Dienstag, 29. September 2026

HannaH & SesyluS

Zwanzig Jahre später biege ich um eine Straßenecke und überlege dabei, wie es damals wohl angefangen hat. In einem Zug natürlich: der Protagonist schaute aus dem Fenster auf den Ablauf der Landschaft, jemand drehte anscheinend eine Kurbel, um die Kulisse in Bewegung zu setzen, damit die Illusion einer linearen Bewegung entstand, mir kam die Idee und Clemens Limbularius war irritiert ob der Lage, in der er sich durch diese Konstellation befand, oder anders gesagt: der Zustand seines Bewußtseins fand keine Entsprechung in seiner Umwelt. Welcher Illusion sitze ich jetzt schon wieder auf? fragte sich Clemens Limbularius in Folge der Irritation, dann nickte er ein, nach dem letzten Halt vor dem Bahnhof, an dem er aussteigen mußte, also nach dem Halt in der alten Hauptstadt, beziehungsweise nicht der alten Hauptstadt, sondern der Hauptstadt zwischen der alten alten und der neuen alten Hauptstadt. Er nickte ein, zweiter Klasse Großraumwagen, Raucher, Fensterplatz, ein aufgeschlagenes Buch auf seinem Schoß. Es handelte sich bei dem Buch vermutlich um ein Buch über eingebildete oder wirkliche Lungenkranke in einem Bergsanatorium vor dem ersten Weltkrieg, oder um ein Buch über die Folgen des Eintunkens von Gebäck in Tee während eines Besuchs bei der Großmutter oder der Tante (wenn man nachschlägt stellt man fest: es war Tante Léonie), oder um ein Buch über ein im Meer lebendes Säugetier mit einer für es, das Säugetier, ungewöhnlichen oder zumindest nicht alltäglichen Farbe, oder um ein Buch über einen Romanleser, der sich in der Epoche der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über eine Romanleserin, die sich in dem Realitätsstatus der Lektüre vertan hatte, oder um ein Buch über einen Annoncenakquisiteur, der durch eine Stadt strich, während er wußte, daß seine Frau es gerade in ihrem gemeinsamen Ehebett mit einem Anderen trieb oder um sonst ein Buch von beträchtlichem Umfang, geeignet für eine längere Reise. In seinem Gesichtsfeld hatte Clemens die Rückseite der Rückenlehne des Sitzes vor ihm mit dem hochgeklappten Ablagebrett, neben sich auf dem leeren Sitzplatz hatte er seine grüne Segeltuchtasche, deren Reißverschluß zur Hälfte hin geöffnet war, abgestellt, was neben dem der Zuhandenheit der Tasche noch den weiteren und weitaus wesentlicheren Vorteil hatte, daß der Platz für eventuell vorbeigehende Sitzplatzsucher nicht einladend wirkte. Aus der grünen Segeltuchtasche heraus lugte der kurze Hals einer eckigen Flasche mit metallenem Schraubverschluß. Der Bauch der Flasche im Bauch der Tasche lag im Dunkel, nur ein schwacher Dämmer drang von oben herein. Hätte jemand – etwa ein Homunculus, der in der grünen Segeltuchtasche sein Dasein fristete – in der Tasche Licht gemacht, dann hätte er sehen können, daß die Flasche zur Hälfte geleert war; und hätte der Taschenbewohner seine Lesebrille aus dem Jackett gezogen und einen Blick auf das Etikett der Flasche geworfen, dann hätte er wohl den Kopf geschüttelt oder verstehend genickt angesichts Clemens’ Schlummer, soweit er denn in seinem Taschendomizil überhaupt davon Kenntnis genommen hätte. In der Flasche befand sich nämlich ein bernsteinfarbenes Getränk, das in der alten Sprache seines Herkunftslandes uisge beatha genannt wird, was soviel heißt wie Lebenswasser, vulgo ein Getreidebranntwein, hergestellt aus über Torffeuer gedarrtem Gerstenmalz, trinkfähig erst nach mindestens fünfzehn Jahren. Clemens profitierte davon, daß er in einer Organisation seinen Lebensunterhalt verdiente, die es sich, zugegebenermaßen nicht ganz selbstlos, zur Aufgabe gemacht hatte, das Lebenswasser aus seinem Herkunftsland und andere Lebenswässer aus anderen Herkunftsländern, klare und bernsteinfarbene, per Schiff oder Lastkraftwagen zu uns in die Bundesrepublik zu transportieren und hier an jene zu verteilen, die es wiederum gegen einen zu entrichtenden Obolus unter das Volk brachten. Die ganze Verteilerei war – hielt man sich an die Regeln – vollkommen legal. Die Flasche in der Tasche allerdings hatte Clemens in dem Lager der Organisation illegal an sich genommen (das meinte profitieren).

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