Samstag, 9. Mai 2015

Der Beginn eines großen Abenteuers

Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose ‘Ndrja Cambrìa, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.

(Stefano D’Arrigo, Horcynus Orca, aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn, Frankfurt am Main 2015, S. 11).

Donnerstag, 7. Mai 2015

Kein Grund zur Eile, oder?

Heute nach dem Frühstück las ich bei Kierkegaard dort weiter, wo ich vor ein paar Tagen aufgehört hatte, und las:

»Vielleicht wäre die Sache mir besser geraten, wenn ich noch etwas gewartet hätte – jedenfalls habe ich nicht darum geeilt, weil ich besorgte, ein besserer Kenner könnte mir zuvorkommen; nein, sondern weil ich fürchtete, daß, wenn ich schwiege, die Steine anheben würden.« (Søren Kierkegaard, Die unmittelbar-erotischen Stadien oder das Musikalisch-Erotische; in: Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Leipzig 1885, S. 74).

Eben dann, kurz nach Mittag, las ich bei Pessoa dort weiter, wo ich gestern aufgehört hatte, und las:

»Nach uns allen kommt die Sintflut, aber erst nach uns allen. Wohl denen, die erkennen, daß alles Fiktion ist, und ihren Roman schreiben, bevor ihn ein anderer für sie schreibt.« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.103).

Ein zweifacher Appell …: in dem Bewußtsein, daß weder die Steine anheben werden noch ein anderer meinen Roman schreiben wird, lasse ich mir die Zeit, die ich brauche, und zur Not bleibt noch die Gattung ›Fragment‹

Mittwoch, 6. Mai 2015

Noch ein Alibi

Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 260 und 261 von Niklas Luhmanns Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, genauer: in dem Text 9. Die Evolution des Kunstsystems, erfuhr, habe ich für den Freitag, den 7. Februar 2014, 14:46 Uhr, ein Alibi (das zweite an einem Tag gefundene, siehe: Ein Alibi). Damals nämlich löste ich in einer Tram einen Einzelfahrausweis, Regeltarif für den Tarifbereich Berlin AB.

Symmetrie

Über seine Erinnerung grinsend sah Clemens ein symmetrisches Doppelhaus. Jede Symmetrie ist eine Lüge, dachte Clemens, weil es ja zwei nur quasiidentische weil spiegelverkehrte Teile sind, Borges hatte irgendwo von unnützen Symmetrien und manischen Wiederholungen gesprochen. Das Drama der zwei, die zusammen sind, ist: sie gehen entweder in einem auf oder zerfasern sich im Unendlichen. Außerdem, wie Blumenberg richtig bemerkt hatte, gab es da eine grundlegende Asymmetrie in allem Sein überhaupt, nämlich der Rest, der in dem voranfänglich symmetrischen Verhältnis von Materie und Antimaterie am Anfang von allem dann von der Materie übrig geblieben war und der eben ausmachte, daß da etwas war und nicht nichts, siehe auch Althusser, Materialismus der Begegnung, wobei es bei dem eine Aberration und keine Asymmetrie war. Jedenfalls: das war eine gute Grundlage für einen gesunden Nihilismus … hm, aber wohl auch nicht, denn man mußte ja dem Gerede von Materie und Antimaterie und Asymmetrie und Aberration glauben. Ich glaube an den Nihilismus – was für ein Satz! Über die Frage, warum etwas war und nicht nichts war, darüber machte Clemens sich keine wirklichen Gedanken. Der Überschuß an Materie, aus der nach diesen Theorien alles kam, war natürlich kein Anfang, denn irgendwoher mußte diese Asymmetrie oder Aberration ja gekommen sein und irgendwoher mußte die Materie und die Antimaterie oder die Homogenität, von der abgewichen wurde, ja gekommen sein, daß sie in einem asymmetrischen oder aberrierten Verhältnis zueinander stehen konnten, Hennen und Eier das alles … Man konnte sich da nur noch unter Nichtberücksichtigung der Details entscheiden zwischen der Annahme eines selbstreflexiven Anfangs oder der Annahme eines Zufalls als Auslöser der Asymmetrie oder der Aberration innerhalb der Ewigkeit. Clemens votierte bei dieser Frage ganz klar für den Zufall. Analoges nahm er für das Ende von allem an, oder, je nach Gusto, für den großen Neuanfang, aber das, das Ende, kümmerte ihn noch weniger als der Anfang, weil er ja da nicht mehr sein würde, das würde nicht mehr sein, was den Clemens ausmachte, nur noch eine Handvoll verstreuter indifferenter Mineralien und Salze (per un pugno di salini … und Clemens pfiff vor sich hin, Camel Filters …). In gewisser Weise, so dachte er sich, trug er die Zeit von irgendeinem zufälligen Anfang, den er annahm, bis zu seiner Geburt als Erbe mit sich herum, ein restaristotelisches Denken war das wohl, aber relevant wurde es für ihn mit der Welt erst von dem Moment an, in dem er da war, ob pränatal oder erst nach der Geburt, auch die Frage war ihm zweitrangig.

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird; siehe auch Asymmetrie).

Ein Alibi

Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 164 und 165 von Jorge Luis Borges’ Einhorn, Sphinx und Salamander, auf denen sich der Artikel Die Achtfache Schlange befindet, erfuhr, habe ich für den 23. Dezember 1994, 9:59 Uhr, ein Alibi. Damals kaufte ich nämlich für 16,90 DM in der Buchhandlung Schmitt & Hahn im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main den 8. Band von Borges’ Werken in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1992.

Dienstag, 5. Mai 2015

Die Nichtexistenz der Tiefe

Ich entdeckte die Nichtexistenz der Tiefe. Was uns an die Existenz der Tiefe glauben läßt, ist lediglich der Abstand, der sich zwischen uns und ›eine‹ Oberfläche schiebt. Zwischen uns und der ›Tiefe‹ ist nur eine Abfolge von ›Oberflächen‹. Auch die ›Tiefe‹ ist eine ›Oberfläche‹.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Der Deutsche und Europa, S. 88; in diesem Artikel gibt es auch wunderbare Passagen gegen jeglichen Nationalismus und Patriotismus).

Sonntag, 3. Mai 2015

Übergänge

Rien de déchirant comme ce suprême sourire d’un homme qui commence à être un mort.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 26. September 1865).

Donnerstag, 30. April 2015

Satori

Denn niemand ist da, der etwas gewahr wird, noch ist etwas vorhanden, das zum Gegenstand des Gewahrwerdens wird. Trotzdem gib es deutlich einen Zustand des Gewahrseins.

(Deisetz Teitaro Suzuki, Leben aus Zen. Mit einer Einführung in die Texte von Wei-Lang (Hui-neng), Frankfurt am Main 1982, S. 91).

Dienstag, 28. April 2015

Bernardo Soares super grammaticam

Will ich sagen, daß ich existiere, werde ich sagen: »Ich bin.« Will ich sagen, daß ich als einzelne Seele existiere, werde ich sagen: »Ich bin ich.« Will ich aber sagen, daß ich als Wesenheit existiere, die sich an sich selbst richtet und sich selbst gestaltet und der göttlichen Aufgabe des Sich-selbst-Erschaffens nachkommt, wie könnte ich da das Verb »sein« anders verwenden als auf der Stelle transitiv! Dann werde ich triumphierend und über alle Grammatikregeln erhaben sagen: »Ich bin mich.«

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 96; Pessoas Hauptwerk hat übrigens auch Kommissarin Eva Saalfeld in dem grottenschlechten Tatort vom vergangenen Sonntag gelesen).

Hans Köberlin und die Musik #4 und Beschluß

Aber jetzt zu den Anfängen der bewußten Musikrezeption Hans Köberlins, noch nicht als guter Zuhörer, aber auf dem Weg dorthin, mit dem ersten Radiorecorder von Philips, BASF Cassetten, C120, den entsprechenden Bandsalat reparierte man selber mit Tesafilm, hier ergaben sich Stellen, die man – die Macht der Gewohnheit – nie mehr unverstümmelt hören konnte, zu Zeiten des Glamrocks (man hörte nun von T. Rex Children of the Revolution) und der sogenannten Oldies, als was man damals die Musik von den Anfängen des Rock’n’Roll über die Musik der Beatles und der frühen Rolling Stones bis zu der Musik der Zeit von Woodstock bezeichnete (man hörte – nicht von dem Festival – Jimi Hendrix’ Version von Bob Dylans All along the Watchtower), und eingeschlossen in das Glitternde und Glitzernde auf der einen und das Expressive, nach Authentizität Lechzende auf der anderen Seite, eingeschlossen wie eine Perle in einer Auster, also wenn einer das Prädikat progressiv verdient habe, dann CAN (man hörte – natürlich – Spoon), auch denen sei Köberlin sein Leben lang treu geblieben. Dann der sogenannte Artrock, unter deren Bands aber bloß Pink Floyd (man hörte Whish you where here) und King Crimson übergeblieben wären, dann ein kurzer Abstecher zu Bands aus den USA, wie etwa den Allman Brothers, Hot Tuna und Grateful Dead (es gab eine Sequenz aus Dark Star), wobei Hans Köberlin letzteren gleichfalls treu blieb, die Doors (man hörte Love Street) nähmen hier eine Sonderstellung ein, denn mit denen sei er damals in die Welt gezogen, hier läge allerdings wegen Köberlins modifiziertem Verhältnis zu Drogen eine partielle Untreue vor, und dann – endlich! – dann käme die Entdeckung des Jazz (hier kam prompt Miles Davis, der Anfang von Pharaoh’s Dance) sowie die Entdeckung Frank Zappas, Kevin Coynes, der Canterbury Szene (Robert Wyatt, Kevin Ayers, Daevid Allen et cetera) und schließlich die Entdeckung Fred Frith’ sowie die der New York Downtownszene um den genialen Saxophonisten John Zorn (hier kam – nicht ganz repräsentativ für seinen Stil, aber was hätte das bei der Vielfalt auch sein sollen?! – John Zorns Interpretation von Ennio Morricones The Sicilian Clan von dem ersten Naked City Album, und Clemens und der Verleger – zwei Deppen und ein Gedanke – nannten Emilia den Titel, die jedoch Film sowie Soundtrack selber kannte) und schließlich die Entdeckung der zeitgenössischen Musik, etwa Stockhausen, Holliger, Xenakis und Goebbels. Dazwischen habe es immer Einschübe der sogenannten klassischen Musik gegeben, hier vor allem Bach – hier mußte natürlich der Name Glenn Gould fallen –, die Kammermusik der ersten wiener Schule, die drei großen Opern von Mozart und da Ponto (man hörte Leporellos Listenarie), dann natürlich das fin de siècle, das Klavierwerk Eric Saties und die Symphonien Mahlers.
Dann zog der Referent einige Schlüsse über die Entwicklung von Köberlins Hörgewohnheiten und seinem Musikverständnis, etwa sein heikler Umgang mit dem Pathos, die Rolle des Rhythmus’, Köberlins Aneignungsmethode von extrem komplexer neuer Musik (mittels Verknüpfung mit den diversen Rezeptionssituationen), seinen musikalischen Stimmungen, idiosynkratischen Reaktionen (Der letzte Trottel kann einem die beste Musik vergällen!) und dem, Zitat Köberlin: permanenten Soundtrack zu seinem Leben im Kopf, Zitatende, et cetera. Neben den eben erwähnten gab der Referent noch andere Hörbeispiele, während denen er die Cover der Alben oder Bilder der Musiker und Komponisten an die Wand projizierte. Man kam sich vor wie in Thomas Manns Zauberbergkapitel In der Fülle des Wohllauts, das war sehr angenehm und hätte noch eine zeitlang so weitergehen können. Einige notierten sich, wohl das bedenkend, was sie über die Distributionswege unpopulärer Musik gehört hatten, die Titel der Alben, und am Ende wurde der Referent mit großem Applaus bedacht, als hätte er selber ein Konzert gegeben. Ein paar Leute fragten nach Musik, die sie wohl persönlich bevorzugten, dann war es gut.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 478ff.).

Montag, 27. April 2015

Hans Köberlin und die Musik #3

Bevor er nun chronologisch die einzelnen Phasen von Hans Köberlins Musikrezeption vorstelle, möge man ihm einige allgemeine Bemerkungen über die Unterscheidung in populäre und nichtpopuläre Musik erlauben, eine Unterscheidung, die entgegen der landläufigen Meinung nicht gleichzusetzen sei mit der Unterscheidung in sogenannte Unterhaltungsmusik und sogenannte ernsthafte Musik und die schon gar nicht ein ästhetisches Qualitätsurteil impliziere. Nein, ihm gehe es bei dieser Unterscheidung um die verschiedenen Distributionswege, die damit einhergingen. Und er entwarf verschiedene Möglichkeiten musikalischer Seilschaften, die für die Verbreitung unpopulärer Musik sorgten und die zu so etwas führten, was der Verleger eben als unter seinesgleichen bezeichnet hatte, analog dem etwa, was Ernst Jünger einmal bezüglich der Sterne-Leser als den geheimen Orden der Shandyisten bezeichnet hatte. Daraus ergaben sich Bezüge und Konstellationen, die ähnlich wie bei dem eben erwähnten Robert Walser als Schiboleth dienen konnten. Fred Frith bezeichnete der Referent als den populärsten unter den nichtpopulären Musikern.
Dann kam er zu Hans Köberlin zurück, es gäbe da etwas, über das man nicht sprechen müsse, quasi vor dem Anfang, da wäre der kleine Hans noch unter zehn gewesen, Komm zu mir habe der Schlager geheißen und, wenn er recht informiert sei, Edina Pop habe ihn gesungen, hier nur der Refrain und auch nur gesprochen (der Referent intonierte betont ernsthaft, als trage er wahre Poesie vor):
Komm, komm zu mir,
du mußt nicht lange fragen,
die Tür ist offen wie mein Herz.
Komm, komm zu mir,
du kannst es ruhig wagen,
denn sowas sag ich nie zum Scherz.
Das glaube man dem kleinen Hans, daß er damit nicht scherze, flüsterte Clemens dem Verleger zu, der wiederum zu Emilia hinschielte.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 477f.; siehe → #4).

Hans Köberlin und die Musik #2

Nähme man Adornos Typen musikalischen Verstehens, so der Referent weiter, dann könne man Hans Köberlin zu den guten Zuhörern zählen. Der gute Zuhörer, Zitat, höre über das musikalisch Einzelne hinaus; vollziehe spontan Zusammenhänge, urteile begründet, nicht bloß nach Prestigekategorien oder geschmacklicher Willkür, aber er sei der technischen und strukturellen Implikationen nicht oder nicht voll sich bewußt, er verstehe Musik etwa so, wie man die eigene Sprache verstehe, auch wenn man von ihrer Grammatik und Syntax nichts oder wenig wisse, unbewußt der immanenten musikalischen Logik mächtig, Zitatende.
Dann hantierte der Referent erneut an dem Laptop herum, und an der Stelle der Notation erschien ein von Ray Smith gestaltetes Plattencover der britischen Band Henry Cow, jene legendäre Socke grob aus roten und blauen Elektrokabeln gestrickt, das Ende des Beines (spät erst war bei Clemens der Groschen gefallen), wozu Musik erklang.


Teenbeat, flüsterte Clemens dem Verleger zu, der nippte wissend an seinem Wein und meinte bestätigend, man befände sich unter seinesgleichen. Was man soeben gehört habe, so der Referent nach dem Ausklingen der letzten Töne, hieße Teenbeat und sei ein sehr frühes Stück, das Fred Frith als Mitglied der britischen Band Henry Cow eingespielt habe, ein Stück, in dem die wichtigsten Aspekte der Musik dieses Genies bereits angelegt seien, in seinen eigenen Worten: a beautiful living and breathing beast that was always fun to play and had all kinds of hidden subtileties. Fred Frith – ein Multiinstrumentalist – sei der Musiker, dessen OEuvre den erwachsenen Hans Köberlin ständig begleitet und ihm über weite Strecken den Soundtrack seines Lebens geliefert habe und der ihn auch häufig beim Schreiben beeinflußt habe, explizit zum Beispiel das Album Dropera bei dem Ende seines ersten Romans, für Köberlin sei Fred Frith der bedeutendste zeitgenössische Musiker gewesen, und nicht nur zeitgenössische, zurecht, wie er glaube, deswegen habe er dieses Beispiel auch an den Anfang seines Vortrags gestellt.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 476f.; siehe → #3).

Hans Köberlin und die Musik #1

Der nächste Referent stand bereits am Rednerpult, das er ohne Hilfe des Busenfreundes fachkundig in die seiner Größe angemessene Höhe gekurbelt hatte. Er legte eine CD in den Laptop, wollte anheben, sah den Verleger mit dem Tablett und wartete, bis der an seinem Platz angekommen war, seine Nachbarn ihn von der Last befreit hatten und er sich hinsetzen konnte. Die drei duckten sich weg und machten sich unauffällig an den Verzehr ihrer Brezeln.
Der Mann klopfte Toc, Toc, Toc auf das Mikrophon, räusperte sich dann und nannte seinen Namen, sagte, daß er Hans Köberlin von dessen einundzwanzigstem Lebensjahr an gekannt und mit ihm eine Weile in einer Kommune gelebt habe, und daß er hier nun über Hans Köberlins Verhältnis zur Musik und seine diesbezüglichen Neigungen referieren wolle. Um es gleich vorweg zu sagen: Hans Köberlin sei zeitlebens nur ein Rezipient von Musik gewesen, wenn auch ein elaborierter, von Musik als der sinnlichsten aller Künste, gemäß dem von Hanns Zischler überlieferten Wort Godards, Musik drücke nicht die Seele, sondern den Körper einer Frau aus; Köberlin sei jedoch, was das Machen von Musik betraf, vollkommen untalentiert gewesen und habe keine Noten lesen können, und die zwei oder drei Dinge, die es da gab und die, wie er gehört habe, im Rahmen der Werkausgabe auf der Daten-DVD erscheinen würden, das seien reine Kuriosa, musikalisch völlig nichtssagend. Er wolle deswegen hier bloß einen dieser musikalischen Versuche anführen, nämlich jenen mit Swallow Songs betitelten, bei dem sich Köberlin sehr stark – und sehr stark wäre noch untertrieben – an John Cage orientiert habe.
An einem lauen Sommerabend beim Weizenbier an einem See im Osten (aber von hier aus im Nordwesten) sitzend habe Köberlin relativ gedankenlos, wie er ausdrücklich in einem Brief an ihn vermerkt habe, auf das Dach eines Bauernhofes, unter dessen Traufe viele Schwalben nisteten, geschaut. Auf dem Dach habe es eine Fernsehantenne mit fünf Querstreben gegeben, auf denen die Schwalben zwischen ihren abendlichen Fliegenjagden gesessen hätten, aber nicht still, es habe ein ständiges Hin und Her und Kommen und Gehen gegeben, und irgendwann habe Köberlin damit begonnen, die Positionen der Schwalben auf den Querstreben der Fernsehantenne auf eine Serviette zu notieren. Herausgekommen sei dabei folgendes … Er hantierte eine Weile an dem Laptop herum … Da Köberlin, wie gesagt, keine Noten … er hantierte … die spielbare Notation stamme von ihm … er hantierte weiter und an der Stelle der vermutlich letzten Photographie Hans Köberlins, gemacht vermutlich von seiner unbekannten Reisebegleiterin, erschien … So …


Das, so der Referent, höre sich etwa so an … Und man hörte eine Aufnahme, bei der jemand – vemutlich der Referent – das auf einem Klavier gespielt hatte, was einer, der Noten lesen konnte, bereits in seiner Vorstellung (dabei den Kopf schüttelnd) gehört haben mochte. Aha … kurios, sehr kurios!

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 474ff.; siehe → #2).

Noch ein denkwürdiger Tag (heute)

Heute habe ich bei der Überarbeitung von ¡Hans Koberlin vive! quasi – wenn dieser martialische Begriff in dem Kontext einmal erlaubt sei – die Front erreicht; das heißt: ich bin jetzt da, wo ich Mitte August 2014 in Calpe vor meiner Rückreise mit dem Schreiben aufgehört habe (die Überarbeitung hat die Frontlinie mittlerweile bis zu S. 666 vorgetrieben) …

 [129 / 195]
An diesem Freitag, dem 7. Februar 2014, gab es – kaum zu glauben! – kein archiviertes Filmkalenderblatt und auch der neue Zitatenkalender gab nichts unmittelbar Bemerkenswertes her und auch der postexilische Zitatenkalender des Jahres 2015 nicht. Hans Köberlin hatte geträumt, er wäre in einer Wandergruppe, es ging durch Wälder und auf asphaltierten Straßen entlang von Bächen in die kreisfreie Stadt Kaufbeuren; oder aber die kreisfreie Stadt Kaufbeuren sollte das Ende der ersten Etappe sein. Alle waren am Abend erschöpft, worüber Hans Köberlin sich wunderte, denn er merkte nichts von dem Gehen und wäre am liebsten noch weiter gegangen. Die Gruppe saß in einem Gasthaus, übernachtet sollte, glaubte Hans Köberlin sich zu erinnern, in einer Art Jugendherberge werden. Dann war er auf einem Bahnhof und stieg eine Treppe hinab, die nach 39 Stufen plötzlich im Nichts aufhörte. Es waren Bauarbeiten zugange und er stand ungefähr zehn Meter über dem Boden und hatte Angst, hinunterzufallen. Die Bauarbeiter meinten, er solle sich nicht so anstellen und einer sprang zur Demonstration von ganz oben hinunter und landete nach einem dieser typischen Zeitlupentraumsprünge auf einem Kühlschrank, der unten stand, so ein laut brummender Kühlschrank, wie die Frau ihn in der Küche hatte. Das wollte Hans Köberlin auf keinen Fall versuchen, obwohl es bei dem Bauarbeiter leicht ausgesehen hatte. Dann kam noch ein Mensch, ein Rucksacktourist, der vor dem gleichen Problem wie Hans Köberlin stand, worauf der froh war, nicht mehr allein in dieser mißlichen Lage zu sein, denn jetzt mußten sie etwas unternehmen. Einer der Bauarbeiter improvisierte und ein Eisengitter, wie es zur Bewehrung von Beton benutzt wurde, kam an einem Seil von oben herab. An das klammerten sich der Rucksacktourist und Hans Köberlin und derart wurden sie auf den Boden herabgelassen. Dann waren da irgendwelche Sätze, die modifiziert werden wollten, die Sätze quasi in Form von Gegenständen oder Ereignissen, die wie ein Film vor Hans Köberlin abliefen, und er kam nicht so recht weiter damit.
Sein Echtermeyer-Sortilegium nach dem Erwachen führte ihn zu Angelus Silesius …

Das Wort, das dich und mich und alle Dinge trägt,
Wird wiederum von mir getragen und gehegt.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014; vgl. auch Empirie).

Zufällige Erinnerung an einen denkwürdigen Tag

Samstag, den 21. [Juni 2008] – Mein ganzes bisheriges Leben kommt mir im Augenblick so vor wie eine einzige Aneinanderreihung von genußvoll bei einem Glas guten Rotweins oder nach dem Essen zu Espresso und Cognac oder Trester inhalierten Zigaretten. Und das soll jetzt vorbei sein … Die letzte Zigarette ist weg und ich denke an nichts anderes als an das Rauchen.

Samstag, 25. April 2015

Freitag, 24. April 2015

Eine zweifelhafte Gewohnheit

Diese – zweifelhafte – Gewohnheit des morgendlichen Photographierens behielt er in der Folge noch eine Weile lang bei, wobei er allerdings – zu seinem eigenen späteren Bedauern, als er nämlich anfing zu versuchen (wozu auch wir, wenn auch teilweise mit anderen Mitteln, angetreten), die Zeit mit dem Anlegen von Listen und Reihen zu verdichten – nicht darauf achtete, immer die gleiche oder zumindest (ohne Stativ) ungefähr die gleiche Perspektive beizubehalten, um an der Gleichheit – wir hatten das im Kontext mit unseren Anmerkungen zur Gewohnheit – die Variation zu goutieren.
Der Begriff ›Photographieren‹, so kam es Hans Köberlin in den Sinn, bezeichnete allerdings den Vorgang, den er da mit seinem Taschentelephon vollzog, eigentlich nicht mehr treffend, denn er ›schrieb‹ oder ›zeichnete‹ ja nicht mehr mit Licht, er meinte damit: er hatte keinen Film, oder wie ganz früher, keine Photoplatte mehr … was er da machte, so dachte er, könnte man vielleicht treffender als das ›Digitalisieren von Blicken‹ bezeichnen. Aber wie, kam es ihm daraufhin in den Sinn, wie war es dann mit dem Schreiben auf dem Computer? Sollte man das dann analog als das ›Digitalisieren von Semantik‹ oder gar von ›Sinn‹ (›Sinn‹ im Sinne Luhmanns) bezeichnen? »Der Computer, die Tastatur und das Wordprogramm als Paratexte meines Schreibens …« Da ging etwas durcheinander … Verfahren und Medien und Metaphern … Hans Köberlin war noch zu träge zum Denken, und aktuelle diesbezügliche wissenschaftliche Publikationen – das ›Bild‹ wurde gegenwärtig mittels einer eigenen Wissenschaft untersucht – hatte er nicht in seine Basisbibliothek aufgenommen, also belassen wir es bei ›Photographieren‹.


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

Dienstag, 21. April 2015

Empirie

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Ein Moment am Donnerstag, dem 12. Juni 2008

Im Zug beim Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft eingeschlafen und später wieder wach geworden, weil die Musik zu Ende war.

Man kann nicht alles haben

… der Drache ist vielleicht das bekannteste, aber gleichzeitig das unglücklichste aller Tiere der Phantasie.

(Jorge Luis Borges, Der westliche Drache; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 8: Einhorn, Sphinx und Salamander, Frankfurt am Main 1992, S. 47).

Montag, 20. April 2015

Noch ein Fundstück, diesmal von Benjamin und mit Quellenangabe

»Aus dem Erfahrungskreise der Schwelle hat das Tor sich entwickelt, das den verwandelt, der unter seiner Wölbung hindurchschreitet.«

(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 139; es geht ihm um den Arc de triomphe: »Das römische Siegestor macht aus dem heimkehrenden Feldherrn den Triumphator.«).

Man denkt bei dem Überschreiten der Stadtgrenze von Paris – »Nirgends, es sei denn in Träumen, ist noch ursprünglicher das Phänomen der Grenze zu erfahren als in Städten.« (ebd., S. 141) – natürlich gleich daran, wie Eddie Constantine alias Lemmy Caution in Alphaville, der Hauptstadt der Schmerzen, Jean-Luc Godards schwarzweißem Paris des Jahres 1965, ankommt, und wie er die Stadt mit Anna Karina alias Natacha Von Braun wieder verläßt …

Zwei Zitate von Hermann Broch, vor sieben Jahren ohne Quellenangabe zitiert

»Oft ist es, als ob man sein ganzes Leben darauf angelegt hätte, sich selbst Überraschungen zu bereiten, sich erstaunt oder erschreckt zu stellen vor etwas, das man selbst herbeigeführt hat.«

Und folgende Formulierung:

»… und sie lehnte am Fenster in der ruhigen Sicherheit ihrer Anmut.«

Sonntag, 19. April 2015

Tatort Nr. 52 (Essen): Die Abrechnung (Wolfgang Becker, 1975)

Wenn ich eine Fernsehproduktion aus den siebziger Jahren, die auch in dieser Zeit spielt, sehe, dann habe ich das Gefühl, daß da die Welt wohl noch in Ordnung gewesen sein mußte, obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß sie da auch nicht mehr oder weniger in Ordnung oder in Unordnung gewesen war als jetzt. Es geht auch nicht um meine Gemüths- oder Lebensumstände, nein, daß ich von diesen Fernsehfilmen so affiziert bin, das liegt vielleicht daran, daß das, was derzeit öffentlich geschieht, diese Mischung aus wohlfeilem Zynismus, Dummheit und Unverschämtheit, damals noch nicht so geschmacklos war, beziehungsweise: daß man sich noch genötigt sah zu versuchen, diese Mischung aus wohlfeilem Zynismus, Dummheit und Unverschämtheit zu camouflieren (vielleicht kann man sagen: man hatte damals noch ein natürliches Verhältnis zu dem Künstlichen, wohingegen man heute das Künstliche natürlich erscheinen lassen will), oder daran, daß etwas noch nicht so perfekt war oder sein mußte, oder auch daran, daß noch der letzte Hauch einer Aufbruchsstimmung (1968) nachwehte (wie wenig fundiert die auch immer gewesen sein mag). Es liegt vielleicht auch einfach daran, daß ich damals noch jung war (siehe Kafkas Kleine Fabel).

Die reiche Witwe Evelyn tötete ihren Schwiegervater und den Einbrecher, mit dem sie sich nur eingelassen hatte, um den Einbruch zu inszenieren, in dessen Kontext dann der Mord geschehen sollte.
Der Ablauf der Tat war von Anfang an klar, die Frau kam vor Gericht und ihr Anwalt Dr. Alexander – eine Karikatur von Rolf Bossi – paukte sie heraus und machte den ermittelnden Kommissar Haferkamp dabei lächerlich. Der Anwalt war der beste Freund des ermordeten Schwiegervaters und drohte seiner Mandantin Konsequenzen für den Fall an, sollte sich herausstellen, daß sie es doch getan hatte.
Die Stieftochter der reichen Frau hatte den Mord beobachtet, sie kam mit der Tat nicht klar und brachte sich um (wie setzte man die Tragik ins Bild, die der Selbstmord eines jungen Mädchens bedeutete? – nun: man zeigte, als ihr Körper nackt in der Pathologie lag, ihre schönen Brüste).
Die titelgebende Abrechnung des Anwalts, der aus dem Abschiedsbrief des Mädchens den Tathergang erfahren hatte, sah nun so aus, daß er den Selbstmord als Mord arrangierte, den er dann seiner Mandantin anlastete.

Das Ganze war keine Meisterleistung der Regieführung, der Anwalt hätte nicht so dick auftragen dürfen, alles war zu offensichtlich, aber: obwohl ich diese Episode mindestens schon zweimal gesehen hatte, langweilte ich mich an keiner Stelle. Es machte mir einfach Freude, den Leuten zuzuschauen. Gelungen war die Schilderung des Milieus von Haferkamp, die Behörden (die Beamten schämten sich noch nicht, welche zu sein und sahen auch noch so aus) und die Kneipen (damals noch Paradiese für Raucher und Trinker, man lernte etwas über den Unterschied von Frikadellen, deutschem Beefsteak und faschierten Laberln – Haferkamp in einer anderen Folge: »Ein Steak braten, das kann wirklich jeder. Aber für eine Frikadelle braucht man Erfahrung! Eine Frikadelle darf außen nicht verkrustet sein und nicht zu hell. Schlechte Frikadellen sind matschig oder knochenhart, wenn man sie anfaßt. Die meisten sind auch viel zu groß, sind weich und lappig wie ein Pfannkuchen! Sie müssen klein sein und fast rund, ein bißchen abgeflacht, außen kroß und innen gerade durch.«), da kannte sich Wolfgang Becker – oder, wahrscheinlicher: Hansjörg Felmy – wohl aus, wohingegen die Schilderung der reichen Witwe und ihres Umfelds und die der beiden Gerichtsszenen holzschnittartig gerieten.
Das Wort ›Intelligenz‹ fiel auffallend oft und manchmal in kuriosen Zusammenhängen. Haferkamp hatte die Möglichkeit, über die Moral des Polizisten zu philosophieren und der Schauspieler, der den Anwalt spielte, konnte zeigen, was er auf der Theaterbühne gelernt hatte, denn da kam das her, was er und Maria Schell trieben (etwa wenn sie ein Buch aus dem Regal nahm und darin blätterte … man sah die Regieanweisung direkt vor sich: ›Evelyn (nimmt ein Buch aus dem Regal und blättert darin) …‹). Drastisch war die Großaufnahme der schweißnassen Mundpartie des Anwalts, während er sein Plädoyer hielt und als er sich am Ende – auch in einer Großaufnahme, diesmal seines ganzen Gesichts – nach seiner Entlarvung zwei Finger auf den Mund legte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).

Freitag, 17. April 2015

In Re Don Giovanni

Was Mozarts Musik betrifft, so kennt meine Seele keine Furcht, mein Vertrauen keine Grenze. Teils ist, was ich bisher verstanden habe, nur sehr wenig, und immer bleibt noch genug, was sich in den Schatten der Ahnung hüllt; teils bin ich überzeugt, daß, würde Mozart mir jemals ganz begreiflich, er mir erst vollkommen unbegreiflich würde.

(Søren Kierkegaard, Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Leipzig, 1885, S. 63).

Schön!

Ihre braunen Augen sind groß und klug. Wenn sie durch die Wälder des Südens geht, begleitet sie sicher der große Pan, der nur für sie aus seinem Schlafe erwacht; ein Käfer setzt sich wohl dann als unbekannter Edelstein auf ihren Finger.

(Friedrich Glauser, Ascona; in: Der alte Zauberer. Das erzählerische Werk Band II: 1930-1933, Zürich 1992, S. 86; Glauser schreibt über die Malerin Marianne von Werefkin).

Mittwoch, 15. April 2015

esse est percipi

Wenn man das Böse nicht kennt, existiert es nicht.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort abat-jour, S. 13).

Dienstag, 14. April 2015

So what …

Jeder Augenblick ist autonom. Weder die Rache noch die Vergebung, noch die Kerker, noch auch das Vergessen können die unversehrbare Vergangenheit modifizieren. Nicht minder fruchtlos erscheinen mir die Hoffnung und die Furcht, die sich immer auf künftige Vorfälle beziehen; das heißt auf Vorfälle, die uns, die wir das minutiöse Präsens sind, nicht zustoßen werden.

(Jorge Luis Borges, Neue Widerlegung der Zeit; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 191).

On dit …

Samuel Johnson soll gesagt haben, daß die Torheiten des Lebens von dem Versuch herrühren, das uns Unähnliche nachzuahmen.

Montag, 13. April 2015

!

11. Mai [1865] – Es tut gut, glücklich zu sein!

(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4., S. 221).

Sonntag, 12. April 2015

¡Ándale, ándale!

In den vergangenen Tagen hatte Hans Köberlin so viel Notwendiges zu erledigen gehabt, daß er das Gewicht des Schrittes, den er gerade dabei war zu unternehmen – vollkommene Entwurzelung –, nicht realisierte. Er war sich stets wie ein marginal man vorgekommen, aber nun hatte er gemerkt, wie eingebunden er in die diversen Systeme der Gesellschaft war.* Jetzt sollte doch eigentlich eine neue Ära beginnen, aber es galt noch immer Altlasten abzutragen. Immer galt es noch Altlasten abzutragen, man hatte nie alles erledigt, es gab in Hans Köberlins Vita keine sauberen Schnitte. »Wem Gott will die rechte Gunst erweisen …«, nun: diese Zeiten waren vorbei, und man mußte heute für ein Leben als Taugenichts tauglich sein.


* »Die Exklusion integriert viel stärker als die Inklusion – Integration (…) verstanden als Einschränkung der Freiheitsgrade für Selektionen«, so Niklas Luhmann (Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 4. Aufl. 1993, S. 631).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).

First things first

Mit einem Satz von Boswell, den er bis zur Vollkommenheit verbessert, erzählt Hudson, daß er in seinem Leben viele Male das Studium der Metaphysik in Angriff genommen, doch habe ihn jedesmal das Glück unterbrochen.

(Jorge Luis Borges, Über The Purple Land; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 154).

Dienstag, 7. April 2015

Thomas Mann

Alter ist Vergangenheit als Gegenwart.

Arno Schmidt

»… ‹Leser› ? ? – Nee ! !« (Sowas kenn ich nicht).

Heute vor einem Jahr war es neblig



Wohl wahr

Erotik macht aus einem Trotzdem ein Weil.

(Karl Kraus, Die Fackel Nr. 360-362 vom 7. November 1912).

Montag, 6. April 2015

Blumenberg, wie immer genial

Ein Kriterium für intellektuelle Gesundheit ist die Spannweite von Unvereinbarkeiten im Hinblick auf ein und dieselbe Sache, die ausgehalten wird und dazu noch Anreiz bietet, Gewinn aus der Beirrung zu ziehen.

Nochmals Rabelais

Beati lourdes, quoniam ipsi trebuchaverunt.

Machiavelli und Ascenseur pour l’échafaud

Am Donnerstag, dem 23. Januar 2014, zitierte, wie Hans Köberlin noch erfahren sollte, das Kalenderblatt des Zitatenkalenders Machiavelli: nur durch die Armut und durch den Reichtum seien wir ungleich. Nun, das galt, so Hans Köberlin, aber nur unter gewissen Gesichtspunkten … es gab ja auch noch die gute alte Geschlechterdifferenz … Nur durch … nur durch …: das waren so wohlfeile Weisheiten, verkündet nach Tageslaune … Und Hans Köberlin sollte sich dann, als er das las, weiterhin sagen, daß diese angesprochene ökonomische – und damit politische! – Ungleichheit – selbst bei gleichen Ausgangslagen – eine soziale Konstante sei, resultierend aus verschiedenen Interessen …: der eine interessierte sich eben für ungleichen Besitz beziehungsweise willkürliche Machtverteilung (wobei ›ungleich‹ beziehungsweise ›willkürlich‹ dem daran Interessierten immer ›mehr als‹ bedeutete), der andere für das (ihm) ungleiche Geschlecht, von dem er nie genug bekommen konnte (wobei es gegen willkürliche Geschlechterdifferenzen keine Einwände gab) …; und mit ärmer und reicher, wegen ihm auch mit stinkreich, damit hatte Hans Köberlin sich arrangiert, aber man hatte es mit der Zivilisation noch nicht sehr weit gebracht, so sagte er sich, solange man wirkliche Armut und wirkliche Not duldete oder billigend inkaufnahm, ja sogar bewußt produzierte, um Druck von unten auszuüben … wobei da dann auch das ›wirklich‹ zu definieren wäre. Edmond de Goncourt hatte irgendwann 1890 notiert, Geld sei eine schmutzige Angelegenheit und könne nur durch Quantität rehabilitiert werden …  wohl war, wohl war. – Wie dem auch sei, nach dem Blick in die Filmkalenderblattsammelkiste wußte Hans Köberlin, was er heute im Verlauf des Tages hören würde, denn auf dem Blatt vom vergangenen Jahr sah man eine besorgte Jeanne Moreau (*1928) am Telephon. Sie konnte ihren Geliebten nicht erreichen und ahnte ergo da noch nicht, daß die perfekt geplante Ermordung ihres Gatten durch ihn, ihren Geliebten, wegen eines steckengebliebenen Aufzugs ruchbar werden würde … Wir müssen wohl immer noch nicht sagen, daß –, können uns aber diesmal nicht verkneifen zu sagen, daß das Still aus Louis Malles Klassiker Ascenseur pour lʼéchafaud (1958) und daß der Soundtrack, den Hans Köberlin, wie gesagt, später am Tag hören sollte, von Miles Davis stammte …*


* Außer der Geburtstag von Jeanne Moreau war der 23. Januar auch der Geburtstag von Hark Bohms Sohn Uwe (*1962), weshalb das Blatt von 2012 ein Still aus Nordsee ist Mordsee zeigte (da kam der Soundtrack übrigens von Udo Lindenberg, den Hans Köberlin bei jeder Tatort-Episode trommeln hörte und dessen Solokarriere er, Hans Köberlin, während seiner Pubertät – ein schwieriges Alter – über die ersten vier-fünf Alben verfolgt hatte), und schließlich war es noch der Geburtstag von Dan Duryea (*1907), den man 1997 neben June Vincent in William Neills The Black Angel (1946) sehen konnte, und es war der Todestag Humphrey Bogarts (†1957; eines der Kalenderblätter hatte wieder irrtümlich ein ›*‹ gesetzt).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Sonntag, 5. April 2015

Freitag, 3. April 2015

»Der Tod sei der Zweck des Lebens.« und andere Gedanken

Er verzichtete an diesem Morgen auf den Dauerlauf, weil er am Nachmittag in das Zentrum des Ortes gehen wollte. Durch eine gezielt lancierte Werbung im weltweiten Netz erfuhr er, daß im März ein neues Bootleg-Boxset von Miles Davis erscheinen sollte, aus der Bitches Brew- und Tribute to Jack Johnson-Zeit, und wenn Hans Köberlin wirklich in dieser sublunaren Welt weitermachen wollte, dann mußte er dieses Boxset natürlich kaufen.
Nach dem Frühstück las Hans Köberlin im leeren Wintergarten im Ulysses weiter. Man saß in der Kutscherkneipe und wurde von dem Matrosen angesprochen. In diesem Kapitel war die Chance, auf schönen Schweinkram zu stoßen, gering. Bei Luhmann las er anschließend: »Man kann angesichts der Komplexität der Welt nicht alle Bedingungen der Möglichkeit eines Sachverhalts in den Begriff dieses Sachverhalts aufnehmen; denn damit würde der Begriff jede Kontur und jede theoriebautechnische Verwendbarkeit verlieren.« (dieses und die folgenden Zitate aus: Was ist Kommunikation; in: Short Cuts, hrsg. von Heidi Paris, Peter Gente und Martin Weinmann, Frankfurt am Main 4. Aufl. 2002, S. 44ff.).  Und: »Jede andere Auffassung (als die Zwecklosigkeit der Kommunikation) müßte begründen, weshalb das System nach dem Erreichen seiner Zwecke fortdauert; oder man müßte, nicht ganz neu, sagen: Der Tod sei der Zweck des Lebens.«* Und: »Und selbst bei aktuellen Themen – selbst wenn man endlich einen Parkplatz gefunden hat und nach langen Fußmärschen das Café erreicht hat, wo es in Rom den besten Kaffee geben soll und dann die paar Tropfen trinkt – wo ist da Konsens oder Dissens, solange man den Spaß nicht durch Kommunikation verdirbt? (…) Es kann aber, und dies scheint mir für fernöstliche Kulturen zu gelten, auch umgekehrt sensibilisieren: Man vermeidet Kommunikation mit Ablehnungswahrscheinlichkeiten, man versucht Wünsche zu erfüllen, bevor sie geäußert wurden, und signalisiert eben dadurch Schranken; und man wirkt an der Kommunikation mit ohne zu widersprechen und ohne die Kommunikation dadurch zu stören, daß man Annahme oder Ablehnung zurückmeldet.« … wie Breton einmal gesagt hatte: hier bewege sich nicht der Mensch sondern die Erde. (André Breton (Hg.), Anthologie des schwarzen Humors, Frankfurt am Main 1979, S. 515). Und Jean Ferry, der gefragt hatte, ob es einem nicht auch schon einmal passiert sei, daß man den Fuß im Dunkeln auf die oberste Treppenstufe gesetzt habe, auf jene, die gar nicht vorhanden, und in diesem Land passiere einem das dauernd, der Stoff, aus dem jene nicht vorhandene Treppenstufe bestehe, sei hier der Stoff schlechthin (ebd.).


* Novalis’ 14. Blüthenstaubfragment fiel Hans Köberlin ein: »Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen.« (in: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs, hrsg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel, Stuttgart 1960ff., Bd. 2, S. 417).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Wie schon Gargantua sagte …

… il vault mieulx pleurer moins et boire dadvantaige!

… und:

Certaines diecules nous invisons les lupanares, et en ecstase venereique, inculcons nos veretres es penitissimes recesses des pudendes de ces meritricules amicabilissimes; puis cauponizons es tabernes meritoires …

Ein gnostischer Kommentar zu Psalm 23

Hebbels Version des Bibelwortes, daß der Herr ein Hirte sei, in einem Tagebucheintrag aus dm Jahre 1836: »Das aus dem Wagen eines Schlachters gehobene schlafende Kalb.«

Eine Randnotiz

Herzog Jean des Esseintes, der Protagonist von Huysmans A rebours, hatte sich fast genauso eingerichtet wie der Clemens Limbularius von … du rissest dich denn ein., in einem Haus an der Peripherie der Großstadt, und er nahm auch dessen Lästern über Politik und Presse vorweg: »Geradezu unerträglich litt er bei der Lektüre patriotischer und sozialer Torheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden.« (vgl. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 15f.). Auch Hurengeschichten tauchten in A rebours auf, allerdings weniger erfolgreich als bei Clemens Limbularius, denn bei Jean des Esseintes hatte sich ein Überdruß eingestellt. Weitere wesentliche Unterschiede zwischen den beiden waren: Jean des Esseintes mußte nicht arbeiten, außerdem war er – im Gegensatz zu dem, was das Soziale betraf, konformistisch erscheinenden Clemens Limbularius – ein ziemlicher Exzentriker.

Gestern


Für gute Zeiten

Chesterton dachte, wie Whitman, die bloße Tatsache des Seins sei derart überwältigend, daß kein Unglück uns von einer Art kosmischer Dankbarkeit entbiden dürfe.

(Jorge Luis Borges, Über Chesterton; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 96).

Donnerstag, 2. April 2015

Heute vor …

2 avril 1868

Je lis qu’il est tombé de la neige noire dans le Michigan; c’est bien la neige du pays de Poë.
*
Le silence! oh! le silence! Dormir vingt-quatre heures dans un de ces tombeaux qui ont pour pierre, sur la mort du bruit, une montagne ou une pyramide.

(Journal des Goncourt. Mémoires de la vie littéraire, troisième volume 1866-1870, Paris 1888).

Heute


Mittwoch, 1. April 2015

Nochmals eine Hoffnung

Wenn in einem Autor etwas steckt, kann keine Absicht, mag sie noch so albern oder irrig sein, dem Werk einen Schaden unheilbarer Art zufügen. Ein Autor mag an absurden Vorurteilen kranken; sein Werk dagegen, wenn es echt ist und einer echten Vision entspringt, kann nicht absurd sein.

(Jorge Luis Borges, Nathaniel Hawthorne; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 77).

Nochmals Hawthorne: eine Warnung

Amid the seeming confusion of our mysterious world individuals are so nicely adjusted to a system, and systems to one another and to a whole, that by stepping aside for a moment a man exposes himself to a fearful risk of losing his place for ever. Like Wakefield, he may become, as it were, the outcast of the universe.

(Nathaniel Hawthorne, Wakefield; vgl. Über Wakefield und ähnliche Gestalten).

Über Wakefield und ähnliche Gestalten

Clemens las Wakefield zu Ende, eine kurze Erzählung von Nathaniel Hawthorne (dem Freund Melvilles, der ihm Moby Dick gewidmet hatte), mit deren Lektüre er (…) begonnen hatte, weil Hans Köberlin auf die Erzählung zu sprechen gekommen war. Der Erzähler berichtete darin von einer kurzen Zeitungsnotiz, nach der ein Ehemann sich von seiner Frau anläßlich einer kleinen Reise für ein paar Tage höchstens verabschiedet hatte, dann heimlich in eine Wohnung in der Nachbarschaft gezogen war, dort inkognito gelebt und sein Leben ohne sich beobachtet hatte und erst nach zwanzig Jahren an den heimischen Herd zurückgekehrt war. Hawthornes Erzähler schickte sich nun an, den Raum, den diese karge Notiz eröffnet hatte, mit einem Psychogramm des Mannes, den er Wakefield nannte, zu füllen.
Hans Köberlin hatte den Text für eine geplante aber leider nie realisierte Anthologie ausgewählt, in der Zeugnisse versammelt werden sollten, die mit erschreckender Konsequenz zeigten, wie Menschen Jahrzehnte ihres eigenen und einzigen Lebens nichteten oder genötigt wurden, dies zu tun. Kafkas Vor dem Gesetz sollte die Anthologie eröffnen, dann sollte ein einleitender Essay Hans Köberlins folgen, außerdem wollte er noch seinen Text über Frank Capras It’s a wonderful life (…) einbringen, unter anderem war dann noch Alieta des hier nur durch Borges, glaube ich, breiter bekannten Leopoldo Lugones vorgesehen, von Borges natürlich Die Wartezeit nebst Vom Warten und vom Traum. Versuch eines Kommentars zu Jorge Luis Borges’ Die Wartezeit, verfertigt von Hans Köberlin (vgl. »Dicht hinter dem Ideal kommt nämlich das Zufälliges als das Nächste.«), dann noch Faulkners Rosa Coldfield aus Absalom, Absalom! und Schilderungen von auf Bahnsteigen über die Zeit hinaus warten müssenden Menschen (Bahnsteige, auf denen, davon war Hans Köberlin überzeugt gewesen, durch das Gebaren der Bahn systematisch Amokläufer und Bombenleger herangezüchtet wurden), und schließlich noch Bartleby hatte Köberlin in seiner möglichen Liste der Beispiele (die natürlich wesentlich mehr Zeugnisse umfaßte als die hier von uns erwähnten) als Grenzfall angeführt. Er könne die Unerbittlichkeit der Rache des Edmond Dantès nach vierzehn Jahren im Château d’If gut nachvollziehen, bekannte Hans Köberlin in den Versuchen zu dem einleitenden Essay (…)
Eine Schlüsselstelle kam einer Passage aus Robert Walsers Jakob von Gunten zu. Eines Tages, so schrieb der, werde von seinem Wesen und Beginnen irgendein Duft ausgehen, er werde Blüte sein und ein wenig, wie zu seinem eigenen Vergnügen, duften, und dann werde er den Kopf neigen. Die Arme und Beine würden ihm seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles werde brechen und welken, und er werde tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse Art tot, und dann werde er vielleicht sechzig Jahre so dahinleben und -sterben. Von diesen vielleicht sechzig Jahren glaubte Hans Köberlin (laut Tagebuch), daß er sie selber so nicht aushalten könne, und auch Clemens konnte sich nicht vorstellen, das ertragen zu können.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 156ff.).

Autoren und ihre Figuren

… ohne Zweifel hat Cervantes Don Quijote gut gekannt und konnte an ihn glauben. Unser Glaube an den Glauben des Romanciers rettet alle Nachlässigkeiten und Fehler. Was bedeuten unglaubliche oder plumpe Vorgänge, wenn wir spüren, daß der Autor sie nicht ersonnen hat, um unsere Gutgläubigkeit zu übertölpeln, sondern um seine Gestalten zu definieren. Was bedeuten die albernen Skandale und verworrenen Untaten am vermeintlich dänischen Hof, wenn wir an den Prinzen Hamlet glauben.

(Jorge Luis Borges, Nathaniel Hawthorne; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 67).

Empirie

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):

  • Stand des Manuskripts: S. 742 von ca. 1.800 Seiten
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 588 von ca. 1.800 Seiten
    • Kapitel: X (= Phase IV – oder: modus vivendi) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Montag, der 20. Januar 2014, der 111. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Fußnoten Stand des Manuskripts: 2071
  • Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 1602
  • Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
  • Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen


* (= die momentane Fußnote 274 auf S. 58) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

Wird aktualisiert!

Dienstag, 31. März 2015

»So ungesellig und weiträumig ist die Literatur!«

Croce formulierte diese Widerlegung [der Allegorie] 1907; 1904 hatte Chesterton sie [Croces Widerlegung] bereits widerlegt, ohne daß Croce davon wußte.

(Jorge Luis Borges, Nathaniel Hawthorne; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 63; vgl. auch Eine Allegorie).

Samstag, 28. März 2015

»Dicht hinter dem Ideal kommt nämlich das Zufällige als das Nächste.«

Ein witziger Kopf hat gesagt, man könne die Menschheit einteilen in Offiziere, Dienstmädchen und Schornsteinfeger. Diese Bemerkung ist meines Dafürhaltens nicht bloß witzig, sondern zugleich tiefsinnig, und es gehört ein großes spekulatives Talent dazu, eine bessere Einteilung zu finden. Wenn eine Einteilung nicht der Idee entsprechend ihren Gegenstand ausschöpft, so ist die zufällige in jeder Weise vorzuziehen, weil sie die Phantasie in Bewegung setzt. Eine leidlich wahre Einteilung kann den Verstand nicht zufriedenstellen, ist gar nichts für die Phantasie, weshalb sie immer zu verwerfen ist, mag sie auch für den täglichen Gebrauch viel Ehre genießen, weil die Menschen teils sehr dumm sind und teils sehr wenig Phantasie haben. (Sören Kierkegaard, Die Wiederholung / Die Krise und eine Krise im Leben einer Schauspielerin, Reinbek 1961, S. 30f., dort auch die als Titel dieses Posts zitierte Weisheit).

Das galt nicht bloß für Einteilungen, sondern auf für repräsentative Aufzählungen, und Hans Köberlin erinnerte sich daran, was er in dem (auch außerhalb der von Clemens Limbularius herausgegebenen gesammelten Werke publizierten) Essay Vom Warten und vom Traum. Versuch eines Kommentars zu Jorge Luis Borgesʼ »Die Wartezeit« (in: Bernd Ternes / Herbert Neidhöfer (Hg.), Was kostet den Kopf? Ausgesetztes Denken der Aisthesis zwischen Abstraktion und Imagination. Dietmar Kamper zum 65. Geburtstag, Marburg 2001) über Borges geschrieben hatte:

»Er [der Besitzer des Alephs] erklärte, ein Aleph sei einer jener Punkte im Raum, die alle Punkte in sich enthalten (…) der Ort, an dem, ohne sich zu vermischen, alle Orte der Welt sind, aus allen Winkeln gesehen.« (Das Aleph; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 6, Frankfurt am Main 1992, S. 140) (…)
Borges bettete seinen Bericht von dem ominösen Aleph in die ironische Geschichte eines Trauerkults, der den Ich-Erzähler in Kontakt mit dem Bruder [War es nicht der Cousin? H. N.] der geliebten Verstorbenen brachte (…): Carlos Argentino wurde als ein eher schlechter Dichter charakterisiert, der sich – inspiriert von dem Aleph, das sich im Keller seines Hauses befand – anschickte, ein hybrides Epos, Die Erde betitelt, zu verfassen …: »Hatte er doch vor, die Gesamtrundung des Planeten in Verse zu bringen; im Jahr 1941 hatte er bereits einige Hektar des Staates Queensland erledigt und über einen Kilometer vom Lauf des Ob, einen Gasometer im Norden von Veracruz, die wichtigsten Geschäftshäuser der Gemeinde Concepción, das Landhaus von Mariana Cambáceres de Alvear in der Calle Once de Setiembre in Belgrano und ein Türkisches Bad unweit des berühmten Aquariums von Brighton. Er las mir ein paar besonders mühsame Stellen aus der australischen Zone seiner Dichtung vor …« (ebd., S. 136). Es bedarf keiner weiteren Worte um zu belegen, daß sich die Erde auf diese Weise in einem Menschenleben nicht in Schrift fassen ließ.
Borges der Erzähler hatte keine Schwierigkeit, das Scheitern dieses Schreibens zu beschreiben: er begann einfach mit einer zufälligen Aufzählung aller Dinge die es gab. Der fiktive Borges der Erzählung (der Ich-Erzähler) sah sich jedoch, nachdem er das Aleph und das, was es gezeigt, mit eigenen Augen gesehen hatte, in großer Not, das Gesehene – ohne dabei auf ein ›Bild‹, eine Metapher zurückzugreifen – zu beschreiben: »Überdies ist das Kernproblem unlösbar: die Aufzählung, wenn auch nur die teilweise, eines unendlichen Ganzen.« (ebd., S. 143) – die Hybris eines solchen Versuchs hatte er ja eben an Carlos Argentino vorgeführt – »Was meine Augen sahen, war simultan: was ich beschreiben werde, ist sukzessiv, weil die Sprache es ist. Etwas davon will ich gleichwohl festhalten.«
Pablo J. Brescia bezeichnete in seinem Essay Josef von Sternberg und Borges dieses ›Etwas‹ als »das Zeigen einer Reihe scheinbar inkohärenter Bilder, die im Leser den Eindruck erwecken, er sehe alles zur gleichen Zeit.« (…) Es ist ein Charakteristikum der Erzählungen Borges’, das, was ihre Magie ausmacht, daß in ihnen etwas extrem genommen wurde, beim Wort, wie man so sagt, dabei müßte es hier aber heißen: als Ding, daß eine Idee, eine Theorie oder ein Dogma – eigentlich versehen mit dem Hinweis: Achtung: Nur für den geistigen Gebrauch bestimmt! – konsequent in aller Paradoxie zuende gedacht und materialisiert wurde, für das normale, kategorisierende Verständnis, für die Logik mit Subjekt, Prädikat und Kopula wurden Metaphern zu wörtlich genommen, das Nichtidentische wurde nicht zugerichtet, auch nicht als Differenz markiert, sondern aufgezählt.
Die gleiche Diagnose – Inkohärenz, die über das ›Etwas‹ gestellt wurde – traf auch auf Argentinos Epos Die Erde zu: »eine Reihe scheinbar inkohärenter Bilder«. Der Unterschied zwischen den beiden gleichartigen Aufzählungen war: Argentino wollte das Ganze, der fiktive Borges, der sein Schreiben reflektierte, wollte ›Etwas‹, das den Eindruck des Ganzen vermittelte. In seinem Essay Die Erzählkunst und die Magie unterschied Borges zwischen »dem natürlichen [Kausalvorgang], der das unaufhörliche Ergebnis kontrollierbarer und unendlicher Wirkungsvorgänge ist, und dem magischen, bei dem die Einzelheiten weissagen, und der klar und begrenzt ist.«

Joyce war übrigens auch ein Meister der Aufzählungen, hier ein Beispiel, beziehungsweise zwei Beispiele, ein kurzes und ein langes:

He [Mr Bloom] is pelted with gravel, cabbagestumps, biscuitboxes, eggs, potatoes, dead codfish, woman’s slipperslappers.

Das war das kurze Beispiel, und jetzt:

After him, freshfound, the hue and cry zigzag gallops in hot pursuit of follow my leader: 65 C 66 C night watch, John Henry Menton, Wisdom Hely, V. B. Dillon, Councillor Nannetti, Alexander Keyes, Larry O’Rourke, Joe Cuffe, Mrs O’Dowd, Pisser Burke, The Nameless One, Mrs Riordan, The Citizen, Garryowen, Whatdoyoucallhim, Strangeface, Fellowthatslike, Sawhimbefore, Chapwith, Chris Callinan, sir Charles Cameron, Benjamin Dollard, Lenehan, BarteIl d’Arcy, Joe Hynes, red Murray, editor Brayden, T M. Healy, Mr Justice Fitzgibbon. John Howard Parnell, the reverend Tinned Salmon, Professor Joly, Mrs Breen, Denis Breen, Theodore Purefoy, Mina Purefoy, the Westland Row postmistress, C. P. M’Coy, friend of Lyons, Hoppy Holohan, man in the street, other man in the street, Footballboots, pugnosed driver, rich protestant lady, Davy Byrne, Mrs Ellen M’Guinness, Mrs Joe Gallaher, George Lidwell, Jimmy Henry on corns, Superintendent Laracy, Father Cowley, Crofton out of the Collector General’s, Dan Dawson, dental surgeon Bloom with tweezers, Mrs Bob Doran, Mrs Kennefick, Mrs Wyse Nolan, John Wyse Nolan, handsomemarriedwomanrubbedagainstwidebehindinClonskeatram, the bookseller of Sweets of Sin, Miss Dubedatandshedidbedad, Mesdames Gerald and Stanislaus Moran of Roebuck, the managing clerk of Drimmie’s, colonel Hayes, Mastiansky, Citron, Penrose, Aaron Figatner, Moses Herzog, Michael E. Geraghty, Inspector Troy, Mrs Galbraith, the constable off Eccles Street corner, old doctor Brady with stethoscope, the mystery man on the beach, a retriever, Mrs Miriam Dandrade and all her lovers. (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 504f.).

Und in aller Bescheidenheit: vgl. auch Telos, S. 420:

… sowie diverse Analerotiker, Angestellte, Arschgesichter, Automobilfahrer, Bahnopfer, Bahnreisende, Bajuwaren, Bauarbeiter, Bauern, Besserwisser, Bettler, Bewohner der Stadt der Narren, Bordellbesucherinnen und -besucher, cousines et cousins, Cowgirls and -boys, Dilettanten, Domstädter, Dorftrottel, Eigenheimbesitzer, Ekel, Enten, Esoterikerinnen, Fahrradfahrer, die Fauna, Filmfiguren, Fische, fliegende Fische, die Flora, Flugreisende, fratelli siciliani con gli fucili da caccia, Frauen, Frauen die sich eine Katze halten, Fußgänger, Gaststättengäste, Gehülfen, Geister, Genies, Göttinnen und Götter, Hansestädter, Hauptstädter, Heterosexuelle, Hexen, Homosexuelle, Hotelgäste, Hunde, Ignoranten, Inselbewohner, inzestuöse Geschwister, Joggerinnen, Katzen, Keilinger, Kellnerinnen, Kolleginnen und Kollegen, Kongreßteilnehmer und -veranstalter, Kreisstädter, Kurpfuscher, Lagerarbeiterinnen und -arbeiter, Lemminge, Leserinnen und Leser, Liebende, Liebesverräterinnen, Leute, Leute aus dem administrativ belästigten Publikum der Individuen, literarische Figuren, Masturbarteure, Maulhelden, Mäuse, Medien, Menschen, Meeressäuger, Muscheln, Mütter, Nackte, Noberker, Omnibusfahrer, Omnibusreisende, Onanierende, Orakel, Oralerotiker, Pädagogen, Päderasten, Pansexuelle, Passagiere, Passanten, Pedestrians, Pensionsgäste und -wirtinnen, Personen, Personenschäden, Perverse, Pfandflaschenretournierer, polymorph Perverse, Priester, Prostituierte, Provinzler Querulanten, Radaubrüder, Reaktionäre, reale Figuren, Revolverhelden, Rezipienten, Römerinnen und Römer, Schauspieler, Schüler, Schwestern, Selbstmörder, Serienhelden, Statisten, Sterbliche, Studentinnen und Studenten, Taschentelephonbenutzer, Taxifahrer, Tote, tragische Figuren, Transsexuelle, Tunten, Unsterbliche, Väter, Verlassene, Wanderer, Wartende, Wirte, Xantippen, Yorkshireterrier, Zechpreller …

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Freitag, 27. März 2015

Ein wichtiges Spiel

Bei dem Würfel-Spiel saß eine lange, hagere Frau und strickte. Ich fragte, was man da gewinnen könnte: sie sagte: Nichts, und als ich fragte, ob man was verlieren könne, sagte sie: Nein! Dieses hielt ich für ein wichtiges Spiel.

(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd 1, S. 948; Lichtenberg träumte dies in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1799, also zwei Wochen vor seinem Tod).

Aus mediterranen Zeiten

Irgendwann stand er auf und absolvierte seinen Dauerlauf, mit welcher Musik in den Ohren, das wurde nicht überliefert. Das Wetter ließ an diesem Tag eine Benutzung der anderen Dachterrasse nicht zu, und so setzte er sich zum Frühstück in den leeren Wintergarten, wo er sich anschließend auch wieder mit seinen Büchern und dem Laptop einrichtete. Aus dem Kamin stieg Mr Blooms Großvater Lipoti Virag und analysierte die Qualität der drei Huren im Raum, dann ging es darum, wie man Warzen loswerden konnte, was Hans Köberlin an The Adventures of Tom Sawyer erinnerte …
»Die würde ich auch gerne noch einmal lesen, und natürlich The Adventures of Huckleberry Finn, und auf dem Mississippi würde ich auch gerne einmal fahren, auch wegen Faulkner, aber bei meiner Rückkehr werde ich wahrscheinlich pleite und verschuldet sein …«
… und es ging um Schlangen, die gierig nach der Milch der Frauen waren, und um pralle Kuheuter und um eine Motte … Hans Köberlin kam bis zu der Passage, in der Mr Bloom unter seinem Alias Henry Flower als Orpheus mit der Leier auftrat, dann legte er den Ulysses beiseite und las in Schwarze Spiegel weiter.* Dabei stieß er auf einen wahrscheinlichen oder eventuellen (auch er, Hans Köberlin, hatte bei dem betreffenden Sachverhalt kein Insiderwissen) kleinen Lapsus des sich doch selber für unfehlbar wähnenden Autors. Auf Seite 215 schrieb der nämlich …

Vorm Einschlafen : trotz Müdigkeit schon eine Zeichnung gemacht fürs Haus. Morgen muß ich gleich noch einmal in die Wacholderringe und genau die Stelle ausmessen, wie hoch usw. (Und auch für den Schuppen. Am besten gleich mit Pflöcken abstecken. – Im Ort noch Millimeterpapier suchen).

Arnoschmidtleser wußten genau, wie man sich so eine Zeichnung vorzustellen hatte, nun, auf Seite 217 dann …

Drei Tischler waren im Ort gewesen : da hatt’ ich die Auswahl (und Zeichenmaterial en masse aus der Walldorf-Schule unten); so saß ich lange, bis in die lichterzuckende Nacht und grübelte …

Hans Köberlin fragte sich, ob eine Wal(!)dorfschule die richtige Adresse für Millimeterpapier, spitze Zeichenstifte und Lineale war, Steiners hatten es doch nicht so mit dem Geraden und mit den rechten Winkeln … und selbst wenn es in einer Wal(!)dorfschule Zeichenmaterial für den Geometrieunterricht geben sollte, so doch sicher nicht »en masse«, wie etwa Fingerfarben, dicke Aquarellpinsel und Aquarellpapier und ähnliches Material zum Malen von rundamorph Verlaufendem … Hans Köberlin konsultierte seinen digitalen Bargfelder Boten, doch dort wurde, soweit seine Recherche ergab, die Frage nicht verhandelt. – Dem ungeachtet war es wie immer ein großes Vergnügen, Arno Schmidt zu lesen. Hans Köberlin las auch, nach dem er es länger nicht zur Hand genommen hatte, in Alice Schmidts Tagebuch, wie das Ehepaar Schmidt 1954 in ziemlich knappen Verhältnissen den Geburtstag verbracht hatte. Ansonsten beschäftigte er sich wie immer mit seiner üblichen Lektüre und dem Festhalten seiner Reflektionen.


* Auch Arno Schmidt hatte ja bekanntlich eine Orpheus-Variation geschrieben, Caliban über Setebos, und Clemens Limbularius hatte eine erlebt, vgl. HannaH & SesyluS.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

Über Probleme

Das Wort »Problem« kann eine tückische petitio principii sein (…) Eine weitere Schattenseite der falschen Probleme ist es, Lösungen vorzuschlagen, die ebenfalls falsch sind.

(Jorge Luis Borges, Doktor Américo Castros Besorgnisse; in: Inquisitionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7, Frankfurt am Main 1992, S. 37). 


Donnerstag, 26. März 2015

Mittwoch, 25. März 2015

Meine Rede

Relationen und Ähnlichkeiten zwischen Dingen finden, die sonst niemand sieht. Auf diese Weise kann Witz zu Erfindungen leiten.

(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd 2, S. 255; vgl. auch The Chums of Chance).

Dienstag, 24. März 2015

Drei Stellen

Drei Stellen, die ich 2008 warum auch immer in Tarkowskijs Tagebuch Martyrolog angestrichen habe, in denen sich der Regisseur allerdings auf andere Texte bezieht:

»er [Heyse] sagte, ein Dilettant sei ein kurioser Mensch, der Genuß daraus ziehe, das zu tun, wovon er nichts versteht.«

»Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder (Joh 10.1).«

»Es ist sehr nützlich, Menschen aus dem Wege zu gehen, die Dir nicht gleichen und die von anderen Wünschen beherrscht werden (Seneca, 30. Brief an Lucillus).«

Eine Allegorie

Doch die ideale Julia der besseren Wirklichkeit hat dem fiktiven Romeo meines Blutes das hohe Fenster des literarischen Gesprächs vor der Nase zugeschlagen.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 45; dort spricht er auch von dem »Mantel-und-Degen-Roman von Existenzen ohne Balkon«).

Ironie des Schicksals

Stan Laurels Bruder starb nach einer Zahnbehandlung an einer Überdosis Lachgas.

Heillos

»Und weil es so einmalig war, kann ich es sagen: Ich war da Wort für Wort in der Zeit, so als sei diese mein Ort.« (Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 228).

Und obwohl es wahrscheinlich nicht im Sinne des Zitierten ist, gab mir das Lesen dieser Zustandsbeschreibung ein, daß es gut ist, in dieser Welt heillos zu sein.

Montag, 23. März 2015

The Chums of Chance

Warum der Gebrauch eines Roue à livres:

Die wirklich guten Dinge widerfahren einem, das ist im Leben so wie beim Schreiben, man kann sie für gewöhnlich nicht erzwingen; man kann ihnen allerdings, zumindest beim Schreiben, günstige Konditionen  für potentielle Widerfährnisse einräumen, etwa durch die simultane Lektüre diverser divergierender Bücher, mehr oder weniger aus einer Laune heraus ausgewählte Bücher oder zufällig ausgewählte Bücher oder nach einer unverhofften Begegnung über einen gekommene Bücher.

»Die Kraft zu kombinieren und Aehnlichkeit zu finden wächst bei mir so, daß ich zuletzt gar keine Unähnlichkeit mehr kenne, sondern wie ein Gott alles ähnlich sehe.« (Jean Paul, Ideen-Gewimmel. Texte und Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, hrsg. von Kurt Wölfel und Thomas Wirtz, Frankfurt am Main 1996, S. 82).

»Die Gabe, Ähnlichkeit zu sehn, die wir besitzen, ist nichts als nur ein schwaches Rudiment des ehemals gewaltigen Zwanges, ähnlich zu werden und sich zu verhalten. Und das verschollene Vermögen, ähnlich zu werden, reichte weit hinaus über die schmale Merkwelt, in der wir noch Ähnlichkeit zu sehen imstande sind.« (Walter Benjamin, Lehre vom Ähnlichen; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 2, S. 210; vgl. auch ebd.: Über das mimetische Vermögen).

Bücherliste #3

Beschluß der aktuellen Liste der Bücher auf dem Roue à livres:
  • Niklas Luhmann, Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008
    »Es geht um verschiedene Formen des Umgangs mit dem, was durch Beobachtung unbeobachtbar wird.« (S. 245).
  • Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007
    »Es hatte bei dieser um nichts zu gehen als um das Erzählen von Vorgängen, friedlichen, die schon das Ganze und insgesamt am Ende vielleicht das Ereignis wären: Das Strömen eines Flusses durch die Jahreszeiten; das Dahinziehen von Leuten; das Fallen des Regens, auf Gras, Stein, Holz, Haut, Haar; der Wind in einer Kiefer, in einer Pappel, an einer Steinwand, zwischen den Zehen, unter den Achseln; jene Stunde vor der Dämmerung, da im Himmel die letzten Schwalben kurven, mittendrin das erste Zickzack der Fledermäuse; die Spuren der verschiedenen Vögel am Grund einer Feldweglache; das bloße Abendwerden, mit der Sonnenkugel noch im Westen, der des Mondes genau gegenüber im Osten.« (S. 226f.).
  • Raymond Queneau, Une histoire modèle / Eine Modellgeschichte, München 1985
    »Le roman comique. Lorsque le narrateur sourit et dédaigne la mort, on appelle son récit un roman comique.« (S. 16).
  • Robert Walser, Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Zürich und Frankfurt am Main 1985
    »Ich stand so herum, mochte nicht recht vorwärtsgehen. Wenn ich ging, hieß es mich stillstehen, und stand ich still. so drängte es mich wieder vorwärts.« (Bd. 16, S. 23).
  • Wolfgang Schulz, Dokumente der Gnosis, Augsburg 2000
    »So ist etwa das manichäische System, das gänzlich auf der Lehre von den ›Drei Zeiten‹ oder ›Drei Momenten‹ fußt (initium, medium und finis), nur die großartige Arbeit an einem universellen und scheinbar objektiven Entwurf eines zugleich anthropologischen, kosmologischen und soteriologischen Mythos, der unseren Formulierungen zugrunde liegt.« (S. 26; das erinnert doch fatal an Telos!).
ENDE DES EXILS

  •  Friedrich Glauser, Das erzählerische Werk, hrsg. von Bernhard Echte und Manfred Papst, Zürich 2000
    »Unterwegs lasen wir [Friedrich Glauser und Tristan Tzara] das Gutachten des Psychiaters: es war sehr amüsant. Als Beweis für den Irrsinn seines Patienten [Tristan Tzara] hatte der Seelenarzt Gedichte seines Patienten zitiert, die mehr als deutlich beweisen sollten, daß es sich hier um einen krassen Fall von Verblödung handeln müsse.« (Bd. 2, S. 70).
  • Arno Schmidt, Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975
    »ANN’EV’ (sie zuckt, unparteiisch, die braunen Achseln; und legt den Mund wieder aufs Knie. Sie murmelt): ›Die Materie strebt ebm nach Form.‹« (S. 27).
  • Peter Fuchs / Andreas Göbel (Hg.), Der Mensch – das Medium der Gesellschaft?, Frankfurt am Main 1994
    »Eine erste wichtige Hinsicht ist, daß Abstraktionen wie ›der Mensch‹ angewiesen sind auf eine übernatürliche Ordnung, die gewissermaßen den Beobachterstandpunkt angibt, von dem aus sie als Abstraktionen möglich werden. Das aber setzt voraus, daß diese übernatürliche Ordnung eine überlokale Ordnung ist.« (Rudolf Stichweh, Fremde, Barbaren und Menschen. Vorüberlegungen zu einer Soziologie der ›Menschheit‹, S. 77).
  • Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith Zürich, 2003
    »Ich höre die Zeit fallen, Tropfen um Tropfen, und nicht einen Tropfen, der fällt, hört man fallen.« (S. 40).

Bücherliste #2

Fortsetzung der aktuellen Liste der Bücher auf dem Roue à livres:
  • Michel Serres (Hg.), Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2. Aufl. 1995
    »Wie jeder weiß, gibt es zwei Arten von Artefakten: solche, die von uns unabhängig sind, und solche, die von uns abhängen. Nur die ersten funktionieren ununterbrochen oder, besser gesagt, hören niemals auf, Artefakte zu sein. Beispiel: Mauer und Dach schützen uns ständig, selbst wenn wir schlafen, doch wenn wir Spaten und Schreibfeder fallen lassen, schlafen sie, sind unnütz und nichtig, intelligent nur in unseren ekstatischen Stunden. Die wahren Werkzeuge sind im Grunde nicht auf uns angewiesen; die übrigen ruhen zu oft, um auf jenen Titel wirklich Anspruch erheben zu können. Wenn also drei Automatismen einen und denselben Namen tragen, der das Erkennen ausdrückt – der automatische Pfahl, der sich der Sonne entgegenstreckt; der automatische Winkel oder Seitenstreifen, den man anlegt oder wegnimmt; und die automatische Operation, deren Iteration Zahlenreihen erzeugt –, so ist damit der Weg zur artifiziellen, künstlichen Intelligenz bezeichnet. Deren Wandlungen, deren Werden wir in diesen drei Stadien erkennen: zunächst Ding, Pfahl oder Achse, spekulatives Werkzeug; dann Lineal, das sich zur beliebigen Reproduktion von idealen Geraden, Winkeln, Polygonen eignet, die diesem Lineal extrahiert oder, besser gesagt, abstrahiert wurden; schließlich formale Operation mit Zahlen, automatische Regel, Algorithmus.« (Michel Serres, Gnomon. Die Anfänge der Geometrie in Griechenland, S. 132).
  • Sören Kierkegaard, Die Wiederholung / Die Krise und eine Krise im Leben einer Schauspielerin, Reinbek 1961
    »Er ist da an die Grenze des Wunderbaren gekommen, und soweit dies also geschehen soll, muß es geschehen kraft des Absurden.« (S. 52).
  • Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013
    »Die Liebe in unseren Büchern haben wir reichlich aus unserem Hirn, aus der Erschütterung unserer Vernunft geschöpft: einer von uns war gut acht Tage lang in ein Flittchen verliebt, und der andere drei Tage in eine Nutte zu zehn Francs. Macht elf Tage Liebe für zwei.« (Bd. 4, S. 111).
  • E. M. Cioran, Werke, Frankfurt am Main 2008
    »Die Werte des Eros erleben bedeutet, unmittelbar leben, in der Augenblicklichkeit des Lebens, in seiner geheimen Notwendigkeit, die wegen der wesentlichen Naivität jedweder erotischen Erfahrung als Freiheit empfunden wird.« (S. 127).
  • Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bde. 1-3
    »Wir haben heutzutage eine ganze Menge sogenannter feiner Köpfe (nicht großer Geister). Es sind aber dieses nicht sowohl Leute, die groß in der ganzen Anlage ihres Geistes und zwar ursprünglich sind, sondern bei den meisten ist die Feinheit eine Schwächlichkeit, Hypochondrie, eine kränkliche Empfindlichkeit. Ein solcher Gelehrter ist zu feinen Bemerkungen aufgelegter als andere Menschen, stiftet aber [in] dem Reich der Gelehrsamkeit selten so viel Nutzen, glaubt viel ausrichten zu können, wenn er nur erst wollte, will aber niemals. Diese Leute bilden sich leicht nach allem wenn sie lauter Gutes lesen, so schreiben sie ziemlich gut, sie sind aber allzeit weit entfernt von der sicheren Richtigkeit der Alten, deren Genie der gesunden und festen Reife einer Frucht und nicht der welken wurmstichigen, wiewohl oft schönfarbigen einiger Neueren gleicht.« (Bd. 1, S. 55f.).
(siehe → #3).

Samstag, 21. März 2015

Bücherliste #1

Die aktuelle Liste der Bücher auf dem Roue à livres:
  • Ingeborg Bachmann, »Todesarten«-Projekt, kritische Ausgabe, unter Leitung von Robert Pichl hrsg. von Monika Albrecht und Dirk Göttsche, München / Zürich 1995
    »Er versuchte zu scherzen, sie fingen miteinander zu spielen an, weißt du noch, sie wußte, er wußte, immer weißt du noch.« (Bd. 1, S. 297).
  • Alice Schmidt, Tagebuch aus dem Jahr 1954, hrsg. von Susanne Fischer, Bargfeld 2. Aufl. 2005
    »P[ost]: Der Ahldener Drogist schickt Postkartenphoto der Ahldener Prinzessin. Doch recht nett geworden. Entschuldigt sich, die Amtsgerichtsherren hätten ’s ihm nicht früher genehmigt.« (S. 215; Arno Schmidt arbeitete da gerade an Das steinerne Herz).

BEGINN DES EXILS
  • Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff.
    »¿Qué es una inteligencia infinita? … Los pasos que da un hombre, desde el día de su nacimiento hasta el de su muerte, dibujan en el tiempo una inconcebible figura. La Inteligencia Divina intuye esa figura inmediatamente, como la de los hombres un triángulo.« (Bd. 7, S. 214).
  • Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5
    »Die Stadt zehnfach und hundertfach topographisch zu erbauen aus ihren Passagen und ihren Toren, ihren Friedhöfen und Bordellen, ihren Bahnhöfen und ihren … genau wie sie sich früher durch ihre Kirchen und ihre Märkte bestimmte. Und die geheimeren, tiefer gelagerten Stadtfiguren: Morde und Rebellionen, die blutigen Knoten im Straßennetze, Lagerstätten der Liebe und Feuersbrünste.« (S. 135f.).
(siehe → #2).

Roue à livres

… und wenn man ihn [Hans Köberlin] gefragt hätte, wie er sich in dieser neuen Ära post Telos in seinem Exil beschreiben würde, dann wäre er nicht mit einer Beschreibungsbeschreibung gekommen, sondern mit einem Bild, er hätte nämlich auf Agostino Ramellis berühmten Stich Roue à livres aus Le diverse et artificiose machine (Paris 1588) verwiesen (…) Wie hieß es im Ulysses noch: »Reading two pages apiece of seven books every night, eh?« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 37).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013; vgl. auch Telos, a. a. O., S. 160ff. und Asymmetrie).

Freitag, 20. März 2015

Noch ein guter Rat

Jemand äußerte damals die Ansicht, wenn das Schcksal uns die weisen Männer versage, müsse man die Unweisen aufsuchen.

(Jorge Luis Borges, Der Mann auf der Schwelle; in: Das Aleph; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 6, Frankfurt am Main 1992, S. 128).

Mittwoch, 18. März 2015

»Auch der freundliche Umgang kennt feine Unterschiede.«

Als der Ober bei meinem Fortgehen bemerkte, daß ich die Weinflasche nur halb geleert hatte, drehte er sich nach mir um und sagte: »Bis bald, Herr Soares, und gute Besserung!«

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 32).

Dienstag, 17. März 2015

Asymmetrie

Das Dunkel hindert nicht das Erscheinen des Hellen, doch stets verwehrt uns das Licht, die Dunkelheit je zu gewahren.

(Michel Serres, Gnomon. Die Anfänge der Geometrie in Griechenland; in: ders. (Hg.), Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2. Aufl. 1995, S. 130).

Drehen wir an dieser Stelle, um ein Beispiel für Hans Köberlins Lektüremodus zu geben, bei dem gerade in der Leseposition auf Seite 114 aufgeschlagenen Buch – es handelt sich um Serres’ Éléments dʼhistoire des sciences – das Bücherrad um ein Buch zurück, zu Walter Benjamin, lassen aber das Passagen-Werk unberührt und begeben uns stattdessen zu der digitalisierten Ausgabe der Gesammelten Schriften (wir befinden uns in einem Bild, darum geht das einfach so) und schlagen virtuell in deren erstem Band die Seite 696 auf und lesen dort in Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen: »Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug (und in den, den Sieger, sich dann die Geschichtsschreiber des Historismus einfühlten), der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt.« (Über den Begriff der Geschichte; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 1, S. 696). Dann drehen wir an dem Bücherrad, bis wir wieder das von Serres herausgegebene und auf Seite 114 aufgeschlagenen Buch vor uns liegen haben und lesen dort noch einmal das, was uns bewogen hat, das Bücherrad zu bewegen, lesen also wie Serres die Pyramiden von Gise mit Thales’ Theorem von der Invarianz einer Form bei Variation der Größe vergleicht und wie er diesen Vergleich als den des Härtesten (die gewaltige Steinmasse der Pyramiden) mit dem Sanftesten (der reinen Form) bezeichnet und wie er zu dem erstaunlichen Schluß kommt, daß Kulturen, um zu überleben – was soviel heißt wie: zu überdauern, was soviel heißt wie: tradiert zu werden – nicht den Sieger, sondern das Opfer gespielt hätten, und nur das Sanfteste bliebe (vgl. Serres, Gnomon, a. a. O., S. 114ff.). Läge ein Band der Schriften Laotses auf dem Bücherrad, so drehten wir nun dorthin, da dem aber nicht so ist, drehen wir das Bücherrad zu Brecht (wir tun einmal so, als läge da ein Band von Brechts Gesammelten Werken, was er nach obiger Liste momentan nicht tat) und lesen in dessen Gedicht Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration

Doch der Mann (der Zöllner) in einer heitren Regung
Fragte noch: »Hat er (Laotse) was rausgekriegt?«
Sprach der Knabe (Laotses Adlatus): »Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.«

(Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. ?, S. ?). – Wir nannten eben Serres’ Schluß deswegen erstaunlich, weil er meinte, das Opfer zu spielen sei eine Überlebensstrategie von Kulturen (und er ging sogar so weit zu sagen, Thales habe das Spiel des Härtesten umgedreht), und wir fragen uns, ob denn die Mathematik (oder die Geometrie) außer in den Hochzeiten der heiligen Inquisition je das Opfer hätte spielen müssen …: im Gegenteil, willfährige Dienerin eines jeden, der sie benutzen wollte, auch der Pyramidenbauer, war sie, die Schlampe, stets und ist sie noch, universal wie sonst nur noch das Geld. – Hatte man es hier nicht vielmehr – auch im Verständnis Benjamins – mit zwei Siegern zu tun? Wir können Serres Motivation nachvollziehen, er wollte Benjamins Pessimismus relativieren: »Seht her, nicht immer wird auf den Opfern herumgetrampelt, sie sind gar keine Opfer, sie spielen nur Opfer, bis der Karnevalszug vorbei ist …« Und ist nicht eigentlich das, so fragen wir, was als ›Kultur‹ bezeichnet wird und identitätsstiftend wirken soll, qua Exklusion des Nichtidentischen immer schon Täter gewesen?

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).

Guter Rat

Und warum brauchen wir denn eigentlich soviel Sinn? Können wir denn nicht leben, selbst wenn diese Welt eines Sinnes ermangelte? Kann ein Rausch der Urgründigkeit, ein hemmungsloser Dionysismus denn diesen universalen Unsinn nicht ersetzen? Leben wir, weil das Leben keinen Sinn hat!


(E. M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung; in: Werke, Frankfurt am Main 2008, S. 122).

Montag, 16. März 2015

Aussicht

Ich werde friedlich in einer kleinen Wohnung, in der Umgebung von diesem oder jenem, eine Ruhe genießen, in der ich nicht zustande bringen werde, was ich auch heute nicht zustande bringe, und werde, um es weiterhin nicht zustande gebracht zu haben, nach anderen Ausreden suchen als jene, hinter denen ich mich heute verstecke.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 22).

Und schauen wir doch einmal auf die Projekte oder gar Lebensschreibentwürfe unserer beiden mittlerweile arg in die Jahre gekommenen Protagonisten, dem früheren und dem jetzigen, dem Herausgeber und seinem Autor: da haben wir einmal ›Aufzeichnungen über Aufzeichnungen und Kommentare zu Kommentaren und Anmerkungen über Anmerkungen und Anhänge zu Anhängen‹ als der Versuch der Etablierung einer vierten Buchreligion – oder einer sechsten Buchreligion, nach der fünften von James Joyce und der sechsten von Arno Schmidt etablierten – (Clemens Limbularius), und zum anderen ›Schreiben ohne Leser‹, was allerdings etwas anderes war als ›Schreiben und nicht gelesen werden‹ (Hans Köberlin).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog – oder: Was zuvor geschah], von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).

Samstag, 14. März 2015

Die Dahme bei Spindlersfeld

Einer jener Tage, an denen es nicht aufklaren will …


… und er fragte, was denn die Wettervorhersage gemeldet habe, Konversation nannte man solches. Der Wirt goutierte es und meinte mit einer leidenden Miene, Regen, Regen, nichts als Regen, Verschlimmerung der Lage an allen Orten, man müsse keine Brechomantie betreiben um vorauszusagen, daß das auf die totale Katastrophe hinauslaufen würde. Jaja, ging Clemens darauf ein, während er seinen Espresso zuckerte und in gewohnter Manier abwechselnd an der kleinen Tasse und dem großen Schwenker mit dem französischen Lebenswasser nippte, schon König Sargon habe den zweiten Teil seines auguralwissenschaftlichen Werkes den Vorbedeutungen der Regenschauer gewidmet …

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).