Mittwoch, 16. März 2016

JLG/JLG – autoportrait de décembre (1994)





Sonntag, der 16. März 2014


[166 / 158]
Hans Köberlin las bei Benjamin in dem Abschnitt über Langeweile und ewige Wiederkehr: »Man muß sich nicht die Zeit vertreiben – muß die Zeit zu sich einladen. Sich die Zeit vertreiben (sich die Zeit austreiben, abschlagen): der Spieler. Zeit spritzt ihm aus allen Poren. – Zeit laden, wie eine Batterie Kraft lädt: der Flaneur. Endlich der Dritte: er lädt die Zeit und gibt in veränderter Gestalt – in jener der Erwartung – wieder ab: der Wartende.«* Bei Gustav Meyrink, fiel Hans Köberlin dazu ein, wurden irgendwo Wünsche, das Warten und das Hoffen als »Zeitegel« bezeichnet, »weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen«, und wurde weiter von »verwarteter Zeit« gesprochen.** Hans Köberlin erkannte sich bei diesen drei Typen Benjamins als den Zeit ladenden Flaneur wieder. Hans Köberlin war kein guter Warter … es gab das Warten, weil sich etwas staute, und die Erwartung als Vorfreude (hier dachte er natürlich an die Frau).


* Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 164.
** Gustav Meyrink, J. H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln; in: Die Bibliothek von Babel. Eine Sammlung phantastischer Literatur, hrsg. von Jorge Luis Borges, Bd. 18: Gustav Meyrink, Der Kardinal Napellus, Frankfurt am Main / Wien / Zürich 2007, S. 21. In seinem Vorwort zu dem Band schrieb Borges, die Zeitegel gingen über das nur Bildhafte und Allegorische hinaus, sie seien eins mit der Substanz unseres Ich (ebd., S. 11).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).

Dienstag, 15. März 2016

Das hätt ich ihm nicht zugetraut

Es gab bei uns einen berühmten Maler namens Styka, der immer den lieben Gott malte. Schließlich erbarmte sich Gott und sprach zu ihm: »Hör mal, mein lieber Styka, es muß nicht sein, daß du immer auf den Knien liegst, wenn du mich malst, es wäre mir lieber, daß du mich gut malst.«

(Krzysztof Kieślowski).

Samstag, der 15. März 2014


[165 / 159]
Man müßte sehen, wie sich der Prozeß der Kanonbildung verändert hatte (Jan Assmann lesen, müßte er selber einmal wieder, dachte Hans Köberlin, der Band befand sich in der Basisbibliothek), daß es heute, obwohl alle so taten wie früher, keinen wirklichen Kanon mehr gab (was auch gut war). Das hatte natürlich Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Autoren: schrieben sie noch für eine Ewigkeit oder zumindest für die Nachwelt (was ja eine Kanonisierung bedeutete) oder bloß noch für die Gegenwart (= den Markt …: Autor als Beruf oder Autor aus Berufung), mit einem Verfallsdatum versehene Bücher? Das Problem von Zeit und Bedeutung … Hans Köberlin dachte, im tiefsten und geheimsten Innern sollte jeder Autor ein Goethe, ein Joyce, ein Mann, ein Proust, ein Musil, oder wer immer auch sein Ideal war, sein wollen, auch wenn er wußte, daß er das nicht werden konnte, denn Goethe war nicht wegen seiner Schriften Goethe geworden – es hätte beim Werther als einer Eintagsfliege bleiben können und er wäre heute bloß noch eine Kuriosität wegen der ausgelösten Selbstmordwelle –, sondern Goethe war Goethe geworden, weil er Goethe sein hatte wollen. Dann der Funktionswandel der Literatur, der Wandel der Kulturindustrie, die Nischen und Reservate, die neuen Medien … alles auch Gegenstand der Gespräche Hans Köberlins mit Hans Köberlin,* der auf einen Platz als Hans Köberlin bloß in der Literarturgeschichte wertlegte. Aber das stimmte natürlich auch nicht so ganz …


* Bei Pynchon hieß es irgendwo: »they keeping a companionable silence«. Wieso fiel Hans Köberlin in letzter Zeit mehr als gewöhnlich – was ja schon einiges war – Pynchon ein?

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).

Montag, 14. März 2016

Ein weiteres Alibi

Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 66 und 67 von Albert Camus’ Der Fremde (Reinbek 1961), erfuhr, habe ich für den 6. September 1980, ein – wenn auch nur tagesgenaues – Alibi. Damals kaufte ich nämlich für 3,80 DM in der Buchhandlung Reuffel in der Löhrstraße in Koblenz die rororo-Taschenbuchausgabe dieses Romans.

Ein Kriterium

Unsere Unterhaltung zum Beispiel, hat sie auch nur annähernd mit der Wirklichkeit zu tun? Nein. In einem Roman wäre sie unzulässig.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 351).

Freitag, der 14. März 2014


[164 / 160]
Am Freitag, dem 14 März 2014, notierte Hans Köberlin folgende Traumsequenz: »Es war mein Schicksal – ich träumte tatsächlich, daß ich dachte, daß es mein Schicksal sei!* –, kilometerlang durch einen sehr engen und unbeleuchteten Tunnel zu gehen, vielleicht sogar, um irgendwo hinzukommen. Dieser unterirdische Weg war neu und sicher, das wußte ich und ging zuversichtlich ein paar Meter, dann graute mir aber doch davor und ich nahm die andere Abzweigung, die zwar auch unterirdische und dunkle Passagen hatte, die aber nicht so lang waren und auch, glaube ich, nicht so eng. Zur Not konnte man immer noch mit der U-Bahn fahren, es gab eine Station, über deren Vorhandensein ich mich allerdings wunderte, es mußte der Eingang zu einer weiter entfernt liegenden Station sein. Es gab viele desperate Traumsequenzen, das war die einzige, die ich mir merken konnte.«


* »Fate does not speak. She carries a Mauser and from time to time indicates our proper path«, so Thomas Pynchon irgendwo, und Hans Köberlin fand, daß es etwas sympathisches hatte, daß das Schicksal in the international spoken language weiblich war.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).

Sonntag, 13. März 2016

Donnerstag, der 13. März 2014


[163 / 161]
… und er ging nun, nach dem Dauerlauf, einmal wieder mit Robert Wyatts ʼ68 im Ohr und nach dem Frühstück, wie üblich seit Wochen wegen des Windes eingenommen im leeren Wintergarten, auf die beiden Dachterrassen, die Sonne schien und der Himmel war blau und überall blühte es und die Vögel lärmten und irgendwo bellte ein Hund und irgendwo arbeitete laut eine Maschine …, und er blickte nach der Zeit in der Hauptstadt bei der Frau und nach dem seltsam profanen Abend gestern mit dem Alten und seinen Bekannten mit einem Gefühl des Unwirklichen auf die ihm seit 163 Tagen inklusive Transfer vertraut gewordene Umwelt.* Nun, wieder in seinem Paradies konnte er sich nicht konkret vorstellen, wie es sein würde, in 161 Tagen inklusive Transfer (eine Zahl, die Hans Köberlin da allerdings noch nicht kannte) wieder zurück in der Hauptstadt zu sein, er konnte sich nur diffus vorstellen, daß es überhaupt sein würde.


* »… du siehst in deine dunkle Phantasie, wenn du in die Gegend siehst: sie ist ein ausgebreitetes fernes Theater deiner Erinnerung«, hatte Jean Paul einmal geschrieben, wie Hans Köberlin jetzt einfiel (siehe Jean Paul, Ideen-Gewimmel. Texte und Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, hrsg. von Kurt Wölfel und Thomas Wirtz, Frankfurt am Main 1996, S. 266). Noch ist die Gegend keine Erinnerung, aber sie wird es werden …

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIV [Phase 6 – oder: Sehnsucht], 13. März bis 10. April 2014).

Samstag, 12. März 2016

Mittwoch, der 12. März 2014


[162 / 162]
Der Mittwoch, der 12. März 2014, war also jener befürchtete Tag – es widerstrebt uns, zu sagen: »Das Glas ist noch halbvoll.« –, an dem die Anzahl der Tage, die vergangen waren, seit Hans Köberlin sein Exil angetreten, der Anzahl der Tage entsprach, die ihm noch bis zu seiner Rückkehr in die Hauptstadt blieben.* Hans Köberlin war sich zu seinem Glück dessen nicht bewußt.


* Dies erinnerte uns an den Anfang von John Cages Mesostichon Overpopulation and Art, vorgetragen an der Stanford University in Palo Alto am 28 Januar 1992, einige Monate vor seinem Tod …
Neueren Theorien zufolge soll das nicht stimmen, die Toten sollen immer in der Überzahl sein, was uns aber egal ist.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils], 7. bis 12. März 2014).

Freitag, 11. März 2016

Dienstag, der 11. März 2014


[161 / 163]
Nein, Hans Köberlin bedauerte in keinem Augenblick, die Frau besucht und dafür sein Paradies verlassen zu haben.*


* Vorgestern in zwei Jahren, also am Mittwoch, dem 9. März 2016, sollte Hans Köberlins Zitatenkalender Peter Altenberg zitieren: »Ich habe nie irgend etwas Anderes im Leben für werthvoll gehalten als die Frauenschönheit, die Damengrazie, dieses Süße, Kindliche! Und ich betrachte Jedermann als einen schmählich um das Leben Betrogenen, der einer anderen Sache hienieden irgend einen Werth beiläge!« (Was der Tag mir zuträgt, Berlin 13. Aufl. 1924, S. 10f.); vgl. auch Bernd Ternes, Die Wunde Frau; in: Soziologische Marginalien. Aufsätze 5, Berlin 2009, S. 72ff.: »Man muß schon längst nicht mehr nur Feminist sein, um für die Beurteilung von Männern nur noch eine Unterscheidung parat zu haben: Entweder handelt es sich um ein Arschloch oder um ein freundliches Arschloch (…) Gewiß gibt es weitere und feinere Weisen, Männer zu unterscheiden, um herauszubekommen, was man von ihnen halten kann und was man zu fürchten hat (…) Maßgebend zur Beurteilung eines Mannes gilt jedoch weiterhin der Stand beruflicher Karriere, erworbener Reputation qua Leistung, sowie die Fähigkeit, trotz innerer Emigration, tobendem Zynismus und schleichender Impotenz freundlich zu bleiben und nicht asozial zu werden im Kampf um Anerkennung. Man kann Männer, die andere Männer innerhalb solcher Margen beurteilen, und Männer, die solche Margen als Eckpunkte eigener Identifikation nutzen, nicht ernst nehmen; man darf es auch nicht, will man nicht zu den ganz dummen gehören. Die ganz dummen Männer sind die, welche ihr berufliche Arbeit und ihren sozialen Habitus nicht als Ausfluß verstehen können, als Ausfluß entweder eines leidenschaftlich erotischen oder eines leidenschaftlich melancholischen Verhältnisses zur ›Frau‹. Es geht dabei nicht um Derivate des Busengrapschers, nicht um moderierten Chauvinismus, nicht um miefige Liebhaberei, und ebensowenig darum, das mögliche Aufkommen von Freude im Beruf zu diskreditieren. Sondern darum, ein vielleicht letztes Weltverhältnis zu umreißen, das es gestattet, daß sich Männer im täglichen Kampf nicht nur auf immer dumpfere Weise wichtig, sondern ernst neh-men: nicht als immer brutaler werdende Macher im täglichen Konkurrenzkampf, sondern als grundle-gend von ›Frau‹ angemachte Männer, die noch wissen, was erfüllt und was nur ausfüllt.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils], 7. bis 12. März 2014).

Donnerstag, 10. März 2016

Montag, der 10. März 2014


[160 / 164]
Hans Köberlin dachte neben der schlafenden Frau also über den Zufall nach. Es fiel ihm ein, wie John Cage sich einmal gefragt hatte, ob der Augenblick nicht ein Mythos sei, und wie er, Cage, über die Mühsal, Zufälliges nach Prinzipien zu produzieren, berichtet hatte, nämlich daß er für jeden Aspekt eines jeden Klangs und für jeden Parameter, den er, wenn man so wolle, dem Zufall unterwerfen wollte, beim I Ging drei Münzen sechsmal werfen mußte. Cage ging dann dazu über, nach den Spuren auf einem leeren Blatt Papier zu komponieren, nach den Flecken, Einschlüssen, Knicken et cetera, er multiplizierte dann das Ergebnis sogar, indem er Transparentpapier darüberlegte und es versetzt nochmals kombinierte, also den Zufall sich kumulieren ließ. Dies war eine andere Art von Zufall: der vorgefundene (zufällige) Zufall gegenüber dem mittels I Ging ermittelten Zufall, und dann noch die systematische Arbeit mit dem zufälligen Zufall.* Fellini hatte in seinem Traumtagebuch auch mit dem I Ging gearbeitet, Hans Köberlins Exemplar von Fellinis Traumtagebuch gab es noch in seiner in der Scheune des Verlegers gelagerten Restbibliothek, und Hans Köberlin war gespannt darauf, nach seiner Rückkehr zu erfahren, wie Fellini mit dem I Ging gearbeitet hatte.


* Woanders, wir finden jetzt den Beleg nicht, meinte Cage noch, er könne etwas wollen, aber nur, wenn er sich einer Reihe von Umständen ausgeliefert sehe und keine von ihm getroffene Entscheidung einen anderen betreffe. – Dies war, wie das vorherige oben, eine ziemlich akkurate Beschreibung von unserer Haltung während unseres Berichtens.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils], 7. bis 12. März 2014).

Mittwoch, 9. März 2016

Sonntag, der 9. März 2014


[159 / 165]
Am Sonntag, dem 9. März 2014, schrieb Hans Köberlin, während die Frau noch neben ihm schlief, folgenden Traum in seinem Arbeitsjournal nieder: »Träumte von korrupten und verräterischen Polizisten, Streifenbeamten in Uniform, und von einer Schießerei auf der Polizeiwache, bei der zwei der Beteiligten die Nerven verloren und dadurch die Aktion zu einem Desaster werden ließen. Dann, nachdem wir uns geliebt hatten, war ich im Mediterranen, es sah aber eher aus wie auf Atlantis oder wie im Cinqueterre: links das Meer, rechts wuchtige glatte Felsen, die steil nach oben gingen, und dazwischen bloß die Autobahn und die alte Straße. Ich folgte mit dem Fahrrad einem Auto (dem von der Frau?), um irgendwo hinzukommen, das ging natürlich nicht auf der Autobahn. Ich war mir nicht sicher welche der Straßen die alte Straße war, die mal links und mal rechts neben der später gebauten Autobahn die Orte verband. Die Straße oder den Weg, den ich nahm, wurde sehr bald zu einem nichtasphaltierten Waldweg und ging dann sehr steil die Felsen hoch, am Ende war es wie eine dort angebrachte stählerne Leiter und ich hackte mein Fahrrad irgendwo ein, um erst einmal zufuß zu erkunden, wie es weiterging. Auf dem Gipfel konnte ich nicht erkennen, ob der Weg weiterging. Es gab Häuser und Kinder, die waghalsig herumkletterten.«


* Dieser durch eine verankerte stählerne Leiter erreichbare Gipfel gehörte in Hans Köberlins ›Topographie der Träume‹ (vgl. für ähnliches bei Clemens Limbularius vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, die Fragmente zu Kapitel IV, S. 163ff.). Manchmal blickte er von diesem Gipfel in das Tal der Mosel oder das Tal des Rheins.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils], 7. bis 12. März 2014).

Dienstag, 8. März 2016

Berlin Alexanderplatz


Samstag, der 8. März 2014


[158 / 166]
Am Samstag, dem 8. März 2014, dem Weltfrauentag,* notierte Hans Köberlin, während die Frau neben ihm noch schlief, folgenden Traum in sein Arbeitsjournal: »Die Schauspieler eines Theaterensembles oder die Fernsehschauspieler in einem Theater (ich glaubte, Hannelore Elsner zu erkennen) waren in eine Spionagegeschichte verwickelt. Es ging hin und her mit dem Verrat und man wußte bald nicht mehr, auf welcher Seite einer wirklich stand. Ich brachte die Konstellation im Traum auf eine mathematische Formel und dachte, das wäre eine Idee für ein Drehbuch, die man auf jeden Fall gut verkaufen könnte. Eine der weiblichen Figuren (Hannelore Elsner?) verließ sich auf einen Mann, mit dem sie, glaube ich, etwas hatte oder aber zumindest gerne etwas gehabt hätte, doch der meinte am Ende auf einer hügeligen Wiese über einem Dorf, er müsse sie erschießen. Ich war bei dem ganzen mehr oder weniger bloß Zuschauer. Träumte anschließend etwas von einem Hotel, in das eine frivole Gattin ihre zwei Liebhaber, die nicht comme il faut waren, einschmuggelte: sie ging in die Lobby, drückte den Fahrstuhlknopf und sobald der Aufzug kam, gab sie den beiden ein Zeichen, schnell in die Kabine zu springen. Auf dem Rücken, den ihr Kleid freiließ, sah man rote Striemen von SM-Spielchen. Ich traf ihren Gatten in der Suite der beiden und entlieh oder entwendete Hochglanzmagazine oder -kataloge. Dann war ich auf dem Dach und sah durch die Lücken eines Sonnensegels einen riesigen Zeppelin über der Stadt.** Später stand ich mit der Frau an einem Buffet. Neben mir bestellte sich jemand ein Bier. Mir fiel ein, daß wir ja All-inclusive-Gäste waren und lief zu der Theke, um mir gleichfalls ein Bier und für die Frau ein Bier mit Limonade zu bestellen.«


* Nach der Aktualisierung des Filmkalenders sah Hans Köberlin auf dem aktuellen Filmkalenderblatt (dem einzigen, das an diesem Jahrestag seinen Weg in die Filmkalenderblattsammelkiste gefunden) anläßlich des Geburtstags von Victor de Kowa im Jahre 1904 zwar nicht ihn als SS-Gruppenführer Schmidt-Lausitz, aber Curd Jürgens als des Teufels General in dem gleichnamigen Film (Helmut Kätner, 1955) nach Carl Zuckmayers Theaterstück. Nur nebenbei bemerkt: Zuckmayers Stück Der Hauptmann von Köpenick hatte ja für Hans Köberlin eine signifikante Bedeutung bekommen, die sich nach seiner Rückkehr noch intensivieren sollte … Gestorben war im Jahre 1971 der große Komiker Harold Lloyd.
** Dieses Traumbild würden wir eindeutig auf Thomas Pynchons Against the Day zurückführen, aber deswegen konnte es dennoch in einem phallischen Kontext stehen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils], 7. bis 12. März 2014).

Montag, 7. März 2016

361

Die Suche nach der Wahrheit – sei es die subjektive Wahrheit der Überzeugung, die objektive Wahrheit der Wirklichkeit oder die gesellschaftliche Wahrheit des Geldes und der Macht –, sie zeichnet den verdient Suchenden stets aus mit dem Preis der letzten Erkenntnis ihrer Nichtexistenz. Das große Los des Lebens fällt nur denen zu, die es auf gut Glück kaufen.
Der Wert der Kunst vesteht darin, daß sie uns aus dem Hier holt.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 345).

Freitag, der 7. März 2014


[157 / 167]
Um sich die Zeit zu vertreiben, denn vor lauter Vorfreude war er zu nichts Produktivem mehr in der Lage, blätterte Hans Köberlin in seinem Arbeitsjournal.* Dort hatte er am Samstag, dem 17. Januar 2009 etwas von John Cage exzerpiert. Wir kennten, so der Meister in dem Exzerpt, nicht mehr die genaue Definition von Traurigkeit und Heroismus. Vor langer Zeit wäre in Indien die Traurigkeit als das Resultat des Verlusts von etwas Geschätztem oder des Gewinns von etwas Unerwünschtem definiert worden. Hier hatte Hans Köberlin etwas ausgelassen, dann weiter: er, John Cage, habe erkannt, daß die Menschen im Westen nur einen Teil dieser Definition akzeptierten. Ebenso sei einem die Bedeutung von Heroismus abhanden gekommen, es sei nämlich nicht, wie Nixon unbeirrt glaube, die Frage, Schlachten zu gewinnen, heroisch, heroisch sei vielmehr, die Situation, in der man sich befände, zu akzeptieren. Das erinnerte Hans Köberlin daran, was er neulich bei David Foster Wallace gelesen hatte: Heroismus als das Vermögen, Langeweile zu ertragen.** Und einen Tag darauf hatte Hans Köberlin in einer Traumniederschrift festgehalten: »Ich vertraute auf mein Schwert, das an der Wand hing, und freute mich auf das Gemetzel.« Also wollte er wie Nixon einst Schlachten gewinnen?


* ›Blättern‹ im übertragenen Sinne, denn nur die Dateien des digitalisierten Arbeitsjournals gab es noch, es gab nichts mehr in der Art von handbeschriebenen Blättern.
** Als Hans Köberlin am Mittwoch, dem 12. März 2014, im Flugzeug zurück an die weiße Küste die Lektüre des Buchs von Thirlwell beendete, sollte er auf S. 427 dessen Bemerkungen über Nabokovs Pnin lesen und sich an seine eigene Lektüre seines eigenen Arbeitsjournals zu Beginn seiner Reise erinnern. Thirlwell schrieb nämlich: ständig kollidiere Pnin mit den unkünstlerischen Mißerfolgen der Welt; Amerika sei nicht sicherer als Europa, denn Pnin sei auch ein Überlebender aus Sankt Petersburg, nicht aus Warschau. So, wie jeder mit den Fehlern seines eigenen Lebens leben müsse, man habe keine Wahl (nebenbei: in Hans Köberlins Ausgabe, einer Übersetzung in sein Idiom, stand fälschlicherweise »Leben« statt »Lebens«).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XIII [Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils], 7. bis 12. März 2014).

Sonntag, 6. März 2016

Donnerstag, der 6. März 2014


[156 / 168]
Have I Offended Someone? hieß ein postum 1997 veröffentlichtes Album Zappas,* bei dessen Titel Hans Köberlin natürlich gleich an den sterbenden Karl Kraus, der mit Erstaunen gefragt, ob er denn jemanden verletzt habe, denken mußte.


* Barry Miles fragte sich, warum auf diesem Album, das die besonders expliziten Provokationen – darunter auch das wirklich etwas abgeschmackte Weʼre Turning Again – versammelte, nicht auch The Illinois Enema Bandit befand, und er vermutete, weil es im Unterschied zu den anderen Tracks wirklich anstößig sei (vgl. Barry Miles Zappa, Berlin 2005, S. 306), was Hans Köberlin allerdings nicht fand.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Samstag, 5. März 2016

Mittwoch, der 5. März 2014


[155 / 169]
Hans Köberlin schaute sich, einem Bedürfnis folgend, aus seiner kleinen verbliebenen – Ach! –, aber nunmehr digitalisierten Filmsammlung Melvilles L’Aîné des Ferchaux* an, wobei er nur mit vager Ursache, eher weil er es gewollt, an die erste Übernachtung mit der Frau während seines Exodus’ erinnert wurde. Danach hätte er gerne eine Melville-Retrospektive veranstaltet, aber: Ach! …


* »Ich fragte mich die ganze Zeit über«, notierte er in sein Arbeitsjournal, »woher ich das Gesicht des Alten kannte.« – Nun, Hans Köberlin, wenn wir dir Bescheid geben dürfen: er war der gewesen, der mit Yves Montand in Le salaire de la peur (1952) in dem letzten Nitroglycerin-Lastwagen gesessen hatte und er war der schlaue aber nicht schlau genuge Kommissar Fichet in Les Diaboliques (1955) vom gleichen Regisseur gewesen und er war der Staatsanwalt gewesen, der in Cadaveri eccellenti (1976) erschossen worden war, nachdem er die Mumien in Palermo besucht hatte. – Aber lassen wir weiter unseren Protagonisten sprechen: »Als Michel Dieudonne nach seiner, Michels, Zukunft fragte, meinte Dieudonne, es gäbe drei Arten von Menschen: Schafe, Schakale und Leoparden; nun: der große Schakal Dieudonne wurde durch seine Krankheit (= Bedürftigkeit) und vielleich auch aus echter Zuneigung heraus zum Schaf, und der kleine Schakal Michel durch Überwindung seiner schlechten Gewohnheiten (sich davon zu machen) zum Leoparden. Der Film war, wie jeder Film von Melville, den ich bis jetzt gesehen habe, ein Meisterwerk. Er fing etwas spröde an (man achte aber auf die Ökonomie der Darstellung der Handlung, vor allem bei dem Boxkampf), wurde dann aber auf den Straßen der USA und vor allem im Dschungel bei New Orleans sehr suggestiv. Was auffällt ist, daß Belmondo während einer Dekade in drei in der Struktur sehr ähnlichen Meisterwerken die Hauptrolle gespielt hatte: in L’Aîné des Ferchaux (1963) eben, dann noch in Godards Pierrot le fou (1965) und schließlich in Truffauts La sirène du Mississipi (1969).«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Freitag, 4. März 2016

Dienstag, der 4. März 2014


[154 / 170]
Hans Köberlin hörte Fluvial von Catherine Jauniaux … er hatte sie, Catherine Jauniaux, einmal auf der Bühne gesehen, in der Hansestadt, mit The EC Nudes, bei denen Chris Cutler der Schlagzeuger gewesen war … Fluvial gehörte zu der Musik, die in der postkommunardischen Zeit in der Kurstadt über ihn gekommen war, gehörte zu dem Ensemble der Musik des Lebens in der Zeit, zu dem auch ein Best-of-Album von Grace Jones gehörte und Fred Frithʼ Cheap as Half the Price und Deadly Weapons von Steve Beresford, David Toop, John Zorn & Tonie Marshall und John Zorns The Big Gundown und Hector Zazous Revaix au Bongo …* Hans Köberlin war damals gerade dabei gewesen, seinen Zivildienst abzuleisten, und seine bevorzugte Rezeptionsweise der Musik des Lebens in der Zeit war: nach der Frühschicht in dem ›Wohnheim für geistig Schwerstbehinderte‹, wie man das damals noch nannte, frisch geduscht und nach dem Konsum eines ordentlichen Joints mit dem Walkman durch den Kurpark und anschließend entlang des Salzbachs in den Kuranlagen zu flanieren … Aber er wollte hier nicht allzu arg in die alten Zeiten eintauchen.


* Danach, in der Zeit in der Hansestadt, waren die Alben zum (Über-)Leben Geographies, ebenfalls von Hector Zazou, dann Don Giovanni in der Einspielung mit den Wiener Philharmonikern unter Erich Leinsdorf und Wrong Way Up von Cale & Eno. In der Zeit kam auch Edith Clevers (und nicht Eva Mattesʼ!) Lesung des Monologs der Molly Bloom über ihn.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Donnerstag, 3. März 2016

Montag, der 3. März 2014


[153 / 171]
Zum Abendessen gab es im Hause Hans Köberlin einmal wieder ein Rindersteak mit Salat und Weißbrot dazu. Aber diesmal hatte er kein gutes Händchen beim Einkauf gehabt, denn das Fleisch war zäh, schmeckte fade und roch ein wenig seltsam.*


* Während eines Diners bei Zola am Mittwoch, dem 3. April 1878, verglich Alphonse Daudet das dort aufgetischte Fleisch mit dem in einem Bidet marinierten Fleisch einer alten Kurtisane (vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 6, S. 416).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Mittwoch, 2. März 2016

Hoffnung?

Aber jedes potentiell mögliche Ereignis, scheint es auch noch so unwahrscheinlich, muß wohl irgendwann einmal eintreten.

(Arkadi & Boris Strugatzki, Die bewohnte Insel; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 1, S. 20).

pro domo: nur »vorübergehend« hoffentlich

Die Übernahme durch Vodafone hat die Qualität von Kabel nach meinem Empfinden verschlechtert.

Sonntag, der 2. März 2014


[152 / 172]
Am Sonntag, dem 2. März 2014, erwachte Hans Köberlin wieder einmal aus einem obskuren Traum. Er sah sich darin nämlich genötigt, Menschen um mich herum zu töten. Auch andere sahen sich dazu genötigt, Hans Köberlin sah sie später in einer Imbißstube, wie sie sich gleich ihm mit ihrer Aufgabe herumquälten. Irgendwie tat man mit diesen Tötungen etwas für seine Opfer, aber das konnten die nicht einsehen, und sie wollten einem auch nicht glauben, daß man nur das Beste für sie tat. Manche fügten sich drein, bei anderen mußte er rabiat werden. Hans Köberlin hatte keine adäquate Waffe für seine Aufgabe, nur ein kleines Messerchen, was die Sache erschwerte und unnötig schmerzhaft machte; später dann arbeitete er mit einem Stechbeitel, der in das Fleisch eindrang wie ein heißes Eisen in Butter. Dann war er in einer Weinkellerei mit angeschlossenem Wirtshaus* und wollte dort Wein einkaufen, und zwar Rotwein und Weißwein in großen Plastikflaschen, in denen man sonst sein Mineralwasser kaufte. Die Flaschen lagen in einem braunen Karton, der Winzer war eine jener Gestalten, wie Hans Köberlin sie aus seiner Jugendzeit an der Mosel her kannte. Dann stand er wie früher real als Vermessungsgehilfe mit der Meßlatte in einer winterlich kargen Landschaft und kam sich dabei vor wie in Pink Floyds Atom Heart Mother.**


* Man sagte ›Wirtshaus‹ und ›Gasthaus‹ – der gleiche Raum aus zwei Perspektiven; wie auch ›danger au mort‹ und ›Lebensgefahr‹ das gleiche bezeichneten.
** Vorgestern erwähnten wir anläßlich des Schalttages Mason und Dixon, nun: mit denen wurden der Literaturgeschichte neben Herrn K. und neben Old Shatterhand zwei weitere Landvermesser hinzugesellt.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Dienstag, 1. März 2016

Samstag, der 1. März 2014


[151 / 173]
Eine Passage Baudelaires aus La Solitude fiel ihm ein …: »et que lʼEsprit de lubricité sʼenflamme merveilleusement dans les solitudes …« und er mußte an die beiden Mädels auf dem Parkplatz, die eine auf dem Campingstuhl, die andere stehend daneben, denken. Hans Köberlin – früher, in seinen sieben fetten Jahren, selber ein regelmäßiger Freier* – wollte nachschauen, was Max Weber (warum nicht?!) über die Prostitution geschrieben hatte und gab den Begriff in die Suchmaske seiner digitalen Bibliothek, die auch Max Webers Gesammelte Werke enthielt, ein. Der Begriff tauchte dreimal in dem Lebensbild, das Marianne Weber von ihrem Mann verfaßt und das dessen gesammelten Werken vorangestellt worden war, auf. Das schien wohl ein Thema in ihrer Ehe gewesen zu sein, Hans Köberlin hatte da bloß ungefähre Ahnungen und Phantasien von en passant aufgelesenen Bemerkungen (Max Weber war nie eigentlich sein Thema gewesen), sie, Marianne Weber, jedenfalls bezeichnete die Prostitution, über die sie im Allgemeinen schrieb und nicht aus konkretem Anlaß, als »schwarzen Schatten der Ehe«.**


* Vgl. etwa vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 80, S. 82 und S. 175.
** Marianne Weber, Max Weber. Ein Lebensbild, mit 13 Tafeln und 1 Faksimile, Tübingen 1926, S. 375. Bei Weber tauchten 18 Fundstellen auf, in denen historische und ökonomische (Prostitution als eine Einrichtung, bei dem man für etwas okkasionell bezahlen mußte, was man in der Ehe regelmäßig umsonst haben konnte) und religiöse Aspekte behandelt wurden. Angetan, so daß er sie dreimal zitiert hatte – und was wieder einmal eine dieser literarischer Koinzidenzen ergab: der Auslöser von Hans Köberlins Spielerei fand sich überraschend an ihrem Ende wieder –, also angetan hatte es ihm, Max Weber, eine Formulierung Baudelaires, nämlich »cette sainte prostitution de lʼâme« aus dem postum 1868 in Spleen de Paris erschienenen Prosagedicht Les foules.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Montag, 29. Februar 2016

Empirie, 4. Update – oder: Schalttag


[X = X]
Einen Samstag, den 29. Februar 2014, hat es nie gegeben,* nutzen wir diesen Schalttag also für ein wenig Empirie …

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):

  • Stand des Manuskripts: S. 918 von ca. 1.800 Seiten
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 801 von ca. 1.800 Seiten
    • Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Donnerstag, der 20. Februar 2014, der 142. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Fußnoten Stand des Manuskripts: 2639
  • Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 2262
  • Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags**
  • Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen


* Wie berichtet man von Tagen, die es nie gegeben hat? Thomas Pynchon hat das Problem in Mason & Dixon unserer Ansicht nach bravourös gelöst …
** (= die momentane Fußnote 325 auf S. 67) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

Wird aktualisiert!

Sonntag, 28. Februar 2016

Freitag, der 28. Februar 2014


[150 / 174]
Hans Köberlin träumte von irgendetwas mehr oder weniger Abstraktem, das sich im Verlauf des Traums in eine Hochzeit auf einem alten Gutshof verwandelte. Die Braut war gerade von dem Vater der Braut entführt worden (er wollte sie, glaubte Hans Köberlin in seinem Traum, an einen bestimmten Ort schaffen, wozu, das träumte Hans Köberlin nicht, wir allerdings haben einen üblen Verdacht). Eine fremde Frau geriet in die Hochzeitsgesellschaft, sie wurde eingeladen, mitzufeiern, fragte aber, ob man ihr ein Taxi rufen könne. Als sie weinte kam die Frage auf, ob sie eventuell die ehemalige Geliebte der Braut sein könnte. Nach dem Erwachen aus diesem Traum dachte Hans Köberlin natürlich an Kafka …*


* »Als Eduard Raban in bläulich grauem Überzieher durch den Flurgang kommend in die Öffnung des Tores trat, konnte er sehn, wie es regnete. Es regnete wenig. Raban schaute auf die Uhr eines scheinbar nahen, ziemlich hohen Turmes, der in einer tiefer gelegenen Gasse stand. Eine kleine dort oben befestigte Fahne wurde, für einen Augenblick nur, vor das Zifferblatt geweht. Eine Menge kleiner Vögel flog herab, fest aneinander geschlossen und auseinander gespannt. Es war fünf Uhr vorüber. Raban stellte seinen mit schwarzem Tuch benähten Handkoffer nieder, lehnte den Schirm an einen Türstein und brachte seine Taschenuhr, eine Damenuhr, die an einem schmalen, schwarzen um den Hals gelegten Band befestigt war, in Übereinstimmung mit jener Turmuhr, wobei er einige Male von einer Uhr zur andern sah. Eine Weile war er völlig damit beschäftigt und dachte das Gesicht bald gesenkt, bald gehoben an gar nichts anderes in der Welt.« (Franz Kafka, der Anfang von Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande, Fassung C).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Samstag, 27. Februar 2016

Donnerstag, der 27. Februar 2014


[149 / 175]
Auch hinter dem Durchgang war alles so, wie er es von der Tour mit der Frau an seinem zweiten Tag hierdem fünften Tag seines Exils – erinnerte, souveräner als damals hangelte er sich diesmal allerdings an dem in der Wand verankerten Tau entlang über die glatten Felsen. Es waren wie damals erstaunlich viele Leute unterwegs, und desöfteren mußte er am Rand stehenbleiben, um vom Gipfel zurückkehrende Gruppen vorbeizulassen. Den toten pittoresken Baum, von dem er damals ein Bild gemacht, stand noch genauso pittoresk da, und wie damals machte Hans Köberlin ein Bild. An einer Stelle, als man von dem Weg zur Spitze des Ifachs in den Hang hinein abbiegen mußte, folgte er einfach ein paar Osteuropäern ein Dutzend Meter vor ihm, die sich aber prompt verstiegen hatten, wie sich bald herausstellte. Sie stiegen zurück, Hans Köberlin allein quer, bis er auf der richtigen Route war. Dann war es wieder geschafft, Hans Köberlin saß auf einem Felsen auf dem Gipfel und schaute vorsichtig hinab auf sein Reich, jetzt mit dem Kennerblick des Bewohners, und auch die Katzen und Möwen lungerten wie vor 144 Tagen herum, immer bereit, sich auf etwas Eßbares zu stürzen. Und Hans Köberlin fielen Verse aus Le Cimetière Marin ein …
Temple du Temps, quʼun seul soupir résume,
À ce point pur je motte et mʼaccoutume,
Tout entouré de mon regard marin;
Et comme aux dieux mon offrande suprême,
Le scintillation sereine sème
Sur lʼaltitude un dédain souverain.
Hans Köberlin ging dann noch den Weg zur Spitze des Ifachs, dem Punkt, der am weitesten ins Meer hinausragte, um dieser bewußten Wiederholung* einen neuen Aspekt hinzuzugeben.


* »Wir könnten uns überhaupt von nichts einen Begriff oder ein Urteil machen«, hatte der Mann ohne Eigenschaften vor dem General Stumm von Bordwehr doziert, »wenn alles nur einmal vorüberhuschte.« (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Reinbek 1978, S. 377). Freilich mußte man sich, so Hans Köberlin, dabei an so manche Passantin denkend, nicht von allem einen Begriff oder ein Urteil machen können.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Freitag, 26. Februar 2016

Mittwoch, der 26. Februar 2014


[148 / 176]
Nach dem Duschen und nach dem – nach längerem einmal wieder – Rasieren stürmte und regnete es heftig, womit sich zwei Fragen Hans Köberlins von selber mit »Nein!« beantworteten, nämlich …
»Soll ich einen längeren Spaziergang machen?«
Und …
»Sollte ich einmal wieder (nachdem ich gestern einen Nachbarn – den Heimkommhuper – dies tun gesehen habe) die Gärten mit dem Schlauch bewässern?«
Er setzte sich also mit einer Kanne grünem Tee in den leeren Wintergarten und suchte in seiner digitalen Merkursammlung etwas, was, das können wir nicht sagen, weil er es nicht fand, er stieß dort aber beim Suchen auf eine Weisheit von Umberto Eco, die ihm sehr gut gefiel und die er sich merkte und die uns an unsere im Prolog mitgeteilten literarischen Absichten erinnerte …
Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher weiß, daß er ihr nicht sagen kann: »Ich liebe dich inniglich«, weil er weiß, daß sie weiß (und daß sie weiß, daß er weiß), daß genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: »Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe dich inniglich.« In diesem Moment, nachdem er die falsche Unschuld vermieden hat, nachdem er klar zum Ausdruck gebracht hat, daß man nicht mehr unschuldig reden kann, hat er gleichwohl der Frau gesagt, was er ihr sagen wollte, nämlich daß er sie liebe, aber daß er sie in einer Zeit der verlorenen Unschuld liebe. Wenn sie das Spiel mitmacht, hat sie in gleicher Weise eine Liebeserklärung entgegengenommen. Keiner der beiden Gesprächspartner braucht sich naiv zu fühlen, beide akzeptieren die Herausforderung der Vergangenheit, des längst schon Gesagten, das man nicht einfach wegwischen kann, beide spielen bewußt und mit Vergnügen das Spiel der Ironie … Aber beiden ist es gelungen, noch einmal von Liebe zu reden.*

* Umberto Eco, Nachschrift zum »Namen der Rose«; zit, nach: Dieter Wellershoff, Im Sog der Entropie. Thomas Pynchons »Die Enden der Parabel«; in: Merkur, Heft 472, Juni 1988, S. 487f. – Als Hans Köberlin viel später, am Freitag, dem 19. Februar 2016, vom Tode Umberto Ecos erfuhr, sollte er sich an diese Passage erinnern.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Donnerstag, 25. Februar 2016

Dienstag, der 25. Februar 2014


[147 / 177]
Ein Blick in Hans Köberlins Arbeitsjournal machte uns auf unser Versäumnis Hans Köberlins Küche betreffend* während der vergangenen Tage über aufmerksam: »Heute gab es Hühnchen mit Salat, gestern gab es Fertigtortilla mit Salat, vorgestern gab es Feines vom Rind mit Salat, vorvorgestern gab es Langostinos, am Freitag gab es Spaghetti alla Pesto und am Donnerstag gab es Spaghetti mit Muscheln, weiter zurück kann ich mich nicht erinnern.« Wir leider auch nicht.


* »Satans Lehre: Der Magen muß was zum verarbeiten haben! Wir wollen aber eine edle mysteriöse chemische Retorte sein, keine Steinklopfmahlmühle!« (Peter Altenberg, Pròdromos, Berlin 1906, S. 24).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Mittwoch, 24. Februar 2016

Montag, der 24. Februar 2014


[146 / 178]
Wir jedenfalls, wir versuchten bei unserem Beobachten Hans Köberlins, Benjamins dritte geschichtsphilosophische These zu beherzigen: »Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.«


* Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. I, S. 694.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Dienstag, 23. Februar 2016

Sonntag, der 23. Februar 2014


[145 / 179]
Am Abend hörte Hans Köberlin einmal wieder Conlon Nancarrows Studien für mechanisches Klavier in einem Arrangement für Kammerorchester. Seine Einspielung, die er sich Anfang der neunziger Jahre während seines Studiums gekauft hatte, war mit dem Ensemble Modern, mit dem ja auch Frank Zappa seine letzte Musik gemacht hatte.*


* Zappa erwähnte Conlon Nancarrow auf Tinsel Town Rebellion (1981): »Letʼs hear it for another great Italian, Conlon Nancarrow, ladies and gentlemen.« Hans Köberlin konnte nicht verifizieren, ob der us-amerikanisch-mexikanische Komponist wie Zappa selber italienische Vorfahren gehabt hatte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Montag, 22. Februar 2016

Samstag, der 22. Februar 2014


[144 / 180]
N-Lite, neben Amnerika und Beat the Reeper eines von Hans Köberlins Lieblingsstücken auf Civilization, Phase III, hatte Zappa selbst (was Hans Köberlin vorher nicht gewußt hatte) als sein musikalisches Vermächtnis angesehen. Zappa starb, nach Barry Miles, stoisch und couragiert und bei Bewußtsein. Da Hans Köberlin befürchtete, wenn es soweit war, weder Stoizismus noch Courage zu besitzen, wußte er nicht, ob er sich Bewußtsein wünschen sollte.


* Am Sonntag, dem 3. Oktober 1875, hatte Edmond in seinem Journal vermerkt: »Ce que je demande avant tout à Dieu, cʼest de mourir dans ma maison, dans ma chambre.« Das würde auch Hans Köberlin, wenn es denn nicht auf einen Schlag ginge, wollen. Hier wäre er gerne auf der Dachterrasse, so gesetzt oder hingelegt, daß er auf die Sierra de Oltà schauen könnte, aber zur Not auch im Bett mit Blick auf seine Galerie der nackten Schönen, obwohl das Milchglas des leeren Wintergartens die Sicht auf das Spezifische hier arg beeinträchtigte und auf ein paar Palmenblätter vor blauem Himmel reduzierte. Bei schlechtem Wetter ginge auch statt der Dachterrasse – wie beim Lesen und Schreiben – der vordere Teil des Leeren Wintergartens, da, wo jetzt der Tisch stand.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Sonntag, 21. Februar 2016

Freitag, der 21. Februar 2014


[143 / 181]
Am Freitag, dem 21. Februar 2014, gab es anläßlich Margarethe von Trottas Geburtstag im Jahre 1942 zwei Filmkalenderblätter, auf dem man sie einmal bei den Dreharbeiten von Heller Wahn (1983) mit Hanna Schygulla und Angela Winkler und dann noch bei den Dreharbeiten von Das zweite Erwachen der Christa Klages (1977) mit dem gerade im Film von der Polizei erschossenen Marius Müller-Westernhagen sah.* Hans Köberlin begann diesen Tag mit der Niederschrift seines Traumes in sein Arbeitsjournal: »Nach acht Uhr. Ich entfernte im Traum einer Frau ein ausgegangenes Haar und berührte dabei ihre bloße Schulter. Sie war davon wie elektrisiert, unsere Gesichter näherten sich, sie rauchte eine Zigarette und blies kurz bevor wir uns küssen würden den Rauch aus ihrem Mund. Es kam allerdings im Traum nicht zu dem Kuß, ich weiß nicht mehr, warum nicht. Dann war ich mit einem meiner alten Kommunarden und mit noch jemandem (der Frau?) mit dem Auto unterwegs (auf der Rückfahrt von hier?). Der alte Kommunarde, obwohl ohne Lizenz dazu, fuhr. Wir hielten an der Straße, die vom Sauerbrunnen hinab nach dem Ort meiner Geburt führte. Der Kommunarde wollte einen Strauß absägen und mitnehmen, es dämmerte bereits und er hatte für sein Unterfangen gefährlich in einer Kurve geparkt. Dann saß ich in einem Zimmer auf einem großen Bett, es waren mehrere Personen in dem Raum, eine befreundete Psychoanalytikerin kam angekrochen und spielte (im Kontext ihres Berufes) bipolare Störung. Sie war vollkommen nackt und kam mir sehr nahe. Als ich etwas Frivoles sagte, machte sie mir klar, daß sie sich nicht mehr mit mir einlassen würde. Dann (ich weiß nicht mehr genau, wo diese Sequenz hingehörte) war ich auf einer Baustelle (der ›Tango Bar‹?), einer der hiesigen Arbeiter fragte mich in meinem Idiom, ob ich Wer wird Millionär? kenne (ich glaube, er nannte zuerst den hiesigen Titel). Dann fragte er, ob ich wisse, wer Ananke sei. Ich antwortete, das sei eine antike Göttin, so eine Art Schicksalsgöttin, die noch über den Göttern stehe.«


* Auch Sam Peckinpah hatte Geburtstag (im Jahre 1925), ein Still aus dessen Œuvre – etwa aus The Wild Bunch (1969) oder aus The Getaway (1972) oder aus Bring Me the Head of Alfredo Garcia (1974) – hätte Hans Köberlin bevorzugt. Der aktuelle Zitatenkalender zitierte einen Eintrag vom 21. Februar 1864 aus dem Journal der Brüder: »Je vais voir lʼExposition des dessins de Delacroix. Toutes les miettes dʼétudes, toutes les raclures de carton, toutes les bribes de crayonnage, tous les ratages, tous les repentirs, tous les essuie-pinceaux du peintre sont là, exposés en grande pompe, religieusement. Il y a vraiment, dans ce moment-ci, un engouement des célébrités défuntes, un amour des riens laissés par elles, qui ressemble à un culte des saintes reliques, et je ne désespère pas de voir bien-tôt, vendre aux Commissaires-priseurs, lʼempreinte des doigts de pied dʼun peintre illustre sur ses der-nières chaussettes.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Samstag, 20. Februar 2016

Donnerstag, der 20. Februar 2014


[142 / 182]
Auf der Doppelseite 176 / 177 sah man auf der Abbildung einer Photographie von Linda McCartney Frank Zappa 1968 in seiner New Yorker Wohnung in der Charles Street, da bereits als Ikone, und an der Wand sah man die Vergrößerung einer Photographie mit einer wunderhübschen Gail, man sah diversen Kram und ein Bücherregal,* in dem Barry Miles die Bibel und Antoine de Saint-Exupérys Le petit prince identifiziert hatte; na ja, die Bibel gehörte halt nunmal unabhängig vom Glauben wie der Homer in jeden Haushalt, aber … Dieser Autor als Namenspatron eines Flughafens und dieser Titel als Namenspatron einer Pension rahmten Hans Köberlins Exil quasi ein …


* »He [Peter Occhiogrosso, der Ghostwriter seiner, Zappas, Autobiographie] is a writer. He likes books – he even reads them. I think it is good that books still exist, but they make me sleepy (…) I wouldnʼt want anybody to think I sat around reading Flaubert, Twitchell and Shakespeare all day.« (The Real Frank Zappa Book). Von Flaubert hatte Peter Occhiogrosso als Motto die Weisheit zitiert, man solle regelmäßig und ordentlich im Leben sein, damit man in seiner Kunst gewaltig und originell sein könne.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Freitag, 19. Februar 2016

Mittwoch, der 19. Februar 2014


[141 / 183]
»Ich träumte von einem Arztbesuch, die Praxis war in einem großen Bahnhofsgebäude, vielleicht der Grand Central Station,* und man mußte durch diverse Geschäfte gehen, in denen es Probleme mit der Mafia gab (ich weiß nicht, ob es die russische oder die italienische Mafia war), es ging wohl um Schutzgelderpressung. Dann traf ich den Busenfreund, der gleichfalls zu dem Arzt mußte. Ich war schließlich mit einem mir unbekannten älteren Herrn in dem Blutabnahmeraum, die Sprechstundenhilfe – so ein junges Mäuschen, durch deren eng sitzende dünnstoffige weiße Hose man die Konturen ihres knappen Slips sah und deren Brüste drall in einem knappen weißen T-Shirt steckten – war bei uns beiden zugange und zerstach mir mit der Nadel den Arm bei dem Versuch, das Blut für die Untersuchung abzunehmen. Dann träumte noch, ich sei mit Hehlern unterwegs. Mit dem Anführer (ein früher Kinderfreund?) holte ich an einer Tankstelle das Diebes-gut – Gold und einen wertvollen Teppich – ab.«


* Slapp Happy, Just A Conversation (Sort Of, 1972) …
It was just a conversation
in Grand Central Station one day
Iʼd lost my occupation
Didnʼt have no destination anyway
When it all got too boring
I gave you my shoes
And you left me there with the Barefoot Blues
Ein Fall für die Topographie der Träume (vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 163ff.): man war einmal dort gewesen und der Ort tauchte immer wieder in den Träumen auf.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Donnerstag, 18. Februar 2016

Notwendige Reduktionen (manchmal)

… schweigen, wo man nichts zu sagen hat; nur das Nötige tun, wo man nichts Besonderes zu bestellen hat; und was das Wichtigste ist, gefühllos bleiben, wo man nicht das unbeschreibliche Gefühl hat, die Arme auszubreiten und von einer Welle der Schöpfung gehoben zu werden! Man wird bemerken, daß damit der größere Teil unseres seelischen Lebens aufhören müßte, aber das wäre ja vielleicht auch kein so schmerzlicher Schaden.

(Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Reinbek 1978, S. 246).

Dienstag, der 18. Februar 2014


[140 / 184]
Lang: »Jeder Film muß eine Idee klar zum Ausdruck bringen.«
Lang: Individuum vs. Schicksal.
STATUEN 1: Odysseus (?), Vorführer, Pallas Athene (Paul), (Lang aus dem Off) Poseidon (Lang: »der Feind des Odysseus«), Frau mit gelben Haaren, Klappe, Paar (?), Prokosch: »I like Gods …«, diverse Statuen, Lang aus dem Off: »Vergessen Sie nicht, nicht die Götter haben den Menschen geschaffen …«,* (Paul aus dem Off) Homer (vergoldet).
Die badende Najade und Prokoschs (mir natürlich sehr verständliche) Freude über die nackte Frau: »Das ist Kunst …«
Paul: »Wer soll das sein?« – Francesca: »Penelope.«


* »Doch wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse roßähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper bilden, wie jede Art gerade selbst ihre Form hätte.« (Xenophanes, Fragment 15; in: Hermann Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker, nach der von Walther Kranz hrsg. 8. Auflage, Hamburg 1957, S. 19).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Mittwoch, 17. Februar 2016

Montag, der 17. Februar 2014


[139 / 185]
Im leeren Wintergarten griff er, obwohl er sich gestern über das Gelesene echauffiert hatte, zu Schultzʼ Dokumente der Gnosis und las in Puechs Essay weiter. Es ging diesmal über das Verhältnis der Gnostiker zu dem Phänomen ›Zeit‹. Und er las, was er bereits von seiner Borgeslektüre her kannte: sie erachteten die Zeit – »ihrem Wesen nach Unvollkommenheit« – als Täuschung und entsetzten sich zugleich vor ihr. Und Hans Köberlin erinnerte sich an einen Schlager aus der Zeit seiner präpubertären Kindheit …* Für ihn war die Zeit sein Altern und der dies mitbringende Verfall, den man allerdings durch regelmäßiges Vögeln, Dauerlaufen Fahrradfahren und Schwimmen hinauszögern konnte; dann war seine Zeit hier terminiert, wofür aber die Zeit nichts konnte, sondern bloß er selber. Hans Köberlin versuchte, hier intensiv in der Zeit zu sein, sie zu verdichten, ihren Ablauf zu verlangsamen … schaute man nicht hin, war ratzfatz eine Stunde vorbei, aber es brachte auch nichts, der Uhr beim Gehen zuzuschauen … Beim Vögeln und Onanieren die Ejakulation hinauszögern … Und schließlich war die Zeit ihm das Medium der Musik. – Und wie die Gnostiker den Leib und die Zeit verdammten, so verdammten sie auch die Welt und das irdische Leben, mit der Pointe, daß für sie der Schöpfer nicht auch der Erlöser sein konnte. Das Ganze war, so kam es Hans Köberlin vor, eine gigantische, kosmische Externalisierung des eigenen Unvermögens. »Die Welt ist gut, weil es Frauen gibt, egal wie wenig ich in ihr klarkomme.« – Hans Köberlin las den Essay zu Ende – es ging um das Fremdsein in der Welt, und die Gnostiker wurden von den Stoikern abgegrenzt und mit den Existentialisten verglichen –, las den Essay also zu Ende, um morgen auf S. 55 – Das Geschlechtliche in gnostischer Lehre und Übung, ein Essay von dem Herausgeber Schultz selber – weiterlesen zu können, wobei er endlich auf die monströsen Obsessionen, von denen Bataille gesprochen hatte, zu stoßen hoffte, und er wendete sich anschließend wieder dem bleichen König zu, wo er die dreißig Seiten Bericht über die Ankunft des Autors zuende las, ihm dabei gönnend, wegen einer Verwechslung von Ms F. Chahla Neti-Neti, die geglaubt, diesen Dienst einem für die Behörde wichtigen Mitarbeiter zu leisten, mit zwölfmal rein und raus, wie der Autor zu erwähnen nicht vergaß, einen geblasen zu bekommen, nachdem sie zuvor während der Odyssee durch die Flure pausenlos irgendetwas Unpersönliches, wie er sich mokierte, auf ihn eingeredet hatte.


* … von Barry Ryan aus dem Jahre 1971 …
Die Zeit, die trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer,
die Zeit, die trennt auch jeden Sänger und sei Lied,
denn die Zeit ist das, was bald geschieht.
Die Zeit, sie ist nicht nur für immer Traum und Träumer,
die Zeit, die trennt auch jeden Dichter und sein Wort
denn die Zeit läuft vor sich selber fort.
Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt,
denn er wird niemals alt,
die Hölle wird nicht kalt.
Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt,
denn heute ist schon beinah morgen.
Die Zeit, die trennt nicht nur für immer Sohn und Vater.
Die Zeit, die trennt auch eines Tages Dich und mich,
denn die Zeit zieht den längsten Strich.
Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt … et cetera.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Dienstag, 16. Februar 2016

Sonntag, der 16. Februar 2014


[138 / 186]
Nach dem Dauerlauf – es war sonnig aber windig – und dem Frühstück und dem Duschen setzte Hans Köberlin sich an seinen Tisch im leeren Wintergarten, und um 12Uhr14 – ein gewichtiger Moment in seinem Leben, vielleicht nach seinen schicksalhaften Momenten mit bestimmten Frauen und nach dem Moment seiner Romanpublikation der gewichtigste Moment: »… and first I put my arms around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes.« – Und das ›Ja‹ wurde Fleisch …
Nach 1977 und nach 1981 – 1997 war er (wie bei allem im Leben damals) im ersten Drittel steckengeblieben – vollendete Hans Köberlin zum dritten Mal die Lektüre des Ulysses, und er fühlte eine große Leere in sich, er spürte seine Zerrissenheit, die er über der Lektüre vergessen hatte können, es war ihm, als hätte man ihm eine Aufgabe genommen, nämlich die Aufgabe, ein aufmerksamer und liebevoller Leser zu sein, und er hätte am liebsten mit dem Roman gleich wieder von vorne begonnen, an jenem Martello Tower in Sandymount …
Stately, plump Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of lather on wich a mirror and a razor lay crossed. A yellow dressinggown, ungirdled, was sustained gently behind him by the mild morning air. He held the bowl aloft and intoned:
– Introibo ad altare Dei.
»Trieste-Zürich-Paris, 1914-1921.« … und wie Borges in seiner Invocación a Joyce mochte Hans Köberlin ausrufen …
»Soy los que no conoces y los que salvas.«
Sieben Jahre hatte also Joyce daran geschrieben … (er hätte das bei der Siebeneraufzählung in Telos ergänzen können, wenn er daran gedacht hätte):* einmal einen langen Atem haben, sich nicht kirre machen lassen von der Welt (die Frau und die Freunde vertrauten doch seinem diesbezüglichen Talent) … »Die Idee zu meinem Roman hatte ich am heiligen Abend 1988, und zuerst publiziert wurde er kurz vor dem heiligen Abend 2007, wobei ich nicht sagen könnte, ich hätte neunzehn Jahre daran gearbeitet, und wobei ich zu meiner Schande auch nicht sagen könnte, sein Zustand sei lege artis.« – Was das mit dem Frühstück wohl auf sich hatte, das hatte sich Hans Köberlin das ganze letzte Kapitel über gefragt, dann anschließend war er bei Nabokov auf eine plausible Erklärung gestoßen, nämlich daß Mr Bloom der Ansicht sei, sein Wissen um die und seine sillschweigend Duldung der Fortsetzung dieser schmutzigen Geschichte mit Blazes Boylan gebe ihm die Oberhand über Molly. Und auch Nabokov kam, wie auch Thirlwell, zu der Ansicht, Molly liebe Bloom, allerdings mit der Einschränkung, wenn sie überhaupt jemanden liebe. Natürlich hatte Nabokov recht, wenn er schrieb, der sogenannte ›stream of concousness‹ sei eine Kunstform und ein Bewußtsein arbeite nicht so rein sprachlich. Woher er wissen solle, warum er seine Gedanken denke, hatte sich der Protagonist von The Third Policeman gefragt … Hans Köberlin hielt inne und schloß – quasi um sich zu lesen – die Augen (wie Mr Bloom einmal die Augen geschlossen hatte, um sich nach der Begegnung mit dem blinden Klavierstimmer selber in eine Blindheit zu imaginieren und derart die Haut auf seinem Bauch zu befühlen) …: das permanente von einem hohen Ton gekrönte Rauschen des Blutes in seinen Ohren, was die Erinnerung an eine der von John Cage erzählten Geschichten, die er während seiner Indeterminacy-Dauerläufe gehört hatte, evozierte,** Pochen in seinen Schläfen, Schostakowitschs Bratschensonate aus dem Radio in der Küche, irgendwo fuhr ein Auto, der Nachbar – »Der Idiot!« – kam an und hupte, ein Hund bellte und eine Frau schimpfte im hiesigen Idiom, Lichtflecken sobald man die Lider lockerte, Geflacker sogar hinter den geschlossenen Lidern, »als wir auf dem Rückweg der Wanderung durch die Siedlungen von Albir gingen, sahen wir in einem Hof an einem komplizierten und mit Stahlseilen verankerten Gerüst aus Stahlrohren ein Artisten-Trapez hängen … meine Liebste, wenn ich dich jetzt nur spüren und riechen und schmecken könnte« … die Assoziation aus The Pale King: Stoppelfeld – Mädchen, das sich die Achselhöhlen selten rasiert … der seltsame unsichtbare Vogel pfiff seinen seltsamen Pfiff … und die Frau nochmals (nicht als Wort), hier (irrealer Eindruck, gewollt zu wollüstigen Vorstellungen imaginiert), die Hauptstadt (multimediale Erinnerungsfetzen, durchgangene Straßenzüge, Baustellen, Kräne in spätsommerlichen Abendhimmeln …), Geld = Zukunft (nonverbal als Gefühl von Sorge und Bedrückung und Ärger über sich selber), der Krafthorizont, sein ›als-ob‹ … »fucked yes damn well fucked too up to my neck«*** … Finnegans Wake war da wohl näher dran, weil es noch artifizieller als Ulysses war. Beide Werke, Ulysses und noch mehr Finnegans Wake, das empfand Hans Köberlin, wie eben in der Fußnote oben angedeutet, einmal mehr, waren eigentlich große Poeme, die man eher fachkundig rezitiert hören sollte, denn sie für sich und vor sich hin leise zu lesen, sie waren logische Endpunkte ihrer Kunst, die alles übrige zu Zeitvertreib machten …**** Hans Köberlin öffnete seine Augen wieder, schaute vor sich auf das geschlossene Buch und damit auf Jonathan Barrys Gemälde der Halfpenny Bridge, von der er nicht wissen sollte, daß er bereits im nächsten Jahr mit der Frau über sie gehen sollte, und die am Rand des Einbands sich durch den intensiven Gebrauch ablösende Schutzfolie, und er sprang damit von seinem Bewußtseinsstrom, beziehungsweise von der versuchten Imagination eines solchen, ab.
»Was nun?«


* Vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 148 und dort die Fußnote 456 …?!: 4, 5 und 6, die drei Zahlen, die vor der 7 kommen …
** »There is no such thing as an empty space or an empty time. There is always something to see, something to hear. In fact, try as we may to make a silence, we cannot. For certain engineering purposes, it is desirable to have as silent a situation as possible. Such a room is called an anechoic chamber, its six walls made of special material, a room without echoes. I entered one at Harvard University several years ago and heard two sounds, one high and one low. When I described them to the engineer in charge, he informed me that the high one was my nervous system in operation, the low one my blood in circulation. Until I die there will be sounds. And they will continue following my death. One need not fear about the future of music.« (John Cage, Experimental Music; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 8).
*** James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 680. Nach seiner Rückkehr sollten Joyce und sein Ulysses-Roman in Hans Köberlins Leben präsent bleiben: er besorgte sich nämlich in der öffentlichen Bibliothek sowohl die kommentierte Ausgabe, von der er, wie vorgenommen, bloß den Kommentar las, als auch den Roman als Hörbuch (eine rund eineinhalb Tage dauernde Lesung) und als Hörspiel (21 Stunden und 32 Minuten). Die hörte er dann während seiner morgendlichen Dauerläufe, zuerst das Hörbuch, dann das Hörspiel und schließlich wieder das Hörbuch. Hinzu kam 2015 Finnegans Wake, über rund einen Tag und fünf Stunden vollständig interpretiert von diversen, Hans Köberlin nicht bekannten, Audiokünstlern (den ersten Teil sollte Hans Köberlin auch am Mittwoch, dem 20. Mai 2015 hören, als er mit Omnibus und U-Bahn zu seiner zweiten Scheidung fuhr), und 2016 das gleiche Projekt noch einmal mit anderen Künstlern. Zuvor natürlich: die selektive – selektiert nach dem I Ging (regulierter Zufall) – Lektüre über seiner Soundcollage von John Cage. Als Krönung dann folgte eine vom 22. Juli bis zum 5. August 2015 dauernde Reise mit der Frau (und auch von ihr größtenteils finanziert) auf James Joyces Herkunftsinsel.
**** »Was man treibt gewinnt mehr und mehr den Charakter des Zeitvertreibs«, hatte Thomas Mann irgendwann in sein Tagebuch geschrieben und hinzugefügt: »Möge er ehrenvoll sein.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Montag, 15. Februar 2016

Hm …

Materie ist viel magischer als das Leben.

(Roland Barthes, Mythen des Alltags, Berlin 2010, S. 196).

À propos …

… zu dem Filmkalenderblatt vom Freitag, dem 15. Februar 2013 …

Samstag, der 15. Februar 2014


[137 / 187]
Aufstehen, Dauerlauf – wieder mit Cassiber –, Frühstück im leeren Wintergarten und Duschen verlief nach dem gewohnten Muster. Es gab keinen Nebel heute, der Himmel war blau, aber es war wieder sehr windig. Nach dem Duschen saß Hans Köberlin mit dem großen Laptop und seinen aktuellen Bücherstapeln im leeren Wintergarten, aus dem Radio kam die Musik, die man auf Radio clásica halt so spielte, und er las, daß Molly Bloom ihre Tage bekam. Und weiter fragte sie sich angesichts ihrer Erinnerung an den Leuchtturm des Europa point: »… will I never go back there again …« Wie oft hatte sich das Hans Köberlin bei den verschiedensten Orten in der letzten Zeit gefragt … sein Leben kam ihm manchmal vor wie ein allgemeines Abschließen, wie die eine eislerische Brechtvertonung bei Cassiber (einmal instrumental und einmal sang Dagmar Krause …),* lauter letzte Dinge, lauter letzte Male ohne die Möglichkeit der Wiederholung, wie sollte das erst bei seiner Rückkehr werden … Hans Köberlins Gedanken wanderten zu einem Gedanken Borgesʼ: wenn Zeit Abfolge sei, dann müsse man einräumen, daß dort, wo eine größere Dichte von Vorgängen existiere, mehr Zeit vergehe, und daß der üppigste Zeitstrom auf der unbedeutenden Seite der Welt fließe. Aber was hieß schon ›mehr Zeit‹? Waren es längere Dauern, um die es ging, oder das Zeitempfinden? Flossen üppige Ströme langsamer als Rinnsale oder kam ihm das jetzt bloß so vor? Und was verstand Borges unter ›Vorgang‹? Ein bedeutsames Ereignis? – Hans Köberlin war zu träge, um den Kontext dieser Bemerkung zu nachzulesen, er streckte die Beine aus, verschränkte die Arme vor seiner Brust und döste eine seiner angenehmen Siestas.**


* Brecht hatte das in seinem Exil Geschrieben …
Und ich werde nicht mehr sehen
das Land, aus dem ich gekommen bin.
Nicht die bayrischen Wälder,
nicht das Gebirge im Süden,
nicht das Meer,
nicht die Märkische Heide,
die Föhre nicht,
noch die Weinhügel am Fluss im Frankenland.
Nicht in der grauen Frühe,
nicht am Mittag,
und nicht, wenn der Abend herabsteigt.
Noch die Städte,
noch die Stadt, wo ich geboren bin.
Nicht die Werkbänke,
und auch die Stube nicht mehr,
und den Stuhl nicht.
All das werd ich nicht mehr sehen,
und keiner, der mit mir ging,
wird das alles noch einmal sehen.
Und ich nicht, und du nicht
werden die Stimmen der Frauen und Mütter hören,
oder den Wind über die Schornsteine der Heimat,
oder den fröhlichen Lärm der Stadt,
oder den bitteren.
** Wir wollen Hans Köberlins wohlige Siesta nutzen, um eine etwas längere Passage aus Thomas Manns Zauberberg (Frankfurt am Main 1986, S. 146ff.), die vielleicht dem entspricht, was Borges meinte, zu zitieren: »Denn er war geduldig von Natur, konnte lange ohne. Beschäftigung wohl bestehen und liebte, wie wir uns erinnern, die freie Zeit, die von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt und verscheucht wird (…) Im Grunde hat es eine merkwürdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben an fremdem Orte, dieser – sei es auch – mühseligen Anpassung und Umgewöhnung, welcher man sich beinahe um ihrer selbst willen und in der bestimmten Absicht unterzieht, sie, kaum daß sie vollendet ist, oder doch bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande zurückzukehren. Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und Zwischenspiel in den Hauptzusammenhang des Lebens ein, und zwar zum Zweck der Erholung-, das heißt: der erneuernden, umwälzenden Übung des Organismus, welcher Gefahr lief und schon im Begriffe war, im ungegliederten Einerlei der Lebensführung sich zu verwöhnen, zu erschlaffen und abzustumpfen. Worauf beruht dann aber diese Erschlaffung und Abstumpfung bei zu langer nicht aufgehobener Regel? (…) es ist das Erlebnis der Zeit, – welches bei ununterbrochenem Gleichmaß abhanden zu kommen droht (…) Man glaubt im ganzen, daß Interessantheit und Neuheit des Gehaltes die Zeit ›vertreibe‹, das heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und ›langweilig‹ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so daß ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein. Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein Mattwerden des Zeitsinnes (…) Wir wissen wohl, daß die Einschaltung von Um- und Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren Zeitsinn aufzufrischen (…) Freilich wirkt die Erfrischung des Zeitsinnes dann über die Einschaltung hinaus, macht sich, wenn man zur Regel zurückgekehrt ist, aufs neue geltend: die ersten Tage zu Hause werden ebenfalls, nach der Abwechslung, wieder neu, breit und jugendlich erlebt, aber nur einige wenige: denn in die Regel lebt man sich rascher wieder ein als in ihre Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch Alter schon müde ist oder – ein Zeichen von ursprünglicher Lebensschwäche – nie stark entwickelt war, so schläft er sehr rasch wieder ein, und schon nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie weg gewesen und als sei die Reise der Traum einer Nacht.« – Man entsinne sich, was wir zu Beginn unserer Langzeitdokumentation über die Gewohnheit angemerkt haben, nun: wenn man bei Manns Ausführungen die Akzente nur leicht verschob, beziehungsweise die Perspektive ein wenig veränderte … Und natürlich wollen wir jene Art der Zeitmodulation, die wir oben als ›verdichten‹ bezeichnet haben, nicht vergessen: »richtige Dauern« (Stockhausen) durch das Verfassen von Tagebüchern und Arbeitsjournalen (was bei ihm das gleiche war) und deren Relektüre zu schaffen. Als Hans Köberlin am 8. September 2015 in der Nacht eine solche Relektüre betrieb, dabei Fred Frithʼ Eye to Ear III hörend, las er, daß er am 8. September 2014 (da dagegen um die Mittagszeit) gleichfalls Fred Frithʼ Eye to Ear III gehört hatte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Sonntag, 14. Februar 2016

Freitag, der 14. Februar 2014


[136 / 188]
Es kam plötzlich eine seltsame atmosphärische Stimmung auf, die ihn an die Stimmung in Flann OʼBriens The Third Policeman – ein Buch das (haben wir das bereits erwähnt?), nebenbei bemerkt, seinen Weg in Hans Köberlins Basisbibliothek gefunden hatte – erinnerte, und ein paar Minuten später hatte ein dichter Nebel alles was weiter als zehn Metern von ihm entfernt lag, vollkommen eingehüllt. Hans Köberlin stieg auf die hintere Dachterrasse und sah hinter den Häuserreihen gegenüber rundum, also seiner Sichtbarkeitsblase, bloß noch einen konturlosen grauen Raum, sogar die Hochhäuser und der Peñòn de Ifach und der Morro de Toix und das Castellet de Calp und die Sierra de Oltà waren verschwunden, als habe der große Manipulator mit seinem Photoshopwerkzeug einfach alles wegretuschiert oder wie bei Welt am Draht, als der die Welt simulierende Rechner abstürzte. Wie hatte man sich das vorzustellen? Hatte jemand, der fünfzehn Meter von Hans Köberlin entfernt auf seiner Dachterrasse stand, auch seine Sichtbarkeitsblase mit zehn Metern Radius?* So, mit Sichtbarkeitsblasen mit zehn Metern Radius im Abstand von fünfzehn Metern, konnte man sich das Universum vorstellen, oder auch das soziale System, manchmal zumindest … – – – Der Wind hatte sich gelegt, jetzt in dem Nebel war es aber zu ungemütlich, um an dem Tisch auf der hinteren Dachterrasse weiter zu lesen und zu schreiben. Seltsam das, Wetter gab es hier, wie er sie noch nie erlebt hatte, und er ging nach einer Weile, in der sich nichts tat und es keine Auflösung ergab, zurück an seinen Schreibtisch in den leeren Wintergarten. Er fühlte sich plötzlich einsam, ohne die Frau in diesem grauen Nichts, was ja kein Nichts mit nichts dahinter war, sondern bloß ein dichter Nebel, etwas vor Etwas.


* In The Third Policeman erfuhr man, de Selby habe behauptet, Nacht sei, entgegen der allgemein akzeptierten Theorien, eine Akkumulation schwarzer Luft (vgl. Flann OʼBrien, Der dritte Polizist, Frankfurt am Main 1991, S. 42f. und dort die Fußnote 4). Hans Köberlin kam dies hier wie eine Akkumulation grauer Luft vor, aber es sollte noch dicker kommen, siehe unten).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase 5 – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).