Dienstag, 6. Oktober 2015

Sonntag, der 6. Oktober 2013


[5 / 319]
Heute also sollte der Peñón de Ifach, dessen Gipfel 332 Meter über dem Meeresspiegel lag, was wegen seines monolithischen Herausragens aus dem Meer besonders anschaulich war, erstiegen werden. Dazu muß gesagt werden, daß Hans Köberlin unter Akrophobie litt, doch wie ein Esel hinter der ihm vorgehaltenen Möhre, so stieg er – die Schlußverse aus Faust. Der Tragödie zweiter Teil zitierend* – tapfer hinter der Frau, einer Venus Kallipyge – leidenschaftliche Bergersteigerin in der xten Generation – bergan.
Diese Bergwanderung und auch die künftigen Aktionen dieser Art nun stellen uns vor einige Probleme, denn in dem Berichten von Naturerscheinungen und Naturerlebnissen sind wir ganz, ganz schlecht. Zum Beispiel hatte, wie bereits gesagt, der Hans Köberlin nicht bekannte Autor Gabriel Miró, nach dem die Hauptstraße des Ortes hier benannt worden war, den Peñón de Ifach als eine Verkörperung von Größe, stiller Herrschaft und unerreichter Majestät bezeichnet. Man konnte in der Tat diesen Eindruck haben, wobei das letzte vielleicht etwas übertrieben war, aber diese Bezeichnung war weder poetisch noch vermittelte sie jenen, die nicht vor dem Kalksteinfelsen standen, einen adäquaten Eindruck. Man könnte damit auch sonst einen Berg oder einen Gipfel oder sogar einen Dom beschreiben … Dann schon eher Georg Simmels Definition der Alpen: »eine absolute Höhe, ohne die dazu gehörige Tiefe«,** obwohl die hier zu Hans Köberlins Schrecken omnipräsent war. Auf den Punkt gebracht hatte unser Problem mit der Natur der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares in seinem Livro do Desassossego, indem er schrieb, er glaube nicht an Landschaften, und an anderer Stelle, an der er schrieb, er liebe einen bestimmten Fluß, weil eine große Stadt an seinem Ufer liege, und die Zivilisation erziehe uns für die Natur. Man gebe uns etwas anderes, einen anderen Gegenstand … zum Beispiel …: einen Geschlechtsakt zum Beispiel, davon zu berichten – und zwar lege artis zu berichten! – würden wir uns zutrauen, angefangen mit den ersten Küssen und dem Ausziehen und den Vorspielen, verbal und manuell und oral et cetera, über das langsame Eindringen, die diversen Rhythmen und Phasen der Vereinigung, die Stellungswechsel und die Wechsel der Körperöffnungen bis hin zu den letzten Zuckungen der finalen Orgasmen und den Nachspielen und dem anschließend eng verschlungenen Ruhen … minutiös würden wir davon berichten, achwas, minutiös: sekundiös … – Aber Natur pur …?!***


* Man erinnere sich, wie die Rolling Stones 1981, als Hans Köberlin mit 21 das elterliche Haus verlassen, auf Tattoo You in dem Song Tops diese goetheschen Verse interpretiert hatten …
’Cause I’ll take you to the top, baby
Hey baby, I’ll take you to the top
I’ll take you to the top, baby
I’ll take you to the top.
Die Goncourts diskutierten am 3. Mai 1857 mit Madame de C***, der Mätresse von Asseline, erstens, ob die Frauen die Männer leiten – die Mätresse focht nach Aussage der Brüder quasi pro domo sua gegen ihre Meinung, die »Oui« gelautet, an, habe aber dann einen Rückzieher gemacht –, und zweitens, ob es für einen Mann ein Glück sei, von einer Frau geleitet zu werden, dem sie, die Brüder in etwa beigepflichtet hätten (vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 1, S. 456f.).
** Georg Simmel, Die Alpen; in: Philosophische Kultur, Leipzig 2. Aufl. 1919; S. 140. Als wir nach diesem Zitat suchten, stießen wir auf einen anderen Essay Simmels, nämlich auf Gestalter und Schöpfer (in: Der Tag, Nr. 74, Berlin 10. Februar 1916, Ausgabe A, Morgenausgabe, Illustrierter Teil, Nr. 34). Und diese Differenzierung in Gestalter und Schöpfer entsprach weitestgehend jener Differenzierung von Claude Lévy-Strauss in Ingenieure und Bricolateure, die bekanntlich eine unserer Leitdifferenzierungen ist. Hatte Lévy-Strauss Simmel rezipiert? Oder war es eine unabhängig getroffene Annahme. Und sollte es deren noch weitere geben? Hugos Barrikaden in Les miserables, Christus, der nach dem Glaubensbekenntnis von Nikäa gezeugt und nicht geschaffen wurde … Simmel jedenfalls nahm beide nicht wie Lévy-Strauss als Typen, sondern als Endpunkte einer Reihe, deren Wechselwirkung er zu beschreiben trachtete: »Diese eigentümliche Kombination macht den Menschen zum historischen Wesen. Das Tier wiederholt schlechthin, was seine Gattung von je und je getan hat; gerade deshalb fängt jedes Individuum von vorn an, da, wo auch dessen Vorfahren angefangen haben. Der Mensch, gerade weil er nicht nur wiederholt, sondern Neues schafft, kann nicht jedes Mal von neuem anfangen, sondern braucht ein gegebenes Material, gegebene Antezedenzien, auf Grund derer sich seine Leistung als Neuformung vollzieht. Wir würden nicht historische Wesen sein, wenn wir absolut schöpferisch wären, unser Wirken schlechthin Neues schüfe – damit wären wir sozusagen überhistorisch – noch wenn wir ohne Schöpfertum uns absolut an das Gegebene und etwa seine nur mechanische Umstellung, seine Umformung im engsten Sinne hielten. Historisch aber nennen wir eine Existenz, die zwar Neues und erst ihr Eigenes schafft, aber auf Grund und als Fortbildung, Formgebung eines schon Vorhandenen und Überlieferten – die organische Synthese von Schöpfertum und Gestaltertum, die wir leben.« (ebd.).
*** Vgl. aber in seiner unnachahmlichen Art und mit surrealen Metaphern Walter Benjamin (auch in Bezug auf den ›striptease table‹): »Im Fetischismus legt der Sexus die Schranken zwischen organischer und anorganischer Welt nieder. Kleidung und Schmuck stehen mit ihm im Bunde. Er ist im Toten wie im Fleisch zuhause. Auch weist das letztere selber ihm den Weg, im ersten sich einzurichten. Die Haare sind ein Konfinium, welches zwischen den beiden Reichen des Sexus gelegen ist. Ein anderes erschließt sich ihm im Taumel der Leidenschaft: die Landschaften des Leibs. Sie sind schon nicht mehr belebt, doch immer noch dem Auge zugänglich, das freilich je weiter desto mehr dem Tastsinn oder dem Geruch die Führung durch diese Todesreiche überläßt. Im Traum aber schwellen dann nicht selten Brüste, die wie die Erde ganz mit Wald und Felsen bekleidet sind und die Blicke haben ihr Leben in den Grund von Wasserspiegeln versenkt, die in Tälern schlummern. Diese Landschaften durchziehen Wege, die den Sexus in die Welt des Anorganischen geleiten.« (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 118). Luhmann spricht von »Neubeschreibung der Natur als Reflex individueller, zum Beispiel ästhetisch geschulter und durch Liebe erregter Beobachtungsweise« (Niklas Luhmann, Literatur als Kommunikation; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 383). Auch Georg Seeßlen kommt zu ähnlichen Einsicht wie Hans Köberlin und wie Benjamin: »Die Erscheinung des Sexgöttinnen schafft um sich herum ein allgemeines Klima der Erotisierung, das (…) den Unterschied (…) zwischen Menschen und der Dingwelt verwischt. Der Luxus der Sexstars war Belebung und Erotisierung des Gegenständlichen.« (Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Aufl. 1996, S. 21). Und die Goncourts notierten im Mai 1859 in ihrem Journal, die Natur oder vielmehr die Landschaft sei stets das gewesen, was die Menschheit aus ihr gemacht habe, und sie zitierten am Donnerstag, dem 16. Februar 1860, ihren Freund Saint-Victor, der ausgerufen habe, die Natur sei eine Schlampe, die im Überfluß Planeten und Filzläuse hervorbringe (vgl. Journal, a. a. O., Bd. 2, S. 382). Flaubert machte sie am Sonntag, dem 29. Januar 1860 auf »l’horreur de la nature« des Marquis de Sade aufmerksam: »Remarquez-vous qu’il n’y a pas un animal, pas un arbre dans de Sade?« (vgl. ebd., S. 366). Und im Ulysses, in Mr Blooms Bewußtseinsstrom, da hieß es knapp: »Nature. Washing child, washing corpse.« (James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 337). In diesen Themenkomplex gehört natürlich auch Lichtenbergs bereits zitierter Aphorismus: »Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen.«, und auch in Arno Schmidts Sitara (und nicht nur dort) trifft man auf sexualisierte Landschaften.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

Montag, 5. Oktober 2015

What better technique than to leave
no traces?

(John Cage, 45’ – Music for a Speaker; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 159).

Ein Wunsch

Ein Major außer Dienst – ich könnte mir nichts Besseres vorstellen. Zu schade, daß man nicht für alle Zeit schlicht Major außer Dienst hat sein können!

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.243).

… nicht technischer Natur.

Ein Maler um 1300 hätte vom technischen Standpunkt her auch ohne weiteres einen Kandinsky anfertigen können; das Hemmnis, welches bewirkt, daß er es dennoch auf keinen Fall getan hätte, war nicht technischer Natur.

(Burkhard Müller, Dein gemartertes Antlitz. Pilgerfahrt zum heiligen Grabtuch in Turin; in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, hrsg. v. Christian Demand, Heft 797, 69. Jahrgang, Stuttgart Oktober 2015, S. 11).

Samstag, der 5. Oktober 2013


[4 / 320]
Fußwege waren wichtige Elemente im Leben des – wie erwähnt automobillosen weil fahrerlaubnislosen – Fußgängers Hans Köberlin.* Er mochte es, wenn er unter diversen Wegvarianten die Auswahl hatte, um von nach da nach dort zu kommen, und er mochte es, wenn seine Wege Rundwege und nicht Hin- und Rückwege waren. Das Thema ›Wege‹ war ihm, wir erwähnten es, glaube ich, auch eng mit dem Thema ›Gewohnheiten‹ verknüpft. Eine Gewohnheit nahm ihren Anfang, wenn man dreimal den gleichen Gang machte, beim zweiten Mal war es erst eine Wiederholung. Es gab viele Gewohnheitsgänge in Hans Köberlins Exil, wie die geneigten Leserinnen und Leser noch feststellen werden, es gab aber auch einige bewußt wiederholte Gänge, denn wie schon Mr Bloom wußte: »Beauty of music you must hear twice.«, bewußt wiederholt, das hieß: nur zweimal gemachte Gänge, weil sie zu aufwendig waren, um zur Gewohnheit zu werden. Hans Köberlin machte diese Gänge bewußt zum zweiten Mal, auch wenn er sie eigentlich nicht nochmals gegangen wäre; der erste Gang war die Erkundung, und der zweite Gang war der der Reflektion über das bereits Erkundete. Die bewußte Wiederholung des Neuen empfahl sich eigentlich für alles, was genossen werden wollte, nicht nur für Gänge und die Schönheit der Musik.
»Ja, wenn es keine Wiederholung gäbe, was wäre dann das Leben?«**
Hans Köberlin ging zweimal …
  • durch das Labyrinth der Urbanización, in der er lebte, und er ging zweimal
  • einen bestimmten Gang durch das Hinterland und er ging zweimal
  • auf den Peñón de Ifach und er ging zweimal
  • um die Sierra de Oltà.
Es gab noch einige Gänge, die er gerne wiederholt hätte, aber dazu sollte es nicht kommen.
Es waren – und da unterschied er sich grundsätzlich von der Frau, ja von allen Frauen, mit denen er in seinem bisherigen Dasein Wege beschritten – nicht die spektakulären Wege, die sich ihm einprägten, und es waren bei den Wanderungen nicht die – in der Tat spektakulären*** – Aussichten, sondern es war das Gehen durch die nur teilweise permanent bewohnten und ergo in diversen Modi der Verlassenheit vorgefundenen Siedlungen und die mit Bauschutt und Müll versehenen Brachflächen, vorbei an den grob zusammengezimmerten Schuppen der Einheimischen zum Beispiel, oder – wie in ein paar Monaten – das Gehen an den Ruinen der Sanitäranlagen und der Bar eines stillgelegten Campingplatzes vorbei; und es waren von den Tagen nicht die Tage der Wanderungen, sondern die der Spaziergänge durch nichtssagende Straßen und Gassen, die Hans Köberlin als exponierte, die Dauer seines Aufenthalts hier mitstrukturierende Erinnerungen im Gedächtnis behielt. Denn er wollte: »Erinnerung, zusammengesetzt zu etwas Komplexerem als es das sein konnte, was er mit seinen Augen sehen konnte«, wie Heißenbüttel in seiner bereits zitierten Collage zitierte, »Erinnerung jedoch unauflösbar vermischt mit Erwartung. Denn wenn sich hier das Panorama der Einfahrt schlechthin öffnete« – Heißenbüttel meinte die seinem Protagonisten (und auch Hans Köberlin) vertraute Einfahrt in einem Zug in die Hansestadt –, »so bedeutete es, daß sich nicht unterscheiden ließ zwischen Erinnerung und Erwartung. Ankommen. Schichten aus Ankommen, überlagert von neuem Ankommen.« Und weiter: »In der Mischung aus Erinnerung und Erwartung wurde bestätigt, daß das Definitive noch einmal widerrufbar war. Widerrufbar in der Erreichbarkeit unendlich gerichteter Erwartung.«**** Man könnte auch sagen, sagte sich Hans Köberlin, als er das bei Heißenbüttel las und an sein Gehen und das Erinnern an die Gänge und an seine bewußte Anlage der Gänge dachte, daß dies der Modus war, in der die Melancholiker auf die Welt zugriffen beziehungsweise zugingen –: man sprach ja zurecht von ›Weltzugang‹. »The only thing«, wußte auch Mr Bloom, »is to walk then you’ll feel a different man.« Oder aber, wie wir verlesen hatten: die Manipulation des Raums in eine Tatsache …
Das Denken im Modus des Gehens – Godard hatte einmal schön formuliert, den Gang durch das Gehen zu beweisen***** – war besonders fruchtbar, und Hans Köberlin pflegte stets den kleineren seiner beiden Laptops (den mit der klemmenden I-Taste) oder zumindest Notizbuch und Kugelschreiber mit sich zu führen. Unmittelbar nach der Lysakatastrophe hatte das Denken im Modus des Gehens jedoch auch eine fatale Zirkularität bekommen, und er hatte seine sonst so geliebten ziellosen Gänge reduziert oder zuvor eine halbe Flasche Rotwein getrunken, um seine Verzweiflung in eine Melancholie abzumildern, denn, wie Thomas Pynchon in seiner unnachahmlichen Art artikuliert hatte …
»The past, hey no shit, it’s an open invitation to wine abuse.«******
Im Zuge seiner Regeneration – oder dem, was jetzt anstelle des aufgeschobenen oder ›als-ob‹-Untergangs mit ihm passierte – besserte sich aber auch dies, und nun freute er sich schon auf das ziellose Erkunden der Gegend, »die Frivolität des unbeschränkten und nicht zufällig so genannten Sich-gehen-lassens«, wie Hans Blumenberg einmal geschrieben hatte.


* »Es sind Situationen und keine Indizien (…), die Identifikation zum möglichen und narzißtischen Glück machen.« – Dies hatte Hans Köberlin am Freitag, dem 16. Februar 2007, als ein Zitat von dem mittlerweile auch schon verstorbenen Friedrich Kittler in seinem Arbeitsjournal exzerpiert, leider ohne die Quelle anzugeben, wir vermuten aber, daß es Aufschreibsysteme 1800 / 1900 war.
** Sören Kierkegaard, Die Wiederholung / Die Krise und eine Krise im Leben einer Schauspielerin, Reinbek 1961, S. 8.
*** Wir reden jetzt nicht über seine Wanderungen überhaupt, sondern bloß über die der letzten Monate und die kommenden im Mediterranen, also die drei auf der Insel des zweiten Gesichts vor ein paar Wochen mit der Frau und die jetzt hier an der weißen Küste. – Während der noch glücklichen Lysazeit hatte er begonnen, mit seinem späteren Landlord und dessen Frau in Etappen zu Fuß die Hauptstadt zu umrunden. Das Spektakuläre dort im Osten – die Hauptstadt war die einzige Stadt in der Welt, aus der man in allen vier Himmelsrichtungen in eine östliche Peripherie kam – war das Unspektakuläre.
**** Helmut Heißenbüttel, Projekt Nr. 1: D’Alemberts Ende, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1981, S. 15f. »Ich machte damit etwas, bloß dadurch, daß ich in der Gegend Tag und Nacht anwesend war. Ich suchte da Umwege noch und noch, betrachtete, unterschied, verglich …« (Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 180).
***** Vgl. Jean-Luc Godard, Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos, Frankfurt am Main 1984, S. 110. Wahrscheinlich dachte Godard dabei an Diogenes, der bekanntlich die Eleaten, die die Bewegung leugneten, einfach dadurch zu widerlegen versuchte, daß er wortlos auf und ab ging.
****** Thomas Pynchon, Bleeding Edge, New York 2013, S. 20. – »Als der Ober bei meinem Fortgehen bemerkte, daß ich die Weinflasche nur halb geleert hatte, drehte er sich nach mir um und sagte: ›Bis bald, Herr Soares, und gute Besserung!‹« (Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich, 2003, S. 32).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

Sonntag, 4. Oktober 2015

Freitag, der 4. Oktober 2013


[3 / 321]
Und als sie ankamen hörte das Gewitter auf und die Sonne brach durch die Wolken und Regen und Sonne spannten einen Bogen und Hans Köberlin deutete den Regenbogen als ein gutes Omen.*
(…)
Die wirklich guten Dinge, so Hans Köberlin, die widerfuhren einem, das war im Leben so wie beim Schreiben, man konnte sie für gewöhnlich nicht erzwingen; man konnte ihnen allerdings, zumindest beim Schreiben, günstige Konditionen für potentielle Widerfährnisse einräumen, etwa durch die simultane Lektüre diverser divergierender Bücher, mehr oder weniger aus einer Laune heraus ausgewählter Bücher oder zufällig ausgewählter Bücher oder nach einer unverhofften Begegnung über einen gekommene Bücher. Hans Köberlin sollte sich in den kommenden Monaten manchmal über sein Lektüreverhalten wundern, und zwar wundern angesichts der Tatsache, daß seine Lektürezeit (= Lebenszeit) mehr (›als-ob‹) oder weniger (geboren 1960) terminiert war. Er hatte von sich erwartet, er würde angesichts dieser Terminierung selektiver vorgehen. Aber er blieb sich treu …
En fuga irrevocable huye la hora;
Pero aquella el mejor cálculo cuenta,
Que en lección y estudio nos mejora.**

* »… cuando und arco bendijo con los colores del perdón la tarde«, hatte Borges gedichtet (Barrio reconquistado; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 1: Mond gegenüber, Frankfurt am Main 1993, S. 32). Dabei mußte Hans Köberlin an Thomas Müntzer denken, der ja gleichfalls während der frühbürgerlichen Revolution vor seiner letzten Schlacht den Regenbogen als ein gutes Omen gedeutet hatte … das Ende war bekannt … Aber er, Hans Köberlin, war letztlich exiliert, um sich von der Konfrontation mit dem Glauben an Omen und anderem derartigen Tinnef zu kurieren, also: weg mit solchen Gedanken!
** Francisco de Quevedo y Villegas, Musa II.109.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).

Samstag, 3. Oktober 2015

Das ist so.

… wenn etwas neu gemacht wird, muß etwas anderes alt gemacht werden.

(Niklas Luhmann, Literatur als Kommunikation; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 387).

Donnerstag, der 3. Oktober 2013


[2 / 322]
… weiter also von der Stadt hinter der Grenze bis zu einem Fischerort bereits im Mediterranen, aber noch diesseits der Grenze zu Hans Köberlins Exil, die auch keine wirkliche Grenze mehr (an der Walter Benjamin aber noch gescheitert, nicht allzuweit von hier …), ein Fischerort, der Hans Köberlin sehr gut gefiel, wo immerhin Paul Valéry hergekommen und dessen Friedhof mit Meerblick er besungen …
»La mer, la mer, toujours recommencée!«*
… wo man, nachdem man nach den Erfahrungen der Nacht zuvor im ersten Haus am Platz abgestiegen, am Fischereihafen Fisch aß und Muscheln aß und dazu einen kräftigen Weißwein trank, und zum Dessert gab es crème brûlée und Kaffee und Cognac. Anschließend ging man zur Verdauung der üppigen Mahlzeit am Hafenbecken entlang vor zu der Mole, gegen deren Mauer das Meer so heftig tobte, daß die Gischtspritzer Hans Köberlins Brille trübten. Der Frau gefiel dieses Toben der Elemente sehr, ein Zug, den er noch nicht an ihr gekannt hatte.** Hans Köberlin war ausgelassen und auf angenehm-fatalistische Art und Weise aus der Zeit. Es war schon klar: er durfte bei seinen Eindrücken keine Zukunft haben …


* Paul Valéry, Le Cimetière Marin; in: Werke, hrsg. von Jürgen Schmidt-Radefeldt, Frankfurt am Main 1992, Bd. 1. Dichtung und Prosa, S. 172. – Das Pindar-Motto, das Valéry Le Cimetière Marin vorangestellt und in dem der Hellene der Seele von dem Wunsch nach einem ewigen Sein abriet und sie statt dessen aufforderte, lieber die erfüllbare Arbeit auszuschöpfen, sprach Hans Köberlin nach dem im vergangenen Jahr Widerfahrenen aus der Seele … »Et le ciel chante à l’âme consumée …« (ebd., S. 174).
** Das war natürlich immer noch harmlos gegenüber dem, was einem der atlantische Ozean bot, und später, am 27. Dezember 2013, sollte er von der Frau daran erinnert werden.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).

Freitag, 2. Oktober 2015

Mittwoch, der 2. Oktober 2013


[1 / 323]
Der Transfer ging am ersten Tag bis zu der Stadt, aus der Alfred Dreyfus gekommen (näheres zu der Affäre ist (exemplarisch für die Lektüre unseres Hans Köberlin) mit der richtigen Haltung bei Proust und mit der falschen Haltung bei Edmond de Goncourt nachzulesen), hinter der Grenze (die eigentlich keine wirkliche Grenze mehr war …: es gab sie noch, die gut angewandte Vernunft … manchmal …), in einer Region gelegen, die in der Zeit, als es hier noch Kriege gab, abwechselnd mal hübenzu und mal drübenzu gehört hatte. Man sah nichts von der Stadt, denn man übernachtete in einem dieser befremdlichen portierlosen Automatenhotels in einem Industriegebiet direkt an der autoroute, eines jener Etablissements, wie man sie aus diversen Filmen bestimmter Regisseure, die ihre Protagonisten dort übernachten ließen, wenn sie eine melancholisch-trostlose Atmosphäre vermitteln wollten, kannte, oder, wie Jules de Goncourt geschrieben hatte, er sei im Hotel in einem dieser Zimmer, in denen man aus Versehen auf Reisen sterbe …: also ein Etablissement gerade recht für rites de passage …
»Eine Schlafschublade«, so die Frau, aber sie durfte auch maulen, mußte sie doch allein fahren, weil Hans Köberlin so ein weltuntauglicher Mensch war.*
Man wollte nach dem personallosen Einchecken per Kreditkarte noch irgendwo um die Ecke ein Glas Wein trinken, um die Ecke gab es aber bloß irgendwelche großen Hallen, mittelständische Betriebe, Supermärkte, Bastlermärkte und Gartenmärkte … es provozierte eine eigentümliche Stimmung in Hans Köberlin, durch dieses nächtlich-verlassene Industriegebiet zu flanieren, er hoffte, sich daran zu erinnern, wenn er in die Hauptstadt zurückkehren würde. Man ging vorbei an einer Gendarmerie in eine angrenzende Siedlung, doch das war ein gespenstisches Neubaugebiet mit in einem eklektizistischen Stil gebauten drei- und vierstöckigen Wohnhäusern, in denen sich die Bewohner verbarrikadiert hatten, bloß ab und an sah man jemanden, der nochmals mit dem Hund raus mußte, hier herrschte offensichtlich kein Bedarf an Gelegenheiten zu sozialer Praxis, sprich: an Gelegenheiten zum öffentlichen Konsum eines Glases oder mehrerer Gläser Rotwein …
Hans Köberlins Gedanken, wie es wäre und was für eine Geschichte er hätte, wenn er hier lebte …
»Wie in einem Film von Chabrol.«
»Oder von Haneke.«
»Oder von Seidel.«
Irgendwann sah der vor lauter Verlangen auf ein Glas Wein scharfsichtig gewordene Hans Köberlin in der Ferne zwischen zwei Häusern ein beleuchtetes Schild, das auf eine Lokalität hinzuweisen schien, man ging durch ein Tor in einen Hof, tatsächlich schimmerte es rot aus ein paar Fenstern, man sah Menschen an einer Bar sitzen, aber es war ein Privatclub, es war ein Swingerclub, vermutete man …
»Warum aber machte man auf einen Privatclub mit einem beleuchteten Schild aufmerksam?«
Also kehrte man zurück in seine Schlafschublade und vögelte noch etwas herum, solange wie die Müdigkeit dies zuließ.


* Manchmal dachte Hans Köberlin, sein Leben wäre in toto anders verlaufen, wenn er in seinen jungen Jahren wie fast alle in seinem Alter, quasi als Initiationsritus, eine Fahrerlaubnis erworben hätte (vgl. für ähnliche Gedanken des Clemens Limbularius vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 19f. und S. 21). Unter seinen engsten Freunden waren überdurchschnittlich viele, die keine Fahrerlaubnis erworben, und bloß zweie von ihnen hatten sich angeschickt, den Erwerb später nachzuholen. Übrigens, bloß nebenbei bemerkt, auch Arno Schmidt hatte nie eine Fahrerlaubnis erworben.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel II [Exodus], 2. bis 4. Oktober 2013).

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Dienstag, der 1. Oktober 2013


[0 / 324]
Aber man sollte auch eine Einsicht Adam Thirlwells bedenken, nämlich die, daß die Selbstbefreiung durch die Kunstform des Romans eine besonders schwierige Angelegenheit sei. – Wie dem auch sei: mit dem Telosfragment hatte es die gleiche Bewandtnis wie mit dem Buch der Bücher, von dem Francis Bacon 1625, wie Borges in seiner Rechtfertigung der Kabbala angemerkt, geschrieben hatte, der Stift des heiligen Geistes habe bei den Trübsalen Hiobs länger verweilt als bei den Glückseligkeiten Salomonis, nun: wir hoffen für uns, für den Leser und nicht zuletzt für Hans Köberlin, daß es hier anders kommen wird …
»Lauter hohe Lieder …«
»… in paradisum angeli te deducant …«
O buono Appollo, a l’ultimo lavoro
fammi del tuo valor sì fatto vaso,
come dimandi a dar l’amato alloro.*
»Je crois qu’après le dîner Monsieur de Guermantes montrera le stéréoscope.«**
¡Arriba!***


* Dante Alighieri, Divina Commedia, Paradiso, Canto Primo.
** Marcel Proust, Le Balzac de monsieur de Guermantes; in: Contre Sainte-Beuve.
*** Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).

Sonntag, 27. September 2015

Aus dem Handbuch für Raumfahrer

Wenn man nicht weiß, was zu tun ist, darf man garnichts tun.

(Arthur C. Clarke, Sommer auf Ikarus).

Einst und jetzt

In unserem Jahrhundert erschießt man sich, weil man sich vor anderen schämt, vor der Gesellschaft, vor den Fremden … Im vorigen Jahrhundert erschoß man sich, weil man sich vor sich selber schämte. Komisch, heutzutage scheint man zu glauben, daß der Mensch mit sich selbst immer ins Reine kommt.

(Arkadi & Boris Strugatzki, Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 380).

Freitag, 25. September 2015

No está en el tiempo sucesivio …

Nadie en las calles, pero no es un domingo.
No es un lunes,
el día que nos depara la ilusión de empezar.
No es un martes,
el día que preside el planeta rojo.
No es un miércoles,
el día de aquel dios de los laberintos
que en el Norte fue Odín.
No es jueves,
el día que ya se resigna al domingo.
No es un viernes,
el día regido por la divinidad que en las selvas
entreteje los cuerpos de los amantes.
No es un sábado.

(Jorge Luis Borges, Cambridge; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 12: Schatten und Tiger, Frankfurt am Main 1993, S. 20ff.).

(eine Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel IV [Transfer complete], 10. bis 12. Oktober 2013).

Mittwoch, 23. September 2015

Nicht mehr und nicht weniger

The various modes of worship which prevailed in the Roman world were all considered by the people as equally true by the philosopher as equally false and by the magistrate as equally useful. And thus toleration produced not only mutual indulgence but even religious concord.

(Edward Gibbon, The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, London 1776, Volume I, Chapter 2).

Samstag, 19. September 2015

In der Zone angesichts der goldenen Kugel

Glück für alle, umsonst, und niemand soll gekränkt fortgehen!

(Arkadi & Boris Strugatzki, Picknick am Wegesrand; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2010, Bd. 2, S. 232).

… not enough of nothing …

»There is too much there there.«

There is not enough of
nothing in it.

(John Cage, 45’ – Music for a Speaker; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 153).

Mittwoch, 16. September 2015

Ja, früher …

Zu meiner Zeit hätt’ man zumindest getan, als ob man schläft.

(Arno Schmidt, Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 32).

Zuvorkommende Begegnungen


(John Cage, 45’ – Music for a Speaker; in: Silence. Lectures and writings by John Cage, Hanover / New England 1961, S. 149).

Heute vor …

… einem Jahr wurde jenes Bild gemacht …

Noch ein Grund, warum ich nicht in den Himmel kommen möchte

Manche Verstorbene, die sich die irdischen Sitten noch nicht abgewöhnt haben, verlangen, wenn sie in den Himmel kommen schottischen Whisky und Zigarren. Für jede Möglichkeit gerüstet, führen die himmlischen Laboratorien die Bestellung aus. Die Seligen kosten die Erzeugnisse und bestellen sie nie wieder.

(Jules Dubosc, Avez-vous une Âme?, zit. n.: Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Die himmlischen Vorräte; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 159).

Montag, 14. September 2015

Souveraineté


Mémoires pour Simone (Chris Marker, 1986). – »Jede Theorie, die schlicht Freiheit gegen Zwang setzt, wäre angesichts der Komplexität dieses Sachverhalts verfehlt.« (Niklas Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 171).

(Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel I [Prolog], Von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013).

Blooms Hotel

16. Februar 2014

Nach dem Dauerlauf – es war sonnig aber windig – und dem Frühstück und dem Duschen setzte er sich an seinen Tisch im leeren Wintergarten, und um 12Uhr14 – ein gewichtiger Moment in seinem Leben, vielleicht nach seinen schicksalhaften Momenten mit bestimmten Frauen und nach dem Moment seiner Romanpublikation der gewichtigste Moment: »… and first I put my arms around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes and his heart was going like mad and yes I said yes I will Yes.«
Nach 1977 und nach 1981 – 1997 war er (wie bei allem im Leben damals) im ersten Drittel steckengeblieben – vollendete Hans Köberlin zum dritten Mal die Lektüre des Ulysses, und er fühlte eine große Leere in sich, er spürte seine Zerrissenheit, die er über der Lektüre vergessen hatte können, es war ihm, als hätte man ihm eine Aufgabe genommen, nämlich die Aufgabe, ein aufmerksamer und liebevoller Leser zu sein, und er hätte am liebsten mit dem Roman gleich wieder von vorne begonnen, am Martello Tower …
Stately, plump Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of lather on wich a mirror and a razor lay crossed. A yellow dressinggown, ungirdled, was sustained gently behind him by the mild morning air. He held the bowl aloft and intoned:
– Introibo ad altare Dei.
»Trieste-Zürich-Paris, 1914-1921.« … sieben Jahre hatte also Joyce daran geschrieben … (er hätte das bei der Siebeneraufzählung in Telos ergänzen sollen): einmal einen langen Atem haben, sich nicht kirre machen lassen von der Welt (die Frau und die Freunde vertrauten doch seinem diesbezüglichen Talent) …
»Die Idee zu meinem Roman hatte ich am heiligen Abend 1988, und zuerst publiziert wurde er kurz vor dem heiligen Abend 2007, wobei ich nicht sagen könnte, ich hätte neunzehn Jahre daran gearbeitet, und wobei ich zu meiner Schande auch nicht sagen könnte, sein Zustand sei lege artis.«
Was das mit dem Frühstück wohl auf sich hatte, das hatte sich Hans Köberlin das ganze letzte Kapitel über gefragt, dann anschließend war er bei Nabokov auf eine plausible Erklärung gestoßen, nämlich daß Mr Bloom der Ansicht sei, sein Wissen um die und seine sillschweigend Duldung der Fortsetzung dieser schmutzigen Geschichte mit Blazes Boylan gebe ihm die Oberhand über Molly. Und auch Nabokov kam, wie auch Thirlwell, zu der Ansicht, Molly liebe Bloom, allerdings mit der Einschränkung, wenn sie überhaupt jemanden liebe. Natürlich hatte Nabokov recht, wenn er schrieb, der sogenannte ›stream of concousness‹ sei eine Kunstform und ein Bewußtsein arbeite nicht so rein sprachlich. Woher er wissen solle, warum er seine Gedanken denke, hatte sich der Protagonist von The Third Policeman gefragt …
Hans Köberlin hielt inne und schloß – quasi um sich zu lesen – die Augen (wie Mr Bloom einmal die Augen geschlossen hatte, um sich nach der Begegnung mit dem blinden Klavierstimmer selber in eine Blindheit zu imaginieren und derart die Haut auf seinem Bauch zu befühlen) …: das permanente von einem hohen Ton gekrönte Rauschen des Blutes in seinen Ohren, Pochen in seinen Schläfen, irgendwo fuhr ein Auto, der Nachbar hupte, ein Hund bellte und eine Frau schimpfte im hiesigen Idiom, Lichtflecken sobald man die Lider lockerte, Geflacker sogar hinter den geschlossenen Lidern, »als wir auf dem Rückweg der Wanderung durch die Siedlungen von Albir gingen, sahen wir in einem Hof an einem komplizierten und mit Stahlseilen verankerten Gerüst aus Stahlrohren ein Artisten-Trapez hängen« … die Assoziation aus The Pale King: Stoppelfeld – Mädchen, das sich die Achselhöhlen selten rasiert … und die Frau nochmals (nicht als Wort), hier (irrealer Eindruck, gewollt zu wollüstigen Vorstellungen imaginiert), die Hauptstadt (multimediale Erinnerungsfetzen, durchgangene Straßenzüge, Baustellen, Kräne in spätsommerlichen Abendhimmeln …), Geld = Zukunft (nonverbal als Gefühl von Sorge und Bedrückung und Ärger über sich selber), der Krafthorizont, sein ›als-ob‹ … »fucked yes damn well fucked too up to my neck« … Finnegans Wake war da wohl näher dran, weil es noch artifizieller als Ulysses war. Beide Werke, Ulysses und noch mehr Finnegans Wake, das empfand Hans Köberlin später beim Hören einer Lesung einmal mehr, waren eigentlich große Poeme, die man eher fachkundig rezitiert hören sollte, denn sie für sich und vor sich hin leise zu lesen, sie waren logische Endpunkte ihrer Kunst, die alles übrige zu Zeitvertreib machten … Hans Köberlin öffnete seine Augen wieder, schaute vor sich auf das geschlossene Buch und damit auf Jonathan Barrys Gemälde der Halfpenny Bridge und die am Rand des Einbands sich durch den intensiven Gebrauch ablösende Schutzfolie, und er sprang damit von seinem Bewußtseinsstrom, beziehungsweise von der versuchten Imagination eines solchen, ab.
»Was nun?«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Pourquoi a-t-on appelé paradis le rang des troisièmes loges à la comédie et à l’opéra?

Il y a pourtant un peu de différence entre monter au ciel et monter aux troisièmes loges.

(Voltaire, Dictionnaire philosophique, Stichwort Paradis).

Sonntag, 13. September 2015

Das Paradies der Dichter

Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.
(1Kor 2.9).

Und was haben die Dichter Borges und Bioy Casares daraus gemacht? Natürlich eine Engführung auf die Sprache: »… sie werden unausprechliche Worte hören, die der Mensch nicht sagen kann«.
(Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Paradiese, Kapitel Jesus Christus; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 135).

Samstag, 12. September 2015

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort (Typographie)


Im Tartaros (aka Kantstraße)
Im Кавказ (aka Wuhlheide)

Also: Vorsicht!

Nicht euch wird der Dämon erlosen, sondern ihr werdet den Dämon wählen.

(Platon, Politeia, X. Buch, zit. n.: Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Der Armenier Er; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 120).

Donnerstag, 10. September 2015

Pech

Ihr Unterrock war rot und blau sehr breit gestreift und sah aus, als wenn er aus einem Theater-Vorhang gemacht wäre. Ich hätte für den ersten Platz viel gegeben, aber es wurde nicht gespielt.

(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd 1, S. 105).

Sonntag, 6. September 2015

»Il faudrait du temps!«

Ah! Balzac! Balzac! Il faudrait du temps!

(Marcel Proust, Le Balzac de monsieur de Guermantes; in: Contre Sainte-Beuve).

Freitag, 4. September 2015

»Heva, naked Eve. She had no navel.«

Chateaubriands Génie du Christianisme zufolge war Adam dreißig Jahre alt, als er geschaffen wurde, und Eva sechzehn. Als Kreationist war Chateaubriand sicher auch ein Vertreter der Omphalos-Hypothese (…) Wenn es zuträfe, was die Kurzzeitkreationisten behaupten, daß Gott die Welt am 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags, mit ihrer Vergangenheit und der Erinnerung daran erschaffen habe (siehe auch Russells Gedankenspiel in The Analysis of Mind), dann geschah dies also in dem gleichen Modus, in dem wir träumen. War das Erschaffen also ein Träumen? Sind wir ein Traum Gottes?
»Wohl zuviel Borges gelesen!«

(Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis zum 30. Januar 2014).

»Gott lauert in den Intervallen.«

Die Zukunft ist unvermeidlich, präzise; aber es mag sein, daß sie nicht zustande kommt.

(Jorge Luis Borges, Die Schöpfung und P. H. Gosse; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 7: Inquisitionen, Frankfurt am Main 1992, S. 34).

Mittwoch, 2. September 2015

Memento mori

Heute vor 141 Jahren starb am Berg Hancock durch die Hand eines Sioux Winnetou.

Dienstag, 1. September 2015

Heaven is a place where nothing ever happens (Talking Heads)

Die Seligen können nicht sündigen, weil sie es nicht wollen, und sie wollen es nicht, weil sie es nicht mehr können.

(Jorge Luis Borges / Adolfo Bioy Casares, Was die Kirche lehrt; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 11: Das Buch von Himmel und Hölle, Frankfurt am Main 1993, S. 29).

Sonntag, 30. August 2015

Wer lacht da?

Vor seinem Aufbruch zu den Sitzen der Unsterblichkeit übertrug der letzte Held die Aufgabe, die verbliebenen Ungeheuer zu töten, dem ersten Tragöden. Es war abgemacht, daß diese letzte Schlacht gegen die Ungeheuer nun nicht mehr mit Taten, sondern mit Worten stattfinden sollte. Wer lacht da? Das Wort kann tödlicher als die Tat sein.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Tragödie, S. 406).

Freitag, 28. August 2015

Melancholie (20. Februar 2014, 19Uhr02)


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Reisen

Dazu (zu Telos, Kapitel XVIII [Reisen]) eine fragmentarische Notiz von Clemens Limbularius, die einzubauen Hans Köberlin übersehen hatte, eine Notiz datiert vom Mittwoch, dem 24. Januar 2007: »Es gibt einen guten (buddhistischen) Alltag und einen schlechten (protestantischen) Alltag und das Reisen dient dazu, dem guten Alltag den Rücken zu stärken, die eigenen bewußten Rituale, die den Alltag heiligen, gegen die fremdbestimmten gehetzten Gewohnheiten, die alles ins Profane ziehen.« Reisen sei eine Halluzination, hatte der Protagonist von Flann O’Briens The Third Policeman de Selby zitiert (vgl. Der dritte Polizist, Frankfurt am Main 1991, S. 66). So abstrus die referierten Theorien de Selbys auch sonst waren, hier gab ihm Hans Köberlin recht, aber wahrscheinlich nicht in dem Sinne de Selbys. Reisen war Hans Köberlin eine Halluzination, weil er sich durch das Reisen – = weg sein – in künftigen Sehnsuchtsorten bewegte, die mit dem empirischen Dortsein bloß die Entfernung von dem Zuhause gemein hatten. Und was sich Hans Köberlin mit seinen Reisehalluzinationen schaffte, das waren quasi Mikroalltage in der Fremde, und zwar Mikroalltage, die sich in jeder noch so divergierenden Fremde wiederholten. »Dahin kommen, dies ohne das Reisen zu können …« Aber da stand die gute alte Mutter Dialektik vor, und außerdem war es nicht verkehrt, ab und an einmal rauszukommen.

(eine Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013).

Warum man »die verzweifelte Traurigkeit der Dichter« ertragen kann

All dem, was in der Welt geschieht, und all den skeptischen Behauptungen der ›Realisten‹ zum Trotz darf der geistige Mensch niemals die Wiedereinrichtung des Paradieses auf Erden aus den Augen verlieren, und er darf auch nie aufhören, darin die einzige und wahre Bestimmung der Menschheit zu sehen. Die Kunst uist das Bild, die Stimme, der Gedanke dieser Idee – und das, wenigstens das, darf und kann niemand leugnen.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Theater, S. 395).

André Breton hat bekanntlich den Surrealismus erfunden, um dem Zwang, durch Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, zu entgehen; und der junge Faulkner hat das Schreiben als Mittel gesehen, nicht arbeiten zu müssen (vgl. seinen Brief an den Redakteur des Forum Anfang 1930 in: William Faulkner, Briefe; in: Werkausgabe in 29 Bänden, Zürich 1982, Bd. 28, S. 58.), vgl. auch Karl Marx’ vielzitiertes Diktum: »Das Reich der Freiheit (hier war der Begriff ›Freiheit‹ einmal angemessen, fand Clemens) beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion«, ein Diktum mit dem Wehrmutstropfen freilich, daß »das wahre Reich der Freiheit (…) aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann.« (Karl Marx / Friedrich Engels, Werke (MEW), hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1956ff., Bd. 25, S. 828). Der nicht mehr junge Clemens wollte allerdings, das war seine Utopie (und hier würden die Marxisten sicher das Urteil »falsches Bewußtsein!« über ihn fällen), in der Manier von Mt 6.28 und Lk 12.27 und in der Manier des Oblomow, essen ohne dafür arbeiten zu müssen, Oblomowerei, ein Leben in einer bestimmten Art von (feminin angereichertem!) Schlaraffenland (in dem er sich jedoch nicht in der Ausprägung des prolligen »All you can eat!« überfressen würde; daß keine Not mehr sein würde implizierte nicht die Maßlosigkeit). Valéry sah das übrigens ähnlich und mit seinen Intentionen radikaler, wenn er in seinen Cahiers notierte, die Würde des Menschen liege ganz und gar in jenen Augenblicken begründet, in denen er für die Gegenstände der Reflexion ohne praktischen Nutzen und sogar ohne Reiz und ohne Zukunft ebensoviel Aufmerksamkeit und Hingabe abringe, wie er seiner Existenz zukommen lasse … – Bei dem Thema könnte man ein ganzes Faß aufmachen, wir werden sicherlich zu verschiede-nen Anlässen darauf zurückkommen.

(aus: Telos, Berlin 2013, S. 31 und dort der zweite Abschnitt der Fußnote 99).

Mittwoch, 26. August 2015

»You’re gonna need a bigger boat.« (Chief Brody)

Der Filmkalender präsentierte anläßlich des Geburtstags von Roy Scheider (*1932) ein Still aus der Verfilmung von William S. Burroughs’ Naked Lunch (1991), aber keines, das ihn, Scheider, zeigte, sondern den Robocop Peter Weller. In diesem Fall hätte Hans Köberlin ein Still mit Scheider als Chief Brody aus Spielbergs Jaws (1975) signifikanter gefunden. Aber an diesen Film wollte er aus nachvollziehbaren Gründen (er hatte das Poster »Peces del mar Mediterráneo« seines früher häufig konsultierten Fischladens in der Hauptstadt und den darauf unter den ganzen Eßfischen, die er sich hier im ›Consum‹ oder im ›Mercadona‹ kaufte, auch abgebildeten Carcharodon carcharias vor Augen) nicht zu intensiv denken. Am Dienstag, dem 25. August 2015, sollte er in der Hauptstadt mit der Frau im Kino eine Revision von Jaws vornehmen. Dabei kam er zu der Auffassung, daß Spielberg – so wenig er ihn sonst mochte – mit dem Film gelungen war, innerhalb des Genres, in dem es zuvor mehr oder weniger bloß Trash gegeben hatte, ein klassisches Werk zu schaffen. Und während sie nach dem Kinobesuch mit der Stadtbahn zu der Wohnung der Frau fuhren, da fielen Hans Köberlin lauter Bezüge ein, in deren Mitte sich wie eine Spinne in ihrem Netz Jaws befand: »Die ersten Konstellationen dieser Art – Mensch versus Tier oder Monster – gab es bereits in der Antike: Theseus und Herakles und ihre Kämpfe (der Minotauros, der Kerberos), dann die ganzen Drachentöter … Variationen: Mensch versus Alien (Alien, 1979) und Mensch versus Mensch (Cape Fear, 1962 und 1991), Hitchcocks Birds (1963) fiel heraus, weil da die rationale Erklärung verweigert wurde … aber Moby Dick, die Analogie Ahab – Quint lag auf der Hand … King Kong und Godzilla müßten verortet werden … dann Katastrophenfilme als andere Variation, das Motiv der Schicksalsgemeinschaft …«
Die weiteren Geburtstage dieses Tages waren Richard Burton (*1925), Ennio Morricone (*1928) – Hans Köberlin mochte dessen Musik (The Ballad of Hank McCain aus Gli intoccabili und Le clan des Siciliens hatten wir ja bereits erwähnt), vor allem wenn sie von John Zorn interpretiert wurde, und mit Chi Mai hatte Hans Köberlin einmal eine Frau rumbekommen –: »Mille grazie, Ennio!« – und François Périer (*1919), weshalb das Vorjahresblatt Stéphane Audran in Chabrols Juste avant la nuit (1971) zeigte, wie sie ihrem Mann das Laudanum verabreichte.
Weil dies der vorerst letzte Film von Chabrol war, der aus Hans Köberlins Filmkalenderblattsammelkiste anstand, wollen wir hier zu seinem größten Flopp Seeßlen zitieren: »Mit Quiet Days in Clichy (1990) trug auch Claude Chabrol etwas zu dem Spät-Boom des Genres (Softporno) bei (das man unter dem Motto zusammenfassen könnte: Ältere Herren drehen Filme über die Sehnsucht nach jungen Frauen und inszenieren vor allem ihre Ängste). Die Henry Miller-Variation, die Dietrich Kuhlbrodt den ›allerpeinlichsten Film von Chabrol‹ nannte, zeigt in einer Rückschau des greisen Schriftstellers Szenen aus dem Paris der 30er Jahre und reiht einige seiner erotischen Abenteuer aneinander. Der Schriftsteller Joey (Andrew McCarthy), der eigentlich nach Paris kam, um einen Roman zu schreiben, wird von seinem Verleger (Mario Adorf) in Bars und Bordelle geschleppt und fühlt sich dabei immer wohler. Der Film beginnt mit einem Todesbild; der greise Schriftsteller Joey sieht aus dem Fenster: dunkel gekleidete Gestalten sind da zu sehen, Todesvögel, ein junges nacktes Mädchen führt ihn dann zu einer langen Erinnerung an sein Leben in den dreißiger Jahren. Ein Abschiedstraum. Decken wir den Mantel des Mitleids über ihn.« (Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 145). Auch Hans Köberlin fand, daß der Film ein großes Ärgernis war, aber für ihn war mit einem Plakat geworben worden, das den Anbeter weiblicher unrasierter und rasierter Achselhöhlen (eine Leidenschaft, die er mit Raymond Queneau – man erinnere sich an dessen Schilderung in On est toujours trop bon avec les femmes, wie der arschigste der Osteraufständler, Larry O’Rourke, die an einen Stuhl gefesselte und während einer Schießerei mit den Angelsachsen umgekippte Gertie Girdle aufhob: er faßte sie unter die Arme und stellte das ganze wieder auf seine sechs Beine, und einen Augenblick ließ er seine Hände unter ihren Achselhöhlen, die warm und feucht waren, um anschließend mit ihnen, mit den Händen, als ob nichts wäre unter der Nase vorbeizufahren und blaß zu werden (vgl. Man ist immer zu gut zu den Frauen, Frankfurt am Main 1985, S. 54f.), – und mit Arno Schmidt – »Haarsträußchen id Achselhöhlen vorm Schoß« beschrieb er Ann’Ev’ (Abend mit Goldrand. Eine MärchenPosse. 55 Bilder aus der Lä/Endlichkeit für Gönner der VerschreibKunst, Frankfurt am Main 1975, S. 18) – teilte; und er nötigte die Frau, wann immer er konnte, kein Deodorant zu verwenden: »Don Giovanni singt, er rieche Frauenfleisch, nicht Deodorant!«) faszinierte: man sah den nackten Oberkörper von Barbara de Rossi von der Seite, den rechten Arm hielt sie hochgestreckt, in der Linken ein ausgeklapptes Rasiermesser und in der rechten rasierten Achselhöhle befanden sich noch Reste von Rasierschaum …
Das dritte zu diesem Tag vorhandene Kalenderblatt zeigte schließlich ein Still aus dem von Hans Köberlin nicht gekannten Film Lamerica (Gianni Amelio, 1994).

(eine Fußnote aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel VI [Phase II – oder: post Telos], 3. bis 14. November 2013).

Samstag, 22. August 2015

Heute vor …

Am ersten Abend des Epilogs besuchte Hans Köberlin ein Weinfest, das in dem Bezirk, in dem die Frau lebte, veranstaltet wurde.


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXIV [Epilog], vom 22. August 2014 bis zum Ende der Welt).

Freitag, 21. August 2015

Heute vor …

Und schließlich sah Hans Köberlin das gelbe Schild mit dem Namen der Hauptstadt …


(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXIII [Transfer retour], 13. bis 21. August 2014).

Und zu diesem denkwürdigen Anlaß: ¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts: S. 808 von ca. 1.800 Seiten
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 713 von ca. 1.800 Seiten
    • Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Freitag, der 14. Februar 2014, der 136. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Fußnoten Stand des Manuskripts: 2286
  • Fußnoten am Stand der Überarbeitung: 1948
  • Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
  • Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen


* (= die momentane Fußnote 299 auf S. 62) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).

Wird aktualisiert!

Donnerstag, 20. August 2015

Eine kleine Geschichte von Lanfranconi

Wie der Mensch seine Uhr verlieren kann

Der Mensch geht spazieren und trägt seine Uhr in der Westentasche. Plötzlich bleibt die Uhr stehen, und der Mensch geht weiter.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Seele, S. 351).

Samstag, 15. August 2015

… mit übertriebener Rührung


Ich empfinde die Zeit als etwas überaus Schmerzliches. Was auch immer ich verlasse, ich verlasse es mit übertriebener Rührung: Das ärmliche Zimmer, in dem ich einige Monate zur Miete wohnte, den Tisch eines Hotels auf dem Land, in dem ich sechs Tage verbrachte, sogar den traurigen Wartesaal des Bahnhofs, in dem ich zwei Stunden mit Warten auf den Zug vertat – ja, so ist es, und die schönen Dinge des Lebens schmerzen mich metaphysisch, muß ich sie verlassen.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 200).

Montag, 10. August 2015

Zu spät

Denn die Menschen lernen nur, was für ihre bereits verstorbenen Vorfahren von Nutzen gewesen wäre. Nur den Toten vermögen wir die wahren Lebensregeln zu vermitteln.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.194).

Freitag, 7. August 2015

… quelle insouciance!

… ce soir, quelle insouciance, quelle belle non-conscience du lendemain,
de ce lendemain, où …

 (Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 11. September 1870).

Donnerstag, 6. August 2015

Zum Sitzen



Lamp, table, and bed, and a chair —

a chair for sitting.

Where I might even bring a thought

to a problem or two.

Draw up a chair, draw out a plan.

Process the plan by lamplight,

with your elbows on the table.

Then rest in the bed and dream

of sitting in the chair.

Regardless of room size,

have a lamp, table, and bed, and a chair —

furniture for furnishing answers to questions

… or at least a place to sit.

(David Garland, Furniture; von: Control Songs, 1986; http://davidgarland.bandcamp.com/track/furniture).

Eine Definition von »Klassik«

Alberto Savinio definiert die Funktion der Klassik als Reaktion auf die Romantik darin, »alle (von den Romantikern angehäuften) Werte auf die höchste Potenz und das geringste Volumen zu bringen« (Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Romantik, S. 325). Über die Funktion der Romantik als Reaktion auf die Klassik schreibt er an dieser Stelle nichts.

Mittwoch, 5. August 2015

Artillerie

»Ein Lacher zum falschen Zeitpunkt kann eine wichtige Sache leicht verderben.«
(Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Frankfurt am Main 3. Auflage 1996, S. 228).

Man bedenke den Autor, seinen spezifischen Stil und den Gegenstand (siehe Bergson).

Montag, 3. August 2015

… (4 [Fahrrad])


Der Sergeant trank zierlich, tief in Gedanken versunken.
»Michael Gilhaney, einer meiner Bekannten«, sagte er schließlich, »ist ein Mensch, den das Wirken der Mollykül-Theorie schon fast erledigt hat. Würde es Sie ominös verwundern, wenn Sie erführen, daß er auf dem besten Wege in der Gefahr schwebt, ein Fahrrad zu sein?«
Mick schüttelte in höflichem Unverständnis den Kopf.

(Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt, Frankfurt am Main 3. Auflage 1996, S. 109f.).

… (3 [Beton])

Sonntag, 2. August 2015

Montag, 27. Juli 2015

Samstag, 18. Juli 2015

Kinderfragen


»Du Papa, was ist eine ›herrschende Klasse‹?«

Freitag, 17. Juli 2015

Sirtaki

1964 ging ein okzidentaler Möchtegern-Unternehmer nach Griechenland, um eine Geschäftsidee umzusetzen. Er mußte von dem Griechen Zorba lernen, daß die Welt nicht immer so funktioniert, wie man sich das gedacht hat. Und die Botschaft 1964 war: vergiß deinen Ärger und deine ökonomischen Verluste und tanze. Das wurde der Welt damals als vorbildliche Haltung vorgeführt.
Ein halbes Jahrhundert später sieht die Welt anders aus: es hat sich ausgetanzt, man holt sich im Okzident seine wohlfeilen Vorbilder für das Feierabend- und Wochenendgutsein und -wohlfühlen aus dem ferneren Osten.
Es sei  der Phantasie anheimgestellt, wie ein Remake von Zorba the Greek (wenn man es denn überhaupt noch drehte und nicht etwas äquivalentes ferneröstliches daraus machte) aussehen würde … so verlogen, wie die Kulturindustrie ist, würde man auch heute den Antikapitalisten tanzen lassen.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Mænd & høns


Das war ein sehr, sehr intelligent gemachter Film (man glaube der Kritik des Tagesspiegel nicht: der Kritiker hat – zumindest bei diesem Film – nicht verstanden, um was es geht), ich sah eine subtile Groteske, und ich wunderte mich nicht, als ich las, daß der Regisseur Anders Thomas Jensen auch das Drehbuch zu Hævnen (Susanne Bier, 2010; vgl. Telos, Berlin 2013, S. 81ff.) geschrieben hatte. Die Frauen sind es, die die Zivilisation in die Welt gebracht haben, das war mein erster Gedanke angesichts dieser Brüderbande und angesichts der Auflösung (vgl. ebd., S. 103 und dort die Fußnote 349), und meine ersten Assoziationen nach dem Film bezüglich der Themen und der Quellen waren: Mythologie, Wissenschaft (vor allem die Biologie von Darwin bis zur Gegenwart), H. G. Wells’ The Island of Dr. Moreau (wegen des Plots am ehesten und wegen der Wissenschaft), Maurice Renards Le Docteur Lernen (wegen der Sexualität, wegen der Chimären und wegen des Stiers – nebenbei bemerkt: der Roman ist eines jener Juwele, die gute Freunde oder der Zufall an einen herantragen und die man dann, nach der Lektüre, sein Leben lang bei sich behält), Raymond Queneaus Saint Glinglin (wegen der Mythologie en miniature: den Berg Ida kann man überall finden) und Arno Schmidts Die Gelehrtenrepublik (wegen all dem zusammen).
Wenn ich mehr dazu sagen würde, würde ich zuviel verraten, mehr würde ich also dann erst dazu sagen wollen, wenn alle von mir aus infrage kommenden Personen den Film gesehen haben und wenn ich ausreichend Zeit zur Reflektion gehabt haben würde.

Dienstag, 14. Juli 2015

Die Herberge zur Vernunft

Auf halbem Wege zwischen Glaube und Kritik liegt die Herberge zur Vernunft. Die Vernunft ist der Glaube an etwas, das man ohne Glauben verstehen kann; doch bleibt es noch immer ein Glaube, denn verstehen setzt voraus, daß es etwas Verstehbares gibt.

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S.182).

Montag, 13. Juli 2015

Gewinn aus der Beirrung

Ein Kriterium für intellektuelle Gesundheit ist die Spannweite von Unvereinbarkeiten im Hinblick auf ein und dieselbe Sache, die ausgehalten wird und dazu noch Anreiz bietet, Gewinn aus der Beirrung zu ziehen.

(Hans Blumenberg)

Donnerstag, 9. Juli 2015

Vor der Suche

Nachdem ich bei den Gebrüdern de Goncourt bereits so viel Schlechtes über ihn gelesen habe …


Ich bin an einen Punkt gelangt, oder besser: ich befinde mich in einer Lage, in der man fürchten muß, daß man die Dinge, die zu sagen man am meisten wünschte – oder in Ermangelung solcher, falls das Nachlassen der Sensibilität, das den Bankrott des Talents bedeutet, dies nicht mehr erlauben sollte, mindestens die danach kommenden, die man allerdings im Vergleich zu dem höchsten und heiligsten Ideal nicht sehr hoch einzuschätzen geneigt war, die man aber immerhin nirgends gelesen hat, von denen man annehmen kann, daß sie nicht gesagt werden, wenn man selbst sie nicht sagt, und von denen man erkennt, daß sie doch mit einem, wenn auch weniger tiefen Teil unseres Geistes verbunden sind – plötzlich nicht mehr sagen kann. Man betrachtet sich nur noch als den Träger von geistigen Geheimnissen, der jeden Augenblick verschwinden kann, wobei diese mit ihm verschwinden werden. Und man möchte das Beharrungsvermögen der früheren Trägheit überwinden, indem man ein schönes Gebot Christi aus dem Johannesevangelium befolgt: »Arbeitet, dieweil ihr das Licht habt.«

(Marcel Proust, Gegen Sainte-Beuve, Frankfurt am Main 1962, S. 7).

Dienstag, 7. Juli 2015

b, c, d und Konsorten

Die Verfeinerung des Geistes führt zum geistigen ›Konsonantismus‹.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Naphthalin, S. 268).

Montag, 6. Juli 2015

Eine Melancholie, poetisch artikuliert

La nuit tombait doucement, et la parole du vieillard devenait, de plus en plus, une parole de clair-obscur, une parole s'approchant du grand silence.

(Aus dem Journal der Gebrüder de Goncourt, Eintrag vom 19. Februar 1869).

… et vice versa

Kalt is draus, des miasma ausnützen, bleima herinn.

(Gerhard Polt).

Samstag, 4. Juli 2015

Damals wie heute

21. Oktober [1868] – Als man Mornys [Charles-Auguste-Louis-Joseph Duc de Morny, 1811-1865, Politiker] Autopsie machte, als man sein Gehirn aus der Knochenhülle zog und nichts hatte, um die Leere wieder zu füllen, stopfte man ein paar Nummern des Figaro und des Petit Journal hinein. Der Inhalt dieses Hauptes wurde damit kaum verändert …

(Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 616).

Donnerstag, 2. Juli 2015

Nochmals zu Harry Rowohlt und James Joyce

Am 16. Juni hieß es hier:

Heute ist Bloomsday, ein Feiertag, es gilt aber auch, zweier Verstorbener zu gedenken (es ist ja auch der Tag von Paddy Dignams Beisetzung): am 16. Juni 1955 starb in Triest James Joyces Bruder Stanislaus, seines Bruders Hüter …: eine seltsame Koinzidenz … und hätte Harry Rowohlt noch einen Tag gewartet, dann wäre der Bloomsday sein Todestag gewesen …

Nun, zu dem zweiten Verstorbenen:

Auch Harry Rowohlt hatte zu dem Thema Dichotomien etwas gesagt: »Immer wieder fragen mich Menschen, ob ich nicht mal Lust hätte, den Ulysses neu zu übersetzen. Das ist völlig undenkbar, denn man ist entweder Flann-O’Brien-Fan oder Joyce-Fan. Beides zugleich geht nicht. Man steht entweder auf Beatles oder Stones, man steht entweder auf Gina Lollobrigida oder auf Sophia Loren, man steht entweder auf Paris oder London. Beides hat in einem Menschenherzen keinen Platz. So ist das eben auch mit Flann O’Brien und Joyce. Das ist wie St. Pauli und HSV. Entweder oder.« (In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 146f.). – Nun, im Herzen von Hans Köberlin waren viele Kammern, er war sowohl Flann-O’Brien-Fan als auch Joyce-Fan, das ging beides bei ihm sehr gut. Was die beiden Combos anging, das hatten wir eben (…) geklärt, und nach allem, was er über Georg Seeßlen von den beiden Diven wußte (vgl. * und **), würde Hans Köberlin die Lollobrigida der Loren vorziehen, bei der Stadt der Liebe und der Hauptstadt der Angeln und der Sachsen würde er wieder nicht entscheiden wollen und die Frage, ob St. Pauli oder HSV ging ihm so ziemlich am Arsch vorbei.


* Man erinnere sich: Moses (The Ten Commandments, 1956) & Ben Hur (1959) Charlton ›get your gun‹ Heston als El Cid (neben Sophia Loren, vgl. Georg Seeßlen, Erotik. Ästhetik des erotischen Films, Marburg 3. Auflage 1996, S. 83f.: »In den Historienfilmen wie etwa Attila, flagello di dio (Pietro Francesci, 1954) oder, später, El Cid (Anthony Mann, 1961) ist sie (Sophia Loren) von einer mehr aristokratischen Ausstrahlung als Gina Lollobrigida (auf die kommen wir noch); sie ist nicht, wie diese, unbewußte Auslöserin, sondern denkende und handelnde Person im geschichtlichen Drama, und ihre erotische Triebkraft ist an moralischen Rastern gebrochen. War Gina Lollobrigida eine unschuldige Provokation gegen die Hierarchie die Männerwelt (… [das hier ausgelassene präsentieren wir unten, wenn es um Gina Lollobrigida geht]), so entwickelt sich der Loren-Typus zu einer Art der weiblichen Bestätigung des dynastischen Prinzips.«) … – Nebenbei bemerkt: es gab bei allen Vorbehalten gegen Heston drei wirklich gute Filme mit ihm, nämlich der weiter oben bereits erwähnte Film von Orson Welles, Touch of Evil (1958), Franklin J. Schaffners Originalversion von Planet of the Apes (1968) und, an der Seite von Edward G. Robinson, Richard Fleischers Soylent Green (1973).
** Wegen Jean Delannoys Verfilmung von Hugos Notre-Dame de Paris aus dem Jahr 1957, in der Anthony Quinn den Quasimodo spielte … Gina Lollobrigida … hier das eben bei Sophia Loren ausgelassene: »… wie sie als schöne Zigeunerin Esmeralda als ein ›natürlicher Mensch‹ inmitten einer bizarren, besessenen und erstickenden (Männer-)Welt erschienen war, der die mühsam unterdrückten Triebregungen wieder erweckt, zugleich aber auch die Fähigkeit zu reiner Liebe schafft« (Seeßlen, Ästhetik des erotischen Films, a. a. O., S. 84.). Wie bei der Adaption von Ecos Roman, so blieb auch bei dieser Hugoverfilmung der weiblichen Protagonistin der im Roman vorgesehene Tod auf dem Scheiterhaufen erspart, vielleicht aus ähnlichen Motiven, die Schiller dazu veranlaßten, seine Johanna nicht verbrennen, sondern enthaupten zu lassen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel V [Phase I – oder: Altlasten], 13. Oktober bis 2. November 2013 und Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis zum 30. Januar 2014).

Montag, 29. Juni 2015

Did you see I’m running?

Zur Urteilskraft

Wir, die wir schreiben, messen die Qualität eines Buches in seinem Nährwert.

(Alberto Savinio, Mein privates Lexikon, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Richard Schroetter, Frankfurt am Main 2005, Stichwort Metamorphoseon, S. 250).

Mittwoch, 24. Juni 2015

NO EXIT

am Mittwoch, dem 12. Februar 2014, um 18Uhr42

Dienstag, 23. Juni 2015

Was ist Wahrheit?

Blumenberg über das Uhrengleichnis von Schopenhauer: »Der einsame Besitzer der wahren Zeit in einer Stadt mit lauter falsch gehenden Turmuhren ist kein Weiser, sondern ein Narr.«

Mutter Natur

Hebbel fragte sich am 29. November 1836 in seinem Tagebuch, »ob ein mystisches Gefühl im Menschen liegt, was ihm sagt, ob die öconomisch=umsichtige Natur ihn schon in ihre Pläne verwendet hat, oder nicht?« Das Gefühl mag ja da sein, ich glaube aber nicht, daß es einen Grund außer in dem es Fühlenden hat, denn die Natur hat keinen Plan und agiert auch nicht ökonomisch. Manche sprechen vom »Zufall« und tun dabei so, als wäre das etwas Anrüchiges, was nicht statthaben darf. Und was meinte Hebbel mit »schon«? Wenn schon, dann doch immer, oder?

Montag, 22. Juni 2015

Sinn?

Die Frau: Am Ende des achten Gesangs der Odyssee gibt der König der Phäaken Alkinoos eine Antwort auf die Frage, warum ein Held all die Unbill ertragen muß. Und das kam so: Alkinoos sieht seinen Gast, dessen Identität er noch nicht kennt, erschüttert. Die Erschütterung rührt daher, daß Odysseus (…) mit seiner eigenen Geschichte konfrontiert wird, als während des Gastmahls der blinde Sänger Demodokos ein Epos vom trojanischen Krieg vorträgt. Der Held ist erschüttert, als er mitanhört, was er selbst doch miterlebt hat, es ist, als käme ihm jetzt erst zu Bewußtsein, was alles er da durchgemacht hat, vor Troja und wegen Troja. Daraufhin also Alkinoos …
Alkinoos, König der Phäaken: Sage mir auch, was weinst du, und warum trauerst du so herzlich, wenn du von der Achäer und Ilions Schicksale hörest? Dieses beschloß der Unsterblichen Rat und bestimmte der Menschen Untergang, daß er würd ein Gesang der Enkelgeschlechter.
Die Frau: Das Schicksal und die Widrigkeiten, die den Helden begegnen, werden dadurch motiviert, daß sie den späteren Generationen als Stoff für ihre Geschichten dienen können …
Der Mann: Homer war REALIST. (…)
Lionel Trilling: … die grausame Irrationalität der Bedingungen des menschlichen Lebens, die von einem Idioten erzählte Geschichte, die kindischen Götter, die uns nicht um der Strafe, sondern um des Zeitvertreibs willen martern …
Die Frau: Es ist klar, daß diese Erklärung auf Dauer nicht haltbar war. Denn die Motive lagen hier quasi außen …


* Hans Köberlin, »… schön ist das nicht …« oder: Apologie des Mysteriums; in: Arbeitsgruppe »menschen formen« (Hg.), Ver-Schiede der Kultur. Aufsätze zur Kippe kulturanthropologischen Nachdenkens, Marburg 2002, S. 271f.; siehe dort auch die Nachweise der im Hörstück eingefügten Zitate. Ein ähnliches Beispiel – nicht für die oben aufgezählten re-entries, sondern für den Hohn metaphysischer Instanzen – war natürlich noch die Geschichte Hiobs, dessen Leiden einzig einer Wette Jahwes mit seinem Widersacher entsprangen (siehe Hi 1.6ff.).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XII [Phase V – oder: Un gringo en Calpe], 10. Februar bis 6. März 2014).

Freitag, 19. Juni 2015

Was passiert

Bei guten Büchern ist die Handlung völlig wurscht, wenn Sie Handlung wollen, gehen Sie zum Catchen.

(Harry Rowohlt, vgl. In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege, Berlin 2002, S. 59).