Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Freitag, 15. April 2016
Dienstag, der 15. April 2014
[196 / 128]
Und als Hans Köberlin dachte, daß er jetzt den Band gerne zur Hand gehabt hätte, dachte er auch an Borgesʼ Behauptung, man könne die Universalbibliothek (was 641. A. D. die von Alejandría gewesen) ruhig verbrennen, die Menschen – gemeint waren wohl die Autoren – würden alles erneut erzeugen, »cada hoja y cada linea (…) cada lección de cada manuscrito.«* Hans Köberlin war sich nicht sicher, ob Borges dies auf die ewige Wiederkehr des Immergleichen oder auf seinen Pierre Menard, autor del Quijote bezogen, er, Hans Köberlin, dachte bloß melancholisch: »Weg ist weg.«
* Vgl. Jorge Luis Borges, Alejandría, 641 A. D.; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 14: Rose und Münze, Frankfurt am Main 1994, S. 184. Bezeichnend war, daß jener Omar die Bibliothek im Namen seines Gottes in Brand stecken ließ. Wie sähe die Welt wohl aus, dachte Hans Köberlin, würde Gott würfeln und Lebenswasser trinken und sich Robert Wyatts God Song anhören und ab und an einmal neben seinen Autobiographien auch ein ›gutes Buch‹, wie man so sagte, lesen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Donnerstag, 14. April 2016
Montag, der 14. April 2014
[195 / 129]
Und wieder einmal überdachte Hans Köberlin die Möglichkeiten des Nomadentums: ständiges Reisen und ein Leben im Hotel, wie es als Möglichkeit in der bereits erwähnten Unterhaltung zwischen Benjamin und Brecht zu Sprache gekommen. Der Modus des Schreibens wäre dann einer wie der damals bei dem Schreiben in die Kladde, ohne Option zum permanenten Überarbeiten, man würde wohl automatisch zu einer Art von Lyriker, nur noch Impressionen, festgehalten in lange durchdachten Versen, man erreichte das Gegenteil von unserem Bericht, der anscheinend die Unverschämtheit eines schwatzhaften Erdenkloßes darstellt. Aber Hans Köberlin war kein Lyriker. Brecht fiel ihm ein, der bei Goethe eine »schöne widersprüchliche einheit« gesehen hatte, die nach ihm in eine »völlig profane« (Heine) und eine »völlig pontifikale« (Hölderlin) Richtung zerfallen sei.* Hans Köberlin wollte weder das eine noch das andere sein … also sich eher der kleinen Form widmen? Aber auch mit der tat er sich schwer. Keine Form also … also wären wir wieder bei den Aufzeichnungen, bei dem guten alten Arbeitsjournal, bei dem er sich vielleicht – es wegen des Nomadentums als das Endgültige ansehend und dabei die Nachwelt im Blick – etwas mehr Mühe geben sollte.
* Vgl. Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 124. Zwei Tage später, am 24. August 1940, stellte er vorläufige Überlegung zur Bestimmung eines Kunstwerks an: »1) ein kriterium für ein kunstwerk kann sein, ob es noch die erlebnismöglichkeiten irgendeines individuums bereichern kann. 2) ausdrucksmöglichkeiten können bereichert werden, welche nicht eigentlich erlebnismöglichkeiten sind, sondern eher kommunikationsmöglichkeiten. 3) lyrik ist niemals bloßer ausdruck. die lyrische rezeption ist eine operation so gut wie etwa sehen oder hören, dh viel mehr aktiv. das dichten muß als menschliche tätigkeit angesehen werden, als gesellschaftliche praxis mit aller widersprüchlichkeit, veränderlichkeit, als geschichtsbedingt und geschichtemachend. der unterschied liegt zwischen ›widerspiegeln‹ und ›den spiegel vorhalten‹. (ebd., S. 125f.). »geschichtemachend« …: naja, literaturgeschichtemachend vielleicht …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Mittwoch, 13. April 2016
Sonntag, der 13. April 2014
[194 / 130]
Dies bedenkend fiel Hans Köberlin eine Passage aus Brechts Arbeitsjournal, die er in sein Arbeitsjournal exzerpiert hatte, ein …
wenn ich morgens die radionachrichten höre, dabei boswells LEBEN JOHNSONS lesend und in die birkenlandschaft mit nebel vom fluß hinausschielend, beginnt der unnatürliche tag nicht mit einem mißklang, sondern mit gar keinem klang. das ist die inzwischenzeit.*»inzwischenzeit« war der Begriff gewesen, daran erinnerte sich Hans Köberlin noch genau, der dieses Exzerpt, das leider wie so vieles in seinem Leben unkommentiert geblieben, veranlaßt hatte. »inzwischenzeit« …: eine solche Zeit war seine Zeit hier mit der konkreten Terminierung endgültig geworden, endgültig geworden, nachdem sie es zuvor durch seinen – wenn auch unkonkreten – Beschluß weiterzumachen, bereits ein wenig geworden war. Seine Konstellation, die zur »inzwischenzeit« führte, bestand allerdings aus anderen Aporien: die nebenan noch schlafende ihn temporär besuchende Frau, und der Dauer heischende Blick von der hinteren Dachterrasse auf die Sierra de Oltà und der sich endlos wiederholen sollende Gang über die Promenade zum Meer und zur ›Tango Bar‹; die Tage kamen ihm gleichfalls »unnatürlich« vor – wir hatten das neulich bereits mit Brecht –, weil sie ihm artgerecht oder gar artfördernd, dabei aber ökonomisch unhaltbar waren, und sie, diese »unnatürlichen Tage«, begannen, wie sie endeten, nämlich in der Regel mit einer Fülle der Wohlklänge …
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 121. Die Nachrichten am 19. August 1940 waren schlimme, weil sie verkündeten Hitler-Deutschlands Siege.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Dienstag, 12. April 2016
Samstag, der 12. April 2014
[193 / 131]
Sie schauten sich dann im Bett die Tatort-Episode Reifezeugnis (1977) an. Diesmal sah Hans Köberlin die Episode vor allem (aber natürlich nicht nur!) unter dem Aspekt der verlogenen Moral des Lehrers und dem Leid, das eine sogenannte ›offene Ehe‹ für alle Beteiligten mit sich brachte. Es gab immer Eifersucht, wenn wirkliche Liebe im Spiel war, und einer war immer der oder die Dumme, das jedenfalls hatte ihn, Hans Köberlin, seine Erfahrung im Leben und im Kino gelehrt. Als Sina am Ende meinte, sie habe ins Wasser gehen wollen, es habe aber nicht funktioniert, weil sie ja schwimmen gekonnt, da fiel Hans Köberlin Blumenbergs kurzer Text Rechtzeitiger Verzicht auf Rettungen ein. »Früher wollten viele Matrosen nicht Schwimmen lernen, notiert Ernst Jünger in die späten Tagebücher und fügt erklärend hinzu, sie hätten ihre Gründe dafür gehabt.«* Die Gründe lagen auf der Hand, Blumenberg brachte allerdings noch eine Pointe, die hier auszuführen zu weit ging,** jedenfalls: davon ausgehend kam er zu »dem nicht selbstverständlichen Sachverhalt, daß wer zu schwimmen gelernt hat, nicht nicht schwimmen wollen kann.«*** Hans Köberlin, der erst mit dreizehn Jahren und da eher mühsam das Schwimmen erlernt, bewegte sich mittlerweile wie ein Fisch im Wasser. Also fiel auch ohne zusätzliche Mittel das Wasser in Lichtenbergs Aufzählung aus.
* Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 23.
** »Was Jünger verschweigt, ist die Obsoleszenz der Sachlage. Weshalb muß gesagt werden, daß es ›früher‹ so war, aber nicht mehr so ist ‒ vielmehr ins Gegenteil umgeschlagen? Die Technik [Seenotsignale und deren Peilung] hat ‒ mit dem vielen, das ihr zum Opfer fiel ‒ auch eine absolute Metapher zerstört. Kein Reservat kann ihr Überleben sichern ‒ außer der Erinnerung, der Imagination, der Vermittlung des harmlosen Wörtchens ›früher‹. Im Reich der Metapher ist alles wie früher, weil es dieses Wort gibt.« (ebd.).
*** Ebd.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Montag, 11. April 2016
Freitag, der 11. April 2014
[192 / 132]
In dem Päckchen, das sich bereits noch in dem Geschenkpapier verpackt als Buch präsentierte, befand sich Copacabana. Biographie eines Sehnsuchtsortes von Dawid Danilo Bartlet. »Weil das hier dein Sehnsuchtsort und ein Badeort wie der andere ist …«
»Naja, da ist doch schon ein kleiner Unterschied zwischen hier und der Metropole des Samba und der Rumba …«
Er schlug das Buch auf und las gleich am Anfang: »Die Dichte von Geschäften für orthopädischen Bedarf und Tiernahrung verrät viel über die Altersstruktur des Viertels …«* Und dann sah er sah er auf der Seite 31 die Abbildung eines alten Stichs, auf dem der Zuckerhut fast so aussah wie der Peñón de Ifach …
»Du hast recht!«
Aus dem, dem Buch beiliegenden, Verlagsprospekt schnitt er vom Titelblatt natürlich das Bild der rothaarigen jungen Frau aus und applizierte es zu den anderen ganz oder teilweise nackten Frauen in seiner Schlafzimmergallarie.
* Dawid Danilo Bartelt, Copacabana. Biographie eines Sehnsuchtsortes, Berlin 2013, S. 9. Später sollte Hans Köberlin ein Exemplar dieses Buches einem Freund schenken, der in der glücklichen Lage war, jenen Sehnsuchtsort im Kontext seiner Profession desöfteren besuchen zu können.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
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Sonntag, 10. April 2016
Eine Arbeit
»Sich zur Ruhe zu legen, ist eine Arbeit«, sagte er; »sie soll Erfolg haben.«
(Bertolt Brecht, Herr K. und die Katzen; in: Geschichten vom Herrn Keuner; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 12: Prosa 2, S. 387).
(Bertolt Brecht, Herr K. und die Katzen; in: Geschichten vom Herrn Keuner; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 12: Prosa 2, S. 387).
Donnerstag, der 10. April 2014
[191 / 133]
Hans Köberlin erkannte sich, als er mit dem Don Quijote-Hörspiel in den Ohren die Gärten seines Hauses bewässerte, in Lacans Definition des modernen Heros als einem, der durch lächerliche Heldentaten in einer Situation der Verwirrung ausgezeichnet wurde,* wieder.
* Vgl. Jacques Lacan, Schriften I, Weinheim / Berlin 3. Aufl. 1991, S. 80. Wir würden sagen: Lacan beschrieb sich da auch selber.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Samstag, 9. April 2016
Mittwoch, der 9. April 2014
[190 / 134]
Hans Köberlin absolvierte seinen Dauerlauf wieder mit Pink Floyd, diesmal mit Atom Heart Mother (1970). Besonders rührte ihn If an und er merkte, daß er noch nie genau auf den Text geachtet hatte …*
»And if I were with you, I’d be home and dry …«
Übermorgen würde sie ankommen … Hans Köberlin hatte wegen der melancholischen Stimmung des Songs zurecht geraten, er stamme aus der Feder von Roger Waters. Eigenartig oder nicht: das am wenigsten melancholische Album von Pink Floyd war gerade jenes erste mit Syd Barrett, der da wohl bereits dabei war, in seinen Wahn zu gehen … Es war doch ein wenig schade, dachte Hans Köberlin trotz seiner ökonomischen Sorgen, daß das Buch von ihm und über ihn ihn, Hans Köberlin, nicht erreicht hatte.
* Hier, zum Mitsingen …
If I were a swan, I’d be gone.(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
If I were a train, I’d be late.
And if I were a good man,
I’d talk with you
More often than I do.
If I were to sleep, I could dream.
If I were afraid, I could hide.
If I go insane, please don’t put
Your wires in my brain.
If I were the moon, I’d be cool.
If I were a rule, I would bend.
If I were a good man, I’d understand
The spaces between friends.
If I were alone, I would cry.
And if I were with you, I’d be home and dry.
And if I go insane,
Will you still let me join in with the game?
If I were a swan, I’d be gone.
If I were a train, I'd be late again.
If I were a good man,
I’d talk with you
More often than I do.
Freitag, 8. April 2016
Dienstag, der 8. April 2014
[189 / 135]
Als der Nebel sich ein wenig auflöste – ganz sollte er sich heute bis zum Abend nicht verziehen – und die Sonne den leeren Wintergarten erwärmte, wurde Hans Köberlin über seiner Lektüre schläfrig, und er gab dem nach und er empfand dies als Seligkeit, wie in jenen Versen Borgesʼ: »la fatiga, el instante en que el sueño nos disgrega.«*
* Jorge Luis Borges, La clepsidra; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 14: Rose und Münze, Frankfurt am Main 1994, S. 172.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Donnerstag, 7. April 2016
Montag, der 7. April 2014
[188 / 136]
Hans Köberlin fiel ein, wie er 1989 zu Raymond Queneau gekommen war, nachdem er sich bereits zuvor nach einem Hinweis aus der Arnoschmidtecke ein Buch von ihm gekauft hatte:* Hans Köberlin mußte damals für einen seiner literarischen Manierismen unbedingt einen Autor zitieren, dessen Familienname mit Q begann … eine seiner, Raymond Queneaus, eigenen Oulipo-Methoden – der Zwang von außen – hatte Hans Köberlin also unwissentlich – er hätte ja auch Francisco Gómez de Quevedo y Santibáñez Villegas nehmen können – auf eines seiner großen Vorbilder gebracht.
* Es handelte sich um Le Dimanche de la Vie aus dem Jahre 1952, jene Variante von Sartres Les chemins de la liberté (1945-49), beginnend im Bordeaux des Jahres 1936 (wenn wir uns recht erinnern) und endend im Toulouse des Jahres 1940 mit Valentins Hand auf dem Arsch einer Frau, die gerade durch ein Waggonfenster einen Platz im Zug nach Paris (life during wartime) zu sichern versuchte, und der zu dieser Szene lachenden Julia (diese Namen kommen uns bekannt vor …: vgl. vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 187-198). Es war eine verrückte Konstellation um die Wahrsagerei: alle Welt rannte zu Madame Saphir, um etwas über die Zukunft zu erfahren, während die einzig relevante Prophetie, nämlich die Valentins, daß es wieder einen Krieg geben würde, von niemandem gehört werden wollte. Hans Köberlin hoffte natürlich, daß Valentin die Zeit, als er ohne Julia gelebt und Didine sein Dienstmädchen gewesen war, besser genutzt hatte, als er später vorgab, es getan zu haben.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Mittwoch, 6. April 2016
»Mühsal der Besten«
»Woran arbeiten Sie?« wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: »Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.«
(Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 12: Prosa 2, S. 377).
(Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 12: Prosa 2, S. 377).
Sonntag, der 6. April 2014
[187 / 137]
Dann stieß Hans Köberlin beim Suchen auf eine bedenkenswerte Bemerkung Peter von Matts: »Die Frage nach dem Primum movens in der Literatur ‒ warum geschieht überhaupt etwas und warum geschieht nicht nichts? ‒ führt in der Regel viel weiter, als man denkt.« Es war die alte philosophische Frage, von der Welt auf die Literatur, wo man sie eher beantworten konnte, übertragen. Wenn es allerdings in der Welt kein Primum movens gegeben hätte, dann wäre nichts geschehen und es gäbe es die Welt nicht, Literatur dagegen konnte es auch geben, wenn darin nichts geschah.
* Peter von Matt, Ästhetik der Hinterlist. Zu Theorie und Praxis der Intrige in der Literatur; in: Merkur, Heft 638, Juni 2002, S. 467.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Dienstag, 5. April 2016
Samstag, der 5. April 2014
[186 / 138]
Am Samstag, dem 5. April 2014, förderte der Griff in die Filmkalenderblattsammelkiste anläßlich des Geburtstags von Peter Greenaway im Jahre 1942 ein Still auf dem Blatt des Jahres 2013 mit drei Generationen Cissies aus Drowning by Numbers (1988) zu Tage. Dieses enigmatische Meisterwerk war einer von Hans Köberlins Lieblingsfilmen, und am Freitag, dem 11. Juni 2004, hatte er in einem leider nicht mehr zu ermittelnden Kontext in seinem Arbeitsjournal notiert: »Bei Greenaway dachte ich an den Kopf des Literaturwissenschaftlers, dem nicht der Gedanke an Fremdeinwirkung kam. Es waren bei Greenaway häufig die Crétins, die dem Genie das Genick brachen: die Neider bei dem Zeichner* und dem Architekten,** die Verwandten bei der Frauenverschwörung und der impotente Machtmensch bei dem Koch.« Die Männer hatten ihr Schicksal sämtlich – außer natürlich Madgett und Smut – verdient.***
* Über The Draughtsman’s Contract, mit dem auf dem Blatt aus dem Jahre 2012 Greenaways Geburtstag gedacht wurde, hatte Hans Köberlin am Sonntag, dem 16. Januar 2011, folgendes in seinem Arbeitsjournal notiert: »Ein überheblicher (›cocksure‹ hieß es in dem Summary der IMDb) Zeichner (wie auch der Architekt in Rom am Anfang überheblich war) wurde Teil einer Intrige, nachdem er auf seinen Zeichnungen – wie in Blow Up (1966) Antonionis Photograph auf seinen Abzügen – zufällig einen Mord dokumentiert hatte (und wie in Blow Up war Sex ein Teil der Intrige). Am Ende wurde ihm seine Überheblichkeit, die, wie die Tochter des Hauses ganz richtig festgestellt, mit einer großen Naivität gepaart war, zum Verhängnis. Eingebunden war die Geschichte in eine raffinierte Anordnung der Perspektiven der Zeichnungen und ihrer Motive, dem Abgleich der Zeichnungen mit der Realität, mit den ästhetischen und kunsttheoretischen Diskursen der Zeit (etwa die von der Tochter vorgetragenen Überlegungen über den Raum zwischen dem, was man sah und was man dachte – wir hatten vorgestern Ähnliches im Kontext mit Brechts Arbeitsjournal) und mit vielen Anspielungen auf allesmögliche. Peter Greenaway ist der manieristische aller Regisseure, der allerdings bei diesem Film noch nicht seine Meisterschaft erreicht hatte. Was ich vor Jahren bei Ranke-Graves gelesen habe, was mir aber so nicht mehr präsent war, das waren einige Zusammenhänge des Mythos von Persephone, der den Wechsel der beiden (doch eigentlich drei, aber es geht ja um das Wachstum) mediterranen Jahreszeiten erklärt. Bei Greenaway brachte der Zeichner bei seinem zweiten Besuch seiner ehemaligen Auftraggeberin drei Granatäpfel aus einem Gewächshaus, woraufhin die meinte: Persephone habe wegen des Verzehrs eines Granatapfels in der Unterwelt bleiben müssen, der Mensch dann habe aber mit seiner Findigkeit Mittel gefunden (Gewächshäuser und Öfen), während der wegen des Unterweltsaufenthalts der Persephone unfruchtbaren Zeit Granatäpfel zu züchten, und so schließe sich der Kreis.«
** Zu The Belly of an Architect (1987), den sich Clemens Limbularius als Vorbereitung zu seiner Reise in die ewige Stadt angeschaut hatte, vgl. vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 278ff.
*** Außer Peter Greenaway hatten heute noch zwei, in maritimen Rollen glänzende, Schauspieler Geburtstag, nämlich Spencer – The Old Man and the Sea (1958) – Tracy (im Jahre 1900) und Gregory – Moby Dick (1956) Peck (im Jahre 1916) – an den hatte Frank Zappa sicher bei der Benennung des Protagonisten seines Dramoletts The Aventures of Greggery Peccary gedacht –, sowie der Regisseur Hector Olivera (im Jahre 1931), weshalb auf dem Filmkalenderblatt des Jahres 1996 ein Still aus Le noche de los lápices (1986) zu sehen war.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Montag, 4. April 2016
Freitag, der 4. April 2014
[185 / 139]
Als Hans Köberlin am Freitag, dem 4. April 2014, erwachte, da erinnerte er sich daran, daß er von dem Ort seiner Herkunft geträumt hatte. Er saß im Wohnzimmer des Elternhauses und erledigte etwas Schriftliches mit seiner Mutter, als ein altes Ehepaar hereinkam und zwei Wasser bestellte. Anscheinend war das Wohnzimmer eine Gaststätte. Hans Köberlin stand auf und servierte zwei Gläser mit sprudelndem Mineralwasser. Später suchte er in einem Wäschekorb in dem zu dem Elternhaus gehörenden ehemaligen Stall etwas unter den Papieren seiner Mutter.*
* Nach dem Tod der Mutter verkaufte Hans Köberlin das Haus, wobei er sich sehr ungeschickt anstellte und 20.000 Euro weniger dafür bekam, als er hätte dafür bekommen können. Und am Donnerstag, dem 2. Oktober 2002, notierte er in seinem Arbeitsjournal: »Das Geld für das Haus ist eingetroffen und ich habe alle Schlüssel abgegeben. Es war mir ein Bedürfnis, sogleich alle offenen Rechnungen zu begleichen. Jetzt mich nur nicht aus der Ruhe bringen lassen.« Er ließ sich in den folgenden Jahren aus der Ruhe bringen, so daß er am Ende ohne einen Cent aus dem Verkaufserlös dastand. ‒ Nebenbei bemerkt: der nächste Eintrag im Arbeitsjournal stammte vom Mittwoch, dem 6. November 2002 und war ein Zitat: »Wenn man in der Menge der unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeiten die Möglichkeit entdeckt, ist es zu spät.« (Claus Koch, Verantwortlich, aber nicht schuldig. Anleitung zum aufgeklärten Katastrophismus; in: Merkur, Heft 643, 56. Jahrgang, November 2002, S. 1007).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
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Sonntag, 3. April 2016
Donnerstag, der 3. April 2014
[184 / 140]
Obwohl Hans Köberlin in seinem Exil an der weißen Küste bereits mehrere hundert Seiten Aufzeichnung verfertigt hatte, sah er das nicht als geleistete Arbeit an, weil er es einfach so getan hatte, wie es gerade über ihn gekommen war. Der Begriff der ›Arbeit‹ war bei Hans Köberlin ‒ wie auch (soweit wir naturwissenschaftliche Banausen das beurteilen können) bei der physikalischen Definition ‒ mit etwas verbunden, daß überwunden oder dem widerstanden werden mußte, über den quasi natürlichen Widerstand gegen die Schwerkraft, der Hans Köberlin neulich im Kontext einer Bemerkung Blumenbergs untergekommen war, hinaus. Mit seiner, der John Cages ähnlichen, Methode, die das ›einfach so über einen Kommen‹ zuließ, war ihm das Schreiben zu einer Art Natur, die sich von selber reproduziert, geworden.* Und Hans Köberlin war in dieser Natur kein kultivierender Gärtner, er hielt sich als Lotophage darin auf und empfand das als artgerecht. Freilich gab es da diese Warnung des Herrn Keuner: »Es ist nötig für uns, von der Natur einen sparsamen Gebrauch zu machen. Ohne Arbeit in der Natur weilend, gerät man leicht in einen krankhaften Zustand, etwas wie Fieber befällt einen.«** Das war bei Hans Köberlin mit all seinen emotionalen Exaltiertheiten, die ein selbstbestimmtes Leben im Mediterranen für einen die Entfremdung gewöhnten Nordeuropäer so mit sich brachte, zweifellos so, aber …
* »Wo man hinspuckt, da keimt es«, hatte sein alter Freund C. N. Max Frischs Homo Faber zu zitieren gepflegt.
** Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 12: Prosa 2, S. 382. ‒ Hans Köberlin lebte zwar wie ein Lotophage, hatte aber nicht die Moral eines Lotophagen, bei ihm war nämlich die Arbeit nicht bloß mit Überwindung und Widerstand verbunden, sondern auch das Leben und das Überleben mit Arbeit. »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen«, damit hatte ihn seine dörfliche Umwelt von frühester Kindheit an imprägniert. ‒ Nun, man mußte ja nicht gleich Lotophage sein, man mußte bloß in die Lage kommen, sein richtiges Maß zu finden; auch dazu gab es eine Geschichte: »herr keuner befürchtet, daß die Welt unbewohnbar werden könnte, wenn allzu große verbrechen oder allzu große tugenden erforderlich sind, damit der mensch seinen lebensunterhalt verdienen kann. so flieht herr keuner von einem land zum andern, da überall zuviel von ihm verlangt wird, sei es nun opferwille oder tapferkeit oder klugheit oder freiheitswille oder gerechtigkeitsdurst, sei es grausamkeit, betrug usw. alle diese länder sind unbewohnbar.« (ders., Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, a. a. O., Frankfurt am Main 1974, S. 67f.). Vgl. zu diesem Themenkomplex auch vom Verf. den Prolog von Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 16ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
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Samstag, 2. April 2016
Mittwoch, der 2. April 2014
[183 / 141]
Sallust hatte über Sempronia, die Gefolgsfrau des Catilina, geschrieben, daß sie besser Zither spielen und tanzen könne, als für eine anständige Frau erforderlich. Hans Köberlin wußte nicht, wie es um das Zitherspiel der Dulcinea del Toboso stand, aber sie war ihrem Tanz nach zu urteilen auf keinen Fall eine anständige Frau. Roland Barthes hatte bekanntlich ein vernichtendes Urteil über den professionell betriebenen Ausziehtanz gefällt, nämlich er beruhe auf dem Widerspruch, die Frau in dem Augenblick zu desexualisieren, in dem man sie entkleide* – nun: bei dem, was Hans Köberlin im folgenden erleben durfte, gab es diesen Widerspruch nicht, sexualisiert erschien Dulcinea del Toboso in ihrem Kostüm, und mit jeder Textilie, der sie sich entledigte, wurde sie noch sexualisierter.
* Vgl. Roland Barthes, Mythen des Alltags, Berlin 2010, S. 191ff. Dort ließ Barthes bloß den Dilettantismus der Debütantinnen als erotisch durchgehen. Hans Köberlin, bei dem es Frauen betreffend nichts oder kaum etwas Desexualisiertes gab, bezweifelte die Kompetenz eines homosexuellen Muttersöhnchens bei diesem Thema; selbst wenn die Veranstaltungen wie von Barthes beschrieben domestiziert abliefen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Freitag, 1. April 2016
Dienstag, der 1. April 2014
[182 / 142]
Nachdem ihm also der Zufall dieses Gedicht zugeführt hatte, da ging Hans Köberlin auf, daß Kafkas Kleine Fabel die Antwort darauf war …*
* Wir können uns nicht verkneifen, beides hier nebeneinanderzustellen …
Atmosphäre »Die Welt, sie ist so groß und breit, Der Himmel auch so hehr und weit, Ich muß das alles mit Augen fassen, Will sich aber nicht recht denken lassen.« Dich im Unendlichen zu finden, Mußt unterscheiden und dann verbinden; Drum danket mein beflügelt Lied Dem Manne, der Wolken unterschied.* | Kleine Fabel »Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« – »Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.** |
* Johann Wolfgang von Goethe, Atmosphäre; in: Werke, hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, Weimar 1887ff., Abt. I, Bd. 3, S. 97.
** Franz Kafka, Kleine Fabel; in: Gesammelte Werke, hrsg. von Max Brod, Frankfurt am Main 1950ff., Bd. 8, S. 91.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Donnerstag, 31. März 2016
Nochmals Jena
»Ach, schau dir das an, einen Prospekt, den ich im deutschen Pavillon [der Exposition Internationale des Arts et Techniques dans la Vie Moderne, Paris 1937] mitgenommen habe.«
Bourrelier liest ihn laut:
»Komitee für die deutsch-französische Verständigung. Abteilung Tourismus. Die napoleonischen Schlachtfelder in Deutschland zu ermäßigten Preisen in luxuriösen Autobussen. Ausschließlich die französischen Siege: Ulm. Eckmühl. Lützen. Auerstädt. Jena.«
»Das werde ich mir eines Tages leisten«, sagte Valentin. »Das Dumme ist nur, daß mich einzig und allein Jena interessiert.«
(Raymond Queneau, Sonntag des Lebens, Frankfurt am Main 1986, S. 150; siehe auch Jena).
Bourrelier liest ihn laut:
»Komitee für die deutsch-französische Verständigung. Abteilung Tourismus. Die napoleonischen Schlachtfelder in Deutschland zu ermäßigten Preisen in luxuriösen Autobussen. Ausschließlich die französischen Siege: Ulm. Eckmühl. Lützen. Auerstädt. Jena.«
»Das werde ich mir eines Tages leisten«, sagte Valentin. »Das Dumme ist nur, daß mich einzig und allein Jena interessiert.«
(Raymond Queneau, Sonntag des Lebens, Frankfurt am Main 1986, S. 150; siehe auch Jena).
Montag, der 31. März 2014
[181 / 143]
Und die Brüder heute vor 153 Jahren …
… all dies, was sich hastend vor uns abspielt, vergällt es einem, das Leben ernst zu nehmen. Alles erscheint einem wie ein Spiel auf der Bühne. Menschen und Dinge scheinen an einem vorbei zu defilieren und weder zu handeln noch zu sein. Man ist geneigt, das, was einem widerfährt, das Leben für eine Art Kasperletheater zu halten, bei dem es albern wäre, sich allzusehr dafür zu interessieren, mit Hampelmännern, die kommen und gehen, ohne Persönlichkeit, und Geschehnissen, die nur geschehen, damit die Bühne nicht leer ist. Der Geist, das Herz ermüden davon, berührt zu sein, und nehmen nur noch so viel auf, wie das von zu schnell vorüberziehen der Gegenstände müde gewordene Auge.Wenn Hans Köberlin die Welt derart, in einem solchen Modus, erlebte, dann ging es ihm gut, denn dann entsprach die Welt dem Marginalen seines eigenen Daseins. Aber wehe, wehe, er nahm das alles, die Politik, die Ökonomie …: diesen ganzen Betrieb ernst …*
* Der Eintrag, den Edmond heute vor 140 Jahren in seinem Journal getätigt hatte, war gleichfalls interessant, in Bezug nämlich auf Hans Köberlins exilbedingte Stimmung des ausgeklappten Rasiermessers …
Dienstag, 31. März – In diesen ersten Frühlingstagen, diesem Weckruf der Sonne, wo die grünen Triebe aus dem Holz der Sträucher sprießen, ist mir unbegreiflich, was für venerische Knospen durch die alten Häute zu dringen versuchen, was für Spermatierchen die alten Felle zwicken. Eine brutale Satyriasis randvoll von schmutzigen Phantasien bricht in einem aus, und das eigene Hirn ist nur noch eine finstere Kammer mit obszönen Halluzinationen. Dann sieht es wirklich so aus, als treibe die primitive Tierhaftigkeit eines Satyrs sein unzüchtiges Wesen im Mann. In der Jugend ist das nicht so: in dieser Zeit ist die körperliche Liebe fast elegisch.Über all das, worüber sich Edmond sich anscheinend geärgert hatte, über die »brutale Satyriasis randvoll von schmutzigen Phantasien«, über die »obszönen Halluzinationen« und über »die primitive Tierhaftigkeit eines Satyrs«, darüber war Hans Köberlin, erlebte er all das bei sich, erfreut, zeigten diese Erscheinungen ihm doch an, daß er noch lebte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
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Mittwoch, 30. März 2016
Sonntag, der 30. März 2014
[180 / 144]
Ein alter Freund hatte Hans Köberlin eine Marginalie zu ein paar Versen von Borges* geschickt: »In Santa Fe wird alljährlich im Herbst eine Figur namens Zozobra verbrannt. Da erschließt sich eine neue Bedeutung des Scheiterhaufens!« – Hans »Que Sera, Sera« Köberlin antwortete: »… ›zozobra‹ … ein weites Wortfeld...: es mag wohl Sinn machen, die Sorge zu verbrennen, das Scheitern beziehungsweise Kentern verbrennen zu wollen, das erscheint mir allerdings als Hybris.«
* Aus Rosas; in: Fervor de Buenos Aires; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 1, S. 36 …
creo que fue como tú y yoWie sich die Leserin oder der Leser sicher erinnern wird, haben wir diese Verse exponiert als drittes Motto vor unsere Langzeitdokumentation gestellt.
un hecho entre los hechos
que vivió en la zozobra cotidiana
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Dienstag, 29. März 2016
Samstag, der 29. März 2014
[179 / 145]
Und er las also: »Was uns als natürlich vorkommt, ist vermutlich nur das gewöhnliche einer langen Gewohnheit, die das Ungewohnte, dem sie entsprungen, vergessen hat. Jenes Ungewohnte hat jedoch einst als ein Befremdendes den Menschen angefallen und hat das Denken zum Erstaunen gebracht.«* Nun, wir haben ja bereits oft genug erwähnt, daß Hans Köberlin schon lange nichts mehr an seinem Zustand »als natürlich« vorkam und daß das Ungewohnte hier ihm zur Gewohnheit geworden war, trotz Dauerlauf und Promenade und ›Tango Bar‹ und ›striptease table‹, auch trotz Zahnpflege und Körperpflege und Mahlzeiten und Stuhlgang. Ihn hatte dieser Ort, so, Heideggers Begriffe weiter umkehrend und vertauschend, sagte er sich jetzt – und wir können das nur bestätigen! – wie ein Vertrautes angefallen. Und um sein Denken machte er sich keine Gedanken, denn Gedanken konnte man nicht lesen.
* Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks, Stuttgart 1960, S. 16. Die Wanderschuhe (bei der Frau gab es gemalte auf einer alten Truhe), erinnerte Hans Köberlin …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Montag, 28. März 2016
Freitag, der 28. März 2014
[178 / 146]
Und die Brüder heute vor 148 Jahren …
28. März – Das Dessertgespräch bei der Prinzessin ist immer ein Gespräch über die Liebe. Gautier, der über die hortensienfarbenen Brustwarzen junger Mädchen sehr in Fahrt ist …*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 341.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Sonntag, 27. März 2016
Donnerstag, der 27. März 2014
[177 / 147]
Später erinnerte Hans Köberlin: »Ergänzungen zum Naturschönen aus der Diskussion in der Bibliothek und über das Telegramm, das Stephen Dedalus von seinem Vater bekommen hat.«
* Bei Borges las er dann, daß der, beziehungsweise sein Erzähler, jetzt ‒ wann dieses ›jetzt‹ war können wir momentan nicht sagen –, jetzt also mochte er sich an die Zukunft erinnern, nicht an die Vergangenheit. Dort auch, das heißt: im gleichen Text, den wir jetzt nicht zur Hand haben, schrieb er, Borges, daß die Literatur die einzige Kunst sei, die an sich selbst verzweifeln könne. Wir haben das ‒ das mit der Verzweiflung der Literatur an sich selber ‒ eventuell bereit zuvor erörtert, wir erinnern uns jetzt gerade nicht.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
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Samstag, 26. März 2016
Mittwoch, der 26. März 2014
[176 / 148]
In der Nacht zum Mittwoch, dem 26. März 2014, beschäftigte sich der träumende Hans Köberlin in seinem Traum mit drei skandinavischen Wörtern, deren Bedeutung nicht klar, die zu kennen aber äußerst wichtig war. Dann war er auf einem gigantischen Eisbrecher, der nachts durch die Straßen seines Geburtsortes ‒ das Bild ›Lennigstraße Ecke Kronenbergstraße‹ träumte er sehr realistisch* ‒, die anscheinend zu zugefrorenen Kanälen geworden waren, fuhr. Hans Köberlin stand bei dem Steuermann und dem Kapitän und einigen Mitpassagieren ganz vorne am Bug. Dann beschloß er, an das Heck zu gehen, um sich die Fahrrinne, die der Eisbrecher aufgebrochen, anzuschauen. Mühsam hangelte er sich an der Rehling entlang, denn es lag überall Schnee und es war glatt. Hinten saß ein Mann mit zwei Kindern, der Mann saß trotz der Kälte bloß in seinem weißen Feinrippunterhemd da. Hans Köberlin ging bis ganz an das Ende des Schiffes, bis an den Fahnenmast (also quasi »bis ans Ende der Fahnenstange«, wie man so sagte), wo er sich auf eine Ausbeulung dieses Mastes, ihn dabei umklammernd, stellte. Das erwies sich als keine gute Idee, das Schiff schwankte arg und Hans Köberlin sah in die Tiefe hinab, wo die riesigen Schrauben des Schiffes das Wasser schäumten und wo die dicken aufgerissenen und scharfkantigen Eisschollen trieben. Hans Köberlin wollte zurück, schaffte es aber nicht, weil er Bedenken hatte, sich zu rühren. Ein Matrose kam und Hans Köberlin bat ihn um Hilfe. Der aber war mit der Situation überfordert, meinte, er könne da auch nichts machen und gab bloße dumme Ratschläge. Hans Köberlin verlor darüber plötzlich den Halt, seine Hände rutschten an dem vereisten Holz des Mastes ab und er wurde wach, bevor er fiel. Seltsam, sagte er sich, und er fragte sich, wie er dazu gekommen, im mediterranen Frühling von Kälte, Schnee und Eis zu träumen.
* Hans Köberlin, dem beim Notieren dieses Traums der Auftakt von Heimito von Doderers Ein Mord den jeder begeht (München 5. Aufl. 1986, S. 5) einfiel ‒ Clemens Limbularius hatte in seinem Kommentar zu Hans Köberlins Idiosynchrasie-Essay auf diese Passage hingewiesen (vgl. vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 385) ‒, erinnerte sich bloß ungern an manche Aspekte seiner Kindheit.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Freitag, 25. März 2016
Dienstag, der 25. März 2014
[175 / 149]
Hans Köberlin fiel dazu (natürlich nicht zu diesem Filmkalenderblatt und der wunderbaren Simone Signoret!) eine Passage ein, die er sich vor Jahren aus Brechts Arbeitsjournal exzerpiert hatte …
wissenschaftlich ergibt es noch die beste lösung, wenn man die haltung des formenden, erzählenden, singenden, musizierenden, agierenden beobachtet. die stellung, in der der erzählende zb sich zu seinen hörern befindet (und sich zu befinden glaubt), die situation, in der die erzählung stattfindet, die kulturelle stufe, auf der sich alle am erzählungsakt beteiligten befinden usw. überhaupt ist der begriff des kunstakts sehr ergiebig. wähle ich eine bestimmte erzählerhaltung (vielleicht besser gesagt: sehe ich mich veranlaßt, eine b[estimmte] e[rzählerhaltung] einzunehmen), so sind mir nur ganz bestimmte wirkungen zugänglich, mein stoff ordnet sich selber in der perspektive, mein wortmaterial und bildermaterial liegt in einer ganz bestimmten linie, holt sich aus einem ganz bestimmten fundus, von der phantasie meines hörers steht mir soundsoviel (und nicht mehr) zur verfügung, von seinen erfahrungen kann ich soundsoweit gebrauch machen, seine emotionen werden auf derundder linie ausgelöst usw. die haltung ist natürlich nichts einheitliches, gleichbleibendes, widerspruchsloses.*Was die Rezeption im Modus der Interaktion betraf, was also die Haltung betraf, und was die produktionsästhetischen Überlegungen, den Kunstakt also, betraf, dem würde Hans Köberlin eher weniger Bedeutung zuschreiben, bei dem Primat der Perspektive allerdings ging Hans Köberlin mit Brecht dʼaccord, wobei seiner Meinung die primäre Formentscheidung auf das ihr folgende weniger determinierend wirkte. Es ging ihm dabei nicht um Willkür, eher um Unbestimmtheit, Hans Köberlin wollte keine ganz bestimmte Linie.
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal, 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 54f. – Borges hatte am Martin Fierro kritisiert, daß die Genese des Charakters des Protagonisten nicht thematisiert worden war, und im Journal konnte man unter dem Datum des 30. Oktobers 1856 lesen, der Realismus keime auf und breche hervor, während die Daguerreotypie und die Photographie zeigten, wie stark die Kunst vom Wahren abweiche.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Donnerstag, 24. März 2016
Wo die Kunst an ihre Grenzen stößt
Darauf beginnt er seine amüsant genannte Zeitschrift zu studieren. Auf dem Umschlag sieht er eine teilweise entkleidete junge Frau, die den Bart eines Marmorfauns streichelt. Valentin studiert aufmerksam dieses bonbonfarbene Bild und so, wie der Zeichner und Chefredakteur dieses Magazins es wünschten, denkt er, daß die junge, nackte Frau bestimmte Reize hat. Er bewundert vor allem das Plastische des Bildes und fährt mit neugierigem Finger darüber. Aber der Buntdruck ist platt: der Arsch ist ein Effekt der Kunst.
(Raymond Queneau, Sonntag des Lebens, Frankfurt am Main 1986, S. 56).
(Raymond Queneau, Sonntag des Lebens, Frankfurt am Main 1986, S. 56).
Montag, der 24. März 2014
[174 / 150]
… Hans Köberlin, der, wie der junge Stephen Dedalus, von allem, was er las, nichts behielt als das, was ihm als Echo oder Prophezeiung seiner eigenen Verfassung erschien* … –: nein, das stimmte nicht, es war bei Hans Köberlin nicht die eigene Verfassung, es war, was er behielt, die Anschlußfähigkeit an bereits Geschriebenes, was aber dann vielleicht doch die eigene Verfassung war …
* Vgl. James Joyce, Ein Portrait des Künstlers als junger Mann, Frankfurt am Main 1972, S. 174.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
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Mittwoch, 23. März 2016
Sonntag, der 23. März 2014
[173 / 151]
Hans Köberlin passierte ein Verleser bei zwei Versen aus einem Gedicht von Heine, auf die er zufällig gestoßen, ohne zu wissen, daß es sich um das erste Gedicht aus dem Zyklus Die Heimkehr – »An die ich doch nicht denken will!« – handelte …; er las nämlich …
Klingt das Lied auch nicht ergötzlich,Bei Heine aber stand: »Hat’s mich doch von Angst befreit.«. Hans Köberlin bemerkte seinen Verleser unmittelbar nach dem, also fast noch bei dem Lesen, weil die zweisilbige Arbeit geruckelt hatte.
Hat’s* mich doch von Arbeit befreit.
* »Hatʼs« = ›hatte seine Produktion‹, so des arbeitsscheuen Hans Köberlins Verlesart.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Dienstag, 22. März 2016
Jena
»Na, Sie scheinen den Feldzug in Madagaskar mitgemacht zu haben?«
»Ja. Gegen die Hain-Tenys Merinas.«
»War ne harte Sache, wie?«
»Es ging so.«
»Madagaskar muß schön sein.«
»Nicht übel. Ziemlich gebirgig.«
»Und die Eingeborenen?«
»Die, die gibts haufenweise.«
»Ach, Reisen bildet, und es ist was Schönes.«
»Ja, das möchte ich gern: reisen.«
»Sie brauchen sich doch nicht zu beklagen!« rief Bredouillat mit serviler Herzlichkeit aus.
»Ich beklage mich ja auch nicht«, protestierte Valentin.
»Und was möchten Sie sehen, Soldat?«
»Jena«, antwortete Valentin ohne zu zögern.
»Was?«
(Raymond Queneau, Sonntag des Lebens, Frankfurt am Main 1986, S. 50).
Diesem Roman verdankt … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, zum einen über den Umweg Hegel den Titel der Serie Die Nacht der Seele (was ja kein originäres Hegel-Wort ist) und zum anderen die Namen der Protagonisten der Serie, Valentin und Julia. Überhaupt verdanke ich, wie sicher bereits desöfteren erwähnt, Raymond Queneau sehr viel.
»Ja. Gegen die Hain-Tenys Merinas.«
»War ne harte Sache, wie?«
»Es ging so.«
»Madagaskar muß schön sein.«
»Nicht übel. Ziemlich gebirgig.«
»Und die Eingeborenen?«
»Die, die gibts haufenweise.«
»Ach, Reisen bildet, und es ist was Schönes.«
»Ja, das möchte ich gern: reisen.«
»Sie brauchen sich doch nicht zu beklagen!« rief Bredouillat mit serviler Herzlichkeit aus.
»Ich beklage mich ja auch nicht«, protestierte Valentin.
»Und was möchten Sie sehen, Soldat?«
»Jena«, antwortete Valentin ohne zu zögern.
»Was?«
(Raymond Queneau, Sonntag des Lebens, Frankfurt am Main 1986, S. 50).
*
Diesem Roman verdankt … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, zum einen über den Umweg Hegel den Titel der Serie Die Nacht der Seele (was ja kein originäres Hegel-Wort ist) und zum anderen die Namen der Protagonisten der Serie, Valentin und Julia. Überhaupt verdanke ich, wie sicher bereits desöfteren erwähnt, Raymond Queneau sehr viel.
Samstag, der 22. März 2014
[172 / 152]
In dem Journal der Gebrüder Goncourt las Hans Köberlin unter dem Datum des 14. Oktober 1856, die Zeit heile von allem, auch vom Leben.
* Vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 1, S. 364. Aber, so sagte sich Hans Köberlin später, nach dem zweiten Wein in der ›Tango Bar‹, das Leben war etwas, von dem man nicht geheilt werden konnte. Denn war man von ihm geheilt, dann gab es einen nicht mehr und auch das ›man‹ gab es nicht mehr. Also …: War Leben Zeit?
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Montag, 21. März 2016
Freitag, der 21. März 2014
[171 / 153]
… all die, die das Aufstreben propagierten, da konterte Hans Köberlin mit Henri Michaux, der gefragt hatte, ob einem denn wirklich daran gelegen sei, die Leiter hinaufzusteigen, und der weiter gefragt hatte, und was denn wäre, wenn man als Gehenkter enden würde …
* Pythagoras soll nach Diogenes Laertios einmal gesagt haben: »Die einen kommen zu ihr (der Festversammlung, die das Leben – metaphorisch gemeint – sei) als Wettkämpfer, die anderen des Geschäftes wegen, die besten aber als Zuschauer.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Sonntag, 20. März 2016
Donnerstag, der 20. März 2014
[170 / 154]
Im Kontext von Einsteins Theorie und der Tatsache, daß man beim freien Fall die Schwerkraft nicht spüre, hatte Hans Blumenberg geschrieben, »daß es für Fallen wie Schwimmen überhaupt keiner erklärenden ›Theorie‹ bedarf. Nur wer nicht fallen will, bedarf der Handlungen, die ihn davor bewahren«; Leben sei »erlebte Schwere, in einem vertrackten Sinn ›Unnatur‹«. Man müßte also, so dachte Hans Köberlin, als ihm dies, er wußte nicht wieso, in der ›Tango Bar‹ einfiel, permanent fallen, ohne Grund leben, der einem entgegen wirkte und einen schwer machte – oder eben: schwimmen.*
* Irgendwo zitierte Godard einen gewissen Dubillard: »Einmal habe ich das Nichts gesehen, und es ist viel kleiner, als man glaubt.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Samstag, 19. März 2016
Mittwoch, der 19. März 2014
[169 / 155]
Am Mittwoch, dem 19. März 2014, notierte Hans Köberlin folgende Traumerinnerung in sein Arbeitsjournal: »Es war ein heißer Sommertag oder ein Tag dort beziehungsweise hier, wo es fast immer so heiß war wie in der Hauptstadt bloß im Sommer, und die Frau schwamm mit großer Freude in einem Pool, in dem auch ein aufblasbarer Delphin und ein aufblasbares Krokodil herumschwammen. Ich stand am Rand des Pools und sah zu, dann stand ich bei einer Gruppe der Leute, die um den Pool herum wohnten, und sah, wie einer von ihnen zur Belustigung der Anderen obszönen Unfug mit Obst trieb, was man ja nicht tun soll: mit dem Essen spielen. Dann war ich in meinem Zimmer, es war nicht das Lese- und Schreibzimmer hier, es war ein weiter und sehr heller Raum, aber auch ähnlich dem Wohnzimmer meiner Eltern, das doch eher eng und dunkel war, ich saß also am Schreibtisch und sah auf dem Monitor ein Sequel von David Finchers Thriller Se7en (1995). Der Film hieß Se7en II oder Se7en – The Return … (gibt es den denn überhaupt? – ich glaube nicht),* wieder mit Morgan Freeman, Brat Pitt und Kevin Spacey. Währenddessen zog ein heftiges Unwetter auf, durch das Fenster sah man, wie der Himmel sich verfinsterte.
* Unseres Wissens gibt es zwar viele Nachahmungstäter, aber kein Sequel. In ein paar Wochen, am Dienstag, dem 15. April 2014, sollte Hans Köberlin Se7en mit der Frau, die in den Osterferien zu Besuch hier war, schauen und folgende kurze Notiz in sein Arbeitsjournal notieren: »Ich hatte das Ende des Films anders in Erinnerung: es sollte offen bleiben, ob Mills schoß oder nicht, was einen verstörter hinterlassen hätte. Ein seltsames Gefühl hinterließ bei mir die Szene, als Mills Frau mit Somerset über ihre Beziehung und über Lebensentscheidungen sprach. Die eigene Ehefrau als der blinde Fleck des Mannes …«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Freitag, 18. März 2016
Dienstag, der 18. März 2014
[168 / 156]
Einer Eingebung folgend – »Es ist einmal wieder nötig!« – schaute sich Hans Köberlin Godards Band à part (1964) an. Man habe als Slogan den Satz von Griffith, Kino sei »a gun and a girl«, aufgegriffen, und er, Godard, habe daran geglaubt.* Hans Köberlin hatte den Film lange nicht gesehen, zehn Jahre oder länger nicht, und war wieder begeistert. Der Liebreiz Odiles, die natürlich Quenaus Roman Odile las, die Melancholie von Arthur und Franz, die Melancholie der Banlieue, die Topographie der Banlieue, das Verwobene von Industrie und Wohnen, die Stadt der Liebe in Schwarzweiß, der Tanz im Café, bei dem die von Godard aus dem Off kundgetanen Gedanken der drei zwar im Kreis blieben, sich aber nicht trafen, der Louvre in 9 Minuten und 43 Sekunden …**
* Jean-Luc Godard, Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos, Frankfurt am Main 1984, S. 205f.
** Es seien die Leute, die real seien, während die Welt »fait bande à part«, hatte Deleuze Godard zitiert, es sei gerade die Welt, die aus dem Kino entstehe. Während die Welt aus dem Gleichlauf gerate, seien die Leute gerecht, wahr oder stellten das Leben dar, sie erleben eine einfache Geschichte, doch die Welt um sie herum lebe nach einem schlechten Drehbuch (Gilles Deleuze, Das Zeit-Bild. Kino 2, Frankfurt am Main 1997, S. 224).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
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Donnerstag, 17. März 2016
Montag, der 17. März 2014
[167 / 157]
Am Montag, dem 17. März 2014, hatten der Ulysses-Übersetzer Hans Wollschläger (geboren 1935) und die Schauspielerin Brigitte Helm (geboren 1906) Geburtstag.*
* Aus diesem Anlaß wollen wir noch einmal eine der leider selten gewordenen Fußnoten aus Seeßlens Die Ästhetik des erotischen Films einfügen: »Den Vamp in der mythischen Welt des phantastischen Films verkörperte Brigitte Helm. In Filmen wie Metropolis (Fritz Lang, 1925/26), Alraune (Henrik Galeen, 1927) oder Die Herrin von Atlantis (G. W. Pabst, 1932) ist sie die dämonische Frau, ein ›Androide‹ mit sexueller Ausstrahlung; ein künstlicher Mensch, wie in Metropolis oder Alraune, der selbst von seiner erotischen Anziehungskraft nichts anderes hat als die Freude an der Zerstörung, auf die hin er ›programmiert‹ zu sein scheint.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 31).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Mittwoch, 16. März 2016
Sonntag, der 16. März 2014
[166 / 158]
Hans Köberlin las bei Benjamin in dem Abschnitt über Langeweile und ewige Wiederkehr: »Man muß sich nicht die Zeit vertreiben – muß die Zeit zu sich einladen. Sich die Zeit vertreiben (sich die Zeit austreiben, abschlagen): der Spieler. Zeit spritzt ihm aus allen Poren. – Zeit laden, wie eine Batterie Kraft lädt: der Flaneur. Endlich der Dritte: er lädt die Zeit und gibt in veränderter Gestalt – in jener der Erwartung – wieder ab: der Wartende.«* Bei Gustav Meyrink, fiel Hans Köberlin dazu ein, wurden irgendwo Wünsche, das Warten und das Hoffen als »Zeitegel« bezeichnet, »weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen«, und wurde weiter von »verwarteter Zeit« gesprochen.** Hans Köberlin erkannte sich bei diesen drei Typen Benjamins als den Zeit ladenden Flaneur wieder. Hans Köberlin war kein guter Warter … es gab das Warten, weil sich etwas staute, und die Erwartung als Vorfreude (hier dachte er natürlich an die Frau).
* Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 164.
** Gustav Meyrink, J. H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln; in: Die Bibliothek von Babel. Eine Sammlung phantastischer Literatur, hrsg. von Jorge Luis Borges, Bd. 18: Gustav Meyrink, Der Kardinal Napellus, Frankfurt am Main / Wien / Zürich 2007, S. 21. In seinem Vorwort zu dem Band schrieb Borges, die Zeitegel gingen über das nur Bildhafte und Allegorische hinaus, sie seien eins mit der Substanz unseres Ich (ebd., S. 11).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Dienstag, 15. März 2016
Das hätt ich ihm nicht zugetraut
Es gab bei uns einen berühmten Maler namens Styka, der immer den lieben Gott malte. Schließlich erbarmte sich Gott und sprach zu ihm: »Hör mal, mein lieber Styka, es muß nicht sein, daß du immer auf den Knien liegst, wenn du mich malst, es wäre mir lieber, daß du mich gut malst.«
(Krzysztof Kieślowski).
(Krzysztof Kieślowski).
Samstag, der 15. März 2014
[165 / 159]
Man müßte sehen, wie sich der Prozeß der Kanonbildung verändert hatte (Jan Assmann lesen, müßte er selber einmal wieder, dachte Hans Köberlin, der Band befand sich in der Basisbibliothek), daß es heute, obwohl alle so taten wie früher, keinen wirklichen Kanon mehr gab (was auch gut war). Das hatte natürlich Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Autoren: schrieben sie noch für eine Ewigkeit oder zumindest für die Nachwelt (was ja eine Kanonisierung bedeutete) oder bloß noch für die Gegenwart (= den Markt …: Autor als Beruf oder Autor aus Berufung), mit einem Verfallsdatum versehene Bücher? Das Problem von Zeit und Bedeutung … Hans Köberlin dachte, im tiefsten und geheimsten Innern sollte jeder Autor ein Goethe, ein Joyce, ein Mann, ein Proust, ein Musil, oder wer immer auch sein Ideal war, sein wollen, auch wenn er wußte, daß er das nicht werden konnte, denn Goethe war nicht wegen seiner Schriften Goethe geworden – es hätte beim Werther als einer Eintagsfliege bleiben können und er wäre heute bloß noch eine Kuriosität wegen der ausgelösten Selbstmordwelle –, sondern Goethe war Goethe geworden, weil er Goethe sein hatte wollen. Dann der Funktionswandel der Literatur, der Wandel der Kulturindustrie, die Nischen und Reservate, die neuen Medien … alles auch Gegenstand der Gespräche Hans Köberlins mit Hans Köberlin,* der auf einen Platz als Hans Köberlin bloß in der Literarturgeschichte wertlegte. Aber das stimmte natürlich auch nicht so ganz …
* Bei Pynchon hieß es irgendwo: »they keeping a companionable silence«. Wieso fiel Hans Köberlin in letzter Zeit mehr als gewöhnlich – was ja schon einiges war – Pynchon ein?
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
Montag, 14. März 2016
Ein weiteres Alibi
Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 66 und 67 von Albert Camus’ Der Fremde (Reinbek 1961), erfuhr, habe ich für den 6. September 1980, ein – wenn auch nur tagesgenaues – Alibi. Damals kaufte ich nämlich für 3,80 DM in der Buchhandlung Reuffel in der Löhrstraße in Koblenz die rororo-Taschenbuchausgabe dieses Romans.
Ein Kriterium
Unsere Unterhaltung zum Beispiel, hat sie auch nur annähernd mit der Wirklichkeit zu tun? Nein. In einem Roman wäre sie unzulässig.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 351).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 351).
Freitag, der 14. März 2014
[164 / 160]
Am Freitag, dem 14 März 2014, notierte Hans Köberlin folgende Traumsequenz: »Es war mein Schicksal – ich träumte tatsächlich, daß ich dachte, daß es mein Schicksal sei!* –, kilometerlang durch einen sehr engen und unbeleuchteten Tunnel zu gehen, vielleicht sogar, um irgendwo hinzukommen. Dieser unterirdische Weg war neu und sicher, das wußte ich und ging zuversichtlich ein paar Meter, dann graute mir aber doch davor und ich nahm die andere Abzweigung, die zwar auch unterirdische und dunkle Passagen hatte, die aber nicht so lang waren und auch, glaube ich, nicht so eng. Zur Not konnte man immer noch mit der U-Bahn fahren, es gab eine Station, über deren Vorhandensein ich mich allerdings wunderte, es mußte der Eingang zu einer weiter entfernt liegenden Station sein. Es gab viele desperate Traumsequenzen, das war die einzige, die ich mir merken konnte.«
* »Fate does not speak. She carries a Mauser and from time to time indicates our proper path«, so Thomas Pynchon irgendwo, und Hans Köberlin fand, daß es etwas sympathisches hatte, daß das Schicksal in the international spoken language weiblich war.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).
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