Donnerstag, 6. August 2015

Zum Sitzen



Lamp, table, and bed, and a chair —

a chair for sitting.

Where I might even bring a thought

to a problem or two.

Draw up a chair, draw out a plan.

Process the plan by lamplight,

with your elbows on the table.

Then rest in the bed and dream

of sitting in the chair.

Regardless of room size,

have a lamp, table, and bed, and a chair —

furniture for furnishing answers to questions

… or at least a place to sit.

(David Garland, Furniture; von: Control Songs, 1986; http://davidgarland.bandcamp.com/track/furniture).

Eine Definition von »Klassik«

Alberto Savinio definiert die Funktion der Klassik als Reaktion auf die Romantik darin, »alle (von den Romantikern angehäuften) Werte auf die höchste Potenz und das geringste Volumen zu bringen« (Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Romantik, S. 325). Über die Funktion der Romantik als Reaktion auf die Klassik schreibt er an dieser Stelle nichts.

Mittwoch, 5. August 2015

Artillerie

»Ein Lacher zum falschen Zeitpunkt kann eine wichtige Sache leicht verderben.«
(Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Frankfurt am Main 3. Auflage 1996, S. 228).

Man bedenke den Autor, seinen spezifischen Stil und den Gegenstand (siehe Bergson).

Montag, 3. August 2015

… (4 [Fahrrad])


Der Sergeant trank zierlich, tief in Gedanken versunken.
»Michael Gilhaney, einer meiner Bekannten«, sagte er schließlich, »ist ein Mensch, den das Wirken der Mollykül-Theorie schon fast erledigt hat. Würde es Sie ominös verwundern, wenn Sie erführen, daß er auf dem besten Wege in der Gefahr schwebt, ein Fahrrad zu sein?«
Mick schüttelte in höflichem Unverständnis den Kopf.

(Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Frankfurt am Main 3. Auflage 1996, S. 109f.).

… (3 [Beton])

Sonntag, 2. August 2015

Montag, 27. Juli 2015

Samstag, 18. Juli 2015

Kinderfragen


»Du Papa, was ist eine ›herrschende Klasse‹?«

Freitag, 17. Juli 2015

Sirtaki

1964 ging ein okzidentaler Möchtegern-Unternehmer nach Griechenland, um eine Geschäftsidee umzusetzen. Er mußte von dem Griechen Zorba lernen, daß die Welt nicht immer so funktioniert, wie man sich das gedacht hat. Und die Botschaft 1964 war: vergiß deinen Ärger und deine ökonomischen Verluste und tanze. Das wurde der Welt damals als vorbildliche Haltung vorgeführt.
Ein halbes Jahrhundert später sieht die Welt anders aus: es hat sich ausgetanzt, man holt sich im Okzident seine wohlfeilen Vorbilder für das Feierabend- und Wochenendgutsein und -wohlfühlen aus dem ferneren Osten.
Es sei  der Phantasie anheimgestellt, wie ein Remake von Zorba the Greek (wenn man es denn überhaupt noch drehte und nicht etwas äquivalentes ferneröstliches daraus machte) aussehen würde … so verlogen, wie die Kulturindustrie ist, würde man auch heute den Antikapitalisten tanzen lassen.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Mænd & høns


Das war ein sehr, sehr intelligent gemachter Film (man glaube der Kritik des Tagesspiegel nicht: der Kritiker hat – zumindest bei diesem Film – nicht verstanden, um was es geht), ich sah eine subtile Groteske, und ich wunderte mich nicht, als ich las, daß der Regisseur Anders Thomas Jensen auch das Drehbuch zu Hævnen (Susanne Bier, 2010; vgl. Telos, Berlin 2013, S. 81ff.) geschrieben hatte. Die Frauen sind es, die die Zivilisation in die Welt gebracht haben, das war mein erster Gedanke angesichts dieser Brüderbande und angesichts der Auflösung (vgl. ebd., S. 103 und dort die Fußnote 349), und meine ersten Assoziationen nach dem Film bezüglich der Themen und der Quellen waren: Mythologie, Wissenschaft (vor allem die Biologie von Darwin bis zur Gegenwart), H. G. Wells’ The Island of Dr. Moreau (wegen des Plots am ehesten und wegen der Wissenschaft), Maurice Renards Le Docteur Lernen (wegen der Sexualität, wegen der Chimären und wegen des Stiers – nebenbei bemerkt: der Roman ist eines jener Juwele, die gute Freunde oder der Zufall an einen herantragen und die man dann, nach der Lektüre, sein Leben lang bei sich behält), Raymond Queneaus Saint Glinglin (wegen der Mythologie en miniature: den Berg Ida kann man überall finden) und Arno Schmidts Die Gelehrtenrepublik (wegen all dem zusammen).
Wenn ich mehr dazu sagen würde, würde ich zuviel verraten, mehr würde ich also dann erst dazu sagen wollen, wenn alle von mir aus infrage kommenden Personen den Film gesehen haben und wenn ich ausreichend Zeit zur Reflektion gehabt haben würde.

Dienstag, 14. Juli 2015

Die Herberge zur Vernunft

Auf halbem Wege zwischen Glaube und Kritik liegt die Herberge zur Vernunft. Die Vernunft ist der Glaube an etwas, das man ohne Glauben verstehen kann; doch bleibt es noch immer ein Glaube, denn verstehen setzt voraus, daß es etwas Verstehbares gibt.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.182).

Montag, 13. Juli 2015

Gewinn aus der Beirrung

Ein Kriterium für intellektuelle Gesundheit ist die Spannweite von Unvereinbarkeiten im Hinblick auf ein und dieselbe Sache, die ausgehalten wird und dazu noch Anreiz bietet, Gewinn aus der Beirrung zu ziehen.

(Hans Blumenberg)

Donnerstag, 9. Juli 2015

Vor der Suche

Nachdem ich bei den Gebrüdern de Goncourt bereits so viel Schlechtes über ihn gelesen habe …


Ich bin an einen Punkt gelangt, oder besser: ich befinde mich in einer Lage, in der man fürchten muß, daß man die Dinge, die zu sagen man am meisten wünschte – oder in Ermangelung solcher, falls das Nachlassen der Sensibilität, das den Bankrott des Talents bedeutet, dies nicht mehr erlauben sollte, mindestens die danach kommenden, die man allerdings im Vergleich zu dem höchsten und heiligsten Ideal nicht sehr hoch einzuschätzen geneigt war, die man aber immerhin nirgends gelesen hat, von denen man annehmen kann, daß sie nicht gesagt werden, wenn man selbst sie nicht sagt, und von denen man erkennt, daß sie doch mit einem, wenn auch weniger tiefen Teil unseres Geistes verbunden sind – plötzlich nicht mehr sagen kann. Man betrachtet sich nur noch als den Träger von geistigen Geheimnissen, der jeden Augenblick verschwinden kann, wobei diese mit ihm verschwinden werden. Und man möchte das Beharrungsvermögen der früheren Trägheit überwinden, indem man ein schönes Gebot Christi aus dem Johannesevangelium befolgt: »Arbeitet, dieweil ihr das Licht habt.«

(Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve, Frankfurt am Main 1962, S. 7).

Dienstag, 7. Juli 2015

b, c, d und Konsorten

Die Verfeinerung des Geistes führt zum geistigen ›Konsonantismus‹.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Naphthalin, S. 268).

Montag, 6. Juli 2015

Eine Melancholie, poetisch artikuliert

La nuit tombait doucement, et la parole du vieillard devenait, de plus en plus, une parole de clair-obscur, une parole s'approchant du grand silence.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 19. Februar 1869).

… et vice versa

Kalt is draus, des miasma ausnützen, bleima herinn.

(Gerhard Polt).

Samstag, 4. Juli 2015

Damals wie heute

21. Oktober [1868] – Als man Mornys [Charles-Auguste-Louis-Joseph Duc de Morny, 1811-1865, Politiker] Autopsie machte, als man sein Gehirn aus der Knochenhülle zog und nichts hatte, um die Leere wieder zu füllen, stopfte man ein paar Nummern des Figaro und des Petit Journal hinein. Der Inhalt dieses Hauptes wurde damit kaum verändert …

(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 616).

Donnerstag, 2. Juli 2015

Nochmals zu Harry Rowohlt und James Joyce

Am 16. Juni hieß es hier:

Heute ist Bloomsday, ein Feiertag, es gilt aber auch, zweier Verstorbener zu gedenken (es ist ja auch der Tag von Paddy Dignams Beisetzung): am 16. Juni 1955 starb in Triest James Joyces Bruder Stanislaus, seines Bruders Hüter …: eine seltsame Koinzidenz … und hätte Harry Rowohlt noch einen Tag gewartet, dann wäre der Bloomsday sein Todestag gewesen …

Nun, zu dem zweiten Verstorbenen:

Auch Harry Rowohlt hatte zu dem Thema Dichotomien etwas gesagt: »Immer wieder fragen mich Menschen, ob ich nicht mal Lust hätte, den Ulysses neu zu übersetzen. Das ist völlig undenkbar, denn man ist entweder Flann-O’Brien-Fan oder Joyce-Fan. Beides zugleich geht nicht. Man steht entweder auf Beatles oder Stones, man steht entweder auf Gina Lollobrigida oder auf Sophia Loren, man steht entweder auf Paris oder London. Beides hat in einem Menschenherzen keinen Platz. So ist das eben auch mit Flann O’Brien und Joyce. Das ist wie St. Pauli und HSV. Entweder oder.« (In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 146f.). – Nun, im Herzen von Hans Köberlin waren viele Kammern, er war sowohl Flann-O’Brien-Fan als auch Joyce-Fan, das ging beides bei ihm sehr gut. Was die beiden Combos anging, das hatten wir eben (…) geklärt, und nach allem, was er über Georg Seeßlen von den beiden Diven wußte (vgl. * und **), würde Hans Köberlin die Lollobrigida der Loren vorziehen, bei der Stadt der Liebe und der Hauptstadt der Angeln und der Sachsen würde er wieder nicht entscheiden wollen und die Frage, ob St. Pauli oder HSV ging ihm so ziemlich am Arsch vorbei.


* Man erinnere sich: Moses (The Ten Commandments, 1956) & Ben Hur (1959) Charlton ›get your gun‹ Heston als El Cid (neben Sophia Loren, vgl. Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 83f.: »In den Historienfilmen wie etwa Attila, flagello di dio (Pietro Francesci, 1954) oder, später, El Cid (Anthony Mann, 1961) ist sie (Sophia Loren) von einer mehr aristokratischen Ausstrahlung als Gina Lollobrigida (auf die kommen wir noch); sie ist nicht, wie diese, unbewußte Auslöserin, sondern denkende und handelnde Person im geschichtlichen Drama, und ihre erotische Triebkraft ist an moralischen Rastern gebrochen. War Gina Lollobrigida eine unschuldige Provokation gegen die Hierarchie die Männerwelt (… [das hier ausgelassene präsentieren wir unten, wenn es um Gina Lollobrigida geht]), so entwickelt sich der Loren-Typus zu einer Art der weiblichen Bestätigung des dynastischen Prinzips.«) … – Nebenbei bemerkt: es gab bei allen Vorbehalten gegen Heston drei wirklich gute Filme mit ihm, nämlich der weiter oben bereits erwähnte Film von Orson Welles, Touch of Evil (1958), Franklin J. Schaffners Originalversion von Planet of the Apes (1968) und, an der Seite von Edward G. Robinson, Richard Fleischers Soylent Green (1973).
** Wegen Jean Delannoys Verfilmung von Hugos Notre-Dame de Paris aus dem Jahr 1957, in der Anthony Quinn den Quasimodo spielte … Gina Lollobrigida … hier das eben bei Sophia Loren ausgelassene: »… wie sie als schöne Zigeunerin Esmeralda als ein ›natürlicher Mensch‹ inmitten einer bizarren, besessenen und erstickenden (Männer-)Welt erschienen war, der die mühsam unterdrückten Triebregungen wieder erweckt, zugleich aber auch die Fähigkeit zu reiner Liebe schafft« (Seeßlen, Ästhetik des erotischen Films, a. a. O., S. 84.). Wie bei der Adaption von Ecos Roman, so blieb auch bei dieser Hugoverfilmung der weiblichen Protagonistin der im Roman vorgesehene Tod auf dem Scheiterhaufen erspart, vielleicht aus ähnlichen Motiven, die Schiller dazu veranlaßten, seine Johanna nicht verbrennen, sondern enthaupten zu lassen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013 und Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis zum 30. Januar 2014).

Montag, 29. Juni 2015

Did you see I’m running?

Zur Urteilskraft

Wir, die wir schreiben, messen die Qualität eines Buches in seinem Nährwert.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Metamorphoseon, S. 250).

Mittwoch, 24. Juni 2015

NO EXIT

am Mittwoch, dem 12. Februar 2014, um 18Uhr42

Dienstag, 23. Juni 2015

Was ist Wahrheit?

Blumenberg über das Uhrengleichnis von Schopenhauer: »Der einsame Besitzer der wahren Zeit in einer Stadt mit lauter falsch gehenden Turmuhren ist kein Weiser, sondern ein Narr.«

Mutter Natur

Hebbel fragte sich am 29. November 1836 in seinem Tagebuch, »ob ein mystisches Gefühl im Menschen liegt, was ihm sagt, ob die öconomisch=umsichtige Natur ihn schon in ihre Pläne verwendet hat, oder nicht?« Das Gefühl mag ja da sein, ich glaube aber nicht, daß es einen Grund außer in dem es Fühlenden hat, denn die Natur hat keinen Plan und agiert auch nicht ökonomisch. Manche sprechen vom »Zufall« und tun dabei so, als wäre das etwas Anrüchiges, was nicht statthaben darf. Und was meinte Hebbel mit »schon«? Wenn schon, dann doch immer, oder?

Montag, 22. Juni 2015

Sinn?

Die Frau: Am Ende des achten Gesangs der Odyssee gibt der König der Phäaken Alkinoos eine Antwort auf die Frage, warum ein Held all die Unbill ertragen muß. Und das kam so: Alkinoos sieht seinen Gast, dessen Identität er noch nicht kennt, erschüttert. Die Erschütterung rührt daher, daß Odysseus (…) mit seiner eigenen Geschichte konfrontiert wird, als während des Gastmahls der blinde Sänger Demodokos ein Epos vom trojanischen Krieg vorträgt. Der Held ist erschüttert, als er mitanhört, was er selbst doch miterlebt hat, es ist, als käme ihm jetzt erst zu Bewußtsein, was alles er da durchgemacht hat, vor Troja und wegen Troja. Daraufhin also Alkinoos …
Alkinoos, König der Phäaken: Sage mir auch, was weinst du, und warum trauerst du so herzlich, wenn du von der Achäer und Ilions Schicksale hörest? Dieses beschloß der Unsterblichen Rat und bestimmte der Menschen Untergang, daß er würd ein Gesang der Enkelgeschlechter.
Die Frau: Das Schicksal und die Widrigkeiten, die den Helden begegnen, werden dadurch motiviert, daß sie den späteren Generationen als Stoff für ihre Geschichten dienen können …
Der Mann: Homer war REALIST. (…)
Lionel Trilling: … die grausame Irrationalität der Bedingungen des menschlichen Lebens, die von einem Idioten erzählte Geschichte, die kindischen Götter, die uns nicht um der Strafe, sondern um des Zeitvertreibs willen martern …
Die Frau: Es ist klar, daß diese Erklärung auf Dauer nicht haltbar war. Denn die Motive lagen hier quasi außen …


* Hans Köberlin, »… schön ist das nicht …« oder: Apologie des Mysteriums; in: Arbeitsgruppe »menschen formen« (Hg.), Ver-Schiede der Kultur. Aufsätze zur Kippe kulturanthropologischen Nachdenkens, Marburg 2002, S. 271f.; siehe dort auch die Nachweise der im Hörstück eingefügten Zitate. Ein ähnliches Beispiel – nicht für die oben aufgezählten re-entries, sondern für den Hohn metaphysischer Instanzen – war natürlich noch die Geschichte Hiobs, dessen Leiden einzig einer Wette Jahwes mit seinem Widersacher entsprangen (siehe Hi 1.6ff.).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Freitag, 19. Juni 2015

Was passiert

Bei guten Büchern ist die Handlung völlig wurscht, wenn Sie Handlung wollen, gehen Sie zum Catchen.

(Harry Rowohlt, vgl. In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 59).

Dienstag, 16. Juni 2015

Eine Kompetenz

MARTINA: (…) ich kann mächtich schweign, wenn’s an der Zeit iss …

(Arno Schmidt, Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 30).

Auch dies beim Aufräumen gefunden …

The past is never dead. It’s not even past.
William Faulkner

Zwei frühe Selfies …

Wiesbaden 1986 (?)
Wiesbaden 1987

Die 80er Jahre waren nicht so schlecht wie ihr Ruf jetzt annehmen läßt!

John Cage: Afternote to LECTURE ON NOTHING

In keeping with the thought expressed above that a discussion is nothing more than an entertainment, I prepared six answers for the first six questions asked, regardless of what they were. In 1949 or '50, when the lecture was first delivered (at the Artists' Club as described in the Foreword), there were six questions. In 1960, however, when the speech was delivered for the second time, the audience got the point after two questions and, not wishing to be entertained, refrained from asking anything more.
The answers are:
  1. That is a very good question. I should not want to spoil it with an answer.
  2. My head wants to ache.
  3. Had you heard Marya Freund last April in Palermo singing Arnold Schoenberg's Pierrot Lunaire, I doubt whether you would ask that question.
  4. According to the Farmers' Almanac this is False Spring.
  5. Please repeat the question …
    And again …
    And again …
  6. I have no more answers.
(John Cage, Silence. Lecture on Nothing; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 126).

Today is Bloomsday!

Heute ist Bloomsday, ein Feiertag, es gilt aber auch, zweier Verstorbener zu gedenken (es ist ja auch der Tag von Paddy Dignams Beisetzung): am 16. Juni 1955 starb in Triest James Joyces Bruder Stanislaus, seines Bruders Hüter …: eine seltsame Koinzidenz … und hätte Harry Rowohlt noch einen Tag gewartet, dann wäre der Bloomsday sein Todestag gewesen … »Gin Tonic – das war für mich der Inbegriff der Zivilisation, mit klirrenden Eiswürfeln zu heißen Soul-Rhythmen die Knochen geschüttelt. Danach war wieder eine Woche lang Beschaulichkeit angesagt.« (In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 210).

*

Und als Hans Köberlin nach dem Duschen schließlich am Schreibtisch saß und sich gerade den Kierkegaard vornehmen wollte, da klingelte es, das dritte Mal, nach dem Gemeindemann und nachdem einmal – wir haben vergessen, das zu erwähnen – seine vom Busenfreund per Eischreiben geschickte neue EC-Karte angekommen war, und wie die beiden Male zuvor erschrak Hans Köberlin. Es war diesmal keine neuerliche Umfrage ob des Status der Häuser (initiiert etwa von der Guardia Civil nach deren Inquirieren neulich), es war wieder el cartero, der ihm das bestellte Exemplar von James Joyces Ulysses im Originalidiom brachte … Wordsworth Classics … auf dem schwarzen Cover ein Gemälde, das die Halfpenny Bridge in Dublin zeigte, von einem Jonathan Barry, der als »Contemporary Irish Artist« vorgestellt wurde … Hans Köberlin freute sich sehr darüber und las gleich dort und in seinen beiden Ausgaben (den Übersetzungen von Goyert und Wollschläger) die berühmten ersten Sätze, man schrieb Donnerstag, den 16 Juni 1904 …

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Montag, 15. Juni 2015

Beim Aufräumen gefunden …

Verfällt die Wirkung chinesischer Glückskeksprophezeiungen?

Über das romantische Empfinden

Das romantische Empfinden setzt die Dinge jenseits der Dinge fort. Wie der Schatten den Körper. Wie die an den Gegenständen haftende Erinnerung an sie. Die Fortsetzung des Dinges. Lebendig, gegenwärtig, greifbar. Das Ding und zugleich die Erinnerung an das Ding ›in der Gegenwart‹. Sonst haben die Dinge keinen Schatten, keine Erinnerung.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Kometen-Wörter, S. 208).

*

Er verließ also das Haus durch das untere der beiden Tore, schloß es wieder hinter sich ab, hielt sich links (die untere, wie gesagt, adreßgebende Straße war eine Sackgasse, das hatten sie gestern am Abend festgestellt, als sie auf die alte Nachbarin gewartet), auf der Straße Schwellen aus Kunststoff, dead policemen, wie man sie in der neuen Welt nannte, kam bis zu einer Einfallsstraße und ging dort rechts auf einem schotterigen Streifen – aber dennoch auf einer elementareren Erde, wie Borges dieses Empfinden des Gehens in einem Ausnahmezustand einmal komperativ ausgedrückt hatte – neben der Fahrbahn bergab. Mit überhöhter Geschwindigkeit – ein Schild gemahnte 40 – rasten Autos die Einfallstraße hinauf (sie nahmen Anlauf für die Steigung) und hinab (man befand sich Abfahrtsrausch), nach ein paar Metern stand auf dem Schotter neben der Straße das Ortseingangsschild, auf dem, wie auf vielen Schildern in der Region, mit Übermalungen und Überschreibungen der Übermalungen et cetera ad infinitum der bereits erwähnte absurde Kampf um das e ausgetragen wurde.
Hans Köberlin blickte – Achtung: erster Eindruck! – auf eine nach dem hiesigen König – der, das sei hier nur nebenbei bereits verraten, im Verlauf von Hans Köberlins Exil seinen Thron räumen sollte – benannte vierspurige Straße mit einem von der Sonne gedörrten begrünten aber durch Staub gebräunten Mittelstreifen, zu der sich als Fortsetzung die zweispurige Einfallstraße, die er hinabgegangen, hinter einem Kreisverkehr erweiterte, an deren Ende sich ein phallusartiges Hochhaus, ein Teil des bereits erwähnten ›Ifach Parc‹, wie er später herausfinden sollte, erhob. Hans Köberlin dachte, das Gebäude habe die Gestalt eines auf den Kopf gestellten Ypsilons (Sie können der Phallusassoziation folgen?), doch was er von weitem gesehen für die Öffnung zwischen den Schenkeln des kopfstehenden Buchstabens gehalten (Schenkel … jetzt kamen feminine Assoziationen ins Spiel, aber nicht wegen des Anblicks des Gebäudes, sondern wegen der Begriffe seiner Beschreibung), stellte sich später, als er das Gebäude zum ersten Mal von nahem passierte, als verglaster dreieckiger Lobbyvorbau heraus.
(…)
Hans Köberlin empfand angenehm die hier herrschende und anscheinend zu Alliterationen verleitende und eine allgemeine Wollust verbreitende Hitze. Hans Köberlin besah sein Exil im äußersten Maße unkritisch, denn dadurch, daß es ihm Exil war und dadurch, daß es das Meer gab und dadurch, daß die Sonne schien, war der Ort ihm, Hans Köberlin, über jede Kritik – auch die der Frau …
»¡Vive Dios, que me espanta esta grandeza!«
– erhaben. Es galt ihm hier, was die Differenz zwischen Wahrnehmung beziehungsweise Empfindung und die als ›Wirklichkeit‹ an ihn herangetragene Fremdwahrnehmung betraf, Hegels berüchtigtes Diktum: »Umso schlimmer für die Wirklichkeit.« Der Schluß von Borges’ Essay La muralla y los libros fiel ihm ein: die Musik, die Zustände des Glücks, die Mythologie, die von der Zeit gewirkten Gesichter, gewisse Dämmerungen und gewisse Orte, so Borges in einer seiner genialen Aufzählungen, wollten einem etwas sagen oder hätten einem etwas gesagt, was man nicht hätte verlieren dürfen (eine Option à la Baudelaire; H. K.), oder schickten sich an, einem etwas zu sagen, und dieses Bevorstehen einer Offenbarung, zu der es nicht käme (dito; H. K.), sei vielleicht der ästhetische Vorgang.
Linkerhand der vierspurigen Straße reihten sich die Hochhäuser, die er von der Dachterrasse aus gesehen hatte, und rechts lag eine große Brachfläche (»el terreno baldío que se deshace en yuyos y alambres« sollte Hans Köberlin später in Borges’ Luna de enfrente lesen). Die beiden Supermärkte – ›Consum‹ (ein Name, der – anders betont als hier üblich ausgesprochen – bei der Frau Assoziationen an ihre Kindheit auslöste …) und ›Mercadona‹ – lagen links und rechts des Kreisverkehrs.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

Sonntag, 14. Juni 2015

Der Antagonist des ersten Romans betitelt den vierten Roman

Auf der anderen Seite der Wand stand, ebenfalls auf einem Rest der Decke, der allerdings, wegen des unmittelbar daran stoßenden Treppenhauses, etwas breiter war, der Pfarrer, zu dessen Füßen Wolfram kauerte, den Stiefel des Gottesmannes unbarmherzig im Nacken, ein Bild wie von Sankt Georg dem Drachentöter, dachte Clemens da. Wolfram versuchte einige Befreiungsbewegungen, aber das nützte ihm nichts, und sich in seine Lage fügend begann also der Schiffskoch nun, laut und immer wieder ohne Unterbrechung schreiend zu verkünden, Hans Köberlin sei nicht tot, Hans Köberlin lebe, was in Verbindung mit seinem rußgeschwärzten Gesicht einen schauerlichen Eindruck machte und was sicher mit dazu beitrug, daß er später in der Klapsmühle landete.

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).

Freitag, 12. Juni 2015

re-entries

In seinem Essay Magias parciales del Quijote hatte Borges die These aufgestellt, Cervantes habe sich darin gefallen, die Welt des Lesers und die Welt des Buches zu vermischen, und er brachte als Beispiel, wie Cervantes den Barbier, eine seiner Figuren, eines seiner, Cervantes’, Werke – die Galatea – der Kritik unterzogen habe, und daß die Protagonisten zu Beginn des zweiten Teils den ersten Teil der Beschreibung ihrer Abenteuer gelesen hatten. Anschließend brachte er weitere Beispiele, in denen das Werk im Werk nochmals auftauchte …
  • Hamlet als Theaterstück in Hamlet,
  • das Ramayana und sein Autor Valmiki am Ende der Ramayana,
  • das Märchen der 602. Nacht in Tausendundeiner Nacht,
  • Josiah Royces The World and the Individual, wo die vollständige Karte eines Landes im Maßstab 1:1 ihre Karte enthalte, die wiederum ihre Karte enthalte, die wiederum ihre Karte … (subitil aufgegriffen von Michel Houellebecq in La Carte et le territoire, Paris 2010),
  • der Teppich, den Helena wie in der Ilias beschrieben in Troja gewebt hatte und der die in der Ilias geschilderten Kriegsszenen darstellte, und
  • Aeneas, der in der Aeneis in Karthago Reliefs mit Szenen aus dem trojanischen Krieg sah, unter anderem solchen mit sich selber,
… wir würden noch ergänzen …
  • nochmals die Ilias, die nämlich Odysseus in der Odyssee von dem blinden Rhapsoden der Phäaken vorgetragen hörte,
  • la recherche du temps perdu, die sich Marcel, wie eben bereits erwähnt, am Ende von À la recherche du temps perdu anschickte, zu beschreiben,
  • der in der Ilias beschriebene Schild des Achilles, der die gesamte Welt darstellte und also eine Art von Proto-Aleph war*, und schließlich
  • wir, die wir von dem Autor Hans Köberlin berichten, der die Fragmente unseres Berichts über die seltsamen Abenteuer seines, Hans Köberlins kommentierenden Herausgebers, kommentiert und herausgibt.
»It’s a Mad Mad Mad Mad World!«
»… lisant au livre de lui-même …«**
… wie Borges selber, am Ende von La busca de Averroes, gefühlt hatte, nämlich daß seine Erzählung ein Symbol des Menschen war, der er gewesen war, während er sie geschrieben hatte, und daß er, um diese Erzählung zu schreiben, dieser Mensch habe sein müssen, und um dieser Mensch zu sein, diese Erzählung habe verfassen müssen, und so ad infinitum.


* Vgl. dazu auch vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 491: »… angefangen mit der Abbildung der Welt auf dem von Hephaistos verfertigten Schild des Achilleus bei Homer – wo die Welterschließung in toto noch deskriptiv geschehen konnte, weil die Welt noch überschaubar war; Realismus fände immer an einem gewissen Komplexitätsgrad seine Grenze, wenn er nicht die Komplexität selber als Gegenstand nähme …«
** Stéphane Mallarmé, Hamlet et Fortinbras.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Mittwoch, 10. Juni 2015

John Cage, Indeterminacy

[57 / 267]
Hans Köberlin hörte während seines Dauerlaufs tatsächlich John Cages Indeterminacy, er schaffte die ersten beiden Teile und zehn Minuten des dritten Teils, das hieß, daß er in den vergangenen eineinhalb Wochen der großen Dauerlaufstrecke schneller geworden war. In einer dieser Geschichten erzählte Cage (während Hans Köberlin südlich hinter der Hauptstraße Treppenstufen hinunter zum Strand lief) von einem Freund aus der Stadt des Lichts, der seinen alten Ford (wohl so ein Kleinbus, ›Transit‹ oder wie die Dinger geheißen) mit Möbeln und Topfpflanzen zu einem mobilen Wohnzimmer gemacht hatte. Eines Tages dann sei er damit vor einer Hamburgerbude vorgefahren, habe einen roten Teppich ausgerollt, sei darüber in die Bude gegangen, habe einen Hamburger gegessen, habe anschließend den Teppich wieder eingerollt und sei weitergefahren. – Mit dem Hören von John Cages Geschichten, während des Dauerlaufens im Hinterland, vorbei an den beiden Discountern aus Hans Köberlins Herkunftsland, die zu boykottieren er sich entschlossen hatte, und vorbei an dem dazwischen liegenden nach Odysseus benannten Trailerpark und den beiden vereinzelten Hochhäusern im Hinterland, und über die Brücke über das ausgetrocknete Flußbett (wir vergessen immer, wie diese hier häufig vorkommenden ausgetrockneten Flußbetten genannt wurden) am Ende des Hinterlande und am Anfang des Ortes, und vorbei an den beiden Tankstellen und über die Straße, die wegen der sie flankierenden Allee als einzige Avenida des Ortes in Hans Köberlins Imagination die Bezeichnung Avenida verdient hatte und auf deren Zebrastreifen er wegen des hiesigen Fahrstils stets befürchtete, daß ihn hier einmal sein Schicksal ereilen könne …: mit John Cage im Ohr von einem dieser protzigen SUVs, wie man die dämlich nannte, überrollt … – aber das mit der Avenida stimmte nicht ganz: es gab noch die ein oder andere Stelle, die sich ihre Berechtigung aus anderen (Re-)Imaginationen Hans Köberlins holen konnte – und weiter durch den Ort an die Promenade und dann am Meer entlang – mit dem Hören von John Cages Geschichten also sollte es seine besondere Bewandtnis haben, aber dazu später mehr. (…)

[58 / 266]
Auch an diesem Morgen, nachdem er nach Aktualisierung des Filmkalenders ein Still aus Max Ophüls’ Adaption der Stevan-Zweig-Novelle Brief einer Unbekannten goutiert hatte, hörte Hans Köberlin während seines Dauerlaufs Cages Indeterminacy, er begann aber diesmal mit dem zweiten Teil, um mit dem Hören weiter als gestern zu kommen. Das hatte den Nebeneffekt – der Cage bestimmt gefallen hätte –, daß es zu einer Art von Phasenverschiebung betreffs des Hörens bestimmter Geschichten und den Orten des Hörens dieser Geschichten kam, weil Hans Köberlin sich beim jeweiligen Hören an die Orte des vormaligen Hörens erinnerte, die spezifische Rezeptionssituation war ihm ja – was einen bei Hans Köberlin sicher nicht wunderte – Teil der Rezeption. So hörte er zum Beispiel heute die Geschichte von Cages Freund mit dem alten Ford, die er gestern an den Stufen zum Strand südlich hinter der Hauptstraße gehört hatte, bereits auf einer der Straßen im Hinterland. Er hörte die Geschichte also aktuell und simultan, quasi als Echo aus der Vergangenheit … Und er sollte sich fürder, wenn er die Rezeptionsorte auch ohne Cage zu hören passierte, an die Cage-Rezeptionssituation während seines Dauerlaufs erinnern.
In einer anderen Geschichte, die Hans Köberlin diesmal überhört hatte oder die sich im ersten, diesmal nicht gehörten Teil befand (der Erinnerung der Rezeptionssituation nach war der erste Fall, also das Überhören, wahrscheinlicher), ging es um ein Mädchen, das in einer schulischen Situation nie ihre Aufgaben erledigte. Als sie gefragt wurde, warum sie das nicht täte, antwortete sie, sie habe keine Zeit dafür gehabt. Was sie denn glaube, so der Lehrer weiter, wie viele Stunden ein Tag habe? – Na, vierundzwanzig. – Nein, so der Lehrer weiter, der Tag habe so viele Stunden, wie man ihm geben würde. – Da war etwas dran, so Hans Köberlin, aber wie bei allen solchen Geschichten: nur etwas, der Hauch einer Metapher, denn der Tag hatte nun einmal bloß vierundzwanzig Stunden, da biß die Maus keinen Faden ab.
Noch eine andere Geschichte gefiel Hans Köberlin außerordentlich: »Artists talk a lot about freedom«, so Cage, und man gebrauche häufig den Vergleich »free as a bird«, nun, Morton Feldman habe neulich im Park Vögel beobachtet (»our feathered friends«, nannte sie Cage) und sei zu der Einsicht gekommen: »They’re not free: they’re fighting over bits of food«, eine Erfahrung, die Hans Köberlin auch mit den Spatzen und den Tauben und den Möwen auf der Terrasse der ›Tango Bar‹ machte, und er, Hans Köberlin, war auch nicht frei, denn er mußte seine Nüßchen zum Wein gegen seine gefiederten Freunde, die er eher als seine gefiederten Feinde betrachtete, verteidigen (und natürlich sympathisierte er mit dem Taubenvergifter im Park).
Und wenn Cage von einer Einladung zu einem Essen bei einer indischen Freundin erzählte, zu dem außer ihm noch Dr. Suzuki, Gertrude Stein und James Joyce gekommen,* da dachte Hans Köberlin: »Ach …!«


* Da aber hatte Hans Köberlin nicht aufmerksam zugehört …
»An Indian lady invited me to dinner and said Dr. Suzuki would be there. He was. Before dinner I mentioned Gertrude Stein. Suzuki had never heard of her. I described aspects of her work, which he said sounded very interesting. Stimulated, I mentioned James Joyce, whose name was also new to him. At dinner he was unable to eat the curries that were offered, so a few uncooked vegetables and fruits were brought, which he enjoyed. After dinner the talk turned to metaphysical problems, and there were many questions, for the hostess was a follower of a certain Indian yogi and her guests were more or less equally divided between allegiance to Indian thought and to Japanese thought. About eleven o’clock we were out on the street walking along, and an American lady said, ›How is it, Dr. Suzuki? We spend the evening asking you questions and nothing is decided.‹ Dr. Suzuki smiled and said, ›That’s why I love philosophy; no one wins.‹« (Composition as Process; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 41).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013). 

Verleser

Anschließend unterlief Hans Köberlin ein Verleser, der ihm sehr gut gefiel: »Cioran hat oft darauf aufmerksam gemacht, daß die charakteristische Regung seines Denkens und Schreibens die Umkehrung eines Fluchs in eine Aufzeichnung gewesen sei«, las er, aber Sloterdijk hatte natürlich geschrieben: »Cioran hat oft darauf aufmerksam gemacht, daß die charakteristische Regung seines Denkens und Schreibens die Umkehrung eines Fluchs in eine Auszeichnung gewesen sei.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).

*

Statt »Das Denkmal an der Grenze seiner Sprachfähigkeit« (ein Buchtitel) las ich ›Das Denkmal für die Grenze der Sprachfähigkeit‹ und dachte, das sei der Titel eines Kunstwerks.

*

Hans Blumenberg: »Diese Verlesung (statt ›si fractus illabatur / impavidum ferient ruinae‹ ›sic fratus illabitur …‹) ist die Wunschhandlung eines Theologen, den Konjunktiv des antiken Autors zum eschatologischen Indikativ seiner spezifischen Gewißheit zu machen.«

*

Verleser bei einem Gedicht von Heinrich Heine: »… klingt das Lied auch nicht ergötzlich, / hat’s mich doch von Arbeit befreit.« Bei Heine steht jedoch: »hat’s mich doch von Angst befreit.«

*

»Ich korrigiere die Fahnen der Lukian-Auswahl, die ich für Bompiani gemacht habe. In meiner Anmerkung zu Eine wahre Geschichte hatte ich geschrieben: ›Der Homer der Legende ist blind, weil der Tradition zufolge die Muse dem Dichter den Gesang (il canto) gibt und ihm das Augenlicht nimmt.‹ Aber der Setzer hat statt canto (Gesang) conto (Rechnung) gesetzt.«
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Kalauer, S. 187).

Und dies ist der 132. Eintrag


(John Cage, Silence. Lecture on Nothing; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 112).

*

This is the first verse
This is the first verse
This is the first verse
This is the first verse …
And this is the chorus
Or perhaps it’s a bridge
Or just another part
of the song that I'm singing

This is the second verse
Or it may the last verse
This is the second verse
Or it may the last one
And this is the chorus
Or perhaps it’s a bridge
Or just another key change …

(Matching Mole, Signed Curtain; Words & Music by Robert Wyatt).

Dienstag, 9. Juni 2015

Das kann einem so passieren


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Montag, 8. Juni 2015

Form und Welt

Was ist die Einheit einer Zweiheit?

(Niklas Luhmann, Die Welt der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 301).

Samstag, 6. Juni 2015

Jules et Edmond en Rome

Ah! le peuple heureux que ce peuple gai de la gaieté de son ciel, avec ses bonheurs à bon marché, achetant la viande de première qualité, douze baïoques, et le vin rien, pour ainsi dire, et sans la conscription, et sans presque d’impôts, et sans humiliation dans la pauvreté, et sans amertume dans la misère, soulagé qu’il est par tant d’institutions de bienfaisance, et aussi par la main à la poche des un peu moins pauvres que les plus pauvres.
Quand je compare ce peuple aux peuples de progrès et de liberté, marqués au signe de ce sinistre affairement moderne, en lutte avec le budget de chaque jour, massacrés d’impôts, y compris celui du sang, je trouve vraiment que les mots se payent bien cher.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 15. April 1867).

Freitag, 5. Juni 2015

Nöte

Wie gerne hätten wir in Bezug auf Hans Köberlin jene Verse aus Borges’ Sonett über den Chronisten des Ritters von der traurigen Gestalt zitiert …
Contemplaría, hundido el sol, el ancho
Campo en que dura un resplandor de cobre;
Se creía acabado, solo y pobre,

Sin saber de qué música era dueño …
Allein: wir waren dazu nicht Nachwelt genug.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Mittwoch, 3. Juni 2015

Heute vor …

… einem Jahr (das soll nicht zu häufig passieren):

Die Fußnote mit der derzeitigen Nummer 1863

Dies erinnerte uns an den Anfang von John Cages Mesostichon Overpopulation and Art, vorgetragen an der Stanford University in Palo Alto am 28 Januar 1992, einige Monate vor seinem Tod …

ab
li
all at onc
equaled the numbe
the 
g
became equel to the 
we are now in the f
it is something e

Out 1948 or 50 the number of people
Ving
E
R who had ever lived at any time all added together
Present as far as numbers
O
Past
Uture
Lse

Neueren Theorien zufolge soll das nicht stimmen, die Toten sollen immer in der Überzahl sein, was uns aber egal ist.

Dienstag, 2. Juni 2015

Empirie, 1. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):

  • Stand des Manuskripts: S. 774 von ca. 1.800 Seiten
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 681 von ca. 1.800 Seiten
    • Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Montag, der 10. Februar 2014, der 132. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Fußnoten Stand des Manuskripts: 2159
  • Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 1819
  • Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
  • Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen



* (= die momentane Fußnote 280 auf S. 59) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

Wird aktualisiert!

¡Nada!

Qué importa el tiempo sucesivio si en él
hubo una plenitud, un éxtasis, una tarda.

(Jorge Luis Borges, Pagina para recordar al colonel Suárez, vencedor en Junín; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 10: Die zyklische Nacht, Frankfurt am Main 1993, S. 40; diese Verse befinden sich auch unter den Motti von Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region] des work in progress ).

Eine Sehnsucht geweckt nach etwas, was fehlt, ohne daß man es bisher vermißt hätte

Es dürfte nicht ausreichen, mit diesem Begriff [Fiktionalität] nur die besondere Qualität einer besonderen Art von Texten zu bezeichnen, etwa Texten, denen erlaubt ist, sich nicht nach der bekannten Realität und ihren Wesensformen zu richten, sondern virtuelle Realitäten anderer Art vorzustellen. (…) Auch die sich selbst überlassene, nur auf das ästhetisch Mögliche verwiesene Fiktionalisierung der Literatur gerät mit dem Gott der Leibnizschen Weltordnung in Konflikt. Denn offenbar ist jetzt Fiktionalität, sofern sie ästhetisch gelingt, nicht darauf angewiesen, sich kompossibel in unsere Welt einzufügen. Kann man, so ist zu fragen, diesen Punkt offenlassen? Ist also Fiktionalität nur gelungene Darstellung einer möglichen Ordnung oder muß mehr verlangt werden?
Sieht man genauer zu und zieht man die Geschichte der Ausdifferenzierung von eigenständiger Fiktionalität mit in Betracht, dann handelt es sich gar nicht um die bloße Ausarbeitung irgendeiner virtuellen Realität, sondern, thematisch oder unthematisch, um das Verhältnis von virtueller Realität und realer Realität. Es wird eine fiktionale Ordnung gefunden, damit man von da aus die normale, allen bekannte Wirklichkeit betrachten kann, etwa in ihrer Härte und Unausweichlichkeit oder in ihrer Normalität und Langweiligkeit. Oder es wird eine Sehnsucht geweckt nach etwas, was fehlt, ohne daß man es bisher vermißt hätte.

(Niklas Luhmann, Literatur als fiktionale Realität; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 280f.).

Montag, 1. Juni 2015

So ist es.

Eigentlich begehrt und braucht jeder Mensch seinen besondern Roman. Wie für Griechenland Homers Epos alles war und gab: so ist der Roman das prosaische Epos ihres Lebens, ihrer Vergangenheit und Zukunft.

(Jean Paul, Vorschule der Ästhetik; in: Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt., Bd. 5, S. 482).

Am Mittwoch, dem 29. August 1979 …


Clemens zuckte bloß mit den Schultern und meinte, man solle sehen, daß man weiter käme und, wie bereits Shakespeare gesagt habe, die Toten ihre Toten begraben lassen. Aber Clemens, meinte P. darauf lachend, das war doch nicht Shakespeare, das war doch Jesus!

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).

Samstag, 30. Mai 2015

Zu spät …

Pierre me raconte qu'il est arrivé à quatre heures. Son père [der Zeichner und Graphiker Paul Gavarni, einer der besten Freunde der Gebrüder Goncourt], à son arrivée, resta d'abord immobile. Puis, sous la pression de sa main, il lui dit d'une voix rude:
»Ah! c'est toi, mon garçon.«
Et comme s'il faisait sa dernière et suprême légende:
»Eh bien! voilà mon caractère!«
Pierre lui parla alors de changer de vie, quand il serait sur ses pattes et qu'il faudrait aller à ces pays de soleil dont il revenait:
»Nous parlerons de cela, je ne te dis pas le contraire.«
Ce fut son dernier mot.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 6. Dezember 1866).

Mittwoch, 27. Mai 2015

Eine Topographie der Träume

Der geniale Jorge Luis Borges hatte im Vorwort zu seinem Libro de sueños die These aufgestellt (und sie als gefährlich attraktiv bezeichnet), daß Träume die älteste und komplexeste literarische Gattung seien. Clemens dachte darüber nach und fragte sich, ob diese These nur für Träume gelte, die man als Träume erlebe und in der wachen Erinnerung als Träume rezipiere, oder auch für die Träume, die man nicht für Träume sondern für himmlische oder sonstige Einflüsterungen halte. Man mußte das wohl unterscheiden, wie Borges die Träume der Nacht von den Träumen des Tages, die er als eine absichtliche Übung unseres Geistes betrachtete, unterschieden haben wollte, wobei dann Arno Schmidt bekanntermaßen die Träume des Tages von der absichtlichen Übung des Geistes unterschieden und letzteres als »längeres Gedankenspiel« beschrieben hatte. Eine andere Unterscheidung, die Borges dort anführte, war die zwischen trügerischen und der prophetischen, wobei er – und da ging Clemens, nicht zuletzt wegen des mit Lindsay Erlebten – mit Borges d’accord, wenn der die prophetischen als weniger wertvoll bezeichnete.
Borges machte ihn in seinem Vorwort auch auf einen Umstand aufmerksam, der Clemens sofort einleuchtete: die Eiländer jenseits des Kanals bezeichneten die ›Albträume‹ als ›Nachtstuten‹.
Und noch ein Fundstück aus dem Vorwort (wir müssen aufpassen, daß wir nicht das ganze Buch abschreiben) gab Clemens zu denken: Coleridge habe geschrieben, so Borges, daß im Wachen die Bilder Empfindungen inspirierten, während im Traum die Empfindungen die Bilder inspirierten. Sein Beispiel war der Tiger, der im Wachen Angst bereite, wobei aber die Angst im Traum den Tiger inspiriere. Es müsse aber nicht per se etwas Angstmachendes oder Grauenerregendes sein, es gäbe keine einzige Form im Weltall, die sich nicht vom Grauen verseuchen ließe. Auch hier sprach Borges Clemens aus dem Herzen, und Clemens ergänzte für sich, die Nachtstuten bedenkend: selbst der liebste Mensch, der ja bei Clemens stets weiblichen Geschlechts sein sollte.

(aus: Telos, Berlin 2013, S. 165f.).

Dienstag, 26. Mai 2015

Wald

Cuentan que Ulises, harto de prodigios,
Lloró de amor al divisar su Itaca
Verde y humilde. El arte es esa Itaca
De verde eternidad, no de prodigios.

(Jorge Luis Borges, Arte poética; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 125).

Samstag, 23. Mai 2015

Fisch ist gut fürs Hirn!

Tout être, homme ou femme, qui aime le poisson, a des goûts délicats.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 24. September 1866).

Clemens blickte auf das Gebäude: die unteren Fenster waren sämtlich erleuchtet, Gardinen verwehrten jedoch den Einblick. Im ersten Stockwerk waren nur zwei Fenster hell, sonst war alles dunkel. Das gelblichgrünliche Licht, das Clemens von der Grünanlage aus gesehen hatte, kam von einem gelben Schild, darauf zu sehen das Wappen einer lokalen Brauerei mit dem Namen des Gebräus nach pilsener Art, darunter in grün der Name des Etablissements: Motel-Pension Rieselblick. Was alles Böses gegen das Bier bei Philosophen gesagt werde, so wie immer treffend Jean Paul, gelte nicht bei ihm.
Nun, dachte Clemens, zauderte einen Moment, dann schritt er schräg über den Parkplatz auf die Tür unter dem Schild zu. Neben der Tür war eine Reklame angebracht, die dazu aufforderte, mehr Fisch zu essen, denn Fisch sei gut fürs Hirn, angebracht von der Fischpacht und Fischräucherei Umschlag. Gut fürs Hirn und gut auch für … ergänzte Clemens bei sich. Die ersten Walfänger hielten den sogenannten Walrat, den sie im Kopf des Pottwales fanden, für dessen Sperma und nannten ihn dementsprechend Sperm Whale. Ja, das mimetische Vermögen … Analogien allen Orts …
Clemens drückte die Klinke herunter und trat ein.

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).

Freitag, 22. Mai 2015

Ein Nachmittag

Warum nicht?

Ist womöglich das Genie, das heißt der höchste Ausdruck, das nec plus ultra der intellektuellen Aktivität ledigliche eine Neurose? Warum nicht?

(Jacques-Joseph Moreau, La Psychologie Morbide Dans Ses Rapports Avec La Philosophie de L'Histoire, Ou de L'Influence Des Nevropathies Sur Le Dynamisme Intellectuel, Paris 1859).

Mittwoch, 20. Mai 2015

Noch zwei signifikante Monatskalenderblätter

[1 / 323]
Der auf drei Tage angelegte Transfer von der Hauptstadt in das zweite Exil des Hans Köberlin an der weißen Küste des Landes des Ritters von der traurigen Gestalt und in dem Land des genialen Luis Buñuel, an jener Küste (allerdings etwas südlicher als die wilde lag die weiße), an welcher auch der nicht minder geniale Roberto Bolaño sein Exil verbracht, startete –
»¡Ándale, ándale!«
– also am frühen Morgen des Mittwochs, des 2. Oktobers 2013 (da war Hans Köberlin genau 53½ Jahre alt), und er, der Transfer, startete vor dem Haus, in dem die Frau lebte, im Bezirk des Hauptmanns, nachdem man am Abend zuvor mit Hilfe des Verlegers und des Busenfreundes den Teil von Hans Köberlins verbliebener Habe, den er mitnehmen wollte (den Rest hatte er auf dem Gutshof des Verlegers südwestlich der Hauptstadt abstellen können), als da waren …
  • fünf mittelgroße Kisten mit den Ende Mai nach einer wegen der Beschränkung mühsamen Auswahl zusammengestellten Bänden der von Hans Köberlin so bezeichneten ›Basisbibliothek‹,
  • eine große lederne Reisetasche, einen großen Rucksack und zwei blaue Plastiksäcke mit Hans Köberlins – abgesehen von einer Winterjacke, einem Wollschal und drei Paar langen Unterhosen – sämtlicher verbliebener Kleidung,
  • eine kleine lederne Reisetasche und einen kleinen von der Frau ausgemusterten Rucksack mit diversen Dingen (vor allem mit Computerzubehör und den zum Schnorcheln benötigten Utensilien),
  • eine Umhängetasche mit dem kleinen Laptop mit der klemmenden I-Taste, Unterwäsche zum Wechseln während des Transfers und Waschzeug sowie unverpackt an geeigneten Stellen im Auto verstaut
  • der eigens für das Exil gekaufte große Laptop, ein Scanner und ein Drucker,
… man startete also, nachdem man dies alles aus seiner zweiten provisorischen Bleibe seit Beginn der Lysakatastrophe in das Auto der Frau verladen hatte.
»¡Ándale, ándale!«


[324 / 0]
Am Donnerstag, dem 21. August 2014 … und vor dem ersten Einschlafen hier, wieder zurück: dahin kommen, überall gut leben zu können.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013, und Kapitel XXIII [Transfer retour], 13. bis 21. August 2014).

Freitag, 15. Mai 2015

Donnerstag, 14. Mai 2015

Ein Beispiel von heroischer Melancholie

Nadie rebaje a lágrima o reproche
Esta declaración de la maestría
De Dios, que con magnífica ironía
Me dio a la vez los libros y la noche.

(Jorge Luis Borges, Poema de los dones; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 48).

… candy colored clown they call the sandman …

In den Träumen (schreibt Coleridge) stellen die Bilder jene Eindrücke dar, die sie nach unserer Meinung nach hervorrufen; wir fühlen kein Grauen, weil uns eine Sphinx bedrückt, sondern wir träumen eine Sphinx, um das Gauen zu erklären, das wir empfinden.

(Jorge Luis Borges, Ragnarök; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 9: Borges und ich, Frankfurt am Main 1993, S. 43).

Im Traum waren die Städte und die Landschaften im oben erwähnten Sinne Borges’ stets Emotionen. Die Sehnsucht, per definitionem auf das Unerreichbare gerichtet (die im Erreichbaren erfüllte Sehnsucht hatte sich ihm stets als Fata Morgana erwiesen), fand in den Träumen ihr Erreichbares in den Traumstädten und Traumlandschaften, ohne daß es da unbedingt gemütlich zugegangen wäre. Aber es waren der Immanenz des Clemens Limbularius’ ideale Himmel und Höllen.
(…)
Einer der wenigen überlieferten Aufzeichnungen Clemens Limbularius’: »Sonntag, den 6.: Träumte vor dem Aufwachen einen Satz: ›Und dann waren sie still und die Dunkelheit konnte hereinkommen.‹ Als ich merkte, daß der Satz von mir war, freute ich mich.«

Hebbel notierte am 29. November 1858 als Grabschrift für eine ehemalige Gönnerin folgendes Distichon in sein Tagebuch:

Wie von den einzelnen Mühen und Lasten des Lebens im Schlummer,
Ruht sie vom Leben selbst endlich im Tode sich aus.

(aus: Telos, Berlin 2013, S. 168ff.).

Seinsweisen

»אֶהְיֶה אֲשֶר אֶהְיֶה« (Exodus 3.14).

»I am not what I am.« (Iago in Shakespeares The Tragedy of Othello, the Moor of Venice, Act I, Scene I).

»I yam what I yam, an’ tha’s all I yam.« (Popeye the Sailor).

Dienstag, 12. Mai 2015

Das Universalbild

Die Referentin begann also mit dem Referat von Hans Köberlins Beschreibung einer geplanten aber – wen wunderts? – nie realisierten Installation mit dem Titel Das Universalbild. Diese Installation, so ging aus dem Text hervor, war inspiriert von Borges’ Erzählungen La biblioteca de Babel, El libro de arena und El aleph, wobei La biblioteca de Babel, wie sicher alle wüßten, wiederum in der Tradition von Leibniz stehe und vielleicht sogar von der Erzählung Die Universalbibliothek des preußischen Gymnasiallehrers und Kantianers Kurd Laßwitz inspiriert sei, Hans Köberlin jedenfalls habe sich bei Laßwitz die Anregung für seinen Titel geholt. Weiter erfuhr man, daß Hans Köberlin bei seiner Installation von einem Monitor mit einer bestimmten, der Einfachheit halber nicht allzu hohen Auflösung, sagen wir einmal sechshundertvierzig mal vierhundertachtzig, ausgegangen war, das ergaben dreihundertsiebentausendzweihundert Pixel. Ging man außerdem von zweihundertsechsundfünfzig RGB-Farben aus, so kam man per Kombinatorik zu einer sehr, sehr großen, aber endlichen (Ausrufungszeichen) Zahl von Möglichkeiten der Farbanordnung auf den dreihundertsiebentausendzweihundert Pixeln, jener sehr großen aber endlichen Zahl, die nach Hans Köberlin nichts anderes angab als die Zahl aller möglichen Bilder überhaupt, aller vergangenen und aller künftigen Bilder (…), sowohl aller – nennen wir sie einmal so – natürlichen Bilder, die alle jemals lebenden Menschen sahen und sehen werden, wenn sie irgendwohin schauen, als auch aller künstlichen Bilder in allen Phasen ihrer Entstehung und ihres Verfalls, von der Mona Lisa bis zu dem Beweisphoto eines Auffahrunfalls in einer Vorstadt mit Bürogebäuden, alle Bilder, seien sie nun gerahmt oder die bewegten Einzelbilder der Kinematographie (die gefilmten Fresken, die in Fellinis Roma in der Untergrundbahnbaustelle durch ihre Rezeption verschwinden), Bilder aus allen Perspektiven (die Camera obscura, die Clemens auf dem vatikanischen Deckengemälde gesehen hatte), den möglichen wie den unmöglichen (die Vogelperspektive bei Hitchcock), sofern sie bloß abbildbar waren. Und gäbe es einen Beobachter, der älter als die Welt werden könne, dann, so die Referentin, würde er mit Erstaunen – vielleicht – feststellen, daß es länger als das Bestehen der Welt brauchte, um Hans Köberlins Installation bis an das Ende eines vollen Durchlaufs zu betrachten, weil die Dauer der Welt ja bloß den Ablauf der realen Bilder ausmachte.
Ein Tuscheln ging durch den Raum, die Leute fragten sich, ob das logisch richtig war oder ob man ihnen einen Bären aufband.
Hans Köberlin, so die Kunsthistorikerin weiter, habe den Monitor irgendwo aufstellen und dann mit einem weißen Bildschirm als erstem Bild beginnen wollen, dann wäre die Kombinatorik in Gang gekommen, allerdings nicht systematisch mit einem Pixel links oben in der Ecke auf dem zweiten Bild et cetera, sondern zufallsgeneriert, damit es nicht die nächsten hunderttausend Jahre allzu langweilig werden würde, zufallsgeneriert aber ohne Wiederholung einer bereits aufgetauchten Kombination von Pixeln, denn man wollte ja irgendwann zu einem Ende kommen, das war ja die Pointe dieses Projekts. Und was man während ihrer Einführung im Hintergrund gesehen habe (sie blickte kurz hinter sich) und jetzt noch sehe sei der Versuch (man hörte die Ironie in ihrer Stimme), einen Ausschnitt aus diesem Projekt zu rekonstruieren.
Soviel dazu.

(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 488ff.).

Montag, 11. Mai 2015

5. Februar 1866

Der Norden schenkt sich den Rausch ein, der Süden atmet ihn: es gibt Länder, wo man den Himmel trinkt.

(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 325).

Sonntag, 10. Mai 2015

home is where my heart is …

Später ging man schwimmen und entdeckte die ›Tango Bar‹, die sich mit der Zeit – wir werden darüber berichten – zur Institution im Leben des Hans Köberlin hier entwickeln sollte, noch institutioneller als das »chez Magny« der Gebrüder Goncourt,* und der emblematische Blick würde der Blick von der Bar auf das Meer werden, mit einer Bank und einer Laterne auf der Promenade als strukturierende Akzente. Und wenn man nach rechts schaute, dann sah man den Peñón de Ifach hinter Palmen … Wild Palms … und Hans Köberlin mußte an Faulkner denken und mit einem leichten Schmerz im Gemüth an die Umstände seiner Faulknerlektüre. Man bestellte una cerveza con limón (die Frau) und una cerveza (Hans Köberlin), küßte sich, scherzte, vergaß die Zeit und den Tag (den letzten) und sah dem Treiben am Strand und auf der Promenade zu.


* Samedi 22 novembre [1862]. – Gavarni a organisé avec Sainte-Beuve un dîner qui doit avoir lieu deux fois par mois. C’est aujourd’hui l’inauguration de cette réunion et le premier dîner chez Magny, où Sainte-Beuve a ses habitudes. Nous ne sommes aujourd’hui que Gavarni, Sainte-Beuve, Veyne, de Chennevières et nous, mais le dîner doit s’élargir et compter d’autres convives. (Vgl. – mit einem etwas anderen Wortlaut – Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 417).


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

Samstag, 9. Mai 2015

Der Beginn eines großen Abenteuers

Die Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose ‘Ndrja Cambrìa, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.

(Stefano D’Arrigo, Horcynus Orca, aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn, Frankfurt am Main 2015, S. 11).

Donnerstag, 7. Mai 2015

Kein Grund zur Eile, oder?

Heute nach dem Frühstück las ich bei Kierkegaard dort weiter, wo ich vor ein paar Tagen aufgehört hatte, und las:

»Vielleicht wäre die Sache mir besser geraten, wenn ich noch etwas gewartet hätte – jedenfalls habe ich nicht darum geeilt, weil ich besorgte, ein besserer Kenner könnte mir zuvorkommen; nein, sondern weil ich fürchtete, daß, wenn ich schwiege, die Steine anheben würden.« (Søren Kierkegaard, Die unmittelbar-erotischen Stadien oder das Musikalisch-Erotische; in: Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, Leipzig 1885, S. 74).

Eben dann, kurz nach Mittag, las ich bei Pessoa dort weiter, wo ich gestern aufgehört hatte, und las:

»Nach uns allen kommt die Sintflut, aber erst nach uns allen. Wohl denen, die erkennen, daß alles Fiktion ist, und ihren Roman schreiben, bevor ihn ein anderer für sie schreibt.« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.103).

Ein zweifacher Appell …: in dem Bewußtsein, daß weder die Steine anheben werden noch ein anderer meinen Roman schreiben wird, lasse ich mir die Zeit, die ich brauche, und zur Not bleibt noch die Gattung ›Fragment‹

Mittwoch, 6. Mai 2015

Noch ein Alibi

Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 260 und 261 von Niklas Luhmanns Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, genauer: in dem Text 9. Die Evolution des Kunstsystems, erfuhr, habe ich für den Freitag, den 7. Februar 2014, 14:46 Uhr, ein Alibi (das zweite an einem Tag gefundene, siehe: Ein Alibi). Damals nämlich löste ich in einer Tram einen Einzelfahrausweis, Regeltarif für den Tarifbereich Berlin AB.

Symmetrie

Über seine Erinnerung grinsend sah Clemens ein symmetrisches Doppelhaus. Jede Symmetrie ist eine Lüge, dachte Clemens, weil es ja zwei nur quasiidentische weil spiegelverkehrte Teile sind, Borges hatte irgendwo von unnützen Symmetrien und manischen Wiederholungen gesprochen. Das Drama der zwei, die zusammen sind, ist: sie gehen entweder in einem auf oder zerfasern sich im Unendlichen. Außerdem, wie Blumenberg richtig bemerkt hatte, gab es da eine grundlegende Asymmetrie in allem Sein überhaupt, nämlich der Rest, der in dem voranfänglich symmetrischen Verhältnis von Materie und Antimaterie am Anfang von allem dann von der Materie übrig geblieben war und der eben ausmachte, daß da etwas war und nicht nichts, siehe auch Althusser, Materialismus der Begegnung, wobei es bei dem eine Aberration und keine Asymmetrie war. Jedenfalls: das war eine gute Grundlage für einen gesunden Nihilismus … hm, aber wohl auch nicht, denn man mußte ja dem Gerede von Materie und Antimaterie und Asymmetrie und Aberration glauben. Ich glaube an den Nihilismus – was für ein Satz! Über die Frage, warum etwas war und nicht nichts war, darüber machte Clemens sich keine wirklichen Gedanken. Der Überschuß an Materie, aus der nach diesen Theorien alles kam, war natürlich kein Anfang, denn irgendwoher mußte diese Asymmetrie oder Aberration ja gekommen sein und irgendwoher mußte die Materie und die Antimaterie oder die Homogenität, von der abgewichen wurde, ja gekommen sein, daß sie in einem asymmetrischen oder aberrierten Verhältnis zueinander stehen konnten, Hennen und Eier das alles … Man konnte sich da nur noch unter Nichtberücksichtigung der Details entscheiden zwischen der Annahme eines selbstreflexiven Anfangs oder der Annahme eines Zufalls als Auslöser der Asymmetrie oder der Aberration innerhalb der Ewigkeit. Clemens votierte bei dieser Frage ganz klar für den Zufall. Analoges nahm er für das Ende von allem an, oder, je nach Gusto, für den großen Neuanfang, aber das, das Ende, kümmerte ihn noch weniger als der Anfang, weil er ja da nicht mehr sein würde, das würde nicht mehr sein, was den Clemens ausmachte, nur noch eine Handvoll verstreuter indifferenter Mineralien und Salze (per un pugno di salini … und Clemens pfiff vor sich hin, Camel Filters …). In gewisser Weise, so dachte er sich, trug er die Zeit von irgendeinem zufälligen Anfang, den er annahm, bis zu seiner Geburt als Erbe mit sich herum, ein restaristotelisches Denken war das wohl, aber relevant wurde es für ihn mit der Welt erst von dem Moment an, in dem er da war, ob pränatal oder erst nach der Geburt, auch die Frage war ihm zweitrangig.

(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird; siehe auch Asymmetrie).

Ein Alibi

Wie ich gerade zufällig zwischen den Seiten 164 und 165 von Jorge Luis Borges’ Einhorn, Sphinx und Salamander, auf denen sich der Artikel Die Achtfache Schlange befindet, erfuhr, habe ich für den 23. Dezember 1994, 9:59 Uhr, ein Alibi. Damals kaufte ich nämlich für 16,90 DM in der Buchhandlung Schmitt & Hahn im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main den 8. Band von Borges’ Werken in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1992.

Dienstag, 5. Mai 2015

Die Nichtexistenz der Tiefe

Ich entdeckte die Nichtexistenz der Tiefe. Was uns an die Existenz der Tiefe glauben läßt, ist lediglich der Abstand, der sich zwischen uns und ›eine‹ Oberfläche schiebt. Zwischen uns und der ›Tiefe‹ ist nur eine Abfolge von ›Oberflächen‹. Auch die ›Tiefe‹ ist eine ›Oberfläche‹.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Der Deutsche und Europa, S. 88; in diesem Artikel gibt es auch wunderbare Passagen gegen jeglichen Nationalismus und Patriotismus).