich am Ende – auch in einer Großaufnahme, diesmal seines ganzen Gesichts – nach seiner Entlarvung zwei Finger auf den Mund legte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
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