Nachtrag zu dem Besuch der Insel Mynheer Peeperkorns, genauer: vor dem Asta-Nielsen-Haus (nicht auf dem Bild, rechts davon) am Samstag, dem 10. Oktober 2026.
Stefan Zweig war [am 28. November] 1881 geboren worden, und Randy Newman …
Oh Baltimore
Man it’s hard just to live
Oh, Baltimore
Man, it’s hard just to life, just to live
(Baltimore, 1977) … war 1943 geboren worden und Leslie Nielsen, den wir vor allem wegen Forbidden Planet (Fred McLeod, 1955) mochten (wahrscheinlich war niemals außer vielleicht bei Flash Gordon (1974) und bei Barbarella (1968) ein Nymphchen in einem kürzeren Röckchen im Weltall zu sehen gewesen, höchstens noch in den frühen Star Trek-Folgen; außerdem verdanken wir diesem Film die denkwürdige Aussage des Dr. Morbius: »My evil self is at that door, and I have no power to stop it!«), Leslie Nielsen also war 2010 gestorben und Alberto Moravia war 1907 geboren worden, was im Jahre 1997 jedoch nicht dazu geführt hatte, einen Still von Le mépris (1963) zu zeigen, sondern einen aus Bertoluccis Il conformista (1969/70), zu dem er gleichfalls die Vorlage geliefert hatte, einen Still auf dem man Dominique Sanda sah, wie sie mit gespreizten Beinen auf einem gigantischen Schreibtisch saß und einem Mann dahinter ihr Allerheiligstes präsentierte. – Wir widerstehen der Versuchung, an dieser Stelle aus Anlaß von Moravias Geburtstag etwas zu Le mépris zu sagen und warten, bis ein betreffender Still – von dem wir mit Sicherheit wissen, daß es eines gibt, nämlich am Dienstag, dem 18. Februar 2014 – kommt (siehe unten S. 1262ff.).
Nebenbei bemerkt: nachdem wir in Hans Köberlins Arbeitsjournal nach Leslie Nielsen gesucht hatten, stießen wir (ohne Quellenangabe) auf Borges’ Bekenntnis, in seiner Jugend habe er Asta Nielsen geliebt. Sollen wir der Versuchung, zu zitieren, was Seeßlen unter der Überschrift Der nordische Vamp zu Asta Nielsen gesagt hat, nachgeben?
»Ja, unbedingt!«
»Eine femme fatale von anderem Wesen war, zuerst im dänischen: dann auch im deutschen Film, Asta Nielsen. Zwar verkörperte auch Sie, wie die italienischen Diven, ›den Reiz des Verbotenen‹ (Enno Patalas), eine verführerische Erotik jenseits bürgerlicher Wohlanständigkeit, doch zugleich war sie die Frau, die durch den schädlichen Einfluß ihrer Umwelt, oder bei dem Versuch, beengenden oder demütigenden Verhältnissen zu entkommen, in gefährliche Milieus und auf die schiefe Bahn gerät. Die ›fast schon ins Groteske gesteigerte Schlankheit, überbetont durch die schwarzweißen Längsstreifen, die von der Nielsen privat sowie in ihren Filmkostümen bevorzugt wurden, weil sie nicht nur die schlanke Linie, sondern auch die Schwarzweißwirkung ihrer eminent filmischen Erscheinung betonten‹ (Heinrich Fraenkel), die grazilen, dennoch bestimmten Bewegungen und ein Darstellungsstil, der sich ganz dem Medium Film anglich, ließen ihre Erscheinung als die Gestalt gewordene Dämonie des Sexus erscheinen, die das Bürgertum bedrohte […] Immer gerät sie in Konflikt mit der Moral des Bürgertums, dem sie entstammt oder nach dessen Geborgenheit sie sich insgeheim sehnt. Selten ist, wie etwa bei Theda Bara, sie es, die den Anstoß für die Entwicklung der Dinge gibt, an deren Ende Leid steht. Auch in ihren deutschen Filmen […] blieb sie die Frau, die auf Grund ihrer persönlichen Ansprüche in Widerspruch zu ihrer Umwelt gerät. Männer werden ihr Schicksal, nicht so sehr, weil sie sich über sie hinwegsetzen, sondern weil sie zu schwach sind, sich zu dem Bruch mit der heuchlerischen Moral rings um sie zu bekennen. Asta Nielsens Darstellung verweist auf die Einsamkeit des Vamps; das Unglück, das sie bringt, entspringt nicht einer zerstörerischen Komponente ihrer Erotik, sondern der Unfähigkeit der Männer, ihre Leidenschaft anzunehmen. In Die freudlose Gasse (G. W Pabst, 1925) wird sie zur Mörderin aus Leidenschaft, während der Mann ihre Liebe gar nicht in ihrer Dimension begreifen kann […] Die unterschiedlichen Erfahrungen der Vorkriegs und Kriegszeit ließen völlig andere Perspektiven in einer phänotypisch verwandten Figur wirken. War die italienische Diva ein Geschöpf der herrschenden Klasse und war der amerikanische Vamp, wie die Mondäne des Stummfilms, Ausdruck sich wandelnder kultureller Werte, so war die dämonische Frau im deutschen Stummfilm eine Anklage gegen die Schwäche der Männer, die Gewalt und Lüge verkörpern. Bezeichnenderweise gab es im deutschen Film keinen Rudolph Valentino vergleichbaren Schauspieler, während etwa Douglas Fairbanks in Harry Piel und anderen Darstellern sein Pendant fand.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 29f.).
Nicht vergessen wollen wir das gestern angekündigte weitere Zitatenkalenderblatt mit einem Zitat von Montaigne: »Das Ziel unserer Laufbahn«, hatte der gemeint, »ist der Tod, ob wir wollen oder nicht. Aber das Leben hat keine Übel mehr für den, der begriffen hat, das der Verlust des Lebens kein Übel ist.« Hans Köberlin richtete sein Augenmerk lieber auf die sinnlichen Etappen als Ziele seiner Laufbahn denn auf das eine Ziel; die in dem zweiten Satz propagierte Einstellung kam ihm allerdings doch von sich selber bekannt vor …
(¡Hans Koberlin vive! oder Schreiben als Ausziehtanz. Versuch einer Langzeitdokumentation vom 2. Oktober 2013 bis zum 21. August 2014, nebst einem Prolog, anhebend bei der Schöpfung der Welt, und einem Epilog, fortdauernd bis zu deren Ende, Calpe, Berlin, Heide und wieder Berlin 2013ff., Erster Teil. Vom 2. Oktober bis zum 19. Dezember 2013, VIII [Dritte Phase – oder: Konsolidierung] vom 19. November bis zum 19. Dezember 2013, S. 593f., Fußnote 1862).
