Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Samstag, 14. Mai 2016
Mittwoch, der 14. Mai 2014
[225 / 99]
Miles Davis hatte 312 West 77th Street zwischen West End Avenue und Riverside Drive gelebt, und der Block, so erfuhr Hans Köberlin, hieß jetzt ›Miles Davis Way‹. In der Ecke war auch Hans Köberlin damals, während seines Besuches der Stadt, die niemals schlief, gewesen.
* »Warum«, fragte Hans Köberlin sich, »habe ich mich in einer der teuersten Ecken der Welt so heimisch gefühlt?«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
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Freitag, 13. Mai 2016
Dienstag, der 13. Mai 2014
[224 / 100]
Jetzt blieben ihm also bloß noch 100 Tage des Exils – also ein ›Hektocalpe‹ in seiner Währung –, wobei Hans Köberlin, wie gesagt, da noch von 98 Tagen ausging.*
* Wegen der 100 sollte ihm in zwei Tagen Pasolini einfallen, aber da betrog ihn seine Erinnerung, denn der Film (1975) hatte den Titel Salò o le 120 giornate di Sodoma gehabt. – Zwanzig Tage mehr hier …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Donnerstag, 12. Mai 2016
Montag, der 12. Mai 2014
[223 / 101]
Bei Luhmann las Hans Köberlin, daß in den Zeiten der ontologischen Metaphysik »Materie das Medium der Realität« gewesen sei.* Der Meister hatte da wieder einmal eine Trivialität erstaunenswert auf den Punkt gebracht.
* Niklas Luhmann, Das Medium der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 123.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Mittwoch, 11. Mai 2016
Sonntag, der 11. Mai 2014
[222 / 102]
Im Journal der Brüder sollte man an diesem Tag im Jahre 1865 lesen, daß es gut täte, glücklich zu sein.* Sie hatten das vermerkt, nachdem die Comédie Franςaise ein Stück von ihnen angenommen hatte. Diese Art von Theaterglück war Hans Köberlin unbekannt, er würde in fünf Tagen glücklich sein, wenn er die Frau in den Armen halten würde.
* Vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 221. Hans Köberlin versuchte eine Situation zu konstruieren, in der es nicht gut tat, glücklich zu sein …: a posteriori: seine Zeit mit Diotima, fiel ihm dazu ein, aber a posteriori zählte nicht.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Dienstag, 10. Mai 2016
Samstag, der 10. Mai 2014
[221 / 103]
Während der medialen Kommunikation an der Promenade erzählte die Frau, daß man den Saturn – Hans Köberlins Planeten (natürlich kulturgeschichtlich und nicht astrologisch!) ‒ sehr gut am Südhimmel sehen könne, nachdem das von ihm reflektierte Licht der Sonne ab seiner Reflektion eine Stunde und 14 Minuten unterwegs gewesen sei.
»Morgen in 100 Tagen werden wir in der Hauptstadt ankommen. Hm …«* Aber Hans Köberlin bereute seine Entscheidung nicht.
Bowman … die berühmteste Reise zum Saturn … Hans Köberlin ging nach seiner Heimkunft mit einem Glas Rotwein auf die andere Dachterrasse und schaute …: das könnte er sein … das da war die Venus, die kannte er inzwischen … Bereits mit einem Amateurteleskop würde man in dieser Nacht die Ringe sehen können, hatte ihm die Frau gesagt … »Ich würde mit einem Teleskop bloß Unsinn machen … all die beleuchteten Hochhäuser, da müßte man doch … es sind ja nicht nur pensionistas …«
* Es sollten, wie bereits mehrfach angedeutet, Hans Köberlin noch zwei Tage geschenkt werden.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Montag, 9. Mai 2016
Freitag, der 9. Mai 2014
[220 / 104]
Und die Brüder berichteten heute vor 149 Jahren von einem Verhalten, das man wohl als für den gestern in fünfzehn Jahren (dem Gestern Edmonds) verstorbenen Flaubert als typisch bezeichnen kann …
Flaubert erzählte uns, als wir aus dem Magny kamen: »Als ich jung war, war ich so eitel, daß ich, wenn ich mit meinen Freunden ins Bordell ging, die Häßlichste nahm und es darauf anlegte, sie vor aller Augen zu ficken, ohne meine Zigarre aus der Hand zu legen. Das machte mir nicht den geringsten Spaß, sondern war für die Galerie.« Flaubert hat immer noch etwas von dieser Eitelkeit, was bedeutet, daß es ihm trotz seiner Offenheit nie ganz ernst ist mit dem, was er zu fühlen, zu erleiden, zu lieben behauptet.*Hans Köberlin hatte eine ungenaue Erinnerung an einen Film mit Belmondo, in dem der mit seinen Freunden gewettet, eine häßliche Frau zu vögeln oder gar zu heiraten, und die Rolle dieser Frau hatte Mia Farrow gespielt, was Hans Köberlin damals nicht verstanden, nämlich was an der häßlich sein sollte, egal wie man sich auch in der Maske bemüht hatte; eine Gehbehinderung war kein Makel, wie etwa Bloom es bei Gerty empfunden, siehe Arno Schmidts Umsiedler …
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 220.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
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Sonntag, 8. Mai 2016
Donnerstag, der 8. Mai 2014
[219 / 105]
Und Edmond erreichte heute vor 134 Jahren eine wirklich schlimme Nachricht …
Samstag, 8. Mai – »Fahren Sie Sonntag zu Monsieur Flaubert?« hatte mich Pélagie gerade gefragt, als die Kleine eine Depesche auf den Tisch legte, die zwei Worte enthielt: Flaubert gestorben!
Das brachte mein ganzes Ich für eine Weile so in Aufruhr, daß ich nicht wußte, was ich tat und durch welche Stadt meine Kutsche fuhr. Ich spürte, daß uns ein Band, das sich manchmal lockerte, aber unlösbar verknüpft war, heimlich miteinander verbunden hatte. Und heute erinnere ich mich mit großer Rührung an die Träne, die vor sechs Wochen an der Spitze einer seiner Wimpern zitterte, als er mich umarmte und mir auf der Schwelle seiner Tür Adieu sagte.
Im Grunde waren wir die beiden alten Vorkämpfer der neuen Schule, und ich fühle mich heute sehr allein.*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 6, S. 565.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Samstag, 7. Mai 2016
Mittwoch, der 7. Mai 2014
[218 / 106]
Und während der noch halbschlafende Hans Köberlin neben sich griff und seinen kleinen Laptop aufklappte und darauf wartete, daß das ebenfalls nur mühsam aus seinem Ruhezustand sich aufrappelnde Gerät endlich in seinem Arbeitsmodus war, damit er, Hans Köberlin, den eben erinnerten Traum in seinem Arbeitsjournal dokumentieren konnte, da sprachen wir uns jene Verse des genialen Borges vor …
… Me placía
Dormir para soñar y para el otro
Sueño lustral que elude la memoria
Y que nos purifica del gravamen
De ser aquel que somos en la tierra.
* Jorge Luis Borges; Endimión en Latmos; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 14: Rose und Münze, S. 202. Und als wir nachschlagen wollten, ob wir auch adäquat vor uns hingesprochen, da stießen wir auf jenes wunderbare Gedicht Caja de música (ebd., S. 200), welches unsere Empfindungen bei dem Hören der Musik aus dem Reich der aufgehenden Sonne adäquat in Verse gefaßt …
Música del Japón. Avaramente(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
De la c1epsidra se desprenden gotas
De lenta miel 0 de invisible oro
Que en el tiempo repiten una trama
Eterna y frágil, misteriosa y c1ara.
Temo que cada una sea la última.
Son un ayer que vuelve. ¿De qué templo,
De qué leve jardín en la montaña,
De qué vigilias ante un mar que ignoro,
De qué pudor de la melancolía,
De qué perdida y rescatada tarde,
Llegan a mí, su porvenir remoto?
No lo sabré. No importa. En esa música
Yo soy. Yo quiero ser, Yo me desangro.
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Freitag, 6. Mai 2016
Dienstag, der 6. Mai 2014
[217 / 107]
Ein ehemaliger Freund, den er auf nie ganz geklärte Art und Weise als Freund verloren, kam Hans Köberlin in den, vielmehr erinnerte er sich an das Treppenhaus, das zu dem in einem ehemaligen Hotel gelegene Zimmer des ehemaligen Freundes geführt hatte. In dem Treppenhaus hatte hinter Glas eine Schwarzweißreproduktion von Carl von Steubens, oder vielmehr: von Charles de Steubens Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821 (1828) gehangen … Hans Köberlin hatte bei jedem Auf- oder Absteigen einen Blick auf diese ikonographisch gewordene Szene geworfen, und mit der Erinnerung an dieses Bild kam Hans Köberlin die Erinnerung an den Geruch des Treppenhauses …: es hatte nach einer feuchten, verschlammten Dachrinne gerochen. Manche derartigen Gerüche waren Hans Köberlin nicht unangenehm, da war er wie Leopold Bloom mit seiner Niere zum Frühstück oder dem reifen Gorgonzolakäse, den er auf einem Brot mit Senf und Oliven und einem Glas Burgunder dazu verzehrt hatte … Bilder, Gerüche, Töne …: sinnliche Marginalien, die einen, einmal erlebt, ein Leben lang begleiteten …
* In Hans Köberlins Erinnerung hatten allerdings auf dem Bild weniger Personen dem Sterben von lʼempereur beigewohnt, und der Raum, in dem das Totenbett gestanden, war dort weiß-abstrakter gewesen. Hans Köberlin hatte wahrscheinlich gestern en passant auf einem seiner Film- oder Zitatenkalenderblätter die Zeichenfolge ›†1821 Napoléon Bonarparte‹ ‒ ohne sie in einen seiner Kontexte einzubinden ‒ übersehen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Donnerstag, 5. Mai 2016
Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht?
der motor wird zur bremse.
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 152).
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 152).
Montag, der 5. Mai 2014
[216 / 108]
Und Hans Köberlin beendete die Lektüre des ersten Bandes des Journals der Gebrüder Goncourt. Die Lektüre von zehn Bänden stand noch an, was eine gewisse ‒ zumindest potentielle ‒ Zukunft bedeutete …*
* Am Donnerstag, dem 31. Juli 2014, sollte er, da noch in seinem Exil, die Lektüre des zweiten Bandes beenden, am Sonntag, dem 22. Februar 2015, sollte er, da bereits wieder zurück in der Hauptstadt, die Lektüre des dritten Bandes beenden, am Samstag, dem vierten Juli 2015, sollte er die Lektüre des vierten Bandes beenden, am Dienstag, dem 24. November 2015, sollte er die Lektüre des fünften Bandes beenden und am Sonntag, dem 10. April 2016, sollte er die Lektüre des sechsten Bandes beenden.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Mittwoch, 4. Mai 2016
Sonntag, der 4. Mai 2014
[215 / 109]
In Borgesʼ Erzählung El espejo y la máscara beauftragte ein in der Schlacht siegreicher irischer König einen Poeten mit einem Epos. Der Dichter verfaßte ein klassisches Werk, das zwar mit einem Spiegel belohnt wurde, das aber den Wunsch nach etwas Unerhörterem nach sich zog. Der zweite Entwurf bot dieses Unerhörte, es wurde mit einer Maske belohnt, weckte aber beim König den Wunsch nach einer weiteren Steigerung. Der dritte Entwurf schließlich, der aus einem einzelnen Vers bestand, den der Dichter dem König ins Ohr flüsterte, zog als Geschenk ein Schwert nach sich, mit dem der Dichter sich selbst entleibte; der König aber zog als Bettler durch sein Reich.* ‒ »Betrachten wir einmal«, so Hans Köberlin, »abgesehen vom Drumherum der Geschichte, die drei Geschenke: der Dichter erkannte sich im Spiegel, zog die Maske auf, in der er sich nicht mehr erkannte, und brachte sich schließlich ‒ jenseits jeglichen Erkennens ‒ um. Man könnte das jetzt auf die Gestalt der drei Versuche übertragen: in der Klassik (v)erkennt man sich, in der Romantik ‒ dem Unerhörten ‒ wird man sich fremd und in … ‒ ja was?! ‒ … jedenfalls kann man nicht mehr weiter, hat man den Vers des Absoluten.«
* Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 13, S. 147ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Dienstag, 3. Mai 2016
Samstag, der 3. Mai 2014
[214 / 110]
Im Mythos von Echo und Narkissos traf die Fatalität der Sprache auf die Fatalität des Bildes. Es herrschte bei beiden jeweils ein Zuviel: Echo redete zuviel und wurde dazu verdammt, nur noch reaktiv sprechen zu können; Narkissos sah zu gut aus und wurde dazu verdammt, seinem eigenen Bild verhaftet zu bleiben. Der Manierismus der ovidschen Metamorphosen entsprach, so Hans Köberlin, sich vergangener theoretischer Abwege erinnernd, Lacans ‒ bewußter? ‒ Fehlleistung bei seiner Antigonelektüre: er entsprach der Flucht in unmögliche Krankheiten.* Die Flucht ging bei Ovid in Existenzmodi, die in der klassischen Hierarchie unterhalb der des Menschen lagen, also die Flucht ins vegetative, ins asoziale. Bei Narkissos war es (sehr schön artikuliert in der Übersetzung von Ernst Günther Schmidt) »die Art des Tods und die Neuheit des Wahnsinns.«** Warum war noch kein Psychoanalytiker auf den Echokomplex oder das Echosyndrom, nämlich die Manie, alles was man hörte, nachplappern zu müssen, gekommen?
* Siehe Jacques Lacan, Das Seminar Buch VII (1959-1960). Die Ethik der Psychoanalyse, Weinheim / Berlin 1996, S. 330.
** Ovid, Metamorphosen, III.350.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
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Montag, 2. Mai 2016
Freitag, der 2. Mai 2014
[213 / 111]
Man ging durch die Straße der sieben Schmerzen Mariens, und Hans Köberlin dachte, daß er dies in der Telos-Siebeneraufzählung* noch hätte ergänzen können.
* Siehe vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 148.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Sonntag, 1. Mai 2016
Donnerstag, der 1. Mai 2014
[212 / 112]
Es war nicht verwunderlich, daß Hans Köberlin nach jenen Gesprächen gestern diese Gedanken kamen und er gab für sich eine neue Parole für seine Rückkehr aus …
»Die neueste Parole für meine Rückkehr: ich bin zu alt für die Ochsentour, ich muß einen Coup landen. ‒ Nach Pfingsten …«*
Er schaute auf die Uhr seines Taschentelephons, halbzehn Uhr, und er höre es in der hinteren Wohnung husten und er stand auf, putze sich die Zähne und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen.
* Ob er sich vornehmen wollte, »nach Pfingsten« damit zu beginnen, einen Coup für die Zeit nach seiner Rückkehr vorzubereiten, oder ob sich dieses »‒ Nach Pfingsten …« auf etwas anderes bezog, das konnten wir nicht mehr herausbekommen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Samstag, 30. April 2016
Mittwoch, der 30. April 2014
[211 / 113]
Er unterhielt sich mit der Archäologin über Eselsbrücken …
»Es gibt da eine, die ist wirklich schlimm …«
»Du meinst die, mit der man Stalagmiten und Stalaktiten unterscheiden kann?«
»Ja, genau! Man schämt sich, es zuzugeben, aber: einmal gehört funktioniert sie immer und ist prompt da, wenn man sie braucht.«
»Jean Paul hat Stalagmiten und Stalaktiten im Hesperus einmal für eine seiner typischen Metaphern benutzt: ›Aber die fallende Stalaktite der Regentschaft tropfet endlich mit der steigenden Stalagmite des Volkes zur Säule zusammen.‹«*
»Sehr schön, aber nicht so einprägsam.«
* Jean Paul, Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt., Bd. 1, S. 1018. In dem Kontext verhandelt Jean Paul ebd. einen Sachverhalt, den auch in Gottfried Benns Essay Dorische Welten diskutiert wurde und den wir gleichfalls in Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 55 und dort die Fußnote 108) aufgegriffen: »Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Römer und Deutsche Sklaven, und Europäer Neger? – Muß sich nicht immer das Glück des Ganzen auf einzelne Opfer gründen, so wie ein Stand sich dem Ackerbau widmen muß, damit ein anderer dem Wissen obliege?« – Apropos Eselsbrücken: der jüngste Bruder der Frau sollte Hans Köberlin am Sonntag, dem 24. Januar 2016, folgende – gleichfalls stets funktionierende – Eselsbrücke zu ›konvex‹ und ›konkav‹ bauen …
Hatte das Mädel Sex,(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
ist ihr Bauch konvex;
war sie aber brav,
so ist er konkav.
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Freitag, 29. April 2016
Dienstag, der 29. April 2014
[210 / 114]
Am Nachmittag unterbrach Hans Köberlin seinen Schreibtischaufenthalt, um seine Wanderschuhe einzufetten und um in der hinteren Wohnung die Betten für seine Gäste zu machen.
* Wir dachten dabei an Brecht: »ich brachte vor, daß allzuviel spannung mir nicht erwünscht scheint, da man mit gespannten bauchmuskeln nicht gut lacht« (Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 138).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Donnerstag, 28. April 2016
Montag, der 28. April 2014
[209 / 115]
Der Montag, der 28. April 2014, war ein von Hans Köberlin lange erwarteter Tag,* was man dem eher lakonischen Eintrag nach der Niederschrift der Traumerinnerung nicht unbedingt ansah. »Bin heute wieder einmal mit Cassiber, Man or Monkey, gelaufen. Dabei, wenn auch nur kurz, Eröffnung der Schwimmsaison. Später im Kimono mit Miles Davisʼ Jack Johnson Sessions am Tisch im leeren Wintergarten.«
* … lange erwartet seit dem Sonntag, dem 17. November 2013.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).
Mittwoch, 27. April 2016
Sonntag, der 27. April 2014
[208 / 116]
Und Hans Köberlin stimmte dem Ausruf des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, wie doch alles Bestimmte ermüde, zu.
* Vgl. Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 160.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).
Dienstag, 26. April 2016
Samstag, der 26. April 2014
[207 / 117]
Und Hans Köberlin erinnerte sich daran, daß er bei David Foster Wallace von der Fernsehserie As the World Turns gelesen hatte, die von 1956 bis 2010 ausgestrahlt worden war, also über einen Zeitraum, der ‒ mit einer kleinen Verschiebung von vier Jahren ‒ dem seines, Hans Köberlins, gesamten Lebens entsprochen hatte. Das berührte ihn seltsam …*
* Uns natürlich, die wir solches kennen (siehe vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, pass.), natürlich nicht.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).
Montag, 25. April 2016
Freitag, der 25. April 2014
[206 / 118]
Und während sie also über diese Promenade mit den magischen Namen flanierten, da fielen Hans Köberlin, er wußte nicht warum, Verse aus Robert Wyatts Sea Song ein …
… when youʼre drunk youʼre terrific,So würde auch Hans Köberlin seine eigenen Modalitäten und seine eigene Wirkung auf die Welt beschreiben.
when youʼre drunk I like you mostly
late at night, youʼre quite alright.
But I canʼt understand the different you
in the morning when itʼs time to play
at being human for a while.
Please smile.
* Rock Bottom (1974). Nach dem für den siebzehnjährigen Hans Köberlin etwas verstörenden Kennenlernen Wyatts via Michael Mantlers Gorey-Album The Hapless Child (1976) hatte er sich Rock Bottom bewußt besorgt und war fürder bis heute dieser Stimme verfallen. Als nächstes erstand er von dem ihm damals noch nicht bekannten Kevin Ayersʼ Whatevershebringswesing (1972), weil auf dem Cover Wyatts Name in den Credits erschien, und dieses Album dann wiederum sollte ihm vier Jahre später, als er in der Stadt der Narren bei den Kommunarden (erste Version) vorstellig wurde, als Schibboleth dienen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).
Sonntag, 24. April 2016
Donnerstag, der 24. April 2014
[205 / 119]
Anschließend flanierten sie in das nahegelegene Museum für zeitgenössische Kunst. Die Einzelausstellungen überzeugten sie nicht, aber in der Dauerausstellung die klassische Moderne und die Künstler bis Ende der siebziger Jahre, vor allem natürlich Bruce Nauman und Barnett Newman, waren wie zu erwarten beeindruckend. Dann stießen sie* auf einen ziemlich seltsamen Film, in dem man sah, wie drei lebende Fliegen mit einer Nadel auf einen Faden aufgefädelt wurden und derart miteinander verknüpft unbeholfen herumliefen, wozu eine Frauenstimme (die Künstlerin?) etwas erzählte. ‒ Gab es denn keinen Tierschutzverein?! ‒ »Fliegen haben keine Lobby«, sagte Hans Köberlin zu der Frau.
* Bei den hiesigen Zeitgenossen? ‒ Wir können es nicht mehr rekonstruieren und Hans Köberlin hatte diesbezüglich nichts vermerkt. Man müßte also, um dies zu klären, selber nochmals in die Hauptstadt der autonomen Republik reisen …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).
Samstag, 23. April 2016
Mittwoch, der 23. April 2014
[204 / 120]
Und in dem Journal der Brüder hatte man heute vor 156 Jahren notiert: »Entre le soufflé au chocolat et la chartreuse, Maria desserre son corsage et commence ses mémoires.«*
* Vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 2, S. 51. In der Auswahlausgabe von 1887 hatte Edmond dies unter dem 24. April angeführt. Wir hatten bereits zuvor solche Inkongruenzen, ohne sie zu erwähnen, hier sei also einmal gesagt, daß es auch sie – neben der Selbstzensur Edmonds – gab.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).
Freitag, 22. April 2016
Dienstag, der 22. April 2014
[203 / 121]
Brecht hatte am 12. September 1940 in seinem Arbeitsjournal vermerkt: »nichts ist kunstfremder, als das bemühen ›aus nichts etwas zu machen‹.«* – »Das mag vielleicht stimmen«, hatte Hans Köberlin nach diesem Exzerpt in seinem Arbeitsjournal notiert, »aber ich will ja aus nichts nichts machen.«
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 132. Brecht hatte dies in Bezug auf das ›thema‹ eines Kunstwerkes geschrieben, und Hans Köberlin hatte wohl gemeint, er brauche keines, was aber wiederum ein Thema war.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).
Donnerstag, 21. April 2016
Montag, der 21. April 2014
[202 / 122]
Man wird sich wundern, daß in der Kopfzeile der rechten, ungeraden Seiten »… vom 11. bis zum 27. April 2014« (= der kommende Sonntag) steht, dieses Kapitel – das XV. – jedoch bereits jetzt, in der Nacht vom Montag, dem 21. April 2014, auf Dienstag, den 22. April 2014, endet. Damit hat es folgende Bewandtnis: die morgen anstehende Reise in die Hauptstadt der autonomen Region sollte für die Frau und Hans Köberlin als Reise eine solche Bedeutung erlangen, daß sie in einem eigenen Kapitel – dem XVI. – geschildert werden sollte. Anschließend verbrachte man vor der Heimreise der Frau noch einen Tag zusammen im Hause des Hans Köberlin, das da wieder leer war, wobei es uns nicht angebracht erschien, für diesen einen Abschiedstag* ein eigenes Kapitel zu vergeben. Also haben wir den gesamten Zeitraum des dritten Besuchs der Frau als eine Kapiteldauer genommen und daraus die Reise in die Hauptstadt der autonomen Region quasi ausgeklammert. Und da wir nicht vorgreifend hier vor der Ausklammerung den Sonntag, den 27. April 2014, beschreiben wollten, haben wir seine Beschreibung einfach an das folgende Reisekapitel angehängt. – So weit wir das bis jetzt überblicken können, sollte sich während Hans Köberlins Exil eine solche Konstellation nicht wiederholen.
* »›Wie lange bist Du noch genau hier ?‹. ›Zehn Tage.‹, und unsere Mienen entspannten sich herrlich : Wer denkt heute noch 10 Tage voraus ? !« (Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns; in: Bargfelder Ausgabe, hrsg. von der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 1986ff. S. 390). – Nun, bei unserem Paar waren es leider bloß noch sieben Tage …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Mittwoch, 20. April 2016
Sonntag, der 20. April 2014
[201 / 123]
Wenn wir hier Hans Köberlins Leben im Exil beschreiben, dann intendieren wir zwar damit etwas, aber wir wissen nicht, was davon noch übrig sein wird, sollte es einmal seinen Weg gedruckt zwischen zwei Buchdeckel finden. Wie Deleuze richtig angemerkt hatte, war das wahre Thema eines Werks nicht das behandelte Sujet, das bewußte und gewollte Sujet, das sich mit dem vermischte, was die Wörter bezeichneten, sondern die unbewußten Themen, die Archetypen, wo die Wörter, aber auch die Farben und die Töne Bedeutung und Leben annahmen.* Und wenn wir versuchten, uns die unbewußten Themen bewußt zu machen, dann machten wir sie zu dem Sujet, das dann seine eigenen unbewußten Themen haben würde, vielleicht sogar genau die, die vorher die bewußten gewesen waren …
* Gilles Deleuze, Proust und die Zeichen, Berlin 1993, S. 41. Deleuzes Text gehörte, wie wir bereits mehrmals erwähnt haben, zu Hans Köberlins ästhetischen Schlüsseltexten.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Dienstag, 19. April 2016
Samstag, der 19. April 2014
[200 / 124]
Die Promenade war voll aber nicht zu voll, und die Frau ging mit ihrem Sohn shoppen, wie man so sagte, während Hans Köberlin sich träge in der Spätnachmittagssonne angenehm dabeilungernd, wie der Sohn diverse Hosen und Shirts und Jacketts und Hüte und Sonnenbrillen anprobierte – »Der geborene Liebling der Frauen!« dachte Hans Köberlin – oder auf dem Promenadenmäuerchen wartend sitzend in Betrachtungen seiner Umwelt – Betrachtungen der viel Haut zeigenden Chicas, Betrachtungen des Meeres, des Peñón de Ifach, des Horizonts, Betrachtungen der Flaneure auf der Promenade, Betrachtungen … – auflöste. Das ›Dolphin Pub‹ war, wie gesagt, vom Tisch, und man ging stattdessen zum FishʼnʼChips-Essen am hiesigen Strand in den ›Kilkenny Pub‹.* Man bestellte und Hans Köberlin bestellte aus Versehen statt Bier (Lager) Cider, was keine Katastrophe war, aber er sah zu, daß er den Apfelwein vor dem Essen herunterkippen konnte, um dann zu den FishʼnʼChips ein schönes Bier zu haben.** Das Essen war bloß so lala, kein Vergleich mit der ›Dolphin Pub‹.
* Im Sommer des kommenden Jahres sollten sich die Frau und Hans Köberlin der Stadt, nach der dieser Pub benannt, auf ungefähr hundert Kilometer annähern. »Die Wahrscheinlichkeit«, so Hans Köberlin, als er sich nach dieser Reise durch die Insel des James Joyce an den Pubbesuch am 200 Tag seines Exils und, nebenbei bemerkt, am 93. Geburtstag seiner Mutter, erinnerte, »die Wahrscheinlichkeit, daß ich einmal in meinem Leben das im Landesinneren gelegene Kilkenny kommen werde, ist eher gering.«
** Am 10. Juli 1864 fanden sich im Journal der Brüder folgende Betrachtungen über den Cidre: »Le cidre une boisson qui fait rentrer en soi, qui rend sérieux, ferme et solide, qui fait la tête froide et le raisonnement sec, une boisson qui ne grise que la dialectique des intérêts.« Dieser Charakteristik folgte dann eine Liste der diversen Wirkungen diverser alkoholischer Getränke …
- nach Bier würde man einen Aufsatz über Hegel schreiben (das bezweifelte Hans Köberlin doch arg!),
- nach Champagner würde man zum Angriff übergehen (es wurde nicht spezifiziert, auf was der Angriff gehen würde, aber wenn die Liste eine Steigerung mit abschließender Cidre-Ernüchterung sein sollte, dann …),
- nach Burgunder würde man es einer Frau besorgen (»Rotwein = mein Wein!«) und
- nach Cidre schließlich würde man einen Pachtvertrag abschließen (soll wer will, wir nicht).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Montag, 18. April 2016
Freitag, der 18. April 2014
[199 / 125]
Am Freitag, dem 18. April 2014, erinnerte Hans Köberlin, daß er geträumt hatte, er habe sich vorgenommen, aus Pynchons Against the Day ein Drehbuch zu machen, wobei er sich auf das Schicksal von Webb Traverse und das von seiner Familie konzentrieren wollte.* Der Film würde so um die drei Stunden dauern und die erste Szene sollte zeigen, wie Webb mit seinem Kumpel eine Eisenbahnbrücke in die Luft sprengte. Als Titel träumte sich Hans Köberlin Rache für Webb Traverse zurecht, in unverkennbarer Anspielung an Fritz Langs Rache für Jesse James, der allerdings im Original nicht so hieß, sondern The Return of Frank James (1940). Das Drehbuch wollte Hans Köberlin (das alles noch im Traum!) David Lynch oder den Gebrüdern Coen anbieten, der Film würde ein Erfolg, an dem Hans Köberlin prozentual beteiligt wäre und er hätte endlich ausgesorgt. Dann war Hans Köberlin wieder einmal in dem Ort seiner Geburt und mußte von dort zum Broterwerb zu einer Arbeitsstätte fahren. Die Bahn hatte auf noch ältere Waggons als üblich zurückgegriffen, nämlich auf Salonwagen des fin de siècle, mit Liegen und Jugendstillampen. Hans Köberlin fand in einem der Wagen an einer Bar eine Steckdose für sein kleines Laptop. In dem Ort seiner Geburt – es herrschte Hochsommer mit strahlendem Sonnenschein – war, weil da keiner mehr wohnte, sein Schlafzimmer offen zugänglich, was ihn während seiner Abwesenheit beunruhigte. Dann lief ihm eine kleine Katze zu, sie hatte die Größe einer Maus und versteckte sich auf dem Schreibtisch unter der Tastatur seines ehemaligen Computers, den er vor dem Antritt seines Exils dem Verleger geschenkt hatte. Hans Köberlin saß da und begann mit einem Füllfederhalter das Kreuzworträtsel aus der Zeit, das auf den blauen Karton der Rückseite des Magazins gedruckt war, zu lösen, was aber gefährlich war, denn es war früh am Morgen und er mußte doch gleich zum Bahnhof, um zu der Brotarbeit zu fahren und durfte keine Zeit vertändeln. Die kleine Katze, weiß mit rotbraunen Flecken, kam auf ihn zu und schaute ihn mit dem Ernst der Katzen an. Er durfte ihr die Milch nicht pur geben, sondern mußte sie mit Wasser verdünnen, das wußte er noch von früher, als seine Mutter zugelaufene Katzen in der Scheune durchgefüttert hatte.
* Im Roman fickte Webbs Tochter wissentlich mit seinen Mördern herum – ein sich durch Pynchons Werk, von V bis Bleeding Edge, ziehendes Motiv: seine Protagonistinnen hatten einen fatalen Hang zu den größten Arschlöchern.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Sonntag, 17. April 2016
Empirie, 5. Update
¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
* (= die momentane Fußnote 329 auf S. 68) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
- Stand des Manuskripts:
- Seiten: S. 964 von ca. 1.800 Seiten
- Fußnoten: 2963
- Stand der Überarbeitung:
- Seiten: S. 822 von ca. 1.800 Seiten
- Fußnoten: 2318
- Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
- Tag der Überarbeitung: Samstag, der 22. Februar 2014, der 144. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
- Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
- Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
- Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen
* (= die momentane Fußnote 329 auf S. 68) Wir haben für unseren Prolog den Zeitraum von Anbeginn der Schöpfung bis zum Dienstag, dem 1. Oktober 2013 veranschlagt. – Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
Donnerstag, der 17. April 2014
[198 / 126]
Und während also Mutter und Sohn noch schliefen (Hans Köberlin beneidete sie um ihre niedrigen Blutdrücke und ihre Weltverbundenheit), saß Hans Köberlin im Kimono in seinem Schreiblesezimmer am Tisch (striptease table) vor dem Laptop mit der geöffneten Datei seines Arbeitsjournals und überlegte, was er von dem Zeitraum seit seiner letzten Eintragung notieren wollte oder sollte. Während wir uns unseren Protagonisten, den wir aus nachvollziehbaren Gründen bei seinen Aufzeichnungen gerne im Modus des kategorischen Sollens sähen, dort sitzend und durch die geöffneten Fenster und die vergitterten Fensteröffnungen auf die Sierra de Oltà schauend imaginieren, fällt uns gerade eben eine diesbezügliche Passage aus Arno Schmidts Aus dem Leben eines Fauns ein …
Dazu die Lupe : und darunter die Hunderttausender Karte : die dünnen Bergschraffen zeigten auf Höhepunkte; Schneisen strichelten durch Wälder; jedes winzige Schwarzeck war ein Haus, in dem Kühe brummten, Fensterscheiben blitzten, grün war der Zaun ums Haus gestrichen; und ich knäulte die Finger in Sehnsucht und ballte das Kinn in energischer Verzweiflung : ich muß jedes dieser Häuser sehen; jede Schindel am Dach will beschrieben sein : so kommt denn !*Die militante Version von Robert Walsers Spaziergang …
* Arno Schmidt, Aus dem Leben eines Fauns; in: Bargfelder Ausgabe, hrsg. von der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld 1986ff. S. 333f. Dieses Interesse des Misanthropen Heinrich Düring an den Häusern und an den Schindeln ihrer Dächer …: sein Interesse an der Welt diente ihm dazu, die Literatur (im weiteren Sinne kann man auch Landkarten unter der Gattung Literatur verbuchen) zu verifizieren … Abgebildet war die Welt, die er sonst mit Schmähungen überhäufte, ungefährlich und konnte Gegenstand des Interesses werden … Wie anders, wie unempirisch war dagegen unser Hans Köberlin … (aber manchmal auch nicht). Andererseits stand Düring in der Tradition der école des Annales, wenn er konstatierte: »›Große‹ Geschichte ist nichts : kalt, unpersönlich, unüberzeugend, übersichten (falsch dazu) : ich will nur die ›Privataltertümer‹, da ist Leben und Geheimnis.« (ebd., S. 334).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
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Samstag, 16. April 2016
Mittwoch, der 16. April 2014
[197 / 127]
Und Edmond wurde heute vor 144 Jahren während des Verfalls seines Bruders Jules von einer Versuchung heimgesucht …
Eine Obsession seit einigen Tagen, eine Versuchung, die ich hier nicht notieren möchte. Liebe ich ihn dafür nicht zu sehr, oder vielleicht nicht genug …*Hans Köberlin war natürlich sofort klar, warum es da ging: Jules’ Erlösung von seinen Leiden, also um einen Dienst, den auch Hans Köberlin sich in einer ähnlichen Lage von dem Busenfreund oder einem anderen seiner guten Freunde gewünscht hätte. Aber es war nicht nur das, Edmond hätte anschließend auch sich töten wollen, wie die Herausgeber mit Bezugnahme auf einen Brief Edmonds an Flaubert vom 4. Juni 1870 kommentierten. Pietätlos dachte Hans Köberlin, daß er sich diesen Briefwechsel eines Tages besorgen werde.
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 5, S. 107.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
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Freitag, 15. April 2016
Dienstag, der 15. April 2014
[196 / 128]
Und als Hans Köberlin dachte, daß er jetzt den Band gerne zur Hand gehabt hätte, dachte er auch an Borgesʼ Behauptung, man könne die Universalbibliothek (was 641. A. D. die von Alejandría gewesen) ruhig verbrennen, die Menschen – gemeint waren wohl die Autoren – würden alles erneut erzeugen, »cada hoja y cada linea (…) cada lección de cada manuscrito.«* Hans Köberlin war sich nicht sicher, ob Borges dies auf die ewige Wiederkehr des Immergleichen oder auf seinen Pierre Menard, autor del Quijote bezogen, er, Hans Köberlin, dachte bloß melancholisch: »Weg ist weg.«
* Vgl. Jorge Luis Borges, Alejandría, 641 A. D.; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Bd. 14: Rose und Münze, Frankfurt am Main 1994, S. 184. Bezeichnend war, daß jener Omar die Bibliothek im Namen seines Gottes in Brand stecken ließ. Wie sähe die Welt wohl aus, dachte Hans Köberlin, würde Gott würfeln und Lebenswasser trinken und sich Robert Wyatts God Song anhören und ab und an einmal neben seinen Autobiographien auch ein ›gutes Buch‹, wie man so sagte, lesen.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Donnerstag, 14. April 2016
Montag, der 14. April 2014
[195 / 129]
Und wieder einmal überdachte Hans Köberlin die Möglichkeiten des Nomadentums: ständiges Reisen und ein Leben im Hotel, wie es als Möglichkeit in der bereits erwähnten Unterhaltung zwischen Benjamin und Brecht zu Sprache gekommen. Der Modus des Schreibens wäre dann einer wie der damals bei dem Schreiben in die Kladde, ohne Option zum permanenten Überarbeiten, man würde wohl automatisch zu einer Art von Lyriker, nur noch Impressionen, festgehalten in lange durchdachten Versen, man erreichte das Gegenteil von unserem Bericht, der anscheinend die Unverschämtheit eines schwatzhaften Erdenkloßes darstellt. Aber Hans Köberlin war kein Lyriker. Brecht fiel ihm ein, der bei Goethe eine »schöne widersprüchliche einheit« gesehen hatte, die nach ihm in eine »völlig profane« (Heine) und eine »völlig pontifikale« (Hölderlin) Richtung zerfallen sei.* Hans Köberlin wollte weder das eine noch das andere sein … also sich eher der kleinen Form widmen? Aber auch mit der tat er sich schwer. Keine Form also … also wären wir wieder bei den Aufzeichnungen, bei dem guten alten Arbeitsjournal, bei dem er sich vielleicht – es wegen des Nomadentums als das Endgültige ansehend und dabei die Nachwelt im Blick – etwas mehr Mühe geben sollte.
* Vgl. Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 124. Zwei Tage später, am 24. August 1940, stellte er vorläufige Überlegung zur Bestimmung eines Kunstwerks an: »1) ein kriterium für ein kunstwerk kann sein, ob es noch die erlebnismöglichkeiten irgendeines individuums bereichern kann. 2) ausdrucksmöglichkeiten können bereichert werden, welche nicht eigentlich erlebnismöglichkeiten sind, sondern eher kommunikationsmöglichkeiten. 3) lyrik ist niemals bloßer ausdruck. die lyrische rezeption ist eine operation so gut wie etwa sehen oder hören, dh viel mehr aktiv. das dichten muß als menschliche tätigkeit angesehen werden, als gesellschaftliche praxis mit aller widersprüchlichkeit, veränderlichkeit, als geschichtsbedingt und geschichtemachend. der unterschied liegt zwischen ›widerspiegeln‹ und ›den spiegel vorhalten‹. (ebd., S. 125f.). »geschichtemachend« …: naja, literaturgeschichtemachend vielleicht …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Mittwoch, 13. April 2016
Sonntag, der 13. April 2014
[194 / 130]
Dies bedenkend fiel Hans Köberlin eine Passage aus Brechts Arbeitsjournal, die er in sein Arbeitsjournal exzerpiert hatte, ein …
wenn ich morgens die radionachrichten höre, dabei boswells LEBEN JOHNSONS lesend und in die birkenlandschaft mit nebel vom fluß hinausschielend, beginnt der unnatürliche tag nicht mit einem mißklang, sondern mit gar keinem klang. das ist die inzwischenzeit.*»inzwischenzeit« war der Begriff gewesen, daran erinnerte sich Hans Köberlin noch genau, der dieses Exzerpt, das leider wie so vieles in seinem Leben unkommentiert geblieben, veranlaßt hatte. »inzwischenzeit« …: eine solche Zeit war seine Zeit hier mit der konkreten Terminierung endgültig geworden, endgültig geworden, nachdem sie es zuvor durch seinen – wenn auch unkonkreten – Beschluß weiterzumachen, bereits ein wenig geworden war. Seine Konstellation, die zur »inzwischenzeit« führte, bestand allerdings aus anderen Aporien: die nebenan noch schlafende ihn temporär besuchende Frau, und der Dauer heischende Blick von der hinteren Dachterrasse auf die Sierra de Oltà und der sich endlos wiederholen sollende Gang über die Promenade zum Meer und zur ›Tango Bar‹; die Tage kamen ihm gleichfalls »unnatürlich« vor – wir hatten das neulich bereits mit Brecht –, weil sie ihm artgerecht oder gar artfördernd, dabei aber ökonomisch unhaltbar waren, und sie, diese »unnatürlichen Tage«, begannen, wie sie endeten, nämlich in der Regel mit einer Fülle der Wohlklänge …
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 121. Die Nachrichten am 19. August 1940 waren schlimme, weil sie verkündeten Hitler-Deutschlands Siege.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
Dienstag, 12. April 2016
Samstag, der 12. April 2014
[193 / 131]
Sie schauten sich dann im Bett die Tatort-Episode Reifezeugnis (1977) an. Diesmal sah Hans Köberlin die Episode vor allem (aber natürlich nicht nur!) unter dem Aspekt der verlogenen Moral des Lehrers und dem Leid, das eine sogenannte ›offene Ehe‹ für alle Beteiligten mit sich brachte. Es gab immer Eifersucht, wenn wirkliche Liebe im Spiel war, und einer war immer der oder die Dumme, das jedenfalls hatte ihn, Hans Köberlin, seine Erfahrung im Leben und im Kino gelehrt. Als Sina am Ende meinte, sie habe ins Wasser gehen wollen, es habe aber nicht funktioniert, weil sie ja schwimmen gekonnt, da fiel Hans Köberlin Blumenbergs kurzer Text Rechtzeitiger Verzicht auf Rettungen ein. »Früher wollten viele Matrosen nicht Schwimmen lernen, notiert Ernst Jünger in die späten Tagebücher und fügt erklärend hinzu, sie hätten ihre Gründe dafür gehabt.«* Die Gründe lagen auf der Hand, Blumenberg brachte allerdings noch eine Pointe, die hier auszuführen zu weit ging,** jedenfalls: davon ausgehend kam er zu »dem nicht selbstverständlichen Sachverhalt, daß wer zu schwimmen gelernt hat, nicht nicht schwimmen wollen kann.«*** Hans Köberlin, der erst mit dreizehn Jahren und da eher mühsam das Schwimmen erlernt, bewegte sich mittlerweile wie ein Fisch im Wasser. Also fiel auch ohne zusätzliche Mittel das Wasser in Lichtenbergs Aufzählung aus.
* Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 23.
** »Was Jünger verschweigt, ist die Obsoleszenz der Sachlage. Weshalb muß gesagt werden, daß es ›früher‹ so war, aber nicht mehr so ist ‒ vielmehr ins Gegenteil umgeschlagen? Die Technik [Seenotsignale und deren Peilung] hat ‒ mit dem vielen, das ihr zum Opfer fiel ‒ auch eine absolute Metapher zerstört. Kein Reservat kann ihr Überleben sichern ‒ außer der Erinnerung, der Imagination, der Vermittlung des harmlosen Wörtchens ›früher‹. Im Reich der Metapher ist alles wie früher, weil es dieses Wort gibt.« (ebd.).
*** Ebd.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XV [Der dritte Besuch der Frau und andere Besuche], 11. bis 27. April 2014).
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