Samstag, 7. November 2015

Donnerstag, der 7. November 2013


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Von der Erzählung Kiplings, die er inzwischen zuende gelesen, hatte sich Hans Köberlin mehr versprochen, nicht bloß in Hinsicht auf das üble Schicksal Peachey Taliaferro Carnehans, aber vielleicht lag das auch an der erwähnten schlechten Übersetzung, die er häufiger konsultieren mußte, weil, wie bereits gesagt: er war kein polyglotter Mensch. Die Parallelen zu Conrad waren, wir deuteten es an, eine explizite Erzählposition, die sich selber in der Zeit bewegte (die Geschichte war also keine bloße Analepse) und als Plot das Projekt: in einem Areal, in dem tribale Anarchie herrschte, eine zentrale Macht zu etablieren. Bei Conrads Jim sollte dies – Jim als Kultur- und Zivilisationsbringer – eine private Rehabilitierung sein, Kiplings Abenteurer wollten privat wiederholen, was das meeresbeherrschende Empire* – das seinen Imperialismus ja gleichfalls mit der Ideologie, Kultur- und Zivilisationsbringer zu sein, betrieb – ihnen vorgemacht hatte.**
»When everything was ship-shape, I’d hand over the crown – this crown I’m wearing now – to Queen Victoria on my knees, and she’d say: – ›Rise up, Sir Daniel Dravot.‹ Oh, its big!« – Jeder Dahergelaufene wollte sich einen Namen machen, und es war bezeichnend (und nicht mehr als berechtigt), daß den beiden imperialistischen Emporkömmlingen eine nichtdomestizierbare Frau zum Verhängnis wurde. War dieser Plot – der imperiale Emporkömmling, der an der wilden Frau zugrunde ging – nicht auch der Plot von Conrads Almayer’s Folly: A story of an Eastern River. Hans Köberlins Gedächtnis … er müßte die Zeit haben, dem nachzugehen … Ein dicker Sammelband mit Romanen und Erzählungen Conrads war auf den letzten Drücker aus Hans Köberlins Basisbibliothek verbannt worden, weil Conrad fast komplett im weltweiten Netz verfügbar war, das hieß: wenn man einen nichtlimitierten Zugang zum weltweiten Netz hatte …


* »The seas’ ruler (…) That on his empire, Stephen said, the sun never sets.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 28). Queen Mum und ihre Sitten … Gin … Gin Tonic … der Sommer … die Insel des zweiten Ge-sichts … die Frau fehlte ihm so …
** Borges spottete über das Meer als die – auch literarische (siehe Horatio Hornblower) – Manie der Angeln und Sachsen und meinte im Hinblick auf seine Landsleute, das Meer sei ihre (der Angeln und Sachsen) Pampa (vgl. Jorge Luis Borges, Diskussionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 2: Kabbala und Tango, Frankfurt am Main 1993, S. 129. Und Hans Köberlins Pampa müßte, ging er nach Canettis »Massensymbolen«, der Wald sein (vgl. Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt am Main 1980, S. 190). Den Angeln und Saxen ordnete Canetti wie Borges das Meer zu (vgl. ebd., S. 187), das ja eigentlich auch zu Hans Köberlin gehörte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).

Freitag, 6. November 2015

Fragmente zu Kapitel XIII [Ein Herbsttag in der Hauptstadt]




(…)

Die Einübung in den Herbst war für Clemens der schwierigste Übergang im Ablauf der Jahreszeiten.

Während des Studiums in der (eh fast ganzjährig grauen) Hansestadt hatte es eine – für grippale Infekte gleichfalls sehr anfällige – Übergangszeit gegeben, als der Sommer bereits endgültig vorbei war (andere Kriterien, denn damals gab es für Clemens keine Gelegenheiten zum Schwimmen in Seen und Flüssen), das Semester aber noch nicht angefangen hatte. Betrat man dann wieder den Elfenbeinturm, dann wußte man, es war Herbst; man sah es nicht zuletzt daran, wie die Kommilitoninnen, die man nur spärlich mit durchsichtigen Fetzchen angetan in die vorlesungsfreie Zeit verabschiedet hatte, nun bekleidet waren.

… diese Geschichte von dem Zugvogel, der den Abflug verpaßt hatte. Zuerst hatte er den Herbst nicht ernst genommen, die Bewohner eines Altenheims versorgten ihn mit Krümeln und kleingeschnittenen Käserinden, aber dann, nach den ersten Frostnächten, da merkte er, daß er zusehen mußte, daß er hier wegkam. Und er flog schließlich alleine los. Über den Alpen verendete er elendiglich an Auszehrung und Kälte.

Eigentlich mochte Clemens den Herbst, beziehungsweise: er mochte eine bestimmte Art von Herbst, zum Beispiel einen Novembertag am baltischen Meer. Dann wurde ihm plötzlich bewußt, daß er sich ja selber auch in seinem eigenen Herbst befand, nämlich dem Herbst seines Lebens. »Zeit, die Ernte einzufahren!« sagte er sich darauf forsch. Hatte er denn überhaupt, so fragte er sich nach einer Weile weniger forsch, in der Metapher bleibend, weiter, hatte er denn überhaupt ausgesät?

(…)

Wie alles, so war auch Clemens’ Herbst eine Konstruktion Clemens’, die eines Tages dastand, vor der (der Konstruktion) er den Herbst nicht als etwas wahrgenommen, denn für all die Rituale (die klimatischen, traditionellen und pragmatischen, als da wä-ren Stürme, Färbung und Abfallen des Laubes, die Kirmes, diverse Ernten, vor allem die Weinlese et cetera) war er vergleichsweise unempfänglich. Er mußte wie der erste Mensch in seinen ersten Herbst selbst hineintreten, beziehungsweise wie gesagt: er mußte sich seinen ersten Herbst erfinden. Clemens ›Urherbst‹, der mit seiner Stimmung alle folgenden Herbste imprägnierte, war – wer wird sich darüber wundern?! – jener melancholische Herbst nach seiner Initiation in der Kreisstadt durch jene blanche fille aux cheveux roux. Melancholisch war dieser Herbst, weil jene blanche fille aux cheveux roux begann, sich dem immer noch schwer verliebten und nun dazu noch sexuell unersättlich gewordenen Clemens zu entziehen. Es war, wie Clemens der Reifere später resümierte, eine Konstellation wie aus einem Roman von Balzac oder Flaubert gewesen: die (relativ) erfahrene Frau läßt sich mit einem noch halben Knaben ein und zeigt ihm die Künste der Liebe, aber der halbe Knabe ist halt noch ein halber Knabe, und wenn es dazu noch – was die Künste der Liebe betraf – eine auf den Geschmack gekommene Raupe Nimmersatt war … Noch später und reifer sagte sich Clemens, daß seine blanche fille aux cheveux roux ganz schön neurotisch gewesen war.

Marlow: »On all the round earth, which to some seems so big and that others affect to consider as rather smaller than a mustard-seed, he had no place where he could – what shall I say? – where he could withdraw. That’s it! Withdraw – be alone with his loneliness.«*

Wann immer Clemens scheinbar vernünftig wurde, machte er dem Tod ein Angebot, ihn leichter zu holen. Indem er die Grausamkeit der Realität scheinbar heroisch ertrug und dabei scheinbar über sich selbst herauswuchs, ließ er sich doch eigentlich von niemandem bemerkt und unsichtbar für seine Umwelt gehen, lockerte den Widerstand und gab sanft und in einer melancholischen Grundstimmung nach. Allein: der Tod kam nicht, Clemens spürte Schmerzen, von denen er annahm, daß sie von seinem Herzen oder seiner Leber (die Quittung!) kommen mußten, aber es geschah nichts. Seltsame Einübung ins Nichts, dachte er, anscheinend kann man sehr langsam und unauffällig sterben, so daß das Sterben vom Leben nicht mehr zu unterscheiden ist.

»Niemals schwerer von jemand zu scheiden als im Spätherbst, wo man beisammen bleiben will.«** – Hier hat der Autor anscheinend vergessen, daß er dieses Zitat bereits als Motto verwendet hat, oder er ist bewußt von seinem ungeschriebenen Gesetz, Motti niemals nochmals im Text zu zitieren, abgewichen.


* Joseph Conrad, Lord Jim, Chapter 15.
** Jean Paul, Ideen-Gewimmel. Texte und Aufzeichnungen aus dem Nachlaß, hrsg. von Kurt Wölfel und Thomas Wirtz, Frankfurt am Main 1996, S. 218.

(aus Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 309ff.).

Mittwoch, der 6. November 2013


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Zurück in seinem Domizil, dachte Hans Köberlin weiter über die Erzählung von Kafka nach und kam erneut auf die bereits erwähnte paradoxe Formulierung: »Wie sich mein Leben verändert hat und wie es sich doch nicht verändert hat im Grunde!«* Man mußte der Gleiche geblieben sein, um eine Veränderung an sich konstatieren zu können, denn wäre man vollkommen verändert, dann würde man diese Veränderung nicht bemerken, man betrachtete sich dann als gleich geblieben. Es waren nicht einfach Antinomien oder Positionen und deren Negationen, die in einer Aussage nebeneinander gestellt oder aufeinanderprallend vereint wurden, es kam noch etwas hinzu, eine Asymmetrie …
Hans Köberlin nahm sich den Kontext der infragestehenden Passage vor … nebenbei bemerkt: Benjamins Aura-Definition war eine Umkehrung der Beschreibung des Hundes: es war kein »Ferne, so nah sie sein mag«, sondern »solche Nähe, daß es schon Ferne war«. Bei Benjamin bestand die Asymmetrie darin, daß die Ferne eine räumliche war und die Nähe eine optische. Gab es bei Kafkas Formulierung auch eine derartige Asymmetrie der Antinomien, mittels derer man dann die Paradoxie auflösen könnte?
Hier also noch einmal der Kontext …
… man wollte sich ihnen [den sieben musizierenden Hunden] nähern, Grüße tauschen, sie waren auch ganz nah, Hunde, zwar viel älter als ich und nicht von meiner langhaarigen wolligen Art, aber doch auch nicht allzu fremd an Größe und Gestalt, recht vertraut vielmehr, viele von solcher oder ähnlicher Art kannte ich, aber während man noch in solchen Überlegungen befangen war, nahm allmählich die Musik überhand, faßte einen förmlich, zog einen hinweg von diesen wirklichen kleinen Hunden und, ganz wider Willen, sich sträubend mit allen Kräften, heulend, als würde einem Schmerz bereitet, durfte man sich mit nichts anderem beschäftigen, als mit der von allen Seiten, von der Höhe, von der Tiefe, von überall her kommenden, den Zuhörer in die Mitte nehmenden, überschüttenden, erdrückenden, über seiner Vernichtung noch in solcher Nähe, daß es schon Ferne war, kaum hörbar noch Fanfaren blasenden Musik.** Und wieder wurde man entlassen, weil man schon zu erschöpft, zu vernichtet, zu schwach war, um noch zu hören, man wurde entlassen und sah die sieben kleinen Hunde ihre Prozessionen führen, ihre Sprünge tun, man wollte sie, so ablehnend sie aussahen, anrufen, um Belehrung bitten, sie fragen, was sie denn hier machten – ich war ein Kind und glaubte immer und jeden fragen zu dürfen –, aber kaum setzte ich an, kaum fühlte ich die gute, vertraute, hündische Verbindung mit den sieben, war wieder ihre Musik da, machte mich besinnungslos, drehte mich im Kreis herum, als sei ich selbst einer der Musikanten, während ich doch nur ihr Opfer war, warf mich hierhin und dorthin, so sehr ich auch um Gnade bat, und rettete mich schließlich vor ihrer eigenen Gewalt, indem sie mich in ein Gewirr von Hölzern drückte, das in jener Gegend ringsum sich erhob, ohne daß ich es bisher bemerkt hatte, mich jetzt fest umfing, den Kopf mir niederduckte und mir, mochte dort im Freien die Musik noch donnern, die Möglichkeit gab, ein wenig zu verschnaufen.
Adorno hatte (was aber Hans Köberlin nicht wußte) am 17. Dezember 1934 in einem Brief an Benjamin geschrieben, »wohl das wichtigste Stück zur Konstellation Geste – Tier – Musik (ist) die Darstellung der stumm musizierenden Hundegruppe aus den Aufzeichnungen eines Hundes, die ich nicht zögern möchte dem Sancho Pansa an die Seite zu stellen.« – Die Paradoxie der Hunde als Art war, wie gesagt, die von Einheit / Zerstreutsein, die Paradoxie des forschenden Hundes war Gleichheit / Andersheit, hier, bei der überwältigenden Musikrezeption war die Paradoxie Nähe / Ferne. War hier die Asymmetrie – analog der bei Benjamin –: akustisch nahe und räumlich fern, nämlich die Musikquelle vom Rezipienten? Aber der Hund war den Musikanten nahe und die Musik zog ihn von ihnen weg … Es gab aber auch eine Paradoxie bei der Musikproduktion (eine Paradoxie, die übrigens bei beiden Musikerlebnissen des Hundes auftrat): zum einen hieß es, die sieben Hunde seien die Musikquelle, dann man sei von der Musik umrundet, man konnte sich das wohl so vorstellen, wie bei dem Dolby-surround-Effekt im Kino oder an Hans Köberlins früherem Schreibtisch, um den herum er sich auch eine Dolby-surround-Anlage installiert hatte. – Und diesen Dolby-Surround-Effekt löste man im Falle des Hundes als Rezipient selber aus, wenn man sich den Musikern nähern wollte … delirierende Räume …***
Hans Köberlin kam einfach nicht weiter, er hatte das Empfinden, kurz vor einen plausiblen Lesart der betreffenden Passage zu stehen und damit seiner Freundin aus der Stadt der Liebe eine Antwort vorschlagen zu können, aber der Text entzog sich ihm immer wieder, es ging ihm wie dem Hund …**** und vielleicht war das ja die Intention der Erzählung, nämlich auszulösen, was in ihr beschrieben wurde …


* Vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 72f.: »Was er sah war noch das Gleiche (…) aber vieles des Gleichen war anders, das Gleiche war anders geworden, es mußte ja anders geworden sein, sonst hätte Clemens es vielleicht garnicht als das Gleiche erkannt, denn er, Clemens, war ja auch anders geworden …«
** Der Hund beschrieb hier eine zentripedale Wirkung der Musik. – Nebenbei bemerkt: Alberto Savinio zog in seiner Nuova Enciclopedia den Mythos, nach dem Theben durch die Musik Amphions erbaut worden war, mit der Behauptung in Zweifel, Musik habe mehr zentrifugale denn zentripedale Wirkung, und er, Savinio, würde eher verstehen, wenn die Stadt beim Klang der Lyra eingestürzt wäre und ihre Steine verstreut worden wären, eben durch die Bewegung auf das unbekannte Schicksal zu, das die Töne hätten (vgl. Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Schmerzkult, S. 340).
*** Vgl. frappierend ähnlich, wie wir finden, vom Verf. (also von uns) … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 26: »Ihm (Clemens Limbularius) drängte sich, wenn er sich dieser Musik aussetzte, immer das Bild eines Raumes mit viel mehr als den drei üblichen Dimensionen auf (Miles Davis hatte die Rhythmusgruppen in der sogenannten elektrischen Phase ja auch mehrfach besetzt), eines Raumes, den die Musiker unablässig erschufen und in den Miles Davis dann seine Akzente mit der Trompete setzte, Punkte oder Linien oder Vektoren oder … (…). Es gab kein Hören, bei dem man nicht neue filigrane Nuancen in diesen Klangräumen (…) hörte, ein ständiges Flirren und Schwirren und dabei gleichzeitig wie ein fester Block da seiend, eine dichte Klangstruktur mit geradezu beängstigender Gewalt, wie Davis’ Biograph Ian Carr es beschrieben hatte.« – Und abschließend noch etwas von Lichtenberg: »Das Ohr ist darin auch sehr von dem Auge unterschieden, daß es mehr Eindrücke von innen empfängt. Es klingt sehr oft, ja bei Ohnmachten wo die Augen dunkel werden klingen die Ohren
Caligare ocolos, sonere aureis
succidere artus
Lucret. Liber III. v. 157. Vielleicht rührt auch daher die Macht der Musik, des Donners und des Ge-schützes.« (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd. 2, S. 247f.).
**** Oder wie dem Mathematiker mit seinen unlösbaren Problemen in Cervantes’ Coloquio de los perros: »Lo mismo me acaece con la cuadratura del círculo: que he llegado tan al remate de hallarla, que no sé ni puedo pensar cómo no la tengo ya en la faldriquera; y así, es mi pena semejable a las de Tántalo, que está cerca del fruto y muere de hambre, y propincuo al agua y perece de sed. Por momentos pienso dar en la coyuntura de la verdad, y por minutos me hallo tan lejos della, que vuelvo a subir el monte que acabé de bajar, con el canto de mi trabajo a cuestas, como otro nuevo Sísifo.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).

Donnerstag, 5. November 2015

Mein Erstaunen über Edmond de Goncourts Erstaunen über Flauberts Erstaunen über Edmond de Goncourts Erstaunen

Je tombe sur Flaubert, au moment où il part pour Rouen: il a sous le bras, fermé à triple serrure, un portefeuille de ministre, dans lequel est enfermée sa TENTATION DE SAINT ANTOINE. En fiacre, il me parle de son livre; de toutes les épreuves qu'il fait subir au solitaire de la Thébaïde, et dont il sort victorieux. Puis, au moment de la séparation, à la rue d'Amsterdam, il me confie que la défaite finale du saint est due à la cellule, la cellule scientifique. Le curieux, c'est qu'il semble s'étonner de mon étonnement.

(aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 18. Oktober 1871).

Dienstag, der 5. November 2013


[35 / 289]
An diesem Morgen, dem Morgen des Dienstags, des 5. November 2013,* war das Meer sogar hinter der Mole derart stürmisch und die Wellen waren derart heftig, daß kein Reinkommen in das Wasser möglich war. Die sonstige Stille des Meeres an diesem Strand hatte also wohl weniger an der Hafenmauer als an der Windrichtung gelegen. Also lief Hans Köberlin einfach weiter, weiter über den Endpunkt seiner Route und zurück und schwamm diesmal auf seiner Seite des Peñón de Ifach, der wohl der große Wind- und Wetterteiler hier war, schwamm aber nicht gerade an der Stelle, wo er neulich beobachtet, wie die Guardia Civil die Leiche aus dem Meer geborgen hatte. Der Mann war übrigens, wie er aus einem der kostenlosen Anzeigenblättchen in seinem, Hans Köberlins, Idiom erfahren, nicht ertrunken, sondern mit einem Messerstich in den Rücken getötet und dann dem Meer überantwortet worden, das ihn aber anscheinend nicht hatte behalten wollen.
Nach dem Frühstück notierte sich Hans Köberlin etwas zu dem, auf das er in der Nacht gekommen war …: »Gestern in A Serious Man (2009) wurde immer von ›HaSchem‹ gesprochen, weil der Name Gottes nicht genannt werden durfte. So ähnlich war es auch bei den Hunden, die nach einer stillschweigenden Übereinkunft über die letzten Fragen – zum Beispiel: ›Woher nimmt die Erde unsere Nahrung?‹ – schwiegen, und der Protago-nist exponierte sich dadurch, daß er dieses Gebot brach und fragte. – Man mußte wohl Fragen fragen, auf die es keine Antworten geben konnte, damit mit man überhaupt zu den beantwortbaren Fragen kam. Also keine Physik ohne Metaphysik, weil man a priori nicht wissen konnte, ob das noch die Metaphysik oder bereits die Physik betraf?«


* Zwei Kalenderblätter: Sam Shepard (geboren heute im Jahre 1943) in Wenders’ nur mäßigem Don’t Come Knocking und Madeleine Robinson (geboren heute im Jahre 1916) zeigte in Jean Delannoys Le garçon sauvage (1951) ihre schönen Beine.
Wir wollen diesmal gleichfalls hier unten, wo wir schon einmal hier unten sind, Hans Köberlins Traumerinnerung, so wie er sie in seinem Arbeitsjournal festgehalten, wiedergeben: »Im Traum fuhr ich ein Auto (es war ein Kleinwagen) eine sehr steile und enge Straße hinab (wie es sie auf der Insel des zweiten Gesichts gab), die sich aber im Innern eines Hochhauses befand, das die geisteswissenschaftlichen Fakultäten einer Universität beherbergte. Zuvor hatte ich dort an einem Seminar über Raymond Queneau teilgenommen, in dem eine unscheinbare Frau ein ziemlich lausiges Referat gehalten hatte. Eine halbvolle Flasche Rotwein fiel irgendwodurch nach unten. Der Busenfreund war dabei, aber als er sah, wie ich mit dem Auto in die erste Kurve ging und dabei etwas vom Gebäude abriß, zog er es vor, die Treppe zu benutzen. Ich schaffte es irgendwie, mit dem Auto heil unten anzukommen (mit vielzuviel Gas und kreischenden Bremsen) und wir trafen uns dort wieder und ich fand auch die halbvolle Flasche Rotwein unbeschädigt wieder, zwischen den Büchern einer Seminarbibliothek liegend. Dann wollte ich zu einer Beerdigung, wußte aber den Namen des Verstorbenen nicht und hatte Angst, zu spät zu kommen. Ich probierte mehrere Namen – unter anderem auch Patrick Dignam – in einer speziell dafür eingerichteten Suchmaschine im weltweiten Netz aus, hatte aber keinen Erfolg. Neben mir saß jemand, den ich näher kannte (?), an seinem Notebook, er hatte einen Namen eingegeben, den ich auch ausprobieren wollte, er meinte aber bloß, das könne ich mir schenken, den Namen habe er frei erfunden.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).

Mittwoch, 4. November 2015

Montag, der 4. November 2013


[34 / 290]
Später saß Hans Köberlin an seinem Schreibtisch, hörte Third von The Soft Machine (1970)* und versuchte einmal wieder, seine Zeit hier (sie dabei verdichtend) mittels einer Auflistung zu rekapitulieren …
»Heute …
  • vor einer Woche, am 28 Oktober 2013, habe ich über der Herausgabe des Berichts gesessen,
  • vor zwei Wochen, am 21. Oktober 2013, bin ich in dem Zentrum des Ortes gewesen,
  • vor drei Wochen, am 14. Oktober 2013, habe ich die Arbeit an dem Bericht aufgenommen,
  • vor vier Wochen, am 7. Oktober 2013, bin ich mit der Frau zum ersten Mal in dem Zentrum des Ortes gewesen … und
  • vor fünf Wochen, am 30. September 2013, habe ich, noch in der Hauptstadt, die letzten Vorbereitungen für meinen Exodus getroffen …**
… was hieß: übermorgen vor fünf Wochen bin ich aufgebrochen …«, und Hans Köberlin konnte nicht anders als in der abgedroschenen Phrase denken, daß ihm dies wie eine Ewigkeit von seinem here & now entfernt vorkam …


* Was eigentlich das vierte Album war, wenn man die Kompilation der noch nicht konzeptionellen Anfänge, noch mit Daevid Allen, aus dem Jahre 1967 … That’s How Much I need You Now, She’s Gone, I’d Rather Be with You et cetera … und natürlich: Memories …, die dann teilweise in die ersten beiden Konzeptalben 1968 und 1969 eingingen, mitzählte.
** Dieses Datum liegt vor dem Beginn unserer Langzeitdokumentation. Hans Köberlin hatte, so viel können wir dazu sagen, an diesem Tag wichtige Weichen für seinen Aufenthalt hier gestellt. Die Frau hatte in bei ihm in seinem Provisorium übernachtet und sie erwartete ihn nach seinen Erledigungen noch auf seiner schmalen Matratze liegend … Mehr können wir dazu nicht sagen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).

Dienstag, 3. November 2015

Sonntag, der 3. November 2013


[33 / 291]
»Ich hatte einen Traum in dem Ambiente eines französischen Kriminalfilms der späten sechziger oder der frühen siebziger Jahre, und Lino Ventura und Jean Gabin traten leibhaftig auf, dazu ein Schwarzer mit Bärenkräften. Es ging darum, freiwillig in den Tod, zu dem man von einem Gericht verurteilt worden war, zu gehen, entweder durch den Schierlingsbecher (der aus Plastik war und dessen Inhalt aussah wie billiger Rotwein) oder durch manuelles Erwürgen, wobei man mit dem Würger befreundet war, wodurch ein gewisses Verständnis zwischen Henker und Delinquent aufkam (›Mache es mir nicht zu schwer,‹ bat der Henker, woraufhin der Delinquent meinte, ›Tu mir nicht allzu weh.‹). Keiner hatte den dazu nötigen Heroismus, wenn überhaupt, dann wäre mir es am liebsten gewesen (was ich auch als Wunsch äußerte, der mir aber verwehrt wurde, denn es gab die Gesetze), man hätte mich erschossen. Ich hatte den Becher bereits in der Hand und sann darüber, wie ich mich vor dem ganzen Prozedere drücken könnte, weiß aber nicht mehr, ob ich das geschafft habe oder ob ich bloß einen Aufschub herausschinden konnte. Bin dann kurz vor neun Uhr wachgeworden, dann laufen und schwimmen. Allen Einflüsterungen, nochmals an den Bericht zu gehen, gebe ich nicht nach. Dusche jetzt nicht und gehe heute am Nachmittag nochmals schwimmen und werde anschließend in der ›Tango Bar‹ die Druckvorlage an den Verleger und die Druckerei schicken«, so konnte man es in seinem Arbeitsjournal lesen. Als er dann aber in der Druckvorlage von Telos nach einer Quellenangabe von uns suchte, um in einem anderen Kontext eines unserer Zitate zu verwenden, da stieß er prompt auf einen Tippfehler. Und als er dann noch Stichproben machte, indem er bei der Datei der Druckvorlage auf dem Monitor seines Laptops ein paarmal die Bildlauftaste nach oben und ein paarmal die Bildlauftaste nach unten betätigte, da stieß er jedesmal, wenn er die betreffende Seite las, auf weitere Tippfehler …
»Merde!«
Er konnte doch nicht, so sagte er sich, jetzt noch einmal Seite für Seite durchgehen, allein schon wegen Kapitel XX nicht … Er wollte diese Ausgeburt einer Katastrophe endlich loswerden und mußte irgendwie zu einem Abschluß der Arbeiten kommen …: er würde, so nahm er sich vor, das Dokument ganz oberflächlich nochmals beäugen und was ihm dabei prima facie auffiel, das wollte er korrigieren, dann würde er eine neue Druckvorlage erstellen und es endlich wegschicken.
Alles in allem zog sich diese Prozedur, die er nicht am Stück, sondern immer mal wieder zwischendurch absolvierte, nochmals über sechs Tage hin.
Wir vergaßen zu erwähnen, welche Passage aus dem dritten Bericht Hans Köberlin für die Rückseite des Einbands vorgesehen hatte …*
Aber an das Haus von außen konnte Clemens sich nicht erinnern, er hätte es nicht wiedererkannt, selbst wenn es noch genauso ausgesehen hätte wie vor den Jahrzehnten, die seit dem ins Land gegangen (auch hier gab es mittlerweile statt des schönen grauen und angemessenen und mit etlichen Jahrzehnten Patina versehenen Fünfziger- oder Sechzigerjahreputzes bonbonfarbene Anstriche … er wollte zwar nicht erwachsen werden, er wollte aber auch nicht infantilisieren). Er ging die Straße entlang, bis er zu der Ansicht kam, hier hätte es so ungefähr gewesen sein können, eines von diesen Häusern, von hier bis zu der Kreuzung da, fünf Etagen mußte das Haus, wie gesagt, haben, er zählte … Nein: so ein allgemeinmenschliches Ereignis, das früher hätte passieren müssen und das später irgendwann sowieso passiert wäre, konnte man nicht als Rubikon bezeichnen. Eine Aufzeichnung Canettis leicht modifizierend konnte man von Clemens sagen, jede Tendenz in seinem Leben habe ihre Zeit abgewartet, bis sie, zu einer Frau gesammelt, ihm entgegengetreten und zum Schicksal geworden war.**
Es hätte uns erstaunt, hätte Hans Köberlin eine andere Passage als jene, aus dem Kontext von Clemens Limbularius’ erstem vollzogenen Geschlechtsverkehr stammende, genommen. Dieser Kontext war für beide, den Autor und seinen Herausgeber und die Fragmente Kommentierenden, signifikant.
Haben wir übrigens bereits auf die merkwürdige Umkehrung – ein Autor wurde zum Herausgeber eines Berichts über seinen Herausgeber und zum Kommentierenden unserer (die wir ein wenig auch sein Autor und nicht nur der Autor des Clemens Limbularius waren) Fragmente – aufmerksam gemacht?


* Zur Erinnerung … HannaH & SesyluS …
Clemens’ Brillengläser wurden langsam wieder klar, und er erkannte die, die da saß … sie, nämlich HannaH, die auf Karls Ruf hin den Kopf zu dem Eintretenden wendete. Was schaute sie Clemens an? Erkannte sie ihn? Benannte sie ihn? Nur keine Metaphysik jetzt bitte!
… und … du rissest dich denn ein. …
… und auf der hinteren Seite des Einbands stand ein Zitat aus einem der Essays, das Clemens als passend für diese exponierte Stelle ausgesucht hatte, denn Pressestimmen zu den Texten gab es noch nicht, außerdem: was die Presse schreiben würde, das besagte wenig und war als Referenz in der Regel peinlich. Folgendes stand also auf der Rückseite des Buches: Sein will gelernt sein. Daß man ist, ist kein Beweis dafür, daß man ist. Man war zwar, aber es ist nicht sicher, ob man es war, der war. Dann passiert etwas, mit der Folge, daß man ist, man ist anders als man war – irgendwie kann man es anscheinend doch oder man redet es sich zumindest ein … Aber so einfach ist das nicht, denn da ist das ist als war vor dem ist als sein und man kriegt das nicht unter einen Hut. – Clemens fragte sich, warum er ausgerechnet diese, für Hans Köberlin eher untypische Passage ausgewählt hatte, er wußte es aber nicht mehr.
** Vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 98.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).

Montag, 2. November 2015

Samstag, der 2. November 2013


[32 / 292]
So ungefähr wie eben geschildert war also der erste Monat, den Hans Köberlin allein – was hier soviel heißen sollte wie: ohne die geliebte Frau – in seinem Exil an der weißen Küste verbracht hatte, verlaufen. Wie von seinem berühmten Namensvetter Castorp könnte man sagen, er »hatte den Tageslauf bereits am Schnürchen, wenn es auch viel zuviel gesagt wäre, daß er schon ›eingelebt‹, wie man es nennt, gewesen sei.«*
»Ein Monat ist nun vergangen«, sagte sich Hans Köberlin theatralisch, »seit ich in der Hauptstadt in dem Bezirk des Hauptmanns vor dem Haus der Frau in das vollbepackte Auto der Frau gestiegen bin. Bereits einen Monat hier oder erst einen Monat?«
»Natürlich bereits einen Monat hier!«**
Aber das stimmte ja nicht! Es war ein Monat seit seinem Aufbruch vergangen, hier war er seit dreißig Tagen, und allein– was hier soviel heißen sollte wie: ohne die geliebte Frau – war er erst seit vierundzwanzig Tagen.
Es war ein wenig wie in der Zeit während seines Studiums, bloß ohne die zerrüttende Brotarbeit an zwei Tagen in der Woche und während der gesamten Semesterferien, und ohne eine sich sorgende Mutter, die einem ständig auf dem Gewissen lag oder sonst einem Menschen … Es gab allein die Frau …
Er fand, er hatte sich hier gut in seinem Exil eingerichtet und hatte über weite Strecken geschafft, in den Tag zu leben, wie man so sagte, allerdings bewußt.*** Sicher, es galt noch Faulkners Donnerwort …
»The past is never dead. It’s not even past.«****
… doch während des Durchkauens in verschiedenen Modi relativierte sich viel von der durchlebten Katastrophe, es rückte auch in die Ferne (der Vergangenheit), wie er seine Gegenwart in die geographische Ferne gerückt hatte. Doch es passierte ihm immer wieder, daß er diese »Gegenwart mit Zukunft überlastete«***** Er fragte nicht, ob es weitergehen würde mit ihm oder nicht, das würde sich zeigen (und alles sprach dafür, daß es wohl weitergehen würde).
»Und die Frage ist nicht mehr, was uns bevorsteht, sondern wie beschrieben wird, was uns bevorsteht.«******
Und ob wir wohl diesmal mit unserer Beschreibung zu einem Ende kommen werden …?*******


* Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt am Main 1986, S. 147.
** Und um nochmals mit dem Zauberberg zu kommen, der Adresse, wenn es um Dauern ging: »Es war wohl beides der Fall: zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien ihm im Rückblick die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit war, so wollte es ihm scheinen – wobei vorausgesetzt wird, daß Zeit überhaupt Natur, und daß es statthaft ist, den Begriff der Wirklichkeit mit ihr in Verbindung zu bringen.« (ebd., S. 307f.).
*** Ähnlich erging es Peter Handke, als er aus der Stadt der Liebe in eine Vorstadt der Liebe gezogen war: »Ich wohne nun da, und das Wohnen war, wie es sich gehörte, geheimnisvoll. Und das würde für eine Zeit so bleiben. Was hieß ›für eine Zeit‹? Für eine Fortsetzung, für ein Weiterkommen, für ein Sichhalten. Wie begütigend und kräftigend waren diese Märchenlebensmomente. Ich erfuhr durch sie, was Freiheit war (…) Ich hatte Zeit. Los. Auf. Hinaus. Mach.« (Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 180).
**** William Faulkner, Requiem for a Nun (1951), Act I, Scene III. Oder Olga Bergholz’ Inschrift auf dem Monument des Piskarjowskoje-Gedenkfriedhofs für die Opfer der Blockade von Leningrad: »Никто не забыт, ничто не забыто.«
***** Vgl. Niklas Luhmann, Risiko auf alle Fälle. Schwierigkeiten beim Beschreiben der Zukunft; in: Short Cuts, hrsg. von Heidi Paris, Peter Gente und Martin Weinmann, Frankfurt am Main 4. Aufl. 2002, S. 96.
****** Ebd., S. 94.
******* »Iam provideo animo, velut qui proximis litori vadis inducti mare pedibus ingrediuntur, quidquid progredior, in vastiorem me altitudinem ac velut profundum invehi et crescere paene opus, quod prima quaeque perficiendo minui videbatur.« (Livius).
Wer diese Fußnote hier liest, die oder der wird wissen, ob wir diesmal mit der Beschreibung zu Ende gekommen sind oder sie oder er wird dies einfach empirisch nachprüfen können, indem sie oder er einfach weiterblättert.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Sonntag, 1. November 2015

Freitag, der 1. November 2013


[31 / 293]
Nachdem Hans Köberlin erst gegen zehn Uhr erwacht war – wie er später an der Zeit der Abspeicherung der letzten Modifikation von ›telos.pdf‹ sah, war er erst nach vier Uhr ins Bett gegangen* –, und nachdem er seinen Dauerlauf mit Schwimmen ob der fragmentarischen Vollendung oder der Vollendung des Fragments, wie er es, wie gesagt, später formulieren würde, fast euphorisch absolviert hatte, fühlte er sich befreit, zumindest irgendwie befreit. Gerne hätte jetzt er mit der Frau gefeiert – den Anbruch einer neuen Ära gefeiert, der Ära ›post Telos‹, wie er sich etwas pathetisch sagte –, aber die Frau war nördlich der Alpen in der Hauptstadt.
»Bin ja selber schuld!«
Und Hans Köberlin beschloß, sein Frühstück auf der anderen, der kleineren, damals bei der Ankunft zuerst entdeckten Dachterrasse einzunehmen, denn neue Perspektiven fingen, wie allgemein bekannt, oft ganz profan empirisch an. Dort, auf der anderen Dachterrasse, sollte er in der folgenden Zeit wenn das Wetter – was hier meist meinte: der Wind, denn es regnete selten – es zuließ immer sein, bis er am Montag, dem 10. Februar 2014 nach einer Zäsur auf die große Dachterrasse zurückkehrte – aber wir wollen nicht vorgreifen.


* »Saint-Pol-Roux befestigt, wenn er gegen Morgen sich zum Schlafe niederlegt, an seiner Tür ein Schild: Le poète travaille.« (Walter Benjamin, Der Sürrealismus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 2, S. 296f.).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Samstag, 31. Oktober 2015

Donnerstag, der 31. Oktober 2013


[30 / 294]
»Donnerstag, den 31. Oktober 2013,* träumte von Zügen und Bahnhöfen, auch von einem Auto, daß ich allerdings nicht benutzen konnte, weil ich keinen Führerschein besitze (kenne aber auch Träume, in denen ich dennoch mit dem Auto gefahren bin, oder eher: geflogen bin). Bei all den Verkehrsmitteln hatte ich nicht die geringste Möglichkeit, der Frau eine Nachricht zu senden, alles – die Nummer des Bahnsteigs, Abfahrtszeiten, Umsteigebahnhöfe, Ziele der Züge et cetera – war unsicher und ich hatte doch keine Zeit zu verlieren. Es war ein heißer Sommertag und der Traum war eindeutig in Farbe gewesen.«**


* Fellini war vor 20 Jahren gestorben, und ein altes Kalenderblatt aus Hans Köberlins Kiste zeigte ein Filmplakat von Roma (1972), und zwar jenes, auf dem das Ensemble dieses aberwitzigen Meisterwerks in der ewigen Stadt unter der säugenden Wölfin stand, dort wo sonst Romulus und Remus saßen und an den Zitzen des Muttertieres saugten (vgl. zu Clemens Limbularius’ Roma-Rezeption vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 275ff. und weiter unten im Text sowie zu einer interessanten Variante des Filmplakats die Fußnote dort). Außerdem hatte Barbara Bell Geddes Geburtstag (*1922), und man sah sie auf dem Filmkalenderblatt aus dem Jahre 1997, wie sie in Hitchcocks Vertigo (1958) mitleidend einen wegen Kim Novak vollkommen demoralisierten James Stewart in den Armen hielt. Barbara Bel Geddes trug eine Brille, was sie in diesem Film nur zu einem guten Kumpel des Mannes machte, im Gegensatz zu Kim Novak, einmal sophisticated und einmal als die Schlampe ohne BH, in der Scottie aber gleich das Potential für eine Sophistification erkannte, kein Wunder: war es doch dieselbe Frau. Im Akademikermilieu hatte Ingrid Bergman in Spellbound (1945) allerdings ohne Statusverlust eine Brille tragen dürfen.
** Jules de Goncourt berichtete am 15. Februar 1862 im Journal von einem Traum nach dem Genuß von Portwein, einem Traum von Blumen, von deren Farben er ein Gefühl hatte, sie aber nicht optisch wahrnahm, was ihn zu dem Schluß veranlaßte, die Farbe im Traum sei wie ein Spiegelbild in den Ideen und nicht eine Spiegelung im Auge (Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 215).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Freitag, 30. Oktober 2015

Mittwoch, der 30. Oktober 2013


[29 / 295]
Weiterhin saß Hans Köberlin über der Herausgabe und Kommentierung des Telosfragments: »Die Zwischenräume der Wörter zogen seltsame weiße Wege durch die Schwärze der Buchstaben …«*



* Friedrich Glauser, Der Kleine (II); in: Das erzählerische Werk, hrsg. von Bernhard Echte und Manfred Papst, Zürich 2000; Band 1: 1915-1929: Mattos Puppentheater, S. 116; »weiße Wege«, die wir hier zur Verdeutlichung mit einem Bleistift mit der Härtegradbezeichnung »HB« schwarz nachgezogen haben. Eine ganze Wissenschaft aus dem Bild einer Buchseite artikulierte der Bücherfetischist Augustín Delgado in Domínguez’ La casa de papel, nachdem er die Ansicht geäußert hatte, daß eine Buchseite eine großartige Zeichnung sei, ein Spiel aus Linien und kleinen immer wiederkehrenden Figuren, die ihren eigenen Gesetzen von Rhythmus und Komposition folgten, und er teilte die Ansicht, daß man an den Korridoren, den durch die Wortabstände entstehenden vertikalen und diagonalen Strecken, die Qualität der Prosa beurteilen könne, denn ein Schriftsteller ohne Sprachrhythmus sei zur Anlage von Korridoren nicht imstande (vgl. Carlos María Domínguez, Das Papierhaus, Berlin 2014, S. 53f.).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Dienstag, der 29. Oktober 2013


[28 / 296]
Winona Ryder war am 29. Oktober im Jahre 1971 – da war Hans Köberlin bereits elfeinhalb Jahre alt und bereits ziemlich frühreif – geboren worden, und das Kalenderblatt zeigte einen Still mit ihr verschwommen auf dem Rücksitz des Taxis von Gena Rowland aus Jim Jarmuschs Episodenfilm Night on Earth (1991). Obwohl Hans Köberlin stets nach der Weisheit des seligen P. …
»Bei gleicher Qualifikation –: Frauen zuerst!«
… zu agieren trachtete, hätte er am 29. Oktober 2013 einen Mann auf dem Kalenderblatt sehen wollen, beziehungsweise er hätte einen bestimmten Mann mit Anna Karina sehen wollen (denn damit, mit Anna Karina bei dem Mann, wäre dann auch P. zufrieden gewesen), denn am 29. Oktober 1917 war Eddie Constantine – auch bekannt unter dem Namen Lemmy Caution – geboren worden. Und das Still, das Hans Köberlin genommen, hätte er Godards Alphaville (1965) entnommen, und zwar aus jener Szene, in der Eddie Constantine Anna Karina in dem Hotelzimmer ein zerlesenes und mit Unterstreichungen und Marginalien versehenes Exemplar von Paul Eluards Capitale de la douleur zu lesen gegeben hätte.*
»Mourir de ne pas mourir …«


* In Kindlers Literatur Lexikon, das wir leider nicht mehr zu Hand haben, hatte Friedhelm Kemp geschrieben: »Fast alle Gedichte Éluards sind Liebeslyrik; als solche sind sie zugleich, vom Ansatz her und in ihrer Entfaltung, Gesellschaftskritik, politische Dichtung. Ein Thema der deutschen Romantik, wie es bei NOVALIS, bei HÖLDERLIN aufklingt, wird wiederaufgenommen und neu akzentuiert: Die dichterisch Liebenden verwandeln einander in menschlichere Menschen; sie liefern sich bessere Gründe, das Leben lebenswert zu finden; sie stiften eine neue, hellere, reinere Welt. Voraussetzung ist für Èluard, daß die Liebe alles sei: nicht die transzendierende der Sehnsucht, nicht die ›galante‹ der Eroberung, sondern die der schrankenlosen Gewährung und Gabe; diesseitig und ganz sinnlich und hieraus eine freudige Vernunft gewinnend. Beatrice (wie Dantes Muse hieß auch die erste Séductrice, die Lemmy Caution auf sein Zimmer brachte), Laura, Sophie, Diotima sind keine Vorbilder mehr; die Geliebte ist diese sterbliche Gegenwart, die ›öffentliche Rose‹, nackt, offen, und ewig nur in der Entzückung des Augenblicks. So schenkt sie Freiheit; auch die schmerzliche, sie um einer anderen willen zu verlassen.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Mittwoch, 28. Oktober 2015

»Du verstehst, das Harte unterliegt.«







Doch der Mann (der Zöllner) in einer heitren Regung
Fragte noch: »Hat er (Laotse) was rausgekriegt?«
Sprach der Knabe: »Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.«

(Bertolt Brecht, Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration; in: Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. 9: Gedichte 2, S. 661).

Montag, der 28. Oktober 2013


[27 / 297]
»Im Traum stand ich in irgendeiner Relation zu der jungen Romy Schneider. Es war auch ein Onkel von ihr da, sehr freundlich und sehr böse und sehr gemein, er erinnerte mich ein wenig an Chabrols Inspecteur Lavardin. Er brachte mich durch gezielte Provokationen schließlich dazu, auf ihn zu schießen, genau in dem Moment, als Romy in einem tief dekolletierten roten Kleid auf einem Fahrrad auf ihn zu fuhr. Ich hatte eine Schrotflinte und Romy bekam statt des Onkels die ganze Ladung ab, in den Rücken, das hatte er so beabsichtigt. Er war wirklich sehr gemein und sehr hinterlistig. Ich war untröstlich, eine schöne Frau niedergeschossen zu haben.«
Zu dem Montag, dem 28. Oktober 2013, fanden wir in Hans Köberlins Filmkalenderblattsammelkiste zum Geburtstag von Bernhard Wicki im Jahre 1919 ein Still mit den Kindersoldaten aus Die Brücke (1959),* außerdem erfuhren wir, daß an dem heutigen Datum im Jahre 1967 – da war Hans Köberlin 7½ Jahre alt und bereits eingeschult – pretty woman Julia Roberts geboren worden war, Hans Köberlin sah sie vor allem mit äußerst beeindruckendem Busen im wunderbar zu engen Kleid als Erin Brockovich (Steven Soderbergh, 2000) vor sich.
»Ach …!«
»Der Planet gliederte sich und wurde immerfort griffig. Er wirkte in jener Epoche erotisch.«**
Später am Tag dann wurde Hans Köberlin mit einem Sterbetag konfrontiert, denn er erfuhr von der Frau, daß am Vortag Lou Reed gestorben war, nach Kevin Ayers bereits der zweite tote von ihm geschätzte Musiker in diesem Jahr … Und Hans Köberlin hörte sich zu diesem Anlaß, wie bereits erwähnt, Berlin (1973) und Daevid Allens The Death of Rock & Other Entrances (1982) an.


* Vgl. zu Wickis Film Die Eroberung der Zitadelle (1977) vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 104. Der Film war anscheinend in der Tat verschwunden und war ein Fall für die von dem Filmhistoriker Fritz Güttinger so bezeichnete »Filmlückengeschichte« (vgl. Hanns Zischler, Kafka geht ins Kino, Reinbek 1996, S. 10; auf Zischlers Buch kommen wir noch zu sprechen). Hans Köberlin hatte den Titel einmal in einem Verkaufsportal im weltweiten Netz gesehen und stante pede bestellt. Er bekam dann aber statt einer VHS-Cassette (eine DVD war sehr unwahrscheinlich) das Programmheft, das es in den siebziger Jahren noch – wie in Oper und Theater – für 50 Pfennige zu den Filmen gab, geliefert. Immerhin: er erstand einen Wechselrahmen und blickte ab da desöfteren mit Wohlgefallen auf Antonia Reininghaus.
** Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 183.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Dienstag, 27. Oktober 2015

Sonntag, der 27. Oktober 2013


[26 / 298]
»Mir war so ruhig zu Mut, so, als könne mir von nun an nichts Böses mehr, nichts Unschönes mehr begegnen.«*
Plötzliche Einsichten blitzten ihm auf, beim Laufen, beim Schwimmen, während des Frühstücks, während des Duschens, beim Zähneputzen, beim Rasieren, bei seinen Gängen auf der Promenade und auf die Playas und in der ›Tango Bar‹ und im Ort … blitzten also auf und verschwanden wieder. Hans Köberlin kam dazu, über sein Verhalten in Räumen nachzudenken und kam darauf: alles wurde reflexiv.
»Ich sann über mein eigenes Sinnen nach und machte mir über die eigenen Gedanken wieder Gedanken.«**
Er war dabei, alle möglichen Wegvarianten zwischen seinem Haus und dem Strand zu erkunden und legte sich Routen für alle möglichen Anlässe zurecht (später sollte er sein Routenrepertoire nach Norden hin erweitern, aber dazu mehr, wenn es soweit war). Es kristallisierten sich zwei Hauptrouten heraus …
  • der direkte Weg zum Meer: Hans Köberlin verließ das Haus durch das obere Tor, überquerte die Ausfallstraße (die nicht, wie er lange geglaubt, zu der durch die Berge des Hinterlands verlaufenden Nationalstraße führte, sondern zu dem nächsten Ort an der Küste), ging in die gegenüberliegende Gasse bis zu einem großen Hotel mit roter Fassade und gelben Balkonen, das nicht sonderlich hoch, aber wuchtig wie ein altes Schlachtschiff (Bronenosets Potemkin, 1925) dalag, ging rechts und dann gleich wieder links und sah von da bereits am Ende der Gasse den (naturgemäß, aber selten auf seinen Bildchen) waagerechten Horizont hinter der schräg nach rechts abfallenden Straße. Wenn er diese Straße am Meer entlang hinabging, dann kam bald der Anfang der Promenade, auf der man, rechterhand flankiert von Hochhäusern die Steilküste entlang zum Strand und zu der ›Tango Bar‹ kam;
  • der kürzeste Weg zum Strand: Hans Köberlin verließ das Haus durch das untere Tor, überquerte die Ausfallstraße, ging sie ein paar Meter hinab, bog dann links in eine Gasse, dann gleich wieder rechts bis zu einer größeren Straße, überquerte sie, ging dann rechts – nicht ohne dabei stets an Gina Lollobrigida zu denken*** – am ›Hotel Esmeralda‹ vorbei entlang eine kleinen Parkplatzes und kam dann schon an der Promenade heraus, an der dann gleich die ›Tango Bar‹ kam. Dazu kam später noch …
  • der längste Weg am Meer: Hans Köberlin verließ das Haus durch das obere Tor, ging dann zu übernächsten oder überübernächsten Straße und überquerte dann erst die Ausfallstraße und kam so, vorbei an der ›Casa Wagner‹, die nichts mit dem Bayreuther zu tun hatte, weiter oben an der Steilküste heraus.
Bei seinen morgendlichen Dauerläufen nahm er hin und zurück den direkten Weg zum Meer, er nahm ihn auch, wenn er zum nachmittäglichen Schwimmen ging, zurück ging er dann jedoch den kürzesten Weg zum Strand, der nun, vice versa, der kürzeste Weg zu seinem Haus war, und wenn er nachts an die Promenade ging, um mit der Frau medial zu kommunizieren, dann ging er den kürzesten Weg zum Strand und zurück so lange wie möglich am Meer auf der Promenade und an der Steilküste entlang und an dem Hotelschlachtschiff – seinem potemkinschen Dorf – vorbei.


* Robert Walser, Im Wald; in: Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Zürich und Frankfurt am Main 1985, Bd. 16: Träumen. Prosa aus der bieler Zeit 1913-1920, S. 14.
** Ebd., S. 13.
*** Wegen Jean Delannoys Verfilmung von Hugos Notre-Dame de Paris aus dem Jahr 1957, in der Anthony Quinn den Quasimodo spielte … Gina Lollobrigida … hier das eben bei Sophia Loren ausgelassene: »… wie sie als schöne Zigeunerin Esmeralda als ein ›natürlicher Mensch‹ inmitten einer bizarren, besessenen und erstickenden (Männer-)Welt erschienen war, der die mühsam unterdrückten Triebregungen wieder erweckt, zugleich aber auch die Fähigkeit zu reiner Liebe schafft« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 84.). Wie bei der Adaption von Ecos Roman, so blieb auch bei dieser Hugoverfilmung der weiblichen Protagonistin der im Roman vorgesehene Tod auf dem Scheiterhaufen erspart, vielleicht aus ähnlichen Motiven, die Schiller dazu veranlaßten, seine Johanna nicht verbrennen, sondern enthaupten zu lassen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Montag, 26. Oktober 2015

Der Weg ist am entgegengesetzten Ziel.


(siehe Der Weg ist am Ziel.).

Samstag, der 26. Oktober 2013


[25 / 299]
Auch für den Samstag, den 26. Oktober 2013, war – dieses Eingeständnis erinnert uns fatal an Telos – die Quellenlage nicht ergiebig. Das Wetter war, wie gehabt, wunderbar (später, als es dann auch hier an der weißen Küste Herbst geworden war, sollte er in dem in seinem Idiom verfaßten kostenlosen Anzeigenblättchen lesen, daß es ein außergewöhnlich lange andauernder Sommer gewesen war),* Hans Köberlin war gelaufen, war geschwommen, hatte gefrühstückt und hatte sich ungeduscht und ohne ein Hemd zu bügeln an den Schreibtisch gesetzt. Nachmittags ging er nochmals Schwimmen und in die ›Tango Bar‹ und zum Abendessen aß er eine Dorade.


* Borges sprach in einem Essay über das Viertel seiner Kindheit von tausenden Tagen, von denen die Erinnerung nichts wisse, von trüben Zonen aus Zeit, die wucherten und danach verwitterten (vgl. Evaristo Carriego; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 2: Kabbala und Tango. Essays 1930-1932, Frankfurt am Main 1993, S. 18) …, und an anderer Stelle, in dem Essay über seinen verstorbenen Freund Evaristo Carriego, von weiteren präzisen und blinden Notizen, die demjenigen, der sie empfange, sorglos die räuberische Arbeit des Erzählen auferlegten, nämlich: Berichte wieder zu Bildern zu machen. Er, Borges glaubte, auf Carriego die chronologische Abfolge (also ihn aufzählend der Abfolge seiner Tage nachzugehen) – die weitgehend unsere Methode ist –, nicht anwenden zu können, weil dessen Leben Gespräch und Umherschweifen gewesen sei. Nun, Gespräche waren Hans Köberlins Sache nicht, und sein Umherschweifen hielt sich in Grenzen, so daß bei uns die Chronologie – soweit wir das überhaupt beurteilen können – ganz gut funktioniert. Dennoch bedienen wir uns ab und an auch der Alternativmethode, die Borges vorschlägt, nämlich Carriegos Ewigkeit, seine Wiederholungen zu suchen, denn nur eine zeitlose, liebevoll verweilende Beschreibung könne ihn einem zurückgeben (ebd., S. 30f.). Und es könnte sogar sein, daß wir, wenn Hans Köberlin seinen Lese- und Schreibmodus gefunden, auch diese Methode bevorzugen müssen, denn zu jedem Tag schreiben: »Über den heutigen Tag gibt es eigentlich nicht viel …« – Aber wir haben ja zum Glück Hans Köberlins Tagesabreißfilmkalender und seine Filmkalenderblattsammelkiste.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Sonntag, 25. Oktober 2015

Der Weg ist am Ziel.

Freitag, der 25. Oktober 2013


[24 / 300]
Von dem Freitag, dem 25. Oktober 2013, gab es wegen der Nachlässigkeit in Hans Köberlins Aufzeichnungen und wegen der Nachlässigkeit in unseren Aufzeichnungen nichts Gewöhnliches und nichts Außergewöhnliches zu berichten, es gab noch nicht einmal aktuelle oder archivierte Filmabreißkalenderblätter. Am Abend sah sich Hans Köberlin die Wiederholung einer Episode aus der Polizeiruf 110-Reihe an: … und raus bist du! – Ein Mord fand in der Müllsammlerszene statt, die Qualität der Episode ging so. Wovon sich Hans Köberlin allerdings persönlich betroffen sah, das war die Darstellung des Schicksals der Architektin, die, durch eine persönliche Krise aus der Bahn geworfen, obdachlos wurde und dann in dem Teufelskreis keine Wohnung – keine Arbeit … steckenzubleiben drohte. Was würde sein, wenn er, Hans Köberlin zurückkehrte … nulla bona? Konnte er damit rechnen, daß Lysa ihm das geliehene Geld zurückgab?*


* »Le tout est de savoir, si un homme qui meurt de male amour ou de male ambition, souffre plus qu’un homme qui meurt de faim. Et moi, je le crois bien sincèrement«, war unter dem 23. Mai 1857 im Journal der Gebrüder Goncourt vermerkt worden (Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 1., S. 469). Nun, bei Hans Köberlin ging es nicht um das Verhungern im eigentlichen Sinn, eher um einen entwürdigenden sozialen Abstieg mangels eigener Etablierungskompetenzen, was ihm mittlerweile manchmal wirklich mehr zusetzte, als die Erinnerung an die emotionale Katastrophe mit Lysa.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Samstag, 24. Oktober 2015

Donnerstag, der 24. Oktober 2013


[23 / 301]
Am Donnerstag, den 24. Oktober 2013, da schaute Hans Köberlin nämlich, nach der Aktualisierung seines Filmabreißkalenders, finster aus der Kapuze seiner Kutte blickend Sean Connery an (aber nicht er hatte an diesem Tag sein Jubiläum, sondern der 1939 geborene F. Murray Abraham, der hier den Inquisitor spielte). Annauds Adaption war ganz nett, aber nicht, wie auf dem Kalenderblatt geschrieben, »eine der besten Adaptionen eines literarischen Stoffes für die Kinoleinwand«, da fielen Hans Köberlin ganz andere ein …*


* Am Samstag, dem 25. Dezember 2010, hatte Hans Köberlin anläßlich einer Revision folgendes in seinem Arbeitsjournal notiert: »The Name of the Rose (1986) – Ein clever geschriebener Schlüsselroman wurde reißerisch in Szene gesetzt … Ich weiß noch, daß wir – H.-P. R. und ich, die wir doch nach dem Dreh und vor dem Kinostart extra einen Ausflug ins Kloster Eberbach bei Eltville gemacht hatten – damals enttäuscht waren, wie glaube ich alle, die den Roman gelesen hatten. Karlrobert Mandelkow hatte in einer seiner Vorlesungen einen Scherz über ›Aristoteles’ zweites Ästhetikbuch‹ gemacht. Eben sah ich den Film ohne Erwartungen und mit einer gewissen Kurzweil. Man muß da nichts zu sagen, man freute sich natürlich, Valentina Vargas’ schönen Arsch und ihre herrlichen Brüste zu sehen und war auch froh, daß sie im Gegensatz zu der literarischen Vorlage nicht verbrannt wurde.« – Auch am Mittwoch, dem 30. September 2015, sollte Hans Köberlin sich anläßlich Aleksey Germans letztem Meisterwerk Trudno byt bogom (2013) in seinem Arbeitsjournal Gedanken über Literaturadaptionen machen: »Ein sehr physischer Film, das schwerste für den Gott war es wohl, sich der Menschen zu erwehren: man klebte ständig wuselnd, umgeben von einem Haufen Scheiße, aufeinander. Nur einmal nachts gab es kurz Ruhe. Ich weiß nicht, ob sich mir die Handlung so erschlossen hätte, wenn ich nicht Fleischmanns Film zuvor gesehen hätte. German hat wie Tarkowskij die Idee eines Romans in eine andere Kunst transformiert, Fleischmann hat wohl den Plot verfilmt … der Unterschied von Transformation und Adaption: wenn es für Buch und Film sehr gut läuft, wenn Buch und Film nichttriviale Kunst sind, dann fällt beides zusammen.« – Wir hatten hier ja bereits zwei wirklich gute Literaturverfilmungen von Volker Schlöndorff, Die Blechtrommel (1979) und Death of a Salesman (1985), wohingegen ihm Un amour de Swann (1984) trotz Jeremy Irons und trotz Ornella Muti als Odette gründlich mißlang (siehe vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 492f.) und die exzellente Umsetzung von Büchners Woyzeck durch Werner Herzog (1979), dann wäre ganz oben auf der Liste Tarkowskijs Solaris (1972) zu nennen, obwohl Lem den Film nicht mochte, weil er ihm zu metaphysisch war, und natürlich Godards Le mépris (1963), Fassbinders Fontane Effi Briest (1974) und seine Berlin Alexanderplatz-Serie (1980), Buñuels Robinson Crusoe (1954), Altmans The Long Goodbye (1973), Claire Denis’ Melvilleverfilmung Beau travail (1999), aber Carax’ Melvilleverfilmung Pola X (1999) –: grauenhaft, trotz Catherine Deneuve, dann – der einzige Film, den Hans Köberlin bisher mit der Frau im Kino gesehen hatte – Il futuro (2013), Alicia Schersons Adaption von Roberto Bolaños Una novelita lumpen. Wir wollen hier garnichterst mit all den Filmen anfangen, die wesentlich besser waren als ihre literarischen Vorlagen, vielleicht bloß: Truffauts Fahrenheit 451 (1966).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Freitag, 23. Oktober 2015

Mittwoch, der 23. Oktober 2013


[22 / 202]
Er arbeite an sich, sagte er sich, er lasse sich nicht gehen, sagte er sich, er merke, sagte er sich, wie sich das, was er gestern erfahren hatte, relativiere und ihn nicht mehr so viel anging wie ähnliche Hiobsbotschaften noch vor ein paar Wochen. Er nahm sich aber dennoch vor, seinen Freunden durch die Blume mitzuteilen, im Hause des Gehenkten nicht mehr vom Strick zu sprechen.*


* Soweit sich Hans Köberlin erinnerte, hatte er diese sprichwörtliche Redensart wohl schon lange gekannt, aber nie selber benutzt. Sie gefiel ihm nun außerordentlich gut. In dem ihm digital zuhandenen fünfbändigen Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrig (Freiburg im Breisgau, 1996) fand Hans Köberlin nichts über die Herkunft der Redensart, bloß ihre französische Entsprechung: »Il ne faut pas parler de corde dans la maison d’un pendu.« (Bd. 5, S. 1574).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Dienstag, der 22. Oktober 2013


[21 / 303]
Als er Abend gegenüber der ›Tango Bar‹ am Strand mit der Frau medial kommunizierte, da kam das Gespräch auch auf die Vergangenheit und die Zukunft – im allgemeinen und im besonderen – zu sprechen. Man könne nicht einfach so angenehm weiterleben wie jetzt und hier, weshalb, so Hans Köberlin, man in der schlechtesten aller möglichen Welten lebe. Es gäbe aber auch das Glück des vergangenen Sommers in der Hauptstadt, wandte sie ein, worauf Hans Köberlin zugab, sie habe ja recht, es sei sein privates Problem, und sein Problem sei: er wolle leben, aber nicht dafür fremdbestimmt arbeiten. Das wiederum, so die Frau lachend, sei durchaus kein privates Problem, sondern ein anthropologisches, zumindest bei manchen der jeweiligen Zeitgenossen.*


* Lichtenberg hatte die Gesellschaft in drei Klassen eingeteilt …
  1. neque ora neque labora,
  2. ora et non labora,
  3. ora et labora.
(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd. 2, S. 442f.). ›Non ora et labora‹ hatte er sich anscheinend nicht vorstellen können, wer arbeiten mußte, der mußte wohl auch die Möglichkeit haben, an eine bessere Welt zu glauben, um nicht völlig zu verzweifeln. »Wir von Gottes Ungnade«, listete er die betreffenden (ora et labora) an anderer Stelle auf: »Tagelöhner, Leibeigene, Neger, Fronknechte etc.« (ebd., S. 245).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Montag, der 21. Oktober 2013


[20 / 304]
»Wo man sagen kann, etwas habe schon Homer gesagt oder gar gefragt, ist die Vermutung kaum widerlegbar, es handle sich um uralte Bestände menschlichen Sinnens und Denkens«, hatte Hans Blumenberg treffend festgestellt. – Lese in den Telosfragmenten, daß Clemens Limbularius nach Catania hatte wandern wollen, dem Ort also, an dem sich die Episode mit dem Kyklopen abgespielt, um dort den Kreis seiner seltsamen Abenteuer zu schließen.* Nun, ich habe ein eher ambivalentes Verhältnis zu dem Listenreichen – nicht bloß wegen Adorno & Horkheimer und auch nicht bloß wegen Canetti –, ich mag Odysseus lieber in seiner Gestaltung als Leopold Bloom denn in der Gestaltung als antiker Heros … Was mir aber gefällt ist die Geschichte mit den Namen … Odysseus hatte ja bekanntlich, als ihn der Kyklop Polyphemos nach seinem Namen gefragt, mit einem Wortspiel geantwortet …
»Meinen berühmten Namen, Kyklop? Du sollst ihn erfahren (…) Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle, meine Mutter, mein Vater und alle meine Gesellen.«**
Die Homophonie von Odysseus und Oudeis (= Niemand) also rettete dem Listenreichen das Leben, denn die zum Beistand herbeieilenden Genossen des geblendeten Kyklopen zogen wieder ab, als sie hörten, niemand habe dem Polyphemos etwas angetan, und dem Odysseus »lachte die Seele vor Freude, daß sie mein falscher Name getäuscht.«***
Nun, um sich als Niemand ausgeben zu können, was ich ja quasi auch einmal gewollt, siehe: ›Schreiben ohne Leser‹,**** also um sich als Niemand ausgeben zu können, das weiß ich aus eigener leidvoller Erfahrung (…), also um sich als Niemand ausgeben zu können, dazu mußte man –: Jemand sein.
Als sich Odysseus aber dann in Sicherheit wähnte, da drängte es ihn doch aus seiner Eitelkeit, die er eigentlich nicht nötig gehabt, seinen wahren Namen preiszugeben – vielmehr die richtige Bedeutung jener Lautfolge preiszugeben, die sowohl in der Lage war, als Name ›Odysseus‹ auf eine Person zu verweisen, als auch als Antwort auf die Frage nach einer Person den Jemand als ›Niemand‹ zu negieren, was schon, wie gesagt, einen soziale Status voraussetzte. Und er, Odysseus, machte das, obwohl er damit sich und seine Kameraden der Gefahr aussetzte, zuguterletzt doch noch von den – nun nach Gehör gezielten – Steinwürfen des Polyphemos zerschmettert zu werden …
»Hör, Kyklope! Sollte dich einst von den sterblichen Menschen jemand fragen, wer dir dein Auge so schändlich geblendet, sag ihm: Odysseus, der Sohn Laërtes’, der Städteverwüster, der in Ithaka wohnt, der hat mein Auge geblendet!«
»Der Hund bespritzt den Stein mit sich und riecht zu seinem Exkrement: Spuren hinterlassen in der Welt, sich in der Welt ein Denkmal setzen, eine Tat, von der noch nach hunderten Jahren gesungen werden wird, ist der Sinn alles Heroismus.«*****
Damit verknüpfte er seine Tat – die Blendung – mit seinem Namen, oder anders ausgedrückt: er übernahm die Verantwortung für seine Handlung. Und vor allem, wie bereits gesagt: um mit der Bedeutung des eigenen Namens spielen zu können, um die eigene Identität verleugnen und wieder annehmen zu können, um schließlich sich selber als den Helden von Troja, den »Städteverwüster«, ausweisen zu können, dafür mußte Odysseus sich seiner selber und der Bedeutung seines Namens – sprich: seiner Rolle in dem Epos – sicher sein, was er konnte, wie die Episode bei den Phäaken, wo er die Ilias hörte, belegte. Und das gleiche mußte, damit er auf das Spiel hereinfallen konnte, für Polyphemos in Hinsicht auf eine Funktion des Namens Odysseus gelten.****** Und da stellte sich heraus, daß Odysseus für Polyphemos ein durchaus signifikanter Jemand war, zwar nicht der »der Städteverwüster«, so doch jener, welcher das ihm prophezeite Schicksal erfüllte …
»Weh mir! Es trifft mich jetzo ein längstverkündetes Schicksal! Hier war einst ein Prophet (…) der weissagte mir alles, was jetzt nach Jahren erfüllt wird: Durch Odysseus’ Hände würd ich mein Auge verlieren.« Polyphemos hatte sich allerdings im Schema getäuscht und war deshalb nicht auf der Hut gewesen …: »Doch erwartet’ ich immer, ein großer und stattlicher Riese würde mich hier besuchen, mit großer Stärke gerüstet! Und nun kommt so ein Ding, so ein elender Wicht, so ein Weichling …«
»Die Kraft der Mücke liegt darin«, notierte Hebbel 1861 in seinem Tagebuch, »daß sie keinen Namen hat.«
Polyphemos war eine Art von Don Quichote: er dachte in falschen Heldenkategorien: List war anstelle seiner – primitiven – Tugenden (Gewalt) getreten.
Diesen ganzen Voraussetzungen für das Spiel mit den Namen entsprach, daß in der Odyssee die Helden nicht eingeführt wurden, daß sie nicht zu Helden wurden, sondern es bereits immer schon gewesen waren (»… man of good fortune …«). Deshalb konnten die homerischen Epen in medias res beginnen, wofür ihn, Homer, Horaz bekanntlich gelobt hatte, in medias res beginnen ohne damit den zeitgenössischen Rezipienten zu irritieren.
Und meine Rezipienten …*******


* Vgl. vom Verf. Telos, Berlin 2013, S. 143, S. 201, S. 360ff. und S. 366f.
** Odyssee, IX.364ff. Die Übersetzung ist die von Voß.
*** Apropos ›Name‹ – da fällt uns eine Parenthese von Georg Seeßlen ein: »interessant, daß Marlene Dietrich als ›Marlene‹ und Greta Garbo als ›Garbo‹ in die Filmkritik und Filmgeschichte eingegangen sind« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 48). Zwei Formen, Unnahbarkeit zu benennen … Odysseus stand übrigens nicht bloß bei der Benennung eines grausam prolongierten Heimwegs Pate, sondern auch bei der des lokalen Trailerparks hier im Ort von Hans Köberlins Exil.
**** Außerdem hatte Hans Köberlin sich selber einmal – auch ›quasi‹ – als Name ohne Träger ausgeben wollen, als er seinem nervlich zerrütteten Herausgeber nächtens in der Bibliothek erschienen war, ohne zu ahnen, daß auch er einmal unter den gleichen Zerrüttungen leiden würde (vgl. vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 344ff.). Soviel Chuzpe wie damals wollte Hans Köberlin noch einmal haben … Und besonders stolz war er auf seine Bemerkung, die er auch gleich nach seiner Rückkehr nach Polignano a mare in seine Kladde geschrieben hatte …: »Wer einmal trocken im Nassen gestanden hatte, den konnte in der Hinsicht so leicht nichts mehr erschüttern.« (vgl. ebd., S. 346). Er hatte natürlich die beiden ersten Berichte über die seltsamen Abenteuer des Clemens Limbularius in seiner Basisbibliothek, und er konnte sich manchmal – eitler Geck der er war – nicht enthalten, die ihn selber betreffenden Passagen darin zu lesen. Beim dritten Bericht allerdings …
***** Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften; in: Gesammelte Werke, hrsg. v. Adolf Frisé, Reinbek 1978, Bd. 1, S. 1746.
****** Siehe Odyssee, IX.513ff. – »Identität wird nur dann verliehen, wenn man auf etwas zurückkommen will (…) Das Identifizierte wird in ein Schema überführt oder mit einem bekannten Schema assoziiert. Es wird bezeichnet und dadurch bestätigt, und dies so, daß es auch für andere Rückgriffe in anderen Situationen denselben Sinn behalten kann.« (Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 2. Aufl. 1996, S. 75).
******* »Das führt auf eine weitere Frage: Was macht man mit dem Aufgeschriebenen? Sicher produziert man zunächst weitgehend Abfall. Wir sind aber so erzogen, daß wir von unseren Tätigkeiten etwas Nützliches erwarten und andernfalls rasch den Mut verlieren. Man sollte deshalb überlegen, ob und wie man die Notizen so aufbereitet, daß sie für einen späteren Zugriff zur Verfügung stehen, oder dies einem zumindest als tröstende Illusion vor Augen steht.« (Niklas Luhmann, Lesen lernen; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 12).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Dienstag, 20. Oktober 2015

Sonntag, der 20. Oktober 2013


[19 / 305]
Am Sonntag, dem 20. Oktober 2013, blickte ihm auf dem Kalenderblatt von einem Filmstill aus Georg Wilhelm Pabsts Der Schatz (1923) ein melancholischer Werner Krauß, der an diesem Tag im Jahre 1959 (also knapp ein halbes Jahr vor Hans Köberlins Geburt) verstorben war,* als Svetelenz, der Altgeselle, dessen Kampf um die Tochter des Meisters in einer Katastrophe endete, entgegen. Hans Köberlin hatte von einem gestürzten bösen Monarchen geträumt, der flußabwärts zog, um seinen Thron zurückzuerobern, während sein Nachfolger, von dem Hans Köberlin nach dem Erwachen nicht mehr wußte, ob er besser gewesen war (er glaubte es eher nicht), mit diversen Mitteln seine Macht demonstrierte. Seltsam das … Wahrscheinlich waren das noch Bilder von den fiestas …


* Auch Burt Lancaster war an diesem Tag verstorben, im Jahre 1994, und auf einem älteren Kalenderblatt war aus diesem Anlaß ein Still von Paul Newman aus Altmans Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bullʼs History Lesson (1976) zu sehen, in dem Lancaster eine Nebenrolle gespielt hatte. Wir verehren ihn vor allem als The Birdman of Alcatraz (John Frankenheimer, 1962). Apropos Altman: Short Cuts (1993) würde er sich gerne noch einmal anschauen, so Hans Köberlin.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Montag, 19. Oktober 2015

George Spencer-Brown avant la lettre

Stephen pointed to a basket which a butcher’s boy had slung inverted on his head.
—Look at that basket—he said.
—I see it—said Lynch.
—In order to see that basket—said Stephen—your mind first of all separates the basket from the rest of the visible universe which is not the basket. The first phase of apprehension is a bounding line drawn about the object to be apprehended.

(James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man, Chapter V).

Samstag, der 19. Oktober 2013


[18 / 306]
Hans Köberlin nahm nach einem wie gewohnt abgelaufenem Tagesablauf am Abend wieder bloß einen kalten Imbiß zu sich und ging dann …
Under what guidance, following what signs?
… a bispherical moon revealed in imperfect varying phases of lunation through the posterior interstice of the imperfectly occluded skirt of a carnose negligent perambulating female …*
… in das Zentrum des Ortes zu den fiestas moros y cristianos y santísimo cristo.
Er war in dem Glauben, die sich über eine Woche erstreckenden Festivitäten, an deren Ausrichtung über die Hälfte der einheimischen Bevölkerung des Ortes beteiligt schien (eine wohl über Vereine organisierte sozial inkludierende Veranstaltung), erinnere an ein lokales Kapitel aus der Reconquista,** aber es ging um eine bloß lokale Angelegenheit, nämlich um maurische Freibeuter, die am 22. Oktober 1744 die wegen einer Seuche verwaiste Stadt überfallen wollten. Wundersamer Weise, was hieß: mit Unterstützung des lokalen Schutzpatrons, soll es einem hiesigen Jüngling namens Caracol gelungen sein, die für ihn eigentlich viel zu schwer zu bewegenden Stadttore vor dem Ansturm der Freibeuter zu schließen, eine Errettung-der-Stadt-Legende, wie es sie oft gab, sogar mit Federvieh und Eselsgeschrei. Später, als Freunde ihn besuchten und mit ihm per Auto das Hinterland erkundeten, stellte er fest, daß es in jedem Ort hier fiestas moros y cristianos mit einer entsprechenden Heiligenlegende gab und daß diese fiestas wohl das waren, was man in der Region seiner Herkunft ›Kirmes‹ nannte. Komisch das, mit dem Glauben und dem Wunderglauben … eine Ansammlung von eigentlich unglaublichen Geschichten …
Was Hans Köberlin dann in der Hauptladenstraße des Ortes sah, das war der gut dreistündige Einzug der Mauren und der Christen. Es waren, wie gesagt, wohl Vereine oder Ligen, die sich wie die Karnevalsvereine in Hans Köberlins Herkunftsland das ganze Jahr über auf diese Festivitäten vorbereiteten, Sitzungen abhielten, sich in mehrere Lager spalteten, Intrigen spannen, Machtkämpfe ausfochten, Themen und Motti kreierten und schließlich damit begannen, alles für den Umzug – Kostüme, Wagen et cetera – bastelnderweise nach Feierabend und in der sonstigen Freizeit, regelrecht sprichwörtlich in jeder freien Minute …
»Der Verein oder ich!«
… zu erstellen.
Die Christen kamen zuerst. Eine jede Gruppe (auch später dann bei den Mauren) bestand aus einem Musikzug, tanzenden und das Publikum miteinbeziehenden ihrem Thema oder Motiv entsprechend maskierten Leuten zufuß und als Abschluß dem Motivwagen. Man erkannte den kreativen Willen und die große Not, originell sein zu müssen und die dazu an den Haaren herbeigezogenen Assoziationen zum Thema (die Sozialstruktur der Christen im 18. Jahrhundert, die Mode der Christen im 18. Jahrhundert, Offensiv- und Defensivbewaffnung der Christen im 18. Jahrhundert, der Glaube der Christen im 18. Jahrhundert … et cetera et cetera … und das gleiche dann bei den Mauren), die unseren Assoziationen zum Thema bloß um weniges nachstanden (die sexuellen Praktiken der Christen und Mauren im 18. Jahrhundert …). Hans Köberlin dokumentierte das Geschehen fleißig, doch dann war der Akku seines Taschentelephons leer, was schade war, denn die nach den Christen kommenden Maurenmädels zeigten wesentlich mehr Haut.***
Hans Köberlin bewegte sich am Rand des Umzugs gegen die Richtung des Umzug die ansteigende Straße hinauf bis zu jenem Platz, an dem er mit der Frau gesessen hatte (Memories …), erstand dort einen Wein und goutierte den Umzug. Es war wahrscheinlich wirklich das gleiche wie beim Karneval in Noberk oder in der Kreisstadt oder in der Stadt der Narren oder in der Domstadt, aber weniger preußisch und außerdem exotisch, wie gesagt: mit viel Maurinnenhaut bei noch über 20 °C, da kamen die Funkenmariechen mit ihren fleischfarbenen Strumpfhosen bei Temperaturen (wenn es schlecht lief) um den oder nur knapp über dem Gefrierpunkt nicht mit, mochten sie die Beine noch so hoch heben und unter ihren kurzen Röckchen die wegen der Kälte etwas zu groß geratenen Schlüpfer**** zeigen. Außerdem wollte Hans Köberlin sich exaltieren, denn er spürte, daß sein Gemüth nicht so stabil war, wie er es gerne gehabt hätte.
Man hatte anscheinend nicht genug Musikgruppen, denn ständig sah man – wie in jenem Beispiel, welches die Goncourts zur Illustration bei ihrer Widerlegung des Glaubens an die Seelenwanderung herangezogen hatten – bereits bekannte Gesichter mit ihren Instrumenten entgegen der Umzugsrichtung nach oben zu dem Startpunkt des Umzugs laufen, um sich dort vor einer Gruppe erneut zu formatieren.
Der Ausgang der in der Legende verhandelten Geschichte stand ja fest: Gottvater, Gottsohn und Gottheiligergeist und ihre Anhänger siegten über Allah***** und seinen Propheten und deren Anhänger,****** und Hans Köberlin fragte sich, was einen wohl bewog, wenn er schon in einen Trachten- und Brauchtumsverein gehen wollte (oder mußte),******* sich auf die sicher nicht so gut reputierte Seite der Feinde und dazu noch der Verlierer zu begeben. Sicher, wie bereits gesagt, die Maurinnen zeigten mehr Haut, aber Hans Köberlin ging nicht davon aus, daß jemand der hiesigen männlichen und auch weiblichen (eine frivole Vorstellung …!) Bevölkerung dies als Motiv für seine Vereinswahl wirklich in Betracht zog. Vielleicht wurde ja gelost, nicht um das Ergebnis der Schlacht, sondern um die Zuteilung zu den Lagern …
Der Zug ging, wie gesagt, über gut drei Stunden und Hans Köberlin amüsierte sich also und ging anschließend in die Dependance der ›Tango Bar‹ südlich des Peñòn de Ifach an der Promenade der Playa Arenal-Bol (hatten wir bereits erwähnt, daß es eine solche gab?), um dort mit Blick auf das nächtlich tosende Meer noch einen Rotwein zu nehmen.


* James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 630f.
** Man erinnere sich: Moses (The Ten Commandments, 1956) & Ben Hur (1959) Charlton ›get your gun‹ Heston als El Cid (neben Sophia Loren, vgl. Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 83f.: »In den Historienfilmen wie etwa Attila, flagello di dio (Pietro Francesci, 1954) oder, später, El Cid (Anthony Mann, 1961) ist sie (Sophia Loren) von einer mehr aristokratischen Ausstrahlung als Gina Lollobrigida (auf die kommen wir noch); sie ist nicht, wie diese, unbewußte Auslöserin, sondern denkende und handelnde Person im geschichtlichen Drama, und ihre erotische Triebkraft ist an moralischen Rastern gebrochen. War Gina Lollobrigida eine unschuldige Provokation gegen die Hierarchie die Männerwelt (… [das hier ausgelassene präsentieren wir unten, wenn es um Gina Lollobrigida geht]), so entwickelt sich der Loren-Typus zu einer Art der weiblichen Bestätigung des dynastischen Prinzips.«) … – Nebenbei bemerkt: es gab bei allen Vorbehalten gegen Heston drei wirklich gute Filme mit ihm, nämlich der weiter oben bereits erwähnte Film von Orson Welles, Touch of Evil (1958), Franklin J. Schaffners Originalversion von Planet of the Apes (1968) und, an der Seite von Edward G. Robinson, Richard Fleischers Soylent Green (1973).
*** Das wußte auch Mr Bloom an seiner Gattin zu schätzen: »That’s where Molly can knock spots oft hem. It is the blood of the south. Moorish. Also the form, the figure. Hands felt for the opulent.« (Joyce, Ulysses, a. a. O., S. 337).
**** ›Schlüpfer‹ oder ›Slip‹ …? Hm …: es klingt beides gleich gut …
***** »Drei gegen einen …: das ist gemein!« – Es wäre aus christlich dogmatischer Sicht natürlich eine Blasphemie, wenn man hier von einer numerischen Überzahl ausgehen würde. Borges war mit dem Trinitätsdogma hart ins Gericht gegangen und hatte von einer grausigen dreieinigen Gesellschaft und von einem eitlen theologischen Zerberus und von einem Fall von intellektueller Teratologie und von einer Mißgeburt, die nur das Grauen eines Alptraums gebären konnte et cetera gesprochen (vgl. Jorge Luis Borges, Diskussionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 2: Kabbala und Tango, Frankfurt am Main 1993, S. 176f.).
****** Hans Köberlin ging nicht davon aus, daß hier jedes Jahr im Oktober die Karten wie bei den Kriegsspielen in Roberto Bolaños El Tercer Reich neu (in Bolaños Roman allerdings nur scheinbar) verteilt wurden.
******* John Cale & Lou Reed, Songs for Drella (1990) …
When you’re growing up in a small town
When you’re growing up in a small town
When you’re growing up in a small town …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).