Sonntag, 14. Oktober 2018

»Stars and Stripes«

Walpodenakademie Mainz, Samstag, den 13. Oktober 2018

Zwei Vehikel der Annäherung

KÖNIG MIDAS

In einer der Sagen um den phrygischen König Midas gewährte Dionysos (unser Favorit unter den Göttern) dem Monarchen den Wunsch, daß alles, was er anfaßte, zu Gold werde. In Anlehnung daran könnte man sagen: Ralf Thorn wird alles, was er anfaßt, zur Zeichnung, der Zeichnung als dem Medium, dem die Objekte, Collagen und Installationen und die Gemälde und die Drucke sowieso zugrunde liegen. Auf die Zeichnung geht all sein Schaffen zurück. Zeichnungen sind immer die Grundlage, die Welt ist für Ralf Thorn ein etwas zu Zeichnendes, wobei hier Welt seine Umwelt meint, inklusive der Bilder, die diese Umwelt bereits fertig als solche ihm zuführt, wie etwa die Vorlagen zu seinen Serien nach Postkarten und Photographien. Ralf Thorn frönt dabei einem ästhetischen Pantheismus: alles kann Objekt seiner Zeichnungen werden. – Gerade dieser Aspekt des Anstoßes von außen, der gefundenen oder zugetragenen Motive, ist nicht zu unterschätzen, und er führt zu der zweiten Annäherung.

DIE ANTHROPOLOGISCHE UNTERSCHEIDUNG

Die anthropologische Unterscheidung, das zweite Vehikel zur Annäherung an das Schaffen Ralf Thorns, stammt von Lévy-Strauss. Jener unterschied die Menschen bezüglich ihrer Art der Weltaneignung bekanntlich in zwei Typen, nämlich in Ingenieure und in Bricolateure.

Der Ingenieur

Der Ingenieur ist der Typus des Spezialisten, der eine feste Vorstellung oder Idee von der Welt und von seinem Werk hat und der sich anschickt, die Welt nach dieser Vorstellung oder Idee umzugestalten. Er pfropft ihr sein Werk auf und er hat ein Ziel und einen Königsweg, der zu diesem Ziel führt. Den Urbanisten Georges-Eugène Haussmann, der in das Paris des zweiten Kaiserreichs die Breschen seiner Boulevards schlug, könnte man als ein Beispiel nennen, oder Lenin, der aus Mütterchen Rußland den Sowjetstaat schuf, oder, im Bereich der Kunst, die Maler, die in der Renaissance der Welt zeigten, wie die Menschen sie sehen sollten.

Der Bricolateur

Diesem Typus entgegen stellt Lévy-Strauss den Bricolateur. Der tut der Welt keine Gewalt an, er ist kein Spezialist und orientiert sich nicht nach einer Idee oder einem Plan, sondern an den heterogenen Dingen, die er mehr oder weniger zufällig vorfindet oder die sich in seinem Fundus befinden, weil er, als die Dinge in seine Hände gelangten, gedacht hatte, daß man sie bestimmt irgendwann noch einmal gebrauchen könnte.

Ralf Thorn ist ein Bricolateur, er ist es bezüglich des Materials – alte Kladden, Hefte, Bierdeckel … – und (und dies vor allem), er ist es, wie bereits angedeutet, bezüglich der Motive und natürlich auch bezüglich der Titel der Zeichnungen, die allsonntäglich dem immerwährenden Heilgenkalender entnommen werden. Sich den adäquaten Anstoß von außen zu eigen zu machen, das ist die angemessene Kunst unserer Zeit, wie auch Gérard Genette fand, als er in seinem Buch über Palimpseste schrieb,

»daß die Kunst, ›aus Altem Neues zu machen‹, den Vorteil hat, daß sie Produkte hervorbringt, die komplexer und reizvoller sind als die ›eigens angefertigten‹ Produkte: eine neue Funktion legt sich über eine alte Struktur und verschränkt sich mit ihr, und die Dissonanz zwischen diesen beiden gleichzeitig vorhandenen Elementen verleiht dem Ganzen seinen Reiz.«

Überflüssig zu erwähnen, daß mit dem permanenten Schaffen Ralf Thorns eine permanente Perfektionierung der Technik und der der Methode einhergeht. Und alles was es an Techniken und Stilen gibt – ich kann sie als Laie die nicht alle nennen – wird experimentell auf die Möglichkeit der produktiven Aneignung angegangen.

Wimmelbilder

In der Zeit der Anfänge zog bei Ralf Thorns Zeichnungen ein Strich den anderen nach sich, er setzte an und es ward Gesicht und Gestalt, ward Kreatur und Ornament, ward Flora und Fauna, oder in den Worten des Künstlers: »Wimmelbilder, handlungsfreie Storyboards, oder auch tagebuchartige Skizzen«, wie man sie auf den Streifen sieht, man könnte dabei in Anlehnung an Kleist von dem allmählichen verfertigen der Zeichnung beim Zeichnen sprechen. Es war eine eher introspektive Kunst, deren Ergebnis der spontanen Eingebung geschuldet war, oder manchmal auch dem Material: ein Knick oder ein Fleck auf dem Papier wurden zu strukturierenden Aspekten, wie etwa bei John Cage, der seine Kompositionen nach Einschlüssen im Papier schuf.


DREI MUSIKER

Neben dem eben erwähnten Namen John Cage könnte man noch zwei weitere Namen nennen, nämlich Kevin Coyne und Fred Frith. Kevin Coyne, der über eine ähnliche Doppelbegabung als Musiker und Zeichner verfügte, kann man wohl in beiden Bereichen als ein Lehrer oder Vorbild Ralf Thorns bezeichnen. Fred Frith steht für die Improvisation und die Methode der Bricolateure, die der Ralf Thorns entspricht. Es gibt eine schöne Sequenz in einem Film über Frith, in der man sieht, wie er Material für ein abendliches Sologitarrenkonzert einkauft: Kordel, Erbsen, Vogelsand … Bezüglich John Cage wäre noch der Aspekt des Zen zu ergänzen, den er mit Ralf Thorn gemein hat.

Motive

Von dem Strich, der den Strich nach sich zog, gab es irgendwann eine Entwicklung hin zu dem, was man als ›Wendung zum Motiv‹ bezeichnen könnte. Statt Introspektion und spontaner Eingebung gab es nun Weltsicht und einen – wenn auch nicht kausalen – Abgleich der Zeichnung mit der Welt. Dabei bleibt aber noch genug Verortung im Akt des Zeichnens selbst, um nicht ingenieursmäßig zu werden. Das Gros dieser Motive liefert die Welt in Form von Bildern: Photographie, Postkarten, Zeitungsbildern oder Filmstills.



Stars and Stripes

Die Zeichnungen sind realistisch in dem Sinne, daß man die gezeichneten Bilder durch den spezifischen Blick Ralf Thorns erkennt, wenn man sie sieht, man erkennt sie als selber gesehen, wenn auch nicht konkret, so doch aus Erfahrung. Und wenn die Vorlagen aus einer Zeit vor der eigenen Zeit stammen – wie vielleicht Marlen und Mirella –, dann hat man sie in den Alben der Eltern gesehen. Die von dem Zeichner erfaßte Erkennbarkeit der Zeichnungen, diese unheimliche Vertrautheit, geht jedoch über die gewöhnliche Objektivität hinaus.

Hat man seine Bekanntschaft mit den Motiven bestätigt, dann fallen Unterschiede bei der Ausführung der Details auf, es ist eine andere Art der Genauigkeit, mit der hier gearbeitet wurde. Diese Unterschiede folgen keinem Plan, sind aber signifikant. Sie folgen auch keiner Richtung im Sinne der Lenkung einer Aufmerksamkeit, es liegt in dem Blick des Rezipienten, ob man die Brillanz der Ausführung von Mirams Gesicht goutieren, oder ob man sich fragen soll, was das Hinskizzierte in ihren Armen wohl für eine Kreatur sein mag (es ist ein Nashornjunges) und ob sie es überhaupt in ihren Armen hält. Bei Mirella erkennt man das skizzierte Wesen als Kätzchen (oder Käuzchen?), hier ist es aber die spezifische Art der Brillanz, mit der das Gesicht ausgeführt wurde, die verstört … oder die leichte, kaum merkliche Neigung des Kopfes des Mädchens auf dem mit Adolf betitelten Bild … oder die Melancholie des Jungen in dem komplett perfekt ausgeführten mit Anne-Marie betitelten Bild, die man bei dem Jungen des Julikalenderblattes aus dem Jahre 2017 auf ganz andere Art, quasi aus noch einer anderen Epoche, wiederfindet.


Es findet bei den Porträts zum Teil auch eine Dekontextualisierung statt, die die Zeichnungen enigmatisch macht, im Gegensatz zu der Serie mit dem japanischen Mädchen, wo der Kontext zum Protagonisten wird. Die Bekanntschaft wird durch solches Changieren hintergründig, aber nicht im Sinne einer Entlarvung. Ralf Thorn urteilt nicht über seine Objekte, wenn er sie zeichnet – außer natürlich: sie haben es verdient, verurteilt zu werden.

Zum Augenblicke dürft’ ich sagen …

Die Zeichnungen sind unter der Beachtung der aristotelischen Einheit von Raum und Zeit entstanden. Der Akt des Zeichnens geschieht im Modus der Momentaufnahme, und die Zeichnung selbst ist der Augenblick Goethes, der verweilt, weil er schön ist; und wenn er schön ist, was heißt: wenn Ralf Thorn seine Arbeit als gelungen betrachtet, dann wird dieser verewigte Augenblick geteilt.

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