Jemand äußerte damals die Ansicht, wenn das Schcksal uns die weisen Männer versage, müsse man die Unweisen aufsuchen.
(Jorge Luis Borges, Der Mann auf der Schwelle; in: Das Aleph; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 6, Frankfurt am Main 1992, S. 128).
Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Freitag, 20. März 2015
Mittwoch, 18. März 2015
»Auch der freundliche Umgang kennt feine Unterschiede.«
Als der Ober bei meinem Fortgehen bemerkte, daß ich die Weinflasche nur halb geleert hatte, drehte er sich nach mir um und sagte: »Bis bald, Herr Soares, und gute Besserung!«
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 32).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 32).
Dienstag, 17. März 2015
Asymmetrie
Das Dunkel hindert nicht das Erscheinen des Hellen, doch stets verwehrt uns das Licht, die Dunkelheit je zu gewahren.
(Michel Serres, Gnomon. Die Anfänge der Geometrie in Griechenland; in: ders. (Hg.), Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2. Aufl. 1995, S. 130).
Drehen wir an dieser Stelle, um ein Beispiel für Hans Köberlins Lektüremodus zu geben, bei dem gerade in der Leseposition auf Seite 114 aufgeschlagenen Buch – es handelt sich um Serres’ Éléments dʼhistoire des sciences – das Bücherrad um ein Buch zurück, zu Walter Benjamin, lassen aber das Passagen-Werk unberührt und begeben uns stattdessen zu der digitalisierten Ausgabe der Gesammelten Schriften (wir befinden uns in einem Bild, darum geht das einfach so) und schlagen virtuell in deren erstem Band die Seite 696 auf und lesen dort in Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen: »Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug (und in den, den Sieger, sich dann die Geschichtsschreiber des Historismus einfühlten), der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt.« (Über den Begriff der Geschichte; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 1, S. 696). Dann drehen wir an dem Bücherrad, bis wir wieder das von Serres herausgegebene und auf Seite 114 aufgeschlagenen Buch vor uns liegen haben und lesen dort noch einmal das, was uns bewogen hat, das Bücherrad zu bewegen, lesen also wie Serres die Pyramiden von Gise mit Thales’ Theorem von der Invarianz einer Form bei Variation der Größe vergleicht und wie er diesen Vergleich als den des Härtesten (die gewaltige Steinmasse der Pyramiden) mit dem Sanftesten (der reinen Form) bezeichnet und wie er zu dem erstaunlichen Schluß kommt, daß Kulturen, um zu überleben – was soviel heißt wie: zu überdauern, was soviel heißt wie: tradiert zu werden – nicht den Sieger, sondern das Opfer gespielt hätten, und nur das Sanfteste bliebe (vgl. Serres, Gnomon, a. a. O., S. 114ff.). Läge ein Band der Schriften Laotses auf dem Bücherrad, so drehten wir nun dorthin, da dem aber nicht so ist, drehen wir das Bücherrad zu Brecht (wir tun einmal so, als läge da ein Band von Brechts Gesammelten Werken, was er nach obiger Liste momentan nicht tat) und lesen in dessen Gedicht Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration …
Doch der Mann (der Zöllner) in einer heitren Regung
Fragte noch: »Hat er (Laotse) was rausgekriegt?«
Sprach der Knabe (Laotses Adlatus): »Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.«
(Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. ?, S. ?). – Wir nannten eben Serres’ Schluß deswegen erstaunlich, weil er meinte, das Opfer zu spielen sei eine Überlebensstrategie von Kulturen (und er ging sogar so weit zu sagen, Thales habe das Spiel des Härtesten umgedreht), und wir fragen uns, ob denn die Mathematik (oder die Geometrie) außer in den Hochzeiten der heiligen Inquisition je das Opfer hätte spielen müssen …: im Gegenteil, willfährige Dienerin eines jeden, der sie benutzen wollte, auch der Pyramidenbauer, war sie, die Schlampe, stets und ist sie noch, universal wie sonst nur noch das Geld. – Hatte man es hier nicht vielmehr – auch im Verständnis Benjamins – mit zwei Siegern zu tun? Wir können Serres Motivation nachvollziehen, er wollte Benjamins Pessimismus relativieren: »Seht her, nicht immer wird auf den Opfern herumgetrampelt, sie sind gar keine Opfer, sie spielen nur Opfer, bis der Karnevalszug vorbei ist …« Und ist nicht eigentlich das, so fragen wir, was als ›Kultur‹ bezeichnet wird und identitätsstiftend wirken soll, qua Exklusion des Nichtidentischen immer schon Täter gewesen?
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
(Michel Serres, Gnomon. Die Anfänge der Geometrie in Griechenland; in: ders. (Hg.), Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2. Aufl. 1995, S. 130).
Drehen wir an dieser Stelle, um ein Beispiel für Hans Köberlins Lektüremodus zu geben, bei dem gerade in der Leseposition auf Seite 114 aufgeschlagenen Buch – es handelt sich um Serres’ Éléments dʼhistoire des sciences – das Bücherrad um ein Buch zurück, zu Walter Benjamin, lassen aber das Passagen-Werk unberührt und begeben uns stattdessen zu der digitalisierten Ausgabe der Gesammelten Schriften (wir befinden uns in einem Bild, darum geht das einfach so) und schlagen virtuell in deren erstem Band die Seite 696 auf und lesen dort in Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen: »Wer immer bis zu diesem Tage den Sieg davontrug (und in den, den Sieger, sich dann die Geschichtsschreiber des Historismus einfühlten), der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt.« (Über den Begriff der Geschichte; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 1, S. 696). Dann drehen wir an dem Bücherrad, bis wir wieder das von Serres herausgegebene und auf Seite 114 aufgeschlagenen Buch vor uns liegen haben und lesen dort noch einmal das, was uns bewogen hat, das Bücherrad zu bewegen, lesen also wie Serres die Pyramiden von Gise mit Thales’ Theorem von der Invarianz einer Form bei Variation der Größe vergleicht und wie er diesen Vergleich als den des Härtesten (die gewaltige Steinmasse der Pyramiden) mit dem Sanftesten (der reinen Form) bezeichnet und wie er zu dem erstaunlichen Schluß kommt, daß Kulturen, um zu überleben – was soviel heißt wie: zu überdauern, was soviel heißt wie: tradiert zu werden – nicht den Sieger, sondern das Opfer gespielt hätten, und nur das Sanfteste bliebe (vgl. Serres, Gnomon, a. a. O., S. 114ff.). Läge ein Band der Schriften Laotses auf dem Bücherrad, so drehten wir nun dorthin, da dem aber nicht so ist, drehen wir das Bücherrad zu Brecht (wir tun einmal so, als läge da ein Band von Brechts Gesammelten Werken, was er nach obiger Liste momentan nicht tat) und lesen in dessen Gedicht Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration …
Doch der Mann (der Zöllner) in einer heitren Regung
Fragte noch: »Hat er (Laotse) was rausgekriegt?«
Sprach der Knabe (Laotses Adlatus): »Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.«
(Gesammelte Werke, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann, Frankfurt am Main 1967, Bd. ?, S. ?). – Wir nannten eben Serres’ Schluß deswegen erstaunlich, weil er meinte, das Opfer zu spielen sei eine Überlebensstrategie von Kulturen (und er ging sogar so weit zu sagen, Thales habe das Spiel des Härtesten umgedreht), und wir fragen uns, ob denn die Mathematik (oder die Geometrie) außer in den Hochzeiten der heiligen Inquisition je das Opfer hätte spielen müssen …: im Gegenteil, willfährige Dienerin eines jeden, der sie benutzen wollte, auch der Pyramidenbauer, war sie, die Schlampe, stets und ist sie noch, universal wie sonst nur noch das Geld. – Hatte man es hier nicht vielmehr – auch im Verständnis Benjamins – mit zwei Siegern zu tun? Wir können Serres Motivation nachvollziehen, er wollte Benjamins Pessimismus relativieren: »Seht her, nicht immer wird auf den Opfern herumgetrampelt, sie sind gar keine Opfer, sie spielen nur Opfer, bis der Karnevalszug vorbei ist …« Und ist nicht eigentlich das, so fragen wir, was als ›Kultur‹ bezeichnet wird und identitätsstiftend wirken soll, qua Exklusion des Nichtidentischen immer schon Täter gewesen?
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Guter Rat
Und warum brauchen wir denn eigentlich soviel Sinn? Können wir denn nicht leben, selbst wenn diese Welt eines Sinnes ermangelte? Kann ein Rausch der Urgründigkeit, ein hemmungsloser Dionysismus denn diesen universalen Unsinn nicht ersetzen? Leben wir, weil das Leben keinen Sinn hat!
(E. M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung; in: Werke, Frankfurt am Main 2008, S. 122).
(E. M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung; in: Werke, Frankfurt am Main 2008, S. 122).
Montag, 16. März 2015
Aussicht
Ich werde friedlich in einer kleinen Wohnung, in der Umgebung von diesem oder jenem, eine Ruhe genießen, in der ich nicht zustande bringen werde, was ich auch heute nicht zustande bringe, und werde, um es weiterhin nicht zustande gebracht zu haben, nach anderen Ausreden suchen als jene, hinter denen ich mich heute verstecke.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 22).
Und schauen wir doch einmal auf die Projekte oder gar Lebensschreibentwürfe unserer beiden mittlerweile arg in die Jahre gekommenen Protagonisten, dem früheren und dem jetzigen, dem Herausgeber und seinem Autor: da haben wir einmal ›Aufzeichnungen über Aufzeichnungen und Kommentare zu Kommentaren und Anmerkungen über Anmerkungen und Anhänge zu Anhängen‹ als der Versuch der Etablierung einer vierten Buchreligion – oder einer sechsten Buchreligion, nach der fünften von James Joyce und der sechsten von Arno Schmidt etablierten – (Clemens Limbularius), und zum anderen ›Schreiben ohne Leser‹, was allerdings etwas anderes war als ›Schreiben und nicht gelesen werden‹ (Hans Köberlin).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog – oder: Was zuvor geschah], von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 22).
Und schauen wir doch einmal auf die Projekte oder gar Lebensschreibentwürfe unserer beiden mittlerweile arg in die Jahre gekommenen Protagonisten, dem früheren und dem jetzigen, dem Herausgeber und seinem Autor: da haben wir einmal ›Aufzeichnungen über Aufzeichnungen und Kommentare zu Kommentaren und Anmerkungen über Anmerkungen und Anhänge zu Anhängen‹ als der Versuch der Etablierung einer vierten Buchreligion – oder einer sechsten Buchreligion, nach der fünften von James Joyce und der sechsten von Arno Schmidt etablierten – (Clemens Limbularius), und zum anderen ›Schreiben ohne Leser‹, was allerdings etwas anderes war als ›Schreiben und nicht gelesen werden‹ (Hans Köberlin).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog – oder: Was zuvor geschah], von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).
Samstag, 14. März 2015
Die Dahme bei Spindlersfeld
Einer jener Tage, an denen es nicht aufklaren will …
… und er fragte, was denn die Wettervorhersage gemeldet habe, Konversation nannte man solches. Der Wirt goutierte es und meinte mit einer leidenden Miene, Regen, Regen, nichts als Regen, Verschlimmerung der Lage an allen Orten, man müsse keine Brechomantie betreiben um vorauszusagen, daß das auf die totale Katastrophe hinauslaufen würde. Jaja, ging Clemens darauf ein, während er seinen Espresso zuckerte und in gewohnter Manier abwechselnd an der kleinen Tasse und dem großen Schwenker mit dem französischen Lebenswasser nippte, schon König Sargon habe den zweiten Teil seines auguralwissenschaftlichen Werkes den Vorbedeutungen der Regenschauer gewidmet …
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
… und er fragte, was denn die Wettervorhersage gemeldet habe, Konversation nannte man solches. Der Wirt goutierte es und meinte mit einer leidenden Miene, Regen, Regen, nichts als Regen, Verschlimmerung der Lage an allen Orten, man müsse keine Brechomantie betreiben um vorauszusagen, daß das auf die totale Katastrophe hinauslaufen würde. Jaja, ging Clemens darauf ein, während er seinen Espresso zuckerte und in gewohnter Manier abwechselnd an der kleinen Tasse und dem großen Schwenker mit dem französischen Lebenswasser nippte, schon König Sargon habe den zweiten Teil seines auguralwissenschaftlichen Werkes den Vorbedeutungen der Regenschauer gewidmet …
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
Freitag, 13. März 2015
Daevid Allen (13. Januar 1938 – 13. März 2015)
Banana, nirvana, mañana (you know)
Banana, nirvana, mañana (I know)
Banana, nirvana, mañana (we know)
Banana, nirvana, mañana (who knows)
Banana, nirvana, mañana (you know)
Banana, nirvana, mañana (I know)
Banana, nirvana, mañana (we know)
Banana, nirvana, mañana (who knows)
(aus: Radio Gnome Invisible; aus dem Album Flying Teapot, 1972).
Banana, nirvana, mañana (I know)
Banana, nirvana, mañana (we know)
Banana, nirvana, mañana (who knows)
Banana, nirvana, mañana (you know)
Banana, nirvana, mañana (I know)
Banana, nirvana, mañana (we know)
Banana, nirvana, mañana (who knows)
(aus: Radio Gnome Invisible; aus dem Album Flying Teapot, 1972).
Warum einfach …
Er knüpfte weitschweifige und nahezu unentwirrbare Satzperioden, überladen mit Einschüben, in denen die Schlampigkeit und der Schnitzer Formen der Geringschätzung zu sein schienen. Aus der Kakophonie machte er ein Werkzeug.
(Jorge Luis Borges, Die Theologen; in: Das Aleph; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 6, Frankfurt am Main 1992, S. 36).
(Jorge Luis Borges, Die Theologen; in: Das Aleph; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 6, Frankfurt am Main 1992, S. 36).
Donnerstag, 12. März 2015
Sich wundern können
Dekadenz bedeutet den vollständigen Verlust der Unbewußtheit.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 13).
Es gab ja bekanntlich zwei Modi, die einen sich nicht wundern ließen: zum einen wenn nur alltägliche Phänomene in vollkommener Regelmäßigkeit auftraten und die Gewohnheit gerade dies nicht verwundern ließ (wie es Hans Blumenberg einmal in einem Gedankenexperiment formuliert hatte), und zum anderen wenn einem der Alltag zu etwas Wunderlichem geworden war, entweder weil man keine alltägliche Welt mehr hatte oder bloß seinen privaten, mit dem allgemeinen inkompatiblen Alltag, einen Alltag also, der einen sich über nichts mehr wundern ließ, also quasi einen Alltag voller Außeralltäglichkeiten, oder wie in einem Traum, in dem man auch die seltsamsten Umstände und Begebenheiten als selbstverständlich hinnahm.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 572f.).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 13).
Es gab ja bekanntlich zwei Modi, die einen sich nicht wundern ließen: zum einen wenn nur alltägliche Phänomene in vollkommener Regelmäßigkeit auftraten und die Gewohnheit gerade dies nicht verwundern ließ (wie es Hans Blumenberg einmal in einem Gedankenexperiment formuliert hatte), und zum anderen wenn einem der Alltag zu etwas Wunderlichem geworden war, entweder weil man keine alltägliche Welt mehr hatte oder bloß seinen privaten, mit dem allgemeinen inkompatiblen Alltag, einen Alltag also, der einen sich über nichts mehr wundern ließ, also quasi einen Alltag voller Außeralltäglichkeiten, oder wie in einem Traum, in dem man auch die seltsamsten Umstände und Begebenheiten als selbstverständlich hinnahm.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 572f.).
Vorstellung, das Leben sei ein Roman
Am 8. Juni 1931 diskutierte Walter Benjamin mit Brecht über das Wohnen, wobei Brecht ein »mitahmendes« Wohnen (ein schönes Wort, analog zu »nachahmen« gebildet), »das seine Umwelt ›gestaltet‹, sie passend, gefügig und gefügt anordnet; eine Welt, in der der Wohnende auf seine Weise zu Haus ist«, vom Wohnen als einer »Haltung, sich überall nur als Gast zu fühlen« unterschied. Diese Unterscheidung korreliert frappant mit Claude Lévy-Strauss’ 1962 in La pensée sauvage artikulierte Unterscheidung der Menschheit in Ingenieure und Bricolateure. Benjamin unterschied dagegen »das Wohnen das dem Wohnenden das Maximum und dasjenige, das ihm das Minimum von Gewohnheiten mitgibt.« Und über den ersten Typus schrieb er: »Der Mensch wird eine Funktion der Verrichtungen, die die Requisiten von ihm verlangen.« Und den zweiten Typus des Wohnens nennt er »das Hausen«. (Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 6, S. 435f.). Und zum Abschluß dieses nur zwei Monate umfassenden Tagebuches: »Nachtrag zu Brechts Untersuchungen über das Wohnen und die Vorstellungen im allgemeinen: Wohnen im Hotel. – Vorstellung, das Leben sei ein Roman.« (ebd., S. 441).
Mittwoch, 11. März 2015
Die elektrische Phase
In der ehemaligen Hauptstadt schließlich – es war nicht bloß eine sentimentale, sondern ein wenig auch eine historische Reise …
Wenn das mal nicht dasselbe ist … Histourismus! Hysterismus!
… in die gute, alte ideologiekritische BeErDe der Achtundsechziger (freie Liebe) und der Ära Brandt (der Kniefall) und der Ära Fassbinder (Mein Traum vom Traum des Franz Biberkopf und, und, und …) –, in der ehemaligen Hauptstadt also war Clemens, soweit er sich erinnern konnte, bloß zweimal in seinem Leben gewesen, einmal (als er bereits in der Stadt der Narren lebte) mit seinem katholischen Cousin auf einer von dessen Kirchengemeinde organisierten Demonstration (er wußte nicht mehr wogegen, es müssen aber weltliche Belange gewesen sein – Kernkraftwerke oder Raketen –, sonst wäre er nicht mitgegangen), während deren Verlauf er mit einer kleinen Katholikin angebandelt und von ihr einige erstaunliche katholische Sexualpraktiken gelernt hatte (daß es so etwas gab … kaum zu glauben!), und ein andermal (vorher) als die dortige Universität ein kleines Jazzfestival veranstaltet und man sich das Contact Trio (Evert Brettschneider g, Alois Kott b, Michael Jüllich dr, perc) angehört und angeschaut hatte (regelmäßig hatte er über ein paar Jahre mit einem guten Freund die Jazzfestivals weiter oben am Strom auf dessen anderer Seite besucht, und später dann, als er in der Kurstadt lebte, mit anderen Freunden zwei- oder dreimal ein eher avantgardistisches Jazzfestival im Kohlenpott). Das (während der Jazzfestivals weiter oben am Strom auf dessen anderer Seite) war die Zeit, in der sich Miles Davis nach seiner elektrischen Periode zurückgezogen hatte, nachdem er vielleicht das Beste geschaffen hatte, was in derartiger Musik zu schaffen war, natürlich Bitches Brew, aber vor allem die – auch von Karlheinz Stockhausen beeinflußten – später als On the Corner Sessions publizierten Stücke, vor allem seine Referenz an den Duke, He Loved Him Madly, dann noch Dark Magus, das Konzert am 30. März 1974 in der newyorker Carnegie Hall … und am 1. Februar 1975 die beiden Konzerte in Osaka: Agharta und Pangaea … (unglaublich, die letzten Klänge von Pangaea, dieses sanfte Verschwinden nach dem Heftigen vorher …,* und Clemens hoffte, daß das eine oder andere, was es da an Mitschnitten von Konzerten, die damals (1974 und 1975, da war er, Miles Davis, ungefähr so alt gewesen wie Clemens jetzt … und auf was konnte der da nicht alles zurückblicken …!) meist aus sehr langen spontan improvisierten Stücken mit nur gelegentlichen Anleihen bei den bekannten Kompositionen der Studioalben bestanden, noch in irgendwelchen Archiven geben mußte, irgendwann publiziert werden würde), also jene Zeit von Miles Davis’ Rückzug und die Zeit, in der sich in der alten Welt der typische ECM-Sound (der seit einigen Jahren auch den Soundtrack zu dem Spätwerk Godards lieferte), vor allem von hiesigen Musikern und welchen aus dem Norden des Kontinents,** oft ein wenig sphärisch und esoterisch, zu etablieren begann, so jedenfalls charakterisierte der Dilettant Clemens, der ECM-Langspielplatten erst ab den späteren siebziger Jahre rezipierte (Staircase von Keith Jarrett war 1977 seine erste gewesen, der folgte Terje Rypdals After the Rain und schließlich kam die bereits 1973 entstandene LP The Colours of Chloë von Eberhard Weber), für sich das allgemeine Produktions- und Rezeptionsverhalten in der Jazzszene, dabei einteilend in die afrikanische und die europäische (weniger riskante) Richtung, was aber – wie uns jeder Kenner bestätigen wird – eine ziemlich unterkomplexe Erklärung war und so sicher auch nicht ganz stimmte.
* In der neuen Welt, so wird kolportiert, wurde einmal ein Mann verhaftet, als er eine von ihm gestohlene Limousine wieder vor dem Haus des Besitzers abstellen wollte. Als man ihn fragte, wieso er denn dieses Risiko auf sich genommen habe und da aufgetaucht wäre, habe er berichtet, er sei mit der Limousine ziellos durch die Nacht gefahren und habe irgendwann die Musikanlage eingeschaltet. So etwas habe er noch nie gehört, das sei unglaublich gewesen, kaum noch von dieser Welt, ihm seien die Tränen gekommen und er sei so lange herumgefahren, bis er alle CDs, die in dem Wagen gelegen, durchgehört. Dann habe er sich den Menschen vorgestellt, der solche Musik höre, und sich gedacht, daß er einem Menschen, der solche Musik höre, keinen unnötigen Ärger machen wolle. – Da der Mann wegen ähnlicher Delikte aktenkundig war, bekam er fünf Jahre ohne Bewährung, es gab also kein happy end, aber der Besitzer der Limousine soll ihm für seine Zelle einen Minihifianlage und eine Zusammenstellung aller wichtigen CDs von Miles Davis geschenkt haben. Deleuze hatte einmal in einer Vorlesung über Leibniz (am 15. April 1980) gesagt, ein Musiker sei jemand, der dem akustischen Strom, der die Welt durchquere und selbst die Stille umfasse, etwas entnehme.
** Merkwürdig, diese regionale Kumulation dort oben von sphärischem Jazz, Kriminalromanen mit grausamen Tötungsarten, Tennisspielern, Preßspanmöbeln, Kreuzworträtseln, Kinderbüchern und pornographischen Heftchen … Wie hatten The Stranglers 1978 auf Black and White noch gesungen: »Too much time to think too little to do« …
(aus: Telos, Berlin 2013, S. 64f.).
Wenn das mal nicht dasselbe ist … Histourismus! Hysterismus!
… in die gute, alte ideologiekritische BeErDe der Achtundsechziger (freie Liebe) und der Ära Brandt (der Kniefall) und der Ära Fassbinder (Mein Traum vom Traum des Franz Biberkopf und, und, und …) –, in der ehemaligen Hauptstadt also war Clemens, soweit er sich erinnern konnte, bloß zweimal in seinem Leben gewesen, einmal (als er bereits in der Stadt der Narren lebte) mit seinem katholischen Cousin auf einer von dessen Kirchengemeinde organisierten Demonstration (er wußte nicht mehr wogegen, es müssen aber weltliche Belange gewesen sein – Kernkraftwerke oder Raketen –, sonst wäre er nicht mitgegangen), während deren Verlauf er mit einer kleinen Katholikin angebandelt und von ihr einige erstaunliche katholische Sexualpraktiken gelernt hatte (daß es so etwas gab … kaum zu glauben!), und ein andermal (vorher) als die dortige Universität ein kleines Jazzfestival veranstaltet und man sich das Contact Trio (Evert Brettschneider g, Alois Kott b, Michael Jüllich dr, perc) angehört und angeschaut hatte (regelmäßig hatte er über ein paar Jahre mit einem guten Freund die Jazzfestivals weiter oben am Strom auf dessen anderer Seite besucht, und später dann, als er in der Kurstadt lebte, mit anderen Freunden zwei- oder dreimal ein eher avantgardistisches Jazzfestival im Kohlenpott). Das (während der Jazzfestivals weiter oben am Strom auf dessen anderer Seite) war die Zeit, in der sich Miles Davis nach seiner elektrischen Periode zurückgezogen hatte, nachdem er vielleicht das Beste geschaffen hatte, was in derartiger Musik zu schaffen war, natürlich Bitches Brew, aber vor allem die – auch von Karlheinz Stockhausen beeinflußten – später als On the Corner Sessions publizierten Stücke, vor allem seine Referenz an den Duke, He Loved Him Madly, dann noch Dark Magus, das Konzert am 30. März 1974 in der newyorker Carnegie Hall … und am 1. Februar 1975 die beiden Konzerte in Osaka: Agharta und Pangaea … (unglaublich, die letzten Klänge von Pangaea, dieses sanfte Verschwinden nach dem Heftigen vorher …,* und Clemens hoffte, daß das eine oder andere, was es da an Mitschnitten von Konzerten, die damals (1974 und 1975, da war er, Miles Davis, ungefähr so alt gewesen wie Clemens jetzt … und auf was konnte der da nicht alles zurückblicken …!) meist aus sehr langen spontan improvisierten Stücken mit nur gelegentlichen Anleihen bei den bekannten Kompositionen der Studioalben bestanden, noch in irgendwelchen Archiven geben mußte, irgendwann publiziert werden würde), also jene Zeit von Miles Davis’ Rückzug und die Zeit, in der sich in der alten Welt der typische ECM-Sound (der seit einigen Jahren auch den Soundtrack zu dem Spätwerk Godards lieferte), vor allem von hiesigen Musikern und welchen aus dem Norden des Kontinents,** oft ein wenig sphärisch und esoterisch, zu etablieren begann, so jedenfalls charakterisierte der Dilettant Clemens, der ECM-Langspielplatten erst ab den späteren siebziger Jahre rezipierte (Staircase von Keith Jarrett war 1977 seine erste gewesen, der folgte Terje Rypdals After the Rain und schließlich kam die bereits 1973 entstandene LP The Colours of Chloë von Eberhard Weber), für sich das allgemeine Produktions- und Rezeptionsverhalten in der Jazzszene, dabei einteilend in die afrikanische und die europäische (weniger riskante) Richtung, was aber – wie uns jeder Kenner bestätigen wird – eine ziemlich unterkomplexe Erklärung war und so sicher auch nicht ganz stimmte.
* In der neuen Welt, so wird kolportiert, wurde einmal ein Mann verhaftet, als er eine von ihm gestohlene Limousine wieder vor dem Haus des Besitzers abstellen wollte. Als man ihn fragte, wieso er denn dieses Risiko auf sich genommen habe und da aufgetaucht wäre, habe er berichtet, er sei mit der Limousine ziellos durch die Nacht gefahren und habe irgendwann die Musikanlage eingeschaltet. So etwas habe er noch nie gehört, das sei unglaublich gewesen, kaum noch von dieser Welt, ihm seien die Tränen gekommen und er sei so lange herumgefahren, bis er alle CDs, die in dem Wagen gelegen, durchgehört. Dann habe er sich den Menschen vorgestellt, der solche Musik höre, und sich gedacht, daß er einem Menschen, der solche Musik höre, keinen unnötigen Ärger machen wolle. – Da der Mann wegen ähnlicher Delikte aktenkundig war, bekam er fünf Jahre ohne Bewährung, es gab also kein happy end, aber der Besitzer der Limousine soll ihm für seine Zelle einen Minihifianlage und eine Zusammenstellung aller wichtigen CDs von Miles Davis geschenkt haben. Deleuze hatte einmal in einer Vorlesung über Leibniz (am 15. April 1980) gesagt, ein Musiker sei jemand, der dem akustischen Strom, der die Welt durchquere und selbst die Stille umfasse, etwas entnehme.
** Merkwürdig, diese regionale Kumulation dort oben von sphärischem Jazz, Kriminalromanen mit grausamen Tötungsarten, Tennisspielern, Preßspanmöbeln, Kreuzworträtseln, Kinderbüchern und pornographischen Heftchen … Wie hatten The Stranglers 1978 auf Black and White noch gesungen: »Too much time to think too little to do« …
(aus: Telos, Berlin 2013, S. 64f.).
Sketches of Spain
Nach dem Abendessen – aus den bereits angesprochenen Zeitersparnisgründen gab es Spaghetti mit Pesto alla Genovese fertig aus dem Glas mit viel frisch gemahlenem Pfeffer und Parmesankäse, sehr wohlschmeckend, das sollte zu einem der beliebtesten Gerichte Hans Köberlins werden – blieb Hans Köberlin noch auf der anderen Dachterrasse und betrachtete den Sonnenuntergang und den Mondaufgang und später dann den unglaublichen Sternenhimmel und hörte dazu – wie billig an diesem Ort – Miles Davis’ Sketches of Spain. Hans Köberlins Favorit war nicht das Adagio aus dem Concierto de Aranjuez (obwohl er das auch immer wieder gerne hörte), sondern seine Favoriten waren Miles Davis’ Solo in Saeta und natürlich Solea, und um diesen wunderbaren Moment der lauen mediterranen Nacht und der Musik, die als ›göttlich‹ zu bezeichnen Hans Köberlin nicht umhin kam, zu verlängern, hörte er sich diese beiden Stücke (Saeta und Solea) noch einmal an. Danach mußte er etwas umständlich die aufwendige Installation, die diesen magischen Moment möglich gemacht – er hatte die beiden Lautsprecher hochgetragen, er hatte mit einer sogenannten Kabeltrommel eine Stromquelle auf der anderen Dachterrasse schaffen müssen, weil er vergessen hatte, den Akku des Laptops aufzuladen, und er mußte, als er alles installiert hatte, wieder heruntergehen, um unten die Lampen im Patio und dem Hof vorne, die die Stimmung gestört hätten, auszuschalten, und er mußte, als er wieder oben war, nochmals heruntergehen, weil er vergessen hatte, den Stecker der Kabeltrommel einzustecken –, er mußte also dies alles wieder deinstallieren.
»¡Vieran lo que me asombra este aparato!«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
»¡Vieran lo que me asombra este aparato!«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Dienstag, 10. März 2015
Bitches Brew
Clemens war, was das Erleben von Musik anging, ein Autodidakt (eine Formel Arno Schmidts dafür: Affe plus Genius durch drei), seine Urteilskraft ist nie systematisch gebildet worden, weder von den dafür Verantwortlichen in Sozialisation und Erziehung (was auch an Clemens’ Mißtrauen gegenüber den dafür Verantwortlichen lag), noch später von ihm selbst (was auch an der Clemens eigenen Schludrigkeit lag). So führten Zufälle ihn an Musik heran, wie zum Beispiel ein Film Godards an die Quartette Beethovens (bei deren Hören er wiederum stets an Maruschka Detmers’ Brüste denken mußte) oder die Laune eines Augenblicks (vielleicht wegen des Covers), die ihn mit siebzehn zu dem Kauf einer Doppellangspielplatte eines ihm bis dato unbekannten Trompeters (mit siebzehn! man muß sich das einmal vorstellen!) bewogen hatte, nämlich zu Miles Davis’ Bitches Brew. Über Bitches Brew hatte ihm sein Instinkt bereits bei dem ersten erstaunten Hören gesagt, daß er da etwas erstanden hatte, das ihn sein ganzes Leben lang begleiten würde. Ihm drängte sich, wenn er sich dieser Musik aussetzte, immer das Bild eines Raumes mit viel mehr als den drei üblichen Dimensionen auf (Miles Davis hatte die Rhythmusgruppen in der sogenannten elektrischen Phase ja auch mehrfach besetzt), eines Raumes, den die Musiker unablässig erschufen und in den Miles Davis dann seine Akzente mit der Trompete setzte, Punkte oder Linien oder Vektoren oder … (Clemens hatte das meiste über Geometrie Erlernte vergessen und wir können ihm da auch nicht weiterhelfen). Es gab kein Hören, bei dem man nicht neue filigrane Nuancen in diesen Klangräumen (ein abgenutztes Wort, ich weiß) hörte, ein ständiges Flirren und Schwirren und dabei gleichzeitig wie ein fester Block da seiend, eine dichte Klangstruktur mit geradezu beängstigender Gewalt, wie Davis’ Biograph Ian Carr es beschrieben hatte. Mit dieser Raummetapher lag der musikalische Laie Clemens noch nicht einmal so arg daneben, auch Davis’ Freund Quincy Troupe bemerkte, es gäbe tiefe, geheimnisvolle Räume in der Musik, die etwas zwingend Mysteriöses und Magisches unter ihrer Oberfläche habe, und auch Miles Davis selber hatte von Räumen gesprochen, Thelonious Monk etwa könne ihm, Davis, nach seiner Ansicht keinen Raum schaffen, wohl aber dem Saxophonspiel John Coltranes. Und um noch einmal auf Carr zu kommen, zu der vielleicht treffendsten Charakteristik: Carr hatte gemeint, es sei gewissermaßen eine Musik, in der man eher wohnen solle, anstatt sie einfach nur anzuhören.
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 25ff.).
(aus: … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 25ff.).
Montag, 9. März 2015
Milestones
Ian Carr hat in seiner Miles-Davis-Biographie über Milestones geschrieben (ich habe die Quelle momentan leider nicht zur Hand): »Das ganze Album scheint von dem Gefühl durchzogen, daß die Vergangenheit reich, die Gegenwart angenehm und die Zukunft vielversprechend ist.«
Differenziert indifferent
Seine Tage hier würden jetzt wohl einförmiger werden, da er alle sichtbaren Gipfel bestiegen und da er fast alle ›natürlichen‹ Straßen (was so viel hieß wie: alle außer den labyrinthischen Straßen der Urbanizaciónes) begangen und da er alle Playas und alle Calas und alle Puertos in seinem fußgängerischen Einzugsbereich besucht hatte, Abwechslung und Sensationen würden das Lesen und das Schreiben und die Musik- und manche Filmrezeption in sein Hiersein bringen, und natürlich die alltägliche Sensation seines selbstbestimmten (wir verwenden den Ausdruck weiterhin) Hierseins an einem idealen Ort und die wenn möglich permanente Reflektion der alltäglichen Irrationalität seines selbstbestimmten Hierseins an einem idealen Ort …: er hatte es so gewollt: die Sensation, die in der Einförmigkeit lag. Das stand allerdings in Kontrast zu etwas anderem: Hans Köberlin empfand es nämlich als seltsam, wenn er sich musikhörend in den Büchern versenkte und – egal was auch immer, geistreiche Einfälle oder Banalitäten – schrieb, er war dabei wie in einer Blase, indifferent gegenüber seiner Umwelt, wie er es auch in der Hauptstadt gewesen und wie er es auch in Puglia gewesen, wo – in der Hauptstadt oder in Puglia – er dann auch hätte sein können, an egal welchem Ort sein können … nun aber war er hier und er war jetzt hier. Sein Hier- und Jetztsein war also zugleich äußerst signifikant und zugleich äußerst indifferent, und seine Emotionen lagen seit dem Verschwinden der Frau in der Sicherheitszone des Aeropuerto blank … Es gab Hafen für die Luft wie für das Meer … Hafen also als Orte an der Schwelle zu Elementen, die dem Menschen nicht per se zukamen, es gab keine Erdhafen und es gab keine Feuerhafen … vielleicht konnte man Raumhafen als Feuerhafen bezeichnen … und Hans Köberlin fragte sich, ob ihm jetzt dieser Gedanke von den Elementen, die dem Menschen nicht per se zukamen, allein gekommen, oder ob eine vergessene Erinnerung an eine Sloterdijk-Lektüre sich zurückgemeldet hatte.
»Aber ich muß hier sein, um mich meiner Umwelt gegenüber indifferent verhalten zu können. Vielleicht könnte man mein Verhalten am Schreibtisch (striptease table) als ›differenziert indifferent‹ bezeichnen …«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
»Aber ich muß hier sein, um mich meiner Umwelt gegenüber indifferent verhalten zu können. Vielleicht könnte man mein Verhalten am Schreibtisch (striptease table) als ›differenziert indifferent‹ bezeichnen …«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).
Ironie des Schicksals
»Blind für wirkliche Schuld, kann das Schicksal doch unbarmherzig gegen die kleinsten Unachtsamkeiten sein«, zu dieser im Sinne des Wortes fatalen Einsicht kam der Erzähler in Borges’ El Sur (Der Süden; in: Fiktionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 5, Frankfurt am Main 1992, S. 154). Eine Illustration dieser Einsicht ist das Schicksal des Kunstfälscherehepaars Helene und Wolfgang Beltracchi, wie es Burkhard Müller in einem sehr lesenswerten Aufsatz berschreibt:
Die Stilkritik hat im Fall Beltracchis ein Fiasko erlebt, von dem sie sich so schnell nicht und vielleicht nie wieder erholen wird. Was die Provenienz angeht, also den möglichst lückenlosen Nachweis des Verbleibs eines Kunstwerks von seiner Entstehung bis zur Gegenwart, konnten die Beltracchis mit ihren frei erfundenen historischen Sammlungen straffrei ein Theater von erstaunlicher Unverfrorenheit abziehen. Es genügte an einem bestimmten Punkt, daß sie ein altes Wohnzimmer nachstellten, mit Fotokopien der von ihnen mittlerweile verkauften Gemälde schmückten (kam ja sowieso alles schwarzweiß rüber), Elena Beltracchi mit Rüschenbluse und Häubchen als Großmutter posierte (was offenbar keinem auffiel) und das Ganze mit einer altertümlichen Kamera festgehalten wurde.
Zum Verhängnis wurden den beiden schließlich Fehler beim Material: Eine Farbtube, auf der »Zinnweiß« stand, enthielt in Spuren ein Titanweiß, das zum fraglichen Zeitpunkt noch nicht auf dem Markt war. Sie fielen am Ende einer Fehldeklarierung zum Opfer. Man wird dieses Endes nicht recht froh. Es ist, als wäre Caesar, statt den Dolchen der Senatoren, einer Lebensmittelvergiftung erlegen. Sie sind über etwas gestürzt, was sich zu ihrem Können rein zufällig verhielt.
(Burkhard Müller, Beltracchi. Oder warum die Kunst den Zweifel braucht; in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, hrsg. v. Christian Demand, Heft 790, 69. Jahrgang, Stuttgart März 2015, S. 13).
Anders als Burkhard Müller allerdings werde ich dieses Endes recht froh (insofern es ein Ende geben mußte, damit es eine Geschichte werden konnte, ansonsten hätte ich den Beltracchis natürlich weiterhin ein frohes Schaffen gewünscht), denn eingedenk der Geschichten Poes und Borges’ oder eingedenk der zahlreichen Filme, die sich mit dem sogenannten perfekten Verbrechen beschäftigten, etwa Rififi (Jules Dassin, 1955) und L’ascenseur pour l’échafaud (Luis Malle, 1958), war dies ein angemessenes Ende, weil es angesichts der Komplexität des Falles von unglaublich banalem Charakter war, so daß es die sprichwörtliche Ironie des Schicksals aufblitzen ließ wie selten (und dem Schicksal eine Ironie zu unterstellen ist vielleicht eine bessere Wappnung gegen es als die Ergebenheit in es), und, wie Burkhard Müller gleichfalls anmerkte aber anders bewertete, weil es sich der Einflußnahme der Agierenden entzog. Gerade dies, so finde ich, tut der Überlegenheit der Beltraccis selbst in ihrem Scheitern keinen Abbruch, sie brauchten sich kein Versagen vorzuwerfen (daher paßt auch das einleitende Zitat nicht so ganz, denn es ist weit weniger denn eine Unachtsamkeit, nicht zu überprüfen, ob sich in einer Tube, auf der »Zinnweiß« stand, auch ja keine Spuren von »Titanweiß« befanden). Wäre Cäsar an einer Lebensmittelvergiftung gestorben, hätte das Shakespeare um eine Tragödie gebracht, Cäser jedoch wahrscheinlich nicht um seinen Nachruhm in der Historie, wie man am Beispiel seines Vorläufers Alexander III. von Makedonien sehen kann.
Die Stilkritik hat im Fall Beltracchis ein Fiasko erlebt, von dem sie sich so schnell nicht und vielleicht nie wieder erholen wird. Was die Provenienz angeht, also den möglichst lückenlosen Nachweis des Verbleibs eines Kunstwerks von seiner Entstehung bis zur Gegenwart, konnten die Beltracchis mit ihren frei erfundenen historischen Sammlungen straffrei ein Theater von erstaunlicher Unverfrorenheit abziehen. Es genügte an einem bestimmten Punkt, daß sie ein altes Wohnzimmer nachstellten, mit Fotokopien der von ihnen mittlerweile verkauften Gemälde schmückten (kam ja sowieso alles schwarzweiß rüber), Elena Beltracchi mit Rüschenbluse und Häubchen als Großmutter posierte (was offenbar keinem auffiel) und das Ganze mit einer altertümlichen Kamera festgehalten wurde.
Zum Verhängnis wurden den beiden schließlich Fehler beim Material: Eine Farbtube, auf der »Zinnweiß« stand, enthielt in Spuren ein Titanweiß, das zum fraglichen Zeitpunkt noch nicht auf dem Markt war. Sie fielen am Ende einer Fehldeklarierung zum Opfer. Man wird dieses Endes nicht recht froh. Es ist, als wäre Caesar, statt den Dolchen der Senatoren, einer Lebensmittelvergiftung erlegen. Sie sind über etwas gestürzt, was sich zu ihrem Können rein zufällig verhielt.
(Burkhard Müller, Beltracchi. Oder warum die Kunst den Zweifel braucht; in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, hrsg. v. Christian Demand, Heft 790, 69. Jahrgang, Stuttgart März 2015, S. 13).
Anders als Burkhard Müller allerdings werde ich dieses Endes recht froh (insofern es ein Ende geben mußte, damit es eine Geschichte werden konnte, ansonsten hätte ich den Beltracchis natürlich weiterhin ein frohes Schaffen gewünscht), denn eingedenk der Geschichten Poes und Borges’ oder eingedenk der zahlreichen Filme, die sich mit dem sogenannten perfekten Verbrechen beschäftigten, etwa Rififi (Jules Dassin, 1955) und L’ascenseur pour l’échafaud (Luis Malle, 1958), war dies ein angemessenes Ende, weil es angesichts der Komplexität des Falles von unglaublich banalem Charakter war, so daß es die sprichwörtliche Ironie des Schicksals aufblitzen ließ wie selten (und dem Schicksal eine Ironie zu unterstellen ist vielleicht eine bessere Wappnung gegen es als die Ergebenheit in es), und, wie Burkhard Müller gleichfalls anmerkte aber anders bewertete, weil es sich der Einflußnahme der Agierenden entzog. Gerade dies, so finde ich, tut der Überlegenheit der Beltraccis selbst in ihrem Scheitern keinen Abbruch, sie brauchten sich kein Versagen vorzuwerfen (daher paßt auch das einleitende Zitat nicht so ganz, denn es ist weit weniger denn eine Unachtsamkeit, nicht zu überprüfen, ob sich in einer Tube, auf der »Zinnweiß« stand, auch ja keine Spuren von »Titanweiß« befanden). Wäre Cäsar an einer Lebensmittelvergiftung gestorben, hätte das Shakespeare um eine Tragödie gebracht, Cäser jedoch wahrscheinlich nicht um seinen Nachruhm in der Historie, wie man am Beispiel seines Vorläufers Alexander III. von Makedonien sehen kann.
Eine Traumgraphik
Folgende Grafik, die wohl eine Art von Kreislauf der Reflexion illustrieren soll, erschien mir vergangene Nacht:
Sonntag, 8. März 2015
Ein klassischer Dialog
»Sprechen Sie auf einer sicheren Leitung?«
»Ja, natürlich!«
»Was war das?!«
»Was?«
»Das Knacken!«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
»Ja, natürlich!«
»Was war das?!«
»Was?«
»Das Knacken!«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Samstag, 7. März 2015
Ein Gang
Hans Köberlin ging den kürzesten Weg zum Meer und dort über die Promenade zum Playa La Fossa-Levante (und er ging nicht in die nördliche ›Tango Bar‹) und über den Playa La Fossa-Levante bis zum Peñón de Ifach und am Peñón de Ifach vorbei entlang des dortigen Hafens und entlang des Playa Cantal Roig über die Promenade zum Playa Arenal-Bol (und er ging nicht in die südliche ›Tango Bar‹) und über den Playa Arenal-Bol bis zum Ort und dort über Wege und Straßen und er erkundete die Küstenregion südlich des Ortskerns. Er geriet dabei in eine Siedlung, die hieß wie der ehemalige Gitarrist von Roxy Music, von dort gab es einen phantastischen Blick, aber der Küstenweg, den er gefunden hatte, mußte irgendwann vor den Siedlungen kapitulieren. Und plötzlich fand sich Hans Köberlin vor dem Salon des Carlos Metafonía wieder …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).
Freitag, 6. März 2015
Über Hypothesen
Sie werden mir entgegnen, daß die Wirklichkeit nicht die geringste
Verpflichtung hat, interessant zu sein. Ich werde dem entgegenhalten,
daß zwar die Wirklichkeit sich dieser Verpflichtung entziehen kann,
Hypothesen aber nicht. Bei der von Ihnen improvisierten ist zuviel
Zufall im Spiel.
(Jorge Luis Borges, Der Tod und der Kompaß; in: Fiktionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 5, Frankfurt am Main 1992, S. 118).
Am Ende der Geschichte stellt sich dann freilich heraus: das Interessante ist in dem Fall ein Kind des Zufalls.
(Jorge Luis Borges, Der Tod und der Kompaß; in: Fiktionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 5, Frankfurt am Main 1992, S. 118).
Am Ende der Geschichte stellt sich dann freilich heraus: das Interessante ist in dem Fall ein Kind des Zufalls.
Ein Jubiläum
Nur nebenbei bemerkt (fast hätte ich es vergessen): gestern, am 5. März also, vor zehn Jahren bin ich mit der Unterstützung von M*** und seiner damaligen Freundin nach Berlin und dort in den Bergmann-Kiez gezogen.
Sie fuhren, als die endlich kam, mit der Stadtbahn eine Station weit in Richtung Osten, stiegen dort in die Untergrundbahn um und fuhren mit der noch einmal fünf Stationen, was dann relativ zügig ging (Ernst Bloch sah seinerzeit in jedem U eines Untergrundbahnschildes die Utopie). Dann führte der Busenfreund Clemens über eine große Kreuzung und durch zwei Seitenstraßen (an der einen Kreuzung stand auf einem beleuchteten und von dem Wappen einer Biersorte gerahmten Schild Zwinger – Eine Kneipe? – Nein, er werde lachen: ein Swinger Club!). Clemens dachte angesichts des Namensschildes der Straße, in der sich das Hotel befand, sie sei nach einem Mathematiker benannt, aber eine Notiz unter dem Namensschild klärte ihn auf, daß es jemand gewesen war, der sich große Verdienste um die Turnbewegung gemacht habe, aber nicht der Turnvater, gegen den übrigens E. T. A. Hoffmann, der hier um die Ecke begraben liege, in seiner Funktion als Richter ermittelt habe. Turner, Freikorpsmitglieder und Burschenschaftler – in einen Sack gestopft und mit dem Knüppel drauf: man traf immer den richtigen.
Das Hotel war ein Bed and Breakfast, der Busenfreund fragte sich, worin der Unterschied zu einem früheren Hotel garni genannten Etablissement bestand (…) Man trat ein und der Busenfreund erklärte der schönen Frau hinter dem Empfangstresen, was er unter welchem Namen und für wen – für diesen Herren da, sagte er – reserviert habe, Clemens erledigte mit Interesse schmalredend die Anmeldeformalitäten – Schön sei es geworden. Wurde ja auch Zeit. Alles sei bloß noch klamm gewesen. Im Keller habe man Champignons züchten können. Man habe schon Schwimmhäute zwischen den Zehen bekommen. Und hinter den Ohren habe sich bereits das Moos ausgebreitet, steuerte der Busenfreund aus dem Hintergrund bei – und die beiden folgten gleichen Blickes der schönen Frau zu dem Aufzug, das ewig Weibliche … Man fuhr in der engen Kabine eng aneinandergedrückt in die dritte Etage, hm, pure von Jil Sander, meinte Clemens, und erntete dafür ein wohlwollendes Lächeln der Frau und ein bewunderndes des Busenfreundes.
Das Zimmer ginge nach hinten raus, leider, es täte ihr leid, eines zur Straße hin sei nicht mehr frei gewesen, aber er werde morgen im Hellen sehen, daß der Blick angenehm und relativ weit sei. Sie übergab Clemens die Schlüssel, Frühstück gäbe es von sieben bis zehn unten, ob sie noch etwas für ihn tun könne, nein, log Clemens, sie wünschte ihm einen angenehmen Aufenthalt in der Hauptstadt und ging unter den Blicken der beiden hinaus.
(vgl. …du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 432f.).
Sie fuhren, als die endlich kam, mit der Stadtbahn eine Station weit in Richtung Osten, stiegen dort in die Untergrundbahn um und fuhren mit der noch einmal fünf Stationen, was dann relativ zügig ging (Ernst Bloch sah seinerzeit in jedem U eines Untergrundbahnschildes die Utopie). Dann führte der Busenfreund Clemens über eine große Kreuzung und durch zwei Seitenstraßen (an der einen Kreuzung stand auf einem beleuchteten und von dem Wappen einer Biersorte gerahmten Schild Zwinger – Eine Kneipe? – Nein, er werde lachen: ein Swinger Club!). Clemens dachte angesichts des Namensschildes der Straße, in der sich das Hotel befand, sie sei nach einem Mathematiker benannt, aber eine Notiz unter dem Namensschild klärte ihn auf, daß es jemand gewesen war, der sich große Verdienste um die Turnbewegung gemacht habe, aber nicht der Turnvater, gegen den übrigens E. T. A. Hoffmann, der hier um die Ecke begraben liege, in seiner Funktion als Richter ermittelt habe. Turner, Freikorpsmitglieder und Burschenschaftler – in einen Sack gestopft und mit dem Knüppel drauf: man traf immer den richtigen.
Das Hotel war ein Bed and Breakfast, der Busenfreund fragte sich, worin der Unterschied zu einem früheren Hotel garni genannten Etablissement bestand (…) Man trat ein und der Busenfreund erklärte der schönen Frau hinter dem Empfangstresen, was er unter welchem Namen und für wen – für diesen Herren da, sagte er – reserviert habe, Clemens erledigte mit Interesse schmalredend die Anmeldeformalitäten – Schön sei es geworden. Wurde ja auch Zeit. Alles sei bloß noch klamm gewesen. Im Keller habe man Champignons züchten können. Man habe schon Schwimmhäute zwischen den Zehen bekommen. Und hinter den Ohren habe sich bereits das Moos ausgebreitet, steuerte der Busenfreund aus dem Hintergrund bei – und die beiden folgten gleichen Blickes der schönen Frau zu dem Aufzug, das ewig Weibliche … Man fuhr in der engen Kabine eng aneinandergedrückt in die dritte Etage, hm, pure von Jil Sander, meinte Clemens, und erntete dafür ein wohlwollendes Lächeln der Frau und ein bewunderndes des Busenfreundes.
Das Zimmer ginge nach hinten raus, leider, es täte ihr leid, eines zur Straße hin sei nicht mehr frei gewesen, aber er werde morgen im Hellen sehen, daß der Blick angenehm und relativ weit sei. Sie übergab Clemens die Schlüssel, Frühstück gäbe es von sieben bis zehn unten, ob sie noch etwas für ihn tun könne, nein, log Clemens, sie wünschte ihm einen angenehmen Aufenthalt in der Hauptstadt und ging unter den Blicken der beiden hinaus.
(vgl. …du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 432f.).
Ein Faß ohne Boden
Da waren drei verschiedene Dinge, die irgendwie außerhalb waren, aber doch eigentlich hineingehört hätten und erledigt werden wollten. Eines, das wichtigste, war ein Faß ohne Boden. Mit einem irrealen Gefühl erwacht.
Donnerstag, 5. März 2015
Nirgends sein
Ich setzte mich auf eine Bank, die unter den freien Zweigen eines Weidenbaums stand, und indem ich mich so einem unbestimmten Sinnen überließ, wollte ich mir einbilden, daß ich nirgends sei, eine Philosophie, die mich in ein sonderbares reizendes Behagen setzte.
(Robert Walser, Am See; in: Träumen. Prosa aus der Bieler Zeit 1913-1920; in: Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Bd. 16, Frankfurt am Main 1985, S. 14).
(Robert Walser, Am See; in: Träumen. Prosa aus der Bieler Zeit 1913-1920; in: Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Bd. 16, Frankfurt am Main 1985, S. 14).
Auf die Spitze getrieben
Daß die Geschichte die Geschichte kopiert haben sollte, war schon bestürzend genug; daß die Geschichte die Literatur kopieren sollte, ist unfaßbar …
(Jorge Luis Borges, Thema vom Verräter und vom Helden; in: Fiktionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 5, Frankfurt am Main 1992, S. 114; vgl. auch … du rissest dich denn ein.).
(Jorge Luis Borges, Thema vom Verräter und vom Helden; in: Fiktionen; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 5, Frankfurt am Main 1992, S. 114; vgl. auch … du rissest dich denn ein.).
Erste vorsichtige Annäherung
Der Unterschied zwischen Hölle und Himmel kann nur dieser sein: im Paradies kann man schlafen, wann man will, in der Hölle niemals (…) Es ist unmöglich, das Leben zu lieben, wenn man nicht schlafen kann.
(E. M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung; in: Werke, Frankfurt am Main 2008, S. 107).
(E. M. Cioran, Auf den Gipfeln der Verzweiflung; in: Werke, Frankfurt am Main 2008, S. 107).
Mittwoch, 4. März 2015
Die Referenzen nicht vergessen
Auf Friedhöfen liegen viele Menschen, ohne die die Welt nicht weiterleben könnte.
(Peter Fuchs, Der Mensch – das Medium der Gesellschaft?; in: ders. / Andreas Göbel (Hg.), Der Mensch – das Medium der Gesellschaft?, Frankfurt am Main 1994, S. 31).
(Peter Fuchs, Der Mensch – das Medium der Gesellschaft?; in: ders. / Andreas Göbel (Hg.), Der Mensch – das Medium der Gesellschaft?, Frankfurt am Main 1994, S. 31).
Auch eine Weisheit
… in der Gegend, in der wir uns aufhalten, ist alles nur dann in bester Ordnung, wenn es keiner gewesen ist.
(Martin Heidegger, Gelassenheit, Pfullingen 1959, S. 47).
(Martin Heidegger, Gelassenheit, Pfullingen 1959, S. 47).
la pendule de ma chambre à coucher
Sur la pendule de ma chambre à coucher est jeté le fichu de ma maîtresse. L’heure me semble voilée de dentelle.
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 8. März 1864).
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 8. März 1864).
Entschuldiger und Anschnautzer
In dem aktuellen Roman von Milan Kundera, Das Fest der Bedeutungslosigkeit (München 2015, S. 56f.), der, nur nebenbei bemerkt, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 22. Februar 2015 nicht seiner Qualität entsprechend rezensiert wurde, macht einer der Protagonisten eine interessante Unterscheidung der Menschheit in zwei Typen, nämlich in Entschuldiger und Anschnautzer:
Sich schuldig fühlen oder nicht. Ich glaube, das ist der springende Punkt. Das Leben ist ein Kampf aller gegen alle. Das ist bekannt. Doch wie verläuft so ein Kampf in einer mehr oder minder zivilisierten Gesellschaft? Die Leute können nicht übereinander herfallen, sobald sie sich erblicken. Stattdessen versuchen sie, dem anderen die Schande der Schuld anzuhängen. Es gewinnt der, dem es gelingt, den anderen schuldig zu machen. Es verliert der, der seinen Fehler zugibt. Du gehst gedankenverloren auf der Straße. Ein Mädchen kommt dir entgegen, als wäre es allein auf der Welt, ohne nach rechts oder links zu schauen, geht es geradeaus. Ihr rempelt euch an. Und jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Wer wird den anderen anschnauzen, wer wird sich entschuldigen? Das ist eine beispielhafte Situation: In Wirklichkeit ist jeder der beiden zugleich Angerempelter und Rempler. Und doch betrachten sich manche sofort, spontan als Rempler, das heißt als Schuldige. Und manche sehen sich immer, sofort, spontan als Angerempelte, das heißt als im Recht, bereit, den anderen zu beschuldigen und bestrafen zu lassen. (…) Wer sich entschuldigt, bekennt sich schuldig. Und wenn du dich schuldig bekennst, ermutigst du den anderen noch, dich weiter zu beschimpfen, dich anzuprangern, in aller Öffentlichkeit, bis zu deinem Tod. Das sind die verhängnisvollen Folgen der ersten Entschuldigung.
Man ist sich im Roman natürlich einig, zu welchem Typus man (dennoch!) gehört (und hier eine Entschuldigung an den FAS-Rezensenten Volker Weidermann) … (siehe dazu auch Telos, S. 77ff.).
In einer anderen schönen Passage (S. 94) heißt es etwas resigniert:
Wir haben seit langem begriffen, daß es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten. Es gab nur noch einen einzigen möglichen Widerstand: sie nicht ernst zu nehmen.
Sich schuldig fühlen oder nicht. Ich glaube, das ist der springende Punkt. Das Leben ist ein Kampf aller gegen alle. Das ist bekannt. Doch wie verläuft so ein Kampf in einer mehr oder minder zivilisierten Gesellschaft? Die Leute können nicht übereinander herfallen, sobald sie sich erblicken. Stattdessen versuchen sie, dem anderen die Schande der Schuld anzuhängen. Es gewinnt der, dem es gelingt, den anderen schuldig zu machen. Es verliert der, der seinen Fehler zugibt. Du gehst gedankenverloren auf der Straße. Ein Mädchen kommt dir entgegen, als wäre es allein auf der Welt, ohne nach rechts oder links zu schauen, geht es geradeaus. Ihr rempelt euch an. Und jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Wer wird den anderen anschnauzen, wer wird sich entschuldigen? Das ist eine beispielhafte Situation: In Wirklichkeit ist jeder der beiden zugleich Angerempelter und Rempler. Und doch betrachten sich manche sofort, spontan als Rempler, das heißt als Schuldige. Und manche sehen sich immer, sofort, spontan als Angerempelte, das heißt als im Recht, bereit, den anderen zu beschuldigen und bestrafen zu lassen. (…) Wer sich entschuldigt, bekennt sich schuldig. Und wenn du dich schuldig bekennst, ermutigst du den anderen noch, dich weiter zu beschimpfen, dich anzuprangern, in aller Öffentlichkeit, bis zu deinem Tod. Das sind die verhängnisvollen Folgen der ersten Entschuldigung.
Man ist sich im Roman natürlich einig, zu welchem Typus man (dennoch!) gehört (und hier eine Entschuldigung an den FAS-Rezensenten Volker Weidermann) … (siehe dazu auch Telos, S. 77ff.).
In einer anderen schönen Passage (S. 94) heißt es etwas resigniert:
Wir haben seit langem begriffen, daß es nicht mehr möglich ist, diese Welt umzustürzen oder neu zu gestalten oder ihr unseliges Vorwärtsrennen aufzuhalten. Es gab nur noch einen einzigen möglichen Widerstand: sie nicht ernst zu nehmen.
Mimikry
Der Teufel Eitelkeit hüpfte auf seine Schulter und Clemens sah einen Band der Edition eines Verlags der Bankstadt vor sich, weißer Einband mit taubenblauer Schrift: Clemens Limbularius, Hörer und Täter des Worts. Versuch über den Jakobusbrief. Nein, das klang zu sehr nach Handke. Lieber ein Buch schreiben mit dem Titel … wie hatte der Pfarrer noch gesagt … Mimikry ans Amorphe … auch so ein Titel … das kannte Clemens, das hatte er bereits einmal gelesen, Adorno, glaubte er sich zu erinnern, im Kontext der Abenteuer des Odysseus mit den Kyklopen …: das Subjekt verleugnete die eigene Identität, die es zum Subjekt machte und erhielt sich am Leben durch die Mimikry ans Amorphe … An anderer Stelle hatte Adorno sogar einmal von einer Mimikry mit dem Anorganischen gesprochen und an noch anderer Stelle sogar von einer Mimikry an den Tod …: in Panik vor dem Tod hätten sie Mimikry an den Tod geübt … hm …
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
(HannaH & SesyluS, aus der E-Book-Fassung, die demnächst erscheinen wird).
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