Dienstag, 5. Februar 2019

Fenster #243 (Take care (after drinking alcohol))

Fenster #242 (Alarm & Way out)

Vientos Alisios

Wie bei Verano war dies eine Illustration der These oder des Klischees, daß der Alltag auf Dauer die Liebe töte, diesmal allerdings in einer Wahlverwandtschaften-Konstellation. Ein Paar (wieder kinderlos) reiste getrennt in ein Hotel und verbrachte den Urlaub mit jeweils einem anderen Partner. Zwischendurch traf man sich, um zu berichten, wobei weniger Eifersucht als Neid zutage trat. Am Ende vermischten sich die Paare und Realität und Imaginationen und ein gemeinsamer Selbstmord wurden angedeutet. Das waren Dinge, die einen nicht mehr interessierten, weil man darüber hinweg ist.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Alguien que anda por ahí (1977)).

Fenster #241 (I want you (She’s so heavy))

der Zebrastreifen

Mittwoch, 23. Januar 2019

39,1 °C

»Die Krankheitseitelkeit des Patienten wird nur noch von der Heilseitelkeit der Ärzte überboten.«
Dies war freilich richtig; keine Krankheitsscham kann so groß sein, daß nicht noch Platz für Krankheitseitelkeit übrig bliebe, für eine überhebliche Opfereitelkeit, welche meint eine Leistung vollbracht zu haben, weil die Krankheit dem Getriebe des Geschlechtes enthebt, weil alles Begehrende und alles Begehrenswerte aus dem Gesicht des Kranken gelöscht ist, eine Eitelkeit der Selbstzerstörung.

(Hermann Broch, Tod des Vergil, Frankfurt am Main, 4. Aufl. 1986, S. 262).

Donnerstag, 17. Januar 2019

Cambio de luces

Ein Hörspielsprecher bekam Verehrerpost von einer Frau. Er imaginierte die Schreiberin, die allerdings beim leiblichen Treffen nicht seinen Vorstellungen entsprach. Auch er war anders, als sie ihn sich nach der Stimme vorgestellt hatte. Nachdem die beiden dennoch ein Paar geworden waren, versuchte er sie diskret nach seiner Imagination zu modeln, während sie sich einen Liebhaber besorgte, der ihren Vorstellungen von dem Träger der Stimme entsprach (das – daß sie drastischer vorgegangen war – war die Pointe). Der Plot war vorhersehbar, der Stil klassisch gehalten (Henry James, Borges …) aber die Erzählung dennoch war sehr gelungen, Manns indische Legende fällt einem ein …

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Alguien que anda por ahí (1977)).

Am Strand (zweiter Nachtrag: die Kehrseite des Idols)

die andere Seite

Adlershof (West)

Man hat es geahnt

Die objektiven Verhältnisse fühlen sich in der Irregularität wohl.

(Alexander Kluge, Tür an Tür mit einem anderen Leben. 350 neue Geschichten, Frankfurt am Main 2006, S. 348).

Sonntag, 13. Januar 2019

Am Strand (Nachtrag)

Cuello de gatito negro

Ein Mann, der in der Metro mit Frauen flirtete, geriet an eine Frau, deren Finger sich selbständig machten und unersättlich waren (ähnlich der Hand in Las manos que crecen). Er ging mit zu ihr, sie vögelten, aber danach im Dunkeln fielen die Finger über ihn her. Wie Lugar llamado Kindberg nicht so überzeugend.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Las fases de Severo

Diese ein wenig an Kafka erinnernde Erzählung war wieder grandios. Der Ich-Erzähler begab sich mit seinem Bruder und mit Freunden in ein Haus. Es war, als ginge man zu einer Totenwache, doch den, den man besuchte, war nicht tot, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, er hatte seine »fases«, von denen man nicht sagen konnte, welchen Daseins-Status sie hatten. Sie wirkten sich allerdings auf die Besucher aus. Das Grandiose an dieser Erzählung war das Beschreiben, die Art, wie das Ungeheuerliche durch die Beschreibung zu etwas Alltäglichem wurde, ohne aber dabei seine Ungeheuerlichkeit zu verlieren.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Lugar llamado Kindberg

Dies war eine der schwächeren Erzählungen, eine Wunschprojektion mit falscher Tragik, außerdem noch schlecht erzählt: ein älterer Mann nahm eine Anhalterin mit und lud sie zum Essen ein, wonach die beiden im titelgebenden österreichischen Dorf vögelten. Das Mädchen erinnerte ihn an das, was er mit seiner Etablierung aufgegeben hatte. Sie mochte noch mit ihm weiterfahren, er zog es jedoch vor, mit Absicht und 160 km/h gegen einen Baum zu fahren. Darüber hinaus stellte sich einem die Frage, warum ein Argentinier in Mitteleuropa Handlungsreisender für Fertigbauteile sein sollte …

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Samstag, 12. Januar 2019

Ahí pero dónde, cómo

Sein seit drei Jahrzehnten verstorbener bester Freund erschien dem Erzähler immer wieder in den Träumen, aber nur in der Situation nach dem Bekanntwerden der tödlichen Krankheit. Der Erzähler nun gab diesem speziellen Auftauchen in den Träumen den Status des Lebens an einem ihm selber ungewissen »ahí«. Immer wieder mußte der Freund dort sterben. Eingebettet
waren in diese Erzählung Versuche der Legitimation ihrer Niederschrift. Ich wußte nicht, auf was Cortázar da hinauswollte.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Nachtrag vom Montag, dem 21. August 2017, geschrieben in Peniche: ähnliches beschrieb Álvaro de Campos in seinem Gedicht über die Erinnerung an die Toten …

Die Toten! Auf welch erstaunliche Weise
Und mit welch erschreckendem Nachhall
Leben sie in unserer Erinnerung!

Meine alte Tante in ihrem alten Haus, auf dem Land,
Wo ich glücklich war und gleichmütig, und das Kind, das ich war …
Ich denke daran und eine rasende Sehnsucht durchdringt mich …
Und zudem denke ich, sie ist schon seit Jahren tot …
All dies ist, genau genommen, geheimnisvoll wie eine Abenddämmerung …
Ich denke, und die ganze Unergründlichkeit des Universums durchdringt mich.
Ich sehe all dies in der Vorstellung so klar und deutlich wieder,
Daß ich anschließend, wenn ich denke, daß all dies vorbei ist
Und sie tatsächlich tot,
Dem Geheimnis bleicher gegenüberstehe,
Es dunkler sehe, erbarmungsloser, ferner,
Und nicht einmal weine, so aufmerksam bin ich gegen den Schrecken des Lebens …

Wie gern wäre ich Teil der Nacht,
Ohne die Konturen der Nacht, irgendein Ort im Raum,
Kein Ort im eigentlichen Sinn, da nicht zu orten noch klar umrissen,
Doch Nacht in der Nacht, ein Teil von ihr, ihr zugehörend, überall,
Und naher und ferner Gefährte meines Mangels an Leben …

All dies war so wirklich, so lebendig, so gegenwärtig! …
Sehe ich es in mir wieder, wird es erneut lebendig in mir …
Ich kann kaum glauben, daß etwas so Wirkliches vergehen …
Und heute nicht sein oder heute so anders sein kann …
Das Wasser des Flusses fließt zum Meer, entschwindet meinem Blick,
Erreicht das Meer und verliert sich im Meer,
Aber verliert sich das Wasser deshalb selbst?
Ein Ding hört auf zu sein, was es unbedingt ist,
Oder versündigen sich unsere Augen und Ohren gegen das Leben
Und unser äußeres Bewußtsein gegen das Universum?
Wo ist heute meine Vergangenheit?
In welcher Truhe hat Gott sie verwahrt, daß ich sie nicht finden kann?
Wenn ich sie wiedersehe in mir, wo dann sehe ich sie?
All dies muß einen Sinn haben – vielleicht einen ganz einfachen –
Doch soviel ich auch denke, er erschließt sich mir nicht.

13. 12. 1914

(Fernando Pessoa, Álvaro de Campos. Poesie und Prosa, aus dem Portugisischen übersetzt, herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Inés Koebel, Frankfurt am Main 2014, S. 45f.).

Verano

Wegen der Beschreibung der Lage des Hauses vermutete ich anfangs, es handele sich um die Cala de Déjà, aber dann wurden Haus und Garten nicht mehr verlassen, und es war allerdings
unwahrscheinlich, daß sich im Tal unterhalb Déjàs eine Pferdekoppel befand. Die Beherbergung des Kindes und das Auftauchen des Pferdes (ich dachte, ein Imagination des Kindes habe sich materialisiert) brachten den Alltag eines langjährigen (kinderlosen?) Paares aus dem Trott, was mit der Vergewaltigung der hysterischen Frau durch den wütend-rationalen Mann endete. Hysterie und wütend-rationale Gewalt als die klassischen Pathologien – das hätte auch von Hemingway oder Faulkner kommen können.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Über die Risiken des Studiums einer brotlosen Kunst in den Zeiten des Aufbruchs

Der Kommissar, Anonymer Anruf (1970)
Buch: Herbert Reinecker, Regie: Helmut Käutner
Eine Frau prostituierte sich ohne Wissen ihres Mannes, um das Soziologiestudium (!) ihres Mannes gegen den erbitterten Widerstand von dessen reichem Selfmade-Bauunternehmer-Onkel zu finanzieren. Diese Konstellation wurde von dem Mörder – einem schnöden Betrüger – ausgenutzt, um den Onkel zu töten. Die Frau des Täters (Dunja Rajter) hatte ein Verhältnis mit dem Opfer gehabt, doch das hatte den Täter, der davon gewußt, anscheinend nicht gestört, ihm war es bloß ums Geld gegangen, was seine Frau – auch wenn sie ihn seit langem nicht mehr liebte – wohl doch gekränkt haben mußte. – Es stellte sich natürlich auch die Frage, ob man sich als Frau für einen Mann prostituieren sollte, dessen Lektüre nach Jahren des Studiums noch immer rowohlts deutsche enzyklopädie war.

*

Der Fiveoclocktea zog sich, Clemens fühlte sich immer unbehaglicher und, was die Dialoge betraf, da mußte er immer mehr an Der Kommissar denken … (Und jetzt besuchen Sie also meine Tochter. Schön, daß Sie meine Tochter besuchen. Sie braucht jetzt Beistand, wissen Sie, ein schwerer Schicksalsschlag hat sie getroffen, und ich bin ein vielbeschäftigter Mann und – widersprechen Sie nicht! [was Clemens garnicht gewollt hatte] – ein alter Mann. Tja, Sie sind noch jung, und die Jugend … Sie kommen doch her, um ihr Beistand zu leisten, junger Mann, oder? Sie müssen verstehen, ohne Ihnen nahetreten zu wollen, in unserer gesellschaftlichen Position, da muß man achten, mit wem man – Aber Vater! Herr Limbularius ist hier, um mir Beistand zu leisten. – Sicher, Carla, sicher, aber du mußt verstehen … und wie bei einem Schwächeanfall nimmt er die goldene Brille ab und streicht sich mit der Hand über das Gesicht … Herr Limbularius versteht das, ist es nicht so, Herr Limbularius, Sie verstehen das, das Erbe, die Verantwortung …)

(… du rissest dich denn ein. Berlin 2010, S. 149).

Sonntag, 6. Januar 2019

Am Strand

Am Strand

Manuscrito hallado en un bolsillo

Der Titel verwies natürlich auf Poes MS Found in a Bottle, die Erzählung hatte aber auch Elemente von The Man in the Crowd. Ein Mann fuhr nach einem festgelegten Muster in der pariser Metro und wartete darauf, Frauen, die ihm gefielen, gegenüber sitzen und ihr Spiegelbild in der Scheibe anlächeln zu können, mit der Hoffnung, daß sie sich an den Umsteigestationen nach seinem Muster bewegten. Eines Tages brach er jedoch sein Muster und sprach eine Frau an. Die akzeptierte es, man verliebte sich keusch ineinander, da aber offenbarte er ihr, daß er gegen sein Muster verstoßen hatte. Um ihrer Liebe eine Chance zu geben, nahm sie sich zwei Wochen Urlaub, in der sie mit der Metro fuhr, immer in der Hoffnung, die Übereinstimmung der Linien und der Umstiege zu erreichen. Das Ungeheuerliche dieser Erzählung war die Realität des Musters als einziger Möglichkeit, jemanden (Frau oder Mann) kennenzulernen, und nicht als die Pathologie eines einzelnen. Es ging um den Versuch der Konstruktion eines Zufalls, der nicht mehr passieren konnte.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Samstag, 5. Januar 2019

Freitag, 4. Januar 2019

Fenster #228

Los pasos en las huellas

Eine Clemens-Limbularius-Figur in dessen Rolle als Herausgeber Hans Köberlins: ein Literaturwissenschaftler erlangte Ruhm durch die Biographie eines Dichters, um dann zu bemerken, daß seine Geschichte falsch war, und vor allem zu bemerken, daß er die Wahrheit schon immer gekannt hatte. Er von Anfang an befürchtet, daß die Biographie zu einer verkappten Autobiographie geraten könnte. Dann war es eine Welcome to the Machine-Geschichte. Cortázar verwies selber auf Henry James, The Real Right Thing, nach Cortázars Erzählung kamen dann Roberto Bolaños wilde Detektive. Das offene Ende mit den zwei Wegen war wirklich lau, wie auch die Option der Pistole in der Schublade lau gewesen wäre.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Donnerstag, 3. Januar 2019

Mittwoch, 2. Januar 2019

Liliana llorando

Der Ich-Erzähler hatte von einem befreundeten Arzt eine finale Frist bekommen und imaginierte nun das Leben der Seinen nach seinem Tod, die Beerdigung, den Leichenschmaus etc. Sein bester Freund würde sich um seine Frau kümmern und die beiden kämen sich näher, bis der Freund an seine Stelle treten würde. In dem Moment dieser Imagination kam die Nachricht des Arztes, daß er sich geirrt hatte: es gab keine Frist. Der Ich-Erzähler nahm sich vor, den Arzt zu bitten, seiner Frau die gute Nachricht erst am Morgen zu bringen, denn noch sollte sie in den tröstenden Armen des Freundes nicht gestört werden. Eine obsolet gewordene Imagination bekam also a posteriori Realitätsstatus.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Dienstag, 1. Januar 2019

Siestas

Während der titelgebenden Mittagsruhen entdeckte die pubertierende Protagonistin von einer frühreifen Freundin initiiert ihre Sexualität, der sie allerdings noch mit einem gewissen Vorbehalt gegenüberstand. Sie lebte bei drei Tanten, die sie dann beim Masturbieren erwischten. Die Erzählung war so gehalten, daß Realität, Traum bzw. Alptraum und die Bilder aus einem pornographischem Album sowie die Zeiten, in denen diese Dinge in Erscheinung traten, ineinander übergingen. Im Zentrum der Vorstellung des Mädchens stand ein Mann in einer dunklen, einsamen Gasse.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Último round (1969)).

El viaje

Ein Mann wollte von A nach B reisen, wozu er sechzig Kilometer mit dem Auto zu einem Bahnhof fahren mußte und von dort mit dem Zug zu einem Umsteigebahnhof, von wo er schließlich an sein Ziel gelangen würde. Als er sich in Begleitung seiner Frau die nötigen Tickets – es waren zwei – kaufen wollte, hatte er die Namen der Orte vergessen. Die Erzählung war die Beschreibung der Erinnerungsversuche und des Kaufs der Fahrkarten. Der Mann war gegenüber seiner Frau ein Tyrann aus Schwäche und Unvermögen heraus, der Schalterbeamte freundlich, geduldig und hilfsbereit – letzteres war auch ein weiterer Reisender – und die Frau stoisch, sie reagierte phlegmatisch auf die Tyrannei ihres Mannes und lächelte den Schalterbeamten an, der dies mit interesselosem Wohlgefallen goutierte.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Último round (1969)).

Silvia

Der Ich-Erzähler verliebte sich in ein Mädchen, das sich um die Kinder seiner Freunde kümmerte. Dann plötzlich kam en passant heraus – der erzählerische Kunstgriff –, daß sie eine erfundene Figur der Kinder war, die nur auftauchte, wenn alle Kinder zusammen waren. Er lud daraufhin die Freunde zu sich ins Haus ein und sah während des Abends für einen kurzen Moment das Mädchen nackt in seinem Bett liegen. Kurz darauf, als die Familien unterschiedliche Wege gingen, wurden die Kinder für immer getrennt.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Último round (1969)).

Sonntag, 30. Dezember 2018

Freitag, den 15. August 2014***

Und wie sie da so auf dieser Bank auf einem Absatz der unscheinbaren Treppe mit dem belanglosen Ausblick auf gewöhnliche Wohnhäuser, eine größere Straße, eine Station der Untergrundbahn und den bewaldeten Hang eines Hügels saßen und ihren in dem kleinen Laden gekauften Imbiß verzehrten (Bier, weiße Wabbelbrötchen, Wurst, Käse und einen Pfirsich), da gelang es Hans Köberlin noch einmal – nicht ganz unverhofft, denn solche Orte gehörten zu Hans Köberlins bevorzugten Topographien –, aus der Zeit zu fallen, und wie Álvaro de Campos empfand er …

Ah, embalado
Na ideia tão confortável de hojea inda não ser amanhã,
De pelo menos neste momento não ter responsabilidades nenhumas,
De não ter personalidade propriamente …*

Immer wieder sollte er nach seiner Rückkehr an diesen aus der Zeit gefallenen Moment auf dieser Bank auf einem Absatz der wirklich sehr unscheinbaren Treppe denken, deshalb möchten wir hier einmal wieder ein Bild einfügen, nämlich eines von dieser Treppe, leider von Hans Köberlin erst unterhalb des Absatzes mit der Bank gemacht …**



* Fernando Pessoa, Álavaro de Campos. Poesias · Gedichte, Zürich 1987, S. 242.
** Die Frau, die man hinabgehen sieht, ist die Frau, die natürlich für diesen glücklichen Augenblick noch unabdingbarer war als die Topographie.
*** Siehe auch hier und hier und vor allem hier.

Sonntag, 16. Dezember 2018

La caricia más profunda

Ein Mann versank unbemerkt von seiner Umwelt immer tiefer in den Boden (er versank nur in den Erdboden, nicht ins Bett oder in das Bidet, auf das er stieg, um sich die Zähne zu putzen). Die titelgebende tiefste Liebkosung geschah, als er immer tiefer sinkend bereits ganz versunken mit den Fingerspitzen der linken Hand die Schuhsohlen seiner Verlobten streichelte. Er hatte in diesem Augenblick Mitleid mit ihr, deren Armut er am Zustand der Schuhsohlen erkannte. Sehr poetisch!

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, La vuelta al día en ochenta mundos (1967)).

Samstag, 15. Dezember 2018

El otro cielo

Die Geschichte eines rite de passage: ein künftiger Börsianer mit Verlobter und künftiger Familie floh vor der schlechten Gegenwart und der trostlosen Zukunft temporär in das Halbweltmilieu der Passagen mit seinen Huren. Ein Frauenmörder, der sein Unwesen trieb und der Krieg (ich dachte, es wäre der erste, aber es war der zweite) belasteten die erschlichene Freiheit. Am Ende war der Mörder gefaßt und der Krieg gewonnen und der Protagonist in bürgerlichen Verhältnissen. Der Plot war bekannt, aber die Erzählung war sehr gelungen fesselnd.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Todos los fuegos el fuego

Zwei Geschichten alternierend erzählt: ein römischer Prokonsul hatte in der Arena einen tödlichen Zweikampf für den Gladiator, bei dessen Anblick seine Frau Begehren empfunden, arrangiert, und eine von ihrem Freund mit einer Freundin betrogene Frau beging mit Tabletten Selbstmord, während sie mit dem untreuen Freund telephonierte. Am Ende gingen die Arena und der Mann mit seiner neuen Geliebten in Flammen auf. Es lag auf der Hand, was das Feuer aller Feuer war … Mir fiel Faulkners Doppelgeschichte ein, The Wild Palms und The Old Man or If I Forget Thee Jerusalem. Bei der ersten führte eine Abtreibung zum Untergang eines Liebespaares, bei der zweiten eine zufällige, emotional unbeteiligte Geburtshilfe zum gleichgültigen Weiterlaufen der Welt.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Freitag, 14. Dezember 2018

Empirie, 14. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.238 von ca. 1.800 Seiten
    • Fußnoten: 3.772
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 1.016 von ca. 1.800 Seiten
    • Fußnoten: 3.033
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen mit dem Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen, ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen

* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.

Wird aktualisiert!

Sonntag, 9. Dezember 2018

Instrucciones para John Howell

Ein Theaterbesucher wurde in der Pause genötigt, in dem Stück eine Rolle zu übernehmen. Man sicherte ihm freie Gestaltung zu, was sich aber nicht realisieren ließ, denn es gab die Zwänge des durch den Theaterbesuch geschlossenen ästhetischen Vertrags mit dem Publikum, dann die Zwänge des Stücks (die Handlungslogik), dann noch die Absichten derer, die den Zuschauer genötigt hatten, und schließlich das Ungewohnte der Situation. Dies alles erschien mir als das eigentliche Thema der Erzählung: das Gebundensein in einer eigentlichen Freiheit. In dem Stück ging es um die Ermordung der Protagonistin, und am Ende floh der zum Mitspielen Genötigte mit seinem Nachfolger.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 2. Dezember 2018

Fenster #224 (Centre de …, Freitag, den 15. August 2014)

La isla al mediodía

Diese Erzählung war von Anfang an zu durchschaubar. Ein Stewart bekam von seinen Flugzeugen aus einen Faible für eine griechische Insel. Er plante seinen Urlaub, war da – aber da merkte man schon, daß etwas nicht stimmte –, er sah von dort das Flugzeug, es stürzte ab … etc. Am Ende lag er tot am Strand.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Samstag, 1. Dezember 2018

Fenster #223

La Señorita Cora

In der Manier Faulkners gingen verschiedene Stimmen ineinander über: die eines fünfzehnjährigen Patienten, seiner Mutter, der titelgebenden Krankenschwester, ihres Geliebten (»Die Wahrheit ist, es macht mir nicht viel aus, ob ich die Frauen verstehe oder nicht. Hauptsache man wird von ihnen geliebt, das vor allem zählt.«), der Ärzte … Zuerst hielt ich es für eine willkürliche Spielerei, aber dann kam ich dahinter, daß die verschiedenen Stimmen den eigentlichen Protagonisten der Erzählung ergeben (wie bei dem von Borges überlieferten Mythos, bei dem die vielen Vögel den einen sagenhaften Vogel, den sie suchen, ergeben): den Tod, oder vielmehr: das Sterben. Der Junge kam mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus, doch bei dem Routineeingriff entdeckte man etwas Bösartiges. Der frühreife Junge schämte sich, der sehr jungen Schwester ausgeliefert zu sein, das zog sich bis zur letzten Begegnung hin. Cortázar gelang hier eine meisterhafte Dramatik.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 25. November 2018

Reunión

Die Erzählung Jack Londons, auf die Che Guevara in dem zitierten Motto anspielte, kannte ich aus Borgesʼ Bibliothek von Babel: der von Indianern gefangene Protagonist entging darin dem schmählichen Foltertod, indem er seine Enthauptung provozierte. – Diese Erzählung Cortázars war die schwächste bisher: sie beschrieb eine Operation von Revolutionären, die zu scheitern drohte, aber dann doch erfolgreich war. Der Ich-Erzähler entpuppte sich am Ende als Che, was man als Kenner von Revolutionsmythen wahrscheinlich hätte erkennen können (er war Arzt etc.). Sowas wäre eine Generation früher vielleicht noch gegangen, aber Mitte der sechziger Jahre nicht mehr.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 18. November 2018

La salud de los enfermos

Aus Rücksicht auf ihre Krankheit (sie hatte u. a. Bluthochdruck) verschwieg eine Familie der Mutter mit einem enormen Aufwand den Tod ihres Sohnes und ihrer Schwester. An ihrem Totenbett kam heraus, daß sie ab einem gewissen Moment des Theaters alles gewußt hatte. Zuerst fiel mir Goodbye Lenin ein, dann aber Calderóns La vida es sueño und in Teilen auch Shakespeares A Midsummer Night’s Dream. Dann gab es da noch einen Kriegsthriller, in dem die Nazis einem alliierten Geheimnisträger ein Sanatorium nach der Landung in Frankreich vorspielten, um an Ort und Zeit der tatsächlich noch bevorstehenden Landung zu kommen.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Raum, Zeit

Der Raum scheint entweder gezähmter oder harmloser zu sein als die Zeit: man begegnet überall Leuten, die Uhren haben, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben.

(Georges Perec, Träume von Räumen, Zürich / Berlin, 2. Aufl. 2016, S. 142f.).

Donnerstag, 15. November 2018

Strategie

– Waren die Ideen falsch oder die Ausführung?
– Ein Übermaß von Ideen gegenüber den Realitäten ist sicher falsch.
– Hätte man das vermeiden können?
– Sie meinen: keine Ideen haben?
– Beobachten. Abwarten. Vom Ereignis überrascht, zeigen wir, was wir gelernt haben?
– Eher so.

(Alexander Kluge, Gründet sich Revolution auf Arbeit oder auf Ideen? Geisterhaftigkeit revolutionärer Prozesse; in: Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2005, 9 Wach sind nur die Geister; 9.3 Die Schatzsucher / Geisterhaftigkeit der menschlichen Arbeit, S. 760).

Sonntag, 4. November 2018

»It is the evening of the day …«

Noch eine Definition

Leben heißt, von einem Raum zum anderen gehen und dabei so weit wie möglich zu versuchen, sich nicht zu stoßen.

(Georges Perec, Träume von Räumen, Zürich / Berlin, 2. Aufl. 2016, S. 13).

Samstag, 3. November 2018

Fenster #222

Schöneweide (Ost)

La autopista del sur

In der Wohnung [von Camille und Paul in Godards Le mépris (1963)] findet einer der längsten Ehestreite der Filmgeschichte statt, eine Vorwegnahme des längsten Autostaus der Filmgeschichte in Week End (1967).*


* Später, also nach den oben angeführten Notizen, die er auch diesbezüglich nicht mehr ergänzen sollte, da er den Essay zu dem Film aufgegeben hatte, später also sollte Hans Köberlin erfahren, daß manche Filmhistoriker davon ausgingen, daß Teile von Week End von Cortázars La autopista del sur inspiriert worden seien. Es ging in dieser Erzählung um einen Stau auf einer aus dem Süden nach Paris führenden Autobahn, der einen Herbst und einen Winter dauerte und sich erst im Frühling wieder auflöste. Es bildeten sich während dieser Stauzeit tribal organisierte Schicksalsgemeinschaften, die auf Subsistenzebene wirtschafteten, und es passierte eine Liebesgeschichte, die jedoch tragisch scheiterte, als der Stau sich wieder auflöste und man sich ohne eine Möglichkeit des Wechsels zu haben im immer schneller werdenden Verkehrsfluß auf verschiedenen Spuren befand. Es gab schöne Beschreibungen, Cortázar schaffte es aber nicht so ganz, die verschiedenen Zeittempi – Stunden, Tage, Wochen und Jahreszeiten – in ihren spezifischen Dauren darzustellen.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 28. Oktober 2018

Jungfernheide (Ost)

Sus historias naturales

  • León y cronopio – Ein Cronopium entging durch Stoizismus einem Löwen.
  • Cóndor y cronopio – Ein Cronopium entging durch Lobhudelei einem Kondor.
  • Flor y cronopio – Ein Cronopium verhielt sich nicht wie der Knabe in Goethes Heideröslein, sondern wie eine Blume.
  • Fama y eucalipto – Ein Fame tötete einen Baum, anstatt sich eine Schachtel Bonbons zu kaufen.
  • Tortugas y cronopio – Die Bewunderung der Schildkröte für Geschwindigkeit gab nochmals Anlaß, die drei Arten zu charakterisieren. Warum erschirnen die Esperanzen nicht im Titel?
(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Historias de cronopios y de famas (1962), Historias de cronopios y de famas, III. Sus historias naturales).

Pegue la estampilla en el ángulo superior derecho del sobre & Telegramas

Ein Cronopium lief auf dem Postamt Amok, wodurch es die Dienstleistung nicht in Anspruch nehmen konnte (wer ficken will muß freundlich sein).

*

Verschiedene absurde Telegramme von einer Esperanze und drei Cronopien. Zum ersten Mal tauchten Namen auf.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Historias de cronopios y de famas (1962), Historias de cronopios y de famas, II. Historias de cronopios y de famas).