Herbert Neidhöfer, homme de lettres
Home ·
Das Projekt ·
Bilder · Verweise ·
Aus dem Katzengraben ·
Kontakt / Impressum
Mittwoch, 18. November 2015
Montag, der 18. November 2013
[48 / 276]
Dann war er auch schon da, der Morgen des Montags, des 18. Novembers 2013,* an dem die Frau wieder in die Hauptstadt zurückreisen mußte. Hans Köberlin hatte geträumt, einer aus dem Ort seiner Herkunft, der älter war als Hans Köberlin und der sich stets nur durch seine Niedertracht und durch Gemeinheit und Brutalität hervorgetan, hatte einen Zug überfallen, so einen, wie sie die kleinen privaten Provinzbahnen einsetzten. Aber irgendwie lief bei dem Überfall etwas schief, und Hans Köberlin war die Ursache davon, entweder er hatte das Geld versteckt oder es sich bereits selber unter den Nagel gerissen. Außerdem hatte er der Polizei den Namen des Täters verraten und ihn damit der gezielten Fahndung ausgesetzt. Nun fürchtete er dessen Rache und sprach lange mit dem alten Kommissar, der aufrichtig bemüht war, ihm Schutz zu gewähren, und dann sprach er mit dessen Assistenten, der eher ein Windhund war, und Hans Köberlin fragte sich, ob der nicht mit den Gangstern kooperiere oder gar selbst der Obergangster war. Dort, wo sie sich unterhielten, war eine Eisbahn, die Eisfläche allerdings im Zustand des Auftauens. Ein Briefträger machte sich dieses Auftauen zunutze und passierte, um den Weg abzukürzen die Eisfläche diagonal, anstatt um sie herum zu gehen. Dann war Krieg und der Busenfreund mußte an die Front. Hans Köberlin hoffte, man würde ihn doch noch für untauglich erklären, bei ihrer beiden Lebensstil konnte das durchaus passieren.
* Es gab bloß ein archiviertes Filmstill von dem Filmkalender aus dem Jahr 1997, das Marie Colbin in Karambolage (Kitti Kino, 1982) zeigte, wie sie mit dem Queue auf die weiße Kugel zielte. Hans Köberlin kannte weder den Film noch die Regisseurin noch die abgebildete Frau, aber deren Gesicht reichte, das Kalenderblatt zu archivieren.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VII [Der erste Besuch der Frau], 15. bis 18. November 2013).
Dienstag, 17. November 2015
Zwei Beiträge zur Geschichte der Einbildungskraft
Im Atelier im ersten Stock sucht das junge Paar Bergerat einen Platz für sein Bett und befragt dafür die einen und die anderen. Für die junge Ehefrau erröte ich [Edmond de Goncourt] unwillkürlich ein wenig über die öffentliche Zurschaustellung dieses Möbels, auf das die Einbildungskraft der Besucher sie schon in ehelicher Pose hinbreitet. Das englische Tabu des Schlafzimmers einer verheirateten Frau finde ich sehr taktvoll.
(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Eintrag vom Sonntag, dem 12. Mai 1872, Leipzig 2013, Bd. 5, S. 560).
Mir [François Truffaut] fällt da noch eine andere Szene am Anfang ein, nachdem Stewart Kim Novak [in Vertigo, 1958] aus dem Wasser gefischt hat. Sie ist in Stewarts Wohnung, nackt in seinem Bett. Man sieht, wie sie zu sich kommt, und man kann folgern, ohne daß darüber gesprochen würde, daß er sie ausgezogen haben muß, daß er sie nackt gesehen hat.
(François Truffaut in Zusammenarbeit mit Helen G. Scott, Truffaut / Hitchcock, München / Zürich 1999, S. 209).
(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Eintrag vom Sonntag, dem 12. Mai 1872, Leipzig 2013, Bd. 5, S. 560).
*
Mir [François Truffaut] fällt da noch eine andere Szene am Anfang ein, nachdem Stewart Kim Novak [in Vertigo, 1958] aus dem Wasser gefischt hat. Sie ist in Stewarts Wohnung, nackt in seinem Bett. Man sieht, wie sie zu sich kommt, und man kann folgern, ohne daß darüber gesprochen würde, daß er sie ausgezogen haben muß, daß er sie nackt gesehen hat.
(François Truffaut in Zusammenarbeit mit Helen G. Scott, Truffaut / Hitchcock, München / Zürich 1999, S. 209).
Sonntag, der 17. November 2013
[47 / 277]
Am Sonntag, dem 17. November 2013,* war das Wetter immerhin so, daß man mit einer Jacke auf der anderen Dachterrasse frühstücken konnte. Anschließend legten sie sich zum Aufwärmen et cetera nochmals hin.
Am frühen Nachmittag dann gingen beide an den Strand mit der festen Absicht, zu ihrem anstehenden Abschied noch einmal im Meer, das sich ziemlich bewegt gab zu schwimmen. Dekadent wie sie waren, reichte ihnen die Wassertemperatur allerdings nur für ein paar Züge in den heftigen Wellen, das war nicht dieses von Hans Köberlin gemeinte und geliebte bisherige entspannte Schwimmen, das mutwillig terminiert werden mußte, weil man es von selber nicht mehr aufhören wollte, die Bewegung im Wasser quasi als Lebenswelt, und wenn nicht dies, dann zumindest als Modus der adäquaten Reflektion seines Zustandes hier … Hans Köberlin war erstaunt, wieviel kühler es doch während seiner zweitägigen Schwimmpause geworden war. Dieses kurze sich noch einmal in die Wellen stürzen sollte, wie bereits angedeutet, Hans Köberlins vorerst letztes Schwimmen hier sein, bis er am Montag, dem 28. April 2014, während eines morgendlichen Dauerlaufs seine zweite und wahrscheinlich letzte Badesaison in dem Ort seines Exils eröffnen würde.
* Daß sich der geile alte Sack Sophie Marceaus Bild mit dem leicht geöffneten Mund aus La fidélité (Andrzej Zulawski, 2000) aufgehoben (sie war damals 34, und hätte sie nicht den Pullover an, das Bild hinge in Hans Köberlins Schlafzimmer), war zu erwarten gewesen.
Erinnern konnte sich Hans Köberlin an zwei Träume: im ersten war er an der Mosel bei seinen Eltern und mußte irgendwelche (nicht wirkliche) Hausaufgaben machen. Er hatte das kleinere Laptop dabei, ihm fehlten aber ein Druckerkabel und ein Drucker und er wühlte deswegen in den ausrangierten Computersachen seiner Mutter (die nie in ihrem Leben einen Computer auch nur angefaßt hatte). Dann – und dies könnte man als Wunscherfüllungstraum bezeichnen – war er bei einer Theaterproduktion, bei der Lars von Trier Regie führte, einer von denen, die Hintergrundinformationen besorgen sollten. Es war ein größeres Projekt, die Aufführung stand erst in zwei Jahren an. In einem ruhigen Moment sagte Hans Köberlin zu Lars von Trier, daß er ein großer Bewunderer seiner Kunst wäre, worüber der sich sehr freute und weswegen er Hans Köberlin etwas in eines seiner, Hans Köberlins, Bücher (gemeint war wohl ein Band der 24-bändigen Limbularius-Ausgabe), die er dabei hatte, schreiben wollte. Hans Köberlin drückte daraufhin sein Bedauern darüber aus, daß er kein Buch von ihm, von Lars von Trier, zum Signieren dabei hatte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VII [Der erste Besuch der Frau], 15. bis 18. November 2013).
Montag, 16. November 2015
Noch eine Definition
Überdruß ist ein Mangel an Mythologie (…) ist der Verlust der seelischen Fähigkeit, sich Illusionen zu machen …
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 267; siehe auch Eine Definition von »Klassik« und Eine weitere Definition).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 267; siehe auch Eine Definition von »Klassik« und Eine weitere Definition).
Samstag, der 16. November 2013
[46 / 278]
Es war ein angenehmes Erwachen für Hans Köberlin, am Samstag, dem 16. November 2013,* neben der noch tiefschlafenden und also noch schlafwarmen Frau. Er hatte geträumt, er sei an einem Strand (es war aber keiner der Strände hier), wo fieberhaft Betonarbeiten ausgeführt wurden, was da allerdings errichtet werden sollte, das wußte er nicht. Ein populärer und dennoch avancierter Philosoph war gleichfalls anwesend und Hans Köberlin versuchte, dessen Aufmerksamkeit zu erregen. Dann wurde er wach und die Sorge kam, wie es ab und an vorkam – aber warum gerade jetzt, jetzt da die Frau bei ihm lag?! –, zu ihm und ließ ihn eine Weile nicht wieder einschlafen. Die Frau wurde halbwach und sagte ihm im Halbschlaf, es sei alles gut, sie sei doch bei ihm. Eine vor Jahrzehnten gelesene Phrase fiel Hans Köberlin ein, er wußte nicht warum jetzt, von Hans Mayer, glaubte er …: »Ehrfurcht vor dem leeren Wortzeichen.«** Er konnte schließlich wieder einschlafen und den Traum fortsetzen, beziehungsweise ein anderes Traumszenario anschließen. Er war nun auf einem literarischen Wettbewerb, aber nur als ein zufällig hineingeratener Zuschauer. Er wollte eigentlich zu dem Strand aus dem vorherigen Traum, aber es ging mit seiner Fortbewegung nicht voran. Schließlich sprang er von einem Brett oder von einer hohen Mauer ins Meer, das in diesem Traum nicht bloß ein gerne besuchtes, sondern sein eigentliches Element war, er wußte das, ohne daß sich diese Empfindung in irgendwelchen Traumbildern visualisiert hätte.
* Wir fischten aus Hans Köberlins Filmkalenderblattsammelkiste ein Bild mit dem melancholisch über seinem Piano dreinblickenden Charles Aznavour aus Truffauts Tirez sur le pianiste (1960), dessen Produzent Pierre Braunberger an diesem Tag vor dreizehn Jahren verstorben war. Vom Leben gebeutelte Männer, die noch einmal die Chance einer großen Liebe bekamen …: eindeutig Hans Köberlins Plot.
** Herman Meyer, Der Sonderling in der deutschen Dichtung, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1984, S. 74; Hans Köberlin hatte ihn hier mit Hans Mayer verwechselt, dessen Buch Der Außenseiter hieß. Die von Hans Köberlin erinnerte Wendung bezog sich auf Jean Pauls Leben des Quintus Fixlein, aus fünfzehn Zettelkästen gezogen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VII [Der erste Besuch der Frau], 15. bis 18. November 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Film,
Musik,
Raum,
Traum,
Zeit,
Zitat (intern)
Samstag, der 16. November 2013
[46 / 278]
Es war ein angenehmes Erwachen für Hans Köberlin, am Samstag, dem 16. November 2013,* neben der noch tiefschlafenden und also noch schlafwarmen Frau. Er hatte geträumt, er sei an einem Strand (es war aber keiner der Strände hier), wo fieberhaft Betonarbeiten ausgeführt wurden, was da allerdings errichtet werden sollte, das wußte er nicht. Ein populärer und dennoch avancierter Philosoph war gleichfalls anwesend und Hans Köberlin versuchte, dessen Aufmerksamkeit zu erregen. Dann wurde er wach und die Sorge kam, wie es ab und an vorkam – aber warum gerade jetzt, jetzt da die Frau bei ihm lag?! –, zu ihm und ließ ihn eine Weile nicht wieder einschlafen. Die Frau wurde halbwach und sagte ihm im Halbschlaf, es sei alles gut, sie sei doch bei ihm. Eine vor Jahrzehnten gelesene Phrase fiel Hans Köberlin ein, er wußte nicht warum jetzt, von Hans Mayer, glaubte er …: »Ehrfurcht vor dem leeren Wortzeichen.«** Er konnte schließlich wieder einschlafen und den Traum fortsetzen, beziehungsweise ein anderes Traumszenario anschließen. Er war nun auf einem literarischen Wettbewerb, aber nur als ein zufällig hineingeratener Zuschauer. Er wollte eigentlich zu dem Strand aus dem vorherigen Traum, aber es ging mit seiner Fortbewegung nicht voran. Schließlich sprang er von einem Brett oder von einer hohen Mauer ins Meer, das in diesem Traum nicht bloß ein gerne besuchtes, sondern sein eigentliches Element war, er wußte das, ohne daß sich diese Empfindung in irgendwelchen Traumbildern visualisiert hätte.
* Wir fischten aus Hans Köberlins Filmkalenderblattsammelkiste ein Bild mit dem melancholisch über seinem Piano dreinblickenden Charles Aznavour aus Truffauts Tirez sur le pianiste (1960), dessen Produzent Pierre Braunberger an diesem Tag vor dreizehn Jahren verstorben war. Vom Leben gebeutelte Männer, die noch einmal die Chance einer großen Liebe bekamen …: eindeutig Hans Köberlins Plot.
** Herman Meyer, Der Sonderling in der deutschen Dichtung, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1984, S. 74; Hans Köberlin hatte ihn hier mit Hans Mayer verwechselt, dessen Buch Der Außenseiter hieß. Die von Hans Köberlin erinnerte Wendung bezog sich auf Jean Pauls Leben des Quintus Fixlein, aus fünfzehn Zettelkästen gezogen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VII [Der erste Besuch der Frau], 15. bis 18. November 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Film,
Musik,
Raum,
Traum,
Zeit,
Zitat (intern)
Sonntag, 15. November 2015
In dieser großen Zeit
In dieser großen Zeit
die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch Zeit bleibt; und die wir, weil im Bereich organischen Wachstums derlei Verwandlung nicht möglich ist, lieber als eine dicke Zeit und wahrlich auch schwere Zeit ansprechen wollen; in dieser Zeit, in der eben das geschieht, was man sich nicht vorstellen konnte, und in der geschehen muß, was man sich nicht mehr vorstellen kann, und könnte man es, es geschähe nicht –; in dieser ernsten Zeit, die sich zu Tode gelacht hat vor der Möglichkeit, daß sie ernst werden könnte; von ihrer Tragik überrascht, nach Zerstreuung langt, und sich selbst auf frischer Tat ertappend, nach Worten sucht; in dieser lauten Zeit, die da dröhnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten. Keines außer diesem, das eben noch Schweigen vor Mißdeutung bewahrt. Zu tief sitzt mir die Ehrfucht vor der Unabänderlichkeit, Subordination der Sprache vor dem Unglück. In den Reichen der Phantasiearmut, wo der Mensch an seelischer Hungersnot stirbt, ohne den seelischen Hunger zu spüren, wo Federn in Blut tauchen und Schwerter in Tinte, muß das, was nicht gedacht wird, getan werden, aber ist das, was nur gedacht wird, unaussprechlich. Erwarten Sie von mir kein eigenes Wort. Weder vermöchte ich ein neues zu sagen; denn im Zimmer, wo einer schreibt, ist der Lärm so groß, und ob er von Tieren kommt, von Kindern oder nur von Mörsern, man soll es jetzt nicht entscheiden. Wer Taten zuspricht, schändet Wort und Tat und ist zweimal verächtlich. Der Beruf dazu ist nicht ausgestorben. Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!
(Karl Kraus, Die Fackel, 5. Dezember 1914, Nr. 404, 16. Jg., S. 1f.).
Freitag, der 15. November 2013
[45 / 279]
Dann duschte Hans Köberlin ausgiebig und rasierte sich wie Buck Mulligan* und nahm etwas mehr eau de toilette als üblich, zog sich dem sehr warmen Nachmittag und dem zu erwartenden kühleren Abend entsprechend an und machte sich, den kleineren Laptop, Bücher und eine Flasche Wasser im Rucksack, nicht wie zuvor eingeübt durch das Hinterland, sondern, weil er noch viel Zeit hatte,** über die Strandpromenaden der Playa La Fossa-Levante und der Playa Arenal-Bol und dann die Haupteinkaufsstraße hoch und dann rechts flanierend auf den Weg zu dem Omnibusbahnhof. Und als Hans Köberlin beruhigt nach dem erfolgreichen Erwerb eines Tickets und der Bestätigung, daß das weltweite Netz und das Anzeigenblättchen die richtige Zeit der Abfahrt des Omnibusses genannt, dort wartend saß, begann er damit, quasi als Nachlese zu den Forschungen eines Hundes, Elias Canettis Essay Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Felice zu lesen, und wie immer, wenn Hans Köberlin Canetti las, stieß er gleich auf eine Passage, die er exzerpieren mußte. Er packte also sein Laptop aus und exzerpierte …
Für das Entsetzen des Lebens, dessen sich die meisten zum Glück nur manchmal, einige wenige aber, von inneren Mächten als Zeugen eingesetzt, immer bewußt sind, gibt es nur einen Trost: seine Einbeziehung in das Entsetzen vorangegangener Zeugen.»… von inneren Mächten als Zeugen eingesetzt …«: Hans Köberlin fragte sich natürlich, was das für Mächte sein sollten … vielleicht die, die das Leben sein Leben spüren ließen (das ging wohl in Richtung einer ontischen Verzweiflung) … Bei Hans Köberlin galt das – die »Einbeziehung vorangegangener Zeugen« – allerdings für das Leben generell und nicht bloß für dessen Entsetzen, für das Leben und für seine eigenen Introspektionen: es beruhigte ihn (nicht immer brauchte man gleich Trost,*** manchmal auch bloß, wie Canetti wußte, Beruhigung, und Bändigung**** und manchmal auch bloß, wie Hans Köberlin wußte, ein Fläschchen Rotwein), Zeugen vergangenen Lebens und Akteure vergangener Introspektionen miteinzubeziehen. Und nicht zuletzt darum führen auch wir hier alle die uns und Hans Köberlin entsprechenden Zeugen vergangener Leben und alle dementsprechenden Akteure vergangener Introspektionen, denen wir habhaft werden, in unseren Einschüben und in unseren Fußnoten an. Seinesgleichen kommen zusammen, The Usual Suspects (Bryan Singer, 1995) …
* »He shaved evenly and with care, in silence, seriously.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 5).
** Vielleicht war das eine Methode …: so zu früh sein, daß man langsam sein konnte … Borges hatte in einem Essay über die Karren seines Viertels geschrieben, der langsame Karren werde dauernd überholt, aber gerade dieses Zurückbleiben werde ihm zu Sieg, als wäre die Eile der anderen das furchtsame Hasten von Sklaven, die eigene Weile dagegen vollkommener Besitz der Zeit, beinahe der Ewigkeit, und dieser Besitz der Zeit sei das unendliche Kapital des criollo, die Weile könne man zur Unbeweglichkeit erhöhen, zum Besitz des Raums (vgl. Jorge Luis Borges, Evaristo Carriego; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 2: Kabbala und Tango, Frankfurt am Main 1993, S. 86). Freilich würde Hans Köberlin gleich auf dem Aeropuerto vor dem Ausgang der Gelandeten in Erwartung der Frau stehend den Besitz der Weile nicht zu schätzen wissen.
*** Am 18. Februar 1920 schrieb Kafka in sein Tagebuch: »Er will keinen Trost, aber nicht deshalb weil er ihn nicht will – wer wollte ihn nicht – sondern weil Trost suchen heißt: dieser Arbeit sein Leben widmen, am Rande seiner Existenz, fast außerhalb ihrer immer zu leben, kaum mehr zu wissen, für wen man Trost sucht und daher nicht einmal imstande zu sein, wirksamen Trost zu finden (wirksamen, nicht etwa wahren, den es nicht gibt).« So, dachte sich Hans Köberlin, so war es vielleicht auch Lysa ergangen, die der Suche nach Heilung ihr Leben gewidmet hatte und darüber chronisch krank geworden war.
Und auch in dem unseres Wissens letzten erhaltenen Tagebucheintrag Kafkas, dem vom 12. Juni 1923, ging es um Trost, aber diesmal um seine Möglichkeit: »Immer ängstlicher im Niederschreiben. Es ist begreiflich. Jedes Wort, gewendet in der Hand der Geister – dieser Schwung der Hand ist ihre charakteristische Bewegung – wird zum Spieß, gekehrt gegen den Sprecher. Eine Bemerkung wie diese ganz besonders. Und so ins Unendliche. Der Trost wäre nur: es geschieht ob Du willst oder nicht. Und was Du willst, hilft nur unmerklich wenig. Mehr als Trost ist: Auch Du hast Waffen.«
**** »Es ist kaum zu glauben, wie der geschriebene Satz den Menschen beruhigt und bändigt.« (Elias Canetti, Dialog mit einem grausamen Partner; in: Das Gewissen der Worte. Essays, Frankfurt am Main 1981, S. 54, vgl. auch vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 152 und dort die Fußnote 466).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VII [Der erste Besuch der Frau], 15. bis 18. November 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Lektüre,
Raum,
Telos,
Zeit,
Zitat (intern)
Samstag, 14. November 2015
pro domo
Bei einem meiner beiden Laptops klemmen manchmal Tasten, vor allem die i-Taste, was vielleicht den ein oder anderen Lapsus oder die eine oder andere Irritation (wo ›leben‹ war hätte ›lieben‹ sein sollen) erklärt.
… dann habe auch ich eine russische Seele …
Während eines Diners am Samstag, dem 2. März 1872 bei Flaubert, an dem außer dem Gastgeber noch Edmond de Goncourt, Théophile Gautier und Iwan Turgenjew teilgenommen, kam es, nachdem Turgenjew erklärt hatte, das einsetzende Unvermögen zu lieben käme dem Tod gleich, zu folgender Szene …
Et comme, Flaubert et moi, contestons pour des lettrés, l’importance de l’amour, le romancier russe s’écrie, dans un geste qui laisse tomber ses bras à terre: »Moi, ma vie est saturée de féminilité. Il n’y a ni livre, ni quoi que ce soit au monde, qui ait pu me tenir lieu et place de la femme … Comment exprimer cela? Je trouve qu’il n'y a que l’amour qui produise un certain épanouissement de l’être, que rien ne donne, hein? … Tenez, j’ai eu, tout jeune homme, une maîtresse, une meunière des environs de Saint-Pétersbourg, que je voyais dans mes chasses. Elle était charmante, toute blanche, avec un trait dans l’œil, ce qui est assez commun chez nous. Elle ne voulait rien accepter de moi. Cependant, un jour, elle me dit: ›Il faut que vous me fassiez un cadeau.‹ – ›Qu’est-ce que vous voulez?‹ – ›Rapportez-moi de Saint-Pétersbourg un savon parfumé.‹ Je lui apporte le savon. Elle le prend, disparaît, revient les joues roses d’émotion, et murmure, en me tendant ses mains, gentiment odorantes: ›Embrassez-moi les mains, comme vous embrassez, dans les salons, les mains des dames de Saint-Pétersbourg.‹ Je me jetai à ses ge-noux … et vous savez, il n’y a pas un instant dans ma vie qui vaille celui-là.«
(aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 2. März 1872).
Et comme, Flaubert et moi, contestons pour des lettrés, l’importance de l’amour, le romancier russe s’écrie, dans un geste qui laisse tomber ses bras à terre: »Moi, ma vie est saturée de féminilité. Il n’y a ni livre, ni quoi que ce soit au monde, qui ait pu me tenir lieu et place de la femme … Comment exprimer cela? Je trouve qu’il n'y a que l’amour qui produise un certain épanouissement de l’être, que rien ne donne, hein? … Tenez, j’ai eu, tout jeune homme, une maîtresse, une meunière des environs de Saint-Pétersbourg, que je voyais dans mes chasses. Elle était charmante, toute blanche, avec un trait dans l’œil, ce qui est assez commun chez nous. Elle ne voulait rien accepter de moi. Cependant, un jour, elle me dit: ›Il faut que vous me fassiez un cadeau.‹ – ›Qu’est-ce que vous voulez?‹ – ›Rapportez-moi de Saint-Pétersbourg un savon parfumé.‹ Je lui apporte le savon. Elle le prend, disparaît, revient les joues roses d’émotion, et murmure, en me tendant ses mains, gentiment odorantes: ›Embrassez-moi les mains, comme vous embrassez, dans les salons, les mains des dames de Saint-Pétersbourg.‹ Je me jetai à ses ge-noux … et vous savez, il n’y a pas un instant dans ma vie qui vaille celui-là.«
(aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 2. März 1872).
Donnerstag, der 14. November 2013
[44 / 280]
Später kommunizierte er noch medial mit der Frau und anschließend wegen Telos mit dem Verleger.
Von Stockhausen hörte Hans Köberlin …
- Montag aus Licht und
- den Anfang von Freitag aus Licht.
»Allein ohne die Frau eine verdammt lange Zeit, die allerdings, allein und ohne Leid und Fron, viel zu schnell vergangen ist.«*
– also nach zwanzig Jahren der Trennung erstmals wieder gemeinsam in das unverrückbare Ehebett gestiegen …
Und sie legten sich schlafen umher im dunklen Palaste.… »die Fülle der seligen Liebe gekostet« …: morgen nacht … morgen …: nackt!
Jene, nachdem sie die Fülle der seligen Liebe gekostet,
Wachten noch lang, ihr Herz mit vielen Gesprächen erfreuend.
* Loriot hatte einmal gesagt: »Ich glaube, daß man im Lauf der Jahrzehnte das Gefühl bekommt, man hätte keine Zeit. Und dieses Gefühl wird jeder irgendwann haben, obwohl … Eine Weile hat man wirklich keine Zeit, und dann hat man sich so daran gewöhnt, keine Zeit zu haben, daß man, wenn man dann Zeit hat, es nicht mehr merkt.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Freitag, 13. November 2015
Und ob!
Erinnern Sie sich noch an diese ganz speziellen Strumpfbandknöpfe vor der Erfindung der Strumpfhose?
(Padgett Powell, Roman in Fragen, übersetzt von Harry Rowohlt, Berlin 2. Aufl. 2012, S. 11).
(Padgett Powell, Roman in Fragen, übersetzt von Harry Rowohlt, Berlin 2. Aufl. 2012, S. 11).
Eine weitere Definition
Ein Mythos ist die Beschreibung eines tatsächlichen Ereignisses aus der Perspektive eines Dummkopfs, literarisch bearbeitet von einem Dichter.
(Arkadi & Boris Strugatzki, Das Expriment; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 844).
(Arkadi & Boris Strugatzki, Das Expriment; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 844).
Mittwoch, der 13. November 2013
[43 / 281]
Am Mittwoch, dem 13. November 2013, war auf Hans Köberlins Filmabreißkalender anläßlich Jean Sebergs 75. Geburtstag eine Szene aus À bout de souffle (1960) zu sehen. Über diesen Film gab es – wie oben zu Nouvelle vague (1990) – eigentlich ein paar Worte zu sagen … aber über diesen Film, der erste lange Film von Godard, nach einem Drehbuch von Truffaut, ist bereits so viel gesagt worden … Er bedeutete für das Kino, was 1789 für Europa bedeutet … Damit hatte alles angefangen (im Großen), oft kopiert und nie erreicht, vielbesprochen und mythisiert. Nach dem vor kurzem Durchlebten und nur geradeso Überlebten fand nun auch Hans Köberlin Patricia »vraiment dégueulasse«, ihr kokettes Getue und ihre neurotische Egozentrik.* Michel erzählte Patricia die Geschichte über den Verrat, die er in der Zeitung gelesen hatte, als ahnte er, was ihn von der Frau erwartete … Eine der schönsten Stellen des Films war die Pressekonferenz mit Melville als Parvulesco, bei der Hans Köberlin stets zu der Einsicht kam, daß er nie – was die Weltgewandtheit betraf – so einen heroischen Autor abgegeben hatte. Godard meinte einmal in einem Interview, man würde an seine Jugend denken müssen, wenn man das wiedersähe, er wäre damals allerdings schon dreißig gewesen, ein spätes Debüt … Und Hans Köberlin war es, als schaute er auf eine untergegangene, vielleicht noch offener gewesene Welt. Und Truffaut hatte überliefert, Godard sei damals sehr unglücklich gewesen, Godard räumte ein, nur vorgegeben zu haben es zu sein, denn jeder habe so seine Fehler. Was Hans Köberlin immer wieder bei Filmen Godard auffiel, das waren die gezielten Asozialitäten der Protagonisten. Hier zum Beispiel: die Freundin, die Michel Poiccard um fünftausend Francs anpumpen wollte, meinte zu ihm, sie habe bloß fünfhundert Francs, die sie ihm geben könne. Er lehnte es ab, sie zu nehmen, um sie ihr dann aber zu stehlen. Und es war natürlich immer wieder schön, das Paris jener Zeit (einer vielleicht nicht unbedingt besseren, aber einer, wie gesagt, vermutlich noch offeneren Zeit) in Schwarzweiß zu sehen.
* Borges hatte in La Invención de Morel geschrieben, die Russen und die Schüler der Russen (Hans Köberlin vermutete hier vor allem die Skandinavier) hätten einem bis zum Überdruß vorgeführt, daß nichts unmöglich sei: Selbstmorde aus Übermaß an Glück, Morde aus Nächstenliebe, Personen, die sich so liebten, daß sie sich für immer trennten, Verräter aus Liebe oder Demut …
Und Seeßlen: »Die Ganzheit der weiblichen Seele, wie sie der Film zu entdecken begann, wurde zu einem Rätsel, wie es etwa die Frauengestalten in Jean-Luc Godards Arbeiten (zum Beispiel Jean Seberg in À bout de souffle, oder Anna Karina in seinen folgenden Filmen) verkörperten, eine Entität, die sich, weil nicht in ihre Bestandteile zerlegbar, auch nicht erklären und nicht berechnen läßt und deshalb zu einer Herausforderung wird. Während die Männer in seinen Filmen aus Mustern und Zitaten des Films, der Literatur, der Geschichte zusammengesetzt sind, Ergebnisse vielschichtiger Anpassungs- und Formungsprozesse, sind die Frauen Wesen von einer eigenen Qualität, die sich deshalb auch nicht so anpassen (oder absetzen) können wie die Männer. Die Kind-Frau erhält in Godards Filmen eine gleichsam philosophische Dimension; sie ist ein Motiv für die Bewegung seiner Helden, aber sie bleibt undefinierbar (…) Die Formen in ihrer Kulturlandschaft, in der sie sich wie ein Kind bewegt, werden ihr zum Spielzeug; sie ist freier von den Bindungen an das Milieu als die Männer, und auch Sexualität scheint ihr ein Spiel zu sein. Sie ist, vor allem, ohne Ziel. ›Eine der ersten und bedeutendsten dieser enigmatischen Heidinnen war Jean Seberg in Godards À bout de souffle. Godard seinerseits war beeinflußt von ihrer Darstellung der Cecile in Otto Premingers Verfilmung des Sagan-Romans Bonjour Tristesse (1958). In À bout de souffle ist Seberg der perfekte Ausdruck und Spiegel von Godards ambivalenter Haltung gegenüber Frauen, eine Mischung aus Idealisierung und Misogynie, so intensiv wie bei Charlie Chaplin. Am Ende von Bonjour Tristesse sitzt Jean Seberg, die den Tod der Frau verursacht hat, die ihr Vater liebte, vor einem Spiegel und schaut ausdruckslos auf ihr Bild; sie sieht nichts, sie fühlt nichts. Am Ende von À bout de souffle steht sie neben ihrem sterbenden Geliebten, dem Gangster, den sie an die Polizei verraten hat; sie schaut in den Himmel; sie sieht nichts, sie fühlt nichts. Was das Sexuelle anbelangt, so ist sie eine Hure, aber was die Emotionen betrifft, ist sie eine Jungfrau. Irgend etwas fehlt: das Bewußtsein, eine Seele? Wie die von Anna Karina porträtierte Frau in Le petit soldat (1963) und Bande à part (1964) reizt sie den Helden mit ihrer anscheinenden Ganzheit; sie tut dies ganz naiv und führt ihn in den Untergang. Ihre Seele ist eine tabula rasa mit einer glatten Oberfläche. Nichts bleibt an ihr haften. Sie ist nicht einmal böswillig. Ihre Grausamkeit liegt in ihrer Indifferenz‹ (Molly Haskell).« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 99f.). – Nun, nach dem vor kurzem Durchlebten und nur geradeso Überlebten konnte Hans Köberlin auch dem in gewissem Maße zustimmen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Donnerstag, 12. November 2015
Empirie, 2. Update
¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
* (= die momentane Fußnote 312 auf S. 65) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
- Stand des Manuskripts: S. 866 von ca. 1.800 Seiten
- Stand der Überarbeitung:
- Seiten: S. 766 von ca. 1.800 Seiten
- Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
- Tag der Überarbeitung: Dienstag, der 18. Februar 2014, der 140. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Fußnoten Stand des Manuskripts: 2427
- Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 2094
- Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
- Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
- Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
- Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen
* (= die momentane Fußnote 312 auf S. 65) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
Spiritualität vs. Esprit
An diesen Meistern und Kennern des Unsichtbaren erstaunt mich vor allem, daß sie, greifen sie zur Feder, um uns ihre Geheimisse mitzuteilen oder zu vermitteln, allesamt schlecht schreiben. Ich will nicht so recht verstehen, daß ein Mensch den Teufel beherrschen kann, nicht aber die portugiesische Sprache. Warum sollte der Umgang mit dem Dämon leichter sein als der Umgang mit der Grammatik? Wer durch eine lange Schulung seiner Aufmerksamkeit und seiner Willenskraft, wie er sagt, Astralvisionen haben kann, wie kann ein solcher Mensch nicht mit wesentlich weniger Aufwand syntaktische Visionen haben? Was an Dogma und Ritual der hohen Magie hindert jemanden zu schreiben, ich sage nicht einmal klar zu schreiben, da Unklarheit vielleicht zum Gesetz des Okkulten gehört, doch zumindest elegant und fließend, was im Bereich des Abstrusen durchaus möglich ist. Warum die gesamte seelische Energie auf das Studium der Sprache der Götter verschwenden und nicht ein Quentchen aufsparen, mit dem man Farbe und Rhythmus der menschlichen Sprache studieren kann?
Ich mißtraue den Meistern, die sich nicht einmal auf die einfachsten Dinge verstehen. Sie sind für mich wie jene befremdlichen Dichter, die außerstande sind, wie jedermann zu schreiben. Ich gestehe ihnen ihre Befremdlichkeit zu; doch wäre es mir lieb, sie könnten mir beweisen, daß sie befremdlich sind, weil den normalen Menschen überlegen und nicht etwa unterlegen sind.
Es heißt, schon so mancher große Mathematiker habe sich beim Zusammenzählen geirrt; doch hier geht es nicht um Irrtum, sondern um Unkenntnis. Hält ein großer Mathematiker zwei und zwei für fünf, ist das ein Zeichen von Zerstreutheit, wie wir sie alle kennen. Was aber Zusammenzählen ist, oder wie man zusammenzählt, muß er wissen. Und das genau ist bei den Meistern des Okkulten in übergroßer Mehrzahl der Fall.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 258).
Ich mißtraue den Meistern, die sich nicht einmal auf die einfachsten Dinge verstehen. Sie sind für mich wie jene befremdlichen Dichter, die außerstande sind, wie jedermann zu schreiben. Ich gestehe ihnen ihre Befremdlichkeit zu; doch wäre es mir lieb, sie könnten mir beweisen, daß sie befremdlich sind, weil den normalen Menschen überlegen und nicht etwa unterlegen sind.
Es heißt, schon so mancher große Mathematiker habe sich beim Zusammenzählen geirrt; doch hier geht es nicht um Irrtum, sondern um Unkenntnis. Hält ein großer Mathematiker zwei und zwei für fünf, ist das ein Zeichen von Zerstreutheit, wie wir sie alle kennen. Was aber Zusammenzählen ist, oder wie man zusammenzählt, muß er wissen. Und das genau ist bei den Meistern des Okkulten in übergroßer Mehrzahl der Fall.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 258).
Dienstag, der 12. November 2013
[42 / 282]
»Ich war im Traum auf einem riesigen Kreuzfahrtschiff, war aber irgendwie bei der Mannschaft in den unteren Chargen untergebracht, ich vermutete das, weil ständig per Lautsprecher Anweisungen des Kapitäns kamen und es ein ständiges Gehetze war. Wir waren noch nicht auf dem Meer sondern noch auf Flüssen und Kanälen auf dem Weg dorthin, auf Wasserwegen, die manchmal ziemlich eng wurden. Als an einer Schleuse ein Frachtschiff vorbeikam, desertierte einer der Matrosen: er sprang über Bord und schwamm dorthin, ein Trottel war er, weil nun kam er vom Regen in die noch schlimmere Traufe, denn auf den Frachtschiffen fehlten immer die Leute und man wurde noch mehr gehetzt. Das Kreuzfahrtschiff mußte des öfteren durch Tunnels fahren. In denen waren oben wie eine Galerie Geleise an den Wänden angebracht, auf denen wie in einer Geisterbahn kleine Loren fuhren, von denen aus man das Schiff von oben betrachten konnte, während man es umkreiste, man mußte dabei bloß aufpassen, daß man im Rauch der Schornsteine nicht erstickte. Ich fuhr mit der Frau in einer solchen Lore, es war schön und ein wenig gefährlich aufregend, wie das Fahren in der Domstadt mit der Seilbahn in der winzigen gläsernen Kabine hoch über dem Rhein. Als das Schiff wieder aus dem Tunnel herausfuhr, stand ich oben am Rand der Tunnelausfahrt und wartete darauf, wieder aufspringen zu können, wobei ich aufpassen mußte, nicht in das Wasser zu fallen, das einige hundert Meter unter mir war. Der gigantische Rumpf zog hautnah an mir vorbei und ich spürte förmlich den Stahl. Dann war ich mit der Frau in dem Aussichtsturm des Schiffes. Wegen der frühen Morgenstunden war außer uns noch niemand da. Es war schön dort, mit gigantischen Panoramafenstern, und wir bewunderten die Landschaft, denn wir waren immer noch nicht auf dem offenen Meer.
Mit diesem Eintrag in sein Arbeitsjournal begann Hans Köberlin den Dienstag, den 12. November 2013.* Der verlief in seinem Verlauf weiter wie gehabt, wobei Hans Köberlin seinen am Vortag aufgestellten hiesigen Weitschwimmrekord gleich wieder einstellen konnte – seine absoluten Weitschwimmrekorde im Meer hatte Hans Köberlin vor Jahren in der Cala de Déià auf der Insel des zweiten Gesichts und in Polignano a mare aufgestellt –, noch ein paar Tage stetiger Steigerung, und er würde es bis an die Mauer der Mole, also bis auf die andere Seite der Hafenein- und -ausfahrt, schaffen.** Es gab auch an diesem Tag keine Begegnungen mit Turbanträgern, dafür eine mit einem alten Angelsachsen (Hans Köberlin hatte ihn bereits desöfteren gesehen), der mit einem realen Golfschläger und imaginären Golfbällen Abschläge gen Meer, das sich aber darum nicht kümmerte, übte. Das Ende von Antonionis Blow Up (1966) fiel Hans Köberlin dabei ein, David Hammings wäre, wenn er noch lebte, jetzt in seinem Alter …
* Zum Geburtstag des Regisseurs Jacques Tourneur im Jahre 1904 gab es ein Filmstill mit Jane Greer und Robert Mitchum aus dem film noir Out of the Past (1947). Außerdem hatte Hans Köberlin das Kalenderblatt des Jahres 1996 aufgehoben, das die Regisseurin Véra Belmont bei den Dreharbeiten von Milena (1991) zeigte. Er hatte dieses Blatt wohl nur wegen des enigmatischen Gesichts der Regisseurin aufgehoben, denn er kannte weder sie noch den erwähnten Film noch einen anderen Film von ihr, und er wußte auch nicht, daß die reale Frau hinter der Filmfigur Milena eine Bekannte von Kafka gewesen war. Was Hans Köberlin außerdem nicht auffiel, weil er es nicht wissen konnte, das war, daß das Bild von Véra Belmont hier nichts zu suchen hatte, denn sie war am 17. und nicht am 12. November 1931 geboren worden.
** Er sollte in dieser Schwimmsaison nicht mehr bis an die andere Seite der Hafenein- und -ausfahrt kommen, und in der nächsten Saison, als er wieder dermaßen trainiert war, daß er es hätte schaffen können, war in der Hafenein- und -ausfahrt so viel Schiffsverkehr, daß es deswegen unmöglich war. Zu Hans Köberlin tatsächlichem und bis heute unüberbotenem Weitschwimmrekord siehe unten.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Mittwoch, 11. November 2015
Montag, der 11. November 2013
[41 / 283]
Und noch so ein schöner Satz von Benjamin …: »Der Sammler träumt sich nicht nur in eine ferne oder vergangene Welt sondern zugleich in eine bessere, in der zwar die Menschen ebensowenig mit dem versehen sind, was sie brauchen, wie in der alltäglichen, aber die Dinge von der Fron frei sind, nützlich zu sein.« (was ja die Menschen auch brauchen!) … und …: »Wohnen heißt Spuren hinterlassen.« und aus dieser Tatsache leitete Benjamin über Poe die Genese der Detektivgeschichte mit dem bürgerlichen Privatmann als Verbrecher ab. An anderer Stelle schrieb er dagegen (Hans Köberlin hatte es in einem Fragment des dritten Berichts gelesen und wir haben es bereits in einer Fußnote erwähnt): »Nachtrag zu Brechts Untersuchungen über das Wohnen und die Vorstellungen im allgemeinen: Wohnen im Hotel. – Vorstellung, das Leben sei ein Roman.« – War früher Hans Köberlin ein eher seßhafter Sammler (von Büchern und Tonträgern) gewesen (eine Zeitlang sogar einmal Hausbesitzer – mit Grausen dachte er daran zurück, da hatte er zwar keine Spuren am Haus, aber das Haus Wunden bei ihm hinterlassen), so hatte ihn das Leben dazu gebracht, der zuletzt genannten Vorstellung nachzueifern …: leicht werden, möglichst ohne materielle Habe, das, von dem man sich auf keinen Fall trennen konnte, vielleicht ein paar Bücherkisten und einige besonders schöne sogenannte Box Sets von Miles Davis, John Coltrane, Sun Ra, Henry Cow, Art Bears, Naked City und Can,* sowie die saisonal gerade nicht benötigte Kleidung würde man bei einem Freund – aktuell, wie bereits erwähnt: dem Verleger – lagern, und mit einem robusten Laptop und nur einem Koffer mit Kleidung irgendwo leben, wo man ohne großen Aufwand wieder aufbrechen könnte. Literatur, Filme und Musik hätte man soweit wie möglich digitalisiert, wo das nicht gegangen sei, da würde man in die öffentlichen Bücherhallen gehen. – Und unabhängig vom Grad des Nomadisierens hatte für Hans Köberlin die Vorstellung, das Leben sei ein Roman, schon immer etwas Tröstendes gehabt.**
* Im Januar sollte noch ein sogenanntes Box Set mit dem kompletten Œuvre von Cassiber und im April das dritte Box Set aus der Serie mit Bootlegs von Konzerten Miles Davis’ hinzukommen. Es fiel Hans Köberlin manchmal nicht leicht, leicht zu sein.
** Etwas Tröstendes hatte sie auch für den Hilfsbuchhalter Bernardo Soares gehabt, denn der hatte in seinem Livro do Desassossego geschrieben, alles, was einem widerfahre, als Geschehen oder Episoden eines Romans zu betrachten, den man nicht mit den Augen, sondern mit dem Leben lese, allein mit dieser Haltung könne man die Tücke der Tage und die Launen der Ereignisse bezwingen (vgl. Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 244).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Dienstag, 10. November 2015
Sonntag, der 10. November 2013
[40 / 284]
Am Sonntag, dem 10. November 2013* schwamm Hans Köberlin hinter der Mole bei spiegelglattem Meer so weit hinaus wie noch nie, und er hatte fast die Hafeneinfahrt erreicht. Den körperertüchtigungsschreitenden Turbanträger hatte er auch an diesem Morgen nicht wieder angetroffen.
* Der Filmkalender präsentierte anläßlich des Geburtstags von Roy Scheider (*1932) ein Still aus der Verfilmung von William S. Burroughs’ Naked Lunch (1991), aber keines, das ihn, Scheider, zeigte, sondern den Robocop Peter Weller. In diesem Fall hätte Hans Köberlin ein Still mit Scheider als Chief Brody aus Spielbergs Jaws (1975) signifikanter gefunden. »You’re gonna need a bigger boat.« Aber an diesen Film wollte er aus nachvollziehbaren Gründen (er hatte das Poster »Peces del mar Mediterráneo« eines früher häufig konsultierten Fischladens in der Hauptstadt und den darauf unter den ganzen Eßfischen, die er sich hier im ›Consum‹ oder im ›Mercadona‹ kaufte, auch abgebildeten Carcharodon carcharias vor Augen) nicht zu intensiv denken. – Am Dienstag, dem 25. August 2015, sollte er in der Hauptstadt mit der Frau im Kino eine Revision von Jaws vornehmen. Dabei kam er zu der Auffassung, daß es Spielberg – so wenig er ihn sonst mochte – mit dem Film gelungen war, innerhalb des Genres, in dem es zuvor mehr oder weniger bloß Trash gegeben hatte, ein klassisches Werk zu schaffen. Und während sie nach dem Kinobesuch mit der Stadtbahn zu der Wohnung der Frau fuhren, da fielen Hans ›Nein,-ich-bin-kein-Strukturalist!‹ Köberlin lauter Bezüge ein, in deren Mitte sich wie eine Spinne in ihrem Netz Jaws befand: »Die ersten Konstellationen dieser Art – Mensch versus Tier oder Monster – gab es bereits in der Antike: Theseus und Herakles und ihre Kämpfe (der Minotauros, der Kerberos), dann die ganzen Drachentöter im Mittelalter … Variationen: Mensch versus Alien (Alien, 1979) und Mensch versus Mensch (homo homini lupus … Cape Fear, 1962 und 1991), Hitchcocks Birds (1963) fiel allerdings heraus, weil da die dem Genre notwendige rationale Erklärung – und sei es die Perfektion der Tötungskompetenz – verweigert wurde … aber Moby Dick, die Analogie Ahab – Quint lag auf der Hand … Hemingways The Old Man and the Sea … King Kong und Godzilla müßten verortet werden … dann Katastrophenfilme als andere Variation, das Motiv der Schicksalsgemeinschaft, der Naturbegriff …«
Die weiteren Geburtstage dieses Tages waren Richard Burton (*1925), Ennio Morricone (*1928) – Hans Köberlin mochte dessen Musik (The Ballad of Hank McCain aus Gli intoccabili und Le clan des Siciliens hatten wir ja bereits erwähnt), vor allem wenn sie von John Zorn interpretiert wurde, und mit Chi Mai hatte Hans Köberlin einmal eine Frau rumbekommen –: »Mille grazie, Ennio!« – und François Périer (*1919), weshalb das Vorjahresblatt Stéphane Audran in Chabrols Juste avant la nuit (1971) zeigte, wie sie ihrem Mann das Laudanum verabreichte.
Weil dies der vorerst letzte Film von Chabrol war, der aus Hans Köberlins Filmkalenderblattsammelkiste anstand, wollen wir hier zu seinem größten Flopp Seeßlen zitieren: »Mit Quiet Days in Clichy (1990) trug auch Claude Chabrol etwas zu dem Spät-Boom des Genres (Softporno) bei (das man unter dem Motto zusammenfassen könnte: Ältere Herren drehen Filme über die Sehnsucht nach jungen Frauen und inszenieren vor allem ihre Ängste). Die Henry Miller-Variation, die Dietrich Kuhlbrodt den ›allerpeinlichsten Film von Chabrol‹ nannte, zeigt in einer Rückschau des greisen Schriftstellers Szenen aus dem Paris der 30er Jahre und reiht einige seiner erotischen Abenteuer aneinander. Der Schriftsteller Joey (Andrew McCarthy), der eigentlich nach Paris kam, um einen Roman zu schreiben, wird von seinem Verleger (Mario Adorf) in Bars und Bordelle geschleppt und fühlt sich dabei immer wohler. Der Film beginnt mit einem Todesbild; der greise Schriftsteller Joey sieht aus dem Fenster: dunkel gekleidete Gestalten sind da zu sehen, Todesvögel, ein junges nacktes Mädchen führt ihn dann zu einer langen Erinnerung an sein Leben in den dreißiger Jahren. Ein Abschiedstraum. Decken wir den Mantel des Mitleids über ihn.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 145). Auch Hans Köberlin fand, daß der Film ein großes Ärgernis war, aber für ihn war mit einem Plakat geworben worden, das den Anbeter weiblicher unrasierter und rasierter Achselhöhlen (eine Leidenschaft, die er mit Raymond Queneau – man erinnere sich an dessen Schilderung in On est toujours trop bon avec les femmes, wie der arschigste der Oster-aufständler, Larry O’Rourke, die an einen Stuhl gefesselte und während einer Schießerei mit den Angelsachsen umgekippte Gertie Girdle aufhob: er faßte sie unter die Arme und stellte das ganze wieder auf seine sechs Beine, und einen Augenblick ließ er seine Hände unter ihren Achselhöhlen, die warm und feucht waren, um anschließend mit ihnen, mit den Händen, als ob nichts wäre unter der Nase vorbeizufahren und blaß zu werden (vgl. Raymond Queneau, Man ist immer zu gut zu den Frauen, Frankfurt am Main 1985, S. 54f.), – und mit Arno Schmidt – »Haarsträußchen id Achselhöhlen vorm Schoß« beschrieb er Ann’Ev’ (Arno Schmidt, Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 18) – teilte; und er nötigte die Frau, wann immer er konnte, kein Deodorant zu verwenden: »Don Giovanni singt, er rieche Frauenfleisch, nicht Deodorant!«) faszinierte: man sah den nackten Oberkörper von Barbara de Rossi von der Seite, den rechten Arm hielt sie hochgestreckt, in der Linken ein ausgeklapptes Rasiermesser und in der rechten rasierten Achselhöhle befanden sich noch Reste von Rasierschaum …
Das dritte zu diesem Tag vorhandene Kalenderblatt zeigte schließlich ein Still aus dem von Hans Köberlin nicht gekannten Film Lamerica (Gianni Amelio, 1994).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Montag, 9. November 2015
Samstag, der 9. November 2013
[39 / 285]
Zuerst las er in Hebbels Tagebüchern über mehrere Seiten, wie der im November 1861 um ein verstorbenes Haustier, ein zahmes Eichhörnchen, trauerte. Als Jahre zuvor sein von ihm, Hebbel, schnöde im Stich gelassenes uneheliches Kind gestorben, hatte er wesentlich gelassener mit ein paar falschen Pathosformeln und Allgemeinplätzen reagiert. Der eitle Paranoiker, der allen ans Bein gepißt, weil er, von sich auf andere schließend, gedacht, alle wollten ihm ans Bein pissen, schrieb am 6. November 1861: »Du (das Eichhörnchen) warst mir Ersatz für die Verräther, die mich auf so niederträchtige Weise verließen.« Blumenberg hatte irgendwo darüber – nicht über das Eichhörnchen, sondern über Hebbels Charakter – geschrieben, Hans Köberlin wollte in den Blumenbergbänden seiner Basisbibliothek nachlesen, fand aber die betreffende Passage nicht.*
Dann las er bei Luhmann eine interessante Passage (Bielefelder unter sich) …
Nur für das alle Kommunikation einschließende Gesellschaftssystem wird dieses Problem des mitproduzierten Schweigens akut. Jedes andere soziale System, das in der Gesellschaft sich bildet, kann davon ausgehen, daß auch in der Umwelt noch Kommunikation stattfindet. Was nicht im System gesagt wird, kann immer noch von anderen Systemen aus anderen Anlässen mit anderen Worten, Begriffen, Metaphern kommuniziert werden. Nicht so für die Gesellschaft. Deren Umwelt schweigt. Und selbst diese Charakterisierung als »Schweigen« ist noch eine der Kommunikation und noch eine mit Bezug auf Kommunikation; denn in Wirklichkeit ist »Schweigen« ja keine Operation, die außerhalb der Gesellschaft faktisch vollzogen wird, sondern nur ein Gegenbild, das die Gesellschaft in ihre Umwelt projiziert, oder auch der Spiegel, in dem die Gesellschaft zu sehen bekommt, daß nicht gesagt wird, was nicht gesagt wird.So könnte ein Systemtheoretiker also das Nichts beschreiben … (hat er etwas geschrieben in der Art wie etwa ›Etwas und Nichts‹?) und weiter schrieb Luhmann, in diesem Sinne gehöre das Thema ›Reden und Schweigen‹ in die Gesellschaftstheorie, und Wittgensteinkommentare, die sich damit befaßten, befaßten sich mit Gesellschaftstheorie. – Auch Wittgenstein hatte – aus einer Laune heraus und quasi auf den letzten Drücker – den Weg in Hans Köberlins Basisbibliothek gefunden, mit dem Tractatus, den philosophischen Untersuchungen und einer Sonderausgabe der ersten fünf Bände der wiener Ausgabe. Die schlug jetzt Hans Köberlin willkürlich auf und las …
Das Unsinnige ist schon, daß man so oft denkt als wäre eine große Zahl dem Unendlichen doch näher als eine kleine.Zwischen den Seiten 86 und 87 seiner Ausgabe fand Hans Köberlin ein Lesezeichen, die Banderole der CD-Hülle von John Zorns Filmworks Vol. II. Hans Köberlin las die beiden Seiten, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wann oder warum er die Banderole dort hinterlassen hatte. Er überlas die Doppelseite nochmals und fand aktuell bemerkenswert: »Der endlose Weg hat nämlich nicht ein ›unendlich fernes‹ Ende sondern kein Ende.« (mit Kommata war Wittgenstein anscheinend äußerst sparsam). Dieses hätte er, dachte Hans Köberlin sich, gut in Kapitel XXIII des dritten Berichts zitieren können, aber deswegen konnte das Lesezeichen dort nicht liegen, es war bestimmt länger als ein Jahr her, daß er den Band in der Hand gehabt.
Das Unendliche – wie gesagt – konkurriert mit dem Endlichen nicht. Es ist das, was wesentlich kein Endliches ausschließt.
In diesem Satz haben wir das Wort »kein« und das darf wieder nicht als Ausdruck einer unendlichen Conjunktion verstanden werden, sondern »wesentlich kein« gehört zusammen. Es ist kein Wunder daß ich die Unendlichkeit immer wieder nur durch sich selbst erklären kann d. h. nicht erklären kann.**
* Noch ein schlimmes Beispiel vom 6. Mai 1835: »Das Mädchen hängt unendlich an mir; wenn meine künftige Frau die Hälfte für mich empfindet, so bin ich zufrieden.« Den folgenden Eintrag aus dem Dezember 1836 führen wir hier an um zu zeigen, daß es doch auch einiges Bemerkenswerte in seinen Tagebüchern zu finden gibt: »Es ist die größte Dummheit der Maus, daß sie, einmal in der Falle gefangen, nicht wenigstens noch den Speck, der sie hinein gelockt hat, verzehrt.« Oder aus dem gleichen Jahr seine Version von Ps 23: »Das aus dem Wagen eines Schlachters gehobene schlafende Kalb.« Oder das Übel aller versierten Schreiber: »Ich kann Alles, nur das nicht, was ich muß.« Und schließlich am 14. März 1837: »Ich sehne mich nach einer Mondschein-Nacht in Rom.« Am Samstag, dem 21. August 1920 zitierte Friedrich Glauser im Irrenhaus in seinem Liso von Ruckteschell dedizierten Tagebuch einen Eintrag Hebbels vom 15. Dezember 1836 (vgl. Friedrich Glauser, Das erzählerische Werk, hrsg. von Bernhard Echte und Manfred Papst, Zürich 2000, Bd. 1: 1915-1929: Mattos Puppentheater, S. 38): »In die Hölle des Lebens kommt nur der hohe Adel der Menschheit. Die anderen stehen davor und wärmen sich.« (ebd., S. 364), und er fragt ebendort vier Tage später sein »kleines Lison«: »Wie gefällt der Hebbel-Poseur?«, um dann darauf zu kommen: »in der Hölle finde ich Erlösung. Das ist Trost.« Man hatte bei ihm »Dementia praecox und konstitutionelle Psychopathie« diagnostiziert, was ihn aber, als ihm ein verständiger Arzt erzählt hatte, diese Diagnose habe man auch Hölderlin gestellt, nicht weiter erschütterte, und er empfahl, den griechisch-idealistischen Hölderlin (Der blinde Sänger) mit dem wahnsinnigen, »zu uns passenden« Hölderlin (Chiron) zu vergleichen (ebd., S. 365f.). Und Hans Köberlin nahm sich vor, dies bei nächster Gelegenheit zu tun.
** Ludwig Wittgenstein, Philosophische Bemerkungen; in: Wiener Ausgabe. Studien Texte, Band 1 – 5, hrsg. von Michael Nedo, Frankfurt am Main o. J., S. 145; zum tautologischen (nicht) Erklären vgl. ebd., S. 94: »An der Endlosigkeit ist eben nur die Endlosigkeit unendlich.« – In Friedrich Glausers Erzählung Der Heide (a. a. O., S. 57) meinte der Protagonist Jérôme Benoît: »Die Dummheit der Menschen ist unergründlich und für uns der einzige Maßstab der Unendlichkeit.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Sonntag, 8. November 2015
Über die Quantität der Ewigkeit
… Als wäre zwischen dem Ausbrüten der Idee in meiner Birne und ihrer vernünftigen Formulierung eine Ewigkeit vergangen. Eine kleine Ewigkeit, was noch schlimmer ist. Denn wenn es eine große Ewigkeit oder eine bloße Ewigkeit gewesen wäre, wäre es mir nicht aufgefallen, kannst du mir folgen? So aber fiel es mir allerdings auf, und das verstärkte meine Angst.
(Roberto Bolaño, Kriminalbeamte; in: Telephongespräche, Frankfurt am Main 2. Aufl. 2010; die Ewigkeit ist allerdings eine quantitätslose Qualität und höchstens die totale Quantität).
(Roberto Bolaño, Kriminalbeamte; in: Telephongespräche, Frankfurt am Main 2. Aufl. 2010; die Ewigkeit ist allerdings eine quantitätslose Qualität und höchstens die totale Quantität).
Freitag, der 8. November 2013
[38 / 286]
Am Freitag, dem 8. November 2013,* verlief Hans Köberlins morgendliches vorfrühstückliches Dauerlaufen und Schwimmen bis über die gelbe Boje hinaus wie gestern und vorvorgestern und wie an dem Morgen davor, also müssen wir dazu nichts sagen … vielleicht höchstens: Hans Köberlin glaubte zu spüren, daß die Wassertemperatur etwas abnahm.
* Die ersten sechs Künste emergierten aus den Notwendigkeiten der Konstitution und des diachronen Überlebens der Gemeinschaft beziehungsweise aus repetitiv-synchronen Ritualen – »die Lehre von dem die Nahrung herabrufenden Gesang«, wie es bei Kafka geheißen hatte –, das Kino aber kam erst, als alle übrigen Künste bereits etabliert waren, es kam vom Rummelplatz und seine Technik von der Artillerie, es machte daraus l’art de la rie. Godard definierte in seinen Histoire(s) du cinéma (1988 – 1998) diesen Punkt, an dem das Kino als Kunst anfing …Geträumt hatte Hans Köberlin …
sois sûr d´avoir épuiséDeleuze traf den Nagel auf den Kopf, wenn er schrieb, es treffe sicher zu, daß sich der schlechte – und manchmal auch der gute – Film entweder mit einem Traumzustand begnüge, der beim Zuschauer hervorgerufen würde, oder auch, wie oft analysiert, mit einer imaginären Partizipation, aber das Wesen des Kinos, das nicht die Allgemeinheit der Filme sei, habe als oberstes Ziel das Denken und nichts anderes als das Denken und seine Funktionsweise.
tout ce qui se communique
par l´immobilité et le silence
Godard machte seine Filme stets vor dem Hintergrund des Kinos, das heißt der Filmindustrie. Er machte all seine Filme mit all den Problemen, die ein marginales Publikum in der Branche, die die Massen bedienen will, mit sich brachten, er verzichtete bewußt auf Reservate und Nischen.** Und in der Tatsache, daß Godard seine Kunst im Betrieb machte und dabei dessen Regeln zwar in Frage stellte, ihn, den Betrieb, die Industrie, selber aber nicht in Frage stellte, lag eine Hoffnung auf eine Art der Existenz, die unwahrscheinlich geworden aber vielleicht doch noch möglich war. Für das Kino also, für die Filmindustrie, stellte die Institution Godard – wie außer ihm vielleicht nur noch die Institution Orson Welles, allerdings mit weniger Glück – den Ausnahmezustand dar, die inkludierte Exklusion, man könnte ihn, Godard, also als den Souverän des Kinos bezeichnen. Denn bloß weitere aristotelische Geschichten zu machen, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende, was seit geraumer Zeit nur noch folgenlose Einschlüsse in der Wirklichkeit ergab, war zulässig nur noch für Ertrinkende, denn das Ende konnte nur noch der Tod sein. Denn die Kunst hatte die Geschichten erfunden und die Theologie die Geschichte. Aber die Geschichten, auch wenn sie ästhetisch nicht mehr funktionierten, verschwanden ja nicht, und wie in dem eben gemeinten Sinn beim Kino, so könnte man Godard auch als den Souverän der Geschichten bezeichnen. Es gab also etwas wie Godards audiovisuelle Etymologie, es gab so etwas wie godardsche Knoten … und es gab eine Entwicklung in ihrem Gebrauch, deutlich etwa in der Hinwendung von den Geschichten zu der Geschichte, die nicht mehr im üblichen Sinne erzählt wurde: als er noch eine Geschichte hatte, torpedierte er sie mit Geschichten; seit er an die Geschichte ging, erzählte er Geschichten … Und brauchte man ehemals ein Mädchen und eine Handfeuerwaffe, um einen Film zu machen, so brauchte Godard dazu Bild und Ton (ohne natürlich dabei auf die Mädchen und – gelegentlich – auf die Handfeuerwaffen zu verzichten).
Godard hatte zu Nouvelle vague, dessen Dialoge sämtlich aus Zitaten bestanden, gesagt, jemand habe jemand anderen wiedererkannt, und beide hätten sie die Schwierigkeit in Kauf genommen, den anderen so wiederzuerkennen, wie es ihm passe, so sei es auf der Leinwand, man solle das ruhig einem Untersuchungsrichter – sei er Stalinist oder Amerikaner – zeigen und er werde sagen, genau das sei auf der Leinwand, alles andere sei im Kopf. – Und was war in Hans Köberlins Kopf? – Nun: eine egoistische Frau las einen gebrochenen Mann auf, es passierte das Wunder der Liebe, aber das konnte so noch nicht funktionieren (nicht zuletzt nicht wegen Rogers Kommunikationsinkompetenz …: die Frauen liebten die Liebe, die Männer die Einsamkeit, hieß es in dem Film mehrmals …), da half auch kein feiner Zwirn, und so ließ sie ihn, den Nichtschwimmer, ertrinken.*** Doch der Mann kam zurück, kam gewandelt zurück, nicht mehr als Roger, sondern als Richard, und zwar dermaßen gewandelt, daß er sich in einer ihm feindlich gesinnten Umwelt behaupten konnte, und – und das vor allem! – er konnte den Egoismus der Frau überwinden. Am Ende fuhr man, alles hinter sich lassend, gemeinsam davon. Und Hans Köberlin sagte sich, daß das quasi ja auch sein Projekt hier sei: unterzugehen um als ein anderer, der sich dann, nach der Zeit hier, in einer feindlichen ökonomischen Umwelt behaupten konnte, zurückzukehren, und er mußte an jenes Gedicht von Paul Éluard – der sich in diesem Zitatenfilm auch unter den Zitierten befand: »Mourir de ne pas mourir …« – denken …
Inconnue, elle était ma forme préférée,Nouvelle vague war ein Film über die Liebe, über das Glück, etwas geben zu können, was man nicht hatte,**** ein Film, dessen Grundstimmung die Melancholie war, wie sie noch nie zuvor und nicht wieder danach auf der Leinwand inszeniert worden war, Melancholie inszeniert durch die Bilder, vermittelt durch die Musik und vermittelt durch Blicke, durch die Blicke aller Frauen, aber beim männlichen Personal nur vermittelt durch die Blicke Alain Delons als Roger Lennox und durch die Blicke des Gärtners.
Celle qui m´enlevait le souci d´être un homme,
Et je la vois et je la perds et je subis
Ma douleur, comme un peu de soleil dans l´eau froide.
Zu Beginn des Films sagte eine Stimme aus dem Off (die aus Jacques Audibertis Roman Monorail las beziehungsweise in dessen Roman die Erzählinstanz war?), sie habe gewollt, daß daraus eine Geschichte werde, und wolle es immer noch, von außen solle nichts eindringen, das seine Erinnerung angreifen könne. Manchmal höre er die Erde leise stöhnen; ihre Oberfläche werde zerfurcht, ihm genüge der Schatten der Pappel, die er einsam und in ihrer Trauer aufrecht hinter sich wüßte. – Aber nicht nur diese außerdiegetische (?) Instanz sprach von Erinnerung, auch Roger (nicht aber Richard, glaubte Hans Köberlin sich zu erinnern) Lennox sprach von Erinnerungen, nämlich es reiche nicht, Erinnerungen zu haben, man müsse auch wissen, wie man sie vergessen könne, wenn sie überhand nähmen (»Wem sagt er das!« dachte Hans Köberlin), und die Geduld aufbringen, ihre Rückkehr abzuwarten, denn Erinnerungen seien nicht nur das, erst wenn sie in einem zu Fleisch und Blut, Blicken und Gesten würden, erst wenn sie ihren Namen abstreiften und sich von einem nicht mehr unterscheiden ließen … erst dann könne aus ihnen in einem glücklichen Moment … Und gegenüber Elena zitierte Roger Jean Paul, »Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können«, um dann nach einem Einwand von ihr das Gegenteilige, dem sich auch Hans Köberlin anschließen würde, zu sagen: die Erinnerung sei die einzige Hölle, wo der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt, in die man auch ohne jede Schuld verstoßen werde. Es wurde aber kein Objekt dieser Erinnerungen thematisiert, woraus Hans Köberlin schloß, daß es jene Erinnerungen waren, welche erklärten, wie man geworden was man war. Und da stimmte er auch Kaja Silverman zu, wenn sie im Gespräch mit Harun Farocki meinte: »Indem es Elena und Lennox gelingt, ihre Alltäglichkeit abzustreifen, überwinden sie nicht das Irdische, sondern fangen überhaupt erst an, ihm gerecht zu werden.«
Es ging auch um arm und reich, und als das Hausmädchen Cécile fragte, was denn an den Reichen anders sei, bekam sie ebenso treffend wie tautologisch zur Antwort, die Reichen hätten mehr Geld. Das Thema des Films (Liebe und Erinnerung) wurde allerdings nicht auf allen Ebenen – also auch auf der der Domestiken – thematisiert, und drangsaliert wurde das Personal bloß von Seinesgleichen. Das Ambiente der Geschichte war aber in der Hinsicht Thema, daß die Liebe unter außeralltäglichen Konditionen verhandelt wurde (mit dem Abstreifen der Alltäglichkeit lag dann Kaja Silverman dann wohl doch nicht so richtig – oder kam es auf den gewohnten Alltag des Rezipienten – »men of poor beginnings« – an?).
Aber das, diese Bemerkungen hier, das war alles nur Kleinkram, Nouvelle vague war einer der wenigen Filme schlechthin, die achte Kunst, die zu sich selber gekommen war.
Ende der emporgekommenen Fußnote.
* Das Filmstill auf dem Kalenderblatt zeigte, wie bereits gesagt, eine Szene aus einem weiteren Film von Chabrol. Man sah erneut Stéphane Audran (die an diesem Tag vor 81 Jahren geboren worden war) und Michel Piccoli mit einem übel zugerichteten Mann, den Hans Köberlin nicht kannte, weil er auch diesen Chabrolfilm noch nicht kannte, in Les noces rouges (1973), und wie bereits angedeutet, auf dem Vorjahresblatt nochmals La femme infidèle (1968).
An diesem Tag, dem 8. November also, vor 78 Jahren war auch Alain Delon geboren worden. Er tauchte weiter oben, ganz jung da noch, bereits als Rocco auf, er hatte vor allem mit Jean-Pierre Melvilles Le Samouraï (1967), mit Henri Verneuils Le clan des Siciliens (1969) und natürlich mit Godards Nouvelle vague (1990) Einzug in Hans Köberlins private Filmgeschichte genommen. Für Nouvelle vague gehen wir einmal den umgekehrten Weg und verweisen mittels eines ›*‹ von der Fußnote in den Textkörper. Also: ↑
Und das Kalenderblatt von 1996 zeigte Marlene Dietrich und Gary Cooper in Desire (Frank Borzage, 1935/36). Auch hier liegt uns natürlich daran, Georg Seeßlens meist hellsichtige Beobachtungen mitzuteilen: »Diese Diskrepanz (sie ist weit weniger verrucht als sie sich gibt) ist es, die Marlene Dietrichs erotische Ansprache bestimmt: Die Provokation, die von ihr ausgeht, ruft den Wunsch hervor, hinter der Maske der Verruchtheit die Frau zu entdecken. Dieser Wunsch ist die Bewegung ihrer Filme (und, nebenbei, die Entwicklung ihrer Karriere als Schauspielerin). Je mehr sie verliebt ist, je mehr sich also ihr Eros konkretisiert, desto mehr fällt von ihr die Überdramatisierung des Weiblichen in ihren Auftritten ab. Sie ist, zumindest in den Filmen der dreißiger Jahre, anfangs nicht viel mehr als ein menschliches Kunstwerk, verblüffende, hypertrophe und doch bereits schon ein wenig ironische Haartrachten, Kostüme und Kleider lassen sie ›unberührbar‹ schön erscheinen. Ihr dunkler Gesang ist eine Verführung, sich auf ein Spiel einzulassen, genausoviel steckt aber auch eine Drohung in ihm; die Dummen lassen sich von ihr auf eine falsche Fährte locken und geben sich mit den erotischen Bildern zufrieden, die sie inszeniert. Den wenigen anderen offenbart sie sich als Mensch.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 46).
** Dauernd werde, so Godard, vom Publikum geredet, er kenne es nicht, er sehe es nicht, er wisse nicht, wer das sei. Angefangen, ans Publikum zu denken, habe er wegen der großen Mißerfolge, wegen der enormen Mißerfolge zum Beispiel bei Les Carabiniers, den sich in fünfzehn Tagen nur achtzehn Leute angeschaut hätten. Da habe er sich dann gefragt, wer zum Teufel diese achtzehn Leute gewesen seien, diese achtzehn Leute, die gekommen wären, sich den Film anzuschauen, die hätte er gerne gesehen, er hätte gern ihr Bild gesehen. Das sei das erstemal gewesen, daß er wirklich ans Publikum gedacht habe, da habe er ans Publikum denken können. Er glaube nicht, daß Spielberg ans Publikum denken könne, wie könne man an zwölf Millionen Zuschauer denken? Sein Produzent könne an zwölf Millionen Dollar denken, aber an zwölf Millionen Zuschauer zu denken, das sei einfach unmöglich (vgl. Jean-Luc Godard, Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos, Frankfurt am Main 1984, S. 81f.).
*** Hans Köberlin wußte nicht, was er von der im Film geäußerten Aussage, eine Frau könne einem Mann nicht sehr schaden, er trage seine ganze Tragödie in sich selber, halten sollte. Seine erste Reaktion, bedenkend, was ihm widerfahren, war zu sagen, das stimme nicht. Dann: »Wäre ich ein Mann gewesen und hätte mich wie ein solcher verhalten …« –: aber das stimmte auch nicht. Dann kam er auf eine adäquate Modifizierung dieser Aussage: »Eine Frau kann einem Mann nicht sehr schaden, er trägt seine ganze Tragödie in sich selber, sie kann aber sehr wohl einem Liebenden sehr schaden (nämlich durch Verrat), denn ein Liebender trägt keine Tragödien in sich selber.« Das klang ganz gut, Hans Köberlin war aber nicht vollkommen überzeugt …
**** Hans Köberlin glaubte irgendwo bei Žižek gelesen zu haben, dies sei ein Satz von Lacan, er selber mußte dabei an einen modifizierten Shakespeare denken, The Tragedy of Romeo and Juliet: »The more I give, the more I have.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Labels:
¡Hans Koberlin vive!,
Ästhetik,
Film,
Raum,
Zeit,
Zitat (intern)
Samstag, 7. November 2015
Einer von jenen Sätzen, die man immer einmal wieder gebrauchen kann
Ja, komm, wir gehen am Abrund entlang, da ist es kühler.
(Arkadi & Boris Strugatzki, Das Expriment; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 662).
(Arkadi & Boris Strugatzki, Das Expriment; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 662).
Donnerstag, der 7. November 2013
[37 / 287]
Von der Erzählung Kiplings, die er inzwischen zuende gelesen, hatte sich Hans Köberlin mehr versprochen, nicht bloß in Hinsicht auf das üble Schicksal Peachey Taliaferro Carnehans, aber vielleicht lag das auch an der erwähnten schlechten Übersetzung, die er häufiger konsultieren mußte, weil, wie bereits gesagt: er war kein polyglotter Mensch. Die Parallelen zu Conrad waren, wir deuteten es an, eine explizite Erzählposition, die sich selber in der Zeit bewegte (die Geschichte war also keine bloße Analepse) und als Plot das Projekt: in einem Areal, in dem tribale Anarchie herrschte, eine zentrale Macht zu etablieren. Bei Conrads Jim sollte dies – Jim als Kultur- und Zivilisationsbringer – eine private Rehabilitierung sein, Kiplings Abenteurer wollten privat wiederholen, was das meeresbeherrschende Empire* – das seinen Imperialismus ja gleichfalls mit der Ideologie, Kultur- und Zivilisationsbringer zu sein, betrieb – ihnen vorgemacht hatte.**
»When everything was ship-shape, I’d hand over the crown – this crown I’m wearing now – to Queen Victoria on my knees, and she’d say: – ›Rise up, Sir Daniel Dravot.‹ Oh, its big!« – Jeder Dahergelaufene wollte sich einen Namen machen, und es war bezeichnend (und nicht mehr als berechtigt), daß den beiden imperialistischen Emporkömmlingen eine nichtdomestizierbare Frau zum Verhängnis wurde. War dieser Plot – der imperiale Emporkömmling, der an der wilden Frau zugrunde ging – nicht auch der Plot von Conrads Almayer’s Folly: A story of an Eastern River. Hans Köberlins Gedächtnis … er müßte die Zeit haben, dem nachzugehen … Ein dicker Sammelband mit Romanen und Erzählungen Conrads war auf den letzten Drücker aus Hans Köberlins Basisbibliothek verbannt worden, weil Conrad fast komplett im weltweiten Netz verfügbar war, das hieß: wenn man einen nichtlimitierten Zugang zum weltweiten Netz hatte …
* »The seas’ ruler (…) That on his empire, Stephen said, the sun never sets.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 28). Queen Mum und ihre Sitten … Gin … Gin Tonic … der Sommer … die Insel des zweiten Ge-sichts … die Frau fehlte ihm so …
** Borges spottete über das Meer als die – auch literarische (siehe Horatio Hornblower) – Manie der Angeln und Sachsen und meinte im Hinblick auf seine Landsleute, das Meer sei ihre (der Angeln und Sachsen) Pampa (vgl. Jorge Luis Borges, Diskussionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 2: Kabbala und Tango, Frankfurt am Main 1993, S. 129. Und Hans Köberlins Pampa müßte, ging er nach Canettis »Massensymbolen«, der Wald sein (vgl. Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt am Main 1980, S. 190). Den Angeln und Saxen ordnete Canetti wie Borges das Meer zu (vgl. ebd., S. 187), das ja eigentlich auch zu Hans Köberlin gehörte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Freitag, 6. November 2015
Fragmente zu Kapitel XIII [Ein Herbsttag in der Hauptstadt]
(…)
Die Einübung in den Herbst war für Clemens der schwierigste Übergang im Ablauf der Jahreszeiten.
Während des Studiums in der (eh fast ganzjährig grauen) Hansestadt hatte es eine – für grippale Infekte gleichfalls sehr anfällige – Übergangszeit gegeben, als der Sommer bereits endgültig vorbei war (andere Kriterien, denn damals gab es für Clemens keine Gelegenheiten zum Schwimmen in Seen und Flüssen), das Semester aber noch nicht angefangen hatte. Betrat man dann wieder den Elfenbeinturm, dann wußte man, es war Herbst; man sah es nicht zuletzt daran, wie die Kommilitoninnen, die man nur spärlich mit durchsichtigen Fetzchen angetan in die vorlesungsfreie Zeit verabschiedet hatte, nun bekleidet waren.
… diese Geschichte von dem Zugvogel, der den Abflug verpaßt hatte. Zuerst hatte er den Herbst nicht ernst genommen, die Bewohner eines Altenheims versorgten ihn mit Krümeln und kleingeschnittenen Käserinden, aber dann, nach den ersten Frostnächten, da merkte er, daß er zusehen mußte, daß er hier wegkam. Und er flog schließlich alleine los. Über den Alpen verendete er elendiglich an Auszehrung und Kälte.
Eigentlich mochte Clemens den Herbst, beziehungsweise: er mochte eine bestimmte Art von Herbst, zum Beispiel einen Novembertag am baltischen Meer. Dann wurde ihm plötzlich bewußt, daß er sich ja selber auch in seinem eigenen Herbst befand, nämlich dem Herbst seines Lebens. »Zeit, die Ernte einzufahren!« sagte er sich darauf forsch. Hatte er denn überhaupt, so fragte er sich nach einer Weile weniger forsch, in der Metapher bleibend, weiter, hatte er denn überhaupt ausgesät?
(…)
Wie alles, so war auch Clemens’ Herbst eine Konstruktion Clemens’, die eines Tages dastand, vor der (der Konstruktion) er den Herbst nicht als etwas wahrgenommen, denn für all die Rituale (die klimatischen, traditionellen und pragmatischen, als da wä-ren Stürme, Färbung und Abfallen des Laubes, die Kirmes, diverse Ernten, vor allem die Weinlese et cetera) war er vergleichsweise unempfänglich. Er mußte wie der erste Mensch in seinen ersten Herbst selbst hineintreten, beziehungsweise wie gesagt: er mußte sich seinen ersten Herbst erfinden. Clemens ›Urherbst‹, der mit seiner Stimmung alle folgenden Herbste imprägnierte, war – wer wird sich darüber wundern?! – jener melancholische Herbst nach seiner Initiation in der Kreisstadt durch jene blanche fille aux cheveux roux. Melancholisch war dieser Herbst, weil jene blanche fille aux cheveux roux begann, sich dem immer noch schwer verliebten und nun dazu noch sexuell unersättlich gewordenen Clemens zu entziehen. Es war, wie Clemens der Reifere später resümierte, eine Konstellation wie aus einem Roman von Balzac oder Flaubert gewesen: die (relativ) erfahrene Frau läßt sich mit einem noch halben Knaben ein und zeigt ihm die Künste der Liebe, aber der halbe Knabe ist halt noch ein halber Knabe, und wenn es dazu noch – was die Künste der Liebe betraf – eine auf den Geschmack gekommene Raupe Nimmersatt war … Noch später und reifer sagte sich Clemens, daß seine blanche fille aux cheveux roux ganz schön neurotisch gewesen war.
Marlow: »On all the round earth, which to some seems so big and that others affect to consider as rather smaller than a mustard-seed, he had no place where he could – what shall I say? – where he could withdraw. That’s it! Withdraw – be alone with his loneliness.«*
Wann immer Clemens scheinbar vernünftig wurde, machte er dem Tod ein Angebot, ihn leichter zu holen. Indem er die Grausamkeit der Realität scheinbar heroisch ertrug und dabei scheinbar über sich selbst herauswuchs, ließ er sich doch eigentlich von niemandem bemerkt und unsichtbar für seine Umwelt gehen, lockerte den Widerstand und gab sanft und in einer melancholischen Grundstimmung nach. Allein: der Tod kam nicht, Clemens spürte Schmerzen, von denen er annahm, daß sie von seinem Herzen oder seiner Leber (die Quittung!) kommen mußten, aber es geschah nichts. Seltsame Einübung ins Nichts, dachte er, anscheinend kann man sehr langsam und unauffällig sterben, so daß das Sterben vom Leben nicht mehr zu unterscheiden ist.
»Niemals schwerer von jemand zu scheiden als im Spätherbst, wo man beisammen bleiben will.«** – Hier hat der Autor anscheinend vergessen, daß er dieses Zitat bereits als Motto verwendet hat, oder er ist bewußt von seinem ungeschriebenen Gesetz, Motti niemals nochmals im Text zu zitieren, abgewichen.
* Joseph Conrad, Lord Jim, Chapter 15.
** Jean Paul, Ideen-Gewimmel. Texte und Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, hrsg. von Kurt Wölfel und Thomas Wirtz, Frankfurt am Main 1996, S. 218.
(aus Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 309ff.).
Mittwoch, der 6. November 2013
[36 / 288]
Zurück in seinem Domizil, dachte Hans Köberlin weiter über die Erzählung von Kafka nach und kam erneut auf die bereits erwähnte paradoxe Formulierung: »Wie sich mein Leben verändert hat und wie es sich doch nicht verändert hat im Grunde!«* Man mußte der Gleiche geblieben sein, um eine Veränderung an sich konstatieren zu können, denn wäre man vollkommen verändert, dann würde man diese Veränderung nicht bemerken, man betrachtete sich dann als gleich geblieben. Es waren nicht einfach Antinomien oder Positionen und deren Negationen, die in einer Aussage nebeneinander gestellt oder aufeinanderprallend vereint wurden, es kam noch etwas hinzu, eine Asymmetrie …
Hans Köberlin nahm sich den Kontext der infragestehenden Passage vor … nebenbei bemerkt: Benjamins Aura-Definition war eine Umkehrung der Beschreibung des Hundes: es war kein »Ferne, so nah sie sein mag«, sondern »solche Nähe, daß es schon Ferne war«. Bei Benjamin bestand die Asymmetrie darin, daß die Ferne eine räumliche war und die Nähe eine optische. Gab es bei Kafkas Formulierung auch eine derartige Asymmetrie der Antinomien, mittels derer man dann die Paradoxie auflösen könnte?
Hier also noch einmal der Kontext …
… man wollte sich ihnen [den sieben musizierenden Hunden] nähern, Grüße tauschen, sie waren auch ganz nah, Hunde, zwar viel älter als ich und nicht von meiner langhaarigen wolligen Art, aber doch auch nicht allzu fremd an Größe und Gestalt, recht vertraut vielmehr, viele von solcher oder ähnlicher Art kannte ich, aber während man noch in solchen Überlegungen befangen war, nahm allmählich die Musik überhand, faßte einen förmlich, zog einen hinweg von diesen wirklichen kleinen Hunden und, ganz wider Willen, sich sträubend mit allen Kräften, heulend, als würde einem Schmerz bereitet, durfte man sich mit nichts anderem beschäftigen, als mit der von allen Seiten, von der Höhe, von der Tiefe, von überall her kommenden, den Zuhörer in die Mitte nehmenden, überschüttenden, erdrückenden, über seiner Vernichtung noch in solcher Nähe, daß es schon Ferne war, kaum hörbar noch Fanfaren blasenden Musik.** Und wieder wurde man entlassen, weil man schon zu erschöpft, zu vernichtet, zu schwach war, um noch zu hören, man wurde entlassen und sah die sieben kleinen Hunde ihre Prozessionen führen, ihre Sprünge tun, man wollte sie, so ablehnend sie aussahen, anrufen, um Belehrung bitten, sie fragen, was sie denn hier machten – ich war ein Kind und glaubte immer und jeden fragen zu dürfen –, aber kaum setzte ich an, kaum fühlte ich die gute, vertraute, hündische Verbindung mit den sieben, war wieder ihre Musik da, machte mich besinnungslos, drehte mich im Kreis herum, als sei ich selbst einer der Musikanten, während ich doch nur ihr Opfer war, warf mich hierhin und dorthin, so sehr ich auch um Gnade bat, und rettete mich schließlich vor ihrer eigenen Gewalt, indem sie mich in ein Gewirr von Hölzern drückte, das in jener Gegend ringsum sich erhob, ohne daß ich es bisher bemerkt hatte, mich jetzt fest umfing, den Kopf mir niederduckte und mir, mochte dort im Freien die Musik noch donnern, die Möglichkeit gab, ein wenig zu verschnaufen.Adorno hatte (was aber Hans Köberlin nicht wußte) am 17. Dezember 1934 in einem Brief an Benjamin geschrieben, »wohl das wichtigste Stück zur Konstellation Geste – Tier – Musik (ist) die Darstellung der stumm musizierenden Hundegruppe aus den Aufzeichnungen eines Hundes, die ich nicht zögern möchte dem Sancho Pansa an die Seite zu stellen.« – Die Paradoxie der Hunde als Art war, wie gesagt, die von Einheit / Zerstreutsein, die Paradoxie des forschenden Hundes war Gleichheit / Andersheit, hier, bei der überwältigenden Musikrezeption war die Paradoxie Nähe / Ferne. War hier die Asymmetrie – analog der bei Benjamin –: akustisch nahe und räumlich fern, nämlich die Musikquelle vom Rezipienten? Aber der Hund war den Musikanten nahe und die Musik zog ihn von ihnen weg … Es gab aber auch eine Paradoxie bei der Musikproduktion (eine Paradoxie, die übrigens bei beiden Musikerlebnissen des Hundes auftrat): zum einen hieß es, die sieben Hunde seien die Musikquelle, dann man sei von der Musik umrundet, man konnte sich das wohl so vorstellen, wie bei dem Dolby-surround-Effekt im Kino oder an Hans Köberlins früherem Schreibtisch, um den herum er sich auch eine Dolby-surround-Anlage installiert hatte. – Und diesen Dolby-Surround-Effekt löste man im Falle des Hundes als Rezipient selber aus, wenn man sich den Musikern nähern wollte … delirierende Räume …***
Hans Köberlin kam einfach nicht weiter, er hatte das Empfinden, kurz vor einen plausiblen Lesart der betreffenden Passage zu stehen und damit seiner Freundin aus der Stadt der Liebe eine Antwort vorschlagen zu können, aber der Text entzog sich ihm immer wieder, es ging ihm wie dem Hund …**** und vielleicht war das ja die Intention der Erzählung, nämlich auszulösen, was in ihr beschrieben wurde …
* Vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 72f.: »Was er sah war noch das Gleiche (…) aber vieles des Gleichen war anders, das Gleiche war anders geworden, es mußte ja anders geworden sein, sonst hätte Clemens es vielleicht garnicht als das Gleiche erkannt, denn er, Clemens, war ja auch anders geworden …«
** Der Hund beschrieb hier eine zentripedale Wirkung der Musik. – Nebenbei bemerkt: Alberto Savinio zog in seiner Nuova Enciclopedia den Mythos, nach dem Theben durch die Musik Amphions erbaut worden war, mit der Behauptung in Zweifel, Musik habe mehr zentrifugale denn zentripedale Wirkung, und er, Savinio, würde eher verstehen, wenn die Stadt beim Klang der Lyra eingestürzt wäre und ihre Steine verstreut worden wären, eben durch die Bewegung auf das unbekannte Schicksal zu, das die Töne hätten (vgl. Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Schmerzkult, S. 340).
*** Vgl. frappierend ähnlich, wie wir finden, vom Verf. (also von uns) … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 26: »Ihm (Clemens Limbularius) drängte sich, wenn er sich dieser Musik aussetzte, immer das Bild eines Raumes mit viel mehr als den drei üblichen Dimensionen auf (Miles Davis hatte die Rhythmusgruppen in der sogenannten elektrischen Phase ja auch mehrfach besetzt), eines Raumes, den die Musiker unablässig erschufen und in den Miles Davis dann seine Akzente mit der Trompete setzte, Punkte oder Linien oder Vektoren oder … (…). Es gab kein Hören, bei dem man nicht neue filigrane Nuancen in diesen Klangräumen (…) hörte, ein ständiges Flirren und Schwirren und dabei gleichzeitig wie ein fester Block da seiend, eine dichte Klangstruktur mit geradezu beängstigender Gewalt, wie Davis’ Biograph Ian Carr es beschrieben hatte.« – Und abschließend noch etwas von Lichtenberg: »Das Ohr ist darin auch sehr von dem Auge unterschieden, daß es mehr Eindrücke von innen empfängt. Es klingt sehr oft, ja bei Ohnmachten wo die Augen dunkel werden klingen die Ohren
Caligare ocolos, sonere aureisLucret. Liber III. v. 157. Vielleicht rührt auch daher die Macht der Musik, des Donners und des Ge-schützes.« (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd. 2, S. 247f.).
succidere artus
**** Oder wie dem Mathematiker mit seinen unlösbaren Problemen in Cervantes’ Coloquio de los perros: »Lo mismo me acaece con la cuadratura del círculo: que he llegado tan al remate de hallarla, que no sé ni puedo pensar cómo no la tengo ya en la faldriquera; y así, es mi pena semejable a las de Tántalo, que está cerca del fruto y muere de hambre, y propincuo al agua y perece de sed. Por momentos pienso dar en la coyuntura de la verdad, y por minutos me hallo tan lejos della, que vuelvo a subir el monte que acabé de bajar, con el canto de mi trabajo a cuestas, como otro nuevo Sísifo.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Donnerstag, 5. November 2015
Mein Erstaunen über Edmond de Goncourts Erstaunen über Flauberts Erstaunen über Edmond de Goncourts Erstaunen
Je tombe sur Flaubert, au moment où il part pour Rouen: il a sous le bras, fermé à triple serrure, un portefeuille de ministre, dans lequel est enfermée sa TENTATION DE SAINT ANTOINE. En fiacre, il me parle de son livre; de toutes les épreuves qu'il fait subir au solitaire de la Thébaïde, et dont il sort victorieux. Puis, au moment de la séparation, à la rue d'Amsterdam, il me confie que la défaite finale du saint est due à la cellule, la cellule scientifique. Le curieux, c'est qu'il semble s'étonner de mon étonnement.
(aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 18. Oktober 1871).
(aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 18. Oktober 1871).
Dienstag, der 5. November 2013
[35 / 289]
An diesem Morgen, dem Morgen des Dienstags, des 5. November 2013,* war das Meer sogar hinter der Mole derart stürmisch und die Wellen waren derart heftig, daß kein Reinkommen in das Wasser möglich war. Die sonstige Stille des Meeres an diesem Strand hatte also wohl weniger an der Hafenmauer als an der Windrichtung gelegen. Also lief Hans Köberlin einfach weiter, weiter über den Endpunkt seiner Route und zurück und schwamm diesmal auf seiner Seite des Peñón de Ifach, der wohl der große Wind- und Wetterteiler hier war, schwamm aber nicht gerade an der Stelle, wo er neulich beobachtet, wie die Guardia Civil die Leiche aus dem Meer geborgen hatte. Der Mann war übrigens, wie er aus einem der kostenlosen Anzeigenblättchen in seinem, Hans Köberlins, Idiom erfahren, nicht ertrunken, sondern mit einem Messerstich in den Rücken getötet und dann dem Meer überantwortet worden, das ihn aber anscheinend nicht hatte behalten wollen.
Nach dem Frühstück notierte sich Hans Köberlin etwas zu dem, auf das er in der Nacht gekommen war …: »Gestern in A Serious Man (2009) wurde immer von ›HaSchem‹ gesprochen, weil der Name Gottes nicht genannt werden durfte. So ähnlich war es auch bei den Hunden, die nach einer stillschweigenden Übereinkunft über die letzten Fragen – zum Beispiel: ›Woher nimmt die Erde unsere Nahrung?‹ – schwiegen, und der Protago-nist exponierte sich dadurch, daß er dieses Gebot brach und fragte. – Man mußte wohl Fragen fragen, auf die es keine Antworten geben konnte, damit mit man überhaupt zu den beantwortbaren Fragen kam. Also keine Physik ohne Metaphysik, weil man a priori nicht wissen konnte, ob das noch die Metaphysik oder bereits die Physik betraf?«
* Zwei Kalenderblätter: Sam Shepard (geboren heute im Jahre 1943) in Wenders’ nur mäßigem Don’t Come Knocking und Madeleine Robinson (geboren heute im Jahre 1916) zeigte in Jean Delannoys Le garçon sauvage (1951) ihre schönen Beine.
Wir wollen diesmal gleichfalls hier unten, wo wir schon einmal hier unten sind, Hans Köberlins Traumerinnerung, so wie er sie in seinem Arbeitsjournal festgehalten, wiedergeben: »Im Traum fuhr ich ein Auto (es war ein Kleinwagen) eine sehr steile und enge Straße hinab (wie es sie auf der Insel des zweiten Gesichts gab), die sich aber im Innern eines Hochhauses befand, das die geisteswissenschaftlichen Fakultäten einer Universität beherbergte. Zuvor hatte ich dort an einem Seminar über Raymond Queneau teilgenommen, in dem eine unscheinbare Frau ein ziemlich lausiges Referat gehalten hatte. Eine halbvolle Flasche Rotwein fiel irgendwodurch nach unten. Der Busenfreund war dabei, aber als er sah, wie ich mit dem Auto in die erste Kurve ging und dabei etwas vom Gebäude abriß, zog er es vor, die Treppe zu benutzen. Ich schaffte es irgendwie, mit dem Auto heil unten anzukommen (mit vielzuviel Gas und kreischenden Bremsen) und wir trafen uns dort wieder und ich fand auch die halbvolle Flasche Rotwein unbeschädigt wieder, zwischen den Büchern einer Seminarbibliothek liegend. Dann wollte ich zu einer Beerdigung, wußte aber den Namen des Verstorbenen nicht und hatte Angst, zu spät zu kommen. Ich probierte mehrere Namen – unter anderem auch Patrick Dignam – in einer speziell dafür eingerichteten Suchmaschine im weltweiten Netz aus, hatte aber keinen Erfolg. Neben mir saß jemand, den ich näher kannte (?), an seinem Notebook, er hatte einen Namen eingegeben, den ich auch ausprobieren wollte, er meinte aber bloß, das könne ich mir schenken, den Namen habe er frei erfunden.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Abonnieren
Posts (Atom)
















