Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Montag, 19. Oktober 2015
George Spencer-Brown avant la lettre
—Look at that basket—he said.
—I see it—said Lynch.
—In order to see that basket—said Stephen—your mind first of all separates the basket from the rest of the visible universe which is not the basket. The first phase of apprehension is a bounding line drawn about the object to be apprehended.
(James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man, Chapter V).
Samstag, der 19. Oktober 2013
[18 / 306]
Hans Köberlin nahm nach einem wie gewohnt abgelaufenem Tagesablauf am Abend wieder bloß einen kalten Imbiß zu sich und ging dann …
Under what guidance, following what signs?… in das Zentrum des Ortes zu den fiestas moros y cristianos y santísimo cristo.
… a bispherical moon revealed in imperfect varying phases of lunation through the posterior interstice of the imperfectly occluded skirt of a carnose negligent perambulating female …*
Er war in dem Glauben, die sich über eine Woche erstreckenden Festivitäten, an deren Ausrichtung über die Hälfte der einheimischen Bevölkerung des Ortes beteiligt schien (eine wohl über Vereine organisierte sozial inkludierende Veranstaltung), erinnere an ein lokales Kapitel aus der Reconquista,** aber es ging um eine bloß lokale Angelegenheit, nämlich um maurische Freibeuter, die am 22. Oktober 1744 die wegen einer Seuche verwaiste Stadt überfallen wollten. Wundersamer Weise, was hieß: mit Unterstützung des lokalen Schutzpatrons, soll es einem hiesigen Jüngling namens Caracol gelungen sein, die für ihn eigentlich viel zu schwer zu bewegenden Stadttore vor dem Ansturm der Freibeuter zu schließen, eine Errettung-der-Stadt-Legende, wie es sie oft gab, sogar mit Federvieh und Eselsgeschrei. Später, als Freunde ihn besuchten und mit ihm per Auto das Hinterland erkundeten, stellte er fest, daß es in jedem Ort hier fiestas moros y cristianos mit einer entsprechenden Heiligenlegende gab und daß diese fiestas wohl das waren, was man in der Region seiner Herkunft ›Kirmes‹ nannte. Komisch das, mit dem Glauben und dem Wunderglauben … eine Ansammlung von eigentlich unglaublichen Geschichten …
Was Hans Köberlin dann in der Hauptladenstraße des Ortes sah, das war der gut dreistündige Einzug der Mauren und der Christen. Es waren, wie gesagt, wohl Vereine oder Ligen, die sich wie die Karnevalsvereine in Hans Köberlins Herkunftsland das ganze Jahr über auf diese Festivitäten vorbereiteten, Sitzungen abhielten, sich in mehrere Lager spalteten, Intrigen spannen, Machtkämpfe ausfochten, Themen und Motti kreierten und schließlich damit begannen, alles für den Umzug – Kostüme, Wagen et cetera – bastelnderweise nach Feierabend und in der sonstigen Freizeit, regelrecht sprichwörtlich in jeder freien Minute …
»Der Verein oder ich!«
… zu erstellen.
Die Christen kamen zuerst. Eine jede Gruppe (auch später dann bei den Mauren) bestand aus einem Musikzug, tanzenden und das Publikum miteinbeziehenden ihrem Thema oder Motiv entsprechend maskierten Leuten zufuß und als Abschluß dem Motivwagen. Man erkannte den kreativen Willen und die große Not, originell sein zu müssen und die dazu an den Haaren herbeigezogenen Assoziationen zum Thema (die Sozialstruktur der Christen im 18. Jahrhundert, die Mode der Christen im 18. Jahrhundert, Offensiv- und Defensivbewaffnung der Christen im 18. Jahrhundert, der Glaube der Christen im 18. Jahrhundert … et cetera et cetera … und das gleiche dann bei den Mauren), die unseren Assoziationen zum Thema bloß um weniges nachstanden (die sexuellen Praktiken der Christen und Mauren im 18. Jahrhundert …). Hans Köberlin dokumentierte das Geschehen fleißig, doch dann war der Akku seines Taschentelephons leer, was schade war, denn die nach den Christen kommenden Maurenmädels zeigten wesentlich mehr Haut.***
Hans Köberlin bewegte sich am Rand des Umzugs gegen die Richtung des Umzug die ansteigende Straße hinauf bis zu jenem Platz, an dem er mit der Frau gesessen hatte (Memories …), erstand dort einen Wein und goutierte den Umzug. Es war wahrscheinlich wirklich das gleiche wie beim Karneval in Noberk oder in der Kreisstadt oder in der Stadt der Narren oder in der Domstadt, aber weniger preußisch und außerdem exotisch, wie gesagt: mit viel Maurinnenhaut bei noch über 20 °C, da kamen die Funkenmariechen mit ihren fleischfarbenen Strumpfhosen bei Temperaturen (wenn es schlecht lief) um den oder nur knapp über dem Gefrierpunkt nicht mit, mochten sie die Beine noch so hoch heben und unter ihren kurzen Röckchen die wegen der Kälte etwas zu groß geratenen Schlüpfer**** zeigen. Außerdem wollte Hans Köberlin sich exaltieren, denn er spürte, daß sein Gemüth nicht so stabil war, wie er es gerne gehabt hätte.
Man hatte anscheinend nicht genug Musikgruppen, denn ständig sah man – wie in jenem Beispiel, welches die Goncourts zur Illustration bei ihrer Widerlegung des Glaubens an die Seelenwanderung herangezogen hatten – bereits bekannte Gesichter mit ihren Instrumenten entgegen der Umzugsrichtung nach oben zu dem Startpunkt des Umzugs laufen, um sich dort vor einer Gruppe erneut zu formatieren.
Der Ausgang der in der Legende verhandelten Geschichte stand ja fest: Gottvater, Gottsohn und Gottheiligergeist und ihre Anhänger siegten über Allah***** und seinen Propheten und deren Anhänger,****** und Hans Köberlin fragte sich, was einen wohl bewog, wenn er schon in einen Trachten- und Brauchtumsverein gehen wollte (oder mußte),******* sich auf die sicher nicht so gut reputierte Seite der Feinde und dazu noch der Verlierer zu begeben. Sicher, wie bereits gesagt, die Maurinnen zeigten mehr Haut, aber Hans Köberlin ging nicht davon aus, daß jemand der hiesigen männlichen und auch weiblichen (eine frivole Vorstellung …!) Bevölkerung dies als Motiv für seine Vereinswahl wirklich in Betracht zog. Vielleicht wurde ja gelost, nicht um das Ergebnis der Schlacht, sondern um die Zuteilung zu den Lagern …
Der Zug ging, wie gesagt, über gut drei Stunden und Hans Köberlin amüsierte sich also und ging anschließend in die Dependance der ›Tango Bar‹ südlich des Peñòn de Ifach an der Promenade der Playa Arenal-Bol (hatten wir bereits erwähnt, daß es eine solche gab?), um dort mit Blick auf das nächtlich tosende Meer noch einen Rotwein zu nehmen.
* James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 630f.
** Man erinnere sich: Moses (The Ten Commandments, 1956) & Ben Hur (1959) Charlton ›get your gun‹ Heston als El Cid (neben Sophia Loren, vgl. Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 83f.: »In den Historienfilmen wie etwa Attila, flagello di dio (Pietro Francesci, 1954) oder, später, El Cid (Anthony Mann, 1961) ist sie (Sophia Loren) von einer mehr aristokratischen Ausstrahlung als Gina Lollobrigida (auf die kommen wir noch); sie ist nicht, wie diese, unbewußte Auslöserin, sondern denkende und handelnde Person im geschichtlichen Drama, und ihre erotische Triebkraft ist an moralischen Rastern gebrochen. War Gina Lollobrigida eine unschuldige Provokation gegen die Hierarchie die Männerwelt (… [das hier ausgelassene präsentieren wir unten, wenn es um Gina Lollobrigida geht]), so entwickelt sich der Loren-Typus zu einer Art der weiblichen Bestätigung des dynastischen Prinzips.«) … – Nebenbei bemerkt: es gab bei allen Vorbehalten gegen Heston drei wirklich gute Filme mit ihm, nämlich der weiter oben bereits erwähnte Film von Orson Welles, Touch of Evil (1958), Franklin J. Schaffners Originalversion von Planet of the Apes (1968) und, an der Seite von Edward G. Robinson, Richard Fleischers Soylent Green (1973).
*** Das wußte auch Mr Bloom an seiner Gattin zu schätzen: »That’s where Molly can knock spots oft hem. It is the blood of the south. Moorish. Also the form, the figure. Hands felt for the opulent.« (Joyce, Ulysses, a. a. O., S. 337).
**** ›Schlüpfer‹ oder ›Slip‹ …? Hm …: es klingt beides gleich gut …
***** »Drei gegen einen …: das ist gemein!« – Es wäre aus christlich dogmatischer Sicht natürlich eine Blasphemie, wenn man hier von einer numerischen Überzahl ausgehen würde. Borges war mit dem Trinitätsdogma hart ins Gericht gegangen und hatte von einer grausigen dreieinigen Gesellschaft und von einem eitlen theologischen Zerberus und von einem Fall von intellektueller Teratologie und von einer Mißgeburt, die nur das Grauen eines Alptraums gebären konnte et cetera gesprochen (vgl. Jorge Luis Borges, Diskussionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 2: Kabbala und Tango, Frankfurt am Main 1993, S. 176f.).
****** Hans Köberlin ging nicht davon aus, daß hier jedes Jahr im Oktober die Karten wie bei den Kriegsspielen in Roberto Bolaños El Tercer Reich neu (in Bolaños Roman allerdings nur scheinbar) verteilt wurden.
******* John Cale & Lou Reed, Songs for Drella (1990) …
When you’re growing up in a small town(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
When you’re growing up in a small town
When you’re growing up in a small town …
Sonntag, 18. Oktober 2015
Freitag, der 18. Oktober 2013
[17 / 307]
An dem Freitag, dem 18. Oktober 2013 – »Every Friday buries a Thursday if you come to look at it.«* – es war, wie bereits erwähnt, Klaus Kinskis Geburtstag im Jahre 1926, am Freitag also las Hans Köberlin nach dem Erwachen und nachdem er auf seinem Laptop einen Traum niedergeschrieben hatte** noch im Bett in Pessls Night Film weiter, bevor er seinen Dauerlauf machte und innerhalb dessen seine Runde (mindestens bis zur gelben Boje) schwamm. Dann ging er wie gehabt an die Herausgabe des Berichts …
Auf den ersten Blick war es so erschienen, als habe der Autor hier etwas mehr zusammengetragen als im vorherigen Kapitel, doch dann sahen wir, daß es sich hauptsächlich um ein überlanges Zitat von Canetti handelt. Wir können uns also nur wiederholen: nun denn …: mehr gibt es nicht …***… und später wie gehabt zum zweiten Schwimmen und zu den anschließenden cervezas in die ›Tango Bar‹. Und zum Abendessen gab es, wie bereits gesagt, die Dorade.
* James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 98.
** »Geträumt von einem Detektiv, der eine vermutete eheliche Untreue verifizieren sollte, die sich in der Hauptstadt und der Hauptstadt eines der Beneluxländer abgespielt hatte. Er müsse sehr hohe Spesen berechnen, meinte der Detektiv, wegen der Reisen durch die Beneluxländer.«
*** Vgl. vom Verf. Telos, Berlin 2013, S. 358.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
Samstag, 17. Oktober 2015
Donnerstag, der 17. Oktober 2013
[16 / 308]
Nach dem Frühstück las er Lord Jim zu Ende …
And that’s the end. He passes away under a cloud, inscrutable at heart, forgotten, unforgiven, and excessively romantic. Not in the wildest days of his boyish visions could he have seen the alluring shape of such an extraordinary success! For it may very well be that in the short moment of his last proud and unflinching glance, he had beheld the face of that opportunity which, like an Eastern bride, had come veiled to his side.Wie immer, wenn er einen gutes Stück Literatur, das ihn über längere Zeit begleitet hatte (hier kam noch hinzu, daß Hans Köberlin just da mit der Lektüre begonnen hatte, als er die Frau kennengelernt und auch las, als er anfing, sich in sie zu verlieben), ausgelesen beiseite legte, fühlte er ein Loch in sich, eine Leere, als habe sich ein guter Freund verabschiedet (ein Klischee, wir wissen das, aber es war so).* Jim war, wie bereits angedeutet, zwar der Agonist des Romans, aber der Protagonist war Marlow und sein Erzählmanagement. Und die Figuren, die Hans Köberlin am nächsten gingen, waren jener Kapitän und Beisitzer der Gerichtsverhandlung gegen Jim, dem das Schicksal alles in den Schoß gelegt, der sich aber dennoch von einem Tag auf den andern das Leben genommen – genial, wie hier Conrad offen ließ, welche Rolle der Prozeß gegen Jim und die Person Jims mit ihrem spezifischen Charakter dabei gespielt –, und natürlich Stein, der Jim als Romantiker identifiziert hatte. So einen Mentor oder Mäzen wie Stein wünschte Hans Köberlin sich, der Typ ›materiell erfolgreicher Kenner‹ (Reemtsma), der sich auf seinen materiellen Erfolg nichts einbildete und an ihn, an Hans Köberlin glauben und ihm ein materielles Refugium zur Verfügung stellen würde, damit er unbehelligt von jedwedem Markt und der damit verbundenen Not schreiben könnte …
* Jules de Goncourt (vermutlich) schrieb am 12. November 1861 in das brüderliche Journal, er habe an das von ihm Gelesene eine unvollkommene Erinnerung, wie an Landschaften, durch die er gereist sei und die er wiedererkenne, ohne zu wissen, woran er sie wiedererkenne (Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 174). Hans Köberlins Wiedererkennen war meist über Ähnlichkeiten assoziationsgesteuert. Manch Gelesenes lief auch mit und war quasi ständig präsent und mußte nicht erinnert werden, und das waren nicht nur sogenannte ›Stellen‹. Als ein Beispiel fällt uns – abwegig hier, angesichts der Temperaturen – ein, wie Hans Castorp sich auf dem Zauberberg während seiner privaten winterlichen Exkursion verirrt und schon gedacht hatte, sein letztes Stündlein habe geschlagen …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
Freitag, 16. Oktober 2015
Mittwoch der 16. Oktober 2013
[15 / 309]
Nach dem Frühstück ordnete er die Fragmente des verfluchten Kapitel XX von Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Nach dem was er da las, schloß er aus unserem Kenntnisstand über sein weiteres Schicksal ganz richtig, daß wir im vergangenen Dezember des vergangenen Jahres das Handtuch geworfen* und uns abgesetzt hatten. Er staunte, wie ungerührt er das lesen konnte. Um Lysa zu schonen, milderte er einige Passagen ab und entfernte sogar manches. Aber er wollte das da nicht so trostlos stehen lassen und hatte eine Idee …
Er hatte bei seiner gründlichen Inspektion aller Teile des Hauses und des Grundstücks in der Garage einen noch ungeöffneten Eimer dunkelbrauner Fassadenfarbe und Pinsel in diversen Größen vorgefunden, er ging nun also die Treppe hinunter zu der Garage, schloß sie auf (›Logo‹ stand, wie gesagt, auf dem betreffenden Schlüssel), holte den Eimer mit der Farbe, suchte sich den dicksten Pinsel und schrieb an die weiße Wand zu der oberen Straße hin …
Er dachte im letzten Moment daran, die Punkte des Umlauts in seinem Namen wegzulassen, denn Punkte machte man hier nicht auf die Buchstaben, bloß Striche und Wellen.** Dann nahm er sein Taschentelephon, photographierte die Wand mit jener Formel, die Wolfram Gans nun seit mehr als zwei Jahrzehnten in seiner Landesnervenklinik unablässig wiederholte … er, Hans Köberlin, könnte ja einen Essay schreiben: ›Wolfram oder die Formel‹ … hatte er eigentlich etwas von Deleuze in seine Basisbibliothek aufgenommen? Es wäre sträflich, wenn nicht …
»Ich muß unbedingt die Bände bibliographieren, damit ich den Überblick behalte und nicht wichtiges zu lesen vergesse, denn alles schaffe ich bestimmt nicht … –: zumindest hier nicht, bei all den Sensationen.«
… er photographierte also die Wand mit der Formel (War denn ›Formel‹ außerhalb des Mundes von Wolfram Gans der adäquate Ausdruck?) und mit ihrer Umgebung, damit man Rückschlüsse auf das Mediterrane der Gegend schließen konnte, etwa durch die Häuser im hiesigen Stil, durch eine Palme und durch diese wie improvisiert aussehenden (was sie aber nicht waren) Holzmasten, über die Strom, Telephon und wasweißichsonstnoch an die Häuser verteilt wurde.
Dann ging er zum Kühlschrank, nahm sich trotz der frühen Urzeit eine Flasche Bier (Heineken, das hier in 0,25-Liter-Fläschchen verkauft wurde) –
»Was solls, die eigene Wiederauferstehung muß gefeiert werden!«
– setzte sich an den Schreibtisch, transferierte – dabei (wie sinnig!) Fred Frith’ The Happy End Problem (2007) hörend – die photographierten oder sonstwie als Daten festgehaltenen Blicke auf die Formel auf seinen großen Laptop, suchte sich aus der gemachten Bilderserie das beste Bild aus, veränderte an dem noch mit einem Manipulationsprogramm die Kadrierung ein wenig, brachte den Horizont in die Horizontale, modifizierte den RGB-Modus in einen Graustufen-Modus, probierte mit den Abgleich-, den Helligkeits- und den Kontrastoptionen herum, bis er einigermaßen zufrieden war, skalierte die Druckgröße, öffnete das Dokument mit der Druckvorlage des Textblocks von Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, ging dort auf die Seite 71, kopierte eine Passage, die wir dort geschrieben hatten, ging von da auf die Seite 356, fügte die kopierte Passage ein und ergänzte und modifizierte sie für seine Zwecke …
Wir wollen es also, was das Ende des Hans Köberlin betrifft, eher mit Wolfram Gans denn mit einem, wie sich gezeigt hat, doch nicht ganz so zuverlässigen Autor halten, dem unverwüstlichen Wolfram Gans, der seit zwanzig Jahren in der Landesnervenklinik in der Kindheitsstadt des Busenfreundes und der Geburtsstadt Charles Bukowskis unermüdlich in der Manier eines Cato Censorius oder in der Manier eines Liebhabers der Musik des bereits in einer Fußnote erwähnten Elvis Presley ununterbrochen Zeugnis davon ablegt, daß Hans Köberlin lebe.Dann fügte er eine Fußnote ein – die 887.*** – und schrieb dort …
Vgl. oben, S. 71. Außerdem erreichte uns von unserem Gewährsmann im Mediterranen aus dem Land des Ritters von der traurigen Gestalt und dem Land des genialen Luis Buñuel, an jener Küste (allerdings etwas weiter südlich), an welcher auch der nicht minder geniale Roberto Bolaño sein Exil verbracht untenstehende Photographie einer Wandschmiererei an der weißen Küste …… und fügte schließlich als Abschluß dieses verfluchten Kapitel XX das eben angefertigte Bild darunter.
»Strich drunter!«
»Das war einmal eine Selbstreferenz!«****
»… lisant au livre de lui-même …«*****
Sehr zufrieden mit sich und seiner Aktion trank er sein Bier aus und holte sich ein neues Fläschchen Heineken. Gern hätte er jemand von seinem Coup berichtet, aber außer der Frau durfte er niemandem sagen, daß er sich selber wiedererweckt hatte. Vielleicht, so überlegte er sich, vielleicht sollte er auch Berichte schreiben … sein Schreiben operativ schließen … er berichtete dann über das Berichten … oder nein: er berichtete über sich selbst beim Berichten …******
»Und was wäre dann unsere Rolle dabei?«*******
* Boxer und Bergsteiger erwiesen sich als gleich ergiebige Metaphernlieferanten.
** Wenn Hans Köberlin seinen Namen dem hiesigen Idiom anpassen würde, dann wäre sein Vorname Juan. Er würde sich dann einen dem seinen ähnlichen Nachnahmen suchen; mit dem K hatten sie es hier nicht so, also etwas mit C, Co …; und er schaute in seinem Taschenwörterbuch …
- Señor Juan Cobalto oder
- Señor Juan Cobertera oder Cobertizo oder Cobertor oder Cobertura oder
- Señor Juan Cobija oder Cobijar oder Cobiarse oder
- Señor Juan Cobra oder
- Señor Juan Cobrable oder Cobradero oder Cobrador oder Cobranza oder Cobrar oder Cobrarse oder
- Señor Juan Cobre oder Cobrizo oder
- Señor Juan Cobro …
*** Das ergab auf dem in dem Haus gefunden solarenergiebetriebenen Taschenrechner (so ein Exemplar wie es zu Werbezwecken verschenkt wurde) einen Fußnotenkoeffizienten von 2,491573033707865 (insgesamt kam Telos auf einen Fußnotenkoeffizienten von 2,459715639810427).
**** »Das vermeintlich fragile postmoderne Subjekt wird zum Superautor, der den gesamten Prozeß – Produktion, Promotion, Distribution, Rezeption – de facto mitkontrolliert und steuert.« (Matteo Galli, The Artist is Present. Das Zeitalter der Poetikvorlesungen; in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, hrsg. v. Christian Demand, Heft 776, 68. Jahrgang, Stuttgart Januar 2014, S. 62), oder, etwas drastischer artikuliert: »… sein eigener Zuschauer zu sein, etwa in dem Sinn, wie ein Betrunkener einem Stockbetrunkenen begegnet und von dem Anblick wieder fast nüchtern wird.« (Handke, Der Große Fall, Berlin 2011, S. 218).
***** Stéphane Mallarmé, Hamlet et Fortinbras.
****** Vgl. Thirlwells Anmerkungen im Kontext von Puschkin, alles könne wie Fiktion behandelt werden, das einzige, was man dazu benötige, sei das richtige Vorwort, und alles was man brauche, sei ein Erzähler, und schließlich sei jeder Erzähler erfunden (Adam Thirlwell, Der multiple Roman. Vergangene und zukünftige Abenteuer der Romankunst, verortet auf fast allen Kontinenten, in zehn Sprachen & mit einem gigantischen Ensemble von Schriftstellern, Übersetzern & und anderen Phantasiewesen, Frankfurt am Main 2013, S. 71).
******* Goethe, Gedichte. Nachlese:
Was ich am meisten besorge: Bettina wird immer geschickter,
Immer beweglicher wird jegliches Gliedchen an ihr;
Endlich bringt sie das Züngelchen noch ins zierliche F …,
Spielt mit dem artigen Selbst, achtet die Männer nicht viel.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
Donnerstag, 15. Oktober 2015
Dienstag, der 15. Oktober 2013
[14 / 310]
»Ich habe geträumt, daß ich mir für siebenEurofünfundneunzig die CD In the Court of the Crimson King (1969) gekauft habe …
Cat’s foot iron clawDas Ambiente dieses Einkaufs war eine Großstadt mit mediterranem Flair, es war aber kein Sommer. Diese Traumumgebung verdankte sich bestimmt den kurzen Aufenthalten in den beiden Städten während der Rückreise vor ein paar Tagen, besonders der Besuch des ›El Corte Inglés‹ in der Hauptstadt der autonomen Region. Das Album von King Crimson ist ein Klassiker, vielgehört in meiner Jugend und auch danach noch ab und an …
Neuro-surgeons scream for more
At paranoia’s poison door.
Twenty first century schizoid man …
Said the straight man to the late man… ein Klassiker sicher, aber woher gerade diese Reminiszenz an die Vergangenheit? Warum nicht … etwa: The Dark Side of the Moon? – Von Albano schrieb Jean Paul im Titan, fällt mir dabei ein, daß der ›noch nicht ein Schuldner der Vergangenheit, sondern ein Gast der Gegenwart‹ sei.* Da muß ich wieder hinkommen.«
Where have you been
I’ve been here and I’ve been there
And I’ve been in between.
Dies also notierte Hans Köberlin, noch im Bett liegend, auf dem kleineren der beiden Laptops in sein Arbeitsjournal.
Es begann sich nun – am dritten Tage konnte man das bereits sagen – ein Muster im Tagesablauf des Hans Köberlin zu etablieren, das sich mit ein paar kleinen Abweichungen über die nächsten zwei Wochen der Herausgabe und Kommentierung des Telosfragments so halten würde, nämlich …
- erwachen,
- dauerlaufen mit schwimmen,
- frühstücken, duschen,
- Arbeit am Fragment und schließlich
- nochmals schwimmen und ein Besuch der ›Tango Bar‹.**
* Jean Paul, Titan; in: Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt.: Erzählende und theoretische Werke, Bd. 3, S. 269. – Aktuell nicht ganz passend, wohl aber zu Hans Köberlins Exil und zu dessen Auslöser passend fiel ihm ein Dialog aus einem kurzen Prosastück von Borges ein: Abel und Kain begegneten sich darin nach dem Todschlag, und Kain bat seinen Bruder um Vergebung, woraufhin jener fragte, ob er, Kain, ihn, Abel, getötet habe oder ob es umgekehrt gewesen sei, er erinnere sich nicht mehr. Darauf sprach Kain, jetzt wisse er, daß er, Abel, ihm vergeben habe, denn vergeben sei vergessen, was Abel, das Prosastück damit abschließend, bestätigte, um dann noch Kains Einsicht mit der Weisheit abzurunden, nur solange die Reue dauere, dauere die Schuld (vgl. Jorge Luis Borges, Legende; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 12: Schatten und Tiger, Frankfurt am Main 1993, S. 86).
** Eine vom Prinzip her ähnliche, aber in den, die nichtliterarischen Aspekte betreffenden Punkte arg divergierende Auflistung erstellte auch der Erzähler-Protagonist (?) in Flann O’Briens At Swim-Two-Birds, um anschließend als weiteres Beispiel den typischen Tagesablauf einer jungen Methodistin und den typischen Tagesablauf einer fiktiven gälischen Sagengestalt anzufügen, vgl. Flann O’Brien, In Schwimmen-zwei-Vögel, Zürich 1989, S. 209ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
Mittwoch, 14. Oktober 2015
Über den Umgang mit objets trouvés
(Robert Walser, Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Zürich und Frankfurt am Main 1985, Bd. 5: Der Speziergang, S. 51).
Montag, der 14. Oktober 2013
[13 / 311]
Um sein Dachterrassenfrühstück in größerer Ruhe zelebrieren zu können, nahm Hans Köberlin den kleineren seiner beiden Laptops und sein Exemplar des Lord Jim mit nach oben. Er machte das, wie gesagt, bewußt nur deswegen, um mehr Ruhe in seine Absichten zu bringen, nicht also mit einer konkreten Absicht, zu lesen und oder oder zu schreiben, sondern bloß um dann, wenn er es wollte, lesen und oder oder schreiben zu können und dadurch, mit diesem Bewußtsein der Möglichkeit, ruhiger auf der Dachterrasse sein Frühstück einnehmen zu können, also Kontemplation durch Potentialität, seltsam, das.
Auf dem aktuellen Filmkalenderblatt war anläßlich Udo Kiers Geburtstag am 14. Oktober 1944* Hanna Schygulla (»Die Schygulla!«, wie Gerhard Polt eindringlich zu sagen pflegte) in Fassbinders Lili Marleen (1981) zu sehen.**
* Die weiteren Geburtstage waren der von Lillian Gish im Jahre 1896 – Hans Köberlin kannte sie nur als resolute ältere Dame, nämlich als Rachel Cooper in Charles Laughtons The Night of the Hunter (1955) – und der im Jahre 1927 von Lord Brett Sinclair und James Bond No 2 (1973-1985), also der von Roger Moore.
** »Man kann es sich nicht immer aussuchen wie man leben will, wenn man überleben will.« So Willie oder Lili. – Wie weit in Richtung Affirmation kann man mit dieser Haltung gehen? Fassbinder zeigte seine Willie oder Lili als eine Frau, die sich angesichts des Führers, der sie hofierte, ihre Unschuld bewahrte, den Liebesverrat beging dagegen Robert, der an ihr zweifelte und eine Andere heiratete. Um das Ungleichgewicht ›NS-Star – Geliebte eines Juden‹ etwas zu mildern, ließ Fassbinder Lili Dokumente über Konzentrationslager aus Polen in die Schweiz schmuggeln. Er hätte auf diese Abmilderungen verzichten sollen und die Unschuld in der Hölle mit dem Verrat in den sicheren Gefilden ungemildert konfrontieren und kein Historienstück machen sollen, sondern eine Tragödie. Das Ganze geriet so ein wenig zum Kostümschinken (wie auch ein wenig Lola (1981); mit seinen beiden Filmen danach, Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982) und Querelle (1982) kam Fassbinder aus dieser Sackgasse – wobei er nie wirklich schlecht war; er konnte nicht wirklich und auch nicht bloß annähernd wirklich schlecht sein – wieder heraus), es war nicht eigentlich sein Weg, der da gegangen wurde, war unser Eindruck. Am Ende gab es einen Verweis auf den zuvor gedrehten Berlin Alexanderplatz (1980), der quasi der gelungene Endpunkt dieses Stils hätte sein müssen. Mit dem von der Gestapo inhaftierten Robert teilte man als Zuschauer während des Films die Folter, ständig das titelgebende Lied hören zu müssen. – Godard nahm übrigens die Szene, in der der Nazikulturbonze (Karl-Heinz von Hassel, der Darsteller eines späteren Tatortkommissars aus der Bankstadt, der in der Hansestadt das gleiche Café wie Hans Köberlin zu besuchen pflegte) mit Lili zu einer Audienz beim Führer die Treppe der Reichskanzlei hochstieg, in seine Histoire(s) du cinéma (1988-2000) auf. – Ein älteres Kalenderblatt aus Hans Köberlins Filmkalenderblattsammelkiste zu diesem Datum zeigte My Son, My Son, What Have Ye Done in dem wohl Udo Kier auch mitgespielt hatte, wie Hans Köberlin (zurecht) vermutete. Er kannte den Film nicht und hatte das Blatt wegen des Titels und eines eindrucksvoll blickenden jungen Mannes aufgehoben. Neugierig geworden schauten wir nach und sahen mit Erstaunen, daß es sich um einen Film von niemand anderem als Werner Herzog, dessen Schaffen wir doch verfolgen, aus dem Jahr 2009 handelte. Das Gesicht gehörte Michael Shannon, der in dem Film einen Sohn spielte, der den Kontakt mit der Realität verloren und seine Mutter niedergemetzelt hatte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
Dienstag, 13. Oktober 2015
»Zu bitten (…) wäre Wahnsinn«
(Jorge Luis Borges, Ein Gebet; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 12: Schatten und Tiger, Frankfurt am Main 1993, S. 87).
Sonntag, der 13. Oktober 2013
[12 / 312]
Niklas Luhmann hatte einmal als »die Magie der Dinge« bezeichnet, »daß sie sind, wie sie sind« – nun: für Hans Köberlin sollte nun eine Zeit beginnen, in der, zumindest in der Hinsicht des so-Seins, die Magie der Dinge gebrochen war.
»The owls are not what they seem.«*
Er erwachte am Sonntag, dem 13. Oktober 2013, nach seiner ersten Nacht allein im Exil, er erwachte desorientiert, durch die offene Luke der Glasfront des leeren Wintergartens** und durch das Gitter vor seinem offenen Schlafzimmerfenster in einen tiefblauen, von Wedeln einer Palme akzentuierten Himmel starrend und neben sich, wo sonst die Geliebte gelegen, ins Leere greifend – aber was hieß hier ›sonst‹?! Es waren bloß sechs Nächte gewesen!
* David Lynch, Twin Peaks (1990f.).
** »Ein erster Wintergarten – verglaster Raum mit Blumenparterres, Spalieren und Springbrunnen, zum Teil unterirdisch, an der Stelle wo 1864 im Garten des Palais-Royal (und auch jetzt noch?) das Bassin war. Angelegt 1788«, sollte Hans Köberlin später bei Benjamin lesen (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 92).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
Montag, 12. Oktober 2015
»One need not fear about the future of music.«
(John Cage, Experimental Music; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 8).
Samstag, der 12. Oktober 2013
[11 / 313]
Die Omnibusfahrt dauerte mehr als drei Stunden, da der Omnibus nicht über die Autobahn, sondern über die Nationalstraße an der Küste entlang fuhr und in jedem Ort mindestens einmal Station machte. Hans Köberlin konnte nicht eindösen und war zu unkonzentriert, um im Lord Jim weiterzulesen. So sammelte er Eindrücke von den Mitreisenden (schöne Frauen waren nicht dabei) und von der Landschaft und den Orten, deren Boden, so kam es ihm in den Sinn, er wohl nie betreten würde, eine Annahme, mit der er bei drei oder vier Orten falsch liegen sollte.
Nach dem gestrigen traurigen Abschied auf dem nach einem populären Autoren benannten Flughafen und nach der Ausnahmesituation, die die daran anschließende Reise und Übernachtung in der Hauptstadt der autonomen Region gewesen war, erreichte Hans Köberlin, nachdem er unterwegs noch ein Brot erstanden, eher desolat sein Domizil über jene Wege, die er mit der gestern verabschiedeten Frau zu gehen gepflegt.* Nun wurde es also ernst für unseren Protagonisten, oder zumindest: etwas ernster. Es war für Hans Köberlin quasi ein zweiter, diesmal ohne durch die geliebte Frau gebremster, Aufprall.
* Vgl. Hugh Hoppers Memories (1967; vor allem interpretiert von Material (One Down, 1982) mit der blutjungen Whitney Housten) …
We used to walk these streets together …und folgende Zeilen aus Borges’ Gedicht Trofeo …
y en gradual soledadHans Köberlin hatte zuerst verstanden, die Straße hätte Gesichter, was er sehr poetisch fand (ein Gesicht wäre noch besser), dann aber kam er darauf, daß Borges wohl die Gesichter der Bewohner der Straße gemeint hatte.
al volver por la calle cuyos rostros aún te conocen,
se oscureció mi dicha, pensando
que de tan noble acopio de memorias
perdurarían escasamente una o dos.
… und bei Peter Handke …
den Weg des, der anderen zu wiederholen, das hätte vorzeiten einmal zum ›Liebesdienst‹ gehört.(Der Große Fall, Berlin 2011, S. 257f.).
… und natürlich Walt Whitmans berühmtes Poem …
Once I pass’d through a populous city, imprinting my brain, for future use, with its shows, architecture, customs, and traditions;(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IV [Transfer complete], 10. bis 12. Oktober 2013).
Yet now, of all that city, I remember only a woman I casually met there, who detain’d me for love of me;
Day by day and night by night we were together,—All else has long been forgotten by me;
I remember, I say, only that woman who passionately clung to me;
Again we wander—we love—we separate again;
Again she holds me by the hand—I must not go!
I see her close beside me, with silent lips, sad and tremulous.
Sonntag, 11. Oktober 2015
»… richtig, das heißt realitätsgerecht«?
Erwartungen haben ihre wichtigste Eigenschaft darin, daß sie enttäuscht werden können. Sie markieren das Erwartete als kontingent; und wenn etwas in der Modalität des Notwendigen erwartet wird, so ist Notwendigkeit nichts anderes als Alternativenlosigkeit, als negierte Kontingenz. Es ist also nicht die Stabilität, sondern gerade die Labilität der Strukturen, die ihre Funktion im Persönlichkeitsaufbau und in der Genese von ich-Bewußtsein erklärt.
Erwartungen ermöglichen nämlich einen Doppeltest: Wenn sie erfüllt werden, kann dies kein Zufall sein, sondern indiziert den Realitätswert der Erwartung. Wäre die Erwartung ein rein internes Konstrukt, wären Erfüllung und Enttäuschung gleich wahrscheinlich. Man kann an der Bestätigung von Erwartungen also ablesen, daß man richtig, das heißt realitätsgerecht, erwartet hatte (ohne daß daraus folgen würde, daß die Erwartung ein »Bild« der Umwelt in das System transferiert). Aber auch die Enttäuschung von Erwartungen kann als Test benutzt werden. Wenn die Erwartung trotz Enttäuschung durchgehalten werden kann, beweist dies Ich-Stärke. Man bildet aus diesem Anlaß Sollwerte und Normen und bescheinigt sich selbst die Kraft, die projektierte Erwartung kontrafaktisch auch im Enttäuschungsfalle durchzuhalten.
(Niklas Luhmann, Sozialisation und Erziehung; in: Schriften zur Pädagogik, hrsg. und mit einem Vorwort von Dieter Lenzen, Frankfurt am Main 2004, S. 115).
Geduld – Hoffnung der Verdammten
(James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man).
Aber es käme immer noch eine Zahl dabei heraus, wenn auch eine ziemlich große. ›Ewigkeit‹ ist jedoch keine Bezeichnung für eine Quantität, sondern eine Bezeichnung für eine Qualität.
Freitag, der 11. Oktober 2013
[10 / 314]
Es war in der Tat das erste Mal in seinem Leben, daß er freiwillig (wenn auch nicht ohne Not) die Trennung von einer geliebten Frau inkaufgenommen hatte. Er blickte noch einmal zurück, seine Eurydike jedoch, wie er bei seinem Blick zurück sah, tat dies nicht, beziehungsweise: sie hatte es da getan als er es nicht getan, wie sie ihm später erzählte. Hans Blumenberg hatte völlig zurecht die »Wegtrennung« zu den »unversöhnlichen Grundformen des Daseins« gezählt.
Apropos Orpheus: an dem Tag dieses sehr traurigen Abschieds vor fünfzig Jahren, am 11. Oktober 1963 also (da war Hans Köberlin dreieinhalb Jahre alt gewesen), da war, wie Hans Köberlin nach seiner Heimkunft von dem Filmkalenderblatt, das Jean Marais in Orphée (1950) zeigte, erfuhr, der große Jean Cocteau verstorben. Auf dem Filmkalenderblatt war statt des Kreuzes irrtümlich (von Hans Köberlin dann mit Bleistift korrigiert, bevor er es in seine Filmkalenderblattsammelkiste legte) ein Asterisk vermerkt.* Hans Köberlin erinnerte sich an Godards heikles – da die beiden Freunde sich ja vertodfeindet – Vorwort zu der Ausgabe mit Truffauts Briefen, wie der ein Bild von der Premiere von Les 400 Coups (1959) bei den Filmfestspielen in Cannes beschworen, drei Generationen nebeneinander: Jean-Pierre Leaud, Truffauts alter ego als heranwachsender Antoine Doinel, François Truffaut selber und dessen Mentor Jean Cocteau … Und enden ließ Godard sein Vorwort in der Manier von Borges, indem er schrieb …
»François est peut-être mort. Je suis peut-être vivant. Il n’y a pas de différence, n’est-ce pas.«
Hans Köberlin fiel plötzlich ohne besonderen Grund ein, daß er sich vorgenommen hatte, eine Bibliographie der mitgenommenen Bücher anzulegen.
* Geboren wurde an diesem Tag im Jahre 1929 Liselotte Pulver, von deren Filmen Hans Köberlin bloß Piroschka (1955), die Adaptionen von Manns Felix Krull (1957) und – an der Seite des späteren Kommissar Haferkamp, Hansjörg Felmy – der Buddenbrooks (1959), wegen Wolfgang Neuss Das Wirtshaus im Spessart (1958) und natürlich – das einzige Meisterwerk in dieser Aufzählung – Billy Wilders One, Two, Three (1961) erinnerte.
** François Truffaut, Briefe 1945-1984, zusammengestellt von Gilles Jacob und Claude de Givray, Köln 1990, S. 7f. Bei Godards »peut-être«, das sich auf Truffauts Tod bezog, handelte es sich, wie ein Faksimile dieser Zeilen im Buch zeigte, um eine Einfügung … wir würden gerne wissen, wann Godard sie gemacht hatte …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IV [Transfer complete], 10. bis 12. Oktober 2013).
Samstag, 10. Oktober 2015
Donnerstag, der 10. Oktober 2013
[9 / 315]
Man fuhr also am Donnerstag (›jueves‹ im hiesigen Idiom), dem 10. Oktober 2013, am Morgen relativ früh mit dem Auto der Frau los, wobei anscheinend das Navigationsgerät nicht (wie auch Hans Köberlin nicht) wollte, daß sie den Ort verließ, denn es schickte sie in dem Labyrinth der Urbanizaciónes auf völlig abstrusen Routen im Kreis herum, bis sie es, das Navigationsgerät, kurzentschlossen verstummen ließ und durch Intuition den richtigen (falschen, da von hier weg) Weg auf die Nationalstraße und dann auf die Autobahn fand (es sollte Hans Köberlin erst am Samstag, dem 12. April 2014, auf der Heimfahrt von dem Besuch benachbarter Orte die angemessene Route zur Nationalstraße Richtung Norden evident werden).
* Hans Köberlin hatte in der Regel bloß diejenigen Kalenderblätter seines Filmkalenders aufgehoben, die sich entweder auf Filme bezogen, zu denen er einen Bezug hatte, oder aber die Stills mit nackten Frauen präsentierten (bei Godard zum Beispiel, am 3. Dezember 2013, seinem, Godards, Geburtstag, bei Sauve qui peut (la vie) (1980), da trafen beide Kriterien zu: man sah Anna Baldaccini, wie sie Isabelle Huppert, die ihre Schwester spielte, ihre herrlichen Brüste zeigte, weil sie wie die auch auf den Strich gehen wollte, weil sie mit ihren Freunden mit einem Segelschiff abhauen wollte und das Geld für die Segel noch fehlte und weil der Versuch eines Raubüberfalls gescheitert war), denn, wie es Georg Seeßlen im Kontext von Riso amaro (Giuseppe de Santis, 1949; Seeßlen zitierte Dieter Krusche: »in der Umgangssprache der Bundesrepublik galt ›Bitterer Reis‹ geraume Weile als Synonym für überproportioniertem Busen.«) artikuliert hatte: »Die Botschaft der erotischen Aura überlagert allemal den sozialen Diskurs. Die erotische Vitalität der Protagonisten, in einfache Symbole übersetzt, trifft uns mehr als ihre Abhängigkeit von Machtzusammenhängen, und die schöne Frau läßt sich schwerlich als Ausdruck ökonomischer Unterdrückung begreifen. Läßt sich der Zusammenhang zwischen Sexualität und Gesellschaft schon schwer denken, so läßt er sich kaum zeigen.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 77; er betrachtete dies als ein »Problem«, wir tun das nicht). Wir könnten natürlich zu jedem Film etwas sagen – »Auf die Frage, was ein erotischer Film sei, läßt sich nur antworten, daß jeder Film ein erotischer Film ist. Denn jede menschliche Beziehung, jedes Bild, jedes Zeichen ist letztlich erotisch motiviert.« (ebd. auf der Rückseite des Einbands) –, wir also könnten zu jedem Film etwas sagen und hätten jedes Kalenderblatt aufgehoben, beschränken uns hier aber auf die Auswahl Hans Köberlins, und bei der gab es zu dem Tag (obwohl es der Geburtstag von Helmut Qualtinger, Jahrgang 1928, war) – wie bereits zu dem Montag, dem 7. Oktober 2013 – nichts … bis auf: natürlich das Blatt aus dem Zitatenkalender aus dem Jahr 2014, der am Freitag, dem 10. Oktober 2014, die Erfolgserklärung eines Verlegers zitierte: »Er hat sich so gut verkauft, weil so viele dafür bezahlt haben.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IV [Transfer complete], 10. bis 12. Oktober 2013).
Freitag, 9. Oktober 2015
Mittwoch, der 9. Oktober 2013
[8 / 316]
Später ging man schwimmen und entdeckte die ›Tango Bar‹, die sich mit der Zeit – wir werden darüber berichten – zu einer wichtigen Institution im exilischen Leben des Hans Köberlin hier entwickeln sollte, noch institutioneller als das »chez Magny« der Gebrüder Goncourt,* und der emblematische Blick würde der Blick von der Bar hinter das Promenadenmäuerchen auf die Playa La Fossa-Levante und dahinter das Meer werden, mit einer Sitzbank und einer Laterne auf der Promenade als strukturierenden Akzenten. Und wenn man nach rechts schaute, dann sah man den Peñón de Ifach hinter im Wind sich zerzauselnden Palmen … Wild Palms … und Hans Köberlin mußte an Faulkner denken und mit einem leichten Schmerz im Gemüth an die traurigen Umstände seiner Faulknerlektüre.** Man bestellte una cerveza con limón (die Frau) und una cerveza (Hans Köberlin), wozu es ein Schälchen mit Nüßchen und grünen Oliven gab, küßte sich, scherzte, vergaß die Zeit und den Tag (den letzten) und sah dem Treiben am Strand und auf der Promenade zu.
* Samedi 22 novembre [1862]. – Gavarni a organisé avec Sainte-Beuve un dîner qui doit avoir lieu deux fois par mois. C’est aujourd’hui l’inauguration de cette réunion et le premier dîner chez Magny, où Sainte-Beuve a ses habitudes. Nous ne sommes aujourd’hui que Gavarni, Sainte-Beuve, Veyne, de Chennevières et nous, mais le dîner doit s’élargir et compter d’autres convives.« (aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt).
** Und es sollte Hans Köberlin eine seltsame Stimmung überkommen, als er am Montag, dem 29. Juni 2015, seine Gesamttaschenbuchausgabe der Werke Faulkners in seiner Restbibliothek neu – exponierter – plazierte, wie er all diese Titel wieder las, als er die zuvor bloß so hineingestellten Bände der Ausgabe in ihre Ordnung brachte, und sich an all diese modernen Tragödien und an die Situationen ihrer Rezeption erinnerte … Und er hoffte, daß er zumindest den einen oder anderen Band nochmals lesen können würde.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Donnerstag, 8. Oktober 2015
Die Sünden eines literarischen Jesuitenschülers
(James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man).
Dienstag, der 8. Oktober 2013
[7 / 317]
Es hatte ein wenig geregnet, aber alle Wolken lösten sich im Verlauf der Tour auf.* Um zum Fuß des Berges zu kommen, mußte man über die auf der gegenüberliegenden Seite in einer Kurve liegende Abzweigung von der Nationalstraße hinausfahren, um dann hinter der Kurve auf einem Parkplatz, auf dem zwei Mädel, die sich einen Klappstuhl teilen mußten, anschafften, zu wenden. Als man am Fuß des Morro de Toix ankam, sah man richtige Bergersteiger (wie ja auch die Frau eine war, eine richtige Bergersteigerin) in der Wand hängen. Die Frau äußerte den Wunsch, einmal bei solch einer Kletteraktion von Hans Köberlin gesichert zu werden. Unterzog derart eine passionierte Bergersteigerin ihr Vertrauen in den Geliebten einer Probe? Hans Köberlin, den Ungeschick,** schauderte es bei der Vorstellung, das Leben der Frau in seinen Händen zu halten. Aber er sollte sich in der Hinsicht noch über sich selber wundern …
Es ging dann über ein in der Beschreibung der Route nicht erwähntes Geröllfeld ziemlich lange und ziemlich kompliziert und ziemlich steil nach oben. Hans Köberlin maulte nicht, blieb bloß einmal mit dem Fuß derart in einer Felsspalte stecken, daß er zuerst den Fuß aus dem Schuh und dann mit Mühe den leeren Schuh befreien mußte. Dabei fiel ihm die sogenannte ›wahre‹ (und als solche auch verfilmte) Geschichte, von der er erstmals durch eines der letzten Bücher Sloterdijks Kenntnis erhalten (als Beispiel für Willensstärke oder Selbstüberwindung, wie Hans Köberlin sich zu erinnern glaubte), von jenem Mann ein, der einsam im Gebirge sich einen Arm nicht mehr befreibar eingeklemmt und schließlich, nach Tagen völlig entkräftet und dehydriert, sich den Arm selber gebrochen und mit der Säge seines Taschenmessers selber amputiert hatte. Naja …: was geht er auch ohne Frau ins Gebirge?! Die Frau hätte ihm schon rausgeholfen …
* »Unversehens war der Himmel blau geworden. Es war nicht bloß blau, sondern blaute, und blaute. Es war das ein Blauen von einer Zartheit, daß man sich in die Sicherheit gewiegt fühlte, diese Zartheit wür-de nie vergehen.« (Peter Handke, Der große Fall, Berlin 2011, S. 55).
** »Ungeschickt läßt grüßen«, vgl. Walter Benjamin, Berliner Kindheit um 1900; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 4, S. 303 und vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 393ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Mittwoch, 7. Oktober 2015
Montag, der 7. Oktober 2013
[6 / 318]
Hans Köberlin hatte das Vorgefundene (unter anderem gehäkelte und geklöppelte Deckchen und Stehlämpchen überall, einen Wandteppich, zwei an der Wand aufgehängte Teller und ein aus dunklem Holz gefertigtes Basrelief) der vorigen Bewohnergenerationen, nachdem er sorgfältig die Position der Artefakte mit seinem Taschentelephon zwecks späterer Rekonstruktion des status quo ante Hans Köberlin dokumentiert, in die Kartons gepackt, in denen er die Bände seiner Basisbibliothek überführt hatte, und diese Kartons in ein von ihm ungenutztes Zimmer in der hinteren Wohnung gestellt. Er hatte die Bilder, die er in der provisorischen Wohnung vor dem Exil an die Wand gepinnt hatte (Karten und Zeitungsausschnitte, unter anderem die berühmte Duschszene aus Hitchcocks Psycho (1960)* und eine Photographie der frühen Soft Machine (noch mit Daevid Allen), die sich anläßlich der Meldung vom Tode Kevin Ayers’ in einer überregionalen Tageszeitung befunden hatte), hier nicht an die Wand gepinnt, er hing einen Monatskalender mit Abbildungen von Kunstwerken eines guten Freundes und seinen Filmabreißkalender, den morgens zu aktualisieren Hans Köberlin ein liebgewonnenes Ritual war,** auf.
In seinem künftigen Lese- und Schreibzimmer belassen hatte er zwei Seestücke, ein friedliches und ein kriegerisches. Auf dem kriegerischen Seestück, das, wenn er an seinem Lese- und Schreibtisch (striptease table …) saß und aus dem vergitterten Fenster schaute, an der Wand rechts hinter ihm hing, glaubte Hans Köberlin, die ›HMS Victory‹ zu erkennen, Nelsons Flaggschiff bei Trafalgar, als er Napoleons Flotte besiegte,*** und Hans Köberlin mußte an eine begeisterte Lektüre seiner Jugendzeit denken, nämlich an die Horatio Hornblower Novels von C. S. Forester.**** Er hatte bloß noch wenige Erinnerungen, daran, etwa daß Hornblower zu Beginn seiner Karriere einer Bestrafung beiwohnen mußte und seit dem eine Abscheu vor der neunschwänzigen Katze hatte, dann vage an Hornblowers Frau oder Geliebte, irgendeine Lady Soundso, und daran, daß er sich jeden Morgen mit kaltem Meerwasser abspritzen ließ.
* Das war das Jahr, in dem er geboren worden war, und Hans Köberlin hatte die Vorstellung, das vielleicht Janet Leigh genau in dem Moment, als er das Licht der Welt erblickt, ein paar tausend Kilometer westwärts auf dem Set so gegen …: neun Stunden früher …: also so gegen 7 p.m. unter der Dusche geschrien hatte …
** In Wittgensteins Notizbüchern hatte Hans Köberlin einmal – leider ohne sich die genaue Quelle zu merken – die Vermutung gelesen, der Mensch sei »ein rituelles Tier«.
*** Als »onehandled adulterer« hatte Stephen Dedalus den Seehelden bezeichnet (siehe James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 131). Während ihres abschließenden Besuchs am Dienstag, dem 29. Juli 2014, sollte die Frau zu Hans Köberlin sagen: »Es ist übrigens die Schlacht bei Trafalgar, hier wird das Bild beschrieben.« Und sie reichte Hans Köberlin den Kriminalroman, den sie gerade las und Hans Köberlin las: »Hellmer musterte die Inneneinrichtung, die zwar nicht seinem Stil entsprach, aber angenehm überraschte. Wenig Prunk, eher ein dezentes Ambiente mit ausgewählten Kunstgegenständen. Nicht überheblich, doch alles andere als schlicht. Protzig wirkte nur das riesige Ölgemälde einer Seeschlacht, dessen kühle Grau- und Blautöne nicht zu den warmen Holzfarben paßten. Drei Segelschiffe waren zu sehen, eines davon mit gebrochenen Masten, im Hintergrund verbargen Rauchschwaden ein weiteres. ›Die Schlacht von Trafalgar‹, kommentierte Cramer, der Hellmers prüfenden Blick bemerkt hatte, und hielt kurz inne. ›Eine Ölreplik?‹, erkundigte sich Hellmer, denn er hatte auf den ersten Blick einen Kunstdruck vermutet, doch dann die unebene Oberflächenstruktur erkannt. ›Eine sehr alte, ja‹, nickte Cramer. ›Unbekannter Künstler, schätzungsweise um 1955, also dem hundertfünfzigsten Jahrestag der Schlacht. Kennen Sie sich aus?‹ ›Ein wenig‹, murmelte Hellmer und sinnierte krampfhaft, wie der originale Künstler des weltbekannten Motivs hieß. ›Crepin, Das Original hängt im Louvre‹, erklärte Cramer, der scheinbar Gedanken lesen konnte oder Hellmers suchenden Blick nach einer Signatur registriert hatte. ›Bevor Sie es sagen: Der kühle Grünstich ist ein echtes Manko. Aber er macht das Bild zu einem Unikat. Es zeigt die letzte große, dramatische Seeschlacht des Segelzeitalters, und entsprechend verehrt wird Lord Nelson auch von den Briten.‹ ›Dabei hat es ihn gleich zu Beginn tödlich erwischt, wenn ich mich recht entsinne‹, murmelte Hellmer mit zusammengekniffenen Augen. ›Aber wir sind nicht hergekommen, um über Kunst oder Geschichte zu sprechen‹, fuhr er sogleich fort.« (Andreas Franz / Daniel Holbe, Teufelsbande. Ein neuer Fall für Julia Durant, München 2013, S. 398f.). Hans Köberlin erkannte gleich das Lexikonwissen, das in dem Genre gerne als Hintergrundkolorit verwendet wurde (beim Namen des Malers hatte man den accent aigu vergessen), und schaute sich das Bild, mit dem er seit nun fast 300 Tagen gelebt, nochmals genauer an. Nein, es war nicht das in dem Kriminalroman beschriebene, sondern eine andere Version, Hans Köberlin konnte trotz intensiver Recherche nichts über das Original und seinen Maler ermitteln, außer daß es irgendwo in einem Schwimmbad in Ostwestfalen eine gekachelte Reproduktion davon gab.
**** Motive daraus wurden 1951 mit Gregory Peck in der Titelrolle unter der Regie von Raoul Walsh verfilmt, die eben erwähnte Diane Cilento hatte in dem Film übrigens – unerwähnt – eine Sprechrolle. (aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Dienstag, 6. Oktober 2015
Sonntag, der 6. Oktober 2013
[5 / 319]
Heute also sollte der Peñón de Ifach, dessen Gipfel 332 Meter über dem Meeresspiegel lag, was wegen seines monolithischen Herausragens aus dem Meer besonders anschaulich war, erstiegen werden. Dazu muß gesagt werden, daß Hans Köberlin unter Akrophobie litt, doch wie ein Esel hinter der ihm vorgehaltenen Möhre, so stieg er – die Schlußverse aus Faust. Der Tragödie zweiter Teil zitierend* – tapfer hinter der Frau, einer Venus Kallipyge – leidenschaftliche Bergersteigerin in der xten Generation – bergan.
Diese Bergwanderung und auch die künftigen Aktionen dieser Art nun stellen uns vor einige Probleme, denn in dem Berichten von Naturerscheinungen und Naturerlebnissen sind wir ganz, ganz schlecht. Zum Beispiel hatte, wie bereits gesagt, der Hans Köberlin nicht bekannte Autor Gabriel Miró, nach dem die Hauptstraße des Ortes hier benannt worden war, den Peñón de Ifach als eine Verkörperung von Größe, stiller Herrschaft und unerreichter Majestät bezeichnet. Man konnte in der Tat diesen Eindruck haben, wobei das letzte vielleicht etwas übertrieben war, aber diese Bezeichnung war weder poetisch noch vermittelte sie jenen, die nicht vor dem Kalksteinfelsen standen, einen adäquaten Eindruck. Man könnte damit auch sonst einen Berg oder einen Gipfel oder sogar einen Dom beschreiben … Dann schon eher Georg Simmels Definition der Alpen: »eine absolute Höhe, ohne die dazu gehörige Tiefe«,** obwohl die hier zu Hans Köberlins Schrecken omnipräsent war. Auf den Punkt gebracht hatte unser Problem mit der Natur der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares in seinem Livro do Desassossego, indem er schrieb, er glaube nicht an Landschaften, und an anderer Stelle, an der er schrieb, er liebe einen bestimmten Fluß, weil eine große Stadt an seinem Ufer liege, und die Zivilisation erziehe uns für die Natur. Man gebe uns etwas anderes, einen anderen Gegenstand … zum Beispiel …: einen Geschlechtsakt zum Beispiel, davon zu berichten – und zwar lege artis zu berichten! – würden wir uns zutrauen, angefangen mit den ersten Küssen und dem Ausziehen und den Vorspielen, verbal und manuell und oral et cetera, über das langsame Eindringen, die diversen Rhythmen und Phasen der Vereinigung, die Stellungswechsel und die Wechsel der Körperöffnungen bis hin zu den letzten Zuckungen der finalen Orgasmen und den Nachspielen und dem anschließend eng verschlungenen Ruhen … minutiös würden wir davon berichten, achwas, minutiös: sekundiös … – Aber Natur pur …?!***
* Man erinnere sich, wie die Rolling Stones 1981, als Hans Köberlin mit 21 das elterliche Haus verlassen, auf Tattoo You in dem Song Tops diese goetheschen Verse interpretiert hatten …
’Cause I’ll take you to the top, babyDie Goncourts diskutierten am 3. Mai 1857 mit Madame de C***, der Mätresse von Asseline, erstens, ob die Frauen die Männer leiten – die Mätresse focht nach Aussage der Brüder quasi pro domo sua gegen ihre Meinung, die »Oui« gelautet, an, habe aber dann einen Rückzieher gemacht –, und zweitens, ob es für einen Mann ein Glück sei, von einer Frau geleitet zu werden, dem sie, die Brüder in etwa beigepflichtet hätten (vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 1, S. 456f.).
Hey baby, I’ll take you to the top
I’ll take you to the top, baby
I’ll take you to the top.
** Georg Simmel, Die Alpen; in: Philosophische Kultur, Leipzig 2. Aufl. 1919; S. 140. Als wir nach diesem Zitat suchten, stießen wir auf einen anderen Essay Simmels, nämlich auf Gestalter und Schöpfer (in: Der Tag, Nr. 74, Berlin 10. Februar 1916, Ausgabe A, Morgenausgabe, Illustrierter Teil, Nr. 34). Und diese Differenzierung in Gestalter und Schöpfer entsprach weitestgehend jener Differenzierung von Claude Lévy-Strauss in Ingenieure und Bricolateure, die bekanntlich eine unserer Leitdifferenzierungen ist. Hatte Lévy-Strauss Simmel rezipiert? Oder war es eine unabhängig getroffene Annahme. Und sollte es deren noch weitere geben? Hugos Barrikaden in Les miserables, Christus, der nach dem Glaubensbekenntnis von Nikäa gezeugt und nicht geschaffen wurde … Simmel jedenfalls nahm beide nicht wie Lévy-Strauss als Typen, sondern als Endpunkte einer Reihe, deren Wechselwirkung er zu beschreiben trachtete: »Diese eigentümliche Kombination macht den Menschen zum historischen Wesen. Das Tier wiederholt schlechthin, was seine Gattung von je und je getan hat; gerade deshalb fängt jedes Individuum von vorn an, da, wo auch dessen Vorfahren angefangen haben. Der Mensch, gerade weil er nicht nur wiederholt, sondern Neues schafft, kann nicht jedes Mal von neuem anfangen, sondern braucht ein gegebenes Material, gegebene Antezedenzien, auf Grund derer sich seine Leistung als Neuformung vollzieht. Wir würden nicht historische Wesen sein, wenn wir absolut schöpferisch wären, unser Wirken schlechthin Neues schüfe – damit wären wir sozusagen überhistorisch – noch wenn wir ohne Schöpfertum uns absolut an das Gegebene und etwa seine nur mechanische Umstellung, seine Umformung im engsten Sinne hielten. Historisch aber nennen wir eine Existenz, die zwar Neues und erst ihr Eigenes schafft, aber auf Grund und als Fortbildung, Formgebung eines schon Vorhandenen und Überlieferten – die organische Synthese von Schöpfertum und Gestaltertum, die wir leben.« (ebd.).
*** Vgl. aber in seiner unnachahmlichen Art und mit surrealen Metaphern Walter Benjamin (auch in Bezug auf den ›striptease table‹): »Im Fetischismus legt der Sexus die Schranken zwischen organischer und anorganischer Welt nieder. Kleidung und Schmuck stehen mit ihm im Bunde. Er ist im Toten wie im Fleisch zuhause. Auch weist das letztere selber ihm den Weg, im ersten sich einzurichten. Die Haare sind ein Konfinium, welches zwischen den beiden Reichen des Sexus gelegen ist. Ein anderes erschließt sich ihm im Taumel der Leidenschaft: die Landschaften des Leibs. Sie sind schon nicht mehr belebt, doch immer noch dem Auge zugänglich, das freilich je weiter desto mehr dem Tastsinn oder dem Geruch die Führung durch diese Todesreiche überläßt. Im Traum aber schwellen dann nicht selten Brüste, die wie die Erde ganz mit Wald und Felsen bekleidet sind und die Blicke haben ihr Leben in den Grund von Wasserspiegeln versenkt, die in Tälern schlummern. Diese Landschaften durchziehen Wege, die den Sexus in die Welt des Anorganischen geleiten.« (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 118). Luhmann spricht von »Neubeschreibung der Natur als Reflex individueller, zum Beispiel ästhetisch geschulter und durch Liebe erregter Beobachtungsweise« (Niklas Luhmann, Literatur als Kommunikation; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 383). Auch Georg Seeßlen kommt zu ähnlichen Einsicht wie Hans Köberlin und wie Benjamin: »Die Erscheinung des Sexgöttinnen schafft um sich herum ein allgemeines Klima der Erotisierung, das (…) den Unterschied (…) zwischen Menschen und der Dingwelt verwischt. Der Luxus der Sexstars war Belebung und Erotisierung des Gegenständlichen.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 21). Und die Goncourts notierten im Mai 1859 in ihrem Journal, die Natur oder vielmehr die Landschaft sei stets das gewesen, was die Menschheit aus ihr gemacht habe, und sie zitierten am Donnerstag, dem 16. Februar 1860, ihren Freund Saint-Victor, der ausgerufen habe, die Natur sei eine Schlampe, die im Überfluß Planeten und Filzläuse hervorbringe (vgl. Journal, a. a. O., Bd. 2, S. 382). Flaubert machte sie am Sonntag, dem 29. Januar 1860 auf »l’horreur de la nature« des Marquis de Sade aufmerksam: »Remarquez-vous qu’il n’y a pas un animal, pas un arbre dans de Sade?« (vgl. ebd., S. 366). Und im Ulysses, in Mr Blooms Bewußtseinsstrom, da hieß es knapp: »Nature. Washing child, washing corpse.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 337). In diesen Themenkomplex gehört natürlich auch Lichtenbergs bereits zitierter Aphorismus: »Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen.«, und auch in Arno Schmidts Sitara (und nicht nur dort) trifft man auf sexualisierte Landschaften.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Montag, 5. Oktober 2015
…
no traces?
(John Cage, 45’ – Music for a Speaker; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 159).
Ein Wunsch
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.243).
… nicht technischer Natur.
(Burkhard Müller, Dein gemartertes Antlitz. Pilgerfahrt zum heiligen Grabtuch in Turin; in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, hrsg. v. Christian Demand, Heft 797, 69. Jahrgang, Stuttgart Oktober 2015, S. 11).
Samstag, der 5. Oktober 2013
[4 / 320]
Fußwege waren wichtige Elemente im Leben des – wie erwähnt automobillosen weil fahrerlaubnislosen – Fußgängers Hans Köberlin.* Er mochte es, wenn er unter diversen Wegvarianten die Auswahl hatte, um von nach da nach dort zu kommen, und er mochte es, wenn seine Wege Rundwege und nicht Hin- und Rückwege waren. Das Thema ›Wege‹ war ihm, wir erwähnten es, glaube ich, auch eng mit dem Thema ›Gewohnheiten‹ verknüpft. Eine Gewohnheit nahm ihren Anfang, wenn man dreimal den gleichen Gang machte, beim zweiten Mal war es erst eine Wiederholung. Es gab viele Gewohnheitsgänge in Hans Köberlins Exil, wie die geneigten Leserinnen und Leser noch feststellen werden, es gab aber auch einige bewußt wiederholte Gänge, denn wie schon Mr Bloom wußte: »Beauty of music you must hear twice.«, bewußt wiederholt, das hieß: nur zweimal gemachte Gänge, weil sie zu aufwendig waren, um zur Gewohnheit zu werden. Hans Köberlin machte diese Gänge bewußt zum zweiten Mal, auch wenn er sie eigentlich nicht nochmals gegangen wäre; der erste Gang war die Erkundung, und der zweite Gang war der der Reflektion über das bereits Erkundete. Die bewußte Wiederholung des Neuen empfahl sich eigentlich für alles, was genossen werden wollte, nicht nur für Gänge und die Schönheit der Musik.
»Ja, wenn es keine Wiederholung gäbe, was wäre dann das Leben?«**
Hans Köberlin ging zweimal …
- durch das Labyrinth der Urbanización, in der er lebte, und er ging zweimal
- einen bestimmten Gang durch das Hinterland und er ging zweimal
- auf den Peñón de Ifach und er ging zweimal
- um die Sierra de Oltà.
Es waren – und da unterschied er sich grundsätzlich von der Frau, ja von allen Frauen, mit denen er in seinem bisherigen Dasein Wege beschritten – nicht die spektakulären Wege, die sich ihm einprägten, und es waren bei den Wanderungen nicht die – in der Tat spektakulären*** – Aussichten, sondern es war das Gehen durch die nur teilweise permanent bewohnten und ergo in diversen Modi der Verlassenheit vorgefundenen Siedlungen und die mit Bauschutt und Müll versehenen Brachflächen, vorbei an den grob zusammengezimmerten Schuppen der Einheimischen zum Beispiel, oder – wie in ein paar Monaten – das Gehen an den Ruinen der Sanitäranlagen und der Bar eines stillgelegten Campingplatzes vorbei; und es waren von den Tagen nicht die Tage der Wanderungen, sondern die der Spaziergänge durch nichtssagende Straßen und Gassen, die Hans Köberlin als exponierte, die Dauer seines Aufenthalts hier mitstrukturierende Erinnerungen im Gedächtnis behielt. Denn er wollte: »Erinnerung, zusammengesetzt zu etwas Komplexerem als es das sein konnte, was er mit seinen Augen sehen konnte«, wie Heißenbüttel in seiner bereits zitierten Collage zitierte, »Erinnerung jedoch unauflösbar vermischt mit Erwartung. Denn wenn sich hier das Panorama der Einfahrt schlechthin öffnete« – Heißenbüttel meinte die seinem Protagonisten (und auch Hans Köberlin) vertraute Einfahrt in einem Zug in die Hansestadt –, »so bedeutete es, daß sich nicht unterscheiden ließ zwischen Erinnerung und Erwartung. Ankommen. Schichten aus Ankommen, überlagert von neuem Ankommen.« Und weiter: »In der Mischung aus Erinnerung und Erwartung wurde bestätigt, daß das Definitive noch einmal widerrufbar war. Widerrufbar in der Erreichbarkeit unendlich gerichteter Erwartung.«**** Man könnte auch sagen, sagte sich Hans Köberlin, als er das bei Heißenbüttel las und an sein Gehen und das Erinnern an die Gänge und an seine bewußte Anlage der Gänge dachte, daß dies der Modus war, in der die Melancholiker auf die Welt zugriffen beziehungsweise zugingen –: man sprach ja zurecht von ›Weltzugang‹. »The only thing«, wußte auch Mr Bloom, »is to walk then you’ll feel a different man.« Oder aber, wie wir verlesen hatten: die Manipulation des Raums in eine Tatsache …
Das Denken im Modus des Gehens – Godard hatte einmal schön formuliert, den Gang durch das Gehen zu beweisen***** – war besonders fruchtbar, und Hans Köberlin pflegte stets den kleineren seiner beiden Laptops (den mit der klemmenden I-Taste) oder zumindest Notizbuch und Kugelschreiber mit sich zu führen. Unmittelbar nach der Lysakatastrophe hatte das Denken im Modus des Gehens jedoch auch eine fatale Zirkularität bekommen, und er hatte seine sonst so geliebten ziellosen Gänge reduziert oder zuvor eine halbe Flasche Rotwein getrunken, um seine Verzweiflung in eine Melancholie abzumildern, denn, wie Thomas Pynchon in seiner unnachahmlichen Art artikuliert hatte …
»The past, hey no shit, it’s an open invitation to wine abuse.«******
Im Zuge seiner Regeneration – oder dem, was jetzt anstelle des aufgeschobenen oder ›als-ob‹-Untergangs mit ihm passierte – besserte sich aber auch dies, und nun freute er sich schon auf das ziellose Erkunden der Gegend, »die Frivolität des unbeschränkten und nicht zufällig so genannten Sich-gehen-lassens«, wie Hans Blumenberg einmal geschrieben hatte.
* »Es sind Situationen und keine Indizien (…), die Identifikation zum möglichen und narzißtischen Glück machen.« – Dies hatte Hans Köberlin am Freitag, dem 16. Februar 2007, als ein Zitat von dem mittlerweile auch schon verstorbenen Friedrich Kittler in seinem Arbeitsjournal exzerpiert, leider ohne die Quelle anzugeben, wir vermuten aber, daß es Aufschreibsysteme 1800 / 1900 war.
** Sören Kierkegaard, Die Wiederholung / Die Krise und eine Krise im Leben einer Schauspielerin, Reinbek 1961, S. 8.
*** Wir reden jetzt nicht über seine Wanderungen überhaupt, sondern bloß über die der letzten Monate und die kommenden im Mediterranen, also die drei auf der Insel des zweiten Gesichts vor ein paar Wochen mit der Frau und die jetzt hier an der weißen Küste. – Während der noch glücklichen Lysazeit hatte er begonnen, mit seinem späteren Landlord und dessen Frau in Etappen zu Fuß die Hauptstadt zu umrunden. Das Spektakuläre dort im Osten – die Hauptstadt war die einzige Stadt in der Welt, aus der man in allen vier Himmelsrichtungen in eine östliche Peripherie kam – war das Unspektakuläre.
**** Helmut Heißenbüttel, Projekt Nr. 1: D’Alemberts Ende, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1981, S. 15f. »Ich machte damit etwas, bloß dadurch, daß ich in der Gegend Tag und Nacht anwesend war. Ich suchte da Umwege noch und noch, betrachtete, unterschied, verglich …« (Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 180).
***** Vgl. Jean-Luc Godard, Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos, Frankfurt am Main 1984, S. 110. Wahrscheinlich dachte Godard dabei an Diogenes, der bekanntlich die Eleaten, die die Bewegung leugneten, einfach dadurch zu widerlegen versuchte, daß er wortlos auf und ab ging.
****** Thomas Pynchon, Bleeding Edge, New York 2013, S. 20. – »Als der Ober bei meinem Fortgehen bemerkte, daß ich die Weinflasche nur halb geleert hatte, drehte er sich nach mir um und sagte: ›Bis bald, Herr Soares, und gute Besserung!‹« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich, 2003, S. 32).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Sonntag, 4. Oktober 2015
Freitag, der 4. Oktober 2013
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Und als sie ankamen hörte das Gewitter auf und die Sonne brach durch die Wolken und Regen und Sonne spannten einen Bogen und Hans Köberlin deutete den Regenbogen als ein gutes Omen.*
(…)
Die wirklich guten Dinge, so Hans Köberlin, die widerfuhren einem, das war im Leben so wie beim Schreiben, man konnte sie für gewöhnlich nicht erzwingen; man konnte ihnen allerdings, zumindest beim Schreiben, günstige Konditionen für potentielle Widerfährnisse einräumen, etwa durch die simultane Lektüre diverser divergierender Bücher, mehr oder weniger aus einer Laune heraus ausgewählter Bücher oder zufällig ausgewählter Bücher oder nach einer unverhofften Begegnung über einen gekommene Bücher. Hans Köberlin sollte sich in den kommenden Monaten manchmal über sein Lektüreverhalten wundern, und zwar wundern angesichts der Tatsache, daß seine Lektürezeit (= Lebenszeit) mehr (›als-ob‹) oder weniger (geboren 1960) terminiert war. Er hatte von sich erwartet, er würde angesichts dieser Terminierung selektiver vorgehen. Aber er blieb sich treu …
En fuga irrevocable huye la hora;
Pero aquella el mejor cálculo cuenta,
Que en lección y estudio nos mejora.**
* »… cuando und arco bendijo con los colores del perdón la tarde«, hatte Borges gedichtet (Barrio reconquistado; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 1: Mond gegenüber, Frankfurt am Main 1993, S. 32). Dabei mußte Hans Köberlin an Thomas Müntzer denken, der ja gleichfalls während der frühbürgerlichen Revolution vor seiner letzten Schlacht den Regenbogen als ein gutes Omen gedeutet hatte … das Ende war bekannt … Aber er, Hans Köberlin, war letztlich exiliert, um sich von der Konfrontation mit dem Glauben an Omen und anderem derartigen Tinnef zu kurieren, also: weg mit solchen Gedanken!
** Francisco de Quevedo y Villegas, Musa II.109.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).
Samstag, 3. Oktober 2015
Das ist so.
(Niklas Luhmann, Literatur als Kommunikation; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 387).
Donnerstag, der 3. Oktober 2013
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… weiter also von der Stadt hinter der Grenze bis zu einem Fischerort bereits im Mediterranen, aber noch diesseits der Grenze zu Hans Köberlins Exil, die auch keine wirkliche Grenze mehr (an der Walter Benjamin aber noch gescheitert, nicht allzuweit von hier …), ein Fischerort, der Hans Köberlin sehr gut gefiel, wo immerhin Paul Valéry hergekommen und dessen Friedhof mit Meerblick er besungen …
»La mer, la mer, toujours recommencée!«*
… wo man, nachdem man nach den Erfahrungen der Nacht zuvor im ersten Haus am Platz abgestiegen, am Fischereihafen Fisch aß und Muscheln aß und dazu einen kräftigen Weißwein trank, und zum Dessert gab es crème brûlée und Kaffee und Cognac. Anschließend ging man zur Verdauung der üppigen Mahlzeit am Hafenbecken entlang vor zu der Mole, gegen deren Mauer das Meer so heftig tobte, daß die Gischtspritzer Hans Köberlins Brille trübten. Der Frau gefiel dieses Toben der Elemente sehr, ein Zug, den er noch nicht an ihr gekannt hatte.** Hans Köberlin war ausgelassen und auf angenehm-fatalistische Art und Weise aus der Zeit. Es war schon klar: er durfte bei seinen Eindrücken keine Zukunft haben …
* Paul Valéry, Le Cimetière Marin; in: Werke, hrsg. von Jürgen Schmidt-Radefeldt, Frankfurt am Main 1992, Bd. 1. Dichtung und Prosa, S. 172. – Das Pindar-Motto, das Valéry Le Cimetière Marin vorangestellt und in dem der Hellene der Seele von dem Wunsch nach einem ewigen Sein abriet und sie statt dessen aufforderte, lieber die erfüllbare Arbeit auszuschöpfen, sprach Hans Köberlin nach dem im vergangenen Jahr Widerfahrenen aus der Seele … »Et le ciel chante à l’âme consumée …« (ebd., S. 174).
** Das war natürlich immer noch harmlos gegenüber dem, was einem der atlantische Ozean bot, und später, am 27. Dezember 2013, sollte er von der Frau daran erinnert werden.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).
Freitag, 2. Oktober 2015
Mittwoch, der 2. Oktober 2013
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Der Transfer ging am ersten Tag bis zu der Stadt, aus der Alfred Dreyfus gekommen (näheres zu der Affäre ist (exemplarisch für die Lektüre unseres Hans Köberlin) mit der richtigen Haltung bei Proust und mit der falschen Haltung bei Edmond de Goncourt nachzulesen), hinter der Grenze (die eigentlich keine wirkliche Grenze mehr war …: es gab sie noch, die gut angewandte Vernunft … manchmal …), in einer Region gelegen, die in der Zeit, als es hier noch Kriege gab, abwechselnd mal hübenzu und mal drübenzu gehört hatte. Man sah nichts von der Stadt, denn man übernachtete in einem dieser befremdlichen portierlosen Automatenhotels in einem Industriegebiet direkt an der autoroute, eines jener Etablissements, wie man sie aus diversen Filmen bestimmter Regisseure, die ihre Protagonisten dort übernachten ließen, wenn sie eine melancholisch-trostlose Atmosphäre vermitteln wollten, kannte, oder, wie Jules de Goncourt geschrieben hatte, er sei im Hotel in einem dieser Zimmer, in denen man aus Versehen auf Reisen sterbe …: also ein Etablissement gerade recht für rites de passage …
»Eine Schlafschublade«, so die Frau, aber sie durfte auch maulen, mußte sie doch allein fahren, weil Hans Köberlin so ein weltuntauglicher Mensch war.*
Man wollte nach dem personallosen Einchecken per Kreditkarte noch irgendwo um die Ecke ein Glas Wein trinken, um die Ecke gab es aber bloß irgendwelche großen Hallen, mittelständische Betriebe, Supermärkte, Bastlermärkte und Gartenmärkte … es provozierte eine eigentümliche Stimmung in Hans Köberlin, durch dieses nächtlich-verlassene Industriegebiet zu flanieren, er hoffte, sich daran zu erinnern, wenn er in die Hauptstadt zurückkehren würde. Man ging vorbei an einer Gendarmerie in eine angrenzende Siedlung, doch das war ein gespenstisches Neubaugebiet mit in einem eklektizistischen Stil gebauten drei- und vierstöckigen Wohnhäusern, in denen sich die Bewohner verbarrikadiert hatten, bloß ab und an sah man jemanden, der nochmals mit dem Hund raus mußte, hier herrschte offensichtlich kein Bedarf an Gelegenheiten zu sozialer Praxis, sprich: an Gelegenheiten zum öffentlichen Konsum eines Glases oder mehrerer Gläser Rotwein …
Hans Köberlins Gedanken, wie es wäre und was für eine Geschichte er hätte, wenn er hier lebte …
»Wie in einem Film von Chabrol.«
»Oder von Haneke.«
»Oder von Seidel.«
Irgendwann sah der vor lauter Verlangen auf ein Glas Wein scharfsichtig gewordene Hans Köberlin in der Ferne zwischen zwei Häusern ein beleuchtetes Schild, das auf eine Lokalität hinzuweisen schien, man ging durch ein Tor in einen Hof, tatsächlich schimmerte es rot aus ein paar Fenstern, man sah Menschen an einer Bar sitzen, aber es war ein Privatclub, es war ein Swingerclub, vermutete man …
»Warum aber machte man auf einen Privatclub mit einem beleuchteten Schild aufmerksam?«
Also kehrte man zurück in seine Schlafschublade und vögelte noch etwas herum, solange wie die Müdigkeit dies zuließ.
* Manchmal dachte Hans Köberlin, sein Leben wäre in toto anders verlaufen, wenn er in seinen jungen Jahren wie fast alle in seinem Alter, quasi als Initiationsritus, eine Fahrerlaubnis erworben hätte (vgl. für ähnliche Gedanken des Clemens Limbularius vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 19f. und S. 21). Unter seinen engsten Freunden waren überdurchschnittlich viele, die keine Fahrerlaubnis erworben, und bloß zweie von ihnen hatten sich angeschickt, den Erwerb später nachzuholen. Übrigens, bloß nebenbei bemerkt, auch Arno Schmidt hatte nie eine Fahrerlaubnis erworben.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).
Donnerstag, 1. Oktober 2015
Dienstag, der 1. Oktober 2013
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Aber man sollte auch eine Einsicht Adam Thirlwells bedenken, nämlich die, daß die Selbstbefreiung durch die Kunstform des Romans eine besonders schwierige Angelegenheit sei. – Wie dem auch sei: mit dem Telosfragment hatte es die gleiche Bewandtnis wie mit dem Buch der Bücher, von dem Francis Bacon 1625, wie Borges in seiner Rechtfertigung der Kabbala angemerkt, geschrieben hatte, der Stift des heiligen Geistes habe bei den Trübsalen Hiobs länger verweilt als bei den Glückseligkeiten Salomonis, nun: wir hoffen für uns, für den Leser und nicht zuletzt für Hans Köberlin, daß es hier anders kommen wird …
»Lauter hohe Lieder …«
»… in paradisum angeli te deducant …«
O buono Appollo, a l’ultimo lavoro»Je crois qu’après le dîner Monsieur de Guermantes montrera le stéréoscope.«**
fammi del tuo valor sì fatto vaso,
come dimandi a dar l’amato alloro.*
¡Arriba!***
* Dante Alighieri, Divina Commedia, Paradiso, Canto Primo.
** Marcel Proust, Le Balzac de monsieur de Guermantes; in: Contre Sainte-Beuve.
*** Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).



















