Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Sonntag, 10. Juli 2016
Donnerstag, der 10. Juli 2014
[282 / 42]
Beruhigung schaffte einmal wieder eine Nachricht des Busenfreundes …
hans köberlin,Hans Köberlin erinnerte sich noch gut an die Habilitation des Busenfreundes … Es war bei ihm, bei Hans Köberlin – zwölf Jahre war das jetzt schon wieder her –, die Zeit gewesen, in der er einerseits in dem Haus, das er damals mitbesessen, seinen idealen Schreibtisch installiert bekommen, und gleichzeitig die Zeit, in der er begonnen, auf dem Vulkan zu tanzen, wie man so sagte, und also gerade von diesem wunderbaren idealen Schreibtisch aus begonnen hatte, seinen Exodus einzuleiten …
las eben zufällig: »Der paradoxe Punkt, der das Subjekt / der Exzeß war und dadurch die Ordnung aufrecht halten konnte, ist nun exzentrisch paradox geworden und damit nicht mehr zu gebrauchen für eine Fassung des (transzendentalen) Subjekts, das ›aus der großen Kette des Seins herausragt, ein Loch, eine Lücke in der Ordnung der Wirklichkeit.‹ Vorbei! Die Löcher sind verschwunden, aber noch da, wenngleich wohl nicht mehr im Sein, nicht mehr im Subjekt, nicht mehr im Denken. Man kann sie sehen, aber nicht mehr durch sie hindurch: offene Stellen im Geschlossenen, die vielleicht Erinnerungen wecken, Erinnerungen daran, was es bedeutete und wie es sich anfühlte, als Eindringen Rauskommen war.«
zwölf jahre her ist das jetzt schon wieder … hat mich beruhigt und melancholisiert zugleich.
das schönste dir und der frau, hans köberlin!
* Der sollte sich allerdings noch zweieinhalb Jahre hinziehen, denn erst mußten ihn noch die sieben Plagen treffen …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Samstag, 9. Juli 2016
Mittwoch, der 9. Juli 2014
[281 / 43]
Als Hans Köberlin auf der Promenade eine in ihrer Eleganz sehr beeindruckende Frau entgegenkam, da fiel ihm ein Satz Alexander Kluges ein: »Sie gab sich mit einer Einfachheit, die es bei einfachen Leuten nicht gibt …«
* Alexander Kluge, Lebensläufe. Anwesenheitsliste für eine Beerdigung, Frankfurt am Main 3. Aufl. 1980, S. 11.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Freitag, 8. Juli 2016
Dienstag, der 8. Juli 2014
[280 / 44]
Diotima meinte dann, er solle doch jetzt schon wegen einer möglichen Fortsetzung der Arbeit nachfragen. Immer hatte sie einem solche wohlfeilen Ratschläge gegeben … Erst später, als er es in Lichtenbergs Sudelbüchern las, wurde ihm klar, warum er selber mit seiner Anfrage zögerte: »Selbst die Ungewißheit, worin wir uns über gewisse Gegenstände befinden, ist zuweilen nützlich. Die Hoffnung bekommt dadurch einen größeren Spielraum, und man hält immer dasjenige für wahr, was unserm Zustande am angemessensten ist.«*
* Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher; in: Schriften und Briefe, München 1968ff., Bd. 2, S. 416.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Donnerstag, 7. Juli 2016
Montag, der 7. Juli 2014
[279 / 45]
Von Can hörte Hans Köberlin Tago Mago, eines der besten Alben der Musikgeschichte überhaupt.*
* Was Hans Köberlin nicht wußte: es gab eine Isla de Tagomago, eine Baleareninsel etwa 900 Meter östlich von Ibiza, also relativ nah sogar. ‒ Apropos Ibiza: am Mittwoch, dem 26. August 2015, also gut ein Jahr nach seiner Rückkehr, sollte Hans Köberlin folgendes in seinem Arbeitsjournal notieren: »Jetzt, im Alter von 55 Jahren, habe ich endlich den Film gesehen, dessen Soundtrack ich seit fast vierzig Jahren höre (es fehlt jetzt noch La Vallée). Selbst die nicht so inspirierten Filme aus der Zeit berühren mich, sie stehen mir für Möglichkeiten, obwohl es hier die Geschichte eines Niedergangs war. Godard stand einmal wieder Pate, und es gab einen Kampf mit Windmühlenflügeln.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Mittwoch, 6. Juli 2016
Sonntag, der 6. Juli 2014
[278 / 46]
Hans Köberlin beklagte sich während ihrer medialen Kommunikation bei der Frau, daß es Leute unter seinen Bekannten gab, die eine zwar realistische, aber nicht gerade angenehme Art hatten, ihm zu sagen, was ihn nach seiner Rückkehr an sauren Notwendigkeiten erwarten würde …
* Hans Köberlin nannte Namen, wir nicht.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Dienstag, 5. Juli 2016
Über Motivation
… führt Christóbal im Zusammenwirken mit Ahasver Kusmitsch ein Experiment zur »Entfurchtung« des wissenschaftlichen Mitarbeiterstabs durch. Dabei kommt ein merkwürdiger Umstand zutage: Das erste, was die »Entfurchteten« tun, ist, überhaupt nicht mehr zu arbeiten …
(Boris Strugatzki, Kommentar zu: Arkadi & Boris Strugatzki, Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2. Aufl. 2011, Bd. 3, S. 851).
(Boris Strugatzki, Kommentar zu: Arkadi & Boris Strugatzki, Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2. Aufl. 2011, Bd. 3, S. 851).
Samstag, der 5. Juli 2014
[277 / 47]
Nach dem Erwachen las er im Bett bei Borges etwas, das der über die Gattung ›Märchen‹ geschrieben hatte und das mit dem korrelierte, was Clemens Limbularius sich zu Beginn des ersten von uns festgehaltenen seltsamen Abenteuers beim Anblick eines Doppelhauses gedacht hatte, nämlich …
Jede Symmetrie ist eine Lüge, dachte Clemens, weil es ja zwei nur quasiidentische weil spiegelverkehrte Teile sind. Das Drama der zwei, die zusammen sind, ist: sie gehen entweder in einem auf oder zerfasern sich im Unendlichen. Außerdem, wie Blumenberg richtig bemerkt hatte, gab es da eine grundlegende Asymmetrie in allem Sein überhaupt, nämlich der Rest, der in dem voranfänglich symmetri-schen Verhältnis von Materie und Antimaterie am Anfang von allem dann von der Materie übrig geblieben war und der eben ausmachte, daß da etwas war und nicht nichts.*Borges also hatte geschrieben, das abendländische Märchen sei von perfekter Symmetrie, und er fragte sich, ob es etwas gäbe, das der Schönheit weniger ähnele als Symmetrie, um sich selbst dann in Klammern zu antworten, er wolle keine Apologie des Chaos liefern, er glaube, daß in den Künsten nichts so gefalle wie unvollkommene Symmetrien.** Der Ansicht war Hans Köberlin auch, und nicht bloß in Hinsicht auf die Künste, sondern auch auf wesentlicher Bereiche des Daseins: die linke Brust einer Frau war immer etwas anders geformt als die rechte …
* Siehe vom Verf. HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012, S. 20.
** Vgl. Jorge Luis Borges, Von Büchern und Autoren; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 4, S. 199.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
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Montag, 4. Juli 2016
Freitag, der 4. Juli 2014
[276 / 48]
Wir suchen eine Passage in unserem Bericht, in der wir einen Eintrag aus Brechts Arbeitsjournal vom 12. April 1941 anfügen wollen,* allein wir finden sie nicht … Entgleitet uns das Ganze? Vielleicht erinnert sich eine Leserin oder ein Leser …**
* merkwürdig, wie das manuskript während der arbeit zum fetisch wird! ich bin ganz abhängig vom aussehen meines manuskripts, in das ich immerfort einklebe und das ich ästhetisch auf der höhe halte. immer wieder ertappe ich mich [dabei], daß ich, nur damit die seite ausgeht, versuche, mit einer ganz bestimmten anzahl von versen auszukommen für eine änderung! (Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 190).
** Sollte ich die betreffende Passage wiederfinden, wird dieser Eintrag hier an dieser Stelle verschwinden.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Sonntag, 3. Juli 2016
Donnerstag, der 3. Juli 2014
[275 / 49]
Heute vor 118 machte Edmond seinen letzten Eintrag in das Journal, daß er vor Jahrzehnten mit dem mittlerweile schon lange toten Bruder begonnen …
Freitag, 3. Juli – Tag unter vier Augen mit Mirbeau im Clos-Saint-Blaise verbracht. Die Robins sollten kommen, aber derzeit gehört Robin Liane de Pougy.»Hier endet das Journal von Edmond de Goncourt. Er stirbt dreizehn Tage später am 16. Juli 1896 in Champrosay auf dem Landgut von Alphonse Daudet, der ihm in der Stunde des Todes beisteht.« Das vermeldeten die Herausgeber im Anschluß, und mit was für einer Geschichte endete es …: das hatte Stil! Wir hoffen, daß Hans Köberlin uns den Gefallen tut, und gleichfalls am Ende ein Histörchen dieser Art zu präsentieren. – Aber schade, wir hätten es poetischer gefunden, wenn es diese Frist von dreizehn Tagen nicht gegeben hätte und ihm der Tod die Feder im angefangenen Satz aus der Hand genommen hätte.
Montesquiou sollte mit mir zusammen um 2 Uhr 25 aufbrechen, aber er ist erst zum Diner um 7 Uhr gekommen, infolge eines mit dem Bürgermeister von Douai verbrachten Tages, um eine Feier zu Ehren von Valmore vorzubereiten. Wir plaudern über die schlechte Herstellung des Journal, und über die Unkenntnis des Werts der Abschrift von Xau, den er nicht dazu bringen konnte, Artikel von La Jeunesse anzunehmen, nach seinem bemerkenswerten Buch Les Nuits, les ennuis et les âmes des nos plus notoires contemporains. Über den philosophischen Gleichmut mit dem Madame Robin den Betrug ihres Mannes akzeptiert, indem sie ihm Ratschläge gibt, wie man sie einem Bruder gäbe. Und er teilt mir mit, daß Zola um die Auflösung seines Vertrags mit dem Figaro gebeten hat, wegen eines Artikels, der nicht zum Druck freigegeben wurde; und diese Unterhaltung über die einen und die anderen aus der Literatur wird unterbrochen durch das Umherstreifen inmitten der Blumen, wo er über einige duftende Buchten, die gleichsam eine große Palette bilden, zu mir sagt: »Zola sagte beim Anblick dieser wohlriechenden Wicken zu mir: ›In jener Zeit, in der ich gewissermaßen nichts zu Essen hatte, konnte ich nicht widerstehen, wenn es welche gab, manchmal für einen Abend welche zu kaufen, und ich stellte sie auf meinen Nachttisch, und dieser leichte Duft von Orangenblüten ließ mich in der Nacht Träume haben, in denen meine ganze Kindheit vorüberzog.‹« Während des ganzen Diners spricht Montesquiou mit einer unermüdlichen Verve von eigenartigen Leuten, Gruppen sonderbarer Frauen, die auf der gestrigen Feier von Castellane waren. Dreistöckige Obstschalen mit legitimistischen Bonbons. Daruntergemengt eine Lobeshymne auf das Engadin und auf das gute Zimmer bei einem Apotheker, wo es nicht nach dem Fußabtreter eines großen Hotels roch, der all die Miasmen der Dinge bewahrte. Will Madame Mirbeau dazu drängen, dorthin zu fahren, die leidend ist und Zerstreuung sucht von ihrem Haus und drei Wochen in Évian verbringt mit einer Frau ihrer Bekanntschaft.
Im Zug, während er mir vom Buch in Prosa erzählt, das er schreiben will und das nur er schreiben kann über seine Erinnerungen an die alten Gesichter des Faubourg Saint-Germain, erzählt er mir tausend Anekdoten, darunter diese, die einer Frau seiner Bekanntschaft zustieß, die sehr stolz ist auf ihr Vermögen. Sie engagiert eine kleine Bonne mit schmuckem Häubchen. Und nachdem die Konditionen ausgehandelt sind, in dem Augenblick, als sie hinausgehen will, bleibt sie an der Tür stehen und wirft ihr zu: »Ich frage Madame, ob Madame Gassi führt: in diesem Fall bin ich mit den Konditionen nicht mehr einverstanden.« Gassi führen heißt mit seiner Bonne Einkäufe machen.*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 11, S. 710ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
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Samstag, 2. Juli 2016
Mittwoch, der 2. Juli 2014
[274 / 50]
… denn heute vor einem Jahr hatten sich die Frau und Hans Köberlin zum ersten Mal mit Absicht getroffen und sich dabei gleich zum Abschied zum ersten Mal geküßt; und heute vor neun Monaten waren sie aufgebrochen, Hans Köberlin in sein Exil zu bringen, und nun vermißte er sie arg …*
* Siehe Mittwoch, der 2. Oktober 2013.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Freitag, 1. Juli 2016
Dienstag, der 1. Juli 2014
[273 / 51]
Nach dem Erwachen am Dienstag, dem 1. Juli 2014, notierte Hans Köberlin folgenden Traum in seinem Arbeitsjournal: »Ich hatte das Buch eines Mannes aus den Beneluxländern verlegt, die obskuren Ansichten irgendeines seltsamen Mystikers, und wollte nun zusammen mit der Frau zu dem Autor fliegen, um ihm sein frisch erschienenes Werk zu übergeben. Die Bücher und die Übersetzungen (?) waren in Kartons, wir flogen mit einer osmanischen Fluggesellschaft und ich fragte mich, ob ich ihr vertrauen konnte. Auf dem Flughafen im Osten der Hauptstadt herrschte dichter Nebel, wir saßen in der Maschine und ich schaute aus dem Fenster und sah bloß das Naßgraue unter mir mit einigen vereinzelten gelben Lichtern. Dann waren wir in Land des Autors gelandet, es war Nacht. Ich stieg schnell aus, um mich um die Kartons mit den Büchern zu kümmern. Ich fand sie draußen auf einem Berg anderer Kisten, ein Gabelstapler fuhr bei seinen Hin- und Herfahrten daran vorbei und schubste sie dabei jedesmal an. Ich beschimpfte den Fahrer wüst und schaffte die Kartons aus dem Weg. Dann kamen zwei lokale Flughafenarbeiter und fragten, was in den Kisten sei. Bücher, sagte ich und nannte den Namen des Autors. Sie kannten ihn, was mich sehr verwunderte. Ich erfuhr aber, daß er sich in seiner Heimat einer ungeheuren Popularität erfreute. Ob sie eines der Bücher sehen könnten, fragten sie. Klar, sagte ich und nahm eines aus dem Karton und aus der Kunststoffhülle. Auf dem Umschlag war der vergrößerte Druck eines Heiligen zu sehen, silbern auf dunkelblauem Leinen, fast wie eine Ikone sah das aus. Die beiden Flughafenarbeiter lachten, denn sie erkannten in dem Gesicht des Heiligen das des Autors. Ich hatte den mittelalterlich aussehenden Druck von dem Autor bekommen und hatte nichts von dieser Manipulation gewußt, da ich ihn nie persönlich getroffen hatte. Er war anscheinend ein Schelm und ein Scharlatan, nicht verwunderlich in dem Lande Tyll Ulenspiegels. Wir blätterten in dem Buch, es gab noch zwei Abbildungen, auch alte Bilder, die gut geraten waren. Dann packte ich das Exemplar wieder zurück und die Arbeiter schickten sich an, die Übersetzungen aus dem improvisierten und mittlerweile beschädigten Karton in mehrere ordentliche Kartons zu verpacken. Hier nahm nun alles seinen geregelten Gang und mir fiel mit einem schlechten Gewissen ein, daß ich beim Aussteigen aus dem Flugzeug die Frau mit dem Gepäck und den Mänteln alleingelassen hatte.* Ich begab mich schnell zu ihr in unsere Wohnung, es war ein ziemlich neuer Bungalow, noch ohne Möbel und mit einem rauhen olivgrünen Teppichboden. Ich legte mich zu ihr, sie hatte die Wartezeit mit Fernsehen verbracht. Ich sah an der Vielzahl der Sender, daß wir einen digitalen Fernsehanschluß hatten. Dann ging es noch darum, ein Verbrechen aufzuklären. Der Chef der Ermittler war Peter Sloterdijk (der aber auch ein wenig wie Jeff Bridges war), er hatte noch einige Gehilfen. Mit einer List schaffte er es schließlich nach einigem hin und her, die Verbrecher aus der Reserve zu locken. Dann nahm die Geschichte eine überraschende Wende und ich wurde wach.«
* Was Hans – ›Frauen zuerst!‹ – Köberlin im Wachen wohl hoffentlich nicht passiert wäre!
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Donnerstag, 30. Juni 2016
pro domo (aus dem Kontext gerissen)
ich beginne mit dem ersten satz und höre auf mit dem letzten, ohne etwas notwendiges zu überspringen und ohne irgendeinem teil eine besondere bedeutung zuzumessen. das ist sehr episch, vermute ich. für den epiker ist jedes detail ziemlich gleich liebenswert.
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 202. Dem folgt: »die abbildung kritisiere ich eigentlich nur vom abgebildeten her.« Dazu erstmal nichts …).
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 202. Dem folgt: »die abbildung kritisiere ich eigentlich nur vom abgebildeten her.« Dazu erstmal nichts …).
Der Prophet flucht, weil er scheinbar als einziger die Zeichen nicht wahrhaben wollte
Als schließlich die Stimme des Zugchefs tatsächlich damit begann, über die in den Waggons angebrachten Lautsprecher den für die Position des Zuges zuständigen Text zu verlesen, man kennt das: Sehr geehrte Fahrgäste, wir erreichen in wenigen Minuten … und immer diese Entschuldigungen am Ende, weil man nicht pünktlich war, ausnahmsweise wieder einmal nicht … man hat sich daran gewöhnt, es ist halt die Bahn, also als die Stimme anhob, da schreckte Clemens desorientiert aus seinem Dämmer auf.
(aus: HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012, S. 12).
(aus: HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Berlin 2. ein wenig verbesserte Auflage 2012, S. 12).
Montag, der 30. Juni 2014
[272 / 52]
Wir hatten vor einigen Wochen dem Busenfreund als dem engsten Vertrauten Hans Köberlins einen Teil unserer Langzeitdokumentation (die Kapitel I-IX) geschickt, um seine Meinung bezüglich der Angemessenheit unserer Darstellung zu erfahren. Hier seine Antwort …
gestern sechsstündige fahrt zurück in die hauptstadt, habe deine schilderung des faunischen lebens unseres freundes bis zur letzten seite gelesen und kam dann in den horror vacui. deine form, deine strukturierung hat es geschafft, sich zu verkoppeln mit dem wahrnehmen an sich; sie fehlte mir plötzlich, merkte, wie mein eigenes wahrnehmen defizitär wurde, weil ohne deine form auskommen müssend. las, um zumindest im modus des lesens wahrzunehmen, etwas später norberto bobbios vom alter – und darin ein zitat von dario belleza …Als wir das lasen, da waren wir beruhigt.*
flüchtig ist die jugendund dann ergab sich mir das gefühl, daß du mit deinem werk sabotage an dieser zementierten chronologieabfolge betrieben hast: die flüchtigkeit auf dauer zu stellen, auf die dauer eines tages, gestellt im gestell der widerständigen form des »diarisierens«; das vergehen als beständiges ausprobieren, dabei wissend, daß es keine vollständige wiederholung zu geben vermag. es ist unbemerkt dann so, daß mir nichts selbstverständlicher, nichts unbefragter ist denn dieser trias-sog aus literatrischer welt, geographischer welt und innenwelt! hat was von autopoiesis!
ein atemzug die reife
furchtbar naht
das alter und dauert
eine ewigkeit.
die einschläge ob der banalen probleme hans köberlins, der schlechten vergangenheit, der ungewißheit der zukunft werden im laufe des lesens in ihrem echo immer leiser, und gegen ende dann auch erste einschläge seines trockenen humors. stelle mir vor, daß berichte von dieserart einschlägen zunehmen werden.
der sog deines schreibens ist einer eigentlich unmöglichen konstellation geschuldet, in der literarische welt, chlodwig pothsche raumwelt, innenwelt niemals sich gegenseitig instrumentalisieren; die wechsel zwischen ihnen sind keine der flucht, sondern entspringen der möglichkeit, leidenschaftlich nicht tot zu sein (viktor von weizsäcker).
das exil als seinsform hans köberlins blieb nämlich im lesen gegenwärtig, trotz der schönen zeit mit der frau, die du zur sprache bringst; die schöne zeit mit der frau bleibt, ohne auch nur ein jota des im exilseins aufzuheben; der ort und die berge bleiben gegebener raum, ohne daß sie instrumentalisiert werden zu zu material für eine gewollte bewegung des sich einrichtens, heimischmachens, der »verortung«. vor allem aber machte sich mir mit chapeau evident, daß nirgends auch nur ein hauch von therapeuticum zu spüren ist. die zerrissenheit ist rigoros angenommen, aber gleichzeitig erinnerst du negativ dasjenige, was das gegenteil von zerissensein sein kann. es ist eine unglaubliche kraft darin, daß hans köberlin heillos bleibt und du nicht auf irgend lösung, erlösung, wie vermittelt auch immer, hinausschreibst.
unerträgliche vergangenheit touchiert die vergangenheit ertragbar machende vergangenheit des wortes; unmögliche gegenwart touchiert die gegenwart des möglichen (nämlich tatsächlich dort unten zu sein); soziale verzweiflung touchiert die freudenpräsenz in und mit und durch die frau …
einbergung im außen; frau als schönste form des außen.
warte auf die noch zu schreibenden seiten!
und: ich dank hans köberlin, daß er bleibt und wiederkommt!
bis gleich
* Zum wiederholten Mal: »Es ist kaum zu glauben, wie der geschriebene Satz den Menschen beruhigt und bändigt.« (Elias Canetti, Dialog mit einem grausamen Partner; in: Das Gewissen der Worte. Essays, Frankfurt am Main 1981, S. 54).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Mittwoch, 29. Juni 2016
Sonntag, der 29. Juni 2014
[271 / 53]
Als sie in der lauen Sommernacht gegenüber der ›Tango Bar‹ medial kommunizierten, erzählte ihm die Frau, daß sie doch drei Tage früher kommen würde, weil sie den Geburtstag der Mutter an dem betreffenden Datum allein feiern und nicht zu dem großen Familienfest am Wochenende später gehen würde. Hans Köberlin war sehr froh darüber! Anschließend sprachen sie über Träume, und Hans Köberlin nahm sich einmal wieder vor, sich damit intensiver zu beschäftigen, das war schon lange überfällig.*
* Wie bereits mehrfach erwähnt: Freuds Traumdeutung hatte den Weg in Hans Köberlins Basisbibliothek gefunden.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Dienstag, 28. Juni 2016
Samstag, der 28. Juni 2014
[270 / 54]
Und Hans Köberlin mußte einmal wieder an seine Lieblingshelden in der Geschichte denken, an die Lotophagen …*
* Viel, viel später, am Montag, dem 20. Juni 2016, in der S-Bahn auf dem Weg zur Fron, sollte er bei den Gebrüdern Strugatzki (Die Last des Bösen oder Vierzig Jahre später; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2. Aufl. 2011, Bd. 3, S. 393ff.) ähnliche Gestalten kennenlernen, nämlich die ›Nichtesser‹. Die hatten natürlich nichts mit der ganzen spirituellen Kacke (mit den sogenannten ›Lichtessern‹ et cetera) oder den Anorektikern – die physische Fraktion der spirituellen Kacke – zu tun, der Begriff stammte vielmehr aus der Erzählung Im Weltraum des sowjetischen Science-Fiction-Autors Илья Иосифович Варшавский. Der Protagonist der Strugatzkis, Igor W. Mytarin, stellte vier Klassen von ›Nichtessern‹ auf, von denen uns aber bloß die erste, als ›Elite‹ bezeichnete, interessierte. Dazu zählte Igor W. Mytarin die hausbackenen Philosophen, die gescheiterten Künstler, die Graphomanen aller Schattierungen, die nicht anerkannten Erfinder et cetera. Dies seien die Invaliden der schöpferischen Arbeit, bei denen der hartnäckige Drang zum schöpferischen Tun zwar vorhanden, schöpferisches Talent hingegen nicht, und daran seien sie zerbrochen. Georgi Anatoljewitsch (der, über dessen Schicksal Igor W. Mytarin berichtet) habe solche Menschen als Resonatoren und eine große Ausnahme, ein seltsames Aufbäumen in der Entwicklung der Zivilisation, bezeichnet (da fallen einem doch gleich die großen Verweigerer Onan und Hanno Buddenbrook ein). Da die Zivilisation ein Phänomen wie die Poesie hervorgebracht, müsse es auch Individuen geben, die zu nichts anderem taugten, als dazu, diese Poesie zu konsumieren. Sie seien nicht fähig, materielle oder geistige Werte zu schaffen, sondern nur, sie zu konsumieren und mit ihnen zu resonieren. Ihre Resonanz allerdings erweise sich als außerordentlich wichtig für einen schöpferischen Menschen, sie sei ein wichtiges Element der Rückkoppelung für den, der Geistiges hervorbringe. Und es sei seltsam, daß Tee-, Wein-, Kaffee- oder Käseverkoster geachtete Leute seien, wohingegen ein Degustator von Malerei als fauler Schmarotzer gelte … aber eigentlich sei es gar nicht so seltsam … Abgesehen davon, daß wir bei der Differenz Schöpfen / Verarbeiten – als elaborierte Art des Konsumierens – wie Brecht argumentieren würden …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
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Montag, 27. Juni 2016
Freitag, der 27. Juni 2014
[269 / 55]
An guten Tagen wie diesem konnte er morgens am Playa Cantal Roig, mittags in der Cala Calaga und nachmittags vor dem Besuch der ›Tango Bar‹ am Playa La-Fossa-Levante schwimmen. Als die Brüder am Sonntag, dem 20. Februar 1860 schilderten, wie Flaubert im Mittelmeer baden gegangen, schreiben sie, er habe danach das Leben aus diesem Jungbrunnen mit sich gebracht.* So empfand das Hans Köberlin auch.
Und als er heute zu seinem dritten Schwimmen den kürzesten Weg zum Strand nahm, da hörte er, daß sich in der Jugendherberge ein Blechbläserjugendorchester einquartiert hatte. Auf dem Areal verteilt übten sie unabhängig voneinander in kleinen Gruppen, alle in Hörweite zueinander, hier wohl oder übel, aber es hörte sich ein wenig so an wie Stockhausens Sternklang.
* Vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 2, S. 384.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Sonntag, 26. Juni 2016
Donnerstag, der 26. Juni 2014
[268 / 56]
Und er las bei Benjamin folgende Anekdote: »Ein großer pariser Nervenarzt wurde eines Tages von einem Patienten aufgesucht, der zum ersten Male bei ihm erschien. Der Patient klagte über die Krankheit der Zeit, Unlust zu leben, tiefe Verstimmungen, Langeweile. ›Ihnen fehlt nichts, sagte nach eingehender Untersuchung der Arzt. Sie müßten nur ausspannen, etwas für ihre Zerstreuung tun. Gehen Sie einen Abend zu Deburau [ein damals, in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, berühmter Komiker; H. K.] und Sie werden das Leben gleich anders ansehen.‹ ›Ach lieber Herr, antwortete der Patient, ich bin Deburau.‹«
* Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 5, S. 165. Nebenbei bemerkt: diese Anekdote besagte auch einiges über den Umgang mit der Realität bei den Nervenärzten.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Samstag, 25. Juni 2016
Mittwoch, der 25. Juni 2014
[267 / 57]
Hans Köberlin stieß während einer Recherche in seinem Arbeitsjournal unter dem Datum des 16. April 2009 – einem Donnerstag – auf einen vergessenen Eintrag, der ihn sich über sich selber amüsieren ließ: »Nachdem sich die süße kleine Celeste als Frömmlerin offenbart hat, ist niemand mehr unter Balzacs petits bourgeois, um den ich zittere. Sollen sie sich doch gegenseitig unglücklich und fertig machen.«*
* Er hatte, wie gesagt, die beiden von ihm noch nicht gelesenen Bände der Comédie humaine in seiner Basisbibliothek, mal sehen …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Freitag, 24. Juni 2016
Dienstag, der 24. Juni 2014
[266 / 58]
Am Dienstag, dem 24. Juni 2014, hatte Hans Köberlin, so erinnerte er sich, geträumt, er sei auf einem der Kieze der Hansestadt* in einer Kneipe und sähe dort zwei Gestalten aus der Halbwelt, der eine an einem Tisch sitzend und der andere Billard spielend. Dann, im weiteren Verlauf des Traums, war Hans Köberlin nochmals dorthin gekommen, und da war es bereits im Morgengrauen, die beiden hatten anscheinend die ganze Nacht so verbracht, am Tisch sitzend der eine und Billard spielend der andere. Hans Köberlin unterhielt sich mit ihnen, bestellte sich ein Bier und bat den, der am Tisch saß, um eine Zigarette. Als jener in seinen Taschen zu kramen begann, sagte Hans Köberlin schnell: »Ach nein danke, vergessen Sie es, ich rauche ja nicht mehr.«
* In seiner sehr rauschhaft verbrachten Lebensphase in der Hansestadt hatte Hans Köberlin auf der Suche nach sexuellen Abenteuern vornehmlich zwei Kieze konsultiert: den vor seiner Haustür und den nach dem Apostel, der selber wiederum als Fels bezeichnet worden war, benannten.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Donnerstag, 23. Juni 2016
Ein Mittel
In Augenblicken der Bangnis, die sie einander nicht eingestanden, half Schweigen.
(Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung, Frankfurt am Main 20. Aufl. 2014, S. 103).
(Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung, Frankfurt am Main 20. Aufl. 2014, S. 103).
Montag, der 23. Juni 2014
[260 / 64]
Borges hatte irgendwo* spekuliert, Verdammnis sei, eine für einen selber fatale Tat immer wieder wiederholen zu müssen. »Man muß dafür nicht die Verdammnis bemühen«, so Hans Köberlin, »man kann das auch als den gewöhnlichen Ablauf des Lebens und den eigenen blinden Fleck bei der Wahrnehmung des Ablaufs des Lebens und bei der Wahrnehmung seiner selber dabei bezeichnen.«
* Siehe etwa Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 14: Rose und Münze, S. 224.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Mittwoch, 22. Juni 2016
Sonntag, der 22. Juni 2014
[264 / 60]
Durch irgendwas wurde Hans Köberlin an Faulkners The Sound and the Fury erinnert, und zu seinem – es ›Entsetzen‹ zu nennen ist vielleicht übertrieben – Erstaunen hatte er vergessen, was das für ein Roman war.* Als er sich konzentrierte und in seiner Erinnerung der Name ›Benjy‹ auftauchte, da war alles wieder da.
* Man könnte zu Hans Köberlins Entschuldigung anführen, daß er von Frühling 2010 an innerhalb nur einen Jahres Faulkners sämtliche Werke hintereinander weggelesen hatte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Dienstag, 21. Juni 2016
»… sofern er sie überlebt …«
Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.
(Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung, Frankfurt am Main 20. Aufl. 2014, S. 103).
(Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung, Frankfurt am Main 20. Aufl. 2014, S. 103).
Samstag, der 21. Juni 2014
[263 / 61]
»die zielstrebigkeit des schreibers eliminiert allzuviele tendenzen des zu beschreibenden zustandes«, hatte der Dialektiker Brecht am 31. Januar 1941 in seinem Exil beklagt.* Nun, bei dem ziellosen Postdialektiker Hans Köberlin bestand diese Gefahr in seinem Exil nicht, denn allzuviele Tendenzen des zu beschreibenden Zustandes eliminierten bei ihm die Zielstrebigkeit.
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 178.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Montag, 20. Juni 2016
Freitag, der 20. Juni 2014
[262 / 62]
Heute vor 144 Jahren war der letzte gemeinsame Tag, den die Brüder miteinander verbrachten, soweit man Julesʼ Agonie noch als ein ›Miteinander‹ bezeichnen konnte. Die Vertrautheit, die wir durch Hans Köberlins Heute-vor-Spiel mit den beiden im Verlauf unserer Langzeitdokumentation erlangt haben, legitimiert unserer Ansicht nach, das erschütternde Dokument seines Sterbens – das quasi live im Journal erfolgte* – hier in seiner ganzen Länge wiederzugeben …
Nacht von Sonntag auf Montag – Über ein kleines Gebetbuch gebeugt, das reine Profil von Pélagie, sein dunkler Schatten liegt auf dem weißen Berg von Kissen, inmitten derer sein Kopf verschwunden ist und – aus dem das Röcheln dringt.
Die ganze Nacht das herzzerreißende Geräusch einer Atmung, die wie eine Säge in feuchtem Holz klingt und das alle Augenblicke von schmerzlichen Klagen und jammervollen Ahs! skandiert wird. Die ganze Nacht diese Brust, die kämpft und das Laken hebt! Gott verschont mich nicht mit dem Todeskampf dessen, den ich liebe: wird er mir die Konvulsionen des Endes ersparen?
Das erste Tageslicht gleitet über sein Gesicht, das das erdige und backsteinartige Gelb des Todes angenommen hat, gleitet über seine tiefliegenden, tränenvollen. umdüsterten Augen.
Montag, 20. Juni, 5 Uhr morgens – In seinen Augen ein Ausdruck von Leiden und unsäglichem Elend.
Ein Wesen wie dieses erschaffen, so begabt, so klug, und es mit neununddreißig Jahren vernichten! Warum?
9 Uhr – In seinen trüben Augen plötzlich ein lächelndes Aufleuchten, bei dem ein verschwommener Blick lange auf mir liegt und dann langsam in die Ferne taucht … Ich berühre seine Hände: feuchter Marmor.
9 Uhr, 40 Minuten – Er stirbt, eben ist er gestorben. Gott sei gelobt! Er starb nach zwei oder drei Seufzern eines kleinen Kindes, das einschläft.
Wie grauenhaft unter den Laken die Reglosigkeit dieses Körpers, der nicht mehr das leichte Aufwallen der Atmung besitzt, der im Bett nicht mehr das Leben des Schlafes hat.
Seine Augen haben sich mit dem Leidensblick seiner letzten Lebenstage wieder geöffnet. Sein Kopf liegt etwas höher auf den Kissen, und er scheint mit dem Ausdruck stolzer Verächtlichkeit zu lauschen, den er hatte, wenn Prudhomme sprach. Von seiner ganzen Physiognomie scheint eine leicht sarkastische Traurigkeit auszugehen. Sein Blick scheint einem zu folgen, nachdem man ihn geküßt hat; und man hätte mitunter die Illusion des Lebens, wenn man nicht am Ende seiner bleichen Hände das Violett seiner Nägel vorfände.
Das Magny-Diner wurde von Gavarni, Sainte-Beuve und uns gegründet. Gavarni ist tot, Sainte-Beuve ist tot. Mein Bruder ist tot. Wird sich der Tod mit einer Hälfte von uns begnügen oder wird er bald mich holen? Ich bin bereit.
Je länger ich ihn betrachte, je mehr ich seine Züge studiere, desto mehr finde ich auf diesem Gesicht einen Ausdruck seelischen Leidens, den ich bei keiner einzigen Physiognomie im Tod habe anhalten sehen, desto mehr bin ich betroffen von seiner herzzerreißenden Traurigkeit. Und mir ist, als läse ich darin, jenseits des Lebens, den Schmerz über das abgebrochene Werk, das Vermissen des Lebens, das Vermissen von mir.**
* »Le jour arrive à cette heure sur sa figure, dessine les creux et les ombres des yeux et de la bouche, le décharnement presque instantané, me montrant, dans sa chair aimée, la sculpture rigide de la mort«, hatte Edmond einen Tag zuvor mit barocker Wucht notiert.
**Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 5, S. 123ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Sonntag, 19. Juni 2016
Donnerstag, der 19. Juni 2014
[261 / 63]
Unerwartet las Hans Köberlin im Merkur des Vorvormonats den Namen ›Hackländer‹, der ihm seit seiner Beschäftigung mit Arno Schmidts Abend mit Goldrand nicht mehr untergekommen war.
* Christian Demand, »I have seen the future«; in: Merkur, Nr. 779, April 2014, S. 329f.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Samstag, 18. Juni 2016
Mittwoch, der 18. Juni 2014
[260 / 64]
… und angesichts dieses Filmkalenderblatts mußten wir natürlich an unseren zweiten Bericht über die seltsamen Abenteuer des Clemens Limbularius denken …*
* Vgl. vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 507: »Ohne die Hausbesetzer gäbe es diesen Platz jetzt so nicht mehr, erklärte der Busenfreund Clemens. Ja, er wisse das, Rudolf Thome habe jener Zeit und diesem Ort ein filmisches Denkmal gesetzt … der in eine junge Hausbesetzerin verliebte Architekt, Hanns Zischler am Klavier, für sie singend, und eine Liebeserklärung an die Hauswand sprühend … Rudolf Thome sei überhaupt der Regisseur der Liebe und – bei seinen späteren Filmen – auch der des Glücks.«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Freitag, 17. Juni 2016
Dienstag, der 17. Juni 2014
[259 / 65]
… jene Verse Borgesʼ aus der Milonga del forastero, die Milonga, in der er den Idealtypus eines Showdowns – gleich ob mit Messern, Colts oder Samuraischwertern – beschrieben …
Siempre el que muere es aquél»Nun: ich lebe«, sagte Hans Köberlin sich, »alles andere wäre bloß aus Faulheit, Trägheit oder Bequemlichkeit heraus passiert.
Que vino a buscar la muerte.
* Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 14: Rose und Münze, S. 222.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Donnerstag, 16. Juni 2016
Montag, der 16. Juni 2014
[258 / 66]
Montag, den 16. Juni 2014: Bloomsday! Heute vor 110 Jahren … Und Hans Köberlin erinnerte sich daran, daß er sich am Samstag, dem 4. Januar 2014, vorgenommen, daß er, sollte er am Bloomsday noch hier sein, dann zurück an diesen Samstag, den 4. Januar 2014, denken und mit sich selber ein Glas Wein auf den Tag und auf die Frau nebenan und auf seine Gefühle für sie und auf seine Gefühle hier an diesem Ort, seinem Schicksalsort, trinken wolle.*
* Siehe Samstag, den 4. Januar 2014.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Mittwoch, 15. Juni 2016
Sonntag, der 15. Juni 2014
[257 / 67]
Und dann las Hans Köberlin bei Borges von einer Passion, von der er gedacht hatte, so verrückt sei nur er als Autor. Vyvyan Richards, so Borges, berichte in seinem Portrait von T. E. Lawrence (of Arabia), jener sei für die gefährliche Passion der Typographie so empfänglich gewesen, daß er oft seine Texte gekürzt oder erweitert habe, damit jede Seite seines Buches makellos sei.* Genau das machte Hans Köberlin auch, meist erweitern … und das letzte Mal hatte er das bei seiner Fertigstellung von Telos gemacht.
* Vgl. Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 4: Von Büchern und Autoren, S. 25f.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
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Dienstag, 14. Juni 2016
In the future
Die Fahrzeuge werden in der Zukunft nicht mehr nach aerodynamischen Aspekten konstruiert sein, das hat man nicht mehr nötig, die Widerstände der materiellen Realität werden fast vollkommen überwunden sein, man kann sich erlauben, ihr, der Realität, mit dekadenten Formen zu trotzen. ›Effizienz‹ wird als unzivilisierte Kategorie gelten.
Pfeffers Einsicht
Dabei arbeiten fast alle. Fast keiner drückt sich, sogar nachts wird gearbeitet. Alle sind dauernd beschäftigt, niemand hat Zeit. Den Anordnungen wird Folge geleistet, das weiß ich, das habe ich selber gesehen. Es hat also den Anschein, als sei alles in Ordnung. Die Wachleute bewachen, die Kraftfahrer fahren, die Ingenieure bauen, die Wissenschaftler schreiben Artikel, die Kassierer zahlen Geld aus … Hm, vielleicht ist dieses ganze Karussell ja nur dazu da, damit alle immer arbeiten?
(Arkadi & Boris Strugatzki, Die Schnecke am Hang; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2. Aufl. 2011, Bd. 3, S. 256).
(Arkadi & Boris Strugatzki, Die Schnecke am Hang; in: Werkausgabe, hrsg. von Sascha Mamczak und Erik Simon, München 2. Aufl. 2011, Bd. 3, S. 256).
Samstag, der 14. Juni 2014
[256 / 68]
Nachdem er diese Nachricht, die er so lange in Gedanken durchgekaut, verschickt hatte, fühlte sich Hans Köberlin erschöpft und legte sich aufs Bett und schlief über den letzten Seiten der Historia de la eternidad von Borges, der heute vor 28 Jahren verstorben war, ein. Es war ihm leider kein solcher Borgestraum vergönnt, wie Clemens Limbularius ihn einst gehabt.* Der kurze Halbdämmerschlaf erfrischte Hans Köberlin, er beendete, als er daraus erwacht,** die Lektüre dieses Bandes, des dritten, um sich anschließend den vierten Band der Werke – Textos cautivos – vorzunehmen.
* Siehe vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 29ff. Clemens Limbulariusʼ Traum fasziniert uns noch nach aöö den Jahren, weshalb wir uns erlauben, ihn hier anzuführen: »Einmal (…) hatte er [Clemens Limbularius] das erstaunliche Glück gehabt, sich als Autor einer Erzählung mit Jorge Luis Borges als Autor einer Erzählung zu träumen: er träumte kurz vor sechs Uhr morgens (wie er später auf dem Radiowecker sah), daß Borges morgens vor dem Aufwachen träumte, daß ein Mann sich im Garten des Patio eines Hauses mit dem Liebhaber seiner Frau duellierte, ihn dabei erschoß oder mit dem Messer erstach (ahí están los soberbios cuchilleros y el peso de la daga silenciosa …) und anschließend in dem Garten begrub. Borges erzählte den Traum seiner Frau. Die bereitete sich gerade auf einen Wettkampf vor, bei dem es darum ging, in einem Becken im Wasser stehend einem Kälbchen mit einem Messer den Kopf abzuschneiden. Die Frau ging vor den Augen der Kampfrichter in das Wasser, das der Frau aber viel zu kalt war. Sie watete deshalb an die Ecke des Beckens und drehte den Hebel des Wasserhahns auf heiß und ließ heißes Wasser ein. Dann watete sie, während ihre Rivalin noch am Beckenrand stand und das heiße Wasser noch einlief, mit ihrem großen Messer auf das Kälbchen zu, drehte es auf den Rücken, was im Wasser ziemlich leicht zu bewerkstelligen war, bog ihm den Kopf zurück und schnitt ihm in die Kehle, durch Haut und Fleisch und Sehnen und durch die Luft- und Speiseröhre, also durch alles bis auf die Wirbelsäule, dann schnitt sie in diese, so fest und so weit sie konnte, etwa bis zur Hälfte, um schließlich den Kopf vom Körper einfach abzubrechen. Der hing dann bloß noch an der Nackenhaut am Körper (über das Blut bei der Prozedur hatte Clemens bei seiner Traumniederschrift nichts vermerkt). Borges’ Frau hatte also gewonnen und ihre Rivalin war traurig. Um ihre Rivalin, die auch ihre Freundin war, zu trösten, sagte Borges’ Frau, sie, die Freundin, habe zwar diesen Wettbewerb verloren, sei aber dafür die bessere Geschichtenerzählerin, sie solle ihr doch eine Geschichte erzählen. Die Freundin ließ sich derart trösten und meinte, sie habe erst heute am frühen Morgen eine Geschichte geschrieben. Darin ginge es um einen Mann, der herausbekommen habe, daß seine Frau ihn betrüge. Der Mann habe daraufhin seinen Nebenbuhler in den Garten des Hinterhofes des Hauses, in dem er lebte, gelockt, ihn dort in einem Duell getötet (ahí están los soberbios cuchilleros y el peso de la daga silenciosa …) und ihn anschließend im Garten begraben. Clemens kam im Traum darauf, daß es Borges darum ging, daß wann immer jemand eine Geschichte aufschrieb, ein anderer diese Geschichte träume, und Clemens wachte über diesem Gedanken, daß etwas mit etwas in einem Zusammenhang stand, den es eigentlich nicht geben sollte, auf.«
** Was, wenn wie bei Dornröschen hundert Jahre vergangen wären? – Seine Prinzessin hatte ihn nicht wachgeküßt.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Montag, 13. Juni 2016
Freitag, der 13. Juni 2014
[255 / 69]
Brecht hatte sich nämlich am 14. Januar 1941 gefragt, »ob vorkehrungen, wie die komödie sie trifft zur verhütung einer einfühlung des publikums, auch vom tragischen schauspieler getroffen werden können.«* Hans Köberlin suchte in seinem Gedächtnis nach entsprechenden Beispielen … … … ‒: ihm fielen keine ein.** Wie sollte sich auch die Beobachtung von Tragik der Emphase entziehen können? Und wenn eine Figur einem unsympathisch, war, dann empfand man ihr Leiden auch nicht als tragisch, sondern als verdient.
»Na!«
Und einen Tag (und zwei Seiten) später: »ebenso wie der einfühlakt kann auch der v-effekt auf suggestiver basis ausgeübt werden.« Das, so Hans Köberlin, war das, was Godard seit Sauve qui peut (la vie) (1980) machte.
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 170.
** Wir hatten für einen Moment erwogen, … ‒ Aber nein!
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
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Sonntag, 12. Juni 2016
Donnerstag, der 12. Juni 2014
[254 / 70]
Schauen wir doch einfach einmal, was gewesen, als die Relation noch umgekehrt, erst 70 Tage hier und – was Hans Köberlin damals, am Dienstag, dem 10. Dezember 2013, allerdings noch nicht gewußt – 254 Tage noch offen bis zu seiner Rückkehr* …: er hatte nicht gut geschlafen, was aber hier nach wie vor nichts ausmachte, weil die Zukunft, der Feind, immer noch abstrakt war, er hatte auf der anderen Dachterrasse gefrühstückt, er hatte Kierkegaard gelesen, er hatte eine kryptische Nachricht bezüglich Telos von dem Busenfreund erhalten, er hatte in der ›Tango Bar‹ gesessen und dort ausnahmsweise sogar sein Abendessen eingenommen und er hatte am Abend dieses Tages auf einen der eh meist schlechten Fernsehkriminalfilme verzichtet. – Ah …: »La fuga del tiempo, que al principio nunca pasa.«**
* Siehe hier [sogar die Bilder waren ähnlich gewesen … purer Zufall! … und diese Anmerkung steht auch nicht im Roman].
** Jorge Luis Borges, Buenos Aires, 1899; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 14: Rose und Münze, S. 218.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Samstag, 11. Juni 2016
Ein Stratege spricht aus Erfahrung
als ob nicht gerade das gute unbedingt am meisten reklame, intrige und schiebung benötigte!
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 175).
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 175).
Mittwoch, der 11. Juni 2014
[253 / 71]
Edmond hatte am Montag, dem 14. August 1882, von einem als »B***« anonymisierten Mann berichtet, der, so der Chronist, unter einem gedanklichen Stammeln laboriere: der Gedanke stolpere bei ihm, wie bei einem anderen das Wort.* Sollte Hans Köberlin sprechen müssen, da stolperten auch bei ihm, dem Soziophoben, wie bei den anderen nicht-B***s, die Worte. Hans Köberlins Gedanken jedoch stammelten nicht, sie ließen sich zügig denken, allerdings nicht teleologisch linear, selbst wenn sie auf etwas Konkretes hinauswollten. Hans Köberlin dachte kreisförmig oder labyrinthisch und dabei sprunghaft. Er dachte nicht effizient, wie er, der Verschwender, überhaupt kaum etwas in seinem Leben effizient tat. Und mit seinen Ineffizienzsystemen konnte er sich auf den Ablauf seiner Umwelt leicht wie ein Saboteur auswirken, als Sand in einem an sich reibungslosen Getriebe.
* Vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 7, S. 127.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Freitag, 10. Juni 2016
Dienstag, der 10. Juni 2014
[252 / 72]
Für Hans Köberlin begann an diesem Dienstag, dem 10. Juni 2014, die mit 32 Tagen zweilängste Phase des Alleinseins hier an der weißen Küste.* Er öffnete beide Fenster hinter seinem Schreibtisch (striptease table) und hoffte, sie vor dem Tag ihrer Abreise im August nicht wieder schließen zu müssen.
* Die ersten beiden Phasen brachten es zusammen mit dem Tag ohne die Frau nach dem ersten Abschied auf dem Flughafen auf 34 Tage, die dritte Phase umfaßte 31 Tage, vgl. unten im Anhang das Inhaltsverzeichnis nach Tagen und Monaten.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXI [Phase 9 – oder: Die letzte Phase], 10. Juni bis 11. Juli 2014).
Donnerstag, 9. Juni 2016
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