Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Freitag, 9. Oktober 2015
Mittwoch, der 9. Oktober 2013
[8 / 316]
Später ging man schwimmen und entdeckte die ›Tango Bar‹, die sich mit der Zeit – wir werden darüber berichten – zu einer wichtigen Institution im exilischen Leben des Hans Köberlin hier entwickeln sollte, noch institutioneller als das »chez Magny« der Gebrüder Goncourt,* und der emblematische Blick würde der Blick von der Bar hinter das Promenadenmäuerchen auf die Playa La Fossa-Levante und dahinter das Meer werden, mit einer Sitzbank und einer Laterne auf der Promenade als strukturierenden Akzenten. Und wenn man nach rechts schaute, dann sah man den Peñón de Ifach hinter im Wind sich zerzauselnden Palmen … Wild Palms … und Hans Köberlin mußte an Faulkner denken und mit einem leichten Schmerz im Gemüth an die traurigen Umstände seiner Faulknerlektüre.** Man bestellte una cerveza con limón (die Frau) und una cerveza (Hans Köberlin), wozu es ein Schälchen mit Nüßchen und grünen Oliven gab, küßte sich, scherzte, vergaß die Zeit und den Tag (den letzten) und sah dem Treiben am Strand und auf der Promenade zu.
* Samedi 22 novembre [1862]. – Gavarni a organisé avec Sainte-Beuve un dîner qui doit avoir lieu deux fois par mois. C’est aujourd’hui l’inauguration de cette réunion et le premier dîner chez Magny, où Sainte-Beuve a ses habitudes. Nous ne sommes aujourd’hui que Gavarni, Sainte-Beuve, Veyne, de Chennevières et nous, mais le dîner doit s’élargir et compter d’autres convives.« (aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt).
** Und es sollte Hans Köberlin eine seltsame Stimmung überkommen, als er am Montag, dem 29. Juni 2015, seine Gesamttaschenbuchausgabe der Werke Faulkners in seiner Restbibliothek neu – exponierter – plazierte, wie er all diese Titel wieder las, als er die zuvor bloß so hineingestellten Bände der Ausgabe in ihre Ordnung brachte, und sich an all diese modernen Tragödien und an die Situationen ihrer Rezeption erinnerte … Und er hoffte, daß er zumindest den einen oder anderen Band nochmals lesen können würde.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Donnerstag, 8. Oktober 2015
Die Sünden eines literarischen Jesuitenschülers
(James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man).
Dienstag, der 8. Oktober 2013
[7 / 317]
Es hatte ein wenig geregnet, aber alle Wolken lösten sich im Verlauf der Tour auf.* Um zum Fuß des Berges zu kommen, mußte man über die auf der gegenüberliegenden Seite in einer Kurve liegende Abzweigung von der Nationalstraße hinausfahren, um dann hinter der Kurve auf einem Parkplatz, auf dem zwei Mädel, die sich einen Klappstuhl teilen mußten, anschafften, zu wenden. Als man am Fuß des Morro de Toix ankam, sah man richtige Bergersteiger (wie ja auch die Frau eine war, eine richtige Bergersteigerin) in der Wand hängen. Die Frau äußerte den Wunsch, einmal bei solch einer Kletteraktion von Hans Köberlin gesichert zu werden. Unterzog derart eine passionierte Bergersteigerin ihr Vertrauen in den Geliebten einer Probe? Hans Köberlin, den Ungeschick,** schauderte es bei der Vorstellung, das Leben der Frau in seinen Händen zu halten. Aber er sollte sich in der Hinsicht noch über sich selber wundern …
Es ging dann über ein in der Beschreibung der Route nicht erwähntes Geröllfeld ziemlich lange und ziemlich kompliziert und ziemlich steil nach oben. Hans Köberlin maulte nicht, blieb bloß einmal mit dem Fuß derart in einer Felsspalte stecken, daß er zuerst den Fuß aus dem Schuh und dann mit Mühe den leeren Schuh befreien mußte. Dabei fiel ihm die sogenannte ›wahre‹ (und als solche auch verfilmte) Geschichte, von der er erstmals durch eines der letzten Bücher Sloterdijks Kenntnis erhalten (als Beispiel für Willensstärke oder Selbstüberwindung, wie Hans Köberlin sich zu erinnern glaubte), von jenem Mann ein, der einsam im Gebirge sich einen Arm nicht mehr befreibar eingeklemmt und schließlich, nach Tagen völlig entkräftet und dehydriert, sich den Arm selber gebrochen und mit der Säge seines Taschenmessers selber amputiert hatte. Naja …: was geht er auch ohne Frau ins Gebirge?! Die Frau hätte ihm schon rausgeholfen …
* »Unversehens war der Himmel blau geworden. Es war nicht bloß blau, sondern blaute, und blaute. Es war das ein Blauen von einer Zartheit, daß man sich in die Sicherheit gewiegt fühlte, diese Zartheit wür-de nie vergehen.« (Peter Handke, Der große Fall, Berlin 2011, S. 55).
** »Ungeschickt läßt grüßen«, vgl. Walter Benjamin, Berliner Kindheit um 1900; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 4, S. 303 und vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 393ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Mittwoch, 7. Oktober 2015
Montag, der 7. Oktober 2013
[6 / 318]
Hans Köberlin hatte das Vorgefundene (unter anderem gehäkelte und geklöppelte Deckchen und Stehlämpchen überall, einen Wandteppich, zwei an der Wand aufgehängte Teller und ein aus dunklem Holz gefertigtes Basrelief) der vorigen Bewohnergenerationen, nachdem er sorgfältig die Position der Artefakte mit seinem Taschentelephon zwecks späterer Rekonstruktion des status quo ante Hans Köberlin dokumentiert, in die Kartons gepackt, in denen er die Bände seiner Basisbibliothek überführt hatte, und diese Kartons in ein von ihm ungenutztes Zimmer in der hinteren Wohnung gestellt. Er hatte die Bilder, die er in der provisorischen Wohnung vor dem Exil an die Wand gepinnt hatte (Karten und Zeitungsausschnitte, unter anderem die berühmte Duschszene aus Hitchcocks Psycho (1960)* und eine Photographie der frühen Soft Machine (noch mit Daevid Allen), die sich anläßlich der Meldung vom Tode Kevin Ayers’ in einer überregionalen Tageszeitung befunden hatte), hier nicht an die Wand gepinnt, er hing einen Monatskalender mit Abbildungen von Kunstwerken eines guten Freundes und seinen Filmabreißkalender, den morgens zu aktualisieren Hans Köberlin ein liebgewonnenes Ritual war,** auf.
In seinem künftigen Lese- und Schreibzimmer belassen hatte er zwei Seestücke, ein friedliches und ein kriegerisches. Auf dem kriegerischen Seestück, das, wenn er an seinem Lese- und Schreibtisch (striptease table …) saß und aus dem vergitterten Fenster schaute, an der Wand rechts hinter ihm hing, glaubte Hans Köberlin, die ›HMS Victory‹ zu erkennen, Nelsons Flaggschiff bei Trafalgar, als er Napoleons Flotte besiegte,*** und Hans Köberlin mußte an eine begeisterte Lektüre seiner Jugendzeit denken, nämlich an die Horatio Hornblower Novels von C. S. Forester.**** Er hatte bloß noch wenige Erinnerungen, daran, etwa daß Hornblower zu Beginn seiner Karriere einer Bestrafung beiwohnen mußte und seit dem eine Abscheu vor der neunschwänzigen Katze hatte, dann vage an Hornblowers Frau oder Geliebte, irgendeine Lady Soundso, und daran, daß er sich jeden Morgen mit kaltem Meerwasser abspritzen ließ.
* Das war das Jahr, in dem er geboren worden war, und Hans Köberlin hatte die Vorstellung, das vielleicht Janet Leigh genau in dem Moment, als er das Licht der Welt erblickt, ein paar tausend Kilometer westwärts auf dem Set so gegen …: neun Stunden früher …: also so gegen 7 p.m. unter der Dusche geschrien hatte …
** In Wittgensteins Notizbüchern hatte Hans Köberlin einmal – leider ohne sich die genaue Quelle zu merken – die Vermutung gelesen, der Mensch sei »ein rituelles Tier«.
*** Als »onehandled adulterer« hatte Stephen Dedalus den Seehelden bezeichnet (siehe James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 131). Während ihres abschließenden Besuchs am Dienstag, dem 29. Juli 2014, sollte die Frau zu Hans Köberlin sagen: »Es ist übrigens die Schlacht bei Trafalgar, hier wird das Bild beschrieben.« Und sie reichte Hans Köberlin den Kriminalroman, den sie gerade las und Hans Köberlin las: »Hellmer musterte die Inneneinrichtung, die zwar nicht seinem Stil entsprach, aber angenehm überraschte. Wenig Prunk, eher ein dezentes Ambiente mit ausgewählten Kunstgegenständen. Nicht überheblich, doch alles andere als schlicht. Protzig wirkte nur das riesige Ölgemälde einer Seeschlacht, dessen kühle Grau- und Blautöne nicht zu den warmen Holzfarben paßten. Drei Segelschiffe waren zu sehen, eines davon mit gebrochenen Masten, im Hintergrund verbargen Rauchschwaden ein weiteres. ›Die Schlacht von Trafalgar‹, kommentierte Cramer, der Hellmers prüfenden Blick bemerkt hatte, und hielt kurz inne. ›Eine Ölreplik?‹, erkundigte sich Hellmer, denn er hatte auf den ersten Blick einen Kunstdruck vermutet, doch dann die unebene Oberflächenstruktur erkannt. ›Eine sehr alte, ja‹, nickte Cramer. ›Unbekannter Künstler, schätzungsweise um 1955, also dem hundertfünfzigsten Jahrestag der Schlacht. Kennen Sie sich aus?‹ ›Ein wenig‹, murmelte Hellmer und sinnierte krampfhaft, wie der originale Künstler des weltbekannten Motivs hieß. ›Crepin, Das Original hängt im Louvre‹, erklärte Cramer, der scheinbar Gedanken lesen konnte oder Hellmers suchenden Blick nach einer Signatur registriert hatte. ›Bevor Sie es sagen: Der kühle Grünstich ist ein echtes Manko. Aber er macht das Bild zu einem Unikat. Es zeigt die letzte große, dramatische Seeschlacht des Segelzeitalters, und entsprechend verehrt wird Lord Nelson auch von den Briten.‹ ›Dabei hat es ihn gleich zu Beginn tödlich erwischt, wenn ich mich recht entsinne‹, murmelte Hellmer mit zusammengekniffenen Augen. ›Aber wir sind nicht hergekommen, um über Kunst oder Geschichte zu sprechen‹, fuhr er sogleich fort.« (Andreas Franz / Daniel Holbe, Teufelsbande. Ein neuer Fall für Julia Durant, München 2013, S. 398f.). Hans Köberlin erkannte gleich das Lexikonwissen, das in dem Genre gerne als Hintergrundkolorit verwendet wurde (beim Namen des Malers hatte man den accent aigu vergessen), und schaute sich das Bild, mit dem er seit nun fast 300 Tagen gelebt, nochmals genauer an. Nein, es war nicht das in dem Kriminalroman beschriebene, sondern eine andere Version, Hans Köberlin konnte trotz intensiver Recherche nichts über das Original und seinen Maler ermitteln, außer daß es irgendwo in einem Schwimmbad in Ostwestfalen eine gekachelte Reproduktion davon gab.
**** Motive daraus wurden 1951 mit Gregory Peck in der Titelrolle unter der Regie von Raoul Walsh verfilmt, die eben erwähnte Diane Cilento hatte in dem Film übrigens – unerwähnt – eine Sprechrolle. (aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Dienstag, 6. Oktober 2015
Sonntag, der 6. Oktober 2013
[5 / 319]
Heute also sollte der Peñón de Ifach, dessen Gipfel 332 Meter über dem Meeresspiegel lag, was wegen seines monolithischen Herausragens aus dem Meer besonders anschaulich war, erstiegen werden. Dazu muß gesagt werden, daß Hans Köberlin unter Akrophobie litt, doch wie ein Esel hinter der ihm vorgehaltenen Möhre, so stieg er – die Schlußverse aus Faust. Der Tragödie zweiter Teil zitierend* – tapfer hinter der Frau, einer Venus Kallipyge – leidenschaftliche Bergersteigerin in der xten Generation – bergan.
Diese Bergwanderung und auch die künftigen Aktionen dieser Art nun stellen uns vor einige Probleme, denn in dem Berichten von Naturerscheinungen und Naturerlebnissen sind wir ganz, ganz schlecht. Zum Beispiel hatte, wie bereits gesagt, der Hans Köberlin nicht bekannte Autor Gabriel Miró, nach dem die Hauptstraße des Ortes hier benannt worden war, den Peñón de Ifach als eine Verkörperung von Größe, stiller Herrschaft und unerreichter Majestät bezeichnet. Man konnte in der Tat diesen Eindruck haben, wobei das letzte vielleicht etwas übertrieben war, aber diese Bezeichnung war weder poetisch noch vermittelte sie jenen, die nicht vor dem Kalksteinfelsen standen, einen adäquaten Eindruck. Man könnte damit auch sonst einen Berg oder einen Gipfel oder sogar einen Dom beschreiben … Dann schon eher Georg Simmels Definition der Alpen: »eine absolute Höhe, ohne die dazu gehörige Tiefe«,** obwohl die hier zu Hans Köberlins Schrecken omnipräsent war. Auf den Punkt gebracht hatte unser Problem mit der Natur der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares in seinem Livro do Desassossego, indem er schrieb, er glaube nicht an Landschaften, und an anderer Stelle, an der er schrieb, er liebe einen bestimmten Fluß, weil eine große Stadt an seinem Ufer liege, und die Zivilisation erziehe uns für die Natur. Man gebe uns etwas anderes, einen anderen Gegenstand … zum Beispiel …: einen Geschlechtsakt zum Beispiel, davon zu berichten – und zwar lege artis zu berichten! – würden wir uns zutrauen, angefangen mit den ersten Küssen und dem Ausziehen und den Vorspielen, verbal und manuell und oral et cetera, über das langsame Eindringen, die diversen Rhythmen und Phasen der Vereinigung, die Stellungswechsel und die Wechsel der Körperöffnungen bis hin zu den letzten Zuckungen der finalen Orgasmen und den Nachspielen und dem anschließend eng verschlungenen Ruhen … minutiös würden wir davon berichten, achwas, minutiös: sekundiös … – Aber Natur pur …?!***
* Man erinnere sich, wie die Rolling Stones 1981, als Hans Köberlin mit 21 das elterliche Haus verlassen, auf Tattoo You in dem Song Tops diese goetheschen Verse interpretiert hatten …
’Cause I’ll take you to the top, babyDie Goncourts diskutierten am 3. Mai 1857 mit Madame de C***, der Mätresse von Asseline, erstens, ob die Frauen die Männer leiten – die Mätresse focht nach Aussage der Brüder quasi pro domo sua gegen ihre Meinung, die »Oui« gelautet, an, habe aber dann einen Rückzieher gemacht –, und zweitens, ob es für einen Mann ein Glück sei, von einer Frau geleitet zu werden, dem sie, die Brüder in etwa beigepflichtet hätten (vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 1, S. 456f.).
Hey baby, I’ll take you to the top
I’ll take you to the top, baby
I’ll take you to the top.
** Georg Simmel, Die Alpen; in: Philosophische Kultur, Leipzig 2. Aufl. 1919; S. 140. Als wir nach diesem Zitat suchten, stießen wir auf einen anderen Essay Simmels, nämlich auf Gestalter und Schöpfer (in: Der Tag, Nr. 74, Berlin 10. Februar 1916, Ausgabe A, Morgenausgabe, Illustrierter Teil, Nr. 34). Und diese Differenzierung in Gestalter und Schöpfer entsprach weitestgehend jener Differenzierung von Claude Lévy-Strauss in Ingenieure und Bricolateure, die bekanntlich eine unserer Leitdifferenzierungen ist. Hatte Lévy-Strauss Simmel rezipiert? Oder war es eine unabhängig getroffene Annahme. Und sollte es deren noch weitere geben? Hugos Barrikaden in Les miserables, Christus, der nach dem Glaubensbekenntnis von Nikäa gezeugt und nicht geschaffen wurde … Simmel jedenfalls nahm beide nicht wie Lévy-Strauss als Typen, sondern als Endpunkte einer Reihe, deren Wechselwirkung er zu beschreiben trachtete: »Diese eigentümliche Kombination macht den Menschen zum historischen Wesen. Das Tier wiederholt schlechthin, was seine Gattung von je und je getan hat; gerade deshalb fängt jedes Individuum von vorn an, da, wo auch dessen Vorfahren angefangen haben. Der Mensch, gerade weil er nicht nur wiederholt, sondern Neues schafft, kann nicht jedes Mal von neuem anfangen, sondern braucht ein gegebenes Material, gegebene Antezedenzien, auf Grund derer sich seine Leistung als Neuformung vollzieht. Wir würden nicht historische Wesen sein, wenn wir absolut schöpferisch wären, unser Wirken schlechthin Neues schüfe – damit wären wir sozusagen überhistorisch – noch wenn wir ohne Schöpfertum uns absolut an das Gegebene und etwa seine nur mechanische Umstellung, seine Umformung im engsten Sinne hielten. Historisch aber nennen wir eine Existenz, die zwar Neues und erst ihr Eigenes schafft, aber auf Grund und als Fortbildung, Formgebung eines schon Vorhandenen und Überlieferten – die organische Synthese von Schöpfertum und Gestaltertum, die wir leben.« (ebd.).
*** Vgl. aber in seiner unnachahmlichen Art und mit surrealen Metaphern Walter Benjamin (auch in Bezug auf den ›striptease table‹): »Im Fetischismus legt der Sexus die Schranken zwischen organischer und anorganischer Welt nieder. Kleidung und Schmuck stehen mit ihm im Bunde. Er ist im Toten wie im Fleisch zuhause. Auch weist das letztere selber ihm den Weg, im ersten sich einzurichten. Die Haare sind ein Konfinium, welches zwischen den beiden Reichen des Sexus gelegen ist. Ein anderes erschließt sich ihm im Taumel der Leidenschaft: die Landschaften des Leibs. Sie sind schon nicht mehr belebt, doch immer noch dem Auge zugänglich, das freilich je weiter desto mehr dem Tastsinn oder dem Geruch die Führung durch diese Todesreiche überläßt. Im Traum aber schwellen dann nicht selten Brüste, die wie die Erde ganz mit Wald und Felsen bekleidet sind und die Blicke haben ihr Leben in den Grund von Wasserspiegeln versenkt, die in Tälern schlummern. Diese Landschaften durchziehen Wege, die den Sexus in die Welt des Anorganischen geleiten.« (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 118). Luhmann spricht von »Neubeschreibung der Natur als Reflex individueller, zum Beispiel ästhetisch geschulter und durch Liebe erregter Beobachtungsweise« (Niklas Luhmann, Literatur als Kommunikation; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 383). Auch Georg Seeßlen kommt zu ähnlichen Einsicht wie Hans Köberlin und wie Benjamin: »Die Erscheinung des Sexgöttinnen schafft um sich herum ein allgemeines Klima der Erotisierung, das (…) den Unterschied (…) zwischen Menschen und der Dingwelt verwischt. Der Luxus der Sexstars war Belebung und Erotisierung des Gegenständlichen.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 21). Und die Goncourts notierten im Mai 1859 in ihrem Journal, die Natur oder vielmehr die Landschaft sei stets das gewesen, was die Menschheit aus ihr gemacht habe, und sie zitierten am Donnerstag, dem 16. Februar 1860, ihren Freund Saint-Victor, der ausgerufen habe, die Natur sei eine Schlampe, die im Überfluß Planeten und Filzläuse hervorbringe (vgl. Journal, a. a. O., Bd. 2, S. 382). Flaubert machte sie am Sonntag, dem 29. Januar 1860 auf »l’horreur de la nature« des Marquis de Sade aufmerksam: »Remarquez-vous qu’il n’y a pas un animal, pas un arbre dans de Sade?« (vgl. ebd., S. 366). Und im Ulysses, in Mr Blooms Bewußtseinsstrom, da hieß es knapp: »Nature. Washing child, washing corpse.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 337). In diesen Themenkomplex gehört natürlich auch Lichtenbergs bereits zitierter Aphorismus: »Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen.«, und auch in Arno Schmidts Sitara (und nicht nur dort) trifft man auf sexualisierte Landschaften.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Montag, 5. Oktober 2015
…
no traces?
(John Cage, 45’ – Music for a Speaker; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 159).
Ein Wunsch
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.243).
… nicht technischer Natur.
(Burkhard Müller, Dein gemartertes Antlitz. Pilgerfahrt zum heiligen Grabtuch in Turin; in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, hrsg. v. Christian Demand, Heft 797, 69. Jahrgang, Stuttgart Oktober 2015, S. 11).
Samstag, der 5. Oktober 2013
[4 / 320]
Fußwege waren wichtige Elemente im Leben des – wie erwähnt automobillosen weil fahrerlaubnislosen – Fußgängers Hans Köberlin.* Er mochte es, wenn er unter diversen Wegvarianten die Auswahl hatte, um von nach da nach dort zu kommen, und er mochte es, wenn seine Wege Rundwege und nicht Hin- und Rückwege waren. Das Thema ›Wege‹ war ihm, wir erwähnten es, glaube ich, auch eng mit dem Thema ›Gewohnheiten‹ verknüpft. Eine Gewohnheit nahm ihren Anfang, wenn man dreimal den gleichen Gang machte, beim zweiten Mal war es erst eine Wiederholung. Es gab viele Gewohnheitsgänge in Hans Köberlins Exil, wie die geneigten Leserinnen und Leser noch feststellen werden, es gab aber auch einige bewußt wiederholte Gänge, denn wie schon Mr Bloom wußte: »Beauty of music you must hear twice.«, bewußt wiederholt, das hieß: nur zweimal gemachte Gänge, weil sie zu aufwendig waren, um zur Gewohnheit zu werden. Hans Köberlin machte diese Gänge bewußt zum zweiten Mal, auch wenn er sie eigentlich nicht nochmals gegangen wäre; der erste Gang war die Erkundung, und der zweite Gang war der der Reflektion über das bereits Erkundete. Die bewußte Wiederholung des Neuen empfahl sich eigentlich für alles, was genossen werden wollte, nicht nur für Gänge und die Schönheit der Musik.
»Ja, wenn es keine Wiederholung gäbe, was wäre dann das Leben?«**
Hans Köberlin ging zweimal …
- durch das Labyrinth der Urbanización, in der er lebte, und er ging zweimal
- einen bestimmten Gang durch das Hinterland und er ging zweimal
- auf den Peñón de Ifach und er ging zweimal
- um die Sierra de Oltà.
Es waren – und da unterschied er sich grundsätzlich von der Frau, ja von allen Frauen, mit denen er in seinem bisherigen Dasein Wege beschritten – nicht die spektakulären Wege, die sich ihm einprägten, und es waren bei den Wanderungen nicht die – in der Tat spektakulären*** – Aussichten, sondern es war das Gehen durch die nur teilweise permanent bewohnten und ergo in diversen Modi der Verlassenheit vorgefundenen Siedlungen und die mit Bauschutt und Müll versehenen Brachflächen, vorbei an den grob zusammengezimmerten Schuppen der Einheimischen zum Beispiel, oder – wie in ein paar Monaten – das Gehen an den Ruinen der Sanitäranlagen und der Bar eines stillgelegten Campingplatzes vorbei; und es waren von den Tagen nicht die Tage der Wanderungen, sondern die der Spaziergänge durch nichtssagende Straßen und Gassen, die Hans Köberlin als exponierte, die Dauer seines Aufenthalts hier mitstrukturierende Erinnerungen im Gedächtnis behielt. Denn er wollte: »Erinnerung, zusammengesetzt zu etwas Komplexerem als es das sein konnte, was er mit seinen Augen sehen konnte«, wie Heißenbüttel in seiner bereits zitierten Collage zitierte, »Erinnerung jedoch unauflösbar vermischt mit Erwartung. Denn wenn sich hier das Panorama der Einfahrt schlechthin öffnete« – Heißenbüttel meinte die seinem Protagonisten (und auch Hans Köberlin) vertraute Einfahrt in einem Zug in die Hansestadt –, »so bedeutete es, daß sich nicht unterscheiden ließ zwischen Erinnerung und Erwartung. Ankommen. Schichten aus Ankommen, überlagert von neuem Ankommen.« Und weiter: »In der Mischung aus Erinnerung und Erwartung wurde bestätigt, daß das Definitive noch einmal widerrufbar war. Widerrufbar in der Erreichbarkeit unendlich gerichteter Erwartung.«**** Man könnte auch sagen, sagte sich Hans Köberlin, als er das bei Heißenbüttel las und an sein Gehen und das Erinnern an die Gänge und an seine bewußte Anlage der Gänge dachte, daß dies der Modus war, in der die Melancholiker auf die Welt zugriffen beziehungsweise zugingen –: man sprach ja zurecht von ›Weltzugang‹. »The only thing«, wußte auch Mr Bloom, »is to walk then you’ll feel a different man.« Oder aber, wie wir verlesen hatten: die Manipulation des Raums in eine Tatsache …
Das Denken im Modus des Gehens – Godard hatte einmal schön formuliert, den Gang durch das Gehen zu beweisen***** – war besonders fruchtbar, und Hans Köberlin pflegte stets den kleineren seiner beiden Laptops (den mit der klemmenden I-Taste) oder zumindest Notizbuch und Kugelschreiber mit sich zu führen. Unmittelbar nach der Lysakatastrophe hatte das Denken im Modus des Gehens jedoch auch eine fatale Zirkularität bekommen, und er hatte seine sonst so geliebten ziellosen Gänge reduziert oder zuvor eine halbe Flasche Rotwein getrunken, um seine Verzweiflung in eine Melancholie abzumildern, denn, wie Thomas Pynchon in seiner unnachahmlichen Art artikuliert hatte …
»The past, hey no shit, it’s an open invitation to wine abuse.«******
Im Zuge seiner Regeneration – oder dem, was jetzt anstelle des aufgeschobenen oder ›als-ob‹-Untergangs mit ihm passierte – besserte sich aber auch dies, und nun freute er sich schon auf das ziellose Erkunden der Gegend, »die Frivolität des unbeschränkten und nicht zufällig so genannten Sich-gehen-lassens«, wie Hans Blumenberg einmal geschrieben hatte.
* »Es sind Situationen und keine Indizien (…), die Identifikation zum möglichen und narzißtischen Glück machen.« – Dies hatte Hans Köberlin am Freitag, dem 16. Februar 2007, als ein Zitat von dem mittlerweile auch schon verstorbenen Friedrich Kittler in seinem Arbeitsjournal exzerpiert, leider ohne die Quelle anzugeben, wir vermuten aber, daß es Aufschreibsysteme 1800 / 1900 war.
** Sören Kierkegaard, Die Wiederholung / Die Krise und eine Krise im Leben einer Schauspielerin, Reinbek 1961, S. 8.
*** Wir reden jetzt nicht über seine Wanderungen überhaupt, sondern bloß über die der letzten Monate und die kommenden im Mediterranen, also die drei auf der Insel des zweiten Gesichts vor ein paar Wochen mit der Frau und die jetzt hier an der weißen Küste. – Während der noch glücklichen Lysazeit hatte er begonnen, mit seinem späteren Landlord und dessen Frau in Etappen zu Fuß die Hauptstadt zu umrunden. Das Spektakuläre dort im Osten – die Hauptstadt war die einzige Stadt in der Welt, aus der man in allen vier Himmelsrichtungen in eine östliche Peripherie kam – war das Unspektakuläre.
**** Helmut Heißenbüttel, Projekt Nr. 1: D’Alemberts Ende, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1981, S. 15f. »Ich machte damit etwas, bloß dadurch, daß ich in der Gegend Tag und Nacht anwesend war. Ich suchte da Umwege noch und noch, betrachtete, unterschied, verglich …« (Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 180).
***** Vgl. Jean-Luc Godard, Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos, Frankfurt am Main 1984, S. 110. Wahrscheinlich dachte Godard dabei an Diogenes, der bekanntlich die Eleaten, die die Bewegung leugneten, einfach dadurch zu widerlegen versuchte, daß er wortlos auf und ab ging.
****** Thomas Pynchon, Bleeding Edge, New York 2013, S. 20. – »Als der Ober bei meinem Fortgehen bemerkte, daß ich die Weinflasche nur halb geleert hatte, drehte er sich nach mir um und sagte: ›Bis bald, Herr Soares, und gute Besserung!‹« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich, 2003, S. 32).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).
Sonntag, 4. Oktober 2015
Freitag, der 4. Oktober 2013
[3 / 321]
Und als sie ankamen hörte das Gewitter auf und die Sonne brach durch die Wolken und Regen und Sonne spannten einen Bogen und Hans Köberlin deutete den Regenbogen als ein gutes Omen.*
(…)
Die wirklich guten Dinge, so Hans Köberlin, die widerfuhren einem, das war im Leben so wie beim Schreiben, man konnte sie für gewöhnlich nicht erzwingen; man konnte ihnen allerdings, zumindest beim Schreiben, günstige Konditionen für potentielle Widerfährnisse einräumen, etwa durch die simultane Lektüre diverser divergierender Bücher, mehr oder weniger aus einer Laune heraus ausgewählter Bücher oder zufällig ausgewählter Bücher oder nach einer unverhofften Begegnung über einen gekommene Bücher. Hans Köberlin sollte sich in den kommenden Monaten manchmal über sein Lektüreverhalten wundern, und zwar wundern angesichts der Tatsache, daß seine Lektürezeit (= Lebenszeit) mehr (›als-ob‹) oder weniger (geboren 1960) terminiert war. Er hatte von sich erwartet, er würde angesichts dieser Terminierung selektiver vorgehen. Aber er blieb sich treu …
En fuga irrevocable huye la hora;
Pero aquella el mejor cálculo cuenta,
Que en lección y estudio nos mejora.**
* »… cuando und arco bendijo con los colores del perdón la tarde«, hatte Borges gedichtet (Barrio reconquistado; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 1: Mond gegenüber, Frankfurt am Main 1993, S. 32). Dabei mußte Hans Köberlin an Thomas Müntzer denken, der ja gleichfalls während der frühbürgerlichen Revolution vor seiner letzten Schlacht den Regenbogen als ein gutes Omen gedeutet hatte … das Ende war bekannt … Aber er, Hans Köberlin, war letztlich exiliert, um sich von der Konfrontation mit dem Glauben an Omen und anderem derartigen Tinnef zu kurieren, also: weg mit solchen Gedanken!
** Francisco de Quevedo y Villegas, Musa II.109.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).
Samstag, 3. Oktober 2015
Das ist so.
(Niklas Luhmann, Literatur als Kommunikation; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 387).
Donnerstag, der 3. Oktober 2013
[2 / 322]
… weiter also von der Stadt hinter der Grenze bis zu einem Fischerort bereits im Mediterranen, aber noch diesseits der Grenze zu Hans Köberlins Exil, die auch keine wirkliche Grenze mehr (an der Walter Benjamin aber noch gescheitert, nicht allzuweit von hier …), ein Fischerort, der Hans Köberlin sehr gut gefiel, wo immerhin Paul Valéry hergekommen und dessen Friedhof mit Meerblick er besungen …
»La mer, la mer, toujours recommencée!«*
… wo man, nachdem man nach den Erfahrungen der Nacht zuvor im ersten Haus am Platz abgestiegen, am Fischereihafen Fisch aß und Muscheln aß und dazu einen kräftigen Weißwein trank, und zum Dessert gab es crème brûlée und Kaffee und Cognac. Anschließend ging man zur Verdauung der üppigen Mahlzeit am Hafenbecken entlang vor zu der Mole, gegen deren Mauer das Meer so heftig tobte, daß die Gischtspritzer Hans Köberlins Brille trübten. Der Frau gefiel dieses Toben der Elemente sehr, ein Zug, den er noch nicht an ihr gekannt hatte.** Hans Köberlin war ausgelassen und auf angenehm-fatalistische Art und Weise aus der Zeit. Es war schon klar: er durfte bei seinen Eindrücken keine Zukunft haben …
* Paul Valéry, Le Cimetière Marin; in: Werke, hrsg. von Jürgen Schmidt-Radefeldt, Frankfurt am Main 1992, Bd. 1. Dichtung und Prosa, S. 172. – Das Pindar-Motto, das Valéry Le Cimetière Marin vorangestellt und in dem der Hellene der Seele von dem Wunsch nach einem ewigen Sein abriet und sie statt dessen aufforderte, lieber die erfüllbare Arbeit auszuschöpfen, sprach Hans Köberlin nach dem im vergangenen Jahr Widerfahrenen aus der Seele … »Et le ciel chante à l’âme consumée …« (ebd., S. 174).
** Das war natürlich immer noch harmlos gegenüber dem, was einem der atlantische Ozean bot, und später, am 27. Dezember 2013, sollte er von der Frau daran erinnert werden.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).
Freitag, 2. Oktober 2015
Mittwoch, der 2. Oktober 2013
[1 / 323]
Der Transfer ging am ersten Tag bis zu der Stadt, aus der Alfred Dreyfus gekommen (näheres zu der Affäre ist (exemplarisch für die Lektüre unseres Hans Köberlin) mit der richtigen Haltung bei Proust und mit der falschen Haltung bei Edmond de Goncourt nachzulesen), hinter der Grenze (die eigentlich keine wirkliche Grenze mehr war …: es gab sie noch, die gut angewandte Vernunft … manchmal …), in einer Region gelegen, die in der Zeit, als es hier noch Kriege gab, abwechselnd mal hübenzu und mal drübenzu gehört hatte. Man sah nichts von der Stadt, denn man übernachtete in einem dieser befremdlichen portierlosen Automatenhotels in einem Industriegebiet direkt an der autoroute, eines jener Etablissements, wie man sie aus diversen Filmen bestimmter Regisseure, die ihre Protagonisten dort übernachten ließen, wenn sie eine melancholisch-trostlose Atmosphäre vermitteln wollten, kannte, oder, wie Jules de Goncourt geschrieben hatte, er sei im Hotel in einem dieser Zimmer, in denen man aus Versehen auf Reisen sterbe …: also ein Etablissement gerade recht für rites de passage …
»Eine Schlafschublade«, so die Frau, aber sie durfte auch maulen, mußte sie doch allein fahren, weil Hans Köberlin so ein weltuntauglicher Mensch war.*
Man wollte nach dem personallosen Einchecken per Kreditkarte noch irgendwo um die Ecke ein Glas Wein trinken, um die Ecke gab es aber bloß irgendwelche großen Hallen, mittelständische Betriebe, Supermärkte, Bastlermärkte und Gartenmärkte … es provozierte eine eigentümliche Stimmung in Hans Köberlin, durch dieses nächtlich-verlassene Industriegebiet zu flanieren, er hoffte, sich daran zu erinnern, wenn er in die Hauptstadt zurückkehren würde. Man ging vorbei an einer Gendarmerie in eine angrenzende Siedlung, doch das war ein gespenstisches Neubaugebiet mit in einem eklektizistischen Stil gebauten drei- und vierstöckigen Wohnhäusern, in denen sich die Bewohner verbarrikadiert hatten, bloß ab und an sah man jemanden, der nochmals mit dem Hund raus mußte, hier herrschte offensichtlich kein Bedarf an Gelegenheiten zu sozialer Praxis, sprich: an Gelegenheiten zum öffentlichen Konsum eines Glases oder mehrerer Gläser Rotwein …
Hans Köberlins Gedanken, wie es wäre und was für eine Geschichte er hätte, wenn er hier lebte …
»Wie in einem Film von Chabrol.«
»Oder von Haneke.«
»Oder von Seidel.«
Irgendwann sah der vor lauter Verlangen auf ein Glas Wein scharfsichtig gewordene Hans Köberlin in der Ferne zwischen zwei Häusern ein beleuchtetes Schild, das auf eine Lokalität hinzuweisen schien, man ging durch ein Tor in einen Hof, tatsächlich schimmerte es rot aus ein paar Fenstern, man sah Menschen an einer Bar sitzen, aber es war ein Privatclub, es war ein Swingerclub, vermutete man …
»Warum aber machte man auf einen Privatclub mit einem beleuchteten Schild aufmerksam?«
Also kehrte man zurück in seine Schlafschublade und vögelte noch etwas herum, solange wie die Müdigkeit dies zuließ.
* Manchmal dachte Hans Köberlin, sein Leben wäre in toto anders verlaufen, wenn er in seinen jungen Jahren wie fast alle in seinem Alter, quasi als Initiationsritus, eine Fahrerlaubnis erworben hätte (vgl. für ähnliche Gedanken des Clemens Limbularius vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 19f. und S. 21). Unter seinen engsten Freunden waren überdurchschnittlich viele, die keine Fahrerlaubnis erworben, und bloß zweie von ihnen hatten sich angeschickt, den Erwerb später nachzuholen. Übrigens, bloß nebenbei bemerkt, auch Arno Schmidt hatte nie eine Fahrerlaubnis erworben.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).
Donnerstag, 1. Oktober 2015
Dienstag, der 1. Oktober 2013
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Aber man sollte auch eine Einsicht Adam Thirlwells bedenken, nämlich die, daß die Selbstbefreiung durch die Kunstform des Romans eine besonders schwierige Angelegenheit sei. – Wie dem auch sei: mit dem Telosfragment hatte es die gleiche Bewandtnis wie mit dem Buch der Bücher, von dem Francis Bacon 1625, wie Borges in seiner Rechtfertigung der Kabbala angemerkt, geschrieben hatte, der Stift des heiligen Geistes habe bei den Trübsalen Hiobs länger verweilt als bei den Glückseligkeiten Salomonis, nun: wir hoffen für uns, für den Leser und nicht zuletzt für Hans Köberlin, daß es hier anders kommen wird …
»Lauter hohe Lieder …«
»… in paradisum angeli te deducant …«
O buono Appollo, a l’ultimo lavoro»Je crois qu’après le dîner Monsieur de Guermantes montrera le stéréoscope.«**
fammi del tuo valor sì fatto vaso,
come dimandi a dar l’amato alloro.*
¡Arriba!***
* Dante Alighieri, Divina Commedia, Paradiso, Canto Primo.
** Marcel Proust, Le Balzac de monsieur de Guermantes; in: Contre Sainte-Beuve.
*** Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).
Sonntag, 27. September 2015
Aus dem Handbuch für Raumfahrer
(Arthur C. Clarke, Sommer auf Ikarus).
Einst und jetzt
(Arkadi & Boris Strugatzki, Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 380).
Freitag, 25. September 2015
No está en el tiempo sucesivio …
No es un lunes,
el día que nos depara la ilusión de empezar.
No es un martes,
el día que preside el planeta rojo.
No es un miércoles,
el día de aquel dios de los laberintos
que en el Norte fue Odín.
No es jueves,
el día que ya se resigna al domingo.
No es un viernes,
el día regido por la divinidad que en las selvas
entreteje los cuerpos de los amantes.
No es un sábado.
(Jorge Luis Borges, Cambridge; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 12: Schatten und Tiger, Frankfurt am Main 1993, S. 20ff.).
(eine Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IV [Transfer complete], 10. bis 12. Oktober 2013).
Mittwoch, 23. September 2015
Nicht mehr und nicht weniger
(Edward Gibbon, The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, London 1776, Volume I, Chapter 2).
Samstag, 19. September 2015
In der Zone angesichts der goldenen Kugel
(Arkadi & Boris Strugatzki, Picknick am Wegesrand; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 232).
… not enough of nothing …
There is not enough of
nothing in it.
(John Cage, 45’ – Music for a Speaker; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 153).
Mittwoch, 16. September 2015
Ja, früher …
(Arno Schmidt, Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 32).
Zuvorkommende Begegnungen
(John Cage, 45’ – Music for a Speaker; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 149).
Noch ein Grund, warum ich nicht in den Himmel kommen möchte
(Jules Dubosc, Avez-vous une Âme?, zit. n.: Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Die himmlischen Vorräte; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 159).
Dienstag, 15. September 2015
Montag, 14. September 2015
Souveraineté
Mémoires pour Simone (Chris Marker, 1986). – »Jede Theorie, die schlicht Freiheit gegen Zwang setzt, wäre angesichts der Komplexität dieses Sachverhalts verfehlt.« (Niklas Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 171).
(Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).
16. Februar 2014
Nach 1977 und nach 1981 – 1997 war er (wie bei allem im Leben damals) im ersten Drittel steckengeblieben – vollendete Hans Köberlin zum dritten Mal die Lektüre des Ulysses, und er fühlte eine große Leere in sich, er spürte seine Zerrissenheit, die er über der Lektüre vergessen hatte können, es war ihm, als hätte man ihm eine Aufgabe genommen, nämlich die Aufgabe, ein aufmerksamer und liebevoller Leser zu sein, und er hätte am liebsten mit dem Roman gleich wieder von vorne begonnen, am Martello Tower …
Stately, plump Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of lather on wich a mirror and a razor lay crossed. A yellow dressinggown, ungirdled, was sustained gently behind him by the mild morning air. He held the bowl aloft and intoned:»Trieste-Zürich-Paris, 1914-1921.« … sieben Jahre hatte also Joyce daran geschrieben … (er hätte das bei der Siebeneraufzählung in Telos ergänzen sollen): einmal einen langen Atem haben, sich nicht kirre machen lassen von der Welt (die Frau und die Freunde vertrauten doch seinem diesbezüglichen Talent) …
– Introibo ad altare Dei.
»Die Idee zu meinem Roman hatte ich am heiligen Abend 1988, und zuerst publiziert wurde er kurz vor dem heiligen Abend 2007, wobei ich nicht sagen könnte, ich hätte neunzehn Jahre daran gearbeitet, und wobei ich zu meiner Schande auch nicht sagen könnte, sein Zustand sei lege artis.«
Was das mit dem Frühstück wohl auf sich hatte, das hatte sich Hans Köberlin das ganze letzte Kapitel über gefragt, dann anschließend war er bei Nabokov auf eine plausible Erklärung gestoßen, nämlich daß Mr Bloom der Ansicht sei, sein Wissen um die und seine sillschweigend Duldung der Fortsetzung dieser schmutzigen Geschichte mit Blazes Boylan gebe ihm die Oberhand über Molly. Und auch Nabokov kam, wie auch Thirlwell, zu der Ansicht, Molly liebe Bloom, allerdings mit der Einschränkung, wenn sie überhaupt jemanden liebe. Natürlich hatte Nabokov recht, wenn er schrieb, der sogenannte ›stream of concousness‹ sei eine Kunstform und ein Bewußtsein arbeite nicht so rein sprachlich. Woher er wissen solle, warum er seine Gedanken denke, hatte sich der Protagonist von The Third Policeman gefragt …
Hans Köberlin hielt inne und schloß – quasi um sich zu lesen – die Augen (wie Mr Bloom einmal die Augen geschlossen hatte, um sich nach der Begegnung mit dem blinden Klavierstimmer selber in eine Blindheit zu imaginieren und derart die Haut auf seinem Bauch zu befühlen) …: das permanente von einem hohen Ton gekrönte Rauschen des Blutes in seinen Ohren, Pochen in seinen Schläfen, irgendwo fuhr ein Auto, der Nachbar hupte, ein Hund bellte und eine Frau schimpfte im hiesigen Idiom, Lichtflecken sobald man die Lider lockerte, Geflacker sogar hinter den geschlossenen Lidern, »als wir auf dem Rückweg der Wanderung durch die Siedlungen von Albir gingen, sahen wir in einem Hof an einem komplizierten und mit Stahlseilen verankerten Gerüst aus Stahlrohren ein Artisten-Trapez hängen« … die Assoziation aus The Pale King: Stoppelfeld – Mädchen, das sich die Achselhöhlen selten rasiert … und die Frau nochmals (nicht als Wort), hier (irrealer Eindruck, gewollt zu wollüstigen Vorstellungen imaginiert), die Hauptstadt (multimediale Erinnerungsfetzen, durchgangene Straßenzüge, Baustellen, Kräne in spätsommerlichen Abendhimmeln …), Geld = Zukunft (nonverbal als Gefühl von Sorge und Bedrückung und Ärger über sich selber), der Krafthorizont, sein ›als-ob‹ … »fucked yes damn well fucked too up to my neck« … Finnegans Wake war da wohl näher dran, weil es noch artifizieller als Ulysses war. Beide Werke, Ulysses und noch mehr Finnegans Wake, das empfand Hans Köberlin später beim Hören einer Lesung einmal mehr, waren eigentlich große Poeme, die man eher fachkundig rezitiert hören sollte, denn sie für sich und vor sich hin leise zu lesen, sie waren logische Endpunkte ihrer Kunst, die alles übrige zu Zeitvertreib machten … Hans Köberlin öffnete seine Augen wieder, schaute vor sich auf das geschlossene Buch und damit auf Jonathan Barrys Gemälde der Halfpenny Bridge und die am Rand des Einbands sich durch den intensiven Gebrauch ablösende Schutzfolie, und er sprang damit von seinem Bewußtseinsstrom, beziehungsweise von der versuchten Imagination eines solchen, ab.
»Was nun?«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Pourquoi a-t-on appelé paradis le rang des troisièmes loges à la comédie et à l’opéra?
(Voltaire, Dictionnaire philosophique, Stichwort Paradis).
Sonntag, 13. September 2015
Das Paradies der Dichter
(1Kor 2.9).
Und was haben die Dichter Borges und Bioy Casares daraus gemacht? Natürlich eine Engführung auf die Sprache: »… sie werden unausprechliche Worte hören, die der Mensch nicht sagen kann«.
(Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Paradiese, Kapitel Jesus Christus; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 135).
Samstag, 12. September 2015
Also: Vorsicht!
(Platon, Politeia, X. Buch, zit. n.: Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Der Armenier Er; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 120).
Donnerstag, 10. September 2015
Pech
(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd 1, S. 105).
Sonntag, 6. September 2015
»Il faudrait du temps!«
(Marcel Proust, Le Balzac de monsieur de Guermantes; in: Contre Sainte-Beuve).
Freitag, 4. September 2015
»Heva, naked Eve. She had no navel.«
»Wohl zuviel Borges gelesen!«
(Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis zum 30. Januar 2014).
»Gott lauert in den Intervallen.«
(Jorge Luis Borges, Die Schöpfung und P. H. Gosse; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 34).
Mittwoch, 2. September 2015
Dienstag, 1. September 2015
Heaven is a place where nothing ever happens (Talking Heads)
(Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Was die Kirche lehrt; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 29).
Sonntag, 30. August 2015
Wer lacht da?
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Tragödie, S. 406).
Samstag, 29. August 2015
Freitag, 28. August 2015
Melancholie (20. Februar 2014, 19Uhr02)
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).
Reisen
(eine Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).
Warum man »die verzweifelte Traurigkeit der Dichter« ertragen kann
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Theater, S. 395).
André Breton hat bekanntlich den Surrealismus erfunden, um dem Zwang, durch Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, zu entgehen; und der junge Faulkner hat das Schreiben als Mittel gesehen, nicht arbeiten zu müssen (vgl. seinen Brief an den Redakteur des Forum Anfang 1930 in: William Faulkner, Briefe; in: Werkausgabe in 29 Bänden, Zürich 1982, Bd. 28, S. 58.), vgl. auch Karl Marx’ vielzitiertes Diktum: »Das Reich der Freiheit (hier war der Begriff ›Freiheit‹ einmal angemessen, fand Clemens) beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion«, ein Diktum mit dem Wehrmutstropfen freilich, daß »das wahre Reich der Freiheit (…) aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann.« (Karl Marx / Friedrich Engels, Werke (MEW), hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1956ff., Bd. 25, S. 828). Der nicht mehr junge Clemens wollte allerdings, das war seine Utopie (und hier würden die Marxisten sicher das Urteil »falsches Bewußtsein!« über ihn fällen), in der Manier von Mt 6.28 und Lk 12.27 und in der Manier des Oblomow, essen ohne dafür arbeiten zu müssen, Oblomowerei, ein Leben in einer bestimmten Art von (feminin angereichertem!) Schlaraffenland (in dem er sich jedoch nicht in der Ausprägung des prolligen »All you can eat!« überfressen würde; daß keine Not mehr sein würde implizierte nicht die Maßlosigkeit). Valéry sah das übrigens ähnlich und mit seinen Intentionen radikaler, wenn er in seinen Cahiers notierte, die Würde des Menschen liege ganz und gar in jenen Augenblicken begründet, in denen er für die Gegenstände der Reflexion ohne praktischen Nutzen und sogar ohne Reiz und ohne Zukunft ebensoviel Aufmerksamkeit und Hingabe abringe, wie er seiner Existenz zukommen lasse … – Bei dem Thema könnte man ein ganzes Faß aufmachen, wir werden sicherlich zu verschiede-nen Anlässen darauf zurückkommen.
(aus: Telos, Berlin 2013, S. 31 und dort der zweite Abschnitt der Fußnote 99).
Mittwoch, 26. August 2015
»You’re gonna need a bigger boat.« (Chief Brody)
Die weiteren Geburtstage dieses Tages waren Richard Burton (*1925), Ennio Morricone (*1928) – Hans Köberlin mochte dessen Musik (The Ballad of Hank McCain aus Gli intoccabili und Le clan des Siciliens hatten wir ja bereits erwähnt), vor allem wenn sie von John Zorn interpretiert wurde, und mit Chi Mai hatte Hans Köberlin einmal eine Frau rumbekommen –: »Mille grazie, Ennio!« – und François Périer (*1919), weshalb das Vorjahresblatt Stéphane Audran in Chabrols Juste avant la nuit (1971) zeigte, wie sie ihrem Mann das Laudanum verabreichte.
Weil dies der vorerst letzte Film von Chabrol war, der aus Hans Köberlins Filmkalenderblattsammelkiste anstand, wollen wir hier zu seinem größten Flopp Seeßlen zitieren: »Mit Quiet Days in Clichy (1990) trug auch Claude Chabrol etwas zu dem Spät-Boom des Genres (Softporno) bei (das man unter dem Motto zusammenfassen könnte: Ältere Herren drehen Filme über die Sehnsucht nach jungen Frauen und inszenieren vor allem ihre Ängste). Die Henry Miller-Variation, die Dietrich Kuhlbrodt den ›allerpeinlichsten Film von Chabrol‹ nannte, zeigt in einer Rückschau des greisen Schriftstellers Szenen aus dem Paris der 30er Jahre und reiht einige seiner erotischen Abenteuer aneinander. Der Schriftsteller Joey (Andrew McCarthy), der eigentlich nach Paris kam, um einen Roman zu schreiben, wird von seinem Verleger (Mario Adorf) in Bars und Bordelle geschleppt und fühlt sich dabei immer wohler. Der Film beginnt mit einem Todesbild; der greise Schriftsteller Joey sieht aus dem Fenster: dunkel gekleidete Gestalten sind da zu sehen, Todesvögel, ein junges nacktes Mädchen führt ihn dann zu einer langen Erinnerung an sein Leben in den dreißiger Jahren. Ein Abschiedstraum. Decken wir den Mantel des Mitleids über ihn.« (Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 145). Auch Hans Köberlin fand, daß der Film ein großes Ärgernis war, aber für ihn war mit einem Plakat geworben worden, das den Anbeter weiblicher unrasierter und rasierter Achselhöhlen (eine Leidenschaft, die er mit Raymond Queneau – man erinnere sich an dessen Schilderung in On est toujours trop bon avec les femmes, wie der arschigste der Osteraufständler, Larry O’Rourke, die an einen Stuhl gefesselte und während einer Schießerei mit den Angelsachsen umgekippte Gertie Girdle aufhob: er faßte sie unter die Arme und stellte das ganze wieder auf seine sechs Beine, und einen Augenblick ließ er seine Hände unter ihren Achselhöhlen, die warm und feucht waren, um anschließend mit ihnen, mit den Händen, als ob nichts wäre unter der Nase vorbeizufahren und blaß zu werden (vgl. Man ist immer zu gut zu den Frauen, Frankfurt am Main 1985, S. 54f.), – und mit Arno Schmidt – »Haarsträußchen id Achselhöhlen vorm Schoß« beschrieb er Ann’Ev’ (Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 18) – teilte; und er nötigte die Frau, wann immer er konnte, kein Deodorant zu verwenden: »Don Giovanni singt, er rieche Frauenfleisch, nicht Deodorant!«) faszinierte: man sah den nackten Oberkörper von Barbara de Rossi von der Seite, den rechten Arm hielt sie hochgestreckt, in der Linken ein ausgeklapptes Rasiermesser und in der rechten rasierten Achselhöhle befanden sich noch Reste von Rasierschaum …
Das dritte zu diesem Tag vorhandene Kalenderblatt zeigte schließlich ein Still aus dem von Hans Köberlin nicht gekannten Film Lamerica (Gianni Amelio, 1994).
(eine Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).
Sonntag, 23. August 2015
Samstag, 22. August 2015
Heute vor …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXIV [Epilog], vom 22. August 2014 bis zum Ende der Welt).
Freitag, 21. August 2015
Heute vor …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXIII [Transfer retour], 13. bis 21. August 2014).
Und zu diesem denkwürdigen Anlaß: ¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
- Stand des Manuskripts: S. 808 von ca. 1.800 Seiten
- Stand der Überarbeitung:
- Seiten: S. 713 von ca. 1.800 Seiten
- Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
- Tag der Überarbeitung: Freitag, der 14. Februar 2014, der 136. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Fußnoten Stand des Manuskripts: 2286
- Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 1948
- Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
- Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
- Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
- Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen
* (= die momentane Fußnote 299 auf S. 62) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
Donnerstag, 20. August 2015
Eine kleine Geschichte von Lanfranconi
Der Mensch geht spazieren und trägt seine Uhr in der Westentasche. Plötzlich bleibt die Uhr stehen, und der Mensch geht weiter.
(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Seele, S. 351).
Samstag, 15. August 2015
… mit übertriebener Rührung
Ich empfinde die Zeit als etwas überaus Schmerzliches. Was auch immer ich verlasse, ich verlasse es mit übertriebener Rührung: Das ärmliche Zimmer, in dem ich einige Monate zur Miete wohnte, den Tisch eines Hotels auf dem Land, in dem ich sechs Tage verbrachte, sogar den traurigen Wartesaal des Bahnhofs, in dem ich zwei Stunden mit Warten auf den Zug vertat – ja, so ist es, und die schönen Dinge des Lebens schmerzen mich metaphysisch, muß ich sie verlassen.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 200).
Montag, 10. August 2015
Zu spät
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.194).
Freitag, 7. August 2015
… quelle insouciance!
de ce lendemain, où …
(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 11. September 1870).
Donnerstag, 6. August 2015
Zum Sitzen
Lamp, table, and bed, and a chair —
a chair for sitting.
Where I might even bring a thought
to a problem or two.
Draw up a chair, draw out a plan.
Process the plan by lamplight,
with your elbows on the table.
Then rest in the bed and dream
of sitting in the chair.
Regardless of room size,
have a lamp, table, and bed, and a chair —
furniture for furnishing answers to questions
… or at least a place to sit.
(David Garland, Furniture; von: Control Songs, 1986; http://davidgarland.bandcamp.com/track/furniture).
Eine Definition von »Klassik«
Mittwoch, 5. August 2015
Artillerie
(Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Frankfurt am Main 3. Auflage 1996, S. 228).
Man bedenke den Autor, seinen spezifischen Stil und den Gegenstand (siehe Bergson).
Dienstag, 4. August 2015
Montag, 3. August 2015
… (4 [Fahrrad])
Der Sergeant trank zierlich, tief in Gedanken versunken.
»Michael Gilhaney, einer meiner Bekannten«, sagte er schließlich, »ist ein Mensch, den das Wirken der Mollykül-Theorie schon fast erledigt hat. Würde es Sie ominös verwundern, wenn Sie erführen, daß er auf dem besten Wege in der Gefahr schwebt, ein Fahrrad zu sein?«
Mick schüttelte in höflichem Unverständnis den Kopf.
(Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Frankfurt am Main 3. Auflage 1996, S. 109f.).
Freitag, 31. Juli 2015
Montag, 27. Juli 2015
Samstag, 18. Juli 2015
Freitag, 17. Juli 2015
Sirtaki
Ein halbes Jahrhundert später sieht die Welt anders aus: es hat sich ausgetanzt, man holt sich im Okzident seine wohlfeilen Vorbilder für das Feierabend- und Wochenendgutsein und -wohlfühlen aus dem ferneren Osten.
Es sei der Phantasie anheimgestellt, wie ein Remake von Zorba the Greek (wenn man es denn überhaupt noch drehte und nicht etwas äquivalentes ferneröstliches daraus machte) aussehen würde … so verlogen, wie die Kulturindustrie ist, würde man auch heute den Antikapitalisten tanzen lassen.
Donnerstag, 16. Juli 2015
Mænd & høns
Das war ein sehr, sehr intelligent gemachter Film (man glaube der Kritik des Tagesspiegel nicht: der Kritiker hat – zumindest bei diesem Film – nicht verstanden, um was es geht), ich sah eine subtile Groteske, und ich wunderte mich nicht, als ich las, daß der Regisseur Anders Thomas Jensen auch das Drehbuch zu Hævnen (Susanne Bier, 2010; vgl. Telos, Berlin 2013, S. 81ff.) geschrieben hatte. Die Frauen sind es, die die Zivilisation in die Welt gebracht haben, das war mein erster Gedanke angesichts dieser Brüderbande und angesichts der Auflösung (vgl. ebd., S. 103 und dort die Fußnote 349), und meine ersten Assoziationen nach dem Film bezüglich der Themen und der Quellen waren: Mythologie, Wissenschaft (vor allem die Biologie von Darwin bis zur Gegenwart), H. G. Wells’ The Island of Dr. Moreau (wegen des Plots am ehesten und wegen der Wissenschaft), Maurice Renards Le Docteur Lernen (wegen der Sexualität, wegen der Chimären und wegen des Stiers – nebenbei bemerkt: der Roman ist eines jener Juwele, die gute Freunde oder der Zufall an einen herantragen und die man dann, nach der Lektüre, sein Leben lang bei sich behält), Raymond Queneaus Saint Glinglin (wegen der Mythologie en miniature: den Berg Ida kann man überall finden) und Arno Schmidts Die Gelehrtenrepublik (wegen all dem zusammen).
Wenn ich mehr dazu sagen würde, würde ich zuviel verraten, mehr würde ich also dann erst dazu sagen wollen, wenn alle von mir aus infrage kommenden Personen den Film gesehen haben und wenn ich ausreichend Zeit zur Reflektion gehabt haben würde.




































