Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Aus dem Katzengraben ·
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Mittwoch, 10. Februar 2016
Montag, der 10. Februar 2014
[132 / 192]
… eine Zäsur also stellte auch der – außerdiegetische – Umstand dar, daß wir ab diesem Stand der Niederschrift unserer Langzeitdokumentation nicht mehr wie bisher Hans Köberlin im Mediterranen – das folgende metaphorisch natürlich bloß gesprochen (Hans Köberlin hat uns in unserer Funktion – und da geben wir unser Wort drauf! – niemals bewußt wahrgenommen!) – unmittelbar über die Schulter blicken können (auch natürlich deshalb bloß metaphorisch gesprochen, weil: wie sollte man selber schreiben, wenn man gleichzeitig dem zu Beschreibenden, der seinerseits selber schrieb, über die Schulter sah?!) und dabei stante pede festhalten, was wir da, auf der anderen Seite der Schulter, sehen, sondern daß wir fern von Hans Köberlin im unwirtlichen Norden und allein und auf uns gestellt und allein gestützt auf Dokumente und Bilder und sonstige mittelbare Informationen, als da wären aufgeklaubte Muscheln und Steine, Tickets, Broschüren aus Touristenbüros, Kassenbons, Visitenkarten, Zuckerpäckchen aus Cafés und Bars …, unsere Langzeitdokumentation abfassen müssen. Unsere Zäsur ist also ein Perspektivwechsel, und zwar ein fataler Perspektivwechsel … Thomas Mann hatte im Zauberberg geschrieben, »das (die Tatsache daß eine Geschichte vergangen sei) wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts.«* Aber Hans Köberlins Geschichte war da noch nicht vergangen und ist es auch jetzt noch nicht, wo wir hier im ungemütlichen Norden sitzen und unseren Imperfekt raunen. Noch drehte sich die Welt, wenn auch nicht um ihn, um Hans Köberlin …
* Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt am Main 1986, S. 9. Eine weitere wichtige Anmerkung, das Erzählen betreffend, ließ Mann seinen Erzähler Dr. phil. Serenus Zeitblom im Doktor Faustus machen: »Ich weiß nicht, warum diese doppelte Zeitrechnung (die der Zeit des Erzählens und die erzählte Zeit) meine Aufmerksamkeit fesselt, und weshalb es mich drängt, auf sie hinzuweisen: die persönliche und die sachliche, die Zeit, in der der Erzähler sich fortbewegt, und die, in welcher das Erzählte sich abspielt. Es ist dies eine ganz eigentümliche Verschränkung der Zeitläufe, dazu bestimmt übrigens, sich noch mit einem Dritten zu verbinden: nämlich der Zeit, die eines Tages der Leser sich zur geneigten Rezeption des Mitgeteilten nehmen wird, so daß dieser es also mit einer dreifachen Zeitordnung zu tun hat: seiner eigenen, derjenigen des Chronisten und der historischen.« (Thomas Mann, Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde, Frankfurt am Main 1986, S. 335). Unsere Leserinnen und Leser werden den Vorteil haben, sich nicht mit der historischen Zeit auseinandersetzen zu müssen, zumindest nicht mit der Zeit der sogenannten großen Historie.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Dienstag, 9. Februar 2016
Sonntag, der 9. Februar 2014
[131 / 193]
Als er angekommen, machte er gleich eine Flasche Wein auf und ging mit dem Glas in der Hand durch beide Wohnungen des Hauses, zog Rolläden hoch, öffnete zum Lüften Türen und Fenster und öffnete wieder die Gas- und Wasserhähne, packte dann seine kleine Ledertasche aus: die Badutensilien ins Bad, die schmutzige Wäsche in den Raum mit der Waschmaschine, die Bücher und die Cassiber-Box auf den Schreibtisch (striptease table …) und den Zitatenkalender hängte er an den Nagel, von dem er zuvor den Filmkalender mit dem Tagesblatt vom 31. Dezember 2013 – man erinnere sich: Gudrun Landgrebe in Robert van Ackerens Die flambierte Frau (1983) – abgenommen hatte, dann ging er auf beide Dachterrassen und prostete der Umgebung, den Nachbarhäusern, dem komischen Vogel, der prompt seinen seltsamen Pfiff pfiff, dem Peñón de Ifach, dem Meerhorizont zwischen den Hochhäusern, Morro de Toix & Castellet de Calp und schließlich der Sierra de Oltà zu. Dies war sein drittes Ankommen, kam es ihm in den Sinn … jetzt bereits ein Ankommen ins Vertraute, ein Heimkommen …; eine Ankunft würde wohl noch folgen (nach dem Besuch der Frau anläßlich deren Geburtstag), und dann … und dann sollte alles auch schon wieder vorbei sein … Hans Köberlin konnte sich das nicht vorstellen, obwohl er seine Rückkehr nun nicht mehr so völlig perspektivlos imaginierte. Als er dann später aus dem Haus ging, hatte er bereits mehr als eine halbe Flasche Wein intus. Jene Verse Borgesʼ in memoriam A. R. (= Alfonso Reyes) fielen ihm ein …
Supo bien aquel arte que ningunoNein, zu seinem Bedauern mußte sich Hans Köberlin eingestehen, daß auch er nicht, wie auch nach Borges Sindbad nicht und auch Odysseus nicht, es geschafft hatte, ganz bei der Frau gewesen zu sein und es jetzt nicht schaffte, ganz hier zu sein. Das Optimum in der Hinsicht wurde erreicht, wenn er hier war und die Frau hier war, das war artgerechte oder gar artfördernde Haltung, die Alternative dazu wäre ewiges Reisen, Benjamins Leben im Hotel und das Leben als Roman. Er kam allerdings, so sagte er sich (sicher nicht zu unrecht), dem Ganzhiersein sehr nah, so nah wie noch nie einem solitären Ganzirgendwosein zuvor in seinem Leben.*
Supo del todo, ni Simbad ni Ulises,
Que es pasar de un país a otros países
Y estar íntegramente en cada uno.
* Später, viel, viel später, am Mittwoch, dem 27. Mai 2015, sollte der Busenfreund ihn fragen, ob denn das Sein im Mediterranen mit den vier bis fünf Begegnungen im Jahr mit der Frau nicht sein idealer Modus sein könne.
»Nein, das – das sage ich jetzt natürlich a posteriori – funktionierte bloß über die begrenzte Dauer. Unterminiert müßte ich … würde ich wohl …«
»Sag es!«
»Ich müßte etwas anfangen, was ich eigentlich nicht will, weil ich die Frau liebe … etwas anfangen zum Vögeln …«
»Ok, das wollte ich hören, du bist noch gesund.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Montag, 8. Februar 2016
»… our strength comes from our uncertainty.«
Spider Barbour: We can get our strength up by making some music.
All-Night John (Kilgore): Thatʼs right.
Monica Boscia: Yeah … yeah.
John: But the thing is, you know what?
Spider: What?
John: We donʼt even understand our own music.
Spider: It doesnʼt, does it matter whether we understand it? At least itʼll give us … strength.
John: I know but maybe we could get into it more if we understood it.
Spider: Weʼd get more strength from it if we understood it?
John: Yeah.
Spider: No, I donʼt think so, because — see I think, I think our strength comes from our uncertainty. If we understood it weʼd be bored with it and then we couldnʼt gather any strength from it.
John: Like if we knew about our music one of us might talk and then that would be the end of that.
(Frank Zappa, Civilization Phaze III, 1994).
All-Night John (Kilgore): Thatʼs right.
Monica Boscia: Yeah … yeah.
John: But the thing is, you know what?
Spider: What?
John: We donʼt even understand our own music.
Spider: It doesnʼt, does it matter whether we understand it? At least itʼll give us … strength.
John: I know but maybe we could get into it more if we understood it.
Spider: Weʼd get more strength from it if we understood it?
John: Yeah.
Spider: No, I donʼt think so, because — see I think, I think our strength comes from our uncertainty. If we understood it weʼd be bored with it and then we couldnʼt gather any strength from it.
John: Like if we knew about our music one of us might talk and then that would be the end of that.
(Frank Zappa, Civilization Phaze III, 1994).
Samstag, der 8. Februar 2014
[130 / 194]
Die Mischung aus Wald und Park war eine Hans Köberlin angenehme Gegend, durch deren noch kahle Bäume die jahreszeitlich und tageszeitlich blasse Nachmittagssonne ein melancholisches Licht verbreitete, das der Stimmung unserer Liebenden an ihrem letzten gemeinsamen Tag entsprach. Die Frau zeigte Hans Köberlin den Kletterturm, an dem sie sich mittwochs nach Feierabend, wenn Jahreszeit und Wetter es zuließen, mit Gleichgesinnten traf, um ihrer vertikalen Leidenschaft zu frönen (sonst, wenn Jahreszeit und Wetter es nicht zuließen, traf man sich in einer Kletterhalle). Dann setzten sie sich in das Lokal des Hallenbads und aßen Currywurst mit Pommes frites und tranken dazu ein Glas Rotwein die Frau und zwei Gläser Rotwein Hans Köberlin und schauten durch eine gläserne Wand dem üblichen Treiben im Wasserbecken mit seiner spezifischen Geräuschkulisse zu.*
* Hans Köberlin erinnerte sich, daß der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares einmal von einem kurzen, dunklen Schatten eines städtischen Baumes geschrieben hatte und von leichtem Wasserplätschern in ein tristes Becken und von einem öffentlichen Park bei anbrechender Dämmerung, daß dies in jenem Augenblick das gesamte Universum für ihn gewesen sei, denn diese Dinge hätten sein bewußtes Wahrnehmen ganz und gar in Besitz genommen; und daß er vom Leben nicht mehr wahrnehmen mochte, als wie es sich in diesen unvorhersehbaren Nachmittagen verliere zum Geschrei fremder Kinder, die in Parks wie diesem spielten, eingezäumt von der Melancholie der sie umgebenden Straßen, und jenseits des hohen Geästs der Bäume die Kuppel des alten Himmels, an dem die Sterne wiederaufflammten (vgl. Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 114).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Sonntag, 7. Februar 2016
Freitag, der 7. Februar 2014
[129 / 195]
Das Essen war wie gewohnt gut, man trank zwei Liter Rotwein und anschließend, nach dem Dolce, noch einen Espresso, zu dem Hans Köberlin wie gewohnt einen Brandy nahm.
Beim Abschied gab der Busenfreund seinen ambivalenten Gefühlen Ausdruck: er vermisse Hans Köberlin sehr, aber freue sich für ihn, daß er dort unten so sein könne.
»Wir, die Lieben, die Freunde, sind alle wie oder als wären wir aus Jean Paul«, zitierte Hans Köberlin Clemens Limbularius.
Die Rückfahrt verlief so angenehm wie die Hinfahrt, man freute sich allerdings, als man wieder in der wohlbeheizten Wohnung war. Zur Verdauung des üppigen Mals schauten sie sich die Wiederholung einer alten – und schlechten* – Tatort-Episode an,** dann las man noch ein wenig im Bett, Hans Köberlin schlug noch einmal willkürlich den Echtermeyer auf …
Im Haar ein Nest von jungen WasserrattenKein Zweifel, man befand sich im Expressionismus. Hans Köberlin erinnerte sich, wie er sich als Kind bei Hochwasser einen Spaß daraus gemacht hatte, mit seiner Schreckschußpistole, die er dazu ausnahmsweise außerhalb der Karnevalszeit benutzen durfte, die Wasserratten in den Flußauen zu erschrecken. Als Kind … Wie hieß es noch in Wendersʼ und Handkes Himmel über Berlin (1987) …?
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.***
* Der marxistische Literaturtheoretiker Fredric Jameson soll irgendwo geschrieben haben, etwas Adäquates über das Fernsehen herausfinden zu wollen, könne nur zur Folge haben, daß man es ignoriere und über etwas Anderes nachdenke.
** »Tatort: Borowski und der freie Fall (2012) – Ich habe diese Episode zum ersten Mal an meinem letzten glücklichen Sonntag mit Diotima gesehen, bin diesmal – aber nicht deswegen – gnadenloser in meinem Urteil: soetwas funktionierte – wie auch der 9/11-Fall, den sie einmal aus in der Stadt bei den Mönchen oder in der Hauptstadt gebracht hatten – nicht. Es ging also um Verschwörungstheorien im Fall Uwe Barschel, am Ende ging es aber doch bloß um die Angst um die eigene Karriere. Die eigentlich doch ganz sympathische Assistentin hatte eine undankbare Rolle als naive Hysterikerin. Man fragte sich, wieso die Hinterbliebenen Barschels erlaubt hatten, die Geschichte für einen Krimi zu verbraten. Vielleicht war es der Witwe sogar recht gewesen.«
*** Georg Heym, Ophelia (1911); in: Echtermeyer. Deutsche Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hrsg. von Elisabeth K Paefgen und Peter Geist, Berlin 19. Aufl. 2006, S. 474.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Samstag, 6. Februar 2016
Donnerstag, der 6. Februar 2014
[128 / 196]
Am Donnerstag, dem 6. Februar 2014, wäre François Truffaut 82 Jahre alt geworden.* Er sei vielleicht tot und er, Godard, lebe vielleicht noch, hatte jener in seinem Vorwort zu einer Ausgabe von Truffauts Briefen, in der auch ihr Zerwürfnis dokumentiert wurde, geschrieben … Gerne hätten wir auch hier mit einer längeren Fußnote gedient, denn Hans Köberlin hatte 1998 und 1999 eine komplette Retrospektive von Truffauts Œuvre vorgenommen, doch die Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind leider nicht erhalten. So bleiben uns nur einige verstreute Bemerkungen und einige singuläre Revisionen …
* Es gab wie zu Truffauts Todestag am 21. Oktober ein Filmkalenderblatt mit einem Still aus Jules et Jim (1962) – schon wieder! wir gewinnen langsam den Eindruck, daß dies der meistabgebildete Film in all den Kalenderjahren, die Hans Köberlin archiviert hatte, ist – und es gab eines aus Le dernier métro (1980) und es gab eines mit ihm selbst und seinem wilden Zögling (Jean-Pierre Cargol) aus Lʼenfant sauvage (1969).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Freitag, 5. Februar 2016
Chaplin à la Brecht
Sehen, wie einer nicht sieht, ist die beste Art und Weise, intensiv zu sehen, was er nicht sieht …
(Roland Barthes, Mythen des Alltags, Berlin 2010, S. 51).
(Roland Barthes, Mythen des Alltags, Berlin 2010, S. 51).
Mittwoch, der 5. Februar 2014
[127 / 197]
Am Mittwoch, dem 5. Februar 2014, da gab es bloß ein Filmkalenderblatt aus dem Jahre 1997, das anläßlich des Geburtstags des Komponisten Bronislaw Kasper (geboren im Jahre 1902) ein Still mit Leslie Caron und Jean-Pierre Aumont aus Charles Walters Musical Lili (1953) zeigte.* Und Hans Köberlin notierte sich nach dem Erwachen folgende Träume: »Es gab einen Bandenkrieg zwischen verschiedenen, ethnisch sortierten, Banden (wahrscheinlich wegen des Gespräches mit dem Geschäftsführer des Etablissements für Ausziehtanz, vor ein paar Wochen oder gar schon Monaten, über den Aufsatz im Merkur über den Grad der operativen Schließung von Banden als Indikator für das Funktionieren von Demokratie), ein Bandenkrieg also, in dem ziemlich grausame Folter- und Tötungsmethoden – auch mit Strom und Wasser (Le petit soldat, 1963, Pierrot le Fou, 1965) – zur Anwendung kamen. Meine Sympathie hatte die Chefin einer chinesischen Triade (so heißen die doch, glaube ich). Dann, in einem anderen Traum, tauchte N___ wieder auf. Er saß auf dem Rücken von jemand anderem und hätte uns (?) sehen müssen, sah uns aber erst, als wir massiv auf ihn einredeten. Das alles passierte im Freien. Dann, in einem dritten Traum, gab es in strahlendem Sonnenschein (auf der Promenade meines Exils?) das Wiedersehen mit einem homosexuellen Paar. Ich machte Bilder mit einem Taschentelephon und hatte ein edles Gemüse gekauft, das ich zur Feier des Tages in einer Pfanne in Olivenöl briet. Was dabei herauskam war aber so wenig, daß wir noch Brot, Wurst und Käse auspackten.«
* Wir zitieren aus Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Samstag, dem 8. September 2012: »Mit Anleihen an The Wizard of Oz (1939), vor allem in der Traumszene vor dem happy end, die Geschichte der Frau – hier eines Mädchens – zwischen zwei Männern, archetypisch: zwischen dem Charmeur, der alle haben konnte, und dem gebrochenen Melancholiker (daß Lili sich den gehbehinderten Mann in einer Tanzszene (!) imaginierte, war typisch Frau). Der ganzen Anlage nach wurde das Thema nicht dramatisch, sondern komödiantisch-poetisch verhandelt. Außerdem war es die Geschichte eines Mädchens, das erwachsen wurde und sich in der schwierigen postpubertären Übergangszeit an die Puppen hielt, die ihre Welt (die zwei Männer, die Frau des Charmeurs und der gutmütige Trottel) repräsentierten, wie sich ja auch Dorothys irreale Begleiter während ihrer präpubertären Initiation in Oz aus dem Personal ihrer Umwelt rekrutierten.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Donnerstag, 4. Februar 2016
Dienstag, der 4. Februar 2014
[126 / 198]
Und Edmond heute vor 120 Jahren (das klang nach einer kurzen Spanne, wenn man die beiden Welten nebeneinanderstellte) …
Sonntag, 4. Februar – Das kleine Hausmädchen, das Blanche für kurze Zeit ersetzt hat und das uns nun wieder verläßt, sagte zu Pélagie: »So viel ist sicher, ich werde mir eine Stelle bei einer Kokotte suchen … Dort arbeitet man wenig, dort ißt man gut und man hat die Chance, ins Theater oder ins Seebad mitgenommen zu werden!«Eine immer wieder auftauchende aber natürlich unwiderruflich unrealisierbar gewordene Phantasie Hans Köberlins war, bei dem allerersten knabenhaften Erwachen des Geschlechts von einem jungen, sinnlichen Dienstmädchen in die ars amatoria eingeführt zu werden …
Toudouze, dem ich von Maries Vorhaben erzählte, sagte: »Vor zwei Jahren hat sich eine bei mir vorgestellt, der man nach getroffener Abmachung, sagte: ›Und außerdem schlafen Sie an den Tagen, an denen wir abends ausgehen, im Haus. Ich will nicht, daß mein Junge – der noch ein Kind war – allein bleibt.‹ Sagt da nicht das kleine Hausmädchen, als es mit einer Frau, die uns aushilft, wenn wir ohne Dienstboten sind und die uns sehr ergeben ist, die Treppe hinunterging, sagt es da nicht: ›Ich glaube, ich werde mit ihnen auskommen, es scheinen gute Leute zu sein. Es gibt zwar die Bedingung, in der Wohnung zu schlafen, die ein Ärgernis ist, aber ich werde mit dem Sohn schlafen!‹«*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 11, S. 32f. In dem gleichen Eintrag befand sich noch eine interessante Ansicht Daudets, nach der die Ausdrucksweise der Leute mit der Natur ihrer Begabungen zusammenhänge. So sagten Leute, die die Gabe der Wahrnehmung der Dinge besäßen, immer »Sehen Sie das?«, während diejenigen, die nicht pictural seien und die Dinge mehr mit dem Verstand als mit der Wahrnehmung erfaßten, »Verstehen Sie das?« sagten (vgl. ebd., S. 33).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Mittwoch, 3. Februar 2016
Warum neben meinem WC ein Bleistift liegt
… man ist Schriftsteller, so wie Ludwig XIV. König war, selbst auf dem Nachtstuhl.
(Roland Barthes, Mythen des Alltags, Berlin 2010, S. 39).
(Roland Barthes, Mythen des Alltags, Berlin 2010, S. 39).
Montag, der 3. Februar 2014
[125 / 199]
Anschließend putzte er sich ausgiebig die Zähne und legte sich wieder ins Bett, wo ihn ein Sortilegium im Echtermeyer zu folgendem enigmatischen Distichon von Novalis führte …
Ist es nicht klug, für die Nacht ein geselliges Lager zu suchen?Die Klugheit eines (einer bestimmten Ausprägung des) geselligen Nachtlagers war Hans Köberlin evident, aber meinte Novalis mit »Entschlummerte« Schlafende (die Schlafende neben einem) oder Tote?*
Darum ist klüglich gesinnt – der auch Entschlummerte liebt.
Irgendwann erwachte die Frau, man vögelte, frühstückte und fuhr dann mit dem Auto der Frau zum Müggelsee, um einen Spaziergang zu machen. Die Frau wollte unbedingt die Eisfläche betreten, doch am See blies ein derart kalter Wind, daß man das Unternehmen nach wenigen Metern abbrach.** Anschließend besuchte man eine kranke Freundin der Frau in ihrer Wohnung, trank einen Tee dort und versprach, am nächsten Tag für sie Briketts zu besorgen.
* Das DWB (Bd. 3, Sp. 608f.) zitierte in dem betreffenden Lemma als einen Beleg Klopstock mit der Bemerkung, die zitierte Passage sei »seltsam«, was auch Hans Köberlin fand: »einige deiner nachkommen werden entschlummern, einige sterben, aber du sollst des todes sterben.« Die Grimms erklärten diese Reihung mit »leichten und schweren tod bezeichnend.«
** Borges zitierte ein altes chinesisches Sprichwort, nachdem es besser sei, im Nacken den Eishauch des Winters zu spüren als den warmen Atem eines rasenden Elefanten (vgl. Jorge Luis Borges, Von Büchern und Autoren. Rezensionen, Essays, Biogramme 1936-1939; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1993ff., Bd. 4, S. 324).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Dienstag, 2. Februar 2016
Sonntag, der 2. Februar 2014
[124 / 200]
Der Sonntag, der 2. Februar 2014, war, wie Hans Köberlin in drei Tagen von dem entsprechenden Blatt des dann erstandenen Zitatenkalenders erfahren sollte, der Geburtstag von James Joyce (*1882).* Das Blatt zitierte zu diesem Anlaß eine von einem Hans Köberlin unbekannten Fritz Senn ausgewählte Passage aus Finnegans Wake, die wir hier wiedergeben wollen …
All moan day, tears day,»volupkabulary« gefiel Hans Köberlin natürlich, das Vokabular des sinnlich-fleischlichen Begehrens (nackt …) sollte sein Vokabular sein, handfest der Arsch und die Brüste, nicht so idealistisch wie bei Novalis … Gegen zehn Uhr erwachte er neben der noch schlafenden Frau in deren Bett in der Hauptstadt im Bezirk des Hauptmannes. Er konnte sich an drei Träume mit längeren Traumerlebnissen erinnern, in zweien davon ging es um selbstreferentielle Schleifen ähnlich der, die wir im nächsten Kapitel bezüglich Hans Köberlins Aktivitäten erwähnen, eines dieser Erlebnisse war an der Promenade seines Exils angesiedelt …
wails day, shatter day till
the fear of the Law.
How good are you in
explosition? How farflung
is your folkloire and how
velktingeling your
volupkabulary?
* Es gab zwei Filmkalenderblätter, das eine zeigte eine Hans Köberlin nicht bekannte Schauspielerin mit dem unmöglichen Namen Ossi Oswalda (*1897), das Hans Köberlin bloß aufgehoben hatte, weil sie in ihrer Unterwäsche lieblich anzusehen war, und John Hurt in Lynchs The Elephant Man, wie er verhüllt aber dennoch angestarrt von Bord eines Schiffes ging.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Montag, 1. Februar 2016
Samstag, der 1. Februar 2014
[123 / 201]
Nach dem Frühstück machten sie einen kleinen Spaziergang. Spree und Dahme waren zugefroren und schneebedeckt. Hans Köberlin kannte den Bezirk bloß aus den Sommermonaten und sah nun wegen der laublosen Bäume und der Schneeflächen manches anders. Es war so um den Gefrierpunkt und man hatte den Eindruck, daß es bald tauen würde. Hans Köberlin hatte gehofft, einen Ausflug mit dem Fahrrad machen zu können, aber dafür war es ihm nun doch zu kalt. Er erinnerte sich, wie ein Physiklehrer seiner Kindheit die sogenannte Anomalie des Wassers teleologisch erklärt hatte: gäbe es sie nicht, hätte das Wasser seine größte Dichte nicht bei +4 °C, würde es also bei abnehmender Temperatur immer dichter und ergo schwerer, dann sänke das Eis an den Boden der Gewässer, taute dort nicht, sondern kumuliere zu einem ewigen Frost, der alles Wasser und schließlich die Erde gefrieren ließe und alles Leben unmöglich mache: also gebe es die Anomalie des Wassers, damit es Leben geben könne … Und dazu, zu dem Physiklehrer, der der Lehre seines Leibnizʼ geglaubt und der, nur nebenbei bemerkt, eine äußerst entzückende Tochter gehabt, mit der Hans Köberlin ein paarmal im Kino gewesen – unter anderem in Fassbinders Despair (1978) und Wolf Gremms Die Brüder (1977) – und bei der er (Hans Köberlin der Trottel!) nie zu landen versucht hatte, dazu also fiel Hans Köberlin die Frostarie des Cold Genius aus Purcells King Arthur ein …*
* Populär geworden dadurch, daß RTL während der Anfänge des hiesigen Privatfernsehens sie in der Interpretation von Klaus Nomi zum Sendeschluß (man erinnere sich, daß es solches einst gegeben) gespielt hatte …
What power art thou, who from below(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Hast made me rise unwillingly and slow
From beds of everlasting snow?
Seeʼst thou not how stiff and wondrous old,
Far unfit to bear the bitter cold,
I can scarcely move or draw my breath?
Let me, let me freeze again to death.
Sonntag, 31. Januar 2016
Freitag, der 31. Januar 2014
[122 / 202]
Er blickte um sich: … der Peñón de Ifach … die Hochhäuser … das Meer und der Horizont zwischen den Hochhäusern … die Sierra de Oltà unter dem blauen Himmel … die von staubigen Büschen gesäumten Salinen … die Avenida de los Ejércitos Españoles mit ihren Kreiseln … Es war ihm wie ein vorweggenommener Abschied, seine Stimmung steigerte sich in eine heftige emotionale Krise, er hätte weinen mögen … er wollte hier nicht weg …: er wollte bei der Frau sein, aber er wollte hier nicht weg, er wollte hier nie wieder weg, seine Tage sollten hier endlos so weitergehen.* Das alles hier war ihm so vertraut geworden, so zu einem Heim geworden, auch metaphysisch, sagte er sich sogar … Er dachte an den Traum der vergangenen Nacht und daß es schön wäre, das alles hier einmal für eine Woche oder zwei mit dem Busenfreund und den Seinen teilen zu können … er war, so sagte er sich, vollkommen aus der Welt geraten, hier, täglich über diese lange Zeit am Meer, und der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares fiel ihm ein, der am 18. Mai 1930 in sein Livro de Desassossego notiert hatte, alle Gedanken, die Menschen je leben gelassen und alle Emotionen, die Menschen je aufgehört zu leben, seien ihm bei seinen Meditationen am Meer wie ein dunkles Resümee der Geschichte durch den Sinn gegangen.** Er, Hans Köberlin, hätte sich jetzt, um seine Emotionen in den Griff zu bekommen, am liebsten mit ein paar Flaschen Rotwein auf die Dachterrasse gesetzt und sich umgeben von diesem Ort langsam und dabei die richtige Musik hörend betrunken. Aber er wollte auch bei der Frau sein …
* »In keiner Ansicht ist die Welt reich genug, um es sich leisten zu können, nur zu geben, ohne zu nehmen.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 157).
** Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 108.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).
Samstag, 30. Januar 2016
Donnerstag, der 30. Januar 2014
[121 / 203]
Und Edmond heute vor 139 Jahren …
Samstag, 30. Januar – Eine harte Angelegenheit, die mir heute ziemlich schwergefallen ist, an der Stelle wo Edmond und Jules stand, ein Buch, das gedruckt wird, mit einem einzigen Namen zu unterzeichnen.Edmonds Wehmut paßte ein wenig auch in unsere Stimmung, denn wieder war eine Phase vorbei, nicht müßig vertan, aber dennoch verflogen wie nichts …
Time passes by… hatte Dagmar Krause gesungen,* und Nietzsche hatte von der »Bosheit meiner Schneeflocken im Juni« gesprochen,** und wir haben nicht allzu arg vorgegriffen, als wir geschrieben – man lese bloß die Kapitelüberschrift auf der nächsten Seite –, daß die morgige Reise in die Hauptstadt zu der Frau – vor ein paar Wochen noch ein völlig undenkbares Unterfangen! – eine Zäsur – wesentlich tiefgreifender als die, die der letzte Besuch der Frau dargestellt hatte – in dem Exil des Hans Köberlin darstellen wird. Wir werden sehen, wie das alles weitergehen wird …
like a snowflake in the summer sky.
* Art Bears, Winter Songs (1979).
** Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Gesamtausgabe in 15 Einzelbänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 2. Aufl. 1988, Bd. 4: Also sprach Zarathustra, Vom Gesindel, S. 126; er hatte allerdings damit, lieber Hans Köberlin, etwas anderes metaphorisch umschrieben als die Flüchtigkeit der Zeit: »Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Bosheit meiner Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!« »… sehr engadinerhaft!«, wie er an Franz Overbeck schrieb. Etwa zu der gleichen Zeit, in der der pubertierende Hans Köberlin dem Pathos Nietzsches erfolgreich widerstand, hatten Genesis, deren Pathos er da noch nicht entwachsen war, erstmals ohne Peter Gabriel (dessen Ersetzung durch den schrecklichen Phil Collins dann auch der Anfang des Entwachsens sein sollte) gesungen, weshalb sich Hans Köberlin auch – wenn auch ohne den Kontext – an Nietzsche erinnerte …
Was it summer when the river ran dry,(Mad Man Moon auf A Trick of the Tail, 1976).
Or was it just another dam.
When the evil of a snowflake in June
Could still be a source of relief.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Freitag, 29. Januar 2016
Mittwoch, der 29. Januar 2014
[120 / 204]
Das Ithaka-Kapitel warf in einigen Passagen kein sonderlich gutes Licht auf Mr Bloom, indem es seine bildungsbürgerlichen Marotten in den Vordergrund stellte. Und dann sang Stephen dieses antisemitische Lied, was Bloom traurig stimmte, das hieß: weniger das Lied selber, als daß es Stephen war, der es sang, wozu er aber schwieg, während seine Gedanken von der den Christenjungen schlachtenden jüdischen Tochter aus dem Lied zu seiner Tochter abschweiften … wie er ihr die Uhr erklärt hatte …: »the translation in terms of human or social regulation of the various positions clockwise of movable indicators on an unmoving dial …« Hans Castorp war bei seinen müßigen Spekulationen auf dem Zauberberg auf das Phänomen gestoßen, daß man an einer Bewegung im Raum die Zeit ablas … Dabei fiel Hans Köberlin ein, was er neulich bei Lichtenberg gelesen hatte: »Wenn die Menschen nicht nach den Uhren gehen, so fangen endlich die Uhren an nach den Menschen zu gehen.« Früher, so spekulierte nun seinerseits Hans Köberlin, früher waren die Menschen nach der äußeren Notwendigkeit gegangen, mit der Uhr dann hatten sie sich ihre eigene, selbstgemachte (eigentlich unnötige?) Notwendigkeit gemacht, das hieß: die einen hatten diese Notwendigkeit gesetzt, um von der Regulation der anderen zu profitieren. Und wieder fiel ihm Thomas Mann ein: der kleine Hanno Buddenbrook und die Ammen-Uhr …* Die Tatsache allein schon, daß es Uhren gab, hatte zur Folge, daß die Menschen nach ihnen gehen mußten, eine Uhr, die nach dem Menschen ginge, wäre eine contradictio in adiecto.** Die globale Synchronisation … Andererseits erinnerte sich Hans Köberlin, wie er sich nach dem ersten Abschied von der Frau in der Stadt von Roberto Bolaños Exil auf Sants Estació über den hiesigen Regionalismus, der die Ursache dafür war, daß der Beamte an dem Informationsschalter ihm keine genauen Reisezeiten für die autonome Region an der weißen Küste hatte geben können, geärgert hatte …
* Achim von Arnim und Clemens Brentano, Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, Studienausgabe, hrsg. von Heinz Rölleke, Stuttgart u. a. 1979, Bd. 3, S. 298:
Der Wind, der weht,Vgl. auch vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 382f.
Der Hahn, der kräht,
Die Glock schlägt drei,
Der Fuhrmann hebt sich von der Streu.
** »Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich daß schon viel später war als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: ›Von mir willst Du den Weg erfahren?‹ ›Ja‹ sagte ich ›da ich ihn selbst nicht finden kann‹ ›Gibs auf, gibs auf‹ sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.« (Franz Kafka, Ein Kommentar; oder: Gibs auf, wie Max Brod diese Prosastück betitelt hatte).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Donnerstag, 28. Januar 2016
Dienstag, der 28. Januar 2014
[119 / 205]
Am Dienstag, dem 28. Januar 2014, zeigte das eines der beiden archivierten Filmkalenderblätter anläßlich des Geburtstages von Ernst Lubitsch (*1892) ein Still aus dessen Meisterwerk To be or not to be.* Hans Köberlin hatte vom Klettern geträumt, und zwar war er mit jemandem in einer Kneipe, wo man wie in einer Halle auf zwei Touren zwischen den Gästen herumklettern konnte. Sein Begleiter war Profi und hatte die Ausrüstung, aber für ihn, Hans Köberlin, kein Seil. Da man nicht tief fallen konnte, versuchte Hans Köberlin, sich mit einer zusammengedrehten Plastikfolie zu sichern. Die Gäste waren Leute aus der einer ehemaligen Redaktion, in der er sich zum Broterwerb verdingt hatte. Er wollte dann in der ehemaligen Redaktion einem Kollegen eine Audiocassette oder eine CD geben, weil der geheiratet hatte oder heiraten wollte, traf ihn aber nie an, nur die Kollegin, die sich mit ihm, dem Kollegen, das Büro geteilt hatte.
* Das zweite Filmkalenderblatt zeigte ein Still mit Robert Meyer, wie er in Die Ameisenstraße (Michael Glawogger, 1995) in einem Hemd mit Ameisenmuster vor einer Tapete mit dem gleichen Ameisenmuster stand. Joyce hatte ja in Finnegans Wake aus ›Ameise‹ und ›amazing‹ »ameising« kreiert. Mit Ameisen und ihren Straßen und ihren Nestern sollte es Hans Köberlin im Sommer noch zu tun bekommen, siehe unten. Das heutige Blatt aus dem aktuellen Zitatenkalender, auf dem übrigens auch Lubitsch Geburtstag angezeigt wurde, würde am 5. Februar 2014 Hans Köberlin einen Cartoon von Ari Plikat präsentieren: ein Mann stand mit einem Notizblock vor einem Restauranttisch mit einem Paar, das Speisekarten in der Hand hielt, und meinte zu ihnen: »Nee, nee, ich bin kein Kellner, ich schreibe ein Buch über Leute, die nie bedient werden!«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Mittwoch, 27. Januar 2016
Montag, der 27. Januar 2014
[118 / 206]
Wir haben beide Episoden zitiert, die erste weil wir die Vorstellung eines von einem plötzlich wahnsinnig gewordenen Keller in der Dusche hängengelassenen Daudets äußerst amüsant fanden – eine Komödie mit Louis de Funès in der Rolle des unter Ataxie leidenden Dichters … – und weil sie außerdem ein erneuter Beleg dafür war, daß man einem von der schreibenden Zunft nichts Intimes erzählen sollte …, und die zweite weil wir bei der an Lichtenbergs Diktum – »Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.«* – gemahnenden Eloge einer Veränderung um jeden Preis, selbst um den einer späteren Unzufriedenheit mit ihr, der Veränderung, bei diesem »Widerstreit von Konstanz und Steigerung, zwischen Anstößigkeit des Zuverlässigen und Aussichtsreichtum des Unbestimmten«,** an Diotima denken mußten. Vorher sollte doch eine Auseinandersetzung mit dem Gegebenen kommen … man mußte schon arg mit dem Rücken an der Wand gestanden haben …
* Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd. 2, S. 450. – Als wir die Quelle verifizieren wollten, weil wir vergessen hatten, daß wir bloß hätten in Telos nachschlagen müssen (vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 88 und dort die Fußnote 311), da stießen wir, weil wann immer und warum auch immer wir die Sudelbücher zur Hand nahmen, sie nicht weglegen konnten, ohne in ihnen zu stöbern, im Heft K auf folgenden Eintrag, den man auch hätte zu der vorherigen Episode anwenden können: »Während man über geheime Sünden öffentlich schreibt, habe ich mir vorgenommen, über öffentliche Sünden heimlich zu schreiben.« (ebd., S. 439). Die Brüder machten, wie man mittlerweile wohl bereits bemerkt hat, beides.
** Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 149.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
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Dienstag, 26. Januar 2016
Sonntag, der 26. Januar 2014
[117 / 207]
Dann las er bei Pessoa die Passage mit der Nummer 45 …
Ein leidenschaftsloses, kultiviertes Leben leben, im Freien der Ideen, lesend, träumend und ans Schreiben denkend, ein Leben, so hinlänglich langsam, daß es stets dem Überdruß nahe kommt, doch hinreichend überlegt, um ihm nicht zu nahe zu kommen. Dieses Leben fern von Gefühlen und Gedanken leben, nur in Gedanken an Gefühle und an die Gefühle der Gedanken. Golden stillstehen in der Sonne wie ein dunkler, von Blumen gesäumter See. Im Schatten so einzigartig vornehm sein, nichts zu verlangen vom Leben. In der Volte der Welten Blütenstaub sein, aufgewirbelt von einem ungekannten Wind in die Nachmittagsluft und von der reglosen Abenddämmerung fallen gelassen an einem Zufallsort, sich verlierend unter größeren Dingen. Dies alles in sicherem Wissen sein, weder heiter noch traurig, der Sonne dankbar für ihren Schein und den Sternen für ihre Ferne. Nicht mehr sein, nicht mehr haben, nicht mehr wollen … Die Musik des Hungrigen, das Lied des Blinden, das Andenken des unbekannten Wanderers, die Spuren des Kamels in der Wüste, ohne Last noch Ziel …*Dieser Text kam Hans Köberlins Absichten und Idealen sehr nahe, war aber von Entsagungsvorsätzen getränkt, die unserem sinnlichen Helden nicht entsprach, jedenfalls nicht in allen Bereichen – den wichtigen, sexuellen, rauschhaften – entsprach … Hans Köberlin modifizierte den Text …
EinEr fragte sich, ob man das eine ohne das andere leben konnte, ein dionysischer Stoiker sein …leidenschaftsloses,kultiviertes Leben leben, im Freien der Ideen, lesend, träumend und ans Schreiben denkend, ein Leben, so hinlänglich langsam, daß es stets dem Überdruß nahe kommt, doch hinreichend überlegt, um ihm nicht zu nahe zu kommen. Dieses Lebenfern von Gefühlen und Gedankenleben,nurin Gedanken an Gefühle und an die Gefühle der Gedanken. Golden stillstehen in der Sonne wie ein dunkler, von Blumen gesäumter See. Im Schatten so einzigartig vornehm sein, nichts zu verlangen vom Leben. In der Volte der Welten Blütenstaub sein, aufgewirbelt von einem ungekannten Wind in die Nachmittagsluft und von der reglosen Abenddämmerung fallen gelassen an einem Zufallsort, sich verlierend unter größeren Dingen [nämlich der Liebe]. Dies alles in sicherem Wissen sein,weder heiter noch traurig,der Sonne dankbar für ihren Schein und den Sternen für ihre Ferne. Nicht mehr sein, nicht mehr haben, nicht mehr wollen [»mehr« immer bloß quantitativ gemeint] … Die Musik des Hungrigen, das Lied des Blinden, das Andenken des unbekannten Wanderers, die Spuren des Kamels in der Wüste, ohne Last noch Ziel …
Am Nachmittag ging Hans Köberlin, weil es relativ windstill blieb, einmal wieder zur ›Coral Beach Bar‹. Unterwegs, auf diesem wunderbaren Küstenwanderweg, fragte er sich, wie das wohl war, wenn man eine gelernte Profession beherrschte und gerne ausübte und damit in Lohn und Brot stand und derart gut war – wie das bei der Frau der Fall war –, daß man eine Entlassung nicht fürchten mußte, weil die Welt auf einen wartete … Hans Köberlin konnte sich das bloß abstrakt vorstellen.**
* (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 54).
** Der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, um noch einmal auf das Livro do Desassossego zurückzukommen, hatte geschrieben, es sei der zentrale Irrtum der literarischen Phantasie, zu vermuten daß die anderen wie man selber seien und daß man selber wie sie fühlen müsse (ebd., S. 177). Außerdem, wie schon Demokrit gewußt hatte: »Viele, die nichts Vernünftiges gelernt haben, leben trotzdem vernünftig.« (Die Fragmente der Vorsokratiker, griechisch und deutsch von Hermann Diels, Berlin vierte Aufl. 1922, Bd. 2, S. 74).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
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Montag, 25. Januar 2016
Samstag, der 25. Januar 2014
[116 / 208]
Beginnen wir den Samstag, den 25. Januar 2014,* wie gewohnt mit einer Traumschilderung Hans Köberlins: »Träumte von einer anderen Welt, in die ich mittels eines Behältnisses, wie es auf Baustellen verwendet wird, in Lewis-Carroll-Manier durch ein Loch in der Wand geriet. Die Aliens sahen aus wie Menschen und ihre Welt sah aus wie unsere Welt. Ich schloß Freundschaft mit einem weiblichen Alien und mit noch jemandem. Wir saßen irgendwo, ich blätterte in einer Zeitung, als mich ein Mann mit einem Schnauzbart (er sah aus wie der Fritz in Tote Taube in der Beethovenstraße) ansprach und fragte, ob ich Interesse an zwei Kisten mit Büchern hätte. Ich fragte mich, ob der schwul war und mich ködern wollte, hatte aber kein Interesse an Sex mit ihm und nahm nur die Kiste und fragte das weibliche Alien, ob ich sie bei ihr unterstellen könne. Die warnte mich vor der Polizei, denn das sei hier verboten.
* Es gab anläßlich des Geburtstags von Georg Tressler im Jahre 1917 gleich zweimal Stills aus Die Halbstarken, einmal wie Horst Buchholz einem jungen Mädchen im Sinne des Wortes an die Wäsche ging, und einmal wie er vor zwei Kumpels einen Jungen ärgerte. Und am 25. Januar 1990 war Ava Gardner gestorben. Das Filmkalenderblatt aus dem alten Jahrgang zeigte ein Still aus Buñuels Viridiana (1961), auf dem man sah, wie Fernando Rey sich über die liegende Silvia Pinal beugte und ihre Brüste entblößte … Hans Köberlin überlegte einen Moment, kam aber dann zu dem Schluß: »Zuviel Fernando Rey und zu wenig von den Brüsten Silvia Pinals«, und er legte das Blatt zurück in seine Filmkalenderblattsammelkiste.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Sonntag, 24. Januar 2016
Freitag, der 24. Januar 2014
[115 / 209]
… und begann danach erfrischt nach dem gestrigen Abschluß von Bretons Anthologie de l’humour noir mit der Lektüre von Peter Handkes Der große Fall, um den verschiedenen Stimmen noch eine solche, über die Jahre der Nichtlektüre ungewohnt gewordene, hinzuzufügen. Auch dieser Band war eher zufällig über ihn und in seine Basisbibliothek gekommen: Diotima hatte ihn, weil ihr die Erzählung nicht gefallen, aus ihren Büchern aussortiert, und Hans Köberlin, der eh einen Band dieses von ihm in einer wichtigen Phase seines Lebens geschätzten und verschlungenen Autors mitnehmen wollte (auch als Kontrollgruppe ›Stil‹), hatte sich angesichts ihrer momentan ausschließlichen Lektüre (esoterische Konstrukte, esoterische Ratgeber und esoterisches Weltverbesserungsgeschwätz)* gedacht, daß dieses Nichtgefallen vielleicht eher für Handke sprechen würde und den Band aus der Ausmusterungskiste gerettet. Handke erzählte von einem Schauspieler,** der sich nach der Liebesnacht mit einer Frau zufuß aufmachte, vom Haus der Frau in der Peripherie einer Metropole in das Herz der Metropole zu gehen.*** Dabei hatte er eine Reihe seltsamer Begegnungen, die ihm Anlaß zum Reflektieren und Räsonieren gaben. Am Ende der Erzählung dann, der Mann war der Frau, mit der er verabredet, bereits ansichtig, kam die Zielverweigerung: »Statt dessen der Große Fall.« Das, »der große Fall«, war aber, wie mehrfach, wahrscheinlich um zu irritieren, in Aussicht gestellt worden war – Handke hatte zu viele Anspielungen auf ein mögliches Ende, daß nur er kannte, gemacht –, kein Selbstmord gewesen.
* Leute, die in ihrem Leben spirituell seien, so konnte man unter dem Datum des 24. August 1867 im Journal der Goncourts lesen, Leute, die im Gespräch nicht dumm seien (was sie, nebenbei bemerkt als Bauernfänger auch nicht sein durften), ließen die heimliche und verborgene Dummheit ihres eigentlichen Wesens, ihren innersten Kern, den Schwachsinn, den sie versteckten, in ihre Bücher einfließen (vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 491).
** Hans Köberlin glaubte wegen des Duktus des Erzählens die Stimme Bruno Ganzʼ zu hören und das Agieren Bruno Ganzʼ zu sehen, obwohl Bruno Ganz – anders als Handkes Schauspieler in Peter Steins sportiver Guinnessbuchinszenierung den Faust gespielt hatte. In dem Büchermenschen im Wald glaubte Hans Köberlin wegen der Narbe auf der Stirn Rainald Goetz zu erkennen (es konnte aber auch Diderot gewesen sein, der ja auch eine blasse Narbe auf der Stirn gehabt hatte), ganz sicher war mit dem Schauspielerkollegen, der sich vom Meer hatte fortspülen lassen, der großartige Ulrich Wildgruber gemeint, den Hans Köberlin zwar in Zadeks Lulu auf der Bühne und in diversen Rollen im Fernsehen gesehen, den er aber vor allem als Stimme kannte, und eines seiner liebsten Hörspiele war das 1993 vom hessischen Rundfunk produzierte 57 Minuten lange Hörspiel Das Büro der schwarzen Stunde von Wilfried F. Schoeller, nach Texten von Fernando Pessoa.
*** Clemens Limbularius hatte einmal – gleichfalls an einem heißen Sommertag – in der Hauptstadt ein Projekt in die entgegengesetzte Richtung, also vom Zentrum in die Peripherie, unternommen, vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 362 und S. 366f.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
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Samstag, 23. Januar 2016
Donnerstag, der 23. Januar 2014
[114 / 210]
Am Donnerstag, dem 23. Januar 2014, zitierte, wie Hans Köberlin noch erfahren sollte, das Kalenderblatt des Zitatenkalenders Machiavelli: nur durch die Armut und durch den Reichtum seien wir ungleich. Nun, das galt, so Hans Köberlin, aber nur unter gewissen Gesichtspunkten … es gab ja auch noch die gute alte Geschlechterdifferenz … Nur durch … nur durch …: das waren so wohlfeile Weisheiten, verkündet nach Tageslaune … Und Hans Köberlin sollte sich dann, als er das las, weiterhin sagen, daß diese angesprochene ökonomische – und damit politische! – Ungleichheit – selbst bei gleichen Ausgangslagen – eine soziale Konstante sei, resultierend aus verschiedenen Interessen …: der eine interessierte sich eben für ungleichen Besitz beziehungsweise willkürliche Machtverteilung (wobei ›ungleich‹ beziehungsweise ›willkürlich‹ dem daran Interessierten immer ›mehr als‹ bedeutete), der andere für das (ihm) ungleiche Geschlecht, von dem er nie genug bekommen konnte (wobei es gegen willkürliche Geschlechterdifferenzen keine Einwände gab) …; und mit ärmer und reicher, wegen ihm auch mit stinkreich, damit hatte Hans Köberlin sich arrangiert, aber man hatte es mit der Zivilisation noch nicht sehr weit gebracht, so sagte er sich, solange man wirkliche Armut und wirkliche Not duldete oder billigend inkaufnahm, ja sogar bewußt produzierte, um Druck von unten auszuüben … wobei da dann auch das ›wirklich‹ zu definieren wäre. Edmond de Goncourt hatte irgendwann 1890 notiert, Geld sei eine schmutzige Angelegenheit und könne nur durch Quantität rehabilitiert werden … wohl war, wohl war. – Wie dem auch sei, nach dem Blick in die Filmkalenderblattsammelkiste wußte Hans Köberlin, was er heute im Verlauf des Tages hören würde, denn auf dem Blatt vom vergangenen Jahr sah man eine besorgte Jeanne Moreau (geboren am 23. Januar 1928) am Telephon. Sie konnte ihren Geliebten nicht erreichen und ahnte ergo da noch nicht, daß die perfekt geplante Ermordung ihres Gatten durch ihn, ihren Geliebten, wegen eines steckengebliebenen Aufzugs ruchbar werden würde … Wir müssen wohl immer noch nicht sagen, daß –, können uns aber diesmal nicht verkneifen zu sagen, daß das Still aus Louis Malles Klassiker Ascenseur pour lʼéchafaud (1958) und daß der Soundtrack, den Hans Köberlin, wie gesagt, später am Tag hören sollte, von Miles Davis stammte …* Und nicht nur hatte Jeanne Moreau Geburtstag, am 23. Januar 1961 hatte auch Jules et Jim seine Premiere gehabt, weshalb das Filmkalenderblatt aus dem Jahre 1996 sie mit Henri Serre und Oskar Werner am Strand präsentierte.
* Außer der Geburtstag von Jeanne Moreau war der 23. Januar auch der Geburtstag von Hark Bohms Sohn Uwe (*1962), weshalb das Blatt von 2012 ein Still aus Nordsee ist Mordsee zeigte (da kam der Soundtrack übrigens von Udo Lindenberg, den Hans Köberlin bei jeder Tatort-Episode trommeln hörte und dessen Solokarriere er, Hans Köberlin, während seiner Pubertät – jaja, ein schwieriges Alter – über die ersten vier-fünf Alben verfolgt hatte), und schließlich war es noch der Geburtstag von Dan Duryea (*1907), den man 1997 neben June Vincent in William Neills The Black Angel (1946) sehen konnte, und es war der Todestag Humphrey Bogarts (†1957; eines der Kalenderblätter hatte wieder irrtümlich ein ›*‹ gesetzt).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Freitag, 22. Januar 2016
So ähnlich etwa …
Zappa hat diese Herangehensweise einmal als »obsessives Overdubbing« bezeichnet, womit er völlig richtig liegt. Es gab keinen Grund, so viele Bruchstücke so vieler Bänder zu verarbeiten – vier oder fünf hätten es auch getan –, außer der puren Freude an dieser Arbeit. Dort saß er, alleine, die Rasierklinge in der Hand (elektronisches Equipment konnte er sich erst später leisten), und hatte alles unter Kontrolle: Er war Herr über Zeit und Raum in einem Ambiente, das nur dazu da war, ihm und seiner Arbeit zu dienen.
(Barry Miles, Zappa, Berlin 2005, S. 344f.).
(Barry Miles, Zappa, Berlin 2005, S. 344f.).
Mittwoch, der 22. Januar 2014
[113 / 211]
Nach ein paar Minuten bat er ihn – noch kauend – herein und nahm ihm seinen Rucksack und den Anorak ab, um beides an der Garderobe aufzuhängen.
»¿Na, wie ist es Ihnen seit unserer ersten Begegnung ergangen. Kamen die Herren von der Guardia Civil nochmals vorbei?«
»Nein, die haben zur Zeit auch anderes zu tun …«
»¿Sie meinen die Leiche am Strand? Ja, das ist eine schlimme Sache …« und er blickte sinnierend ins Leere … Wußte er durch seine Nebentätigkeit mehr von dieser ›schlimmen Sache‹? – »¿Was kann ich denn für Sie tun?«*
»Die Form so lassen, bloß kürzen.«
»¿Wann waren Sie zum letzten Mal beim Friseur?«
* In seiner Nuova Enciclopedia überlieferte Alberto Savinio, zur Zeit Napolenons III. hätten die Friseure in der Stadt der Liebe ihre Kunden gefragt, ob sie einen Diplomatenkopf, einen Offizierskopf oder einen Bankierskopf wünschten (vgl. Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Masken und Verkleidung, S. 234). Hans Köberlin wollte eine zeitlose Frisur in der Manier eines Gentlemans während der klassischen Moderne, er wußte aber nicht, ob diese Beschreibung in seinem Sinne bei Carlos Metafonía ankommen würde und behielt sie für sich.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Donnerstag, 21. Januar 2016
Dienstag, der 21. Januar 2014
[112 / 212]
Nach dem Frühstück las Hans Köberlin im leeren Wintergarten im Ulysses weiter. Man saß in der Kutscherkneipe und wurde von dem Matrosen angesprochen. In diesem Kapitel war die Chance, auf schönen Schweinkram zu stoßen, gering. Bei Luhmann las er anschließend: »Man kann angesichts der Komplexität der Welt nicht alle Bedingungen der Möglichkeit eines Sachverhalts in den Begriff dieses Sachverhalts aufnehmen; denn damit würde der Begriff jede Kontur und jede theoriebautechnische Verwendbarkeit verlieren.« Und: »Jede andere Auffassung (als die Zwecklosigkeit der Kommunikation) müßte begründen, weshalb das System nach dem Erreichen seiner Zwecke fortdauert; oder man müßte, nicht ganz neu, sagen: Der Tod sei der Zweck des Lebens.«* Und: »Und selbst bei aktuellen Themen – selbst wenn man endlich einen Parkplatz gefunden hat und nach langen Fußmärschen das Café erreicht hat, wo es in Rom den besten Kaffee geben soll und dann die paar Tropfen trinkt – wo ist da Konsens oder Dissens, solange man den Spaß nicht durch Kommunikation verdirbt? (…) Es kann aber, und dies scheint mir für fernöstliche Kulturen zu gelten, auch umgekehrt sensibilisieren: Man vermeidet Kommunikation mit Ablehnungswahrscheinlichkeiten, man versucht Wünsche zu erfüllen, bevor sie geäußert wurden, und signalisiert eben dadurch Schranken; und man wirkt an der Kommunikation mit ohne zu widersprechen und ohne die Kommunikation dadurch zu stören, daß man Annahme oder Ablehnung zurückmeldet.« … wie Breton einmal gesagt hatte: hier bewege sich nicht der Mensch sondern die Erde. Und Jean Ferry, der gefragt hatte, ob es einem nicht auch schon einmal passiert sei, daß man den Fuß im Dunkeln auf die oberste Treppenstufe gesetzt habe, auf jene, die gar nicht vorhanden, und in diesem Land passiere einem das dauernd, der Stoff, aus dem jene nicht vorhandene Treppenstufe bestehe, sei hier der Stoff schlechthin.
* Novalisʼ 14. Blüthenstaubfragment fiel Hans Köberlin ein: »Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen.« (in: Novalis, Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs, hrsg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel, Stuttgart 1960ff., Bd. 2, S. 417).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Mittwoch, 20. Januar 2016
Montag, der 20. Januar 2014
[111 / 213]
Am Abend schaute er nach dem Essen wieder die Wiederholung einer Tatort-Episode, Schlafende Hunde (2010). Es ging so, es ging um Stasi-Seilschaften (»He, he, he –: da kann ich jetzt mitreden, nicht betreffs der Stasi, aber betreffs der Seilschaften!«) und ein süßer Hund (das war jetzt ironisch gemeint!) mußte sterben, und am sympathischsten fand Hans Köberlin noch den ehemaligen Stasi-Oberst, der auch den Hund vergiftet hatte, weil der, der ehemalige Stasi-Oberst, abgeklärt und professionell gewesen war … überhaupt: die Professionalität … Der interessanteste Teil des Plots, das implantierte Mißtrauen unter Kollegen, wurde en passant abgetan. Anschließend setzte er seine Hoffnung auf die Wiederholung einer Episode aus der Polizeiruf 110-Reihe, denn Kurt Böwe spielte mit, und dessen mecklenburger Charme mochte er. Der Fremde (1997) hieß die Episode, man machte auf Western und übertrieb den Klamauk zu arg, da konnte auch Kurt Böwe nicht mehr viel retten. Ingo Naujoks gab den Fremden, und Hans Köberlin glaubte, seine Chance auf seriöse Rollen hatte der – wie einst Rolf Zacher* – vertan. – Was Hans Köberlin an diesem Tag von John Zorn hörte, das war nicht mehr zu ermitteln.
* Hans Köberlin erinnerte sich an Rolf Zachers Auftritt in der Kommissar-Finke-Episode Strandgut (1972), wir zitieren aus dem Arbeitsjournal vom 22. Juni 2009: »Ein weiterer Syltkrimi neben Wodka Bitter Lemon (1975) mit Haferkamp: reiche ältere Herren mit einem Ruf zu verlieren wurden zu verfänglichen Situationen in die Dünen gelockt und anschließend von zwei Gaunern – einer, der Photograph, sehr schön von Rolf Zacher gespielt – erpreßt (wer einen Ruf zu verlieren hat, der scheint geradezu als intimen Ausgleich für diese soziale Anstrengung in den Status zu kommen, eine Geliebte zu brauchen). Als Kommissar Finke dann auftauchte, starben nacheinander die beiden Lockvögel. Diese Todesfälle, von denen nur einer ein Mord war, waren, wie am Ende herauskam, anders verlaufen als der Kommissar es sich gedacht und wie es offenbar ausgesehen, was man als Zuschauer aber bereits länger geahnt hatte. Eine angenehme Unterhaltung, eintauchen in ichweißnichtwas … ich kann nicht einfach sagen: ›So, jetzt bin ich ungestört, jetzt schreibe ich aber auch.‹«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Dienstag, 19. Januar 2016
Sonntag, der 19. Januar 2014
[110 / 214]
Nach dem Frühstück setzte er sich mit dem Gasofen an seinen Schreibtisch, da keine Sonne den leeren Wintergarten wärmte. Bei Kierkegaard, den er nach einer längeren Pause einmal wieder zur Hand nahm, fand Hans Köberlin überraschend, denn er hatte dies vollkommen vergessen, eine Metaästhetik der ›Posse‹. Von Possen konnte ja Hans Köberlin mittlerweile auch ein Lied singen, oder hätte gekonnt, wenn er gewollt. – Kierkegaard begann seine Ausführungen mit der Feststellung, daß wenn man bei der Darstellung von etwas »schlechthin« oder »überhaupt« mit der (einzig notwendigen) Abstraktion nicht zu Rande komme, es auch durch das Gegenteil erreichen könne, nämlich durch eine zufällige Konkretion, denn: »Dicht hinter dem Ideal kommt nämlich das Zufälliges als das Nächste.« Darauf folgte eine Beschreibung des ständigen Gelächters des Publikums als integralem Bestandteil der Aufführung – die Posse war also der Vorläufer der Sitcom mit ihrem Dosenlachen – und mit der Feststellung, daß die Posse ihre Sujets aus den unteren Sphären nehme, ein Tatbestand, der das dementsprechende Publikum seinen Status als Publikum vergessen ließe. Dann differenzierte er das Lachen des dementsprechenden Publikums von anderem, davon verschiedenen Lachen und schloß daraus, daß die Wirkung der Posse individuell produziert sei und damit das Publikum »von allen ästhetischen Verpflichtungen, zu bewundern, befreie. Es gab bei der Posse keine Rezeptionsvorschriften wie in der kanonisierten Kunst, die durch ihre Kanonisierung der Überraschung beraubt sei: »Man kann sich da nicht verlassen auf die Aussagen der Nachbarn, des Gegenübers und der Zeitungsblätter, ob man sich amüsiert hat oder nicht.«* Kierkegaard sprach der Posse jegliche Ironie ab und bezeichnete sie als naiv, doch diese Naivität sei für den, der nicht wie das dementsprechende Publikum von der Handlung involviert werde, illusorisch, was die Möglichkeit zu authentischen Stimmungen biete. Unter dem Ensemble einer Posse, so Kierkegaard weiter, dürften sich höchstens zwei oder drei Genies befinden, die das nicht durch Erlernen einer Kunst, sondern durch ihr Wesen wären (als »Lyriker« bezeichnete er sie)** – Henry Vahl fiel Hans Köberlin ein, und Willy Millowitsch –, der Rest der Truppe sei – wegen des eingangs erwähnten Umstands – am besten zufällig zusammengewürfelt und mit Mäkeln behaftet,*** das untergeordnete Personal wirke durch jene abstrakte Kategorie »überhaupt«. Diese zufällige Konkretion verweise den nicht involvierten Rezipienten auf die Wirklichkeit und er »sieht diese Zufälligkeit die Forderung erheben, die Idealität zu sein, welches sie dadurch tut, daß sie in die Kunstwelt der Szene eintritt.« Daß die Zufälligkeit die Idealität sein sollte, das gefiel Hans Köberlin, und er fragte sich, ob man betreffs des Unterlaufens der Erwartung der Rezipienten Kierkegaards Überlegungen zur Posse auch auf den Begriff des ›Genres‹ übertragen könne, etwa auf das Genre des Kriminalfilms … in den Grenzen des Genres bleiben und sie gleichzeitig transzendieren … der frühe Godard hatte das gemacht … Bande à part (1964) … Hans Köberlin mußte an seine Lieblingsunterscheidung denken, nämlich die von Lévy-Strauss in La pensée sauvage gemachte in Ingenieure, die eine Idee oder ein Ideal hatten, daß sie der Welt aufzwingen wollten, und in Briccolateure, die nahmen, was zufällig da war und dann schauten, was man damit machen konnte.****
* Weiter unten merkte Kierkegaard an: »Die Luft im Theater ist auch ziemlich rein, nicht infiziert von dem Schweiß und den Ausdünstungen eines kunstempfindenden und kunstbegeisterten Publikums.«
** Von einem meinte Kierkegaard: »Er kann nicht bloß gehen, er kann auch gegangen kommen.«
*** Eine Ausnahme sollte – natürlich! – die Liebhaberin bilden, bei ihr müsse man darauf achten, daß sie anmutig wäre und ihre Wirkung freundlich und wohltuend.
**** Vgl. vom Verf. HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012, S. 350ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
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Ästhetik,
HannaH & SesyluS,
Lektüre,
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Montag, 18. Januar 2016
Samstag, der 18. Januar 2014
[109 / 215]
Und wie begingen die Brüder 50 Jahre vor Arno Schmidts Geburtstag diesen Tag? – Nun: dem Nachgeborenen angemessen, und weil die behandelten Themen interessant sind (und, nebenbei bemerkt, weil stellenweise ein erschütternder Eindruck von unserem Säulenheiligen Flaubert vermittelt wird), wollen wir den längeren Eintrag aus dem Journal in seiner vollen Länge zitieren …
18. Januar – Bei Magny.… »Man lacht und geht« …: ach ja! Hans Köberlin hätte sich auch gerne einmal wieder einen Abend lang unter geistreichen Reden mit Freunden betrunken …
Man spricht über Schurkereien in der Literatur. Gautier streitet sie ab. Sainte-Beuve schlägt mit der Faust auf den Tisch: »Hören Sie auf! Jeden Tag bekomme ich infame Briefe! Schreibt man mir etwa nicht in Bezug auf Vigny: ›Wir warten darauf, Sie über Monsieur de Vigny sprechen zu hören, der von Ihnen gesagt hat: Sainte-Beuve ist eine Kröte, die jedes Wasser, in dem sie schwimmt vergiftet.‹ Ich bin sicher, daß das ein Universitätsprofessor ist. Nur die sind zu solchen Feigheiten in der Lage.«
Und man kommt auf die Frauen, das übliche Gesprächsthema. Gautier behauptet, er liebe nur die asexuelle Frau, das heißt die so junge, daß sich jede Vorstellung von Geburt, von Mutterschaft, von Entbindung verbietet; und er fügt hinzu, da er diesen Geschmack wegen der Polizisten nicht befriedigen könne, hätten sämtliche Frauen, ob sie nun zwanzig oder fünfzig seien, für ihn das gleiche Alter.
Da kommt Flaubert in Fahrt mit glühendem Gesicht, röhrender Stimme, die großen Augen rollend, und sagt, Schönheit sei nicht erotisch, schöne Frauen seien nicht zum Vögeln da, sie taugten als Modell für Skulpturen, die Liebe bestehe aus jenem Unbekannten, das Erregung hervorruft und die Schönheit sehr selten hervorruft. Er beschreibt sein Ideal, das sich als das Ideal der ordinären Rouchie herausstellt. Man zieht ihn auf. Nun sagt er, er habe nie wirklich eine Frau gevögelt, er sei Jungfrau, er habe aus allen Frauen, die er gehabt habe, die Matratze einer anderen erträumten Frau gemacht.
Währenddessen diskutieren Nefftzer und Taine über das Wort konkret, wundern sich dabei über alle Bedeutungen, die es umfaßt, und werfen dauernd mit Begriffen wie Idiosynchrasie* um sich.
Flaubert, der heute abend noch ein wenig großmäuliger ist als gewöhnlich und seine Paradoxa nicht mit Gautiers Leichtigkeit eines indischen Gauklers einwirft, sondern sie mühsam im Gleichgewicht hält wie ein Jahrmarktsherkules oder vielmehr einfach wie ein überspannter Provinzler, beteuert, der Koitus sei für die Gesundheit des Organismus überhaupt nicht vonnöten, er sei ein eingebildetes Bedürfnis. Taine gibt ihm zu bedenken, daß er, der kein großer Vögler sei, wenn er sich alle zwei oder drei Wochen dem Koitus widme, immerhin von einer gewissen Unruhe, einer gewissen Zwanghaftigkeit befreit sei und merke, daß er den Kopf freier habe für die Arbeit. Flaubert antwortet, daß er sich täusche, daß der Mann keinen Samenerguß brauche, sondern einen Erguß der Seele** und da er, Taine, im Bordell vögele, keinerlei Erleichterung empfinden könne, daß man Liebe brauche, daß man Erschütterung brauche, das Erbeben beim Drücken einer Hand. Wir geben ihm zu bedenken, daß sehr wenige von uns dieses Glück besäßen, da doch die, die sich nicht im Bordell befriedigten, eine alte Mätresse, eine Frau von der Straße oder eine rechtmäßige Gattin hätten, bei denen es weder Erschütterung noch Erbeben gäbe. Also hätte dreiviertel der Menschheit keinen Erguß der Seele und viel Glück, wenn er ihnen in einem ganzen Koitusleben dreimal begegne.
Das ganze Diner lang streitet man sich darüber herum; man läuft einmal um die Welt der Frage wegen. Flaubert beteuert, die Barbaren seien Päderasten und Sodomisten, während die Zivilisierten Masturbateure und Cunnilinguisten seien, wobei der Cunnilingus die religiöse Anbetung der Frau sei.
Vom Koitus kommt man zum Spleen. Taine klagt über diese besondere Krankheit unserer Profession. Wir, die das Genie für eine Neurose halten, finden sie ganz natürlich. Aber da kommt Gautier mit der Behauptung, das Genie sei im Gegenteil der Gipfel der Gesundheit, das vollkommene Gleichgewicht der vitalen Kräfte: »Und das Talent? frage ich ihn. – Ach ja, das Talent, da gebe ich Ihnen recht, das ist vielleicht eine krankhafte Veranlagung.«
Währenddessen ist Taine in seinen Wortschwall gestiegen wie ein schottischer Wanderprediger in seine kleine tragbare Holzkanzel. Er fordert, daß man den Spleen mit allen medizinischen, hygienischen, moralischen Mitteln bekämpft und vor allem mit einer guten Methode. Man kann ihm noch so laut zurufen, daß vielleicht unser ganzes Talent nur unter der Bedingung dieses nervösen Zustands existiert, er läßt sich nicht beirren. Er fordert, daß man gegen diese Zustände von Erschlaffung und Faulheit angehen soll, die ihm zu zeigen scheinen, daß Jahrhunderte an der Schieflage einer Geisteskultur abrutschen. Und stets Engländer und Protestant, sieht er die Heilung des Spleens, die Rettung und Erneuerung fatal verfallender Gesellschaften in der kindlichen Nachahmung der englischen Sitten, in jenem staatsbürgerlichen Leben, in einer Übernahme des englischen Patriotismus und Patrouillotismus – »]a, ruft ihm einer von uns zu, die Allianz von Talent und Nationalgarde!«
Man lacht und geht.
* Siehe dazu vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 381ff., wo wir darüber berichtet haben, wie Clemens Limbularius als der Herausgeber von Hans Köberlin sich mit dessen Essay über den Begriff der ›Idiosynkrasie‹ beschäftigt hatte.
** Wir möchten an dieser Stelle nochmals Shirley MacLaine mit ihrem Bonmot zu Wort kommen lassen, nämlich Männer, bei denen die Lust von Herzen komme (und Herz oder Seele …: cʼest bonnet blanc ou blanc bonnett!), seien ihr suspekt, denn die Lust solle etwas tiefer sitzen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Sonntag, 17. Januar 2016
Freitag, der 17. Januar 2014
[108 / 216]
Die Sonne machte Hans Köberlin schläfrig, er legte seine Füße auf den zweiten Stuhl und nickte ein, ein paar Minuten nur, dann war er wieder frisch. »Die Hunde bellen, aber die Kamele ziehen vorbei«, las er bei Ingeborg Bachmann. Er schaute nach seiner elektronischen Post, der Verleger hatte auf ein Schreiben Hans Köberlins geantwortet, er wurde auf seine alten Tage anscheinend noch zum Lacanianer … Dann stieß er bei Shakespeare, bei dem er die Herkunft einer Phrase recherchierte, zufällig in The History of Troylus and Cressida, Act 1, Scene 2, auf eine Stelle, die ihm gefiel: »Indeed a Tapsters Arithmetique may soone bring his particulars as therein, to a totall.« Und dann begann er, nicht wie beabsichtigt morgen, sondern bereits heute, also einen Tag vor Arno Schmidts 100. Geburtstag, mit der Lektüre von Schwarze Spiegel, jener Erzählung, in der ein Ich-Erzähler in typisch schmidtscher Manier beschrieb, was ein Überlebender des finalen Atomkriegs 1960 (also dem Jahr, in dem Hans Köberlin geboren worden war) allein in der Lüneburger Heide so treiben würde. Er, an der Stelle des Protagonisten, so sagte sich Hans Köberlin, er hätte sich zum südlichsten Punkt Europas durchgeschlagen. Was Hans Köberlin von der Lektüre der diversen Romane und Erzählungen Arno Schmidts gelernt hatte – er hatte diesem Autor überhaupt viel zu verdanken –, das war das ad-hoc-Sicheinrichten, auch wenn es bloß um temporäre Aufenthalte ging (hier, an der weißen Küste, das war ein Mittelding: ein temporäres Andauerndes). Da standen sie alle in der Tradition Robinson Crusoes.* Hans Köberlin vermutete, Schmidt ging es in Schwarze Spiegel unter anderem auch darum, sich an der Bürokratie zu rächen, etwa bei der Postamtsszene …: ein kleinbürgerlicher Cioran, der die Welt untergehen ließ, um einmal hinter den Postschalter stehen und in fremden Briefen schnüffeln und später dann unbehelligt Bücher klauen zu dürfen …: seine Welt nach dem Atomkrieg war eine einzige Wunscherfüllungsphantasie. Aber einen Wunsch konnte man sich nicht alleine erfüllen, den wichtigsten …
* Es gab – neben Schwarze Spiegel und anderen Erzählungen Schmidts – noch einige Referenzen zu den Modalitäten seines Hierseins, denen er noch nicht nachgegangen war, Defoes Roman gehörte dazu und Shakespeares The Tempest und Stanley Kubricks Shining (1980).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Samstag, 16. Januar 2016
Donnerstag, der 16. Januar 2014
[107 / 217]
Mr Bloom traf in einem orientalistischen Ambiente – »A wine of shame, lust, blood exudes, strangely murmuring.« – die Hure Zoe,* die ihm »Schorach ani wenowach, benoith Hierushaloim« sang und deren rechte Brust er gerade noch so eben streicheln konnte, dann wurde er zum Lord Mayor und sogar zum Landesvater ernannt. Hans Köberlin legte den Ulysses zur Seite und nahm sich den zweiten Band der Sudelbücher, wo Lichtenberg schrieb: »Relationen und Ähnlichkeiten zwischen Dingen finden, die sonst niemand sieht. Auf diese Weise kann Witz zu Erfindungen leiten.« Das war auch Hans Köberlins Bestreben. Und zu dem Lemmi-Caution-Spruch von den Prinzessinnen und den Drachen fand er im Kommentarband zu den Sudelbüchern etwas von Rousseau in der Tradition Platons: »Les hommes seront toujours ce quʼil plaira aux femmes: si vous voulez donc, quʼils deviennent grands et vertueux, apprenez aux femmes ce que cʼest que grandeur dʼâme et vertu.« Später sollte Hans Köberlin unter sein Aufzeichnungen als Fazit in sein Arbeitsjournal schreiben: »War heute nachmittag in einer ziemlich kommoden Stimmung.«
* So hatte auch die Septuaginta den hebräischen Namen חוה übersetzt.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Freitag, 15. Januar 2016
Mittwoch, der 15. Januar 2014
[106 / 218]
Zurück im Haus, bereitete er sich sein Abendmahl, wenn etwas im Fernsehen kam, dann schaute er das (wie heute die Dokumentation zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt), manchmal schaute er auch was, wenn nichts im Fernsehen kam, dann ärgerte er sich über sich selber, sonst saß er am Schreibtisch, trank noch das ein oder andere Glas Wein, hörte Musik und las und schrieb über das Gelesene und das dabei Reflektierte.
Wir müssen gestehen, daß auch wir den ästhetischen Zustand hier genießen und es bei jeder uns bietenden Gelegenheit Hans Köberlin gleichzutun versuchen: wir lesen in seinen Büchlein, trinken von seinen Weinchen und machen uns seine Gedankchen (wir schlafen allerdings nicht in seinem Bettchen und vögeln auch nicht sein Frauchen). Wir hatten bereits überlegt, uns Unterstützung zu rufen, jemanden, der über uns berichtete, wie wir (nicht) über Hans Köberlin berichteten, Supervision quasi … aber auch diese Unterstützung bräuchte bald einen externen Berichterstatter, denn die Möglichkeit einer artgerechten Haltung war schier unwiderstehlich. Vielleicht, wenn wir drei wären …
- der Beobachter (Hans Köberlin),
- ein Beobachter zweiter Ordnung (wir, die wir Hans Köberlin beobachteten, wie Hans Köberlin beobachtete) und
- noch ein Beobachter zweiter Ordnung* (der Externe, der uns beobachtete, wie wir Hans Köberlin beobachteten, wie Hans Köberlin beobachtete vulgo: ein Leser, denn allein ein Leser – oder besser: viele Leser können noch reflektieren, was wir beim bloßen Zusammentragen des Materials nicht reflektieren konnten und was Hans Köberlin – siehe Kafka – als Betroffener schon gar nicht reflektieren konnte),
»He, du Welt da draußen! – Sag: gibt es noch Mäzene?«
Reich wurde man ja heute nicht mehr durch Arbeit, sondern durch Partizipation an einem virtuellen System … Man müßte sein eigenes virtuelles System etablieren, ein System, das keine andere Funktion hätte, als unseresgleichen – Hans Köberlin, Clemens Limbularius, den Busenfreund, dem Verleger … – ein gutes Leben zu ermöglichen …: ein perpetuum mobile?
* Vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 54 und dort die Fußnote 204: »Einen Beobachter dritter Ordnung gab es nicht … Aber völlig überrascht lasen wir neulich in Niklas Luhmanns Die Politik der Gesellschaft, hrsg. von André Kieserling, Frankfurt am Main 2002, S. 312 in Klammern und mit Ausrufungszeichen versehen: ›(dritter Ordnung!)‹«. Auch wir haben diesen ominösen Beobachter dritter Ordnung bei Luhmann nochmals erwähnt gefunden, nämlich in Das Medium der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 136f., wo er der Theorie, und in Weltkunst; in: ebd., S. 214, wo er mit dem Autor (»wir« = Luhmann) gleichgesetzt wurde. Und in dem Text Weltkunst (a. a. O., dort insbes. S. 223) wird der Beobachter dritter Ordnung sogar theoriekonstituierend, denn »nur der Beobachter dritter Ordnung (verfügt) über einen Begriff der Einheit des (binären) Codes.« Und schließlich eine Passage in dem Text Wahrnehmung und Kommunikation anhand von Kunstwerken (in: ebd., S. 255), die für die von uns gewählte Form von Telos und von dieser Langzeitdokumentation relevant ist: »Man wird erwarten dürfen, daß dies [der Versuch des Künstlers, seine Unabhängigkeit zu wahren] im Wege der Selbstfaszinierung durch das im Entstehen begriffene Kunstwerk geschieht, das bestimmte Züge ›verlangt‹ und dadurch Aufmerksamkeit bindet. Aber auch hier gibt es Ansätze zu einer Beobachtung dritter Ordnung, nämlich zur Demonstration von Authentizität im vollen Wissen der auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung laufenden Kommunikation.« – Es war Hans Köberlin als Dilettanten nicht ganz klar, ob Luhmann diese Instanz bloß für das Kunstsystem vorgesehen hatte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
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Zitat (intern)
Donnerstag, 14. Januar 2016
»Nous n’avons jamais été modernes.«
»Vom Erzähler E. T. A. Hoffmann laufen mehrfache Linien über ein Jahrhundert hinweg zu den modernen Autoren. Zu ihnen gehört die Kultur des Nachdenkens über das Erzählen während des Erzählens, des Redens über die poetische Arbeit in deren Vollzug selbst (…) Damit entdeckt und definiert sich die berichtete Welt als eine konstruierte. Das Erzählen wird von einem Medium, das gesicherte Wirklichkeit vermittelt, zu einer Tätigkeit, in der eingestandenermaßen etwas aufgebaut und angefertigt wird. Was so bei Hoffmann begonnen hat (…), das kann im modernen Erzählen zur großen Konstitutionsregel werden. Da schimmert dann die Tätigkeit des Erzählers nicht nur da und dort in der erzählten Szenerie auf, sondern sie ist ebensosehr durchgezogener Gegenstand des Berichts wie die Geschichte / Fabel / Story selbst. Man pflegt solches ein ›Spiel‹ zu nennen, dort ein romantisches, hier ein avantgardistisches, und unterstellt damit, daß die betreffenden Autoren eines Tages schon wieder zum ›richtigen Erzählen‹ zurückkehren würden. In Wahrheit aber bewegt dieses angebliche Spiel meist der höhere ›Ernst‹ als die richtig und tüchtig erzählten Schicksalsläufe nach vertrauten Mustern. Das ›solide Erzählen‹, wie es eine zwischen Treuherzigkeit und Arroganz schwebende Kritik und eine mit den ›berechtigten Wünschen unserer Leser‹ vertraute Verlegerschaft fordern und fördern, ist in Wahrheit dem mechanistischen ›Spiel‹ näher, als es selbst je zugeben würde. Denn es operiert mit längst ausprobierten Erzählmustern und gewinnt seine Effekte allein über das ungewohnte Zusammensetzen gewohnter Teile.«
(Peter von Matt, … fertig ist das Angesicht. Zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts, Frankfurt am Main 1989, S. 236f.).
Das war als es geschrieben wurde, nämlich im Jahre 1983, bereits ein alter Hut, und es ist bedenklich, daß man es gut 30 Jahre später immer noch zitieren muß.
(Peter von Matt, … fertig ist das Angesicht. Zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts, Frankfurt am Main 1989, S. 236f.).
Das war als es geschrieben wurde, nämlich im Jahre 1983, bereits ein alter Hut, und es ist bedenklich, daß man es gut 30 Jahre später immer noch zitieren muß.
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