Mittwoch, 10. Juni 2015

John Cage, Indeterminacy

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Hans Köberlin hörte während seines Dauerlaufs tatsächlich John Cages Indeterminacy, er schaffte die ersten beiden Teile und zehn Minuten des dritten Teils, das hieß, daß er in den vergangenen eineinhalb Wochen der großen Dauerlaufstrecke schneller geworden war. In einer dieser Geschichten erzählte Cage (während Hans Köberlin südlich hinter der Hauptstraße Treppenstufen hinunter zum Strand lief) von einem Freund aus der Stadt des Lichts, der seinen alten Ford (wohl so ein Kleinbus, ›Transit‹ oder wie die Dinger geheißen) mit Möbeln und Topfpflanzen zu einem mobilen Wohnzimmer gemacht hatte. Eines Tages dann sei er damit vor einer Hamburgerbude vorgefahren, habe einen roten Teppich ausgerollt, sei darüber in die Bude gegangen, habe einen Hamburger gegessen, habe anschließend den Teppich wieder eingerollt und sei weitergefahren. – Mit dem Hören von John Cages Geschichten, während des Dauerlaufens im Hinterland, vorbei an den beiden Discountern aus Hans Köberlins Herkunftsland, die zu boykottieren er sich entschlossen hatte, und vorbei an dem dazwischen liegenden nach Odysseus benannten Trailerpark und den beiden vereinzelten Hochhäusern im Hinterland, und über die Brücke über das ausgetrocknete Flußbett (wir vergessen immer, wie diese hier häufig vorkommenden ausgetrockneten Flußbetten genannt wurden) am Ende des Hinterlande und am Anfang des Ortes, und vorbei an den beiden Tankstellen und über die Straße, die wegen der sie flankierenden Allee als einzige Avenida des Ortes in Hans Köberlins Imagination die Bezeichnung Avenida verdient hatte und auf deren Zebrastreifen er wegen des hiesigen Fahrstils stets befürchtete, daß ihn hier einmal sein Schicksal ereilen könne …: mit John Cage im Ohr von einem dieser protzigen SUVs, wie man die dämlich nannte, überrollt … – aber das mit der Avenida stimmte nicht ganz: es gab noch die ein oder andere Stelle, die sich ihre Berechtigung aus anderen (Re-)Imaginationen Hans Köberlins holen konnte – und weiter durch den Ort an die Promenade und dann am Meer entlang – mit dem Hören von John Cages Geschichten also sollte es seine besondere Bewandtnis haben, aber dazu später mehr. (…)

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Auch an diesem Morgen, nachdem er nach Aktualisierung des Filmkalenders ein Still aus Max Ophüls’ Adaption der Stevan-Zweig-Novelle Brief einer Unbekannten goutiert hatte, hörte Hans Köberlin während seines Dauerlaufs Cages Indeterminacy, er begann aber diesmal mit dem zweiten Teil, um mit dem Hören weiter als gestern zu kommen. Das hatte den Nebeneffekt – der Cage bestimmt gefallen hätte –, daß es zu einer Art von Phasenverschiebung betreffs des Hörens bestimmter Geschichten und den Orten des Hörens dieser Geschichten kam, weil Hans Köberlin sich beim jeweiligen Hören an die Orte des vormaligen Hörens erinnerte, die spezifische Rezeptionssituation war ihm ja – was einen bei Hans Köberlin sicher nicht wunderte – Teil der Rezeption. So hörte er zum Beispiel heute die Geschichte von Cages Freund mit dem alten Ford, die er gestern an den Stufen zum Strand südlich hinter der Hauptstraße gehört hatte, bereits auf einer der Straßen im Hinterland. Er hörte die Geschichte also aktuell und simultan, quasi als Echo aus der Vergangenheit … Und er sollte sich fürder, wenn er die Rezeptionsorte auch ohne Cage zu hören passierte, an die Cage-Rezeptionssituation während seines Dauerlaufs erinnern.
In einer anderen Geschichte, die Hans Köberlin diesmal überhört hatte oder die sich im ersten, diesmal nicht gehörten Teil befand (der Erinnerung der Rezeptionssituation nach war der erste Fall, also das Überhören, wahrscheinlicher), ging es um ein Mädchen, das in einer schulischen Situation nie ihre Aufgaben erledigte. Als sie gefragt wurde, warum sie das nicht täte, antwortete sie, sie habe keine Zeit dafür gehabt. Was sie denn glaube, so der Lehrer weiter, wie viele Stunden ein Tag habe? – Na, vierundzwanzig. – Nein, so der Lehrer weiter, der Tag habe so viele Stunden, wie man ihm geben würde. – Da war etwas dran, so Hans Köberlin, aber wie bei allen solchen Geschichten: nur etwas, der Hauch einer Metapher, denn der Tag hatte nun einmal bloß vierundzwanzig Stunden, da biß die Maus keinen Faden ab.
Noch eine andere Geschichte gefiel Hans Köberlin außerordentlich: »Artists talk a lot about freedom«, so Cage, und man gebrauche häufig den Vergleich »free as a bird«, nun, Morton Feldman habe neulich im Park Vögel beobachtet (»our feathered friends«, nannte sie Cage) und sei zu der Einsicht gekommen: »They’re not free: they’re fighting over bits of food«, eine Erfahrung, die Hans Köberlin auch mit den Spatzen und den Tauben und den Möwen auf der Terrasse der ›Tango Bar‹ machte, und er, Hans Köberlin, war auch nicht frei, denn er mußte seine Nüßchen zum Wein gegen seine gefiederten Freunde, die er eher als seine gefiederten Feinde betrachtete, verteidigen (und natürlich sympathisierte er mit dem Taubenvergifter im Park).
Und wenn Cage von einer Einladung zu einem Essen bei einer indischen Freundin erzählte, zu dem außer ihm noch Dr. Suzuki, Gertrude Stein und James Joyce gekommen,* da dachte Hans Köberlin: »Ach …!«


* Da aber hatte Hans Köberlin nicht aufmerksam zugehört …
»An Indian lady invited me to dinner and said Dr. Suzuki would be there. He was. Before dinner I mentioned Gertrude Stein. Suzuki had never heard of her. I described aspects of her work, which he said sounded very interesting. Stimulated, I mentioned James Joyce, whose name was also new to him. At dinner he was unable to eat the curries that were offered, so a few uncooked vegetables and fruits were brought, which he enjoyed. After dinner the talk turned to metaphysical problems, and there were many questions, for the hostess was a follower of a certain Indian yogi and her guests were more or less equally divided between allegiance to Indian thought and to Japanese thought. About eleven o’clock we were out on the street walking along, and an American lady said, ›How is it, Dr. Suzuki? We spend the evening asking you questions and nothing is decided.‹ Dr. Suzuki smiled and said, ›That’s why I love philosophy; no one wins.‹« (Composition as Process; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 41).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013). 

Verleser

Anschließend unterlief Hans Köberlin ein Verleser, der ihm sehr gut gefiel: »Cioran hat oft darauf aufmerksam gemacht, daß die charakteristische Regung seines Denkens und Schreibens die Umkehrung eines Fluchs in eine Aufzeichnung gewesen sei«, las er, aber Sloterdijk hatte natürlich geschrieben: »Cioran hat oft darauf aufmerksam gemacht, daß die charakteristische Regung seines Denkens und Schreibens die Umkehrung eines Fluchs in eine Auszeichnung gewesen sei.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).

*

Statt »Das Denkmal an der Grenze seiner Sprachfähigkeit« (ein Buchtitel) las ich ›Das Denkmal für die Grenze der Sprachfähigkeit‹ und dachte, das sei der Titel eines Kunstwerks.

*

Hans Blumenberg: »Diese Verlesung (statt ›si fractus illabatur / impavidum ferient ruinae‹ ›sic fratus illabitur …‹) ist die Wunschhandlung eines Theologen, den Konjunktiv des antiken Autors zum eschatologischen Indikativ seiner spezifischen Gewißheit zu machen.«

*

Verleser bei einem Gedicht von Heinrich Heine: »… klingt das Lied auch nicht ergötzlich, / hat’s mich doch von Arbeit befreit.« Bei Heine steht jedoch: »hat’s mich doch von Angst befreit.«

*

»Ich korrigiere die Fahnen der Lukian-Auswahl, die ich für Bompiani gemacht habe. In meiner Anmerkung zu Eine wahre Geschichte hatte ich geschrieben: ›Der Homer der Legende ist blind, weil der Tradition zufolge die Muse dem Dichter den Gesang (il canto) gibt und ihm das Augenlicht nimmt.‹ Aber der Setzer hat statt canto (Gesang) conto (Rechnung) gesetzt.«
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Kalauer, S. 187).

Und dies ist der 132. Eintrag


(John Cage, Silence. Lecture on Nothing; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 112).

*

This is the first verse
This is the first verse
This is the first verse
This is the first verse …
And this is the chorus
Or perhaps it’s a bridge
Or just another part
of the song that I'm singing

This is the second verse
Or it may the last verse
This is the second verse
Or it may the last one
And this is the chorus
Or perhaps it’s a bridge
Or just another key change …

(Matching Mole, Signed Curtain; Words & Music by Robert Wyatt).

Dienstag, 9. Juni 2015

Das kann einem so passieren


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Montag, 8. Juni 2015

Form und Welt

Was ist die Einheit einer Zweiheit?

(Niklas Luhmann, Die Welt der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 301).

Samstag, 6. Juni 2015

Jules et Edmond en Rome

Ah! le peuple heureux que ce peuple gai de la gaieté de son ciel, avec ses bonheurs à bon marché, achetant la viande de première qualité, douze baïoques, et le vin rien, pour ainsi dire, et sans la conscription, et sans presque d’impôts, et sans humiliation dans la pauvreté, et sans amertume dans la misère, soulagé qu’il est par tant d’institutions de bienfaisance, et aussi par la main à la poche des un peu moins pauvres que les plus pauvres.
Quand je compare ce peuple aux peuples de progrès et de liberté, marqués au signe de ce sinistre affairement moderne, en lutte avec le budget de chaque jour, massacrés d’impôts, y compris celui du sang, je trouve vraiment que les mots se payent bien cher.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 15. April 1867).

Freitag, 5. Juni 2015

Nöte

Wie gerne hätten wir in Bezug auf Hans Köberlin jene Verse aus Borges’ Sonett über den Chronisten des Ritters von der traurigen Gestalt zitiert …
Contemplaría, hundido el sol, el ancho
Campo en que dura un resplandor de cobre;
Se creía acabado, solo y pobre,

Sin saber de qué música era dueño …
Allein: wir waren dazu nicht Nachwelt genug.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Mittwoch, 3. Juni 2015

Heute vor …

… einem Jahr (das soll nicht zu häufig passieren):

Die Fußnote mit der derzeitigen Nummer 1863

Dies erinnerte uns an den Anfang von John Cages Mesostichon Overpopulation and Art, vorgetragen an der Stanford University in Palo Alto am 28 Januar 1992, einige Monate vor seinem Tod …

ab
li
all at onc
equaled the numbe
the 
g
became equel to the 
we are now in the f
it is something e

Out 1948 or 50 the number of people
Ving
E
R who had ever lived at any time all added together
Present as far as numbers
O
Past
Uture
Lse

Neueren Theorien zufolge soll das nicht stimmen, die Toten sollen immer in der Überzahl sein, was uns aber egal ist.

Dienstag, 2. Juni 2015

Empirie, 1. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):

  • Stand des Manuskripts: S. 774 von ca. 1.800 Seiten
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 681 von ca. 1.800 Seiten
    • Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Montag, der 10. Februar 2014, der 132. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Fußnoten Stand des Manuskripts: 2159
  • Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 1819
  • Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
  • Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen



* (= die momentane Fußnote 280 auf S. 59) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

Wird aktualisiert!

¡Nada!

Qué importa el tiempo sucesivio si en él
hubo una plenitud, un éxtasis, una tarda.

(Jorge Luis Borges, Pagina para recordar al colonel Suárez, vencedor en Junín; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 10: Die zyklische Nacht, Frankfurt am Main 1993, S. 40; diese Verse befinden sich auch unter den Motti von Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region] des work in progress ).

Eine Sehnsucht geweckt nach etwas, was fehlt, ohne daß man es bisher vermißt hätte

Es dürfte nicht ausreichen, mit diesem Begriff [Fiktionalität] nur die besondere Qualität einer besonderen Art von Texten zu bezeichnen, etwa Texten, denen erlaubt ist, sich nicht nach der bekannten Realität und ihren Wesensformen zu richten, sondern virtuelle Realitäten anderer Art vorzustellen. (…) Auch die sich selbst überlassene, nur auf das ästhetisch Mögliche verwiesene Fiktionalisierung der Literatur gerät mit dem Gott der Leibnizschen Weltordnung in Konflikt. Denn offenbar ist jetzt Fiktionalität, sofern sie ästhetisch gelingt, nicht darauf angewiesen, sich kompossibel in unsere Welt einzufügen. Kann man, so ist zu fragen, diesen Punkt offenlassen? Ist also Fiktionalität nur gelungene Darstellung einer möglichen Ordnung oder muß mehr verlangt werden?
Sieht man genauer zu und zieht man die Geschichte der Ausdifferenzierung von eigenständiger Fiktionalität mit in Betracht, dann handelt es sich gar nicht um die bloße Ausarbeitung irgendeiner virtuellen Realität, sondern, thematisch oder unthematisch, um das Verhältnis von virtueller Realität und realer Realität. Es wird eine fiktionale Ordnung gefunden, damit man von da aus die normale, allen bekannte Wirklichkeit betrachten kann, etwa in ihrer Härte und Unausweichlichkeit oder in ihrer Normalität und Langweiligkeit. Oder es wird eine Sehnsucht geweckt nach etwas, was fehlt, ohne daß man es bisher vermißt hätte.

(Niklas Luhmann, Literatur als fiktionale Realität; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 280f.).

Montag, 1. Juni 2015

So ist es.

Eigentlich begehrt und braucht jeder Mensch seinen besondern Roman. Wie für Griechenland Homers Epos alles war und gab: so ist der Roman das prosaische Epos ihres Lebens, ihrer Vergangenheit und Zukunft.

(Jean Paul, Vorschule der Ästhetik; in: Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt., Bd. 5, S. 482).

Am Mittwoch, dem 29. August 1979 …


Clemens zuckte bloß mit den Schultern und meinte, man solle sehen, daß man weiter käme und, wie bereits Shakespeare gesagt habe, die Toten ihre Toten begraben lassen. Aber Clemens, meinte P. darauf lachend, das war doch nicht Shakespeare, das war doch Jesus!

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).

Samstag, 30. Mai 2015

Zu spät …

Pierre me raconte qu'il est arrivé à quatre heures. Son père [der Zeichner und Graphiker Paul Gavarni, einer der besten Freunde der Gebrüder Goncourt], à son arrivée, resta d'abord immobile. Puis, sous la pression de sa main, il lui dit d'une voix rude:
»Ah! c'est toi, mon garçon.«
Et comme s'il faisait sa dernière et suprême légende:
»Eh bien! voilà mon caractère!«
Pierre lui parla alors de changer de vie, quand il serait sur ses pattes et qu'il faudrait aller à ces pays de soleil dont il revenait:
»Nous parlerons de cela, je ne te dis pas le contraire.«
Ce fut son dernier mot.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 6. Dezember 1866).

Mittwoch, 27. Mai 2015

Eine Topographie der Träume

Der geniale Jorge Luis Borges hatte im Vorwort zu seinem Libro de sueños die These aufgestellt (und sie als gefährlich attraktiv bezeichnet), daß Träume die älteste und komplexeste literarische Gattung seien. Clemens dachte darüber nach und fragte sich, ob diese These nur für Träume gelte, die man als Träume erlebe und in der wachen Erinnerung als Träume rezipiere, oder auch für die Träume, die man nicht für Träume sondern für himmlische oder sonstige Einflüsterungen halte. Man mußte das wohl unterscheiden, wie Borges die Träume der Nacht von den Träumen des Tages, die er als eine absichtliche Übung unseres Geistes betrachtete, unterschieden haben wollte, wobei dann Arno Schmidt bekanntermaßen die Träume des Tages von der absichtlichen Übung des Geistes unterschieden und letzteres als »längeres Gedankenspiel« beschrieben hatte. Eine andere Unterscheidung, die Borges dort anführte, war die zwischen trügerischen und der prophetischen, wobei er – und da ging Clemens, nicht zuletzt wegen des mit Lindsay Erlebten – mit Borges d’accord, wenn der die prophetischen als weniger wertvoll bezeichnete.
Borges machte ihn in seinem Vorwort auch auf einen Umstand aufmerksam, der Clemens sofort einleuchtete: die Eiländer jenseits des Kanals bezeichneten die ›Albträume‹ als ›Nachtstuten‹.
Und noch ein Fundstück aus dem Vorwort (wir müssen aufpassen, daß wir nicht das ganze Buch abschreiben) gab Clemens zu denken: Coleridge habe geschrieben, so Borges, daß im Wachen die Bilder Empfindungen inspirierten, während im Traum die Empfindungen die Bilder inspirierten. Sein Beispiel war der Tiger, der im Wachen Angst bereite, wobei aber die Angst im Traum den Tiger inspiriere. Es müsse aber nicht per se etwas Angstmachendes oder Grauenerregendes sein, es gäbe keine einzige Form im Weltall, die sich nicht vom Grauen verseuchen ließe. Auch hier sprach Borges Clemens aus dem Herzen, und Clemens ergänzte für sich, die Nachtstuten bedenkend: selbst der liebste Mensch, der ja bei Clemens stets weiblichen Geschlechts sein sollte.

(aus: Telos, Berlin 2013, S. 165f.).

Dienstag, 26. Mai 2015

Wald

Cuentan que Ulises, harto de prodigios,
Lloró de amor al divisar su Itaca
Verde y humilde. El arte es esa Itaca
De verde eternidad, no de prodigios.

(Jorge Luis Borges, Arte poética; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 125).

Samstag, 23. Mai 2015

Fisch ist gut fürs Hirn!

Tout être, homme ou femme, qui aime le poisson, a des goûts délicats.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 24. September 1866).

Clemens blickte auf das Gebäude: die unteren Fenster waren sämtlich erleuchtet, Gardinen verwehrten jedoch den Einblick. Im ersten Stockwerk waren nur zwei Fenster hell, sonst war alles dunkel. Das gelblichgrünliche Licht, das Clemens von der Grünanlage aus gesehen hatte, kam von einem gelben Schild, darauf zu sehen das Wappen einer lokalen Brauerei mit dem Namen des Gebräus nach pilsener Art, darunter in grün der Name des Etablissements: Motel-Pension Rieselblick. Was alles Böses gegen das Bier bei Philosophen gesagt werde, so wie immer treffend Jean Paul, gelte nicht bei ihm.
Nun, dachte Clemens, zauderte einen Moment, dann schritt er schräg über den Parkplatz auf die Tür unter dem Schild zu. Neben der Tür war eine Reklame angebracht, die dazu aufforderte, mehr Fisch zu essen, denn Fisch sei gut fürs Hirn, angebracht von der Fischpacht und Fischräucherei Umschlag. Gut fürs Hirn und gut auch für … ergänzte Clemens bei sich. Die ersten Walfänger hielten den sogenannten Walrat, den sie im Kopf des Pottwales fanden, für dessen Sperma und nannten ihn dementsprechend Sperm Whale. Ja, das mimetische Vermögen … Analogien allen Orts …
Clemens drückte die Klinke herunter und trat ein.

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).

Freitag, 22. Mai 2015

Ein Nachmittag

Warum nicht?

Ist womöglich das Genie, das heißt der höchste Ausdruck, das nec plus ultra der intellektuellen Aktivität ledigliche eine Neurose? Warum nicht?

(Jacques-Joseph Moreau, La Psychologie Morbide Dans Ses Rapports Avec La Philosophie de L'Histoire, Ou de L'Influence Des Nevropathies Sur Le Dynamisme Intellectuel, Paris 1859).

Mittwoch, 20. Mai 2015

Noch zwei signifikante Monatskalenderblätter

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Der auf drei Tage angelegte Transfer von der Hauptstadt in das zweite Exil des Hans Köberlin an der weißen Küste des Landes des Ritters von der traurigen Gestalt und in dem Land des genialen Luis Buñuel, an jener Küste (allerdings etwas südlicher als die wilde lag die weiße), an welcher auch der nicht minder geniale Roberto Bolaño sein Exil verbracht, startete –
»¡Ándale, ándale!«
– also am frühen Morgen des Mittwochs, des 2. Oktobers 2013 (da war Hans Köberlin genau 53½ Jahre alt), und er, der Transfer, startete vor dem Haus, in dem die Frau lebte, im Bezirk des Hauptmanns, nachdem man am Abend zuvor mit Hilfe des Verlegers und des Busenfreundes den Teil von Hans Köberlins verbliebener Habe, den er mitnehmen wollte (den Rest hatte er auf dem Gutshof des Verlegers südwestlich der Hauptstadt abstellen können), als da waren …
  • fünf mittelgroße Kisten mit den Ende Mai nach einer wegen der Beschränkung mühsamen Auswahl zusammengestellten Bänden der von Hans Köberlin so bezeichneten ›Basisbibliothek‹,
  • eine große lederne Reisetasche, einen großen Rucksack und zwei blaue Plastiksäcke mit Hans Köberlins – abgesehen von einer Winterjacke, einem Wollschal und drei Paar langen Unterhosen – sämtlicher verbliebener Kleidung,
  • eine kleine lederne Reisetasche und einen kleinen von der Frau ausgemusterten Rucksack mit diversen Dingen (vor allem mit Computerzubehör und den zum Schnorcheln benötigten Utensilien),
  • eine Umhängetasche mit dem kleinen Laptop mit der klemmenden I-Taste, Unterwäsche zum Wechseln während des Transfers und Waschzeug sowie unverpackt an geeigneten Stellen im Auto verstaut
  • der eigens für das Exil gekaufte große Laptop, ein Scanner und ein Drucker,
… man startete also, nachdem man dies alles aus seiner zweiten provisorischen Bleibe seit Beginn der Lysakatastrophe in das Auto der Frau verladen hatte.
»¡Ándale, ándale!«


[324 / 0]
Am Donnerstag, dem 21. August 2014 … und vor dem ersten Einschlafen hier, wieder zurück: dahin kommen, überall gut leben zu können.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013, und Kapitel XXIII [Transfer retour], 13. bis 21. August 2014).

Freitag, 15. Mai 2015

Donnerstag, 14. Mai 2015

Ein Beispiel von heroischer Melancholie

Nadie rebaje a lágrima o reproche
Esta declaración de la maestría
De Dios, que con magnífica ironía
Me dio a la vez los libros y la noche.

(Jorge Luis Borges, Poema de los dones; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 48).

… candy colored clown they call the sandman …

In den Träumen (schreibt Coleridge) stellen die Bilder jene Eindrücke dar, die sie nach unserer Meinung nach hervorrufen; wir fühlen kein Grauen, weil uns eine Sphinx bedrückt, sondern wir träumen eine Sphinx, um das Gauen zu erklären, das wir empfinden.

(Jorge Luis Borges, Ragnarök; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 43).

Im Traum waren die Städte und die Landschaften im oben erwähnten Sinne Borges’ stets Emotionen. Die Sehnsucht, per definitionem auf das Unerreichbare gerichtet (die im Erreichbaren erfüllte Sehnsucht hatte sich ihm stets als Fata Morgana erwiesen), fand in den Träumen ihr Erreichbares in den Traumstädten und Traumlandschaften, ohne daß es da unbedingt gemütlich zugegangen wäre. Aber es waren der Immanenz des Clemens Limbularius’ ideale Himmel und Höllen.
(…)
Einer der wenigen überlieferten Aufzeichnungen Clemens Limbularius’: »Sonntag, den 6.: Träumte vor dem Aufwachen einen Satz: ›Und dann waren sie still und die Dunkelheit konnte hereinkommen.‹ Als ich merkte, daß der Satz von mir war, freute ich mich.«

Hebbel notierte am 29. November 1858 als Grabschrift für eine ehemalige Gönnerin folgendes Distichon in sein Tagebuch:

Wie von den einzelnen Mühen und Lasten des Lebens im Schlummer,
Ruht sie vom Leben selbst endlich im Tode sich aus.

(aus: Telos, Berlin 2013, S. 168ff.).

Seinsweisen

»אֶהְיֶה אֲשֶר אֶהְיֶה« (Exodus 3.14).

»I am not what I am.« (Iago in Shakespeares The Tragedy of Othello, the Moor of Venice, Act I, Scene I).

»I yam what I yam, an’ tha’s all I yam.« (Popeye the Sailor).

Dienstag, 12. Mai 2015

Das Universalbild

Die Referentin begann also mit dem Referat von Hans Köberlins Beschreibung einer geplanten aber – wen wunderts? – nie realisierten Installation mit dem Titel Das Universalbild. Diese Installation, so ging aus dem Text hervor, war inspiriert von Borges’ Erzählungen La biblioteca de Babel, El libro de arena und El aleph, wobei La biblioteca de Babel, wie sicher alle wüßten, wiederum in der Tradition von Leibniz stehe und vielleicht sogar von der Erzählung Die Universalbibliothek des preußischen Gymnasiallehrers und Kantianers Kurd Laßwitz inspiriert sei, Hans Köberlin jedenfalls habe sich bei Laßwitz die Anregung für seinen Titel geholt. Weiter erfuhr man, daß Hans Köberlin bei seiner Installation von einem Monitor mit einer bestimmten, der Einfachheit halber nicht allzu hohen Auflösung, sagen wir einmal sechshundertvierzig mal vierhundertachtzig, ausgegangen war, das ergaben dreihundertsiebentausendzweihundert Pixel. Ging man außerdem von zweihundertsechsundfünfzig RGB-Farben aus, so kam man per Kombinatorik zu einer sehr, sehr großen, aber endlichen (Ausrufungszeichen) Zahl von Möglichkeiten der Farbanordnung auf den dreihundertsiebentausendzweihundert Pixeln, jener sehr großen aber endlichen Zahl, die nach Hans Köberlin nichts anderes angab als die Zahl aller möglichen Bilder überhaupt, aller vergangenen und aller künftigen Bilder (…), sowohl aller – nennen wir sie einmal so – natürlichen Bilder, die alle jemals lebenden Menschen sahen und sehen werden, wenn sie irgendwohin schauen, als auch aller künstlichen Bilder in allen Phasen ihrer Entstehung und ihres Verfalls, von der Mona Lisa bis zu dem Beweisphoto eines Auffahrunfalls in einer Vorstadt mit Bürogebäuden, alle Bilder, seien sie nun gerahmt oder die bewegten Einzelbilder der Kinematographie (die gefilmten Fresken, die in Fellinis Roma in der Untergrundbahnbaustelle durch ihre Rezeption verschwinden), Bilder aus allen Perspektiven (die Camera obscura, die Clemens auf dem vatikanischen Deckengemälde gesehen hatte), den möglichen wie den unmöglichen (die Vogelperspektive bei Hitchcock), sofern sie bloß abbildbar waren. Und gäbe es einen Beobachter, der älter als die Welt werden könne, dann, so die Referentin, würde er mit Erstaunen – vielleicht – feststellen, daß es länger als das Bestehen der Welt brauchte, um Hans Köberlins Installation bis an das Ende eines vollen Durchlaufs zu betrachten, weil die Dauer der Welt ja bloß den Ablauf der realen Bilder ausmachte.
Ein Tuscheln ging durch den Raum, die Leute fragten sich, ob das logisch richtig war oder ob man ihnen einen Bären aufband.
Hans Köberlin, so die Kunsthistorikerin weiter, habe den Monitor irgendwo aufstellen und dann mit einem weißen Bildschirm als erstem Bild beginnen wollen, dann wäre die Kombinatorik in Gang gekommen, allerdings nicht systematisch mit einem Pixel links oben in der Ecke auf dem zweiten Bild et cetera, sondern zufallsgeneriert, damit es nicht die nächsten hunderttausend Jahre allzu langweilig werden würde, zufallsgeneriert aber ohne Wiederholung einer bereits aufgetauchten Kombination von Pixeln, denn man wollte ja irgendwann zu einem Ende kommen, das war ja die Pointe dieses Projekts. Und was man während ihrer Einführung im Hintergrund gesehen habe (sie blickte kurz hinter sich) und jetzt noch sehe sei der Versuch (man hörte die Ironie in ihrer Stimme), einen Ausschnitt aus diesem Projekt zu rekonstruieren.
Soviel dazu.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 488ff.).

Montag, 11. Mai 2015

5. Februar 1866

Der Norden schenkt sich den Rausch ein, der Süden atmet ihn: es gibt Länder, wo man den Himmel trinkt.

(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 325).

Sonntag, 10. Mai 2015

home is where my heart is …

Später ging man schwimmen und entdeckte die ›Tango Bar‹, die sich mit der Zeit – wir werden darüber berichten – zur Institution im Leben des Hans Köberlin hier entwickeln sollte, noch institutioneller als das »chez Magny« der Gebrüder Goncourt,* und der emblematische Blick würde der Blick von der Bar auf das Meer werden, mit einer Bank und einer Laterne auf der Promenade als strukturierende Akzente. Und wenn man nach rechts schaute, dann sah man den Peñón de Ifach hinter Palmen … Wild Palms … und Hans Köberlin mußte an Faulkner denken und mit einem leichten Schmerz im Gemüth an die Umstände seiner Faulknerlektüre. Man bestellte una cerveza con limón (die Frau) und una cerveza (Hans Köberlin), küßte sich, scherzte, vergaß die Zeit und den Tag (den letzten) und sah dem Treiben am Strand und auf der Promenade zu.


* Samedi 22 novembre [1862]. – Gavarni a organisé avec Sainte-Beuve un dîner qui doit avoir lieu deux fois par mois. C’est aujourd’hui l’inauguration de cette réunion et le premier dîner chez Magny, où Sainte-Beuve a ses habitudes. Nous ne sommes aujourd’hui que Gavarni, Sainte-Beuve, Veyne, de Chennevières et nous, mais le dîner doit s’élargir et compter d’autres convives. (Vgl. – mit einem etwas anderen Wortlaut – Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 417).


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

Samstag, 9. Mai 2015

Der Beginn eines großen Abenteuers

Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose ‘Ndrja Cambrìa, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.

(Stefano D’Arrigo, Horcynus Orca, aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn, Frankfurt am Main 2015, S. 11).

Donnerstag, 7. Mai 2015

Kein Grund zur Eile, oder?

Heute nach dem Frühstück las ich bei Kierkegaard dort weiter, wo ich vor ein paar Tagen aufgehört hatte, und las:

»Vielleicht wäre die Sache mir besser geraten, wenn ich noch etwas gewartet hätte – jedenfalls habe ich nicht darum geeilt, weil ich besorgte, ein besserer Kenner könnte mir zuvorkommen; nein, sondern weil ich fürchtete, daß, wenn ich schwiege, die Steine anheben würden.« (Søren Kierkegaard, Die unmittelbar-erotischen Stadien oder das Musikalisch-Erotische; in: Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Leipzig 1885, S. 74).

Eben dann, kurz nach Mittag, las ich bei Pessoa dort weiter, wo ich gestern aufgehört hatte, und las:

»Nach uns allen kommt die Sintflut, aber erst nach uns allen. Wohl denen, die erkennen, daß alles Fiktion ist, und ihren Roman schreiben, bevor ihn ein anderer für sie schreibt.« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.103).

Ein zweifacher Appell …: in dem Bewußtsein, daß weder die Steine anheben werden noch ein anderer meinen Roman schreiben wird, lasse ich mir die Zeit, die ich brauche, und zur Not bleibt noch die Gattung ›Fragment‹

Mittwoch, 6. Mai 2015

Noch ein Alibi

Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 260 und 261 von Niklas Luhmanns Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, genauer: in dem Text 9. Die Evolution des Kunstsystems, erfuhr, habe ich für den Freitag, den 7. Februar 2014, 14:46 Uhr, ein Alibi (das zweite an einem Tag gefundene, siehe: Ein Alibi). Damals nämlich löste ich in einer Tram einen Einzelfahrausweis, Regeltarif für den Tarifbereich Berlin AB.

Symmetrie

Über seine Erinnerung grinsend sah Clemens ein symmetrisches Doppelhaus. Jede Symmetrie ist eine Lüge, dachte Clemens, weil es ja zwei nur quasiidentische weil spiegelverkehrte Teile sind, Borges hatte irgendwo von unnützen Symmetrien und manischen Wiederholungen gesprochen. Das Drama der zwei, die zusammen sind, ist: sie gehen entweder in einem auf oder zerfasern sich im Unendlichen. Außerdem, wie Blumenberg richtig bemerkt hatte, gab es da eine grundlegende Asymmetrie in allem Sein überhaupt, nämlich der Rest, der in dem voranfänglich symmetrischen Verhältnis von Materie und Antimaterie am Anfang von allem dann von der Materie übrig geblieben war und der eben ausmachte, daß da etwas war und nicht nichts, siehe auch Althusser, Materialismus der Begegnung, wobei es bei dem eine Aberration und keine Asymmetrie war. Jedenfalls: das war eine gute Grundlage für einen gesunden Nihilismus … hm, aber wohl auch nicht, denn man mußte ja dem Gerede von Materie und Antimaterie und Asymmetrie und Aberration glauben. Ich glaube an den Nihilismus – was für ein Satz! Über die Frage, warum etwas war und nicht nichts war, darüber machte Clemens sich keine wirklichen Gedanken. Der Überschuß an Materie, aus der nach diesen Theorien alles kam, war natürlich kein Anfang, denn irgendwoher mußte diese Asymmetrie oder Aberration ja gekommen sein und irgendwoher mußte die Materie und die Antimaterie oder die Homogenität, von der abgewichen wurde, ja gekommen sein, daß sie in einem asymmetrischen oder aberrierten Verhältnis zueinander stehen konnten, Hennen und Eier das alles … Man konnte sich da nur noch unter Nichtberücksichtigung der Details entscheiden zwischen der Annahme eines selbstreflexiven Anfangs oder der Annahme eines Zufalls als Auslöser der Asymmetrie oder der Aberration innerhalb der Ewigkeit. Clemens votierte bei dieser Frage ganz klar für den Zufall. Analoges nahm er für das Ende von allem an, oder, je nach Gusto, für den großen Neuanfang, aber das, das Ende, kümmerte ihn noch weniger als der Anfang, weil er ja da nicht mehr sein würde, das würde nicht mehr sein, was den Clemens ausmachte, nur noch eine Handvoll verstreuter indifferenter Mineralien und Salze (per un pugno di salini … und Clemens pfiff vor sich hin, Camel Filters …). In gewisser Weise, so dachte er sich, trug er die Zeit von irgendeinem zufälligen Anfang, den er annahm, bis zu seiner Geburt als Erbe mit sich herum, ein restaristotelisches Denken war das wohl, aber relevant wurde es für ihn mit der Welt erst von dem Moment an, in dem er da war, ob pränatal oder erst nach der Geburt, auch die Frage war ihm zweitrangig.

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird; siehe auch Asymmetrie).

Ein Alibi

Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 164 und 165 von Jorge Luis Borges’ Einhorn, Sphinx und Salamander, auf denen sich der Artikel Die Achtfache Schlange befindet, erfuhr, habe ich für den 23. Dezember 1994, 9:59 Uhr, ein Alibi. Damals kaufte ich nämlich für 16,90 DM in der Buchhandlung Schmitt & Hahn im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main den 8. Band von Borges’ Werken in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1992.

Dienstag, 5. Mai 2015

Die Nichtexistenz der Tiefe

Ich entdeckte die Nichtexistenz der Tiefe. Was uns an die Existenz der Tiefe glauben läßt, ist lediglich der Abstand, der sich zwischen uns und ›eine‹ Oberfläche schiebt. Zwischen uns und der ›Tiefe‹ ist nur eine Abfolge von ›Oberflächen‹. Auch die ›Tiefe‹ ist eine ›Oberfläche‹.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Der Deutsche und Europa, S. 88; in diesem Artikel gibt es auch wunderbare Passagen gegen jeglichen Nationalismus und Patriotismus).

Sonntag, 3. Mai 2015

Übergänge

Rien de déchirant comme ce suprême sourire d’un homme qui commence à être un mort.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 26. September 1865).

Donnerstag, 30. April 2015

Satori

Denn niemand ist da, der etwas gewahr wird, noch ist etwas vorhanden, das zum Gegenstand des Gewahrwerdens wird. Trotzdem gib es deutlich einen Zustand des Gewahrseins.

(Deisetz Teitaro Suzuki, Leben aus Zen. Mit einer Einführung in die Texte von Wei-Lang (Hui-neng), Frankfurt am Main 1982, S. 91).

Dienstag, 28. April 2015

Bernardo Soares super grammaticam

Will ich sagen, daß ich existiere, werde ich sagen: »Ich bin.« Will ich sagen, daß ich als einzelne Seele existiere, werde ich sagen: »Ich bin ich.« Will ich aber sagen, daß ich als Wesenheit existiere, die sich an sich selbst richtet und sich selbst gestaltet und der göttlichen Aufgabe des Sich-selbst-Erschaffens nachkommt, wie könnte ich da das Verb »sein« anders verwenden als auf der Stelle transitiv! Dann werde ich triumphierend und über alle Grammatikregeln erhaben sagen: »Ich bin mich.«

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 96; Pessoas Hauptwerk hat übrigens auch Kommissarin Eva Saalfeld in dem grottenschlechten Tatort vom vergangenen Sonntag gelesen).

Hans Köberlin und die Musik #4 und Beschluß

Aber jetzt zu den Anfängen der bewußten Musikrezeption Hans Köberlins, noch nicht als guter Zuhörer, aber auf dem Weg dorthin, mit dem ersten Radiorecorder von Philips, BASF Cassetten, C120, den entsprechenden Bandsalat reparierte man selber mit Tesafilm, hier ergaben sich Stellen, die man – die Macht der Gewohnheit – nie mehr unverstümmelt hören konnte, zu Zeiten des Glamrocks (man hörte nun von T. Rex Children of the Revolution) und der sogenannten Oldies, als was man damals die Musik von den Anfängen des Rock’n’Roll über die Musik der Beatles und der frühen Rolling Stones bis zu der Musik der Zeit von Woodstock bezeichnete (man hörte – nicht von dem Festival – Jimi Hendrix’ Version von Bob Dylans All along the Watchtower), und eingeschlossen in das Glitternde und Glitzernde auf der einen und das Expressive, nach Authentizität Lechzende auf der anderen Seite, eingeschlossen wie eine Perle in einer Auster, also wenn einer das Prädikat progressiv verdient habe, dann CAN (man hörte – natürlich – Spoon), auch denen sei Köberlin sein Leben lang treu geblieben. Dann der sogenannte Artrock, unter deren Bands aber bloß Pink Floyd (man hörte Whish you where here) und King Crimson übergeblieben wären, dann ein kurzer Abstecher zu Bands aus den USA, wie etwa den Allman Brothers, Hot Tuna und Grateful Dead (es gab eine Sequenz aus Dark Star), wobei Hans Köberlin letzteren gleichfalls treu blieb, die Doors (man hörte Love Street) nähmen hier eine Sonderstellung ein, denn mit denen sei er damals in die Welt gezogen, hier läge allerdings wegen Köberlins modifiziertem Verhältnis zu Drogen eine partielle Untreue vor, und dann – endlich! – dann käme die Entdeckung des Jazz (hier kam prompt Miles Davis, der Anfang von Pharaoh’s Dance) sowie die Entdeckung Frank Zappas, Kevin Coynes, der Canterbury Szene (Robert Wyatt, Kevin Ayers, Daevid Allen et cetera) und schließlich die Entdeckung Fred Frith’ sowie die der New York Downtownszene um den genialen Saxophonisten John Zorn (hier kam – nicht ganz repräsentativ für seinen Stil, aber was hätte das bei der Vielfalt auch sein sollen?! – John Zorns Interpretation von Ennio Morricones The Sicilian Clan von dem ersten Naked City Album, und Clemens und der Verleger – zwei Deppen und ein Gedanke – nannten Emilia den Titel, die jedoch Film sowie Soundtrack selber kannte) und schließlich die Entdeckung der zeitgenössischen Musik, etwa Stockhausen, Holliger, Xenakis und Goebbels. Dazwischen habe es immer Einschübe der sogenannten klassischen Musik gegeben, hier vor allem Bach – hier mußte natürlich der Name Glenn Gould fallen –, die Kammermusik der ersten wiener Schule, die drei großen Opern von Mozart und da Ponto (man hörte Leporellos Listenarie), dann natürlich das fin de siècle, das Klavierwerk Eric Saties und die Symphonien Mahlers.
Dann zog der Referent einige Schlüsse über die Entwicklung von Köberlins Hörgewohnheiten und seinem Musikverständnis, etwa sein heikler Umgang mit dem Pathos, die Rolle des Rhythmus’, Köberlins Aneignungsmethode von extrem komplexer neuer Musik (mittels Verknüpfung mit den diversen Rezeptionssituationen), seinen musikalischen Stimmungen, idiosynkratischen Reaktionen (Der letzte Trottel kann einem die beste Musik vergällen!) und dem, Zitat Köberlin: permanenten Soundtrack zu seinem Leben im Kopf, Zitatende, et cetera. Neben den eben erwähnten gab der Referent noch andere Hörbeispiele, während denen er die Cover der Alben oder Bilder der Musiker und Komponisten an die Wand projizierte. Man kam sich vor wie in Thomas Manns Zauberbergkapitel In der Fülle des Wohllauts, das war sehr angenehm und hätte noch eine zeitlang so weitergehen können. Einige notierten sich, wohl das bedenkend, was sie über die Distributionswege unpopulärer Musik gehört hatten, die Titel der Alben, und am Ende wurde der Referent mit großem Applaus bedacht, als hätte er selber ein Konzert gegeben. Ein paar Leute fragten nach Musik, die sie wohl persönlich bevorzugten, dann war es gut.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 478ff.).

Montag, 27. April 2015

Hans Köberlin und die Musik #3

Bevor er nun chronologisch die einzelnen Phasen von Hans Köberlins Musikrezeption vorstelle, möge man ihm einige allgemeine Bemerkungen über die Unterscheidung in populäre und nichtpopuläre Musik erlauben, eine Unterscheidung, die entgegen der landläufigen Meinung nicht gleichzusetzen sei mit der Unterscheidung in sogenannte Unterhaltungsmusik und sogenannte ernsthafte Musik und die schon gar nicht ein ästhetisches Qualitätsurteil impliziere. Nein, ihm gehe es bei dieser Unterscheidung um die verschiedenen Distributionswege, die damit einhergingen. Und er entwarf verschiedene Möglichkeiten musikalischer Seilschaften, die für die Verbreitung unpopulärer Musik sorgten und die zu so etwas führten, was der Verleger eben als unter seinesgleichen bezeichnet hatte, analog dem etwa, was Ernst Jünger einmal bezüglich der Sterne-Leser als den geheimen Orden der Shandyisten bezeichnet hatte. Daraus ergaben sich Bezüge und Konstellationen, die ähnlich wie bei dem eben erwähnten Robert Walser als Schiboleth dienen konnten. Fred Frith bezeichnete der Referent als den populärsten unter den nichtpopulären Musikern.
Dann kam er zu Hans Köberlin zurück, es gäbe da etwas, über das man nicht sprechen müsse, quasi vor dem Anfang, da wäre der kleine Hans noch unter zehn gewesen, Komm zu mir habe der Schlager geheißen und, wenn er recht informiert sei, Edina Pop habe ihn gesungen, hier nur der Refrain und auch nur gesprochen (der Referent intonierte betont ernsthaft, als trage er wahre Poesie vor):
Komm, komm zu mir,
du mußt nicht lange fragen,
die Tür ist offen wie mein Herz.
Komm, komm zu mir,
du kannst es ruhig wagen,
denn sowas sag ich nie zum Scherz.
Das glaube man dem kleinen Hans, daß er damit nicht scherze, flüsterte Clemens dem Verleger zu, der wiederum zu Emilia hinschielte.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 477f.; siehe → #4).

Hans Köberlin und die Musik #2

Nähme man Adornos Typen musikalischen Verstehens, so der Referent weiter, dann könne man Hans Köberlin zu den guten Zuhörern zählen. Der gute Zuhörer, Zitat, höre über das musikalisch Einzelne hinaus; vollziehe spontan Zusammenhänge, urteile begründet, nicht bloß nach Prestigekategorien oder geschmacklicher Willkür, aber er sei der technischen und strukturellen Implikationen nicht oder nicht voll sich bewußt, er verstehe Musik etwa so, wie man die eigene Sprache verstehe, auch wenn man von ihrer Grammatik und Syntax nichts oder wenig wisse, unbewußt der immanenten musikalischen Logik mächtig, Zitatende.
Dann hantierte der Referent erneut an dem Laptop herum, und an der Stelle der Notation erschien ein von Ray Smith gestaltetes Plattencover der britischen Band Henry Cow, jene legendäre Socke grob aus roten und blauen Elektrokabeln gestrickt, das Ende des Beines (spät erst war bei Clemens der Groschen gefallen), wozu Musik erklang.


Teenbeat, flüsterte Clemens dem Verleger zu, der nippte wissend an seinem Wein und meinte bestätigend, man befände sich unter seinesgleichen. Was man soeben gehört habe, so der Referent nach dem Ausklingen der letzten Töne, hieße Teenbeat und sei ein sehr frühes Stück, das Fred Frith als Mitglied der britischen Band Henry Cow eingespielt habe, ein Stück, in dem die wichtigsten Aspekte der Musik dieses Genies bereits angelegt seien, in seinen eigenen Worten: a beautiful living and breathing beast that was always fun to play and had all kinds of hidden subtileties. Fred Frith – ein Multiinstrumentalist – sei der Musiker, dessen OEuvre den erwachsenen Hans Köberlin ständig begleitet und ihm über weite Strecken den Soundtrack seines Lebens geliefert habe und der ihn auch häufig beim Schreiben beeinflußt habe, explizit zum Beispiel das Album Dropera bei dem Ende seines ersten Romans, für Köberlin sei Fred Frith der bedeutendste zeitgenössische Musiker gewesen, und nicht nur zeitgenössische, zurecht, wie er glaube, deswegen habe er dieses Beispiel auch an den Anfang seines Vortrags gestellt.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 476f.; siehe → #3).

Hans Köberlin und die Musik #1

Der nächste Referent stand bereits am Rednerpult, das er ohne Hilfe des Busenfreundes fachkundig in die seiner Größe angemessene Höhe gekurbelt hatte. Er legte eine CD in den Laptop, wollte anheben, sah den Verleger mit dem Tablett und wartete, bis der an seinem Platz angekommen war, seine Nachbarn ihn von der Last befreit hatten und er sich hinsetzen konnte. Die drei duckten sich weg und machten sich unauffällig an den Verzehr ihrer Brezeln.
Der Mann klopfte Toc, Toc, Toc auf das Mikrophon, räusperte sich dann und nannte seinen Namen, sagte, daß er Hans Köberlin von dessen einundzwanzigstem Lebensjahr an gekannt und mit ihm eine Weile in einer Kommune gelebt habe, und daß er hier nun über Hans Köberlins Verhältnis zur Musik und seine diesbezüglichen Neigungen referieren wolle. Um es gleich vorweg zu sagen: Hans Köberlin sei zeitlebens nur ein Rezipient von Musik gewesen, wenn auch ein elaborierter, von Musik als der sinnlichsten aller Künste, gemäß dem von Hanns Zischler überlieferten Wort Godards, Musik drücke nicht die Seele, sondern den Körper einer Frau aus; Köberlin sei jedoch, was das Machen von Musik betraf, vollkommen untalentiert gewesen und habe keine Noten lesen können, und die zwei oder drei Dinge, die es da gab und die, wie er gehört habe, im Rahmen der Werkausgabe auf der Daten-DVD erscheinen würden, das seien reine Kuriosa, musikalisch völlig nichtssagend. Er wolle deswegen hier bloß einen dieser musikalischen Versuche anführen, nämlich jenen mit Swallow Songs betitelten, bei dem sich Köberlin sehr stark – und sehr stark wäre noch untertrieben – an John Cage orientiert habe.
An einem lauen Sommerabend beim Weizenbier an einem See im Osten (aber von hier aus im Nordwesten) sitzend habe Köberlin relativ gedankenlos, wie er ausdrücklich in einem Brief an ihn vermerkt habe, auf das Dach eines Bauernhofes, unter dessen Traufe viele Schwalben nisteten, geschaut. Auf dem Dach habe es eine Fernsehantenne mit fünf Querstreben gegeben, auf denen die Schwalben zwischen ihren abendlichen Fliegenjagden gesessen hätten, aber nicht still, es habe ein ständiges Hin und Her und Kommen und Gehen gegeben, und irgendwann habe Köberlin damit begonnen, die Positionen der Schwalben auf den Querstreben der Fernsehantenne auf eine Serviette zu notieren. Herausgekommen sei dabei folgendes … Er hantierte eine Weile an dem Laptop herum … Da Köberlin, wie gesagt, keine Noten … er hantierte … die spielbare Notation stamme von ihm … er hantierte weiter und an der Stelle der vermutlich letzten Photographie Hans Köberlins, gemacht vermutlich von seiner unbekannten Reisebegleiterin, erschien … So …


Das, so der Referent, höre sich etwa so an … Und man hörte eine Aufnahme, bei der jemand – vemutlich der Referent – das auf einem Klavier gespielt hatte, was einer, der Noten lesen konnte, bereits in seiner Vorstellung (dabei den Kopf schüttelnd) gehört haben mochte. Aha … kurios, sehr kurios!

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 474ff.; siehe → #2).

Noch ein denkwürdiger Tag (heute)

Heute habe ich bei der Überarbeitung von ¡Hans Koberlin vive! quasi – wenn dieser martialische Begriff in dem Kontext einmal erlaubt sei – die Front erreicht; das heißt: ich bin jetzt da, wo ich Mitte August 2014 in Calpe vor meiner Rückreise mit dem Schreiben aufgehört habe (die Überarbeitung hat die Frontlinie mittlerweile bis zu S. 666 vorgetrieben) …

 [129 / 195]
An diesem Freitag, dem 7. Februar 2014, gab es – kaum zu glauben! – kein archiviertes Filmkalenderblatt und auch der neue Zitatenkalender gab nichts unmittelbar Bemerkenswertes her und auch der postexilische Zitatenkalender des Jahres 2015 nicht. Hans Köberlin hatte geträumt, er wäre in einer Wandergruppe, es ging durch Wälder und auf asphaltierten Straßen entlang von Bächen in die kreisfreie Stadt Kaufbeuren; oder aber die kreisfreie Stadt Kaufbeuren sollte das Ende der ersten Etappe sein. Alle waren am Abend erschöpft, worüber Hans Köberlin sich wunderte, denn er merkte nichts von dem Gehen und wäre am liebsten noch weiter gegangen. Die Gruppe saß in einem Gasthaus, übernachtet sollte, glaubte Hans Köberlin sich zu erinnern, in einer Art Jugendherberge werden. Dann war er auf einem Bahnhof und stieg eine Treppe hinab, die nach 39 Stufen plötzlich im Nichts aufhörte. Es waren Bauarbeiten zugange und er stand ungefähr zehn Meter über dem Boden und hatte Angst, hinunterzufallen. Die Bauarbeiter meinten, er solle sich nicht so anstellen und einer sprang zur Demonstration von ganz oben hinunter und landete nach einem dieser typischen Zeitlupentraumsprünge auf einem Kühlschrank, der unten stand, so ein laut brummender Kühlschrank, wie die Frau ihn in der Küche hatte. Das wollte Hans Köberlin auf keinen Fall versuchen, obwohl es bei dem Bauarbeiter leicht ausgesehen hatte. Dann kam noch ein Mensch, ein Rucksacktourist, der vor dem gleichen Problem wie Hans Köberlin stand, worauf der froh war, nicht mehr allein in dieser mißlichen Lage zu sein, denn jetzt mußten sie etwas unternehmen. Einer der Bauarbeiter improvisierte und ein Eisengitter, wie es zur Bewehrung von Beton benutzt wurde, kam an einem Seil von oben herab. An das klammerten sich der Rucksacktourist und Hans Köberlin und derart wurden sie auf den Boden herabgelassen. Dann waren da irgendwelche Sätze, die modifiziert werden wollten, die Sätze quasi in Form von Gegenständen oder Ereignissen, die wie ein Film vor Hans Köberlin abliefen, und er kam nicht so recht weiter damit.
Sein Echtermeyer-Sortilegium nach dem Erwachen führte ihn zu Angelus Silesius …

Das Wort, das dich und mich und alle Dinge trägt,
Wird wiederum von mir getragen und gehegt.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014; vgl. auch Empirie).

Zufällige Erinnerung an einen denkwürdigen Tag

Samstag, den 21. [Juni 2008] – Mein ganzes bisheriges Leben kommt mir im Augenblick so vor wie eine einzige Aneinanderreihung von genußvoll bei einem Glas guten Rotweins oder nach dem Essen zu Espresso und Cognac oder Trester inhalierten Zigaretten. Und das soll jetzt vorbei sein … Die letzte Zigarette ist weg und ich denke an nichts anderes als an das Rauchen.

Samstag, 25. April 2015

Freitag, 24. April 2015

Eine zweifelhafte Gewohnheit

Diese – zweifelhafte – Gewohnheit des morgendlichen Photographierens behielt er in der Folge noch eine Weile lang bei, wobei er allerdings – zu seinem eigenen späteren Bedauern, als er nämlich anfing zu versuchen (wozu auch wir, wenn auch teilweise mit anderen Mitteln, angetreten), die Zeit mit dem Anlegen von Listen und Reihen zu verdichten – nicht darauf achtete, immer die gleiche oder zumindest (ohne Stativ) ungefähr die gleiche Perspektive beizubehalten, um an der Gleichheit – wir hatten das im Kontext mit unseren Anmerkungen zur Gewohnheit – die Variation zu goutieren.
Der Begriff ›Photographieren‹, so kam es Hans Köberlin in den Sinn, bezeichnete allerdings den Vorgang, den er da mit seinem Taschentelephon vollzog, eigentlich nicht mehr treffend, denn er ›schrieb‹ oder ›zeichnete‹ ja nicht mehr mit Licht, er meinte damit: er hatte keinen Film, oder wie ganz früher, keine Photoplatte mehr … was er da machte, so dachte er, könnte man vielleicht treffender als das ›Digitalisieren von Blicken‹ bezeichnen. Aber wie, kam es ihm daraufhin in den Sinn, wie war es dann mit dem Schreiben auf dem Computer? Sollte man das dann analog als das ›Digitalisieren von Semantik‹ oder gar von ›Sinn‹ (›Sinn‹ im Sinne Luhmanns) bezeichnen? »Der Computer, die Tastatur und das Wordprogramm als Paratexte meines Schreibens …« Da ging etwas durcheinander … Verfahren und Medien und Metaphern … Hans Köberlin war noch zu träge zum Denken, und aktuelle diesbezügliche wissenschaftliche Publikationen – das ›Bild‹ wurde gegenwärtig mittels einer eigenen Wissenschaft untersucht – hatte er nicht in seine Basisbibliothek aufgenommen, also belassen wir es bei ›Photographieren‹.


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

Dienstag, 21. April 2015

Empirie

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Das sagt was aus.
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Ein Moment am Donnerstag, dem 12. Juni 2008

Im Zug beim Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft eingeschlafen und später wieder wach geworden, weil die Musik zu Ende war.

Man kann nicht alles haben

… der Drache ist vielleicht das bekannteste, aber gleichzeitig das unglücklichste aller Tiere der Phantasie.

(Jorge Luis Borges, Der westliche Drache; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 8: Einhorn, Sphinx und Salamander, Frankfurt am Main 1992, S. 47).

Montag, 20. April 2015

Noch ein Fundstück, diesmal von Benjamin und mit Quellenangabe

»Aus dem Erfahrungskreise der Schwelle hat das Tor sich entwickelt, das den verwandelt, der unter seiner Wölbung hindurchschreitet.«

(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 139; es geht ihm um den Arc de triomphe: »Das römische Siegestor macht aus dem heimkehrenden Feldherrn den Triumphator.«).

Man denkt bei dem Überschreiten der Stadtgrenze von Paris – »Nirgends, es sei denn in Träumen, ist noch ursprünglicher das Phänomen der Grenze zu erfahren als in Städten.« (ebd., S. 141) – natürlich gleich daran, wie Eddie Constantine alias Lemmy Caution in Alphaville, der Hauptstadt der Schmerzen, Jean-Luc Godards schwarzweißem Paris des Jahres 1965, ankommt, und wie er die Stadt mit Anna Karina alias Natacha Von Braun wieder verläßt …

Zwei Zitate von Hermann Broch, vor sieben Jahren ohne Quellenangabe zitiert

»Oft ist es, als ob man sein ganzes Leben darauf angelegt hätte, sich selbst Überraschungen zu bereiten, sich erstaunt oder erschreckt zu stellen vor etwas, das man selbst herbeigeführt hat.«

Und folgende Formulierung:

»… und sie lehnte am Fenster in der ruhigen Sicherheit ihrer Anmut.«

Sonntag, 19. April 2015

Tatort Nr. 52 (Essen): Die Abrechnung (Wolfgang Becker, 1975)

Wenn ich eine Fernsehproduktion aus den siebziger Jahren, die auch in dieser Zeit spielt, sehe, dann habe ich das Gefühl, daß da die Welt wohl noch in Ordnung gewesen sein mußte, obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß sie da auch nicht mehr oder weniger in Ordnung oder in Unordnung gewesen war als jetzt. Es geht auch nicht um meine Gemüths- oder Lebensumstände, nein, daß ich von diesen Fernsehfilmen so affiziert bin, das liegt vielleicht daran, daß das, was derzeit öffentlich geschieht, diese Mischung aus wohlfeilem Zynismus, Dummheit und Unverschämtheit, damals noch nicht so geschmacklos war, beziehungsweise: daß man sich noch genötigt sah zu versuchen, diese Mischung aus wohlfeilem Zynismus, Dummheit und Unverschämtheit zu camouflieren (vielleicht kann man sagen: man hatte damals noch ein natürliches Verhältnis zu dem Künstlichen, wohingegen man heute das Künstliche natürlich erscheinen lassen will), oder daran, daß etwas noch nicht so perfekt war oder sein mußte, oder auch daran, daß noch der letzte Hauch einer Aufbruchsstimmung (1968) nachwehte (wie wenig fundiert die auch immer gewesen sein mag). Es liegt vielleicht auch einfach daran, daß ich damals noch jung war (siehe Kafkas Kleine Fabel).

Die reiche Witwe Evelyn tötete ihren Schwiegervater und den Einbrecher, mit dem sie sich nur eingelassen hatte, um den Einbruch zu inszenieren, in dessen Kontext dann der Mord geschehen sollte.
Der Ablauf der Tat war von Anfang an klar, die Frau kam vor Gericht und ihr Anwalt Dr. Alexander – eine Karikatur von Rolf Bossi – paukte sie heraus und machte den ermittelnden Kommissar Haferkamp dabei lächerlich. Der Anwalt war der beste Freund des ermordeten Schwiegervaters und drohte seiner Mandantin Konsequenzen für den Fall an, sollte sich herausstellen, daß sie es doch getan hatte.
Die Stieftochter der reichen Frau hatte den Mord beobachtet, sie kam mit der Tat nicht klar und brachte sich um (wie setzte man die Tragik ins Bild, die der Selbstmord eines jungen Mädchens bedeutete? – nun: man zeigte, als ihr Körper nackt in der Pathologie lag, ihre schönen Brüste).
Die titelgebende Abrechnung des Anwalts, der aus dem Abschiedsbrief des Mädchens den Tathergang erfahren hatte, sah nun so aus, daß er den Selbstmord als Mord arrangierte, den er dann seiner Mandantin anlastete.

Das Ganze war keine Meisterleistung der Regieführung, der Anwalt hätte nicht so dick auftragen dürfen, alles war zu offensichtlich, aber: obwohl ich diese Episode mindestens schon zweimal gesehen hatte, langweilte ich mich an keiner Stelle. Es machte mir einfach Freude, den Leuten zuzuschauen. Gelungen war die Schilderung des Milieus von Haferkamp, die Behörden (die Beamten schämten sich noch nicht, welche zu sein und sahen auch noch so aus) und die Kneipen (damals noch Paradiese für Raucher und Trinker, man lernte etwas über den Unterschied von Frikadellen, deutschem Beefsteak und faschierten Laberln – Haferkamp in einer anderen Folge: »Ein Steak braten, das kann wirklich jeder. Aber für eine Frikadelle braucht man Erfahrung! Eine Frikadelle darf außen nicht verkrustet sein und nicht zu hell. Schlechte Frikadellen sind matschig oder knochenhart, wenn man sie anfaßt. Die meisten sind auch viel zu groß, sind weich und lappig wie ein Pfannkuchen! Sie müssen klein sein und fast rund, ein bißchen abgeflacht, außen kroß und innen gerade durch.«), da kannte sich Wolfgang Becker – oder, wahrscheinlicher: Hansjörg Felmy – wohl aus, wohingegen die Schilderung der reichen Witwe und ihres Umfelds und die der beiden Gerichtsszenen holzschnittartig gerieten.
Das Wort ›Intelligenz‹ fiel auffallend oft und manchmal in kuriosen Zusammenhängen. Haferkamp hatte die Möglichkeit, über die Moral des Polizisten zu philosophieren und der Schauspieler, der den Anwalt spielte, konnte zeigen, was er auf der Theaterbühne gelernt hatte, denn da kam das her, was er und Maria Schell trieben (etwa wenn sie ein Buch aus dem Regal nahm und darin blätterte … man sah die Regieanweisung direkt vor sich: ›Evelyn (nimmt ein Buch aus dem Regal und blättert darin) …‹). Drastisch war die Großaufnahme der schweißnassen Mundpartie des Anwalts, während er sein Plädoyer hielt und als er sich am Ende – auch in einer Großaufnahme, diesmal seines ganzen Gesichts – nach seiner Entlarvung zwei Finger auf den Mund legte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).

Freitag, 17. April 2015

In Re Don Giovanni

Was Mozarts Musik betrifft, so kennt meine Seele keine Furcht, mein Vertrauen keine Grenze. Teils ist, was ich bisher verstanden habe, nur sehr wenig, und immer bleibt noch genug, was sich in den Schatten der Ahnung hüllt; teils bin ich überzeugt, daß, würde Mozart mir jemals ganz begreiflich, er mir erst vollkommen unbegreiflich würde.

(Søren Kierkegaard, Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Leipzig, 1885, S. 63).

Schön!

Ihre braunen Augen sind groß und klug. Wenn sie durch die Wälder des Südens geht, begleitet sie sicher der große Pan, der nur für sie aus seinem Schlafe erwacht; ein Käfer setzt sich wohl dann als unbekannter Edelstein auf ihren Finger.

(Friedrich Glauser, Ascona; in: Der alte Zauberer. Das erzählerische Werk Band II: 1930-1933, Zürich 1992, S. 86; Glauser schreibt über die Malerin Marianne von Werefkin).

Mittwoch, 15. April 2015

esse est percipi

Wenn man das Böse nicht kennt, existiert es nicht.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort abat-jour, S. 13).

Dienstag, 14. April 2015

So what …

Jeder Augenblick ist autonom. Weder die Rache noch die Vergebung, noch die Kerker, noch auch das Vergessen können die unversehrbare Vergangenheit modifizieren. Nicht minder fruchtlos erscheinen mir die Hoffnung und die Furcht, die sich immer auf künftige Vorfälle beziehen; das heißt auf Vorfälle, die uns, die wir das minutiöse Präsens sind, nicht zustoßen werden.

(Jorge Luis Borges, Neue Widerlegung der Zeit; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 191).

On dit …

Samuel Johnson soll gesagt haben, daß die Torheiten des Lebens von dem Versuch herrühren, das uns Unähnliche nachzuahmen.

Montag, 13. April 2015

!

11. Mai [1865] – Es tut gut, glücklich zu sein!

(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4., S. 221).

Sonntag, 12. April 2015

¡Ándale, ándale!

In den vergangenen Tagen hatte Hans Köberlin so viel Notwendiges zu erledigen gehabt, daß er das Gewicht des Schrittes, den er gerade dabei war zu unternehmen – vollkommene Entwurzelung –, nicht realisierte. Er war sich stets wie ein marginal man vorgekommen, aber nun hatte er gemerkt, wie eingebunden er in die diversen Systeme der Gesellschaft war.* Jetzt sollte doch eigentlich eine neue Ära beginnen, aber es galt noch immer Altlasten abzutragen. Immer galt es noch Altlasten abzutragen, man hatte nie alles erledigt, es gab in Hans Köberlins Vita keine sauberen Schnitte. »Wem Gott will die rechte Gunst erweisen …«, nun: diese Zeiten waren vorbei, und man mußte heute für ein Leben als Taugenichts tauglich sein.


* »Die Exklusion integriert viel stärker als die Inklusion – Integration (…) verstanden als Einschränkung der Freiheitsgrade für Selektionen«, so Niklas Luhmann (Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 4. Aufl. 1993, S. 631).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).

First things first

Mit einem Satz von Boswell, den er bis zur Vollkommenheit verbessert, erzählt Hudson, daß er in seinem Leben viele Male das Studium der Metaphysik in Angriff genommen, doch habe ihn jedesmal das Glück unterbrochen.

(Jorge Luis Borges, Über The Purple Land; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 154).

Dienstag, 7. April 2015

Thomas Mann

Alter ist Vergangenheit als Gegenwart.

Arno Schmidt

»… ‹Leser› ? ? – Nee ! !« (Sowas kenn ich nicht).

Heute vor einem Jahr war es neblig



Wohl wahr

Erotik macht aus einem Trotzdem ein Weil.

(Karl Kraus, Die Fackel Nr. 360-362 vom 7. November 1912).

Montag, 6. April 2015

Blumenberg, wie immer genial

Ein Kriterium für intellektuelle Gesundheit ist die Spannweite von Unvereinbarkeiten im Hinblick auf ein und dieselbe Sache, die ausgehalten wird und dazu noch Anreiz bietet, Gewinn aus der Beirrung zu ziehen.

Nochmals Rabelais

Beati lourdes, quoniam ipsi trebuchaverunt.

Machiavelli und Ascenseur pour l’échafaud

Am Donnerstag, dem 23. Januar 2014, zitierte, wie Hans Köberlin noch erfahren sollte, das Kalenderblatt des Zitatenkalenders Machiavelli: nur durch die Armut und durch den Reichtum seien wir ungleich. Nun, das galt, so Hans Köberlin, aber nur unter gewissen Gesichtspunkten … es gab ja auch noch die gute alte Geschlechterdifferenz … Nur durch … nur durch …: das waren so wohlfeile Weisheiten, verkündet nach Tageslaune … Und Hans Köberlin sollte sich dann, als er das las, weiterhin sagen, daß diese angesprochene ökonomische – und damit politische! – Ungleichheit – selbst bei gleichen Ausgangslagen – eine soziale Konstante sei, resultierend aus verschiedenen Interessen …: der eine interessierte sich eben für ungleichen Besitz beziehungsweise willkürliche Machtverteilung (wobei ›ungleich‹ beziehungsweise ›willkürlich‹ dem daran Interessierten immer ›mehr als‹ bedeutete), der andere für das (ihm) ungleiche Geschlecht, von dem er nie genug bekommen konnte (wobei es gegen willkürliche Geschlechterdifferenzen keine Einwände gab) …; und mit ärmer und reicher, wegen ihm auch mit stinkreich, damit hatte Hans Köberlin sich arrangiert, aber man hatte es mit der Zivilisation noch nicht sehr weit gebracht, so sagte er sich, solange man wirkliche Armut und wirkliche Not duldete oder billigend inkaufnahm, ja sogar bewußt produzierte, um Druck von unten auszuüben … wobei da dann auch das ›wirklich‹ zu definieren wäre. Edmond de Goncourt hatte irgendwann 1890 notiert, Geld sei eine schmutzige Angelegenheit und könne nur durch Quantität rehabilitiert werden …  wohl war, wohl war. – Wie dem auch sei, nach dem Blick in die Filmkalenderblattsammelkiste wußte Hans Köberlin, was er heute im Verlauf des Tages hören würde, denn auf dem Blatt vom vergangenen Jahr sah man eine besorgte Jeanne Moreau (*1928) am Telephon. Sie konnte ihren Geliebten nicht erreichen und ahnte ergo da noch nicht, daß die perfekt geplante Ermordung ihres Gatten durch ihn, ihren Geliebten, wegen eines steckengebliebenen Aufzugs ruchbar werden würde … Wir müssen wohl immer noch nicht sagen, daß –, können uns aber diesmal nicht verkneifen zu sagen, daß das Still aus Louis Malles Klassiker Ascenseur pour lʼéchafaud (1958) und daß der Soundtrack, den Hans Köberlin, wie gesagt, später am Tag hören sollte, von Miles Davis stammte …*


* Außer der Geburtstag von Jeanne Moreau war der 23. Januar auch der Geburtstag von Hark Bohms Sohn Uwe (*1962), weshalb das Blatt von 2012 ein Still aus Nordsee ist Mordsee zeigte (da kam der Soundtrack übrigens von Udo Lindenberg, den Hans Köberlin bei jeder Tatort-Episode trommeln hörte und dessen Solokarriere er, Hans Köberlin, während seiner Pubertät – ein schwieriges Alter – über die ersten vier-fünf Alben verfolgt hatte), und schließlich war es noch der Geburtstag von Dan Duryea (*1907), den man 1997 neben June Vincent in William Neills The Black Angel (1946) sehen konnte, und es war der Todestag Humphrey Bogarts (†1957; eines der Kalenderblätter hatte wieder irrtümlich ein ›*‹ gesetzt).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Sonntag, 5. April 2015

Freitag, 3. April 2015

»Der Tod sei der Zweck des Lebens.« und andere Gedanken

Er verzichtete an diesem Morgen auf den Dauerlauf, weil er am Nachmittag in das Zentrum des Ortes gehen wollte. Durch eine gezielt lancierte Werbung im weltweiten Netz erfuhr er, daß im März ein neues Bootleg-Boxset von Miles Davis erscheinen sollte, aus der Bitches Brew- und Tribute to Jack Johnson-Zeit, und wenn Hans Köberlin wirklich in dieser sublunaren Welt weitermachen wollte, dann mußte er dieses Boxset natürlich kaufen.
Nach dem Frühstück las Hans Köberlin im leeren Wintergarten im Ulysses weiter. Man saß in der Kutscherkneipe und wurde von dem Matrosen angesprochen. In diesem Kapitel war die Chance, auf schönen Schweinkram zu stoßen, gering. Bei Luhmann las er anschließend: »Man kann angesichts der Komplexität der Welt nicht alle Bedingungen der Möglichkeit eines Sachverhalts in den Begriff dieses Sachverhalts aufnehmen; denn damit würde der Begriff jede Kontur und jede theoriebautechnische Verwendbarkeit verlieren.« (dieses und die folgenden Zitate aus: Was ist Kommunikation; in: Short Cuts, hrsg. von Heidi Paris, Peter Gente und Martin Weinmann, Frankfurt am Main 4. Aufl. 2002, S. 44ff.).  Und: »Jede andere Auffassung (als die Zwecklosigkeit der Kommunikation) müßte begründen, weshalb das System nach dem Erreichen seiner Zwecke fortdauert; oder man müßte, nicht ganz neu, sagen: Der Tod sei der Zweck des Lebens.«* Und: »Und selbst bei aktuellen Themen – selbst wenn man endlich einen Parkplatz gefunden hat und nach langen Fußmärschen das Café erreicht hat, wo es in Rom den besten Kaffee geben soll und dann die paar Tropfen trinkt – wo ist da Konsens oder Dissens, solange man den Spaß nicht durch Kommunikation verdirbt? (…) Es kann aber, und dies scheint mir für fernöstliche Kulturen zu gelten, auch umgekehrt sensibilisieren: Man vermeidet Kommunikation mit Ablehnungswahrscheinlichkeiten, man versucht Wünsche zu erfüllen, bevor sie geäußert wurden, und signalisiert eben dadurch Schranken; und man wirkt an der Kommunikation mit ohne zu widersprechen und ohne die Kommunikation dadurch zu stören, daß man Annahme oder Ablehnung zurückmeldet.« … wie Breton einmal gesagt hatte: hier bewege sich nicht der Mensch sondern die Erde. (André Breton (Hg.), Anthologie des schwarzen Humors, Frankfurt am Main 1979, S. 515). Und Jean Ferry, der gefragt hatte, ob es einem nicht auch schon einmal passiert sei, daß man den Fuß im Dunkeln auf die oberste Treppenstufe gesetzt habe, auf jene, die gar nicht vorhanden, und in diesem Land passiere einem das dauernd, der Stoff, aus dem jene nicht vorhandene Treppenstufe bestehe, sei hier der Stoff schlechthin (ebd.).


* Novalis’ 14. Blüthenstaubfragment fiel Hans Köberlin ein: »Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen.« (in: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs, hrsg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel, Stuttgart 1960ff., Bd. 2, S. 417).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Wie schon Gargantua sagte …

… il vault mieulx pleurer moins et boire dadvantaige!

… und:

Certaines diecules nous invisons les lupanares, et en ecstase venereique, inculcons nos veretres es penitissimes recesses des pudendes de ces meritricules amicabilissimes; puis cauponizons es tabernes meritoires …

Ein gnostischer Kommentar zu Psalm 23

Hebbels Version des Bibelwortes, daß der Herr ein Hirte sei, in einem Tagebucheintrag aus dm Jahre 1836: »Das aus dem Wagen eines Schlachters gehobene schlafende Kalb.«

Eine Randnotiz

Herzog Jean des Esseintes, der Protagonist von Huysmans A rebours, hatte sich fast genauso eingerichtet wie der Clemens Limbularius von … du rissest dich denn ein., in einem Haus an der Peripherie der Großstadt, und er nahm auch dessen Lästern über Politik und Presse vorweg: »Geradezu unerträglich litt er bei der Lektüre patriotischer und sozialer Torheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden.« (vgl. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 15f.). Auch Hurengeschichten tauchten in A rebours auf, allerdings weniger erfolgreich als bei Clemens Limbularius, denn bei Jean des Esseintes hatte sich ein Überdruß eingestellt. Weitere wesentliche Unterschiede zwischen den beiden waren: Jean des Esseintes mußte nicht arbeiten, außerdem war er – im Gegensatz zu dem, was das Soziale betraf, konformistisch erscheinenden Clemens Limbularius – ein ziemlicher Exzentriker.

Gestern


Für gute Zeiten

Chesterton dachte, wie Whitman, die bloße Tatsache des Seins sei derart überwältigend, daß kein Unglück uns von einer Art kosmischer Dankbarkeit entbiden dürfe.

(Jorge Luis Borges, Über Chesterton; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 96).

Donnerstag, 2. April 2015

Heute vor …

2 avril 1868

Je lis qu’il est tombé de la neige noire dans le Michigan; c’est bien la neige du pays de Poë.
*
Le silence! oh! le silence! Dormir vingt-quatre heures dans un de ces tombeaux qui ont pour pierre, sur la mort du bruit, une montagne ou une pyramide.

(Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire, troisième volume 1866-1870, Paris 1888).

Heute


Mittwoch, 1. April 2015

Nochmals eine Hoffnung

Wenn in einem Autor etwas steckt, kann keine Absicht, mag sie noch so albern oder irrig sein, dem Werk einen Schaden unheilbarer Art zufügen. Ein Autor mag an absurden Vorurteilen kranken; sein Werk dagegen, wenn es echt ist und einer echten Vision entspringt, kann nicht absurd sein.

(Jorge Luis Borges, Nathaniel Hawthorne; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 77).

Nochmals Hawthorne: eine Warnung

Amid the seeming confusion of our mysterious world individuals are so nicely adjusted to a system, and systems to one another and to a whole, that by stepping aside for a moment a man exposes himself to a fearful risk of losing his place for ever. Like Wakefield, he may become, as it were, the outcast of the universe.

(Nathaniel Hawthorne, Wakefield; vgl. Über Wakefield und ähnliche Gestalten).

Über Wakefield und ähnliche Gestalten

Clemens las Wakefield zu Ende, eine kurze Erzählung von Nathaniel Hawthorne (dem Freund Melvilles, der ihm Moby Dick gewidmet hatte), mit deren Lektüre er (…) begonnen hatte, weil Hans Köberlin auf die Erzählung zu sprechen gekommen war. Der Erzähler berichtete darin von einer kurzen Zeitungsnotiz, nach der ein Ehemann sich von seiner Frau anläßlich einer kleinen Reise für ein paar Tage höchstens verabschiedet hatte, dann heimlich in eine Wohnung in der Nachbarschaft gezogen war, dort inkognito gelebt und sein Leben ohne sich beobachtet hatte und erst nach zwanzig Jahren an den heimischen Herd zurückgekehrt war. Hawthornes Erzähler schickte sich nun an, den Raum, den diese karge Notiz eröffnet hatte, mit einem Psychogramm des Mannes, den er Wakefield nannte, zu füllen.
Hans Köberlin hatte den Text für eine geplante aber leider nie realisierte Anthologie ausgewählt, in der Zeugnisse versammelt werden sollten, die mit erschreckender Konsequenz zeigten, wie Menschen Jahrzehnte ihres eigenen und einzigen Lebens nichteten oder genötigt wurden, dies zu tun. Kafkas Vor dem Gesetz sollte die Anthologie eröffnen, dann sollte ein einleitender Essay Hans Köberlins folgen, außerdem wollte er noch seinen Text über Frank Capras It’s a wonderful life (…) einbringen, unter anderem war dann noch Alieta des hier nur durch Borges, glaube ich, breiter bekannten Leopoldo Lugones vorgesehen, von Borges natürlich Die Wartezeit nebst Vom Warten und vom Traum. Versuch eines Kommentars zu Jorge Luis Borges’ Die Wartezeit, verfertigt von Hans Köberlin (vgl. »Dicht hinter dem Ideal kommt nämlich das Zufälliges als das Nächste.«), dann noch Faulkners Rosa Coldfield aus Absalom, Absalom! und Schilderungen von auf Bahnsteigen über die Zeit hinaus warten müssenden Menschen (Bahnsteige, auf denen, davon war Hans Köberlin überzeugt gewesen, durch das Gebaren der Bahn systematisch Amokläufer und Bombenleger herangezüchtet wurden), und schließlich noch Bartleby hatte Köberlin in seiner möglichen Liste der Beispiele (die natürlich wesentlich mehr Zeugnisse umfaßte als die hier von uns erwähnten) als Grenzfall angeführt. Er könne die Unerbittlichkeit der Rache des Edmond Dantès nach vierzehn Jahren im Château d’If gut nachvollziehen, bekannte Hans Köberlin in den Versuchen zu dem einleitenden Essay (…)
Eine Schlüsselstelle kam einer Passage aus Robert Walsers Jakob von Gunten zu. Eines Tages, so schrieb der, werde von seinem Wesen und Beginnen irgendein Duft ausgehen, er werde Blüte sein und ein wenig, wie zu seinem eigenen Vergnügen, duften, und dann werde er den Kopf neigen. Die Arme und Beine würden ihm seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles werde brechen und welken, und er werde tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse Art tot, und dann werde er vielleicht sechzig Jahre so dahinleben und -sterben. Von diesen vielleicht sechzig Jahren glaubte Hans Köberlin (laut Tagebuch), daß er sie selber so nicht aushalten könne, und auch Clemens konnte sich nicht vorstellen, das ertragen zu können.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 156ff.).

Autoren und ihre Figuren

… ohne Zweifel hat Cervantes Don Quijote gut gekannt und konnte an ihn glauben. Unser Glaube an den Glauben des Romanciers rettet alle Nachlässigkeiten und Fehler. Was bedeuten unglaubliche oder plumpe Vorgänge, wenn wir spüren, daß der Autor sie nicht ersonnen hat, um unsere Gutgläubigkeit zu übertölpeln, sondern um seine Gestalten zu definieren. Was bedeuten die albernen Skandale und verworrenen Untaten am vermeintlich dänischen Hof, wenn wir an den Prinzen Hamlet glauben.

(Jorge Luis Borges, Nathaniel Hawthorne; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 67).

Empirie

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):

  • Stand des Manuskripts: S. 742 von ca. 1.800 Seiten
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 588 von ca. 1.800 Seiten
    • Kapitel: X (= Phase IV – oder: modus vivendi) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Montag, der 20. Januar 2014, der 111. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Fußnoten Stand des Manuskripts: 2071
  • Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 1602
  • Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
  • Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen


* (= die momentane Fußnote 274 auf S. 58) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

Wird aktualisiert!