Freitag, 11. Dezember 2015

Mittwoch, der 11. Dezember 2013



[71 / 253]
Hans Köberlin war auch in der vergangenen Nacht ein paarmal wach geworden und er fragte sich am Morgen des Mittwochs, des 11. Dezembers 2013: »Ist das, weil ich weniger Wein trinke (aber soviel weniger ist es doch garnicht) oder weil ich eine Grippe ausbrüte?« Haben wir bereits erwähnt, daß Hans Köberlin ein Hypochonder war? Und um zu verhindern, daß eine Erkältung ihn anflog, verzichtete er auf den Dauerlauf, zumal es bedeckt und windig war, und erntete nach dem Frühstück in seinem Garten Zitronen für seine Ingwercocktails.*


* Das aktuelle Filmkalenderblatt hatte Hans Köberlin nicht aufgehoben. Im Vorjahr gab es einmal wieder einen Chabrol, nämlich anläßlich Jean-Louis Trintignants Geburtstag (*1930) ein Still aus Les biches (1968), auf dem er etwas weidwund dreinschauend neben einer sehr aufreizenden, nur mit einem Slip und einem Schal (allerdings leider mit einem sehr großen) bekleideten Stéphane Audran, die ihn aufzuheitern versuchte. Chabrol hatte den Film mittels Zwischentitel in vier Teile unterteilt …
  1. Prologue,
  2. Frederique,
  3. Why und
  4. Epilogue.
Im Prolog las die reiche Frederique (Stéphane Audran) auf einer Seinebrücke in Paris die auf das Motiv einer bestimmten Hirschkuh spezialisierte Straßenmalerin Why (Jacqueline Sassard) auf. In dem nach ihr benannten Teil dann nahm Frederique Why mit auf ihr Anwesen an der Côte d’Azur (sie war die Erbin einer dort angesiedelten Schiffswerft), ließ sie an ihrem (größtenteils im eher schlechten Sinne) dekadenten Leben teilnehmen und spannte ihr den Architekten Paul (Jean-Louis Trintignant) aus. In dem nach Why benannten Teil lebten die drei zusammen auf dem Anwesen, nachdem Frederique auf untergründiges Insistieren Pauls und Whys hin ihre beiden Hofnarren weggejagt hatte, und im Epilog schließlich folgte Why Frederique und Paul nach Paris, tötete Frederique und nahm deren Identität, die sie zuvor bereits imitiert hatte, vollkommen an (wie das genau zu verstehen war und wie weit das gehen würde, will meinen, ob Paul da mitmachte, das ließ Chabrol offen). Der Film lebte von der sexuellen Spannung, die aufzubauen Chabrol – nicht gerade subtil, aber wirksam – gelang, zumindest für den gelang, der – wie Hans Köberlin – auf so etwas immer aus war. Frederique drängte es zu Why, die sich neutral oder etwas schnippisch verhielt, bis Paul auftauchte, mit dem Why eine Nacht verbrachte und der sie wohl auch entjungferte. Why wollte ihn wiedersehen, aber Frederique ließ sich von Paul zu dem Zeitpunkt verführen, an dem der mit Why verabredet war. Die beiden wurden ein Paar, und, nach Vertreibung der Hofnarren, als sich alle drei mit Cognac betrunken hatten, sah es für einen Moment so aus, als reiße sich Paul alle beiden Frauen unter den Nagel, aber Frederique klärte die Verhältnisse, indem sie Paul ins Zimmer zog, bevor der Why küssen konnte. Why, die sagte, sie liebe sie alle beide, beobachtete Paul und Frederique dann durch das Schlüsselloch beim erotischen Treiben im Schlafzimmer. Es herrschte eine uneingestandene Aggression zwischen dem Mädchen und der Frau, uneingestanden, weil sie ›offen darüber redeten‹, wie man so sagte …
»Es macht dir doch nichts aus, daß ich Paul liebe?«
»Nein, wirklich nicht, ich freue mich, daß ihr glücklich seid.«
Chabrols Film war auch eine Kritik des Redens über Beziehungen. Es war ein Kampf der beiden Frauen, zuerst innerhalb ihrer Beziehung untereinander und dann der beiden Frauen um Paul. Frederique kämpfte mit den Waffen einer weltgewandten Frau, die unerfahrene Why kämpfte durch Mimikry an Frederique, was am Ende so weit ging, daß sie, nachdem sie Frederique getötet hatte, mit deren Stimme Paul anrief. Das Bild, das Why als Vorbild für die Hirschkuh diente, die sie zu Beginn des Films auf die Straße malte, und das später über ihrem Bett hing und herunterfiel, als sie nach Paris fuhr, zeigte eine große grüne Hirschkuh von der Seite mit einer hohlen Bauchhöhle, in der eine kleine, identisch gebildete, Hirschkuh stand. Es klang mehrmals an, daß sich Why als die kleine Hirschkuh sah und sich nach der großen Hirschkuh, die sie in sich barg, sehnte.
Und Jean Marais – unsere Bête und unser Orpheus und unser Fantomas – hatte heute Geburtstag (*1913), und Anna Heywood (*1932), weshalb das Still sie 1997 zeigte, wie sie in The Fox (Mark Rydell, 1967) Sandy Dennis küßte, und Geburtstag hatte heute auch Rita Moreno (*1931), weshalb es diesmal ein Still aus West Side Story (1961) … »I’ve just met a girl named Maria …« – Aber das hatte Rita Moreno ja nicht gesungen, sie hatte gesungen (und auch dies Hans Köberlin aus dem Herzen) »I like to be in America …«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Dienstag, der 10. Dezember 2013


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Und Edmond heute vor 124 Jahren …
Dienstag, 10. Dezember – Amüsant, die Ahnungslosigkeit der Journalisten. Der Erfolg des Buches Uranie von dem Astronomen Flammarion besteht in der Phantasie einer plötzlichen Versetzung in die Sterne, in dem Augenblick, da das helle Licht eines irdischen Ereignisses sie erreicht. Nun, diese Phantasie ist ganz und gar die von Carlyle, von dem ich, wie ich mich entsinne, einen in der Revue britannique übersetzten Artikel über Zeit und Raum gelesen habe, wo einem, auf den einen Planeten versetzt, das Schauspiel der Kreuzigung von Jesus Christus geboten wurde, oder auf einen anderen, das Schauspiel des Todes von Gustav Adolf … Aber wie sollte auch einer von ihnen Zeit zum Lesen haben!
Ich bin sehr versucht, ein Büchlein mit folgendem Titel zu schreiben: »Die Schwindeleien dieser Zeit«, ausgehend von der elektrischen Klingel, die nie funktioniert, bis zum allgemeinen Wahlrecht, das heute so gezinkt ist wie ein Kartenspiel vom Baron de Wormspire.*
Dann ging also jene Episode in Kurd Laßwitz’ Roman Auf zwei Planeten, in welcher die Marsianer während einer Gerichtsverhandlung die zur Verhandlung stehenden vergangenen Ereignisse rekonstruierten, indem sie die Reste von deren Lichtemission projizierten, wahrscheinlich auf die gleiche Quelle zurück …?**


* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 9, S. 259. Das war, wenn wir uns recht entsinnen, das erste Mal, daß wir die gleichen Wochentage haben …
** Auf ähnliche Theorien war man bereits ein paar Jahre zuvor gekommen: »24 avril [1865]. – Chez Magny. On cause de l’espace et du temps, et j’entends la voix de Berthelot, un grand et brillant imaginateur d’hypothèses, jeter ces paroles dans la conversation générale: ›Tout corps, tout mouvement exerçant une action chi-mique sur les corps organiques avec lesquels il s’est trouvé, une seconde, en contact, tout – depuis que le monde est – existe et sommeille, conservé, photographié en milliards de clichés naturels: et peut-être est-ce là, la seule marque de notre passage dans cette éternité-ci … Qui sait si, un jour, la science, avec ses progrès, ne retrouvera pas le portrait d’Alexandre sur un rocher, où se sera posée un moment son ombre?‹« (vgl. ebd., Bd. 4, S. 210f.). Balzac brachte in Le Cousin Pons (glauben wir) die Wahrsagerei als Phänomen in einen Zusammenhang mit der Photographie. Bei letzterer ging er in einer seltsamen Variation des Platonismus davon aus, daß alle Dinge unaufhörlich ein Bild in die Luft werfen würden, daß alle existierenden Gegenstände auf diese Weise als unbegreifliches Gespenst sich wiederholten und daß Daguerres mit Chemikalien behandelte Platten diese Gespenster bannten. Das hieße, die photographierten Bilder existierten für ihn vor ihrer Entstehung, wobei sich natürlich die Frage nach der Perspektive stellte: existieren von einem Ding so viele Bilder, wie es Blickwinkel gab?

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Und das aus diesem Munde! (Ich höre da keine Ironie!)

Da das Kunstwerk existiert und real überzeugend erlebt werden kann, kann etwas mit der Welt nicht stimmen. Mit der Welt! – und gerade nicht mit der Kunst, die ihre eigenen Möglichkeiten ja ersichtlich beherrscht.

(Niklas Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 145; nur nebenbei bemerkt: das ist der 324. Eintrag hier, und 324 ist auch die Anzahl der Tage von Hans Köberlins Exil; zitiert haben wir diese Aussage Luhmanns in ¡Hans Koberlin vive! mehrmals, nämlich in langen Fußnoten zu den Œuvres Kurosawas und Fassbinders und Tarkowskijs).

Montag, der 9. Dezember 2013


[69 / 255]
Hans Köberlin träumte in der Nacht zum Montag, dem 9. Dezember 2013,* daß er in der Halbwelt des chinesischen Viertels (vermutlich das der Stadt, die niemals schlief) war. Dort war einer, der Giftschlangen klaute und dann verkaufte oder er schaute einem dabei zu. Ein Händler bot ständig seine Frühlingsrollen an, Hans Köberlin aß aber bei dem Schlangendieb, zu dem er durch lange und verwinkelte Korridore mit chinesischen Tapeten gelangte, Pommes frites. Er ging in einen Club, der ziemlich voll war, oben wurde getanzt und unten gab es eine Grotte, an deren Wänden und Decke die Schlangen waren. Mit einem Stock wurden sie heruntergestoßen und dann gepackt. Es wurden immer zwei geklaut. Schließlich gab es Ärger mit dem Türsteher. Eine Zeile aus dem Doors-Song, Soft Parade hatte er im Ohr: »You cannot petition the Lord with prayer«, inspiriert wahrscheinlich von dem gestrigen Filmkalenderblatt. Hans Köberlin erwachte davon mit dem starken Bedürfnis nach gleichförmigen und eintönigen äußeren Tagesabläufen, deren Leere er mit konzentrierter Lektüre, ihn selbst überraschenden Einsichten (manche Sachverhalte sind derart evident, daß man auf sie gestoßen werden muß) und dem Niederschreiben schöner Sätze füllen könnte, gemäß jenem Diktum Canettis: »Es ist kaum zu glauben, wie der geschriebene Satz den Menschen beruhigt und bändigt.«**


* Der aktuelle Filmkalender zeigte anläßlich des Todestages von Marcello Pagliero (†1980) das gleiche Bild aus Rossellinis Roma, città aperta (1945), wie das, das wir vom Vorjahr am 1. November 2013 aus Anlaß von Aldo Fabrizis Geburtstag (*1905) aus der Filmkalenderblattsammelkiste gefischt hatten, das aus dem Jahr 1997 zeigte Gary Cooper in Michael Andersons The Naked Edge (1961) und das aus dem Jahr 1996 Michelle Pfeiffer und Jeff Bridges in Steve Kloves’ The Fabulous Baker Boys (1996). Außerdem war am 9. Dezember 1916 Kirk Douglas – Kubricks Spartacus – geboren worden.
** Elias Canetti, Dialog mit dem grausamen Partner; in: Das Gewissen der Worte. Essays, Frankfurt am Main 1981, S. 54; vgl. auch vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 152 und dort die Fußnote 466.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Dienstag, 8. Dezember 2015

Sonntag, der 8. Dezember 2013


[68 / 256]
Hans Köberlin ging also am späteren Nachmittag emotional etwas aufgewühlt in die ›Tango Bar‹, saß dort draußen auf der Terrasse und erledigte seine elektronische Post, trank einen Rotwein, dann als es dunkel und klamm wurde, ging er hinein, trank dort noch einen Rotwein und ging anschließend nach Hause, um ein Rindersteak mit Tomatensalat und Brot zu essen. – Gestern hatte es übrigens – wir haben vergessen, das zu erwähnen – einmal wieder eine Dorade gegeben. Hans Köberlin hatte an der Fischtheke des ›Consum‹ einen Moment nicht aufgepaßt, und – »Zack!« – hatte der Verkäufer den Fisch nicht bloß ausgenommen und ihm die Flossen, wie das hier allgemein so Unsitte war, abgeschnitten, sondern auch enthauptet. Üblicherweise verlief die Kommunikation mit diesem Fischverkäufer so (man fing an, Hans Köberlin vom Sehen zu kennen): der Fischverkäufer machte an sich mit dem Daumen die Geste des Halsabschneidens, worauf Hans Köberlin mit einem Kopfschütteln antwortete und an sich die Geste des Harakiri, por favor, vollzog (= bitte ausnehmen, aber den Kopf dranlassen).


* Er fragte in den nächsten Tagen bei einem Übersetzer nach einer möglichen Formel, die er dann beim Fischkauf von einem Zettel ablesen könnte …: »Zur Sprachfrage: gar nicht so einfach, haha! Ich würde sagen, ein bißchen Pidgin, aber es wird funktionieren: por favor, quitar (kitar) las escamas (Schuppen) y (i) los intestinos pero NO la aleta (Flosse), la cabeza (kabetha, th von thing) y la cola.« Hans Köberlin befürchtete, daß es an seiner Aussprache scheitern würde und brachte die Formel nie zum Einsatz.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Montag, 7. Dezember 2015

Samstag, der 7. Dezember 2013


[67 / 257]
Und Edmond heute vor 140 Jahren …
Sonntag, 7. Dezember – Dieser Tage las ich das Buch von Cladel, Les Va-nu-pieds. Es ist muskulös, es ist vierschrötig, es ist stark; aber es ist lumpig, zu lumpig. Man könnte dieses Buch absolut mit jenen Bildern vergleichen, die am Eingang einer Jahrmarktsbude hängen, wo Dorfherkulesse kämpfen. Das macht nichts, es ist ein Talentierter, wie der liebe Théo sagte.
Hans Köberlin hörte, außer der bereits erwähnten Filmmusik Peer Rabens,* weil er ja im leeren Wintergarten arbeitete, den hiesigen Klassiksender, dessen Angebot ihm wirklich gut gefiel.


* Die letzte Musik auf dieser Zusammenstellung von Filmmusik, die Peer Raben für die Filme von Rainer Werner Fassbinder komponiert hatte, war aus Querelle das Lied For each man kills the thing he loves, gesungen von Jeanne Moreau. Als Hans Köberlin am Sonntag, dem 8. März 2015, morgens allein im Bett seiner Wohnung (die Frau war bei ihrer Mutter) die noch während seines Exils begonnene Lektüre von Borges’ Ficciones beendete, da erfuhr er aus den Anmerkungen zu El sur, daß der Text ein Gedicht von Oscar Wilde war, nämlich The Ballad of Reading Gaol, wo es um einen Mann ging, der seine Frau aus Eifersucht ermordetet hatte, dafür zum Tode verurteilt worden war und die Vollstreckung des Urteils in stoischer Haltung erwartete. – So fügte sich im Laufe von Hans Köberlins Lektüre ein Mosaiksteinchen an das andere, ohne freilich daß ein Bild (man konnte nicht sagen, was für eines) jemals vollendet worden wäre. – Nebenbei bemerkt: in El sur artikulierte Borges eine wahrhaft fatale Einsicht, nämlich daß das Schicksal zwar blind für wirkliche Schuld sei, jedoch unbarmherzig gegen die kleinsten Unachtsamkeiten sein könne. Hans Köberlin mußte da an seine drei Fahrradunfälle im vergangenen Sommer denken …

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Sonntag, 6. Dezember 2015

Freitag, der 6. Dezember 2013


[66 / 258]
In irgendeinem Film, den Hans Köberlin als Kind gesehen, hatte einer gesagt, es gäbe Frauen mit einem Apfelarsch und Frauen mit einem Birnenarsch; diese Unterscheidung hatte Hans Köberlin sein Lebtag nicht mehr vergessen, und jetzt vor seinem geistigen Auge … Dann stieß er in seiner Ausgabe in Joyces Idiom auf der Seite 112 auf einen Fehler: die Abschnittsüberschrift MEMORABLE BATTLES RECALLED war aus Versehen als »Memorable battles recalled« in den Text geraten, und auf S. 116 das gleiche: da war THE CALUMET OF PEACE aus Versehen als »The calumet of peace« in den Text geraten … Und bei ironischen Gegenüberstellung von Professor MacHugh …: natürlich war ein Wasserklosett wichtiger als ein Altar.*


* »The Jews in the wilderness and on the mountaintop said: It is meet to be here. Let us build an altar to Jehovah. The Roman (…) brought to every new shore on which he set his foot (…) only his cloacal obsession (…): It is meet to be here. Let us construct a watercloset.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 117). Nun, die Pointe war nett, aber der Vergleich hinkte im Detail: was sollten Nomaden in der Wüste mit einem Wasserklosett anfangen? – Nach Thomas Mann war Moses dort der Kulturbringer gewesen: »Vorläufig waren sie (die Kinder Israels) nichts als Pöbelvolk, was sie schon dadurch bekundeten, daß sie ihre Leiber ins Lager entleerten, wo es sich treffen wollte. Das war eine Schande und eine Pest. Du sollst außen vor dem Lager einen Ort haben, wohin du zur Not hinauswandelst, hast du mich verstanden? Und sollst ein Schäuflein haben, womit du gräbst, ehe du dich setztest; und wenn du gesessen hast, sollst du es zuscharren, denn der Herr, dein Gott, wandelt in deinem Lager, das darum ein heilig Lager sein soll, nämlich ein sauberes, damit Er sich nicht die Nase zuhalte und sich von dir wende.« (Thomas Mann, Das Gesetz; in: Die Erzählungen, Frankfurt am Main 1986, S. 1006). Hans Köberlin mußte an die pensionistas denken, die von ihren Dreckkötern die Promenade, auf der sie flanierten, zuscheißen ließen. – Aber nochmals zu Thomas Mann: wir lesen noch einmal den Anfang der Erzählung …: großartig!
Seine Geburt war unordentlich, darum liebte er leidenschaftlich Ordnung, das Unverbrüchliche, Gebot und Verbot.
Er tötete früh im Auflodern, darum wußte er besser als jeder Unerfahrene, daß Töten zwar köstlich, aber getötet zu haben höchst gräßlich ist, und daß du nicht töten sollst.
Er war sinnenheiß, darum verlangte es ihn nach dem Geistigen, Reinen und Heiligen, dem Unsichtbaren, denn dieses schien ihm geistig, heilig und rein.
(ebd., S. 961; als »a man supple in combat: stonehorned, stonebearded, heart of stone« tauchte er in Stephens Bewußtseinsstrom auf (Joyce, Ulysses, a. a. O., S. 127).Es muß wohl nicht erwähnt werden, daß der gleichsam sinnenheiße Hans Köberlin nicht nach dem Geistigen, sondern nach dem Fleischlichen, nicht nach dem Reinen, sondern nach der Verdorbenen, und nicht nach dem Heiligen, sondern nach der Hure verlangte. – Und apropos Zivilisation: Luhmann in seiner trockenen Art hatte einmal 1985 ein kleines Szenario entworfen …
Man muß darauf gefaßt sein, daß es in absehbarer Zeit zu atomaren Explosionen kommen wird, die den Erdball verwüsten. Das wäre zweifellos ein markantes, einschneidendes, epochenwirksames Ereignis. Vorher und Nachher ließe sich deutlich unterscheiden. Sucht man nach einem anderen Ereignis von ähnlicher Tragweite, kommt eigentlich nur die Entwicklung von planmäßiger Landwirtschaft in Betracht. Vorher ging es auf dem Erdball, evolutionär gesehen, relativ normal zu. Es gab, wer weiß wie lange schon, Menschen; aber sie lebten, wenn nicht friedlich, so jedenfalls harmlos, wenn nicht paradiesisch, so jedenfalls ohne nennenswerten Einfluß auf ihre Umwelt. Dann entwickelte sich aber die Landwirtschaft und sehr bald darauf, nur wenige Jahrtausende später, die atomare Explosion. Ein kurzer Prozeß also: die Landwirtschaft die Ursache, die Explosion die Wirkung, die Zivilisation als Übergang, als Transformationsmechanismus.
(Niklas Luhmann, Das Problem der Epochenbildung und die Evolutionstheorie; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 102). Später dann las Hans Köberlin übrigens in den mit LOST CAUSES NOBLE MAQUESS MENTIONED und KYRIE ELEISON! betitelten Abschnitten, daß der Professor der römischen (Klosett) und semitischen (Altar) Alternative die griechische (Geist) entgegenstellt, wobei Hans Köberlin bei ›griechisch‹ natürlich …

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Samstag, 5. Dezember 2015

Donnerstag, der 5. Dezember 2013


[65 / 259]
Als Hans Köberlin am Donnerstag, dem 5. Dezember 2013* … das war fast schon zu einer Einstiegsformel geworden: und das Formelhafte entsprach in manchen Bereichen auch Hans Köberlins Alltag (das galt so natürlich nur für die Zeit, in der die Frau nicht da war, also für die meiste Zeit also deshalb nicht ›nur‹) …
  • aufwachen (»… deo volente …«, wie es in dem Kinderlied hieß): immer,
  • onanieren: nach Bedarf und unabhängig von der Tages- und der Nachtzeit, aber möglichst nicht zu häufig wegen des als »ausgeklapptes Rasiermesser« bezeichneten Effekts (Hans Köberlin wollte zwar ›nichts machen‹, er wollte aber immer etwas machen können, das er sich dann versagen würde, um keinen Schmerz in die Welt zu setzen),
  • das Wetter war variabel, und davon abhängig war
  • Dauerlaufen (mit Musik zur emotionalen Regelung): optional (möglichst immer, hoffentlich ab April wieder mit schwimmen),
  • frühstücken: immer,
  • abwaschen nach Bedarf,
  • duschen: nach Bedarf (immer nach dem Laufen natürlich),
  • Schreibtisch oder ähnliches (also der striptease table oder ähnliches, wie etwa der leere Wintergarten oder wie heute, wo er auf der Dachterrasse saß, aber dazu später): möglichst immer,
  • der Gang ans Meer (diverse Routen und Ziele): möglichst immer, wetterabhängig, hoffentlich ab April wieder mit schwimmen,
  • Erledigungen (Surfstick aufladen, eine Butangasflasche kaufen, auf der Post Briefmarken kaufen et cetera): nach Bedarf,
  • der Besuch der ›Tango Bar‹ (Nord oder oder und Süd) oder der ›Status Bar‹ oder der ›Choral Beach Bar‹ oder der Bar auf dem Platz an der abschüssigen Haupteinkaufsstraße im Ort, wo er mit der Frau et ecetera,
  • im ›Consum‹ oder im ›Mercadona‹ oder sonstwo Lebensmittel einkaufen: nach Bedarf,
  • zu Abend essen: immer und fast immer daheim (erst einmal hatte er alleine auswärts gegessen, wie erwähnt Tintenfisch mit Salat und patatas fritas),
  • Schreibtisch (jetzt der striptease table): möglichst immer,
  • nochmals ans Meer gehen (jetzt bereits im Dunkeln): ab und an,
  • einen Film sehen: möglichst nicht zu häufig, weil Hans Köberlin sich damit von sich ablenkte, und schließlich
  • zu Bett gehen: immer,
  • im Bett noch lesen: meistens, und
  • einschlafen: immer.

* Es gab zwei archivierte Filmkalendertagesblätter, eines aus dem Jahr 1997, das anläßlich des Geburtstages des Hans Köberlin nicht bekannten Regisseurs Keisuke Kinoshita (*1912) ein Still aus dem Hans Köberlin gleichsam nicht bekannten Film Eien no hito (1961), auf dem sich eine Frau und ein Mann auf einem Feldweg mit einem jener Berge, wie sie auch hier gab, im Hintergrund auf dramatische Art und Weise gegenüberstanden, zeigte – das Still machte Lust, sich den Film einmal anzuschauen –, und eines aus einem älteren Jahrgang ohne Jahresangabe und ohne Angabe des Anlasses mit Jeanne Moreau und Oskar Werner wieder einmal in Truffauts Jules et Jim (1961).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Freitag, 4. Dezember 2015

Mittwoch, der 4. Dezember 2013


[64 / 260]
»Ich ging eine Treppe hoch, ging hoch zu dem im zehnten Stock des Hochhauses mit den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität der Hansestadt gelegenen philosophischen Institut. In Gedanken versunken ging ich einige Treppen zu weit und war plötzlich im Wartungstrakt des Gebäudes unter dem Dach. Schnell kehrte ich um und lief die Treppen wieder hinunter. Ein Student saß da und trank einen Kaffee, er saß so da, daß ich beim Hinabsteigen der Treppe seinen Kaffee fast umgeschüttet hätte. Ich herrschte ihn an, was er da so auf der Treppe sitzen würde, daß ich fast über seinen Kaffee gestolpert wäre. Da wiederum fiel ein chinesisches Ehepaar über mich her, sie hätten die Aufsicht über diesen Ort, meine Unverschämtheiten wären bekannt und typisch für mich und so weiter, sie beschrieben mein unmögliches Verhalten in Metaphern, denen ich zum Teil nicht folgen konnte (so ein chinesischer Kram halt, Tao- und Zenweisheiten und Haikus* oder Koans). Ich sah ein, daß ich übertrieben hatte (daß mein Herumschreien aufgesetzt war hatte ich selbst bereits während des Herumschreiens bemerkt) und wollte einlenken, es läge alles an der Art, wie hier gebaut worden wäre, völlig hirnlos, so daß solche Konflikte geradezu von der Architektur vorprogrammiert worden wären (ein Argument à la Thomas Bernhard, dachte ich im Traum), aber sie gaben keine Ruhe und ich dachte, daß die ganze Situation wie aus einer Erzählung von Kafka war. Dann wollte ein schwuler ehemaliger Kommilitone, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, mich mit seinem Auto (ein Cabriolet) mitnehmen. Zuvor kauften wir bei einem speziellen Bäcker noch besonders gutes Brot ein, zwei Laibe: einen für die Frau und mich und einen für ihn. Ich telephonierte zwischendurch mit der Frau und sagte ihr, daß ich es wahrscheinlich nicht zur üblichen Zeit schaffen würde, zu ihr zu kommen. Ich betrieb Smalltalk mit meinem ehemaligen Kommilitonen und fragte ihn nach seinem Mann. Dann wurde er plötzlich so müde, daß er nicht weiterfahren konnte und unbedingt sofort nach Hause wollte. Ich stieg aus und sagte, ich ginge zu Fuß weiter. Was ich denn unterwegs essen wolle, fragte er, und ich sagte, ich würde etwas von dem Brot abbrechen. Als ich dann unterwegs war merkte ich, daß ich aus Versehen auch sein Brot mitgenommen hatte. Ich kam in eine enge Gasse (ein wenig wie die Ladenstraße, die ich in einem Ort auf der Insel des zweiten Gesichts gesehen hatte), in der ein Omnibus zwischen zwei parkenden Autos stand. Ich zog den Omnibus da heraus und stieß ihn an, so daß er mit einer immer größer werdenden Geschwindigkeit durch die Gasse schoß. Er kam zwar gut um die Kurven, aber es bestand die Gefahr, daß er an der nächsten Kreuzung jemand überrollen würde. Mein Tun kam mir etwas leichtsinnig vor. Dann kam ich noch an eine seltsame, ein wenig mediterran wirkende Treppe (wie die südlich der Haupteinkaufsstraße hier), in die die Straße, auf der ich lief, überging, eine Treppe, an deren linker Seite (von oben) eine üppige Bepflanzung war.«


* Der wache Hans Köberlin wußte natürlich, daß das Haiku eine japanische und nicht eine chinesische Gedichtform war.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Prosit!

Reductio ad absurdum ist eines meiner Lieblingsgetränke.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 291).

Ästhetischer Pantheismus

So banal eine Aussage auch sein mag, so wenig bedeutsam, wie man sie sich in ihren Folgen vorstellt, so schnell, wie man sie nach ihrem Erscheinen auch vergessen kann, so wenig verstanden oder schlecht entziffert, wie man sie annimmt, ist sie doch stets ein Ereignis, das weder die Sprache noch der Sinn völlig erschöpfen können. Ein seltsames Ereignis mit Sicherheit: zunächst, weil sie einerseits mit einem Schriftzug oder mit der Artikulation eines Wortes verbunden ist, aber weil andererseits sie sich selbst gegenüber eine im Feld einer Erinnerung oder in der Materialität der Manuskripte, der Bücher und irgendeiner Form der Aufzeichnung zurückbleibende Existenz eröffnet; dann weil sie einzigartig ist wie jedes Ereignis, aber weil sie der Wiederholung, der Transformation und der Reaktivierung offensteht; schließlich weil sie nicht nur mit Situationen, die sie hervorrufen, und mit Folgen, die sie herbeiführt, sondern gleichzeitig und gemäß einer völlig anderen Modalität mit Aussagen verbunden ist, die ihr voraufgehen und die ihr folgen.
Aber wenn man im Verhältnis zur Sprache und zum Denken die Instanz des Aussageereignisses isoliert, geschieht dies nicht, um eine zahllose Menge von Fakten zu verstreuen. Es geschieht, um sicher zu sein, sie nicht auf Verfahren der Synthese zu beziehen, die rein psychologischer Natur wären (die Absicht des Autors, die Form seines Geistes, die Strenge seines Denkens, die ihn beschäftigenden Themen, das Vorhaben, das seine Existenz durchläuft und ihr Bedeutung gibt), und um andere Formen der Regelmäßigkeit, andere Typen der Beziehung erfassen zu können. Beziehungen der Aussagen untereinander (selbst wenn diese Beziehungen dem Bewußtsein des Autors entgehen; selbst wenn es sich um Aussagen handelt, die nicht den gleichen Autor haben; selbst wenn diese Autoren einander nicht kennen); Beziehungen zwischen so aufgestellten Gruppen von Aussagen (selbst wenn diese Gruppen nicht die gleichen Gebiete oder benachbarte Gebiete treffen; selbst wenn sie nicht das gleiche formale Niveau haben; selbst wenn sie nicht der Ort bestimmbaren Austausches sind); Beziehungen zwischen Aussagen oder Gruppen von Aussagen oder Ereignissen einer ganz anderen (technischen, ökonomischen, sozialen, politischen) Ordnung. Den Raum in seiner Reinheit erscheinen zu lassen, in dem sich die diskursiven Ereignisse entfalten, heißt nicht, zu versuchen, ihn in einer Isolierung wiederherzustellen, die nichts zu überwinden vermöchte; heißt nicht, ihn in sich selbst zu verschließen; es heißt, sich frei zu machen, um in ihm, und außerhalb seiner, Spiele von Beziehungen zu beschreiben.

(Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 4. Aufl. 1990, S. 44f.).

Dienstag, der 3. Dezember 2013


[63 / 261]
Sehr verehrte Damen und Herren,

die ›Methode Godard‹ funktionierte von Anfang an, funktionierte bereits bei einem seiner ersten Kurzfilme. Aus einer Szene dieses Kurzfilms möchte ich im Folgenden die ›Methode Godard‹ ableiten.
1961 wollte Truffaut während einer Überschwemmung auf der Ille de France mit zwei Darstellern etwas improvisieren. Nach zwei Tagen merkte er, daß ihm eine Geschichte fehlte, und er gab auf. Godard ließ sich darauf das Rohmaterial zeigen, montierte es und legte einen Kommentar darüber. Dieser Kommentar beginnt bereits mit dem Titel: es geht nun nicht mehr um eine lokale Überschwemmung, sondern um Un histoire d’eau, was sowohl den kosmologischen Aspekt des Elements ›Wasser‹ evoziert als auch die Tatsache, daß es ›die‹ Geschichte des Wassers nicht gibt. Aber es geht ja auch nicht um das Wasser, es geht, wie immer bei Godard, um eine Frau und einen Mann.
Und so beginnt der Kommentar, der wie der gesamte Text von der jungen Frau aus dem Off gesprochen wird, mit dem simplen Satz: »Ich ging in meinen Garten, / um dort Rosmarin zu pflücken.« Diese Erklärung wird aber sogleich verworfen, und das nicht nur wegen des Wassers, denn die junge Frau möchte nämlich eigentlich nach Paris. Sie schafft es zu einer Landstraße zu kommen und hält ein Auto an, dessen Fahrer natürlich ein junger Mann ist. Die ganze Zeit dann während der Fahrt durch die überschwemmte Region reißt der Off-Kommentar der Frau nicht ab, sie quasselt und quasselt, sie kommt von einem zum anderen, schweift ab, während der Fahrer eindeutige Bemühungen bezüglich der Frau startet … Sie redet über alles mögliche …: »Aragon hielt eine Vorlesung über Petrarca. Hier mache ich die Klammer auf: Alle mißachten Aragon. Ich liebe ihn. Und nun schließe ich die Klammer wieder. Aragon sprach also über Petrarca. Er beginnt mit einer endlosen Lobrede auf Matisse. Nach 45 Minuten ruft ein Student von hinten: ›Zum Thema! Zum Thema!‹ Und Aragon sagt schlicht, daß Petrarcas Genie in der Kunst der Abschweifung besteht.« – »Der Mensch«, das wußte bereits Georg Simmel, »ist, und zwar je höher er kultiviert ist, um so mehr das indirekte Wesen.«
Diese Geschichte von Aragons Vorlesung über Petrarca kommentiert in einer Abschweifung das Prinzip ›Abschweifung‹. Das folgende Statement der Frau, »So wie bei mir.« bestätigt, was man bisher gesehen beziehungsweise gehört hat, man könnte denken, »So wie bei mir.« sei ein Bekenntnis zu dem Prinzip Abschweifung. Aber dann sagt sie: »Ich komme nicht vom Thema ab.« Nimmt man diese Aussage ernst, dann bedeutet ›Abschweifung‹, gerade nicht vom Thema abkommen. Und genau das ist die ›Methode Godard‹: »Das ist mein Thema!« – eine Kritik des Themas ›Thema‹: wider ein angenommenes Wissen, man könnte wissen, was zu einem Thema gehört. Nach einer Aussage Godards erlaubt der Film einem nämlich nicht zu wissen, aber zu sehen, um dann im Nachhinein vielleicht zu wissen. Baudelaires von Godard des öfteren zitierter Imperativ »Dites, qu’aves-vous vu?« aus den Fleurs du Mal wäre also die Voraussetzung jeder Verhandlung der Rezeption. Ein schönes Beispiel dafür ist der Auftrag, den Godard einmal annahm, einen Film über den ›Zustand der Einsamkeit‹ zu drehen – der Zustand der Einsamkeit – l’état de la solitude – der Staat der Einsamkeit. Godard nutzte die doppelte Bedeutung des Wortes ›etat‹, suchte darauf nach dem einsamsten Staat in Europa und machte einen Film über die DDR kurz nach dem Fall der Mauer.
Die Bilder, die Themen, die Sätze, die Wörter, die Buchstaben, alles verliert bei ihm seine Eindeutigkeit und seinen gewohnten Kontext. Die Formen, derer sich Godard bei seiner Methode bedient, sind nicht die des klassischen Kinos, mit seiner geschlossenen Handlung und den unsichtbaren Schnitten, der Illusion einer Realität, sondern Essay, Variation, Tableau, und Kommentar. Wir sehen also hier, bei dem frühen Kurzfilm, bereits die wesentlichen Aspekte der ›Methode Godard‹: Godard evoziert die Polyvalenz eines Themas, von der kosmologischen Elementargeschichte bis hin zu den nicht minder elementaren Beziehungen zwischen Frau und Mann. Thema ist ihm, was er montiert. Als Godard einmal bezüglich seiner aus Zitaten montierten Filmgeschichte gefragt wurde, ob er oft Schwierigkeiten gehabt habe, die richtigen Sequenzen für den Anschluß zu bekommen, antwortete er, wenn er richtigen Sequenzen nicht bekommen habe, habe er eben andere genommen und damit eben eine andere Geschichte erzählt.
Godards Filme sind bereits bei ihrer Entstehung offen. In dem Film, den wir gleich sehen werden, hat Godard dieses Verfahren ins Bild gesetzt: zwei Männer sitzen in einem Café hinter riesigen Bücherstapeln. Es handelt sich um niemand anders als Flauberts Helden Bouvard und Pécuchet, ehemals naiv-autodidaktische Universalgelehrte und nun naiv-geniale Abschreiber. Bouvard greift sich wahllos Bücher aus den Stapeln und liest einen beliebigen Satz daraus vor … aus Lenins Schriften, aus einem Roman von Colette, aus dem Telephonbuch … Und Pécuchet schreibt die Sätze mit. Wir erleben, wie das Drehbuch zu einem Godardfilm entstehen könnte, und die scheinbar beliebig kombinierten Sätze bilden eine mögliche Notwendigkeit.*
Diese scheinbar beliebige Kombination erweckt aber nie den Eindruck einer Beliebigkeit, denn der Kontext entsteht durch die Perspektive. Man muß Perspektiven täglich in seinem Leben wählen. Die Traumfabrik nimmt einem das im Kino ab, Godard jedoch nimmt einem das im Kino nicht ab, man muß das bei ihm auch dort machen, und kann sich nicht einer imaginären Partizipation hingeben, die der Kunst bloß therapeutische oder kompensatorische Funktionen zuweist. Das meinen die beiden Sätze, die Sie am Beginn sahen: »Ich möchte, daß das Kino ein notwendiger Moment des Lebens wäre, und zwar schon so konzipiert.« und »Man müßte eher den Film leben, als aus seinem Leben einen Film zu machen.« »Den Film leben« meint – ähnlich der romantischen Konzeption des Fragments –, den Film als Medium eines Lebens, das ihm seine Form gibt, zu betrachten, was die immanente Reflexion bedeutet, reflektierend die Wirklichkeit erleben, Tag für Tag, die Wirklichkeit nicht verlassen wollen, Gelassenheit nennt man so etwas, was zu keiner Epiphanie führt, sondern zu dem ganz Konkreten, und wenn man Glück hat, zum Glück.
Man muß erst dahin kommen, das ganz Konkrete in toto mit einer Mischung aus Lust und Schrecken als die einzige große Ausnahme betrachten zu können. Daraus ergibt sich, daß die Filme Godards derart komplex sind, daß es keinen Sinn macht, das Strukturprinzip dieser Komplexität nachvollziehen zu wollen oder nach der einen Aussage zu fragen. Der Zuschauer muß der Konstruktion eines Godardfilms mit seiner Konstruktion des Sehens und des Denkens begegnen. Godard macht aus ›der‹ Geschichte eines Gegenstands mögliche Geschichte(n) und daraus resultierend arbeitet er mit dem Prinzip ›Abschweifung‹, oder anders gesagt, er montiert verschiedene Dinge zu einem Kontext. Einer seiner Protagonisten** sagt einmal: »Noch nie hatte Jemand den Mut, die Geschichte der letzten zweihundert Jahre als die Geschichte der Amseln zu schreiben.« Und Godard selbst: »Ich bin immer ausgegangen von einer Idee, die nicht von mir war, weil es anders nicht geht. Heute versuche ich, von gemachten Bildern auszugehen, vor die und an die man dann andere dransetzen kann.«
Und schließlich als letzten Punkt: Bild und Ton (Sprache – = Dialoge und Kommentare –, Geräusche, Musik et cetera) stehen in keinem traditionell notwendigen Zusammenhang, die Notwendigkeit ist das Resultat der Rezeption oder wie Deleuze es formulierte: das Problem des Zuschauers werde nun heißen: ›Was ist auf dem Bild zu sehen?‹ und nicht mehr: ›Was ist auf dem nächsten Bild zu sehen?‹ Wenn hier der Begriff des ›Kommentars‹ fällt, meint das mehr, als die aus dem Off gesprochenen Worte, die die Bilder zu einer Geschichte machen. Was ›Kommentar‹ bei Godard meint, artikuliert Prospero in dem Film Détective, Godards Version von Shakespeares Tempest: »Die Sprache ist der wahre König in unserem armen Land, aber der wahre Fürst ist der Kommentar, er ist es, und nur er allein, der mit seinem scharfen Blick noch etwas in Bewegung setzt.«
Das übliche Kino setzt Geschichten in die Welt, mit einem Anfang, dem Dazwischen und einem Ende. Godard dagegen filmt die Welt oder montiert die Bilder der Welt neu und kommentiert sie damit. Er evoziert unübliche Zusammenhänge. Daß es auch einen visuellen Kommentar gibt, demonstriert Godard in Alphaville, wo es der Kontext ist, der den Bildern kommentierend seine Bedeutung gibt: »Um 24 Uhr 17 ozeanischer Zeit erreichte ich die Außenbezirke von Alphaville.« Aus dem Paris der 60er Jahre wird Alphaville, die Hauptstadt der Galaxis, ohne daß auch nur eine Kulisse aufgestellt werden muß.
Kunst schafft Objekte, und so muß jede Kunstwissenschaft eine empirische Wissenschaft sein, in dem Sinne, daß sie ihrem Objekt verpflichtet ist – das hat sie mit der Liebe gemein. Godard nun schafft Kunst, Filmkunst, indem er mit der Kamera auf bereits vermittelte Objekte zurückgreift, wie immer diese Vermittlung auch aussehen mag. Erst mit ihm ist das Kino das geworden, was in der bildenden Kunst seit der klassischen Moderne selbstverständlich ist: nämlich die Referenz auf sich selbst.
Bevor ich noch kurz etwas zu dem Film sage, den wir gleich sehen werden, möchte ich Ihnen das Ende dieser »Geschichte des Wassers« nicht vorenthalten … Die beiden erreichen schließlich Paris und es kommt wie es kommen muß: »Ich war glücklich. Mit diesem Typ, den ich ›Dreckskerl‹ nannte, als er mich küßte, würde ich wahrscheinlich heute abend schlafen.
In dem Film 2 ou 3 choses que je sais d’elle aus dem Jahr 1967 hat Godard das, was in Un histoire d´eau bereits angelegt war, weiter perfektioniert, was bei ihm heißt: komplexer gemacht. »Elle / La région Parisienne«. Ein Kritiker meinte bei Erscheinen des Films, paradox sei, je mehr Godard sich für zeitgenössische soziale Gegebenheiten interessiere, desto weniger realistisch seien seine Filme. Diese Beobachtung trifft zu, Godards Filme kann man kaum als ›realistisch‹ im üblichen Sinn bezeichnen und sie sind im genauen Sinn des Wortes soziologisch, dies ist jedoch kein Paradox. Godard selbst sagte dazu: »Alles in allem, wenn ich darüber nachdenke, ist ein Film dieser Art etwa so, als wollte ich einen soziologischen Essay schreiben in Form eines Romans und hätte dabei nur Musiknoten zu meiner Verfügung.« Im sogenannten ›Realismus‹*** wird die Kritik zur Affirmation, denn der sogenannte ›Realismus‹ verdoppelt das bestehende Bild der Welt – oder besser: das (Vor)-Urteil über die Welt, und dabei ist es dann egal, ob man das macht, weil man es gut findet oder nicht.
In dem Kommentar zu 2 ou 3 choses que je sais d’elle heißt das: »Ich ersetze die Untersuchung realer Gegenstände durch meine Einbildungskraft.« Es geht also nicht um die filmische Reproduktion von Realität, sondern um die Realität der Bilder und Töne, es geht um die Reproduktion des Films selbst mit seinen produktions- und rezeptionsästhetischen Implikationen. Auch hier gibt es einen Kommentar, diesmal von Godard selbst geflüstert, es gibt die Dialoge der Schauspieler und es gibt die Kommentare der Personen, die die Schauspieler verkörpern. Sie sprechen direkt in die Kamera, über ihr Empfinden über die Situation, in der sie leben und über Dinge. die sie beschäftigen: Sex, Kunst, Geld, Politik et cetera.
Gut aristotelisch hält sich Godard in diesem Film an die Einheit des Ortes – Groß Paris und die Einheit der Zeit – ein Tag, vom Aufwachen … »Die Sprache ist das Haus, in dem der Mensch wohnt.« … bis zum Einschlafen**** … »Mich definieren mit einem Wort: Noch nicht tot sein.« Die eine Protagonistin, die Region Paris, stellt Godard am Anfang in einem Ausschnitt vor, nämlich dem Bild einer Baustelle, von Kameramann Raoul Coutard nach den Regeln des goldenen Schnitts gerahmt. Die andere Protagonistin, stellt er als die Schauspielerin Marina Vlady und in ihrer Rolle als Juliette Jeanson vor.
Kurz etwas zu dem Hintergrund, (ich verlasse mich hier auf Angeben des British Film Institut): 1954, dem Jahr, als Frankreich Vietnam verlor, wurde der Grundstein zu der Trabantenstadt Sarcelles gelegt und 1.000 Wohneinheiten errichtet. Als dann 1962 Algerien seine Unabhängigkeit erlangte, kamen um die 700.000 Kolonisten nach Frankreich zurück. Um sie unterzubringen, wurde unter Zeitdruck eine gewaltige Urbanisierung in Gang gesetzt. 1974, sieben Jahre nach Godards Film, wurde Sarcelles mit 12.000 Wohneinheiten fertiggestellt.
Nun möchte ich Sie noch auf zwei oder drei Dinge aufmerksam machen, die den Stil dieses Films betreffen. Der Tag im Leben der Hausfrau und Gelegenheitsprostituierten Juliette Jeanson wird akustisch akzentuiert durch kurze Sequenzen aus dem Streichquartett in F-Dur op. 135 von Beethoven und optisch durch Kameraschwenks über die Trabentenstadt oder strenge Bildkompositionen, das Bauen an der Stadt, Aufbau und Veränderung, Ton und Stille. Im Kontext zu ihrer Umwelt haben die Menschen den Platz am unteren Bildrand. Was für alle Filme Godards gilt: er arbeitet mit den Farben rot, gelb blau und grün und setzt sie als bewußt als Akzente ein, er arbeitet mit expliziten Zeichen, mit denen unsere Umwelt durchsetzt ist – man lebe quasi in einen gigantischen Comic-Heft, flüstert Godard an einer Stelle – sowie mit Zwischentiteln, die jedoch in der Regel keine Kapitel einleiten, sondern auf bestimmte Aspekte eines möglichen Themas verweisen.
Die berühmteste Szene des Films zeigt Juliette und ihre Freundin bei ihrer Nebentätigkeit als Prostituierte. Ein Kriegsberichterstatter aus Vietnam filmt die beiden nackt, während sie Reisetaschen von Fluggesellschaften über den Kopf gestülpt tragen. Man beachte den Kontrast mit dem Stich im Hintergrund. Hier bündeln sich die Motive: Vietnam, das Frankreich in dem Jahr verlor, als der Bau der Trabantenstadt begann, und die USA, die das Erbe Frankreichs in Indochina antraten. Ökonomie, Prostitution, Fetisch. das Geld des Mannes und der Körper der Frau und natürlich die Kamera.
Zum Schluß möchte ich noch eine Bemerkung zu dem Thema ›Die Moderne auf dem Prüfstand‹ machen. – Die Architektur gilt als das künstlerische Genre, mit dem die Postmoderne begann. Zur Zeit dieses Films ist die Architektur zweifellos noch der Moderne verpflichtet. In der Theorie hatte die Moderne mit dem Strukturalismus ihre wohl avancierte Beschreibung gefunden. Godards Kommentar stellt den Bau der Stadt in einen Kontext mit dem Kapitalismus. Doch der Kapitalismus funktioniert genauso im Kern des historischen Paris, was Godard in den Szenen am Champs Élysées zeigt. Die Kamera zeigt die ästhetischen Reize der Trabantenstadt und zeichnet sie nicht als triste Betonburg. Godard verfällt nicht der naiven Ansicht, 700.000 ehemalige Kolonialisten könnten in Eigenheimen untergebracht werden. Godard agiert poststrukturalistisch und postmodern auf dem Höhepunkt der Moderne. Statt eindimensionaler Kritik, die wie gesagt eine Affirmation mit anderem Gesicht ist, fragt er nach der conditio humana in einer Welt voller Widersprüche, ohne diese Widersprüche aufzulösen. Der große Versuch der Moderne, sich in der Welt rational einzurichten, hat den Menschen unbehaust hinterlassen, das muß nicht schlecht sein. Godard hinterfragt, bietet aber keinen Ausweg, er bietet aber Möglichkeiten einer neuen Einsicht. »Ich suche nichts anderes als die Gründe, warum man glücklich leben kann. Wenn ich die Untersuchung jetzt noch weitertreibe, fände ich, daß unser Leben einfach darauf beruht, daß es zunächst die Erinnerung gibt und dann die Gegenwart, und die Freiheit, sich darin aufzuhalten, um zu genießen. Das heißt, im Vorbeigehen einen Grund des Lebens erfaßt zu haben und ihn für ein paar Sekunden festgehalten zu haben, nachdem er unter einmaligen Umständen entdeckt wurde. Daß die einfachsten Dinge in der Welt des Menschen möglich werden …«
Dies ist nicht viel, ist aber wohl alles, was einem bleibt und worauf es im Leben ankommt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit … und nun: 2 ou 3 choses que je sais d’elle.


* Und wir sehen bei dieser Szene Hans Köberlin an Bücherrad und Schreibtisch (… striptease table …).
** Es handelte sich um Paul in Sauve qui peut (la vie) (Anmerk. des Verf.).
*** Am Freitag, dem 19. Dezember 2014, sollte Hans Köberlin bei Georg Seeßlen eine knappe und treffende Definition des sogenannten ›Realismus‹ lesen: »die größte cineastische Illusion« (Georg Seeßlen, Lars von Trier goes Porno. (Nicht nur) über NYMPH()MANIAC, Berlin 2014, S. 17).
**** Hier war Hans Köberlin etwas ungenau: 2 ou 3 choses que je sais d’elle umfaßte den Zeitraum vom Abend bis zur nächsten Nacht.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Montag, der 2. Dezember 2013


[62 / 262]
Über all dem hatte er bis jetzt vergessen, seinen Filmkalender zu aktualisieren. Man sah auf dem Kalenderblatt anläßlich des Todestages des Kostümdesigners Edward Stevensen (†1968) auf einem Still aus Out of the Past (1947) die verführerisch Robert Mitchum anschauende Jane Greer.*


* Des weiteren wurde des Todes von Marty Feldman, berühmt wegen seiner hervorstehenden Augen, gedacht (†1982) und des Todes des Komponisten Aaron Copland (†1990), Hans Köberlin erinnerte sich an die ELP-Versionen von Fanfare for the Common Man und Hoe-Down; geboren worden war 1892 der Regisseur John G. Blystone, was 1997 ein Filmstill mit einem wie stets stoisch dreinschauenden Buster Keaton und einer wunderschönen Nathalie Talmadge (Keatons Ehefrau) aus Our Hospitality (1923) veranlaßt hatte; und im vergangenen Jahr hatte man anläßlich Lucy Lius Geburtstag (*1968) ein Bild präsentiert, das zeigte, wie Uma Thurman in Leder und das Hattori-Hanzo-Schwert auf dem Rücken mit einer silbernen Pistole auf jemanden zielte. Das Still stammte natürlich – wem muß man das noch sagen?! – aus Tarantinos Meisterwerk Kill Bill (2003f.) und es war natürlich Bill (David Carradine, der sich bei riskanten Onaniertechniken in einem thailändischen Hotelkleiderschrank zu Tode stranguliert hatte …), auf den sie zielte. Kill Bill war der Auftakt zu Tarantinos kathartischer Vergeltungsreihe (»Revenge is a dish best served cold«, wurde einem als altes klingonisches Sprichwort serviert, der Spruch war aber älter; später sollte Hans Köberlin in The Interpreter (2005) hören, Rache sei eine feige Form der Trauer …), der er bis heute treu geblieben ist: hier und in dem Nachfolger Death Proof (2007) waren es Frauen, die es ihren Peinigern heimzahlten, dann in Inglourious Basterds (2009) die Juden den Nazis und schließlich in Django Unchained (2012) die Sklaven ihren Haltern. Was mochte wohl als nächstes kommen? Die Indianer? Was auch immer, es würde sicherlich grandios sein. Hans Köberlins Lieblingsfilm von Tarantino war sein klassischster, Jackie Brown (1997), nicht zuletzt wegen Pam Greer, und dann kam gleich Kill Bill, bei dem natürlich auch Truffauts La mariée était en noir (1968) Pate gestanden hatte. Es war einfach genial, wie Tarantino in Kill Bill die Linearität aufgebrochen hatte, da konnte man noch etwas von spannungsaufbauender Erzählstruktur lernen, nicht so langweilig wie das, was wir hier treiben, day by day … Die Searchers-Einstellung zu Beginn des zweiten Teils … Der Bräutigam von Beatrice (natürlich …: Dante) war eine Neuauflage des Protagonisten von True Romance (1993), der jetzt allerdings keine Chance mehr hatte … (vielleicht weil sein Autor es geschafft hatte und selbst einer der ganzen großen – ein »Bill« – geworden war?). Das denkwürdige Ende von Vol. 2: man brauchte keinen Vater, keinen bürgerlichen und keinen guten Vater, als der ja Bill am Ende gezeigt wurde … nein, es ging vielleicht nicht um den Vater, es ging um die Familie: Vater und Tochter: fein (erst einmal); Mutter und Tochter auch fein (auch erst einmal) … aber die Geschlechterdifferenz und das Kind … weil Paare nur noch bei Langweilern Bestand hatten? – Vol. 3, so wurde kolportiert, sollte noch folgen, und da fiel Hans Köberlin zum ersten Mal auf, daß im Abspann der Name der geblendeten Elle Driver nicht durchgestrichen, sondern mit einem Fragezeichen versehen worden war.
Später fanden wir noch folgenden Eintrag in Hans Köberlins Arbeitsjournal vom Freitag, dem 7. November 2003, den wir hier unkommentiert einfach so dahinstellen möchten: »›Wir hören im Haus die Tür schlagen und hören niemals akustische Empfindungen oder auch nur bloße Geräusche. Um ein reines Geräusch zu hören, müssen wir von den Dingen weghören, unser Ohr davon abziehen, das heißt abstrakt hören.‹ (Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks, Stuttgart 1960, S. 18.). Hier kommt die Neue Musik oder die musique concrète ins Spiel … Kann man das, was Claude Simon macht, abstrakt erzählen nennen? (Geht das überhaupt, ist das nicht ein Widerspruch in sich?) Diese Gegenüberstellung der Abstraktionen ›Duchamps – Kandinsky‹, über die ich letztens in einer alten Ausgabe des Merkur gelesen habe, läuft das auf so etwas hinaus? Reduktion auf die Farbe und die Form (Kandinsky) ist ja nur eine Spielart der Abstraktion, eine ›einfache‹ Abstraktion, wohingegen Duchamps? ›ready mades‹ komplexere Abstraktionen sind. Aufgabe der Kunst wäre dann vielleicht, die für den jeweiligen Zustand der Welt komplexeste Abstraktion zu finden. (Quentin Tarantinos Kill Bill als die komplexeste Abstraktion des Genrebegriffs, Godard als die komplexeste Abstraktion der Kunst ›Kinematographie‹ überhaupt …) Warum aber Abstraktion? (Weil die angestrebte vollkommene Sinnlichkeit ein Pendant braucht? – Keine Dichotomien mehr!) Abstraktion als Abstraktion des Denkens überhaupt – cogito ergo abstrahiere … Abstraktion als die vollkommene Sinnlichkeit des Denkens?«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Dienstag, 1. Dezember 2015

Happy Birthday! (oder: Es leben die Marx Brothers!)

A week ago I bought a rifle, I went to the store – I bought a rifle! I was gonna, you know, if they told me I had a tumor, I was gonna kill myself. The only thing that might’ve stopped me – might’ve – is that my parents would be devastated. I would have to shoot them also, first. And then I have an aunt and uncle – you know – it would’ve been a blood bath.
*
GAIL: Two months ago, you thought you had a malignant melanoma.
MICKEY: Naturally, I, I – Do you know I – The sudden appearance of a black spot on my back!
GAIL: It was on your shirt!
*
One day about a month ago, I really hit bottom. Ya know I just felt that in a Godless universe I didn’t wanna go on living. Now I happen to own this rifle, which I loaded believe it or not, and pressed it to my forehead. And I remember thinking, I’m gonna kill myself. Then I thought, what if I’m wrong, what if there is a God. I mean, after all nobody really knows that. Then I thought no, ya know maybe is not good enough, I want certainty or nothing. And I remember very clearly, the clock was ticking, and I was sitting there frozen with the gun to my head, debating whether to shoot. [gun fires] All of a sudden the gun went off. I had been so tense my finger squeezed the trigger inadvertantly. But I was perspiring so much the gun had slid off my forehead and missed me. Suddenly neighbors were pounding on the door, and I dunno the whole scene was just pandemonium. I ran to the door, I didn’t know what to say. I was embarrassed and confused and my mind was racing a mile a minute. And I just knew one thing I had to get out of that house, I had to just get out in the fresh air and clear my head. I remember very clearly I walked the streets, I walked and I walked I what was going through my mind, it all seemed so violent and unreal to me. I wandered for a long time on the upper west side, it must have been hours. My feet hurt, my head was pounding, and I had to sit down I went into a movie house. I didn’t know what was playing or anything I just needed a moment to gather my thoughts and be logical and put the world back into rational perspective. And I went upstairs to the balcony, and I sat down, and the movie was a film that I’d seen many times in my life since I was a kid, and I always loved it. I’m watching these people up on the screen and I started getting hooked on the film. I started to feel, how can you even think of killing yourself, I mean isn’t it so stupid. Look at all the people up there on the screen, they’re real funny, and what if the worst is true. What if there is no God and you only go around once and that’s it. Well, ya know, don’t you wanna be part of the experience? You know, what the hell it’s not all a drag. And I’m thinking to myself, Jeez, I should stop ruining my life searching for answers I’m never gonna get, and just enjoy it while it lasts. And after who knows, I mean maybe there is something, nobody really knows. I know maybe is a very slim reed to hang your whole life on, but that’s the best we have. And then I started to sit back, and I actually began to enjoy myself.

(Woody Allen, Hannah and Her Sisters, 1986).

Sonntag, der 1. Dezember 2013


[61 / 263]
Nach dem Essen ging Hans Köberlin auf den vorderen Hof, die Lage erkunden. Der Sturm hatte zwar etwas nachgelassen, aber es regnete nach wie vor stetig. Er ging auf die Dachterrassen und schaute sich um … Die Hochhäuser immer wieder befremdlich, doch nicht unangenehm (er hatte begonnen, sie zu dokumentieren, aber darüber später mehr), dann das Meer, das er in manchen Lücken, die sie, die Hochhäuser, ließen, sehen konnte, und natürlich der Peñón de Ifach und seine Brüder im Hinterland, die Tafelberge: die Sierra de Oltà, der Morro de Toix … es war wirklich gut hier, bloß es fehlte ihm die Frau so arg!* Hans Köberlin sah jedoch nach wie vor diesen Spagat für sich als notwendig an.
Hans Köberlin hatte mit einer Leere kokettiert, war aber anscheinend in eine Fülle geraten, der er emotional manchmal nur sehr schwer gewachsen war …


* Und er dachte daran, wie Jules de Goncourt über die Frau eines Freundes geschrieben, sie sei die Frau, die einem das Weiß ihres Fußes, das durch ihren Seidenstrumpf schimmere, sehen lasse, das Rosige ihres Arms durch den Tüll ihres weißen Kleides, die einem die Rundungen ihrer Taille in die Arme werfe, einen die Schläge ihres Herzens unter ihrem an die Brust gedrückten Busen zählen lasse, einem die Hitze ihrer Schenkel auf den Schoß übertrage, einem mit ihren Küssen ein wenig über die Lippen streiche … (vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 383).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Montag, 30. November 2015

Warum direkt …

Der Mensch ist, und zwar je höher er kultiviert ist, um so mehr das indirekte Wesen.

(Georg Simmel, Schopenhauer und Nietzsche; in: Gesamtausgabe, hrsg. von Otthein Rammstedt, Bd. 8: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Bd. II, Frankfurt am Main 1993, S. 58).

Fred Frith

Wer ist der beste Gitarrist der Welt, Ihrer Ansicht nach?

(Padgett Powell, Roman in Fragen, übersetzt von Harry Rowohlt, Berlin 2. Aufl. 2012, S. 141).

Samstag, der 30. November 2013


[60 / 264]
Die Hans Köberlin noch unbekannten Wege führten ihn durch vollkommen menschenleere Gassen mit meist zur Zeit unbewohnten Häusern. Die Stimmung war seltsam …
»Wie in einem Film von Chabrol.«
»Oder von Haneke.«
»Oder von Seidel.«
… es gab keine Bars und keine Restaurants und keine Läden, nur diese Häuser, die so waren, wie das, in dem Hans Köberlin nun lebte, oder angenehm größer oder unangenehm größer und protziger, und er dachte, was laut Borges der Dichter Francisco López Merino am 20. Mai 1928 gedacht hatte.* Trotz des groben Stadtplans wußte er bald nicht mehr, wo er sich befand, beziehungsweise er hatte bloß eine ungefähre Ahnung, denn ganz verlorengehen konnte man angesichts des allesüberragenden Peñón de Ifach nicht. Hans Köberlin hielt sich in einer Richtung, die er für Südwesten hielt. Häufig endeten die Gassen als Sackgassen vor Haustoren und Hans Köberlin hatte bald genug von der Gegend, aber erst nach einer guten Weile stieß er auf eine größere Straße – der Avenida Jaume el Conqueridor –, auf der ab und an ein Auto fuhr und auf deren einem Bürgersteig eine Frau ging. Eine wohlproportionierte Frau in engen Jeans von hinten gehen zu sehen, das gehörte zu den, an der Anzahl aller gemessen doch eher wenigen Phänomenen, die die Schöpfung legitimieren konnten, und so folgte er ihr in einem gebührlichen Abstand, der das Ganze als zufällig erscheinen ließ.** Man kam an einem Campingplatz vorbei und Hans Köberlin sah endlich einmal die turmlose Kirche, deren Glocke er immer einmal wieder (und dies als angenehm empfindend) hörte. Es kamen auch die Errungenschaften der Zivilisation: Bars, Restaurants und ein Gartenmarkt, und zu Hans Köberlins Überraschung kam die Straße unten bei den beiden Supermärkten heraus und stieß auf einen Verkehrskreisel der Avenida Juan Carlos I. Die Frau vor ihm ging in den ›Mercadona‹, und Hans Köberlin, der nichts einzukaufen hatte und sich auch auf nichts einlassen wollte, ging weiter Richtung Strandpromenade.


* »Camina por la calle 49; piensa que nunca atravesará tal o cual zaguán lateral.« (Jorge Luis Borges, Mayo 20, 1928; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 12: Schatten und Tiger, Frankfurt am Main 1993, S. 30). »Nada en la tierra puede herirlo …« (ebd.), Borges’ Gedicht beschrieb sehr gut, was auch Hans Köberlin an einem bestimmten Punkt seines Daseins empfunden hatte.
** Unübertroffen der geniale Bruno Schulz: »Sie ging vor mir her und wandte sich – der magnetischen Wirkung ihrer spielenden Hüften sicher – überhaupt nicht um. Sie machte sich einen Spaß daraus, diesen Magnetismus noch zu verstärken, indem sie die Entfernung unserer Körper regulierte.« (Bruno Schulz, Gesammelte Werke in zwei Bänden, hrsg. von Mikolaj Dutsch und Jerzy Ficowski, München / Wien 1992, Bd. 1, S. 237). Wir wollten uns in Telos über diese schöne Beschreibung auslassen, kamen aber nicht mehr dazu (vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius. Fragment, Berlin 2013, S. 301). Und morgen sollte Hans Köberlin im Ulysses lesen: »Bloom pointed quickly. To catch up and walk behind her if she went slowly, behind her moving hams. Pleasant to see first thing in the morning.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 52). Und Michel Houellebecq hatte in Soumission treffend über die Betrachtung von Frauenärschen geschrieben, es sein ein kleiner träumerischer Trost in dieser Welt (vgl. Michel Houellebecq, Die Unterwerfung, Köln 2015, S. 156).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Sonntag, 29. November 2015

Freitag, der 29. November 2013


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Am Abend nach Fisch und Brot sah Hans Köberlin wieder – es war ein Laster! – die Wiederholung einer Tatortepisode: Pauline (2006). Bei einigen Passagen dachte er, das sei wie Fargo (1996) in Niedersachsen, wobei die Protagonistin der Coens in ihre zwei Komponenten aufgespalten worden wäre. Es war dadurch eine der etwas besseren Episoden, in der gleich zwei spätere Kommissare mitwirkten, aber Ingo Naujoks, vor der Katastrophe ein Nachbar von Hans Köberlin (wie auch Jochen Senf alias Kommissar Palu), hatte wieder seine beschissene Rolle als saftloser Kriminalschriftsteller.
An Musik hörte Hans Köberlin …
  • On Alligators von Charles Wourinen,
  • ein Klavierstück von Josef Matthias Hauer,
  • vier Vorspiele von Ralf Wehowsky,
  • Lʼoiel returné von Lionel Marchetti,
  • Zukunftsmusik, ein äußerst gelungener Sampler (unter anderem mit Stücken von Rudolf Thomes ehemaliger Hauskomponistin Katia Tchemberdji), ein Sampler also, bei dessen Musik es nicht, wie der Titel vielleicht suggerierte, um die Zukunft der Musik oder die Musik der Zukunft,* sondern um die zukünftigen Musiker ging: es waren zeitgenössische Kammermusikstücke mit besonderem Hinblick auf junge Interpreten geschrieben, und er hörte noch
  • Amicata Sole von Alexander Knaifel.
Dann begab er sich zur Ruhe.


* Borges hatte geschrieben, er wisse nicht, ob die Musik an der Musik verzweifeln könne, der Marmor am Marmor, aber die Literatur sei eine Kunst, die jene Zeit prophezeien könne, da sie verstummt sein werde, eine Kunst, die imstande sei, gegen die eigene Kraft zu wüten, sich in die eigene Auflösung zu verlieben und ihr Ende zu umwerben. – Nun, wir glauben, daß diese Fähigkeit, an sich selbst zu verzweifeln, aller seriösen oder zumindest aller seriösen romantischen Kunst eigen ist, und nicht nur eigen ist, sondern Bedingung zu ihrer Möglichkeit. (Wir merken gerade, daß wir das bereits einmal genau so geschrieben haben –: seis drum …).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Samstag, 28. November 2015

Vom kleineren Übel

Wie tragisch, nicht an die menschliche Fähigkeit zur Vervollkommnung zu glauben!
– Und wie tragisch, an sie zu glauben!

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 286).

Donnerstag, der 28. November 2013


[58 / 266]
Auch an diesem Morgen, nachdem er nach der Aktualisierung des Filmkalenders ein Still aus Max Ophüls’ Adaption der Stefan-Zweig-Novelle Brief einer Unbekannten goutiert hatte, hörte Hans Köberlin während seines Dauerlaufs Cages Indeterminacy, er begann aber diesmal mit dem zweiten Teil, um mit dem Hören weiter als gestern zu kommen. Das hatte den Nebeneffekt – der Cage bestimmt gefallen hätte –, daß es zu einer Art von Phasenverschiebung betreffs des Hörens bestimmter Geschichten und den Orten des Hörens dieser Geschichten kam, weil Hans Köberlin sich beim jeweiligen Hören an die Orte des vormaligen Hörens erinnerte, die spezifische Rezeptionssituation war ihm ja – was einen bei Hans Köberlin sicher nicht wunderte – Teil der Rezeption. So hörte er zum Beispiel heute die Geschichte von Cages Freund mit dem alten Ford, die er gestern an den Stufen zum Strand südlich hinter der Hauptstraße gehört hatte, bereits auf einer der Straßen im Hinterland. Er hörte die Geschichte also aktuell und simultan, quasi als Echo aus der Vergangenheit … Und er sollte sich fürder, wenn er die Rezeptionsorte auch ohne Cage zu hören passierte, an die Cage-Rezeptionssituation während seines Dauerlaufs erinnern.
In einer anderen Geschichte, die Hans Köberlin diesmal überhört hatte oder die sich im ersten, diesmal nicht gehörten Teil befand (der Erinnerung der Rezeptionssituation nach war der erste Fall, also das Überhören, wahrscheinlicher), ging es um ein Mädchen, das in einer schulischen Situation nie ihre Aufgaben erledigte. Als sie gefragt wurde, warum sie das nicht täte, antwortete sie, sie habe keine Zeit dafür gehabt. Was sie denn glaube, so der Lehrer weiter, wie viele Stunden ein Tag habe? – Na, vierundzwanzig. – Nein, so der Lehrer weiter, der Tag habe so viele Stunden, wie man ihm geben würde. – Da war etwas dran, so Hans Köberlin, aber wie bei allen solchen Geschichten mit Klugscheißern: nur etwas, der Hauch einer Metapher, denn der Tag hatte nun einmal bloß vierundzwanzig Stunden, da biß die Maus keinen Faden ab.*
Noch eine andere Geschichte gefiel Hans Köberlin außerordentlich: »Artists talk a lot about freedom«, so Cage, und man gebrauche häufig den Vergleich »free as a bird«,** nun, Morton Feldman habe neulich im Park Vögel beobachtet (»our feathered friends«, nannte sie Cage) und sei zu der Einsicht gekommen: »They’re not free: they’re fighting over bits of food«, eine Erfahrung, die Hans Köberlin auch mit den Spatzen und den Tauben und den Möwen auf der Terrasse der ›Tango Bar‹ machte, und er, Hans Köberlin, war auch nicht frei, denn er mußte seine Nüßchen zum Wein gegen seine gefiederten Freunde, die er eher als seine gefiederten Feinde betrachtete, verteidigen (und natürlich sympathisierte er mit dem Taubenvergifter im Park).
Und wenn Cage von einer Einladung zu einem Essen bei einer indischen Freundin erzählte, zu dem außer ihm noch Dr. Suzuki, Gertrude Stein und James Joyce gekommen,*** da dachte Hans Köberlin: »Ach …!«
Es fielen immer einmal wieder Regentropfen während Hans Köberlins Dauerlauf, er kürzte also seine Route im Zentrum des Ortes ab und kümmerte sich nicht weiter, aber dann, kurz vor dem Peñón de Ifach wurde der Regen sehr heftig, und als er an der cervezeria, in der er vor Wochen (wie vielen?) mit der Frau gesessen und das Judasbier (8,4% vol.) getrunken, vorbeikam, gab es einen derart heftigen Hagelschauer, daß Hans Köberlin sich unterstellen mußte, während Cage von einem Areal mit seltenen Pilzen erzählte, die, als er sie im nächsten Jahr wieder dort sammeln wollte, verschwunden waren, was von den Anwohnern, die ihn als den Sammler wiedererkannten, mit Häme kommentiert worden sei, Dumpfbacken, die kaputtmachen mußten, was über ihren beschränkten Horizont ging; Hans Köberlin hatte diese Geschichte gestern auf der Promenade auf der Höhe der ›Pizzeria Napoli‹ gehört …****


* Wolfgang Neuss zu dem Thema: »Alle Tage sind zwar gleich lang, aber unterschiedlich breit.«
** Lynyrd Skynyrd, Free Bird (1973) …
But, if I stayed here with you, girl
Things just couldn’t be the same
’Cause I’m as free as a bird now
And this bird, you can not change
Oh, oh, oh, oh, oh …
*** Da aber hatte Hans Köberlin nicht aufmerksam zugehört …»An Indian lady invited me to dinner and said Dr. Suzuki would be there. He was. Before dinner I mentioned Gertrude Stein. Suzuki had never heard of her. I described aspects of her work, which he said sounded very interesting. Stimulated, I mentioned James Joyce, whose name was also new to him. At dinner he was unable to eat the curries that were offered, so a few uncooked vegetables and fruits were brought, which he enjoyed. After din-ner the talk turned to metaphysical problems, and there were many questions, for the hostess was a follower of a certain Indian yogi and her guests were more or less equally divided between allegiance to Indian thought and to Japanese thought. About eleven o’clock we were out on the street walking along, and an American lady said, ›How is it, Dr. Suzuki? We spend the evening asking you questions and nothing is decided.‹ Dr. Suzuki smiled and said, ›That’s why I love philosophy; no one wins.‹« (John Cage, Composition as Process; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 41).
**** In Peter Handkes Der große Fall (Berlin 2011, S. 93f.) gab es eine frappant verquer-analoge Szene zu Hans Köberlins Cages Pilzmanie per Ohrstöpsel rezipierende Situation: »Der eine Pilzsucher hatte Musikstöpsel im Ohr, und erklärte, nachdem er die beim Grüßen herausgenommen hatte: Äugen nach Pilzen und Musikhören – vor allem die von John Cage und Morton Feldman – ergänzten einander wie fast nichts sonst. Noch besser zu dem Ausschauhalten nach den Sommerpilzen jetzt passe das Westernlied vom ›Summer Wine‹. Es war ein junger Mensch, der ihm das anvertraute, und der war sich sicher, daß sein Beispiel, mit einem Musikhelm auf ›Pilzjagd‹ – so drückte er sich aus – zu gehen, Schule machen würde. Er habe eine Serie von Artikeln veröffentlicht, was man auf diese Weise alles, und wie zum ersten Mal, erleben könne, nein, nicht in einem Pilzmagazin, im ›Rolling Stone‹, und seitdem wandelten in ganz Europa junge Leute, statt mit dem Scheppern aus ihren Kopfhörern die Mitfahrer in den Zügen und U-Bahnen zu nerven, die Augen still zu Boden gerichtet und ebenso still den wenigen Tontropfen, nur ihnen selber hörbar, lauschend –, das eine Aufmerken gäbe das andere, und umgekehrt, und all die Rauschpilze seien nichts dagegen und prompt aus der Mode gekommen.«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Freitag, 27. November 2015

Mittwoch, der 27. November 2013


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Hans Köberlin hörte während seines Dauerlaufs tatsächlich John Cages Indeterminacy, er schaffte die ersten beiden Teile und zehn Minuten des dritten Teils, das bedeutete, daß er in den vergangenen eineinhalb Wochen des Dauerlaufens auf der großen Dauerlaufstrecke schneller geworden war. In einer dieser Geschichten erzählte Cage (während Hans Köberlin südlich hinter der Hauptstraße Treppenstufen hinunter zum Strand lief) von einem Freund aus der Stadt des Lichts, der seinen alten Ford (wohl so ein Kleinbus, ›Transit‹ oder wie die Dinger geheißen) mit Möbeln und Topfpflanzen zu einem mobilen Wohnzimmer gemacht hatte. Eines Tages dann sei er damit vor einer Hamburgerbude vorgefahren, habe einen roten Teppich ausgerollt, sei darüber in die Bude gegangen, habe einen Hamburger gegessen, habe anschließend den Teppich wieder eingerollt und sei weitergefahren. – Mit dem Hören von John Cages Geschichten, während des Dauerlaufens im Hinterland, vorbei an den beiden Discountern aus Hans Köberlins Herkunftsland, die zu boykottieren er sich entschlossen hatte, und vorbei an dem dazwischen liegenden nach Odysseus benannten Trailerpark und den beiden vereinzelten Hochhäusern im Hinterland, und über die Brücke über das ausgetrocknete Flußbett (wir vergessen immer, wie diese hier häufig vorkommenden ausgetrockneten Flußbetten genannt wurden) am Ende des Hinterlande und am Anfang des Ortes, und vorbei an den beiden Tankstellen und über die Straße, die wegen der sie flankierenden Allee als einzige Avenida des Ortes in Hans Köberlins Imagination die Bezeichnung Avenida verdient hatte und auf deren Zebrastreifen er wegen des hiesigen Fahrstils stets befürchtete, daß ihn hier einmal sein Schicksal ereilen könne …: mit John Cage im Ohr von einem dieser protzigen SUVs, wie man die dämlich nannte, überrollt …* – aber das mit der Avenida stimmte nicht ganz: es gab noch die ein oder andere Stelle, die sich ihre Berechtigung aus anderen (Re-)Imaginationen Hans Köberlins holen konnte – und weiter durch den Ort an die Promenade und dann am Meer entlang – mit dem Hören von John Cages Geschichten also sollte es seine besondere Bewandtnis haben, aber dazu später mehr.


* Hans Köberlin imaginierte sich während des Dauerlaufens überfahren, tot in dramatischer Positur auf den Zebrastreifen der Avenida, Mittelpunkt eines Kreises entsetzt neugieriger Schaulustiger, das SUV mit Warnblinklicht am Rand der Avenida, dahinter, ebenfalls blinkend das Auto der Rettung, und der Gerichtsmediziner oder der Rettungssanitäter nahm ihm, Hans Köberlin, den Ohrhörer aus dem Ohr und hörte, weil Hans Köberlins Taschentelephon immer noch funktionierte …: »I went to hear Krishnamurti speak. He was lecturing on how to hear a lecture. He said, ›You must pay full attention to what is being said and you can’t do that if you take notes.‹ The lady on my right was taking notes. The man on her right nudged her and said: ›Don’t you hear what he’s saying? You’re not supposed to take notes.‹ She then read what she had written and said: ›That’s right. I have it written down right here in my notes.‹« (John Cage, Indeterminacy; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 269), und der Gerichtsmediziner oder der Rettungssanitäter schaute verständnislos auf, schüttelte mit dem Kopf und sagte, was Hans Köberlin hier zu sagen pflegte, wenn er sich einen Kaffee bestellte: ¡Un americano!«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Donnerstag, 26. November 2015

Dienstag, der 26. November 2013


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Als er nach dem Dauerlauf vor dem hinteren Tor seines Hauses stand und es gerade aufschließen wollte, da hielt ein Auto, ein Kastenwagen, die Scheibe wurde heruntergekurbelt und man fragte Hans Köberlin etwas im hiesigen Idiom. Der bekundete sein Nichtverstehen, woraufhin mehrmals in den Kasten des Kastenwagens gedeutet wurde. Hans Köberlin schaute hinein, aber da lag bloß Gerümpel, und erst beim dritten oder vierten Deuten fiel ihm der Groschen: es waren Schrotthändler, die ihn gefragt, ob er Altmetall …
»¡Si señor, la chatarra!«
… abzugeben habe. – Nein: Altmetall hatte Hans Köberlin nicht abzugeben.
Als er das Kalenderblatt mit dem Still aus Werner Herzogs Fata Morgana von seinem Filmkalender abriß, da sah Hans Köberlin Benkt Ekerot mit Max von Sydow beim Schachspiel, jenes emblematisch gewordene Still aus Ingmar Bergmans Det sjunde Inseglet (1957). Anlaß war der Tod des Tod-Darstellers Benkt Ekerot im Jahre 1971 (da war Hans Köberlin elfeinhalb Jahre alt gewesen). Der Gott suchende oder nach ihm strebende heimkehrende Kreuzritter zog mit seinem agnostischen Knecht,* Gauklern und noch anderen Gestalten durch das mittelalterliche, von der Pest heimgesuchte Schweden, begleitet von dem personifizierten Tod, der mit dem Ritter um dessen Leben beziehungsweise um einen Aufschub des Endes für eine Sinnsuche Schach spielte. Hans Köberlin erkannte sich in dem Knecht wieder, der Gegenentwurf zu dem Ritter war allerdings der eine Gaukler mit seiner Frau und ihrem Kind, alle drei zuversichtlich und lebensbejahend.** Beeindruckend und anrührend war dieser Moment des Friedens, mit der frischen Milch und den Walderdbeeren, ein Moment der nicht dauern konnte und von der Disposition her wohl nur von der kleinen Familie reproduziert werden konnte (Hans Köberlin dachte an den Busenfreund und die seinen, obwohl da wegen moderner alltäglicher Nöte nicht diese Leichtigkeit herrschte). Die Menschen, die sonst noch vorgeführt wurden, teilten sich in solche, die Mitleid verdienten und solche, die nicht. Schrecklich zu sehen war, daß das Mädchen nicht vor dem Scheiterhaufen gerettet werden konnte.
»Ich hätte vielleicht das Düstere durch den Schmied, seine Frau und den dritten Gaukler – Zwischenstadien zwischen dem Kreuzritter und seinem Knecht auf der einen und der Familie auf der anderen Seite, nicht so aufgelockert.« Aber gelungen war die Ökonomie des Films: die ausführliche Erzählung des Gauklers von seiner Vision zu Beginn wurde am Ende dadurch legitimiert, daß seine visionäre Gabe ihnen das Leben rettete.


* Liebe sei ein Euphemismus für Lust, meinte der sinngemäß zu dem Schmied, dem die Frau davongelaufen war … nun: Lust ist eine zwar nicht hinreichende aber notwendige Bedingung zu der Möglichkeit von Liebe, würden wir sagen.
** »Ein Knabe in diesem Monat geboren ist offen und ehrlich, hat Recht und Billigkeit lieb, und möchte sie um alles in der Welt nicht beleidigen. Wenn er nicht Hunger stirbt wird er ein hohes Alter erreichen.« So Matthias Claudius in seinem Prognostikon auf das Jahr 1773, wie Hans Köberlin vor zwei Tagen in zwei Jahren auf dem Kalenderblatt seines Zitatenkalenders lesen sollte, nachdem er sich zuvor schlaflos neben der Frau in Thomas Manns Doktor Faustus mit dem schlimmen Ende Echos beschäftigt hatte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Mittwoch, 25. November 2015

Ein ›Ja.‹ und ein ›Nein.‹

»Hatten Sie Gelegenheit zu Ihrem ersten sexuellen Kontakt, bevor es zu Ihrem tatsächlichen ersten sexuellen Kontakt kam? Ihnen war aber gar nicht klar, daß es eine Gelegenheit zu Ihrem ersten sexuellen Kontakt war? Würden Sie, wenn Sie könnten, zu dieser ersten Gelegenheit zurückkehren und alles entfernen, was Sie daran gehindert hat, diese Gelegenheit klar zu erkennen? Oder, wenn Ihnen damals klar war, daß es eine Gelegenheit war, es aber andere Hindernisse gab, die dem Zustandekommen des Kontakts im Wege standen, würden Sie diese Hindernisse beseitigen und diesen ersten sexuellen Kontakt früher knüpfen als den ersten sexuellen Kontakt, zu dem es dann tatsächlich kam? Wenn es in Ihrer Vergangenheit einen verpaßten ersten sexuellen Kontakt gibt, erinnern Sie sich, wie die Person hieß, um die es bei diesem Kontakt vielleicht gegangen wäre?« (Padgett Powell, Roman in Fragen, übersetzt von Harry Rowohlt, Berlin 2. Aufl. 2012, S. 91).

Ja.

»Wären Sie bereit, mir den Namen sowie weitere Einzelheiten mitzuteilen?« (ebd.).

Nein.

Montag, der 25. November 2013


[55 / 269]
… heute vor 133 Jahren, während jenes für beide Seiten fatalen Kriegs mit Preußen und seinen Verbündeten, schrieb Edmond (Jules war im vorhergegangenen Sommer bloß 39jährig verstorben) …
Freitag, 25. November – Nie, scheint mir, war die Herbststimmung so schön wie dieses Jahr. Das rührt vielleicht daher, daß ich mehr denn je darauf achte und stets den Blick auf den preußischen Horizont gerichtet habe.
Heute abend konnte ich nicht genug davon bekommen, dieses bis ins Blaue reichende, sonnenbeschienene Gestrüpp zu betrachten, zwischen jenen Trümmern und toten Krummhölzern im Rosaton der Heidekräuter; die Anhöhe von einem heftigen Violett; die Häuser von Saint-Cloud in unbeschreiblichem bläulichen Weiß, hervorgerufen durch die Rauchschwaden des ewigen Brandes, der dort seit Monaten schwelt.
Und diese Landschaft eines Farbenkünstlers hatte als Himmel einen Feuerhimmel in Kirschrot, der in kreisförmigen Höfen zwei oder drei wundersame Flecken von blassem Blau umschloß, von einem Blau, das Lessore auf die Fayence seiner Teller tupft.
Edmunds Beschreibung der Kriegsereignisse aus einer ästhetischen Perspektive, als ob er ein Bild oder eine Zeichnung beschriebe, zog sich durch die ganze Zeit der preußischen Belagerung der Stadt der Liebe, manchmal sogar damit die Not der Bevölkerung denunzierend.* Überhaupt beklagte sich er, der sich selber nicht zu den Nationalgardisten gemeldet, über die Feigheit der Armeen und den mangelnden Heroismus der Arbeiter, siehe etwa seinen Eintrag vom Donnerstag, dem 29. Dezember 1870.** Auch Hans Köberlin würde sich unter Berufung auf Pred 9.4 für keine Fortsetzung mit anderen Mitteln einer per se verfehlten Politik abschlachten lassen, und für irgendwelche Vaterländer schon gar nicht.*** Er verglich Edmonds Kriegsimpressionen aus den Jahren 1870 und 1871 mit denen Prousts, der beschrieben hatte, wie sich Charlus während des ersten Weltkriegs, als erneut die Hunnen im Land gewesen und seine Hauptstadt bedroht hatten, in dubiosen Katakomben ficken ließ …**** Edmonds Patriotismus … ohne Jules würde, so befürchtete Hans Köberlin, das Journal mangels Frivolitäten an Reiz verlieren, oder anders gesagt: mangels nacktem Fleisch an Geist …*****


* Hier ein Beispiel vom nächsten Tag, dem Samstag, dem 26. November 1870: »Dort bricht eine Bande von Kindern, Frauen und Männern an diesen armen Bäumen herum, die, wenn sie vorüber sind, mit hel-len Rissen, auf den Boden hängenden Ästen und verdrehten Zweigen widerspenstigen Holzes zurückbleiben – eine Plünderung, die empört und die Zerstörungswut der Pariser Bevölkerung entlarvt.« (Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 5, S. 274f.). Die Leute brauchen halt Brennholz.
** Ebd., S. 306ff. Aber dann später, während der Tage der Commune, am Mittwoch, dem 12. April 1971, machte er folgende Feststellung: »Pourquoi cet acharnement dans la défense, que n’ont pas rencontré des Prussiens? Parce que l’idée de la Patrie est en train de mourir! Parce que la formule ›les peuples sont des frères‹, a fait son chemin, même en ce temps d’invasion et de cruelle défaite. Parce que les doc-trines d’indifférence de l’Internationale, au point de vue de la nationalité, ont filtré dans les masses. Pourquoi encore cet acharnement dans la défense? C’est que, dans cette guerre, le peuple fait, lui-même, la cuisine de sa guerre, la mène lui-même, n’est pas sous le joug du militarisme. Cela amuse ces hommes, les intéresse. Alors, rien ne les fatigue, rien ne les décourage, rien ne les rebute. On obtient tout d’eux – même d'être héroïques.« (vgl. ebd., S. 393f.).
*** Er käme auch nicht weit, selbst wenn er es gewollt, denn um ihm war es wie um seinen Namensvetter Hans Castorp bestellt: »Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst.« (Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt am Main 1986, S. 994).
**** Edmond wurden am Mittwoch, dem 18. Mai 1871 ähnliche Geschichten bezüglich Victor Hugo während der Belagerung zugetragen, Details, die von Madame Meurice stammten: Hugo sei der Typ des von heftigem Priapismus befallenen Sechzigjährigen, ein wahrer Balzac’scher Hulot, jeden Abend gegen zehn Uhr habe er das Hôtel Rohan, wo er Juliette, unter dem Vorwand, seine Enkel zu hüten, kaserniert gehabt, verlassen und sei zurück in das Haus Meurice, wo ihn ein, zwei, drei Frauen, über die auf der Treppe die verschreckten Mieter gestolpert, erwartet hätten, und diese Frauen seien alle möglichen gewesen, von den Erlauchtesten bis zu den letzten Drecksgestalten, und durch die Fenster des Erdgeschosses, in dem sich Hugo sein Schlafzimmer ausgesucht habe, hätte das Dienstmädchen von Madame Meurice morgens oder abends, wenn sie im Garten umherging, unverhohlene Szenen obszöner Unzucht gesehen (vgl. Journal, a. a. O., Bd. 5, S. 437).
***** Edmond hatte wohl auch nicht so das Geschick dazu wie sein Bruder, siehe den Eintrag vom Neujahrstag 1872, wo er bekannte, er habe in der Nacht vergeblich versucht, in der Brutalität tierischer Wollust die erste Stunde des neuen Jahres zu verleugnen (vgl. ebd., S. 515). Und wenn er am Mittwoch, dem 17. Juli 1872 schrieb, er koitiere viel, dann gab er gleich zu, er täte es, wie andere Leute trinken würden, aus Gram und um zu vergessen (vgl. ebd., S. 580f.).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Dienstag, 24. November 2015

Sonntag, der 24. November 2013


[54 / 270]
Während des Frühstücks im leeren Wintergarten hatte Hans Köberlin beschlossen, später am Nachmittag auf neuen Wegen spazieren zu gehen und die Küste nördlich seines Hauses zu erkunden. Es sollte sich als eine gute Entscheidung herausstellen, nach Norden zu gehen, denn es gab einen wunderbaren Wanderweg unmittelbar an der Küste entlang.* Hans Köberlin fand den wunderbaren Wanderweg allerdings erst, nachdem er sich ein paarmal in dem Labyrinth der Urbanizaciónes verlaufen hatte. Hier auf dieser hochhausfreien Seite der Ausfallstraße, waren nicht die casas der klein- und mittelbürgerlichen Rentner aus Nordeuropa und den etwas besser gestellten neureichen Einheimischen, hier steckte das wirklich dicke Geld, wie man so sagte, wenn auch nicht unbedingt immer auch der gute Geschmack. Und dem wirklich dicken Geld entsprechend war auch das Publikum in der traumhaft gelegenen ›Coral Beach Bar‹, die er auf seinem Weg zu der Playa La Fossa-Levate stets aus der Ferne sah, und dem wirklich dicken Geld entsprechend schien auch die Speisekarte – jedenfalls vom Augenschein der an den Nachbartischen servierten Speisen – etwas gehobener zu sein. Hans Köberlin überlegte, wenn möglich (was die Termine und sein Budget betraf) die Frau hierhin zu Weihnachten oder zu Sylvester einzuladen. Eine der Kellnerinnen (oder die Eignerin?), die ein wenig so aussah wie Anjelica Huston als Morticia in The Addams Family (1991), sprach Hans Köberlins Idiom, die könnte er bei Gelegenheit nach den Öffnungs- und Reservierungsmodalitäten fragen, denn er war bei dieser exponierten Lage bestimmt nicht das letzte Mal hier, obwohl der Wein und die cerveza fast doppelt so viel wie in der ›Tango Bar‹ oder in der ›Status Bar‹ kosteten.


* Als er die Küste erreichte, machte Hans Köberlin ein Bild von dem bis auf die gelbe Boje leeren blauen Meer, dessen Horizont in einer wie mit dem Lineal gezogenen Linie an den blauen Himmel anschloß. Dieses Bild sollte Hans Köberlin später während seines ersten Intermezzos bei der Frau in der Hauptstadt anstelle des von dem Betriebssystem angebotenen Bildes des Gewölbes eines Schneckenhauses zu dem Eröffnungshintergrundbild beim Aktivieren seines großen Laptops machen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).

Montag, 23. November 2015

… so kommt des Winters Dauer … (Hölderlin)

Samstag, der 23. November 2013


[53 / 271]
Und was hatte er diese Woche, die nun auch schon wieder vorbei war, diese Woche nach dem Rückflug der Frau am Montag, gemacht?
  • Am Dienstag, dem 19. November 2013, hatte er nochmals Fehler im Telosfragment eliminiert,
  • am Mittwoch, dem 20. November 2013, hatte er die endgültige Druckvorlage neu erstellt und sie an den Verleger und die Druckerei übermittelt,
  • am Donnerstag, dem 21. November 2013, waren die originalsprachliche Ausgabe des Ulysses und das Journal der Goncourts* gekommen und
  • gestern, am Freitag, dem 22. November 2013, war wieder ein reiner Lese- und Schreibtag gewesen.

* Die Brüder heute vor 150 Jahren: »Dieser Tage lesen wir die Moeurs von La Popelinière, dieses Buch von so hübscher Unanständigkeit, die sich zum Schluß in ein Meer frecher Mösen stürzt. Und es schien uns beim Lesen, als sähen wir jeden Augenblick die Frauen des Malers Baudouin ihre Röcke schürzen und zu Modellzeichnungen von Boucher werden.« (Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 675f.).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VIII [Phase III – oder: Konsolidierung], 19. November bis 19. Dezember 2013).