Herbert Neidhöfer, homme de lettres
Home ·
Das Projekt ·
Bilder · Verweise ·
Aus dem Katzengraben ·
Kontakt / Impressum
Montag, 21. Dezember 2015
Samstag, der 21. Dezember 2013
[81 / 243]
Heute sollte Hans Köberlin, ohne daß er es da hätte bereits wissen können (und das war auch besser so!), ein Viertel der Zeit seines Exils hier verbracht haben.
(…)
Der grüne Schutzumschlag der von Goyert übersetzten Ausgabe ging auseinander und Hans Köberlin nahm transparentes Klebeband und klebte ihn wieder zusammen, daran denkend, daß er 1977 dieses Buch gekauft hatte, vor 36 Jahren … von der Mosel an den Rhein an die Elbe an die Spree und schließlich ans Mediterrane (erst Puglia und dann die weiße Küste, dazwischen am Landwehrkanal, wo es verraten wurde, verspottet und gekreuzigt) … es würde also, wie es aussah (wiederauferstanden), wieder zurück an die Spree … oder an die Dahme oder – was aber wegen der fortgeschrittenen Gentrifizierung eher unwahrscheinlich war – zurück an den Landwehrkanal …* Beide, Goyert und Wollschläger, hatten »littlejohn« mit »kleiner John« beziehungsweise »Klein John« übersetzt … Es war doch wohl ein Anspielung auf den Gesellen Robin Hoods, und der war doch überall so populär, daß man hätte …
* »Ces volumes où on a lu un ouvrage la première fois, c’est comme la première robe où on a vu une femme, ils nous disent ce que ce livre était pour nous alors, ce que nous étions pour lui. Les rechercher est ma seule manière d’être bibliophile. L’édition où j’ai lu un livre pour la première fois, l’édition où il m’a donné une impression originale, voilà les seules ›premières‹ éditions, les ›éditions originales‹ dont je suis amateur.« (Proust, Le Balzac de monsieur de Guermantes). Aber mehr noch als mit Büchern erging es Hans Köberlin mit der von Proust beschriebenen Art mit den Interpretation, in denen er bestimmte Musik zum ersten Mal hörte: Vivaldi von dem Amati Ensemble, Bach von Gould oder Harnoncourt oder Kremer oder Casals, Mozart von Gould (die Sonaten) oder Gulda (einige Klavierkonzerte) oder Leinsdorf (Don Giovanni), Beethoven von dem Emerson String Quartet und Mahler von Raphael Kubelik.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Lektüre,
Musik,
Raum,
Zeit,
Zitat (intern)
Sonntag, 20. Dezember 2015
Freitag, der 20. Dezember 2013
[80 / 244]
Der Bus war bloß mäßig besetzt, Hans Köberlin versuchte zu lesen, war aber zu unkonzentriert für den surrealistischen Kram, den Breton da versammelt hatte. Benjamin hatte etwas über den »Sürrealismus«, wie es bei ihm hieß, geschrieben. Vielleicht einmal zwischendurch …*
Er erreichte eine Stunde vor der angekündigten Landung den Aeropuerto, mit Ausstieg und Warten an der Gepäckausgabe also etwa noch eineinhalb Stunden, davon 30 Minuten vor dem Ausgang stehen, denn es könnte ja alles früher sein …
Es kam ihm, er wußte nicht, wieso jetzt gerade, der tragikomische Gedanke, daß vielleicht wirklich etwas vonstatten ging, draußen in der Welt, und daß die Welt sich tatsächlich zum besseren kehrte (des jungen Marx’ »Reich der Freiheit«), daß aber die sich anbahnenden äußeren Umstände, die ihm ein ihm gemäßes (artgerechtes) Dasein ermöglichen würden (etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen), für ihn ganz knapp zu spät kämen (so wie Reemtsma fast bei Arno Schmidt) … Gérard Genette hatte irgendwo geschrieben, manchmal könne ein Künstler, wie man wisse, die stimulierenden Nachteile des Zwangs den sedativen Kräften der Freiheit vorziehen …
Er setzte sich in eine Bar in der Nähe des Ankunftsbereichs, trank ein kleines Fläschchen Rotwein und beobachtete die Leute um sich herum, Einheimische und welche aus dem Norden in verschiedenen Stadien der Hektik, auch schöne junge Frauen, aber die häßlichen, fetten Alten – »überdies waren die Formen des Körpers etwas über das Üppige heraus verüppigt«, wie dies der verständige Hund Berganza etwas höflicher umschrieben hätte – und die obszön rüstigen Alten und die Prolls überwogen. Kaum ein Mensch, der nicht tätowiert war …
* Hier nur kurz eine schöne Phrase aus Der Sürrealismus: »Alles, womit er (der Sürrealismus) in Berührung kam, integrierte sich. Das Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von Tritten massenhafter hin und widerflutender Bilder, die Sprache nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit automatischer Exaktheit derart glücklich ineinandergriffen, daß für den Groschen ›Sinn‹ kein Spalt mehr übrigblieb. Bild und Sprache haben den Vortritt. Saint-Pol-Roux befestigt, wenn er gegen Morgen sich zum Schlafe niederlegt, an seiner Tür ein Schild: Le poète travaille.« (Walter Benjamin, Der Sürrealismus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 2, S. 296f.) … Hatten wir die letzte Passage nicht bereits einmal zitiert? … … …: ja, hatten wir vgl. oben. Aber »daß für den Groschen ›Sinn‹ kein Spalt mehr übrigblieb«, dies, so nahm er sich vor, würde er sich merken und bei nächster Gelegenheit irgendwo zitieren.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IX [Der zweite Besuch der Frau], 20. Dezember 2013 bis 6. Januar 2014).
Samstag, 19. Dezember 2015
Donnerstag, der 19. Dezember 2013
[79 / 245]
… und Hans Köberlin als Ästhet sah den Klerus lieber häßlich denn feist.*
Hans Köberlin legte sich wieder ins Bett und schrieb dort ein wenig und las ein wenig im Ulysses, wie gesagt, im neunten Kapitel, in der Bibliothek …: »The beautiful ineffectual dreamer who comes to grief against hard facts.« Ja, ja, das war er … Bei einer seiner früheren Lektüren in der Ausgabe von Goyert hatte er auf der Seite 216 eine von Stephen Dedalus gemachte Äußerung angestrichen: »Ein Genie begeht keine Fehler. Seine Irrtümer entspringen seinem Willen und sind die Tore der Erkenntnis.« Oder wie es im Original hieß: »A man of genius makes no mistakes. His errors are volitional and are the portals of discovery.« Er konnte nicht mehr nachvollziehen, warum er sich diesen etwas markigen Satz angestrichen hatte. Er huldigte doch keinem Genienkult und glaubte auch an die fatale Wirksamkeit von Fehlern, Fehlern, aus denen man nichts lernen konnte, sondern die einen in Sackgasen führten oder untilgbare Stacheln in der Erinnerung waren …: nein, ein Genie war der, der es geschafft, daß seine Fehler nicht als solche betrachtet wurden, man mußte das vom Werk aus betrachten, der Entscheidung und dem Urteil des Rezipienten, und nicht vom Schöpfer, der Autor war tot.
* 1997 erinnerte die Abbildung eines Filmplakats an William Cameron Menziesʼ Adaption von H. G. Wells Things to Come aus dem Jahre 1936. Hans Köberlin hatte diesen Science-Fiction-Film einmal gesehen, als ein Freund ihn im Raum der Arbeitsgruppe ›menschen formen‹ vorgeführt, hatte aber bloß noch eine verschwommene Vorstellung …: es gab drei Phasen: die Vernichtung, dann der rational-technische Neuanfang, der auf eine Diktatur hinauslief, und schließlich eine Revolution, an deren Ausgang Hans Köberlin keine Erinnerung mehr hatte. Laut Borges hatte sich Wells von dem Film distanziert, weil er »The Dictatorship of the Air« nicht als so monströs dargestellt sehen wollte, wie sie im Film erschien (vgl. Jorge Luis Borges, Von Büchern und Autoren. Rezensionen, Essays, Biogramme 1936-1939; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1993ff., Bd. 4, S. 34f.). Und 1996 sah man auf dem Kalenderblatt, wie der Regisseur Ernst Marischka (in den körperlichen Dimensionen des späten Orson Welles) während der Dreharbeiten zu Sissi – Die junge Kaiserin (1956) Romy Schneider, die sich vorbeugte (wohl um ihr Kostüm nicht zu bekleckern) und brav ihren Mund öffnete, mit irgendeiner Süßspeise fütterte. Fast hätte dieses Bild wegen seiner hintergründigen Frivolität und Romy Schneiders bloßen Schultern und ihrem Dekolleté seinen Platz an Hans Köberlins Schlafzimmerwand gefunden, aber nur fast …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Ästhetik,
Film,
Lektüre,
Raum,
Zeit,
Zitat (intern)
Freitag, 18. Dezember 2015
Mittwoch, der 18. Dezember 2013
[78 / 246]
Hans Köberlin saß also auf der anderen Dachterrasse und las und schrieb. Wie man sicher bereits bemerkt hat, scheute er sich, für seine Tätigkeit den Begriff ›Arbeit‹ zu verwenden, obwohl er es hätte tun müssen, um seinen Zustand vor sich zu legitimieren. Aber der Begriff ›Arbeit‹ hatte in Hans Köberlins Weltbild seine Unschuld verloren und er benutzte ihn bloß noch in ökonomischen Kontexten (= Brotarbeit). Außerdem machte er das, was er machte, mit großer Lust, auch wenn es manchmal anstrengend war …
Irgendwann klingelte der Briefträger und warf, als Hans Köberlin nicht schnell genug von der anderen Dachterrasse herunterkam, das für den Briefkasten viel zu große Couvert einfach über das Tor. Es war Hans Köberlins Exemplar von Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. So kam also der dritte Bericht über die seltsamen Abenteuer ramponiert und mit einer Delle in der linken unteren Ecke bei ihm, dem unbenannten Herausgeber und Kommentator der letzten Fragmente, an, vielleicht irgendwie symptomatisch, sagte er sich.
»Es steht nirgendwo geschrieben, daß alle Menschen ihr Leben so führen müssen, daß sie zu sorgfältig gebundenen Büchern geraten.«*
Außerdem gab es – im Briefkasten – zwei Liebesgrüße von der Frau. Er ging mit der Post wieder auf die andere Dachterrasse. Sein erster Gedanke, als er das Buch ausgepackt hatte, war, darauf einen zu trinken, aber es war noch nicht einmal drei Uhr. Dann dachte er, soetwas wolle er auch noch einmal machen und zu einem Ende bringen. »Ein guter Mensch sein oder ein gutes Buch schreiben …: ist diese Alternative tatsächlich notwendig?« Zuerst schaute er natürlich, wie das Bild auf Seite 356 geraten war …: gut!** Wind kam auf, er ging also in keine Bar, sondern zu einem Ingwercocktail in den leeren Wintergarten an den Tisch dort, der nichts mit Striptease zu tun hatte.
* Peter Sloterdijk und Thomas Macho, Gespräche über Gott, Geist und Geld, Freiburg / Basel / Wien 2014, S. 45.
** »Wenn noch ein Messias geboren würde, so könnte er kaum so viel Gutes stiften, als die Buchdruckerei.« (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd. 2, S. 224).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Donnerstag, 17. Dezember 2015
Dienstag, der 17. Dezember 2013
[77 / 247]
Noch im Bett las er – dabei immer wieder Passagen in seinen drei Ausgaben vergleichend – das achte Kapitel des Ulysses zuende und erlebte, dessen Kummer aus eigener Erfahrung mitfühlend, wie Mr Bloom auf Schritt und Tritt mit dem Namen und sogar mit der Fresse von Blazes Boylan konfrontiert wurde.* Manche Gesten und Handlungen Mr Blooms kannte Hans Köberlin von sich selber, etwa wie der das erste Lokal betrat, dort aber nicht bleiben wollte und deshalb so tat, als suche er jemanden und fände ihn nicht. Oder als er so tat, als durchwühle er seine Taschen, um Blazes Boylan den Eindruck zu vermitteln, er sehe ihn nicht. Und anschließend las Hans Köberlin, was Nabokov über das achte Kapitel geschrieben hatte. Über Finnegans Wake, hatte der, nur nebenbei bemerkt, bemerkt, dies sei ein Buch wie ein kalter Pudding, ein ständiges Schnarchen im Zimmer nebenan …: nun: Hans Köberlin mochte Nabokov und verehrte die Anstrengungen, die Finnegans Wake als Folge gehabt hatten, denn das Haus seiner Musen hatte viele Zimmer nebenan.
Während des Frühstücks kam ein leichter Fatalismus auf. Ein Gang nach draußen und auf die hintere (also nicht die andere) Dachterrasse half.
* Wir bringen schon einmal, bevor er seine Lektüre fortsetzt, Gilberts Schema zum neunten Kapitel …
| Bezeichnung | Schauplatz | Zeit | Organ | Farbe | Symbol | Kunst | Technik |
| Skylla & Charybdis | Bibliothek | 14 Uhr | Gehirn | – | Stratford / London | Literatur | Dialektik |
Skylla und Charybdis sollten Hans Köberlin am Freitag, dem 8. Mai 2015, also 70 Jahre nach Kriegsende, nochmals begegnen, als er da nämlich mit der Lektüre von Stefano D’Arigos wunderbarem Roman Horcynus Orca begann, ein Beispiel dafür, daß es selbst für einen 55jährigen Hans Köberlin immer noch literarische Meisterwerke zu entdecken gab.
Apropos Farbe: das von früheren Lektüren erinnerte Bild, das Hans Köberlin imaginierte, wurde von Brauntönen dominiert.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Ästhetik,
Lektüre,
Raum,
Zeit,
Zitat (intern)
Mittwoch, 16. Dezember 2015
»Die Geschichte, die im Schatten entstand, endet im Schatten.«
Ich vermute, die Glückseligen im Himmel sind der Auffassung, die Vorteile dieses Etablissements seien von den Theologen, die nie dort gewesen sind, übertrieben worden. Vielleicht sind die Verdammten in der Hölle nicht immer glücklich.
(Jorge Luis Borges, Das Duell; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 13: Spiegel und Maske. Erzählungen 1970-1983, Frankfurt am Main 1993, S. 59).
(Jorge Luis Borges, Das Duell; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 13: Spiegel und Maske. Erzählungen 1970-1983, Frankfurt am Main 1993, S. 59).
Montag, der 16. Dezember 2013
[76 / 248]
Noch im Bett las er, was André Breton in seiner Anthologie über das Ende Baudelaires geschrieben, nämlich das jener sich im Spiegel betrachtet, sich aber nicht wiedererkannt und deshalb gegrüßt habe. Baudelaires letzte Worte, mit denen er ein mehrere Monate langes Schweigen gebrochen, habe er bei Tisch geäußert, indem er auf das einfachste von der Welt darum gebeten, man möge ihm den Senf reichen. Man sollte, dachte sich Hans Köberlin, letzte Worte parat haben, damit man nicht kalt erwischt würde und dann bloß nur noch fluchen würde oder jammern würde oder »Ich will nicht!« schreien würde.* Es wäre schön, wenn man in Würde aus der Welt gehen würde. Hans Köberlin gab zu, daß »Kann ich mal bitte den Senf haben?« einer gewissen Würde nicht entbehrte … Hans Köberlin, der – wie Clemens Limbularius – immer gesagt hatte, wenigstens seinen Tod wolle er bewußt erleben,** Hans Köberlin also fielen jetzt keine passenden letzten Worte für sich ein und er stand deshalb auf und zog sich an und aktualisierte den Filmkalender. Lee Van Cleef hatte Todestag (†1989), deshalb sah man ein Still aus High Noon, nicht einen Still von seinem Nebenrollen-Showdown mit Gary Cooper, sondern einen Still von dem mit sich selber ringenden Gary Cooper und der verzweifelten Grace Kelly, die sich an den mit sich selber ringenden Gary Cooper drückte, und im Hintergrund die andere, titelgebende Protagonistin des Film, nämlich die große Standuhr, kurz bevor sie zwölfmal schlagen würde …*** Des weiteren, so erfuhr man, war am gleichen Tag wie Lee Van Cleef Silvana Mangano gestorben, wir hatten sie oben zu Beginn des vierten Kapitels bereits kurz im Kontext von Riso amaro erwähnt, wenn auch nur implizit …: es war nämlich wegen ihrer – wenn auch leider nur verhüllt – gezeigten Brüste, daß im Land von Hans Köberlins Herkunft ›Bitterer Reis‹ geraume Weile als Synonym für überproportionierten Busen galt.**** – Und wo wir gerade bei den unendlich verschieden wunderbaren Ausformungen von weiblichen Brüsten, die uns an das Gute in der Welt glauben lassen, sind: am 16 Dezember 1962 – da war Hans Köberlin bereits 2½ Jahre alt gewesen, war Maruschka Detmers geboren worden.
* »I must sleep now«, soll Byron gesagt haben.
** Siehe vom Verf. HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012, S. 58.
*** Hier der Song dazu …
Do not forsake me, oh, my darlin’:**** Dieser traurige Anlaß – der Tod einer Frau, die uns in ihrer Jugend während unserer Jugend (und auch jetzt noch, wenn wir uns den Film anschauen) erregte und von einem guten Sein träumen ließ – bietet uns Gelegenheit, wieder einmal aus Georg Seeßlens Ästhetik des erotischen Films zu zitieren: »Silvana Mangano verkörpert auch in ihren weiteren Filmen (nach Riso Amaro) die vital erotische Frau, deren Lebenshunger in Widerstreit zu den Begrenzungen ihrer Umwelt gerät. Freilich, sozialkritische Intentionen lagen diesen Filmen meistens fern. Sie waren oft nicht mehr als ein Vehikel für die Präsentation des Stars in engen Pullovern und kurzen Hosen, die italienische Version der Pin-up-Kleidung. Silvana Manganos Tanz-Szenen erinnerten so sehr an die Darbietungen der amerikanischen Pin-up-Stars, wie ihre ganze Erscheinung deren Einfluß verriet. (Als ›Italiens Antwort auf Rita Hayworth‹ wurde sie auch bezeichnet.) Doch im Unterschied zu den amerikanischen Stars des Genres war der Vorwand für die Überbetonung des Sex-Appeals in Filmen wie Anna (Alberto Lattuada, 1951) oder Mambo (Robert Rossen, 1955) aus einem realistischen Hintergrund heraus entwickelt. Sie ist das proletarische Pin-up-Girl (in Mambo ist sie eine Arbeiterin, die zur berühmten Tänzerin aufsteigt) und eine kurze, scheinhafte Alternative zu einem häuslichen Glück in der bedrückenden Enge der Vorstädte und Dörfer.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 78).
You made that promise as a bride.
Do not forsake me, oh, my darlin’.
Although you’re grievin’,
don’t think of leavin’,
Now that I need you by my side.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Film,
HannaH & SesyluS,
Raum,
Sonstiges,
Zeit,
Zitat (intern)
Dienstag, 15. Dezember 2015
»Die Kunst ist das Aschenputtel, das zu Hause blieb, weil es so sein mußte.«
303 17. 1. 1932
Die Welt gehört dem, der nicht fühlt. Die Grundvoraussetzung, um ein praktischer Mensch zu werden, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen – die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit Sensibilität. Jedes Handeln ist seiner Natur nach die Projektion der Persönlichkeit auf die Außenwelt und, da die Außenwelt zur Hauptsache von menschlichen Wesen bestimmt wird, folgt daraus, daß diese Projektion der Persönlichkeit vor allem bedeutet, daß wir uns auf dem Weg unserer Mitmenschen quer legen, ihn hinderlich gestalten und sie je nach Art unseres Vorgehens verletzen und erdrücken.
Zum Handeln gehört folglich eine gewisse Unfähigkeit, sich die Persönlichkeit anderer, ihre Leiden und Freuden vorzustellen. Wer Sympathie empfindet, kommt nicht weiter. Der Mensch der Tat betrachtet die Außenwelt als ausschließlich aus träger Materie zusammengesetzt – als träge in sich selbst wie ein Stein, über den er hinweggeht oder den er aus seinem Weg. räumt; oder träge wie ein menschliches Wesen, das, da es ihm nichts entgegenzusetzen vermochte, sowohl ein Mensch wie ein Stein sein kann, denn er räumt es wie einen Stein beiseite oder geht darüber hinweg.
Das beste Beispiel eines praktischen Menschen ist der Stratege, da sich in ihm äußerste Konzentration des Handelns und größte Wirksamkeit zusammenfinden. Das ganze Leben ist Krieg, und die Schlacht ist mithin die Synthese des Lebens. Nun aber ist der Stratege ein Mensch, der mit Menschenleben spielt wie der Schachspieler mit Schachfiguren. Was würde aus dem Strategen, wenn er daran dächte, daß jeder Zug seines Spiels Nacht in tausend Familien trägt und Leid in dreitausend Herzen? Was würde aus der Welt, wenn wir menschlich wären? Wenn der Mensch wirklich fühlte, gäbe es keine Zivilisation. Die Kunst dient der vom Handeln zwangsläufig vergessenen Sensibilität als Zuflucht. Die Kunst ist das Aschenputtel, das zu Hause blieb, weil es so sein mußte.
Jeder Mensch der Tat ist seinem Wesen nach lebhaft und optimistisch, weil glücklich ist, wer nicht fühlt. Einen Mann der Tat erkennt man daran, daß er nie schlechtgelaunt ist. Wer arbeitet, obwohl er schlechtgelaunt ist, ist ein Handlanger des Handelns; er mag im Leben, im großen Allgemeinen des Lebens ein Buchhalter sein, wie ich es in meinem besonderen bin; er kann nicht Herrscher über Menschen und Dinge sein. Zur Herrschaft gehört Fühllosigkeit. Es herrscht wer heiter ist, denn um traurig zu sein, muß man fühlen.
Chef Vasques schloß heute ein Geschäft ab, bei dem er einen kranken Mann und seine Familie ruiniert hat. Während des Vorgangs vergaß er völlig, daß da ein Mensch vor ihm saß, er sah nur den kommerziellen Widersacher. Als das Geschäft abgeschlossen war, überkam ihn die Sensibilität. Erst dann natürlich denn hätte Sie dies schon vorher getan, wäre das Geschäft nie zustande gekommen. »Der Kerl tut mir leid«, sagte er zu mir. »Das geht nicht lange gut.« Dann steckte er sich eine Zigarre an und fügte hinzu: »Jedenfalls, wenn er etwas von mir brauchen sollte« – er meinte ein Almosen – »werde ich nicht vergessen, daß ich ihm ein gutes Geschäft verdanke und etliche zehntausend Escudos.«
Chef Vasques ist kein Unmensch: er ist ein Mann der Tat. Wer immer bei diesem Spiel den kürzeren zieht, kann tatsächlich – denn Chef Vasques ist ein großzügiger Mensch – in der Zukunft mit seinen Almosen rechnen.
Wie Chef Vasques sind alle Männer der Tat: Industrie- und Handelsbosse, Politiker, Militärs, religiöse und gesellschaftliche Idealisten, große Dichter und Künstler, schöne Frauen und Kinder, die nur das tun, was sie wollen. Es befiehlt, wer nicht fühlt. Es siegt, wer nur an das denkt, was er zum Siegen braucht. Alles übrige, die unbestimmte allgemeine Menschheit, gestaltlos, sensibel, phantasievoll und zerbrechlich, ist nur der Vorhang im Hintergrund, vor dem sich diese Figuren auf der Bühne abheben, bis das Marionettentheater endet, der quadratförmig angeordnete Untergrund, auf dem die Schachfiguren stehen, bis sie der Große Spieler einsteckt, der, indem er sich mit einer Doppelpersönlichkeit austrickst, immer gegen sich selbst spielt und dabei seinen Spaß hat.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 296ff.).
Die Welt gehört dem, der nicht fühlt. Die Grundvoraussetzung, um ein praktischer Mensch zu werden, ist ein Mangel an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille. Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen – die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts anderes ist als ein Denken mit Sensibilität. Jedes Handeln ist seiner Natur nach die Projektion der Persönlichkeit auf die Außenwelt und, da die Außenwelt zur Hauptsache von menschlichen Wesen bestimmt wird, folgt daraus, daß diese Projektion der Persönlichkeit vor allem bedeutet, daß wir uns auf dem Weg unserer Mitmenschen quer legen, ihn hinderlich gestalten und sie je nach Art unseres Vorgehens verletzen und erdrücken.
Zum Handeln gehört folglich eine gewisse Unfähigkeit, sich die Persönlichkeit anderer, ihre Leiden und Freuden vorzustellen. Wer Sympathie empfindet, kommt nicht weiter. Der Mensch der Tat betrachtet die Außenwelt als ausschließlich aus träger Materie zusammengesetzt – als träge in sich selbst wie ein Stein, über den er hinweggeht oder den er aus seinem Weg. räumt; oder träge wie ein menschliches Wesen, das, da es ihm nichts entgegenzusetzen vermochte, sowohl ein Mensch wie ein Stein sein kann, denn er räumt es wie einen Stein beiseite oder geht darüber hinweg.
Das beste Beispiel eines praktischen Menschen ist der Stratege, da sich in ihm äußerste Konzentration des Handelns und größte Wirksamkeit zusammenfinden. Das ganze Leben ist Krieg, und die Schlacht ist mithin die Synthese des Lebens. Nun aber ist der Stratege ein Mensch, der mit Menschenleben spielt wie der Schachspieler mit Schachfiguren. Was würde aus dem Strategen, wenn er daran dächte, daß jeder Zug seines Spiels Nacht in tausend Familien trägt und Leid in dreitausend Herzen? Was würde aus der Welt, wenn wir menschlich wären? Wenn der Mensch wirklich fühlte, gäbe es keine Zivilisation. Die Kunst dient der vom Handeln zwangsläufig vergessenen Sensibilität als Zuflucht. Die Kunst ist das Aschenputtel, das zu Hause blieb, weil es so sein mußte.
Jeder Mensch der Tat ist seinem Wesen nach lebhaft und optimistisch, weil glücklich ist, wer nicht fühlt. Einen Mann der Tat erkennt man daran, daß er nie schlechtgelaunt ist. Wer arbeitet, obwohl er schlechtgelaunt ist, ist ein Handlanger des Handelns; er mag im Leben, im großen Allgemeinen des Lebens ein Buchhalter sein, wie ich es in meinem besonderen bin; er kann nicht Herrscher über Menschen und Dinge sein. Zur Herrschaft gehört Fühllosigkeit. Es herrscht wer heiter ist, denn um traurig zu sein, muß man fühlen.
Chef Vasques schloß heute ein Geschäft ab, bei dem er einen kranken Mann und seine Familie ruiniert hat. Während des Vorgangs vergaß er völlig, daß da ein Mensch vor ihm saß, er sah nur den kommerziellen Widersacher. Als das Geschäft abgeschlossen war, überkam ihn die Sensibilität. Erst dann natürlich denn hätte Sie dies schon vorher getan, wäre das Geschäft nie zustande gekommen. »Der Kerl tut mir leid«, sagte er zu mir. »Das geht nicht lange gut.« Dann steckte er sich eine Zigarre an und fügte hinzu: »Jedenfalls, wenn er etwas von mir brauchen sollte« – er meinte ein Almosen – »werde ich nicht vergessen, daß ich ihm ein gutes Geschäft verdanke und etliche zehntausend Escudos.«
Chef Vasques ist kein Unmensch: er ist ein Mann der Tat. Wer immer bei diesem Spiel den kürzeren zieht, kann tatsächlich – denn Chef Vasques ist ein großzügiger Mensch – in der Zukunft mit seinen Almosen rechnen.
Wie Chef Vasques sind alle Männer der Tat: Industrie- und Handelsbosse, Politiker, Militärs, religiöse und gesellschaftliche Idealisten, große Dichter und Künstler, schöne Frauen und Kinder, die nur das tun, was sie wollen. Es befiehlt, wer nicht fühlt. Es siegt, wer nur an das denkt, was er zum Siegen braucht. Alles übrige, die unbestimmte allgemeine Menschheit, gestaltlos, sensibel, phantasievoll und zerbrechlich, ist nur der Vorhang im Hintergrund, vor dem sich diese Figuren auf der Bühne abheben, bis das Marionettentheater endet, der quadratförmig angeordnete Untergrund, auf dem die Schachfiguren stehen, bis sie der Große Spieler einsteckt, der, indem er sich mit einer Doppelpersönlichkeit austrickst, immer gegen sich selbst spielt und dabei seinen Spaß hat.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 296ff.).
Sonntag, der 15. Dezember 2013
[75 / 249]
Er frühstückte auf der anderen Dachterrasse, dann vertrieb ihn aber der Wind und er las – vor allem im Ulysses, wobei er fast alles um sich herum vergaß* – und schrieb im leeren Wintergarten, und er tat dies bis zum Abendessen.
Hans Köberlin hatte sich für heute eine Lubina gekauft. – Wir haben vor ein paar Tagen berichtet, wie die nonverbale Kommunikation mit dem Fischverkäufer ablief, damit der, glückte die nonverbale Kommunikation, das Tier bloß entschuppte und ausnahm, aber nicht auch enthauptete; nun, gestern, als Hans Köberlin die Lubina kaufte, da war eine Fischverkäuferin da, und ehe Hans Köberlin einschreiten konnte, hatte sie – schnipp! wie Philine** – mit ihrer großen Schere dem Fisch den Schwanz abgeschnitten … Nun ja: wie hätte man das, fragte sich Hans Köberlin, das, daß man das nicht wollte, auch auf schickliche Weise nonverbal kommunizieren sollen …? – Hans Köberlin konnte sich gut vorstellen, daß der Fischverkäufer vom Schwanzabschneiden nicht viel hielt, aber warum war er so darauf versessen, den Kopf abzuschneiden? Ein kleiner verhinderter Robespierre? Die Brüder hatten irgendwo berichtet, daß ihnen ein Seefahrer erzählt habe, auf seinem Schiff habe man während jener Jahre eine kleine Guillotine gehabt, um die Hühner zu köpfen …
* James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 146 …
Cityful passing away, other cityful coming, passing away too: other coming on, passing on. Houses, lines of houses, streets, miles of pavements, piledup bricks, stones. Changing hands. This owner, that. Landlord never dies they say. Other steps into his shoes when he gets his notice to quit. They buy the place up with gold and still they have all the gold. Swindle in it somewhere. Piled up in cities, worn away age after age. Pyramids in sand. Built on bread and onions. Slaves. Chinese wall. Babylon. Big stones left. Round towers. Rest rubble, sprawling suburbs, jerrybuilt, Kerwan’s mushroom houses, built of breeze. Shelter for the night.Der Punkt zwischen »Slaves« und »Chinese wall« ist von uns, wir folgen da Wollschläger, denn Goyerts »Sklaven chinesische Mauer.« klingt uns abstrus. – Jedenfalls, wenn Nabokov schrieb, der dem geistigen Mittelmaß zuzurechnende Bloom sei weniger künstlerisch veranlagt als Stephen, habe aber weit mehr vom Künstler an sich, als die Kritiker bemerkt hätten (vgl. Vladimir Nabokov, Die Kunst des Lesens. Meisterwerke der europäischen Literatur. Jane Austen – Charles Dickens – Gustave Flaubert – Robert Louis Stevenson – Marcel Proust – Franz Kafka – James Joyce, hrsg. von Fredson Bowers, Frankfurt am Main 1991, S. 355), so würde Hans Köberlin noch weitergehen: Mr Bloom war kein mittelmäßiger Geist, und was ihn von Stephen Dedalus unterschied, das war die Ausbildung. Und es ging auch eher um das Denken denn um die Kunst. Auf jeden Fall war Mr Bloom Hans Köberlins Mann. C. P. M’Coy sollte ihn im übernächsten Kapitel angesichts der Impertinenz Lenehans verteidigen: »He’s a cultured allroundman, Bloom is, he said seriously. He’s not one of your common or garden … you know … There’s a touch of the artist about old Bloom.« (dass., S. 211).
No one is anything.
** Natürlich Goethens …
Philine brachte ein paar allerliebste Kinder mit und zeichnete sich, bei einer einfachen, sehr reizenden Kleidung, aus durch das Sonderbare, daß sie von blumig gesticktem Gürtel herab an langer silberner Kette eine mäßig große englische Schere trug, mit der sie manchmal, gleichsam als wollte sie ihrem Gespräch einigen Nachdruck geben, in die Luft schnitt und schnippte und durch einen solchen Akt die sämtlichen Anwesenden erheiterte; worauf denn bald die Frage folgte: ob es denn in einer so großen Familie nichts zuzuschneiden gebe?Diese Domestizierung in Wilhelm Meisters Wanderjahre in ein Hausmütterchen, das hatte die sinnliche Philine der Lehrjahre …
Nach einer kurzen Zeit (…) schlenderte Philine singend zur Haustüre heraus, setzte sich zu ihm, ja man dürfte beinahe sagen, auf ihn, so nahe rückte sie an ihn heran, lehnte sich auf seine Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er möchte ja bleiben (…) Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, daß er länger weder bleiben könne noch dürfe. Sie ließ mit Bitten nicht ab, ja unvermutet schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn mit dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens. »Sind Sie toll, Philine?«nicht verdient.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Montag, 14. Dezember 2015
Samstag, der 14. Dezember 2013
[74 / 250]
Als Hans Köberlin seinen Filmkalender aktualisierte, sah er anläßlich Eva Mattes’ Geburtstag (im Jahre 1954)* einen Filmstill mit Margit Carstensen und Hanna Schygulla aus Fassbinders Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972), Untertitel: ein Krankheitsfall. Daß ihn Hans Köberlin gesehen hatte – zweimal, wie er sich zu erinnern glaubte – fiel entweder in eine aufzeichnungsfreie Zeit oder in die Zeit, deren Aufzeichnungen verlorengegangen sind, denn er tauchte oben in unserer Zusammenstellung nicht auf. Es war, was wir nicht so im Gedächtnis gehabt hatten, quasi eine Theaterverfilmung (Einheit des Ortes und das Drama in verschiedene Akte aufgeteilt), seltsam »gewidmet dem, der hier Marlene wurde«. Es tauchte kein Mann in dem Stück auf, und wenn man es übertrug, dann hatte sich Fassbinder bestimmt nicht in der von Irm Hermann gespielten Dienerin – die ausgerechnet ›Marlene‹ hieß** und sich erst am Ende emanzipierte und die ihre Herrin verließ, als diese so verzweifelt einsam war, daß sie sogar sie, die zuvor permanent gedemütigte, zu ihrer Geliebten machen wollte – porträtiert, sondern in der Titelfigur … seltsam, wie gesagt, die einschlägige Literatur würde bestimmt Aufklärung geben, hätte man die zur Hand.*** Die Identifikationen und die Sympathien wechselten, genauso wie die Haltungen zur Realität bei den Protagonisten. Petras Verzweiflung, nach dem Karin sie verlassen hatte, kannte man vom eigenen Leib. Von Schwächen und lieben …****
Zu Beginn des Stücks lernte man eine Petra kennen, deren Ehe gescheitert war und die das als Erfahrung verbuchen wollte – immer dieser Zwang, auf gute Seiten an Katastrophen sehen zu wollen! –, und zurecht warf ihre Freundin Sidonie ein: »Ich weiß nicht, Petra, aber wenn das Ende schon am Anfang abzusehen ist, ist die Erfahrung dann viel wert?« – Andererseits: müssen sich die Muster wiederholen? Es war hier nur deswegen abzusehen, wie Petras Geschichte mit Karin verlaufen würde, weil man wußte, daß das Stück von Fassbinder war, und bei dem gab es, abgesehen von wenigen Ausnahmen, keine glücklichen Liebesbeziehungen.
»Und in der Realität?«
Petra von Kant machte ihrem Namen alle Ehre …
Petra: »Erzählen Sie von sich … was Sie denken … was Sie träumen …«Aber die Kehrseite von (Petra von) Kants ›Du mußt müssen wollen!‹, das hier durchklang, war …
Karin: »Wenig … Ich möcht einen Platz haben in der Welt. Ist das zuviel verlangt?«
Petra: »Nein, im Gegenteil, Karin, im Gegenteil, das ist es, wofür man lebt, sich einen Platz zu erkämpfen.«
Karin: »Muß man kämpfen?«
Petra: »Gewiß, auch ich habe kämpfen müssen.«
Karin: »Ich habe immer gedacht, ich sei zum Kämpfen zu faul.«
Karin: »Soll ich dich anlügen?«Es war, was die Dramaturgie und die Kameraführung und das Artifizielle betrifft – wie immer bei RWF – meisterhaft inszeniert. Die damals 17-jährige Eva Mattes spielte übrigens Petras auf ein Internat abgeschobene Tochter.
Petra: »Bitte lüg mich an!«
* Aus dem gleichen Anlaß zeigte das Blatt vom Vorjahr sie als Prousts Dienerin Céleste in Percy Adlons gleichnamigen Film aus dem Jahr 1980. – Céleste hieß, nur nebenbei bemerkt, auch eine am 3. Mai 1972 in Stillwater / Minnesota geborene Pornodarstellerin, die es – nach ihren Anfängen als Ausziehtänzerin – auf ein umfangreiches filmisches Œuvre gebracht hatte.
** »Nimm dich in acht vor blonden Frau’n …«
*** Am Freitag, dem 23. Januar 2015, sollte Hans Köberlin, finanziell kurz vor dem Kollaps und den Fiskus im Nacken, lesen, daß laut Kurt Raab und Harry Baer Peer Raben mit Marlene gemeint gewesen sei.
**** Bertolt Brecht, Schwächen; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 10: Gedichte 3, S. 968:
SCHWÄCHEN(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Du hattest keine
ich hatte eine:
ich liebte.
Sonntag, 13. Dezember 2015
Freitag, der 13. Dezember 2013
[73 / 251]
Unterwegs hatte er ein Bild des Peñón de Ifach vor einer beeindruckenden Wolkenkulisse, dann ein Bild eines dieser Gleitschirmflieger (er kannte sich da, in den von denen, die dies betrieben, verwendeten Bezeichnungen nicht aus), der mutig zwischen den Hochhäusern hin- und herflog, und, später dann auf dem Heimweg, noch ein Bild der bereits bekannten Felsen an dem Strand hinter der Hafenmole, diesmal in einem noch nicht gesehenen Licht, auf seinem Taschentelephon digital abgespeichert. Als er sich an zuhause dies Dreierreihe auf dem Monitor seines großen Laptops anschaute, assoziierte er, ausgehend von dem mittleren Bild, den Titel eines Romans von Raimond Queneau, und weil es drei waren einen Untertitel von Godard (wo es allerdings zwölf gewesen waren) denkend …: Le Vol d’Icare en trois tableaux. Ikaros, der Sohn von Daidalos … Stephen und Simon … Sie tauchten in dem Kapitel, bei dem Hans Köberlin gerade war – Laistrygonen –, nicht auf, aber im nächsten sollte Stephen in der Bibliothek über Shakespeare diskutieren. Jetzt gönnte sich Ms Bloom ein Gläschen Burgunder.
Und die Brüder heute vor 156 Jahren …
Uchard führt uns um Mitternacht in ein Haus, in dem wir, wie er uns versichert, gewiß gut empfangen werden, mit einem Wort in das bekannteste Bordell von Paris, La Farcy, jetzt Élisa. Das also ist das kleine Paradies, von dem die Botschaftsattachées wie von einem Traum aus Tausendundeiner Nacht sprechen! Der Salon ist der Salon eines Zahnarztes. Geblümte granatrote Tapete an den Wänden, die Divane aus rotem Samt, die Portieren aus rotem Baumwollsamt, drei ovale Spiegel mit vergoldeten Rahmen, mit dem Gartenmesser im Blindenhospital geschnitzt, mit zwei mehrarmigen Kerzenhaltern. Auf einem Kaminsims zwei Kandelaber und eine Pendeluhr: ein junger Mann, der eine Ziege füttert, Bronzeimitat aus Zink; und sodann, gleichsam an die Decke gespuckt, die sehr niedrig ist, ein Rosenkranz: eine Krone aus Blumen und zwei Amorfiguren in der Mitte. Zehn kunterbunte Frauen – blau, rot, weiß, gelb – liegend, sich suhlend, gestrandet auf dem Divan mit den Koketterien von Kühen und den kleinen Tremolos ihrer kleinen roten Stöckelschuhe. Eine einzige Frau liest: Les Contes sans prétention von Albéric Second. – Die Konversation besteht darin: »Weißt du, ja du, warum die jungen Mädchen die gotische Architektur nicht mögen? – Oh! Ach! Oh! Ach! – Nun, weil sie die allzu gotischen Steifen nicht mögen.«Interessant neben der plastischen Schilderung des Etablissements ist der verfremdende Perspektivwechsel am Ende, der Blick aus der Zukunft auf die eigene Gegenwart – heute ein Allgemeinplatz,** aber: wann kam man darauf – oder genauer: wann konnte man darauf kommen, solches zu imaginieren? Wir meinen jetzt nicht bloß die Möglichkeit zu einer proleptischen Analepse, sondern die spezifisch archäologische Perspektive auf die Gegenwart, die imaginierte Rekonstruktion der eigenen Zeit, vorgenommen von den künftigen …
Alle umringen einen, aber das kostet einen ein Sodawasser. Alle küssen einen: ein Sodawasser! Alle lecken einen: ein Sodawasser! Es gibt welche, die einen mit Bewunderung umgeben: »Was für eine schöner Mann er ist!« Das kostet einen nur ein Sodawasser!
Das ist sie, hier ist sie, diese dümmliche Ausschweifung, das Vergnügen und der Exzeß der ganzen eleganten, wohlerzogenen, ja sogar intelligenten Jugend!
Ich gehe in ein Zimmer hinauf: es ist ein sehr schlechtes Herbergszimmer aus einer Stadt, wo keine Postkutschen mehr durchfahren.
Zugegebenermaßen sind die Männer nicht sehr heikel bezüglich der Inszenierung ihres Vergnügens. Zugegebenermaßen fordern sie keine großartige Sauce für ihren Genuß! Also! nichts als dieses schmutzige Logierhaus mit Service für die Sinne des XIX. Jahrhunderts! Kein Palast, keine Blumen, keine Wasserspiele, keine Féerien, keine in Gazewolken gehüllten Frauen, keine Gemälde, keine Thermalbäder, alles, was die Sinne der Antike einlud, sie lockte, sie bezauberte, all diese Kunst, großartige Statistin an der Tür zum antiken Freudenhaus! Also, wenn morgen Montmartre vesuvierte und man Paris ausgraben würde wie Pompeji, oh! Erstaunen, wenn aus der Asche der Priapeion der Rue Joubert hervorkäme! Es würde die Nachwelt glauben lassen, wir wären ein Volk von Türstehern gewesen, die Tellerwäscherinnen in der Dekoration und dem Mobiliar eines Paul-de-Kock-Romans rammelten.*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 1, S. 568ff. Auch Molly Bloom wollte einen Roman von ihm aus der Leihbibliothek: »Get another of Paul de Kock’s. Nice Name he has.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 57).
** Von Ludwig Hirsch gab es so ein Lied, in dem es darum ging, daß außerirdische Archäologen nach dem Untergang der Menschheit auf die Erde kämen und in einem ehemaligen Disneyland Ausgrabungen machten und Micky Mouse, Goofy, Donald Duck et cetera für die Erdenbewohner hielten.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Samstag, 12. Dezember 2015
Donnerstag, der 12. Dezember 2013
[72 / 252]
»… Laufe nicht. Eine Formulierung von Eva Geulen aus dem September-Merkur im Kontext einer erschienenen Biographie Derridas: ›die Qualität der Gegenstände erwies sich an der Komplexität der Lektüren, die sie zuließen und forderten.‹«
So könnte man die Beschreibung des ersten Eindrucks von diesem Tag in Hans Köberlins Arbeitsjournal lesen, wären die Schriften post Puglia der öffentlichen Lektüre zugänglich. Und weil unser Protagonist der Ansicht war, das aktuelle Bild des Filmabreißkalenders sei einer Archivierung nicht wert (und im Jahr zuvor wohl auch schon der Ansicht gewesen war), greifen wir uns aus seiner Filmkalenderblattsammelkiste das Filmkalenderblatt aus dem Jahr 1997 und sehen dort Peter Lorre – den wir schon in Fritz Langs M gesehen haben –, bereits leicht derangiert am Spieltisch in … Casablanca. Zu dem Film, dessen Handlung an diesem Ort angesiedelt ist, muß man nichts sagen außer, daß dessen Drehbuchautor Howard Koch am 12. Dezember 2013 geboren worden war. Manchmal sparte das Leben einem schöne Momente für passende Gelegenheiten auf …: die Frau hatte es tatsächlich irgendwie geschafft, Michael Curtiz’ B-Movie-Klassiker noch nie zu sehen, und so konnte Hans Köberlin sich darauf freuen, ihr irgendwann einmal bei ihrem ersten Sehen von Casablanca in die Augen zu schauen …*
Über diesen 12. Dezember 2013 gab es nicht viel zu berichten, denn es war für Hans Köberlin – was das Lesen und das Schreiben betraf – der produktivste Tag seit er hier war. Und was kann man über einen in der Sonne sitzenden lesenden und schreibenden Mann schon viel sagen? – »Viel!« werden einige sagen. – Nun gut, dann sollen sie. (Man merkt hier ein wenig das Abfärben von Kierkegaards Stil …)
* Geburtstag hatte noch der strukturalistische Filmwissenschaftler Christian Metz (*1931), von dem Hans Köberlin vor Jahren einiges gelesen, das meiste aber leider wieder vergessen hatte. Und Geburtstag hatte noch der Dokumentarfilmer Peter Heller (*1946), weshalb das Blatt von 1996 ein Still aus seinem Dokumentarfilm Usambara – Das Land wo Glaube Bäume versetzen soll (1980) zu sehen war.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Freitag, 11. Dezember 2015
Mittwoch, der 11. Dezember 2013

[71 / 253]
Hans Köberlin war auch in der vergangenen Nacht ein paarmal wach geworden und er fragte sich am Morgen des Mittwochs, des 11. Dezembers 2013: »Ist das, weil ich weniger Wein trinke (aber soviel weniger ist es doch garnicht) oder weil ich eine Grippe ausbrüte?« Haben wir bereits erwähnt, daß Hans Köberlin ein Hypochonder war? Und um zu verhindern, daß eine Erkältung ihn anflog, verzichtete er auf den Dauerlauf, zumal es bedeckt und windig war, und erntete nach dem Frühstück in seinem Garten Zitronen für seine Ingwercocktails.*
* Das aktuelle Filmkalenderblatt hatte Hans Köberlin nicht aufgehoben. Im Vorjahr gab es einmal wieder einen Chabrol, nämlich anläßlich Jean-Louis Trintignants Geburtstag (*1930) ein Still aus Les biches (1968), auf dem er etwas weidwund dreinschauend neben einer sehr aufreizenden, nur mit einem Slip und einem Schal (allerdings leider mit einem sehr großen) bekleideten Stéphane Audran, die ihn aufzuheitern versuchte. Chabrol hatte den Film mittels Zwischentitel in vier Teile unterteilt …
- Prologue,
- Frederique,
- Why und
- Epilogue.
»Es macht dir doch nichts aus, daß ich Paul liebe?«
»Nein, wirklich nicht, ich freue mich, daß ihr glücklich seid.«
Chabrols Film war auch eine Kritik des Redens über Beziehungen. Es war ein Kampf der beiden Frauen, zuerst innerhalb ihrer Beziehung untereinander und dann der beiden Frauen um Paul. Frederique kämpfte mit den Waffen einer weltgewandten Frau, die unerfahrene Why kämpfte durch Mimikry an Frederique, was am Ende so weit ging, daß sie, nachdem sie Frederique getötet hatte, mit deren Stimme Paul anrief. Das Bild, das Why als Vorbild für die Hirschkuh diente, die sie zu Beginn des Films auf die Straße malte, und das später über ihrem Bett hing und herunterfiel, als sie nach Paris fuhr, zeigte eine große grüne Hirschkuh von der Seite mit einer hohlen Bauchhöhle, in der eine kleine, identisch gebildete, Hirschkuh stand. Es klang mehrmals an, daß sich Why als die kleine Hirschkuh sah und sich nach der großen Hirschkuh, die sie in sich barg, sehnte.
Und Jean Marais – unsere Bête und unser Orpheus und unser Fantomas – hatte heute Geburtstag (*1913), und Anna Heywood (*1932), weshalb das Still sie 1997 zeigte, wie sie in The Fox (Mark Rydell, 1967) Sandy Dennis küßte, und Geburtstag hatte heute auch Rita Moreno (*1931), weshalb es diesmal ein Still aus West Side Story (1961) … »I’ve just met a girl named Maria …« – Aber das hatte Rita Moreno ja nicht gesungen, sie hatte gesungen (und auch dies Hans Köberlin aus dem Herzen) »I like to be in America …«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Donnerstag, 10. Dezember 2015
Dienstag, der 10. Dezember 2013
[70 / 254]
Und Edmond heute vor 124 Jahren …
Dienstag, 10. Dezember – Amüsant, die Ahnungslosigkeit der Journalisten. Der Erfolg des Buches Uranie von dem Astronomen Flammarion besteht in der Phantasie einer plötzlichen Versetzung in die Sterne, in dem Augenblick, da das helle Licht eines irdischen Ereignisses sie erreicht. Nun, diese Phantasie ist ganz und gar die von Carlyle, von dem ich, wie ich mich entsinne, einen in der Revue britannique übersetzten Artikel über Zeit und Raum gelesen habe, wo einem, auf den einen Planeten versetzt, das Schauspiel der Kreuzigung von Jesus Christus geboten wurde, oder auf einen anderen, das Schauspiel des Todes von Gustav Adolf … Aber wie sollte auch einer von ihnen Zeit zum Lesen haben!Dann ging also jene Episode in Kurd Laßwitz’ Roman Auf zwei Planeten, in welcher die Marsianer während einer Gerichtsverhandlung die zur Verhandlung stehenden vergangenen Ereignisse rekonstruierten, indem sie die Reste von deren Lichtemission projizierten, wahrscheinlich auf die gleiche Quelle zurück …?**
Ich bin sehr versucht, ein Büchlein mit folgendem Titel zu schreiben: »Die Schwindeleien dieser Zeit«, ausgehend von der elektrischen Klingel, die nie funktioniert, bis zum allgemeinen Wahlrecht, das heute so gezinkt ist wie ein Kartenspiel vom Baron de Wormspire.*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 9, S. 259. Das war, wenn wir uns recht entsinnen, das erste Mal, daß wir die gleichen Wochentage haben …
** Auf ähnliche Theorien war man bereits ein paar Jahre zuvor gekommen: »24 avril [1865]. – Chez Magny. On cause de l’espace et du temps, et j’entends la voix de Berthelot, un grand et brillant imaginateur d’hypothèses, jeter ces paroles dans la conversation générale: ›Tout corps, tout mouvement exerçant une action chi-mique sur les corps organiques avec lesquels il s’est trouvé, une seconde, en contact, tout – depuis que le monde est – existe et sommeille, conservé, photographié en milliards de clichés naturels: et peut-être est-ce là, la seule marque de notre passage dans cette éternité-ci … Qui sait si, un jour, la science, avec ses progrès, ne retrouvera pas le portrait d’Alexandre sur un rocher, où se sera posée un moment son ombre?‹« (vgl. ebd., Bd. 4, S. 210f.). Balzac brachte in Le Cousin Pons (glauben wir) die Wahrsagerei als Phänomen in einen Zusammenhang mit der Photographie. Bei letzterer ging er in einer seltsamen Variation des Platonismus davon aus, daß alle Dinge unaufhörlich ein Bild in die Luft werfen würden, daß alle existierenden Gegenstände auf diese Weise als unbegreifliches Gespenst sich wiederholten und daß Daguerres mit Chemikalien behandelte Platten diese Gespenster bannten. Das hieße, die photographierten Bilder existierten für ihn vor ihrer Entstehung, wobei sich natürlich die Frage nach der Perspektive stellte: existieren von einem Ding so viele Bilder, wie es Blickwinkel gab?
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Mittwoch, 9. Dezember 2015
Und das aus diesem Munde! (Ich höre da keine Ironie!)
Da das Kunstwerk existiert und real überzeugend erlebt werden kann, kann etwas mit der Welt nicht stimmen. Mit der Welt! – und gerade nicht mit der Kunst, die ihre eigenen Möglichkeiten ja ersichtlich beherrscht.
(Niklas Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 145; nur nebenbei bemerkt: das ist der 324. Eintrag hier, und 324 ist auch die Anzahl der Tage von Hans Köberlins Exil; zitiert haben wir diese Aussage Luhmanns in ¡Hans Koberlin vive! mehrmals, nämlich in langen Fußnoten zu den Œuvres Kurosawas und Fassbinders und Tarkowskijs).
(Niklas Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 145; nur nebenbei bemerkt: das ist der 324. Eintrag hier, und 324 ist auch die Anzahl der Tage von Hans Köberlins Exil; zitiert haben wir diese Aussage Luhmanns in ¡Hans Koberlin vive! mehrmals, nämlich in langen Fußnoten zu den Œuvres Kurosawas und Fassbinders und Tarkowskijs).
Montag, der 9. Dezember 2013
[69 / 255]
Hans Köberlin träumte in der Nacht zum Montag, dem 9. Dezember 2013,* daß er in der Halbwelt des chinesischen Viertels (vermutlich das der Stadt, die niemals schlief) war. Dort war einer, der Giftschlangen klaute und dann verkaufte oder er schaute einem dabei zu. Ein Händler bot ständig seine Frühlingsrollen an, Hans Köberlin aß aber bei dem Schlangendieb, zu dem er durch lange und verwinkelte Korridore mit chinesischen Tapeten gelangte, Pommes frites. Er ging in einen Club, der ziemlich voll war, oben wurde getanzt und unten gab es eine Grotte, an deren Wänden und Decke die Schlangen waren. Mit einem Stock wurden sie heruntergestoßen und dann gepackt. Es wurden immer zwei geklaut. Schließlich gab es Ärger mit dem Türsteher. Eine Zeile aus dem Doors-Song, Soft Parade hatte er im Ohr: »You cannot petition the Lord with prayer«, inspiriert wahrscheinlich von dem gestrigen Filmkalenderblatt. Hans Köberlin erwachte davon mit dem starken Bedürfnis nach gleichförmigen und eintönigen äußeren Tagesabläufen, deren Leere er mit konzentrierter Lektüre, ihn selbst überraschenden Einsichten (manche Sachverhalte sind derart evident, daß man auf sie gestoßen werden muß) und dem Niederschreiben schöner Sätze füllen könnte, gemäß jenem Diktum Canettis: »Es ist kaum zu glauben, wie der geschriebene Satz den Menschen beruhigt und bändigt.«**
* Der aktuelle Filmkalender zeigte anläßlich des Todestages von Marcello Pagliero (†1980) das gleiche Bild aus Rossellinis Roma, città aperta (1945), wie das, das wir vom Vorjahr am 1. November 2013 aus Anlaß von Aldo Fabrizis Geburtstag (*1905) aus der Filmkalenderblattsammelkiste gefischt hatten, das aus dem Jahr 1997 zeigte Gary Cooper in Michael Andersons The Naked Edge (1961) und das aus dem Jahr 1996 Michelle Pfeiffer und Jeff Bridges in Steve Kloves’ The Fabulous Baker Boys (1996). Außerdem war am 9. Dezember 1916 Kirk Douglas – Kubricks Spartacus – geboren worden.
** Elias Canetti, Dialog mit dem grausamen Partner; in: Das Gewissen der Worte. Essays, Frankfurt am Main 1981, S. 54; vgl. auch vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 152 und dort die Fußnote 466.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Film,
Raum,
Telos,
Traum,
Zeit,
Zitat (intern)
Dienstag, 8. Dezember 2015
Sonntag, der 8. Dezember 2013
[68 / 256]
Hans Köberlin ging also am späteren Nachmittag emotional etwas aufgewühlt in die ›Tango Bar‹, saß dort draußen auf der Terrasse und erledigte seine elektronische Post, trank einen Rotwein, dann als es dunkel und klamm wurde, ging er hinein, trank dort noch einen Rotwein und ging anschließend nach Hause, um ein Rindersteak mit Tomatensalat und Brot zu essen. – Gestern hatte es übrigens – wir haben vergessen, das zu erwähnen – einmal wieder eine Dorade gegeben. Hans Köberlin hatte an der Fischtheke des ›Consum‹ einen Moment nicht aufgepaßt, und – »Zack!« – hatte der Verkäufer den Fisch nicht bloß ausgenommen und ihm die Flossen, wie das hier allgemein so Unsitte war, abgeschnitten, sondern auch enthauptet. Üblicherweise verlief die Kommunikation mit diesem Fischverkäufer so (man fing an, Hans Köberlin vom Sehen zu kennen): der Fischverkäufer machte an sich mit dem Daumen die Geste des Halsabschneidens, worauf Hans Köberlin mit einem Kopfschütteln antwortete und an sich die Geste des Harakiri, por favor, vollzog (= bitte ausnehmen, aber den Kopf dranlassen).
* Er fragte in den nächsten Tagen bei einem Übersetzer nach einer möglichen Formel, die er dann beim Fischkauf von einem Zettel ablesen könnte …: »Zur Sprachfrage: gar nicht so einfach, haha! Ich würde sagen, ein bißchen Pidgin, aber es wird funktionieren: por favor, quitar (kitar) las escamas (Schuppen) y (i) los intestinos pero NO la aleta (Flosse), la cabeza (kabetha, th von thing) y la cola.« Hans Köberlin befürchtete, daß es an seiner Aussprache scheitern würde und brachte die Formel nie zum Einsatz.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Montag, 7. Dezember 2015
Samstag, der 7. Dezember 2013
[67 / 257]
Und Edmond heute vor 140 Jahren …
Sonntag, 7. Dezember – Dieser Tage las ich das Buch von Cladel, Les Va-nu-pieds. Es ist muskulös, es ist vierschrötig, es ist stark; aber es ist lumpig, zu lumpig. Man könnte dieses Buch absolut mit jenen Bildern vergleichen, die am Eingang einer Jahrmarktsbude hängen, wo Dorfherkulesse kämpfen. Das macht nichts, es ist ein Talentierter, wie der liebe Théo sagte.Hans Köberlin hörte, außer der bereits erwähnten Filmmusik Peer Rabens,* weil er ja im leeren Wintergarten arbeitete, den hiesigen Klassiksender, dessen Angebot ihm wirklich gut gefiel.
* Die letzte Musik auf dieser Zusammenstellung von Filmmusik, die Peer Raben für die Filme von Rainer Werner Fassbinder komponiert hatte, war aus Querelle das Lied For each man kills the thing he loves, gesungen von Jeanne Moreau. Als Hans Köberlin am Sonntag, dem 8. März 2015, morgens allein im Bett seiner Wohnung (die Frau war bei ihrer Mutter) die noch während seines Exils begonnene Lektüre von Borges’ Ficciones beendete, da erfuhr er aus den Anmerkungen zu El sur, daß der Text ein Gedicht von Oscar Wilde war, nämlich The Ballad of Reading Gaol, wo es um einen Mann ging, der seine Frau aus Eifersucht ermordetet hatte, dafür zum Tode verurteilt worden war und die Vollstreckung des Urteils in stoischer Haltung erwartete. – So fügte sich im Laufe von Hans Köberlins Lektüre ein Mosaiksteinchen an das andere, ohne freilich daß ein Bild (man konnte nicht sagen, was für eines) jemals vollendet worden wäre. – Nebenbei bemerkt: in El sur artikulierte Borges eine wahrhaft fatale Einsicht, nämlich daß das Schicksal zwar blind für wirkliche Schuld sei, jedoch unbarmherzig gegen die kleinsten Unachtsamkeiten sein könne. Hans Köberlin mußte da an seine drei Fahrradunfälle im vergangenen Sommer denken …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Lektüre,
Musik,
Raum,
Zeit,
Zitat (intern)
Sonntag, 6. Dezember 2015
Freitag, der 6. Dezember 2013
[66 / 258]
In irgendeinem Film, den Hans Köberlin als Kind gesehen, hatte einer gesagt, es gäbe Frauen mit einem Apfelarsch und Frauen mit einem Birnenarsch; diese Unterscheidung hatte Hans Köberlin sein Lebtag nicht mehr vergessen, und jetzt vor seinem geistigen Auge … Dann stieß er in seiner Ausgabe in Joyces Idiom auf der Seite 112 auf einen Fehler: die Abschnittsüberschrift MEMORABLE BATTLES RECALLED war aus Versehen als »Memorable battles recalled« in den Text geraten, und auf S. 116 das gleiche: da war THE CALUMET OF PEACE aus Versehen als »The calumet of peace« in den Text geraten … Und bei ironischen Gegenüberstellung von Professor MacHugh …: natürlich war ein Wasserklosett wichtiger als ein Altar.*
* »The Jews in the wilderness and on the mountaintop said: It is meet to be here. Let us build an altar to Jehovah. The Roman (…) brought to every new shore on which he set his foot (…) only his cloacal obsession (…): It is meet to be here. Let us construct a watercloset.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 117). Nun, die Pointe war nett, aber der Vergleich hinkte im Detail: was sollten Nomaden in der Wüste mit einem Wasserklosett anfangen? – Nach Thomas Mann war Moses dort der Kulturbringer gewesen: »Vorläufig waren sie (die Kinder Israels) nichts als Pöbelvolk, was sie schon dadurch bekundeten, daß sie ihre Leiber ins Lager entleerten, wo es sich treffen wollte. Das war eine Schande und eine Pest. Du sollst außen vor dem Lager einen Ort haben, wohin du zur Not hinauswandelst, hast du mich verstanden? Und sollst ein Schäuflein haben, womit du gräbst, ehe du dich setztest; und wenn du gesessen hast, sollst du es zuscharren, denn der Herr, dein Gott, wandelt in deinem Lager, das darum ein heilig Lager sein soll, nämlich ein sauberes, damit Er sich nicht die Nase zuhalte und sich von dir wende.« (Thomas Mann, Das Gesetz; in: Die Erzählungen, Frankfurt am Main 1986, S. 1006). Hans Köberlin mußte an die pensionistas denken, die von ihren Dreckkötern die Promenade, auf der sie flanierten, zuscheißen ließen. – Aber nochmals zu Thomas Mann: wir lesen noch einmal den Anfang der Erzählung …: großartig!
Seine Geburt war unordentlich, darum liebte er leidenschaftlich Ordnung, das Unverbrüchliche, Gebot und Verbot.(ebd., S. 961; als »a man supple in combat: stonehorned, stonebearded, heart of stone« tauchte er in Stephens Bewußtseinsstrom auf (Joyce, Ulysses, a. a. O., S. 127).Es muß wohl nicht erwähnt werden, daß der gleichsam sinnenheiße Hans Köberlin nicht nach dem Geistigen, sondern nach dem Fleischlichen, nicht nach dem Reinen, sondern nach der Verdorbenen, und nicht nach dem Heiligen, sondern nach der Hure verlangte. – Und apropos Zivilisation: Luhmann in seiner trockenen Art hatte einmal 1985 ein kleines Szenario entworfen …
Er tötete früh im Auflodern, darum wußte er besser als jeder Unerfahrene, daß Töten zwar köstlich, aber getötet zu haben höchst gräßlich ist, und daß du nicht töten sollst.
Er war sinnenheiß, darum verlangte es ihn nach dem Geistigen, Reinen und Heiligen, dem Unsichtbaren, denn dieses schien ihm geistig, heilig und rein.
Man muß darauf gefaßt sein, daß es in absehbarer Zeit zu atomaren Explosionen kommen wird, die den Erdball verwüsten. Das wäre zweifellos ein markantes, einschneidendes, epochenwirksames Ereignis. Vorher und Nachher ließe sich deutlich unterscheiden. Sucht man nach einem anderen Ereignis von ähnlicher Tragweite, kommt eigentlich nur die Entwicklung von planmäßiger Landwirtschaft in Betracht. Vorher ging es auf dem Erdball, evolutionär gesehen, relativ normal zu. Es gab, wer weiß wie lange schon, Menschen; aber sie lebten, wenn nicht friedlich, so jedenfalls harmlos, wenn nicht paradiesisch, so jedenfalls ohne nennenswerten Einfluß auf ihre Umwelt. Dann entwickelte sich aber die Landwirtschaft und sehr bald darauf, nur wenige Jahrtausende später, die atomare Explosion. Ein kurzer Prozeß also: die Landwirtschaft die Ursache, die Explosion die Wirkung, die Zivilisation als Übergang, als Transformationsmechanismus.(Niklas Luhmann, Das Problem der Epochenbildung und die Evolutionstheorie; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 102). Später dann las Hans Köberlin übrigens in den mit LOST CAUSES NOBLE MAQUESS MENTIONED und KYRIE ELEISON! betitelten Abschnitten, daß der Professor der römischen (Klosett) und semitischen (Altar) Alternative die griechische (Geist) entgegenstellt, wobei Hans Köberlin bei ›griechisch‹ natürlich …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Lektüre,
Raum,
Sonstiges,
Zeit,
Zitat (intern)
Samstag, 5. Dezember 2015
Donnerstag, der 5. Dezember 2013
[65 / 259]
Als Hans Köberlin am Donnerstag, dem 5. Dezember 2013* … das war fast schon zu einer Einstiegsformel geworden: und das Formelhafte entsprach in manchen Bereichen auch Hans Köberlins Alltag (das galt so natürlich nur für die Zeit, in der die Frau nicht da war, also für die meiste Zeit also deshalb nicht ›nur‹) …
- aufwachen (»… deo volente …«, wie es in dem Kinderlied hieß): immer,
- onanieren: nach Bedarf und unabhängig von der Tages- und der Nachtzeit, aber möglichst nicht zu häufig wegen des als »ausgeklapptes Rasiermesser« bezeichneten Effekts (Hans Köberlin wollte zwar ›nichts machen‹, er wollte aber immer etwas machen können, das er sich dann versagen würde, um keinen Schmerz in die Welt zu setzen),
- das Wetter war variabel, und davon abhängig war
- Dauerlaufen (mit Musik zur emotionalen Regelung): optional (möglichst immer, hoffentlich ab April wieder mit schwimmen),
- frühstücken: immer,
- abwaschen nach Bedarf,
- duschen: nach Bedarf (immer nach dem Laufen natürlich),
- Schreibtisch oder ähnliches (also der striptease table oder ähnliches, wie etwa der leere Wintergarten oder wie heute, wo er auf der Dachterrasse saß, aber dazu später): möglichst immer,
- der Gang ans Meer (diverse Routen und Ziele): möglichst immer, wetterabhängig, hoffentlich ab April wieder mit schwimmen,
- Erledigungen (Surfstick aufladen, eine Butangasflasche kaufen, auf der Post Briefmarken kaufen et cetera): nach Bedarf,
- der Besuch der ›Tango Bar‹ (Nord oder oder und Süd) oder der ›Status Bar‹ oder der ›Choral Beach Bar‹ oder der Bar auf dem Platz an der abschüssigen Haupteinkaufsstraße im Ort, wo er mit der Frau et ecetera,
- im ›Consum‹ oder im ›Mercadona‹ oder sonstwo Lebensmittel einkaufen: nach Bedarf,
- zu Abend essen: immer und fast immer daheim (erst einmal hatte er alleine auswärts gegessen, wie erwähnt Tintenfisch mit Salat und patatas fritas),
- Schreibtisch (jetzt der striptease table): möglichst immer,
- nochmals ans Meer gehen (jetzt bereits im Dunkeln): ab und an,
- einen Film sehen: möglichst nicht zu häufig, weil Hans Köberlin sich damit von sich ablenkte, und schließlich
- zu Bett gehen: immer,
- im Bett noch lesen: meistens, und
- einschlafen: immer.
* Es gab zwei archivierte Filmkalendertagesblätter, eines aus dem Jahr 1997, das anläßlich des Geburtstages des Hans Köberlin nicht bekannten Regisseurs Keisuke Kinoshita (*1912) ein Still aus dem Hans Köberlin gleichsam nicht bekannten Film Eien no hito (1961), auf dem sich eine Frau und ein Mann auf einem Feldweg mit einem jener Berge, wie sie auch hier gab, im Hintergrund auf dramatische Art und Weise gegenüberstanden, zeigte – das Still machte Lust, sich den Film einmal anzuschauen –, und eines aus einem älteren Jahrgang ohne Jahresangabe und ohne Angabe des Anlasses mit Jeanne Moreau und Oskar Werner wieder einmal in Truffauts Jules et Jim (1961).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Freitag, 4. Dezember 2015
Mittwoch, der 4. Dezember 2013
[64 / 260]
»Ich ging eine Treppe hoch, ging hoch zu dem im zehnten Stock des Hochhauses mit den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität der Hansestadt gelegenen philosophischen Institut. In Gedanken versunken ging ich einige Treppen zu weit und war plötzlich im Wartungstrakt des Gebäudes unter dem Dach. Schnell kehrte ich um und lief die Treppen wieder hinunter. Ein Student saß da und trank einen Kaffee, er saß so da, daß ich beim Hinabsteigen der Treppe seinen Kaffee fast umgeschüttet hätte. Ich herrschte ihn an, was er da so auf der Treppe sitzen würde, daß ich fast über seinen Kaffee gestolpert wäre. Da wiederum fiel ein chinesisches Ehepaar über mich her, sie hätten die Aufsicht über diesen Ort, meine Unverschämtheiten wären bekannt und typisch für mich und so weiter, sie beschrieben mein unmögliches Verhalten in Metaphern, denen ich zum Teil nicht folgen konnte (so ein chinesischer Kram halt, Tao- und Zenweisheiten und Haikus* oder Koans). Ich sah ein, daß ich übertrieben hatte (daß mein Herumschreien aufgesetzt war hatte ich selbst bereits während des Herumschreiens bemerkt) und wollte einlenken, es läge alles an der Art, wie hier gebaut worden wäre, völlig hirnlos, so daß solche Konflikte geradezu von der Architektur vorprogrammiert worden wären (ein Argument à la Thomas Bernhard, dachte ich im Traum), aber sie gaben keine Ruhe und ich dachte, daß die ganze Situation wie aus einer Erzählung von Kafka war. Dann wollte ein schwuler ehemaliger Kommilitone, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, mich mit seinem Auto (ein Cabriolet) mitnehmen. Zuvor kauften wir bei einem speziellen Bäcker noch besonders gutes Brot ein, zwei Laibe: einen für die Frau und mich und einen für ihn. Ich telephonierte zwischendurch mit der Frau und sagte ihr, daß ich es wahrscheinlich nicht zur üblichen Zeit schaffen würde, zu ihr zu kommen. Ich betrieb Smalltalk mit meinem ehemaligen Kommilitonen und fragte ihn nach seinem Mann. Dann wurde er plötzlich so müde, daß er nicht weiterfahren konnte und unbedingt sofort nach Hause wollte. Ich stieg aus und sagte, ich ginge zu Fuß weiter. Was ich denn unterwegs essen wolle, fragte er, und ich sagte, ich würde etwas von dem Brot abbrechen. Als ich dann unterwegs war merkte ich, daß ich aus Versehen auch sein Brot mitgenommen hatte. Ich kam in eine enge Gasse (ein wenig wie die Ladenstraße, die ich in einem Ort auf der Insel des zweiten Gesichts gesehen hatte), in der ein Omnibus zwischen zwei parkenden Autos stand. Ich zog den Omnibus da heraus und stieß ihn an, so daß er mit einer immer größer werdenden Geschwindigkeit durch die Gasse schoß. Er kam zwar gut um die Kurven, aber es bestand die Gefahr, daß er an der nächsten Kreuzung jemand überrollen würde. Mein Tun kam mir etwas leichtsinnig vor. Dann kam ich noch an eine seltsame, ein wenig mediterran wirkende Treppe (wie die südlich der Haupteinkaufsstraße hier), in die die Straße, auf der ich lief, überging, eine Treppe, an deren linker Seite (von oben) eine üppige Bepflanzung war.«
* Der wache Hans Köberlin wußte natürlich, daß das Haiku eine japanische und nicht eine chinesische Gedichtform war.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Donnerstag, 3. Dezember 2015
Prosit!
Reductio ad absurdum ist eines meiner Lieblingsgetränke.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 291).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 291).
Ästhetischer Pantheismus
So banal eine Aussage auch sein mag, so wenig bedeutsam, wie man sie sich in ihren Folgen vorstellt, so schnell, wie man sie nach ihrem Erscheinen auch vergessen kann, so wenig verstanden oder schlecht entziffert, wie man sie annimmt, ist sie doch stets ein Ereignis, das weder die Sprache noch der Sinn völlig erschöpfen können. Ein seltsames Ereignis mit Sicherheit: zunächst, weil sie einerseits mit einem Schriftzug oder mit der Artikulation eines Wortes verbunden ist, aber weil andererseits sie sich selbst gegenüber eine im Feld einer Erinnerung oder in der Materialität der Manuskripte, der Bücher und irgendeiner Form der Aufzeichnung zurückbleibende Existenz eröffnet; dann weil sie einzigartig ist wie jedes Ereignis, aber weil sie der Wiederholung, der Transformation und der Reaktivierung offensteht; schließlich weil sie nicht nur mit Situationen, die sie hervorrufen, und mit Folgen, die sie herbeiführt, sondern gleichzeitig und gemäß einer völlig anderen Modalität mit Aussagen verbunden ist, die ihr voraufgehen und die ihr folgen.
Aber wenn man im Verhältnis zur Sprache und zum Denken die Instanz des Aussageereignisses isoliert, geschieht dies nicht, um eine zahllose Menge von Fakten zu verstreuen. Es geschieht, um sicher zu sein, sie nicht auf Verfahren der Synthese zu beziehen, die rein psychologischer Natur wären (die Absicht des Autors, die Form seines Geistes, die Strenge seines Denkens, die ihn beschäftigenden Themen, das Vorhaben, das seine Existenz durchläuft und ihr Bedeutung gibt), und um andere Formen der Regelmäßigkeit, andere Typen der Beziehung erfassen zu können. Beziehungen der Aussagen untereinander (selbst wenn diese Beziehungen dem Bewußtsein des Autors entgehen; selbst wenn es sich um Aussagen handelt, die nicht den gleichen Autor haben; selbst wenn diese Autoren einander nicht kennen); Beziehungen zwischen so aufgestellten Gruppen von Aussagen (selbst wenn diese Gruppen nicht die gleichen Gebiete oder benachbarte Gebiete treffen; selbst wenn sie nicht das gleiche formale Niveau haben; selbst wenn sie nicht der Ort bestimmbaren Austausches sind); Beziehungen zwischen Aussagen oder Gruppen von Aussagen oder Ereignissen einer ganz anderen (technischen, ökonomischen, sozialen, politischen) Ordnung. Den Raum in seiner Reinheit erscheinen zu lassen, in dem sich die diskursiven Ereignisse entfalten, heißt nicht, zu versuchen, ihn in einer Isolierung wiederherzustellen, die nichts zu überwinden vermöchte; heißt nicht, ihn in sich selbst zu verschließen; es heißt, sich frei zu machen, um in ihm, und außerhalb seiner, Spiele von Beziehungen zu beschreiben.
(Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 4. Aufl. 1990, S. 44f.).
Aber wenn man im Verhältnis zur Sprache und zum Denken die Instanz des Aussageereignisses isoliert, geschieht dies nicht, um eine zahllose Menge von Fakten zu verstreuen. Es geschieht, um sicher zu sein, sie nicht auf Verfahren der Synthese zu beziehen, die rein psychologischer Natur wären (die Absicht des Autors, die Form seines Geistes, die Strenge seines Denkens, die ihn beschäftigenden Themen, das Vorhaben, das seine Existenz durchläuft und ihr Bedeutung gibt), und um andere Formen der Regelmäßigkeit, andere Typen der Beziehung erfassen zu können. Beziehungen der Aussagen untereinander (selbst wenn diese Beziehungen dem Bewußtsein des Autors entgehen; selbst wenn es sich um Aussagen handelt, die nicht den gleichen Autor haben; selbst wenn diese Autoren einander nicht kennen); Beziehungen zwischen so aufgestellten Gruppen von Aussagen (selbst wenn diese Gruppen nicht die gleichen Gebiete oder benachbarte Gebiete treffen; selbst wenn sie nicht das gleiche formale Niveau haben; selbst wenn sie nicht der Ort bestimmbaren Austausches sind); Beziehungen zwischen Aussagen oder Gruppen von Aussagen oder Ereignissen einer ganz anderen (technischen, ökonomischen, sozialen, politischen) Ordnung. Den Raum in seiner Reinheit erscheinen zu lassen, in dem sich die diskursiven Ereignisse entfalten, heißt nicht, zu versuchen, ihn in einer Isolierung wiederherzustellen, die nichts zu überwinden vermöchte; heißt nicht, ihn in sich selbst zu verschließen; es heißt, sich frei zu machen, um in ihm, und außerhalb seiner, Spiele von Beziehungen zu beschreiben.
(Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 4. Aufl. 1990, S. 44f.).
Dienstag, der 3. Dezember 2013
[63 / 261]
Sehr verehrte Damen und Herren,
die ›Methode Godard‹ funktionierte von Anfang an, funktionierte bereits bei einem seiner ersten Kurzfilme. Aus einer Szene dieses Kurzfilms möchte ich im Folgenden die ›Methode Godard‹ ableiten.
1961 wollte Truffaut während einer Überschwemmung auf der Ille de France mit zwei Darstellern etwas improvisieren. Nach zwei Tagen merkte er, daß ihm eine Geschichte fehlte, und er gab auf. Godard ließ sich darauf das Rohmaterial zeigen, montierte es und legte einen Kommentar darüber. Dieser Kommentar beginnt bereits mit dem Titel: es geht nun nicht mehr um eine lokale Überschwemmung, sondern um Un histoire d’eau, was sowohl den kosmologischen Aspekt des Elements ›Wasser‹ evoziert als auch die Tatsache, daß es ›die‹ Geschichte des Wassers nicht gibt. Aber es geht ja auch nicht um das Wasser, es geht, wie immer bei Godard, um eine Frau und einen Mann.
Und so beginnt der Kommentar, der wie der gesamte Text von der jungen Frau aus dem Off gesprochen wird, mit dem simplen Satz: »Ich ging in meinen Garten, / um dort Rosmarin zu pflücken.« Diese Erklärung wird aber sogleich verworfen, und das nicht nur wegen des Wassers, denn die junge Frau möchte nämlich eigentlich nach Paris. Sie schafft es zu einer Landstraße zu kommen und hält ein Auto an, dessen Fahrer natürlich ein junger Mann ist. Die ganze Zeit dann während der Fahrt durch die überschwemmte Region reißt der Off-Kommentar der Frau nicht ab, sie quasselt und quasselt, sie kommt von einem zum anderen, schweift ab, während der Fahrer eindeutige Bemühungen bezüglich der Frau startet … Sie redet über alles mögliche …: »Aragon hielt eine Vorlesung über Petrarca. Hier mache ich die Klammer auf: Alle mißachten Aragon. Ich liebe ihn. Und nun schließe ich die Klammer wieder. Aragon sprach also über Petrarca. Er beginnt mit einer endlosen Lobrede auf Matisse. Nach 45 Minuten ruft ein Student von hinten: ›Zum Thema! Zum Thema!‹ Und Aragon sagt schlicht, daß Petrarcas Genie in der Kunst der Abschweifung besteht.« – »Der Mensch«, das wußte bereits Georg Simmel, »ist, und zwar je höher er kultiviert ist, um so mehr das indirekte Wesen.«
Diese Geschichte von Aragons Vorlesung über Petrarca kommentiert in einer Abschweifung das Prinzip ›Abschweifung‹. Das folgende Statement der Frau, »So wie bei mir.« bestätigt, was man bisher gesehen beziehungsweise gehört hat, man könnte denken, »So wie bei mir.« sei ein Bekenntnis zu dem Prinzip Abschweifung. Aber dann sagt sie: »Ich komme nicht vom Thema ab.« Nimmt man diese Aussage ernst, dann bedeutet ›Abschweifung‹, gerade nicht vom Thema abkommen. Und genau das ist die ›Methode Godard‹: »Das ist mein Thema!« – eine Kritik des Themas ›Thema‹: wider ein angenommenes Wissen, man könnte wissen, was zu einem Thema gehört. Nach einer Aussage Godards erlaubt der Film einem nämlich nicht zu wissen, aber zu sehen, um dann im Nachhinein vielleicht zu wissen. Baudelaires von Godard des öfteren zitierter Imperativ »Dites, qu’aves-vous vu?« aus den Fleurs du Mal wäre also die Voraussetzung jeder Verhandlung der Rezeption. Ein schönes Beispiel dafür ist der Auftrag, den Godard einmal annahm, einen Film über den ›Zustand der Einsamkeit‹ zu drehen – der Zustand der Einsamkeit – l’état de la solitude – der Staat der Einsamkeit. Godard nutzte die doppelte Bedeutung des Wortes ›etat‹, suchte darauf nach dem einsamsten Staat in Europa und machte einen Film über die DDR kurz nach dem Fall der Mauer.
Die Bilder, die Themen, die Sätze, die Wörter, die Buchstaben, alles verliert bei ihm seine Eindeutigkeit und seinen gewohnten Kontext. Die Formen, derer sich Godard bei seiner Methode bedient, sind nicht die des klassischen Kinos, mit seiner geschlossenen Handlung und den unsichtbaren Schnitten, der Illusion einer Realität, sondern Essay, Variation, Tableau, und Kommentar. Wir sehen also hier, bei dem frühen Kurzfilm, bereits die wesentlichen Aspekte der ›Methode Godard‹: Godard evoziert die Polyvalenz eines Themas, von der kosmologischen Elementargeschichte bis hin zu den nicht minder elementaren Beziehungen zwischen Frau und Mann. Thema ist ihm, was er montiert. Als Godard einmal bezüglich seiner aus Zitaten montierten Filmgeschichte gefragt wurde, ob er oft Schwierigkeiten gehabt habe, die richtigen Sequenzen für den Anschluß zu bekommen, antwortete er, wenn er richtigen Sequenzen nicht bekommen habe, habe er eben andere genommen und damit eben eine andere Geschichte erzählt.
Godards Filme sind bereits bei ihrer Entstehung offen. In dem Film, den wir gleich sehen werden, hat Godard dieses Verfahren ins Bild gesetzt: zwei Männer sitzen in einem Café hinter riesigen Bücherstapeln. Es handelt sich um niemand anders als Flauberts Helden Bouvard und Pécuchet, ehemals naiv-autodidaktische Universalgelehrte und nun naiv-geniale Abschreiber. Bouvard greift sich wahllos Bücher aus den Stapeln und liest einen beliebigen Satz daraus vor … aus Lenins Schriften, aus einem Roman von Colette, aus dem Telephonbuch … Und Pécuchet schreibt die Sätze mit. Wir erleben, wie das Drehbuch zu einem Godardfilm entstehen könnte, und die scheinbar beliebig kombinierten Sätze bilden eine mögliche Notwendigkeit.*
Diese scheinbar beliebige Kombination erweckt aber nie den Eindruck einer Beliebigkeit, denn der Kontext entsteht durch die Perspektive. Man muß Perspektiven täglich in seinem Leben wählen. Die Traumfabrik nimmt einem das im Kino ab, Godard jedoch nimmt einem das im Kino nicht ab, man muß das bei ihm auch dort machen, und kann sich nicht einer imaginären Partizipation hingeben, die der Kunst bloß therapeutische oder kompensatorische Funktionen zuweist. Das meinen die beiden Sätze, die Sie am Beginn sahen: »Ich möchte, daß das Kino ein notwendiger Moment des Lebens wäre, und zwar schon so konzipiert.« und »Man müßte eher den Film leben, als aus seinem Leben einen Film zu machen.« »Den Film leben« meint – ähnlich der romantischen Konzeption des Fragments –, den Film als Medium eines Lebens, das ihm seine Form gibt, zu betrachten, was die immanente Reflexion bedeutet, reflektierend die Wirklichkeit erleben, Tag für Tag, die Wirklichkeit nicht verlassen wollen, Gelassenheit nennt man so etwas, was zu keiner Epiphanie führt, sondern zu dem ganz Konkreten, und wenn man Glück hat, zum Glück.
Man muß erst dahin kommen, das ganz Konkrete in toto mit einer Mischung aus Lust und Schrecken als die einzige große Ausnahme betrachten zu können. Daraus ergibt sich, daß die Filme Godards derart komplex sind, daß es keinen Sinn macht, das Strukturprinzip dieser Komplexität nachvollziehen zu wollen oder nach der einen Aussage zu fragen. Der Zuschauer muß der Konstruktion eines Godardfilms mit seiner Konstruktion des Sehens und des Denkens begegnen. Godard macht aus ›der‹ Geschichte eines Gegenstands mögliche Geschichte(n) und daraus resultierend arbeitet er mit dem Prinzip ›Abschweifung‹, oder anders gesagt, er montiert verschiedene Dinge zu einem Kontext. Einer seiner Protagonisten** sagt einmal: »Noch nie hatte Jemand den Mut, die Geschichte der letzten zweihundert Jahre als die Geschichte der Amseln zu schreiben.« Und Godard selbst: »Ich bin immer ausgegangen von einer Idee, die nicht von mir war, weil es anders nicht geht. Heute versuche ich, von gemachten Bildern auszugehen, vor die und an die man dann andere dransetzen kann.«
Und schließlich als letzten Punkt: Bild und Ton (Sprache – = Dialoge und Kommentare –, Geräusche, Musik et cetera) stehen in keinem traditionell notwendigen Zusammenhang, die Notwendigkeit ist das Resultat der Rezeption oder wie Deleuze es formulierte: das Problem des Zuschauers werde nun heißen: ›Was ist auf dem Bild zu sehen?‹ und nicht mehr: ›Was ist auf dem nächsten Bild zu sehen?‹ Wenn hier der Begriff des ›Kommentars‹ fällt, meint das mehr, als die aus dem Off gesprochenen Worte, die die Bilder zu einer Geschichte machen. Was ›Kommentar‹ bei Godard meint, artikuliert Prospero in dem Film Détective, Godards Version von Shakespeares Tempest: »Die Sprache ist der wahre König in unserem armen Land, aber der wahre Fürst ist der Kommentar, er ist es, und nur er allein, der mit seinem scharfen Blick noch etwas in Bewegung setzt.«
Das übliche Kino setzt Geschichten in die Welt, mit einem Anfang, dem Dazwischen und einem Ende. Godard dagegen filmt die Welt oder montiert die Bilder der Welt neu und kommentiert sie damit. Er evoziert unübliche Zusammenhänge. Daß es auch einen visuellen Kommentar gibt, demonstriert Godard in Alphaville, wo es der Kontext ist, der den Bildern kommentierend seine Bedeutung gibt: »Um 24 Uhr 17 ozeanischer Zeit erreichte ich die Außenbezirke von Alphaville.« Aus dem Paris der 60er Jahre wird Alphaville, die Hauptstadt der Galaxis, ohne daß auch nur eine Kulisse aufgestellt werden muß.
Kunst schafft Objekte, und so muß jede Kunstwissenschaft eine empirische Wissenschaft sein, in dem Sinne, daß sie ihrem Objekt verpflichtet ist – das hat sie mit der Liebe gemein. Godard nun schafft Kunst, Filmkunst, indem er mit der Kamera auf bereits vermittelte Objekte zurückgreift, wie immer diese Vermittlung auch aussehen mag. Erst mit ihm ist das Kino das geworden, was in der bildenden Kunst seit der klassischen Moderne selbstverständlich ist: nämlich die Referenz auf sich selbst.
Bevor ich noch kurz etwas zu dem Film sage, den wir gleich sehen werden, möchte ich Ihnen das Ende dieser »Geschichte des Wassers« nicht vorenthalten … Die beiden erreichen schließlich Paris und es kommt wie es kommen muß: »Ich war glücklich. Mit diesem Typ, den ich ›Dreckskerl‹ nannte, als er mich küßte, würde ich wahrscheinlich heute abend schlafen.
In dem Film 2 ou 3 choses que je sais d’elle aus dem Jahr 1967 hat Godard das, was in Un histoire d´eau bereits angelegt war, weiter perfektioniert, was bei ihm heißt: komplexer gemacht. »Elle / La région Parisienne«. Ein Kritiker meinte bei Erscheinen des Films, paradox sei, je mehr Godard sich für zeitgenössische soziale Gegebenheiten interessiere, desto weniger realistisch seien seine Filme. Diese Beobachtung trifft zu, Godards Filme kann man kaum als ›realistisch‹ im üblichen Sinn bezeichnen und sie sind im genauen Sinn des Wortes soziologisch, dies ist jedoch kein Paradox. Godard selbst sagte dazu: »Alles in allem, wenn ich darüber nachdenke, ist ein Film dieser Art etwa so, als wollte ich einen soziologischen Essay schreiben in Form eines Romans und hätte dabei nur Musiknoten zu meiner Verfügung.« Im sogenannten ›Realismus‹*** wird die Kritik zur Affirmation, denn der sogenannte ›Realismus‹ verdoppelt das bestehende Bild der Welt – oder besser: das (Vor)-Urteil über die Welt, und dabei ist es dann egal, ob man das macht, weil man es gut findet oder nicht.
In dem Kommentar zu 2 ou 3 choses que je sais d’elle heißt das: »Ich ersetze die Untersuchung realer Gegenstände durch meine Einbildungskraft.« Es geht also nicht um die filmische Reproduktion von Realität, sondern um die Realität der Bilder und Töne, es geht um die Reproduktion des Films selbst mit seinen produktions- und rezeptionsästhetischen Implikationen. Auch hier gibt es einen Kommentar, diesmal von Godard selbst geflüstert, es gibt die Dialoge der Schauspieler und es gibt die Kommentare der Personen, die die Schauspieler verkörpern. Sie sprechen direkt in die Kamera, über ihr Empfinden über die Situation, in der sie leben und über Dinge. die sie beschäftigen: Sex, Kunst, Geld, Politik et cetera.
Gut aristotelisch hält sich Godard in diesem Film an die Einheit des Ortes – Groß Paris und die Einheit der Zeit – ein Tag, vom Aufwachen … »Die Sprache ist das Haus, in dem der Mensch wohnt.« … bis zum Einschlafen**** … »Mich definieren mit einem Wort: Noch nicht tot sein.« Die eine Protagonistin, die Region Paris, stellt Godard am Anfang in einem Ausschnitt vor, nämlich dem Bild einer Baustelle, von Kameramann Raoul Coutard nach den Regeln des goldenen Schnitts gerahmt. Die andere Protagonistin, stellt er als die Schauspielerin Marina Vlady und in ihrer Rolle als Juliette Jeanson vor.
Kurz etwas zu dem Hintergrund, (ich verlasse mich hier auf Angeben des British Film Institut): 1954, dem Jahr, als Frankreich Vietnam verlor, wurde der Grundstein zu der Trabantenstadt Sarcelles gelegt und 1.000 Wohneinheiten errichtet. Als dann 1962 Algerien seine Unabhängigkeit erlangte, kamen um die 700.000 Kolonisten nach Frankreich zurück. Um sie unterzubringen, wurde unter Zeitdruck eine gewaltige Urbanisierung in Gang gesetzt. 1974, sieben Jahre nach Godards Film, wurde Sarcelles mit 12.000 Wohneinheiten fertiggestellt.
Nun möchte ich Sie noch auf zwei oder drei Dinge aufmerksam machen, die den Stil dieses Films betreffen. Der Tag im Leben der Hausfrau und Gelegenheitsprostituierten Juliette Jeanson wird akustisch akzentuiert durch kurze Sequenzen aus dem Streichquartett in F-Dur op. 135 von Beethoven und optisch durch Kameraschwenks über die Trabentenstadt oder strenge Bildkompositionen, das Bauen an der Stadt, Aufbau und Veränderung, Ton und Stille. Im Kontext zu ihrer Umwelt haben die Menschen den Platz am unteren Bildrand. Was für alle Filme Godards gilt: er arbeitet mit den Farben rot, gelb blau und grün und setzt sie als bewußt als Akzente ein, er arbeitet mit expliziten Zeichen, mit denen unsere Umwelt durchsetzt ist – man lebe quasi in einen gigantischen Comic-Heft, flüstert Godard an einer Stelle – sowie mit Zwischentiteln, die jedoch in der Regel keine Kapitel einleiten, sondern auf bestimmte Aspekte eines möglichen Themas verweisen.
Die berühmteste Szene des Films zeigt Juliette und ihre Freundin bei ihrer Nebentätigkeit als Prostituierte. Ein Kriegsberichterstatter aus Vietnam filmt die beiden nackt, während sie Reisetaschen von Fluggesellschaften über den Kopf gestülpt tragen. Man beachte den Kontrast mit dem Stich im Hintergrund. Hier bündeln sich die Motive: Vietnam, das Frankreich in dem Jahr verlor, als der Bau der Trabantenstadt begann, und die USA, die das Erbe Frankreichs in Indochina antraten. Ökonomie, Prostitution, Fetisch. das Geld des Mannes und der Körper der Frau und natürlich die Kamera.
Zum Schluß möchte ich noch eine Bemerkung zu dem Thema ›Die Moderne auf dem Prüfstand‹ machen. – Die Architektur gilt als das künstlerische Genre, mit dem die Postmoderne begann. Zur Zeit dieses Films ist die Architektur zweifellos noch der Moderne verpflichtet. In der Theorie hatte die Moderne mit dem Strukturalismus ihre wohl avancierte Beschreibung gefunden. Godards Kommentar stellt den Bau der Stadt in einen Kontext mit dem Kapitalismus. Doch der Kapitalismus funktioniert genauso im Kern des historischen Paris, was Godard in den Szenen am Champs Élysées zeigt. Die Kamera zeigt die ästhetischen Reize der Trabantenstadt und zeichnet sie nicht als triste Betonburg. Godard verfällt nicht der naiven Ansicht, 700.000 ehemalige Kolonialisten könnten in Eigenheimen untergebracht werden. Godard agiert poststrukturalistisch und postmodern auf dem Höhepunkt der Moderne. Statt eindimensionaler Kritik, die wie gesagt eine Affirmation mit anderem Gesicht ist, fragt er nach der conditio humana in einer Welt voller Widersprüche, ohne diese Widersprüche aufzulösen. Der große Versuch der Moderne, sich in der Welt rational einzurichten, hat den Menschen unbehaust hinterlassen, das muß nicht schlecht sein. Godard hinterfragt, bietet aber keinen Ausweg, er bietet aber Möglichkeiten einer neuen Einsicht. »Ich suche nichts anderes als die Gründe, warum man glücklich leben kann. Wenn ich die Untersuchung jetzt noch weitertreibe, fände ich, daß unser Leben einfach darauf beruht, daß es zunächst die Erinnerung gibt und dann die Gegenwart, und die Freiheit, sich darin aufzuhalten, um zu genießen. Das heißt, im Vorbeigehen einen Grund des Lebens erfaßt zu haben und ihn für ein paar Sekunden festgehalten zu haben, nachdem er unter einmaligen Umständen entdeckt wurde. Daß die einfachsten Dinge in der Welt des Menschen möglich werden …«
Dies ist nicht viel, ist aber wohl alles, was einem bleibt und worauf es im Leben ankommt.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit … und nun: 2 ou 3 choses que je sais d’elle.
* Und wir sehen bei dieser Szene Hans Köberlin an Bücherrad und Schreibtisch (… striptease table …).
** Es handelte sich um Paul in Sauve qui peut (la vie) (Anmerk. des Verf.).
*** Am Freitag, dem 19. Dezember 2014, sollte Hans Köberlin bei Georg Seeßlen eine knappe und treffende Definition des sogenannten ›Realismus‹ lesen: »die größte cineastische Illusion« (Georg Seeßlen, Lars von Trier goes Porno. (Nicht nur) über NYMPH()MANIAC, Berlin 2014, S. 17).
**** Hier war Hans Köberlin etwas ungenau: 2 ou 3 choses que je sais d’elle umfaßte den Zeitraum vom Abend bis zur nächsten Nacht.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Abonnieren
Posts (Atom)


















