Montag, 26. Oktober 2026

Das Verhängnis ist nicht nur listig, es hält sich auch nicht an die Abmachung

»Was ich gefürchtet habe […] ist über mich gekommen, und was ich gesorgt habe, ist eingetroffen! […] Nein, nein, nein, nein, das kann man nicht fassen, daß wirklich geschieht, was man gefürchtet hat. Hätte ichs nicht gesorgt und wär es hereingebrochen ungeahnt, so würde ichs glauben; ich würde sagen zu meinem Herzen: Gedankenlos warst du und hast dem Übel nicht vorgebeugt, da dus nicht bannend ins Auge faßtest beizeiten. Siehe, die Überraschung ist glaubhaft. Daß aber kommt das Geahndete und scheut sich nicht, dennoch zu kommen, das ist ein Greuel in meinen Augen und ist wider die Abmachung.« – »Es ist nichts abgemacht in Sachen der Heimsuchung.« […] – »Nein, nicht Rechtens. Aber für des Menschen Gefühl, das auch seine Vernunft hat und seine Empörung! Denn wozu ward dem Menschen die Furcht gegeben und die Vorsorge, als daß er das Übel damit beschwöre und nehme dem Verhängnis schon früh die bösen Gedanken weg, sie selber zu denken? Da ärgert sichs wohl, aber schämt sich auch und spricht bei sich: ›Sind es noch meine Gedanken? Es sind des Menschen Gedanken, ich mag sie nicht mehr.‹ Aber was soll aus dem Menschen werden, wenn die Vorsorge nichts mehr gilt und er vergebens fürchtet, nämlich mit Recht? Oder wie soll leben ein Mensch, wenn er sich nicht mehr darauf verlassen kann, daß es anders kommt, als er denkt?« (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Frankfurt am Main 1986, II. Buch: Der junge Joseph, Siebentes Hauptstück: Der Zerrissene, Jaakob trägt Leid um Joseph, S. 637f.).