Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Samstag, 13. August 2016
Mittwoch, der 13. August 2014
[316 / 8]
Und Hans Köberlin war es, wie es Peter Handke einmal gewesen, als der die Stadt der Liebe hatte verlassen müssen, nämlich »als müßte ich die Welt verlassen«,* oder es war ihm so wie Stefano D’Arrigo über jenen alten Strandvagabunden und Verehrer der Feminotinnen geschrieben hatte, als der seinen Blick vom Meer abgewandt hatte, nämlich da sei es gewesen, als hätten seine Augen in diesem Blick all ihr Licht verbraucht.**
* Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 161.
** Vgl. Stefano D’Arrigo, Horcynus Orca, Frankfurt am Main 2015, S. 161.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXIII [Transfer retour], 13. bis 21. August 2014).
Freitag, 12. August 2016
Dienstag, der 12. August 2014
[315 / 9]
Hans Köberlin realisierte nicht wirklich, was gerade geschah, er agierte nur. Als er die erste Bücherkiste zu packen begann, schlug er willkürlich den 39. Band seiner Ausgabe der Comédie humaine auf und las: »Mais qui, dans les crises de sa vie, n’aime pas à écouter les pressentiments, à se balancer sur les abîmes de l’avenir?«*
* Es war aus Maître Cornelius. Dies war eine der schwächeren Erzählungen, fand Hans Köberlin. Gelungen war die emblematische Figur des Geizigen, der sich somnambul selber bestahl und am Tag nicht mehr wußte, wo er seine Beute versteckt hatte. Maître Cornelius wurde zum Opfer seiner selbst.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
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Donnerstag, 11. August 2016
Montag, der 11. August 2014
[314 / 10]
Und die Brüder an diesem Tag vor 151 Jahren …
Man sagt, daß der physische Mensch sich alle sieben Jahre erneuert. Erneuert sich der moralische Mensch nicht öfter? Und wie viele Menschen sterben in einem Menschen vor seinem Tod?*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 3, S. 608.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Mittwoch, 10. August 2016
Kausalitäten
die philosophen beharren darauf, daß man sich gründe vorstellen kann, die man sich nicht vorstellen kann.
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 247).
(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 247).
Sonntag, der 10. August 2014
[313 / 11]
Hans Köberlin hatte sich um sieben Uhr von der Weckfunktion seines Taschentelephons wecken lassen. Leise schlich er sich von der Frau, ging auf die Toilette, putzte sich die Zähne, zog sich an, nahm die Badesachen und ging los. Er hatte sich nämlich vorgenommen, heute, drei Tage vor seinem Abschied, entlang der durch die gelben Bojen beschriebene Linie durch die gesamte Bucht vor dem Playa La Fossa-Levante zu schwimmen. Die Sonne stand bereits heiß am Himmel, auf der Promenade waren aber trotz der Uhrzeit und der senilen Bettflucht kaum Leute unterwegs, die Strandreiniger hatten ihre Arbeit bereits aufgenommen und Hans Köberlin suchte sich gleich am Anfang der Bucht, dort wo die Felsen aufhörten, einen Platz für seine Kleidung, zog sich um und stieg in das wunderbare Wasser. Langsam und mit gleichmäßigen Zügen schwamm er auf die erste gelbe Boje der Bucht zu. Dabei kam ihm der Gedanke, was wohl wäre, wenn er nach dreiviertel der Strecke draußen, nicht bemerkt von den Gemeindearbeitern und den einzelnen Passanten auf der Promenade und am Strand, einen Schwächeanfall bekommen würde … Bei Hans Köberlin hatte sich nämlich während seiner jetzt 313 Tage seit seinem Aufbruch die Absicht ins Konträre verkehrt: nicht mehr jener Protagonist aus Gattaca, der sich keine Kraft für die Rückkehr aufsparen wollte,* war ihm vor Augen, Hans Köberlin wollte zurückkehren, wollte zurück mit der Frau, mit der er glücklich war.
* In der entsprechenden Fußnote zu Kafkas Diktum: »Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.« (Franz Kafka, Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg; in: Gesammelte Werke, hrsg. von Max Brod, Frankfurt am Main 1950ff., Bd. 7, Prosa aus dem Nachlaß, S. 39), schrieben wir im Prolog: »Wie auch der Protagonist von Gattaca (Andrew Niccol, 1997) sich nur deshalb behaupten konnte, weil er seine ganze Kraft in die Zukunft ausrichtete, ohne sich Reserven für einen Rückweg vorzubehalten.« Auch da war es um das Schwimmen im Meer gegangen …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Dienstag, 9. August 2016
Samstag, der 9. August 2014
[312 / 12]
Bei seiner Lektüre der Aufzeichnungen des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares stieß er einmal wieder auf eine Passage, die bei ihm, Hans Köberlin, nur Unverständnis hervorrief. Jener schrieb nämlich, es sei ein und dasselbe, ob man einen Körper berühre, sehe oder sich schlicht an ihn erinnere.* Nein, nein und tausendmal nein, hier wie nirgends sonst trennte, wie er selber schmerzvoll in den vergangenen Monaten erfahren, eine unüberbrückbare Barriere Imagination und Haptik.
* Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 355. Die Rede war selbstverständlich vom weiblichen Körper.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Montag, 8. August 2016
Freitag, der 8. August 2014
[311 / 13]
Nach dem Abschied vom ›Dolphin’s Pub‹ gingen sie die Hauptstraße hoch zur Altstadt und durch die Altstadt zu der Straße, in der die encierros stattfinden sollten. Sie wußten nicht genau, was sie erwartete, sie hatten Bilder von Pamplona im Sinn* und trafen folgendes an: die Bürgersteige waren mit Gittern, deren Stäbe einen solchen Abstand hatten, daß ein Mensch aber kein Stier hindurchkommen konnte, von der Straße abgetrennt, und auch Anfang und Ende dieser Straße, dort wo die Wagen von Polizei und Rettung auf ihren Einsatz warteten, waren mit diesen Gittern versperrt. Die Gitter an den Bürgersteigen waren mit Brettern überdacht, und auf diesen mit Geländern versehenen und durch Leitern zugänglichen Brettern hatten sich die Familien, die diesen Platz gekauft, gepachtet oder seit Generationen vererbt, eingerichtet. Die Frau und Hans Köberlin gingen bis etwa zur Mitte der Straße, Hans Köberlin kaufte zwei Becher mit Wein und sie stellten sich hinter die Gitter, um mit den anderen auf den Beginn der Veranstaltung zu warten.
* Hans Köberlin imaginierte natürlich noch jene Szene mit Daidalos’ Gestell, in welcher Minotauros gezeugt worden war …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Sonntag, 7. August 2016
Donnerstag, der 7. August 2014
[310 / 14]
Und Jules hatte heute vor 150 Jahren einen geglückten Abend gehabt …
7. August – Heute abend war Ball im Casino. Sie hatte ein tief ausgeschnittenes Mieder angezogen, jene hübsche Entblößung, die den zarten Zwischenraum der Brüste zeigt.
Wir sind zusammen ausgegangen. Sie war halb glücklich über ihre Aufmachung wie ein Kind, halb verwirrt, wie jemand, der sich nackt fühlt. Sie bemühte sich mit der freien Hand eine kleine Jacke zu schließen, die sie darüber trug, damit man nicht zu viel sehen sollte, ohne sie jedoch ganz zu schließen. Als wir auf der Straße gingen, rief sie nach einer ihrer Freundinnen, die im Erdgeschoß am Fenster saß und bat sie um eine Nadel, wobei sie leise zu mir sagte: »Peinlich, seine Haut auf der Straße zu zeigen …«
Wir tranken im Salon eine Tasse Kaffee, währenddessen die Nadel, ich weiß nicht wie, aufging. Sie trug ein weißes Mieder mit blauen Verzierungen. Ein Leibchen aus Batist unter dem das Rosige des Fleisches sichtbar wurde, verbarg noch das Bißchen an sichtbarem hellen Fleisch. Eine Kette aus vergoldetem Filigran, die in der Halsgrube hing, lief zwei oder drei Mal darüber hin. Zwischen ihre beiden Brüste hatte sie eine hellrosafarbene, purpurrot geäderte Nelke gesteckt, die das blühende Leben ihres Fleisches hervorhob und die Nelke wie eine künstliche Blume erscheinen ließ.
Sie roch an der Nelke, indem sie den Kopf senkte und die Grube zwischen den Brüsten vertiefte. Von Zeit zu Zeit hatte sie jenes träge Händeverschränken, das unter dem Rosigen ihrer Finger das matte Weiß ihrer Haut zeigte und verbarg. Einmal zog sie die Nelke aus ihrem Busen, roch lange mit geweiteten Nasenflügeln daran, reichte sie mir dann wie etwas, das sie nicht mehr wollte, und sagte zu mir: »Riechen Sie mal, ich liebe diesen Duft. Zu der Zeit, als ich künstliche Blumen machte, für Kirchen, wissen Sie, habe ich immer eine getrocknete Nelke in meine Nelkenblüten gesteckt.«
Es ist erstaunlich, wie wir, die Männer, obwohl wir nichts von einer Frau verlangen oder ersehnen, doch glücklich sind, daß die Freundschaft dieser Frau irgendwie an Liebe erinnert.*
* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 95f.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
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Samstag, 6. August 2016
Mittwoch, der 6. August 2014
[309 / 15]
Und während Hans Köberlin seine Traumerinnerungen niederschreib, da wurde ihm bewußt, daß dies heute sein letzter ganzer Mittwoch hier sein würde …*
* Man erinnere sich …: an einem Mittwoch war er mit der Frau aufgebrochen …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Freitag, 5. August 2016
Dienstag, der 5. August 2014
[308 / 16]
Auf der Toilette der hinteren Wohnung las er während seines morgendlichen Rituals bei Blumenberg: »Und genützt hätte ihm nicht einmal das Wahre, denn die Bedingungen, unter denen es vielleicht wahr gewesen ist, waren nur die jenes Augenblicks, jener Stunde, jener Tage in Aranjuez, die immer zu Ende sind, wenn das Stück zu spielen beginnt.«* Und Hans Köberlin fragte sich, ob er sein Aranjuez – Gegenwärtigkeit jenseits von Sorge und Langeweile** (wobei es bei ihm stets jenseits der Sorge war, den Langeweile hatte er so gut wie nie) – heiterer verlassen würde und ob nun noch einmal sein Stück beginnen würde …
* Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 215.
** Vgl. ebd., S. 217.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Donnerstag, 4. August 2016
Montag, der 4. August 2014
[307 / 17]
Die Frau setzte sich zum Arbeiten in den Patio an den kleinen runden Tisch unter der ausgefahrenen Markise, Hans Köberlin zum Lesen und Schreiben an seinen Lese- und Schreibtisch (striptease table); aus dem Radio in der Küche hörten beide Mahlers Fünfte. Es war so heiß wie noch nie (hatten wir das bereit einmal geschrieben?), eine angenehme trockene Hitze, die allerdings müde machte. So traf man sich im Schlafzimmer und hielt, zu müde sogar zum Vögeln, eine Siesta. Ganz tief sackte Hans Köberlin ab, tief und traumlos. Später machten sie sich zum Schnorcheln in die Cala Calalga auf. Es war sehr angenehm unter Wasser,* man hatte bloß auf die Leinen der Angler zu achten.
* Underwater Love (Smoke City, 1994) …
This must be underwater love(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
The way I feel it slipping all over me
This must be underwater love
The way I feel it
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Mittwoch, 3. August 2016
Sonntag, der 3. August 2014
[306 / 18]
Die Herausgeber und Kommentatoren merkten an: »An vielen Stellen seines Werkes weist Borges darauf hin, daß alle Menschen entweder als Platoniker (sie sehen Abstraktes, Gattungen: den Wald) oder als Aristoteliker (sie sehen Konkretes, Individuen: einzelne Bäume) geboren werden.«* Hans Köberlin bezeichnete sich selber nach dieser Unterscheidung als platonischen Aristoteliker oder, je nachdem, als aristotelischen Platoniker. Mit Das Abstrakte, das Konkrete hatte der Busenfreund seine Rezension des ersten Romans von Hans Köberlin betitelt … ja, der Busenfreund: »suyo fue el ejercicio generoso de la amistad genial.«**
* Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 5, S. 167.
** Ebd., Manuel Peyrou, Bd. 14: Rose und Münze, S. 240. Der komplette Titel war übrigens: Das Abstrakte, das Konkrete – und das Gelungene. Wie es Hans Köberlins Roman gelingt, den Bruch zwischen innerer und äußerer Welt stimmig zu erzählen, ohne ihn zu glätten. Der Busenfreund war auch ein Freund langer Titel … (vgl. auch vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, S. 481ff.).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Dienstag, 2. August 2016
Samstag, der 2. August 2014
[305 / 19]
Der Autor Viaud hatte am Sonntag, dem 10. Februar 1884 Edmond von einem Matrosen, der bei stürmischer See über Bord gegangen, erzählt. Man hatte dem Unglücklichen zwar noch einen Rettungsring zuwerfen können, aber keine Möglichkeit gesehen, ihn wieder an Bord zu holen. Was Hans Köberlin an dieser tragischen Geschichte besonders entsetzte war der Umstand, daß der Schiffspfarrer dem aufgegebenen Unglücklichen von der Brücke herab die Absolution erteilt hatte …
* Vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 7, S. 292. Hans Köberlin erinnerte sich an seine nächtliche Überfahrt von Palermo noch Neapel im Jahre 2009, als er mutterseelenallein an der Reling gestanden und um ihn herum nur absolute Schwärze und Gischt … – Im gleichen Eintrag befand sich auch noch eine schöne Verfluchung: jemand sollte »des Handschlags ehrbarer Leute beraubt werden« (ebd.), wobei natürlich »ehrbar« erst noch neu definiert werden müßte.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Montag, 1. August 2016
Freitag, der 1. August 2014
[304 / 20]
»Die Gescheiterten sind immer noch die besten Utopisten«, hatte Judith Schalansky in ihrem Atlas der abgelegenen Inseln im Kontext von Tristan da Cunha und Arno Schmidts Vorliebe für dieses Eiland ‒ als seiner Möglichkeit der Verwirklichung seiner Insel Felsenburg ‒ behauptet.* »Als aufrichtiger Gescheiterter ist man im Spätkapitalismus über die Sehnsucht nach Utopien hinaus«, entgegnete dem trotzig Hans Köberlin.
* Judith Schalansky, Taschenatlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde, Frankfurt am Main 5. Aufl. 2014, S. 76f. Wir hatten, wenn wir uns recht entsinnen, bereits einmal Sean Connery zitiert …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Sonntag, 31. Juli 2016
Donnerstag, der 31. Juli 2014
[303 / 21]
Am Donnerstag, dem 31. Juli 2014, erinnerte sich Hans Köberlin, daß er geträumt hatte, in der Wohnung eines amoralischen aber interessanten Bisexuellen oder Transsexuellen (?)* und dessen Freundes gewesen zu sein. Es war bei seinem Besuch um irgendwelche amoralischen aber interessanten Handlungen gegangen. Dann war da etwas mit einem Ritual zum Abschied oder zum Ende einer Saison gewesen, bei dem nur Frauen nackt hatten mitmachen dürfen. Dieses Abschiedsritual – man frage uns nicht, wovon Abschied genommen werden sollte – hatte so ähnlich geheißen wie eine Platte von Nick Drake. Hans Köberlin hatte die ganze Zeit über im Traum und in dem daran anschließenden Halberwachen überlegt, mit welchen Worten er das – diesen Traum – wohl aufschreiben würde. Es war gewesen, als ob er sich selber zwingen gemußt, endlich zu erwachen, um so wenig wie möglich zu vergessen. Träumen vom Aufwachen …
* Als Hans Köberlin seinen Traum dann niederschrieb, da kam ihm als Auslöser für diese Konstellation bloß Neil Jordans The Crying Game (1989) in den Sinn.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Samstag, 30. Juli 2016
Mittwoch, der 30. Juli 2014
[302 / 22]
Nach dem Frühstück fuhren sie mit dem Auto zu dem lokalen Flohmarkt. Hans Köberlin bat die Frau, soweit es ging – am Ende war eine Einbahnstraße, da ging es also nicht mehr – die Route seiner Dauerlaufstrecke* abzufahren. Er wollte nämlich wissen, was er so fast täglich in den vergangenen Monaten absolviert hatte. Von seinem Haus bis zu der Tankstelle, also der ersten Etappe seiner Dauerlaufstrecke, waren es etwa zweieinhalb Kilometer.
* Jetzt mußte man leider bereits sagen: seiner ehemaligen Dauerlaufstrecke.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Freitag, 29. Juli 2016
Dienstag, der 29. Juli 2014
[301 / 23]
Am Dienstag, dem 29. Juli 2014, notierte Hans Köberlin folgenden Traum in sein Arbeitsjournal: »Ich war auf der Universität und erwartete mit anderen Kommilitonen die Rückgabe der Hausarbeiten. Als es dann soweit war, da war meine Arbeit nirgendwo dabei. Schließlich sprach ich mit einem Dozenten für alte Geschichte, es war mein letzter Abteilungsleiter aus meinen Lehrjahren (zwei hatte ich da gehabt: GPS* und Schultheis). Mein Name tauchte auf seiner Liste mit der Note 2,4 auf. Ich erwachte dann, es war kurz vor sechs Uhr, mit dem fatalen Gefühl, mein Leben vertan zu haben. Schlief dann zum Glück nochmals ein und träumte, eine bestimmte gefährliche Fracht sollte mit einer Fähre von einer Insel – Hawaii oder Guantanamo – zu dem in Sichtweite entfernten New York geschafft werden. Der Fährmann war der stets mürrische Gabelstaplerfahrer aus dem Lager, in dem ich während meiner Jahre auf der Universität gearbeitet, und sein Gehilfe war das Faktotum von dort. Es ging um einen Vertrag, den ich kopiert hatte, dann um meine Bezahlung. Auf einer Bank hob ich 200 Euro ab, zwei große Scheine, und der eine, den ich in der Hand behielt, zerbröselte an den Ecken und war mit Tesafilm zusammengeklebt. Ich lief an einem Weg am Wasser entlang, das Wasser schwappte auf den Weg und es gab Alligatoren. Ein Junge sollte mitfahren, dessen Mutter hatte Angst, wollte aber gleichfalls mitfahren; sie war eine hysterische aufgedonnerte Rothaarige. Ich erwachte dann endgültig mit leicht schmerzenden Zähnen neben der schlafenden Maria.«
* Das waren seine Initialen, in die der Abteilungsschalk ein ›i‹ zu schmuggeln pflegte. Jahre später, lange nach seinen Lehrjahren, erfuhr Hans Köberlin, daß er ‒ der Schalk, nicht GPS ‒ sich umgebracht hatte, erhängt. Er war ein Windhund gewesen, hatte aber eine sehr sinnliche Frau gehabt, die Hans Köberlin an die wunderbare Ali MacGraw aus Sam Packinpahs The Getaway (1972) erinnerte. Hans Köberlin präferierte die Vorstellung, daß er es wegen ihr getan …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
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Donnerstag, 28. Juli 2016
Montag, der 28. Juli 2014
[300 / 24]
Später schauten sie sich noch die Wiederholung einer Episode aus der Reihe Polizeiruf 110 an, eine aus der Region rund um die Hauptstadt, Bei Klingelzeichen Mord.* Eine Schulklasse wollte eine unmögliche Lehrerin erschrecken, die Situation lief jedoch aus dem Ruder und die Lehrerin wurde erstochen. Nach der Tat schafften es die Schüler über den Verlauf der Tat zu schweigen, aber die Kommissarin hatte recht: das ließ sich nicht ewig aushalten. Die Episode war alles in allem nicht schlecht gemacht, bloß die Figur der Kommissarin – Wanda Wilhelmi …: wer hatte da wohl den Verantwortlichen ins Hirn geschissen?** – , die dann im weiteren Verlauf der Handlung den Suizidversuch von Wachtmeister Krauses Nichte provozierte, ging einem auf die Nerven.***
* Zweifellos platt auf den hiesigen Titel von Hitchcocks Dial M for Murder (1954) anspielend.
** Niemand, mein lieber Hans Köberlin, denn sie hieß Wanda Rosenbaum. Wanda Wilhelmi war der Name einer Staatsanwältin während ein paar in der Hansestadt angesiedelten Episoden der Tatort-Reihe.
*** Auf ein bis zwei Wochen genau zwei Jahre später lief der Film nochmals in einem der dritten Programme. Hans Köberlin erkannte gleich an der Eingangssequenz, daß er die Episode bereits einmal gesehen, er hatte aber die Auflösung vergessen. Die Frau dagegen erinnerte sich gleich an den Täter, denn der konnte klettern …
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Mittwoch, 27. Juli 2016
Sonntag, der 27. Juli 2014
[299 / 25]
Nach dem Essen schlief die Frau stante pede ein, es war wohl die Sorge um ihren Sohn und der Streß der Reise. Hans Köberlin wollte noch ein wenig Zeit in der lauen Nachtluft im Hof verbringen. Er räumte den Tisch ab, holte sich seine Bücher und, und begann bei der leisen Musik des lokalen Klassiksenders zu lesen und zu schreiben. Von Luhmann notierte er sich »Die Imitation macht sich das zurecht, was sie imitiert.«* und machte dazu eine Anmerkung, die auf Benjamins Essays Lehre vom Ähnlichen und Über das mimetische Vermögen** verwies. Er merkte einmal wieder, um wie vieles besser er lesen und schreiben konnte, wenn seine Muse im Nebenraum schlief. Sehnsuchtsvoll stand er auf und ging, dabei jedes Geräusch vermeidend, in das Schlafzimmer. Sie lag da, und als er sie flüsternd ansprach, redete sie aus einem Traum heraus von ›Monopoly‹. Hans Köberlin sagte ihr auf ihre diesbezügliche aus dem Schlaf gestellte Frage hin, Karl Marx habe ›Monopoly‹ erfunden beziehungsweise seine Spielregeln als erster beschrieben, er habe aber das Spiel damals noch ›Mensch ärgere dich!‹ genannt.
* Niklas Luhmann, Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 181.
** Walter Bejamin, Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1982, Bd. 2, S. 204ff.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Dienstag, 26. Juli 2016
Samstag, der 26. Juli 2014
[298 / 26]
Hans Köberlin frühstückte also zum letzten Mal alleine in seinem Exil. Diese fast zwanghaften Gedanken der Auflösung vor der eigentlichen Auflösung … Was das Brot betraf, da hatte er beim Einkauf gestern im ›Consum‹ wieder einmal einen Fehlgriff getan, denn es war trocken und schmeckte nach Pappe. Ihm fiel ein, daß Brecht in seinem Exil im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angesichts des Brotes, das er dort vorfand, einen Zusammenhang zwischen schlechtem Brot und Nomadentum hergestellt hatte. Und von der Unbeständigkeit, die sich in der Art des Brotes äußerte, war Brecht dann zu der allgemeinen Unbeständigkeit der Lebensumstände, der Arbeit und der Häuser, gekommen. Dabei fiel eine seiner wunderbaren Formulierungen, die Hans Köberlin sich gemerkt hatte, nämlich: sie »wohnen die zeit nicht aus« …
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 214.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Montag, 25. Juli 2016
Freitag, der 25. Juli 2014
[297 / 27]
Da war Hans Köberlin also nun doch noch einmal auf dem Aeropuerto der Provinzhauptstadt gewesen, nun aber wirklich das letzte Mal in diesem Leben, denn Sonntag würde es wegen der frühen Ankunftszeit der Frau nicht gehen. Und morgen und übermorgen würde er also auch nochmals auf seiner großen Runde dauerlaufen. Und er sollte noch zwei Nächte allein …* Da die Tische der Bar an dem Platz sämtlich besetzt waren, ging Hans Köberlin gleich die Haupteinkaufsstraße hinunter und in die zweite Etappe seines Heimgangs, in die südliche Dependance der ›Tango Bar‹.
* Siehe Samstag, den 12. Juli 2014 und Montag, den 9. Juni 2014.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Sonntag, 24. Juli 2016
Donnerstag, der 24. Juli 2014
[296 / 28]
An unseren Empfindungen, so hatte der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares geschrieben, an unseren Empfindungen sei genau das wirklich, was nicht unser sei, denn die uns allen gemeinen Empfindungen bildeten die Wirklichkeit, also sei individuell an ihnen nur, was nicht der Wirklichkeit entspreche. Und, so hieß es weiter im Livro do Desassossego, sähe er eines Tages eine scharlachrote Sonne, er wäre über die Maßen beglückt, denn wie sehr wäre diese Sonne allein die seine.* Abgesehen davon, daß Hans Köberlin im abendlichen Großstadtsmog bereits des öfteren mit einem Haufen via Taschentelephon photographierender Leute den Untergang einer scharlachroten romantischen Sonne gesehen hatte, abgesehen davon also wunderte sich Hans Köberlin ein wenig darüber, daß der Hilfsbuchhalter bei dem vielen Weisen, das er schrieb, noch so an seinem Ich, an seinem Eigenen hing. Er sollte doch wissen, daß – war man kein Säulenheiliger – Weltflucht nur in der Welt und im Modus des Paradoxen passieren konnte, durch Aufgehen im allgemeinen Banalen, und nicht durch idiosynkratischem Beharren auf der eigenen kleinlichen zufälligen Besonderheit.
* Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 350.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Samstag, 23. Juli 2016
Mittwoch, der 23. Juli 2014
[295 / 29]
Heidegger fiel Hans Köberlin dazu ein: »Wir hören im Haus die Tür schlagen und hören niemals akustische Empfindungen oder auch nur bloße Geräusche. Um ein reines Geräusch zu hören, müssen wir von den Dingen weghören, unser Ohr davon abziehen, d. h. abstrakt hören.«* Und da kam, so Hans Köberlin, die zeitgenössische – sogenannte ›neue‹ – Musik ins Spiel … »abstrakt hören« und musique concrète …
* Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks, Stuttgart 1960, S. 18.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
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Freitag, 22. Juli 2016
Dienstag, der 22. Juli 2014
[294 / 30]
»Es ist Morgen, ich bin am Schreibtisch, ich bin ruhig. – Meine Mutter hatte meinen Vater und mich verlassen, es war eine ziemlich beklemmende und trostlose Situation, inspiriert wohl von nicht verstandenen Eindrücken. Ich mußte an diesem Morgen irgendwann aus dem Haus, wußte aber nicht mehr genau wann und wohin (eine meiner schlimmen Urszenen!), und ich ging im Ort meiner Herkunft im Haus meiner Zeugung und meiner Geburt die Treppe hinunter, und ich kam am Schlafzimmer meiner Eltern vorbei.* Dann ging es um das Kochen des Tees. Jemand (mein ehemaliger Abteilungsleiter?) half mir dabei, tat die Teebeutel allerdings nicht in die Glaskanne (die ich in Ermangelung einer wirklichen Teekanne hier benutze), sondern direkt in den Wasserkocher, der wiederum in einer Keramikkanne stand. Dann ging es noch um die Waschmaschine, ein altertümliches Gerät, das neben einem großen Gummifußabtreter an der Promenadenmauer im Sand stand. Ich wollte das Gerät zu meinem Haus hier schleppen, dachte aber dann, daß es auch dort gut stand … Ich hörte in meinem Traum sehr realistisch die Baßklarinette von Evan Ziporyn in dem Stück Tsmindao Ghmerto.«** Diesen Traum also notierte Hans Köberlin am Dienstag, dem 22. Juli 2014, in sein Arbeitsjournal, nachdem er sich von der noch schlafenden Frau an den Schreibtisch geschlichen hatte.
* Nein, das war nicht das Ende, denn Hans Köberlin sah seinen Vater allein in dem Ehebett liegen. Er hätte ihn auch nicht getötet, hätte er seine Mutter neben ihm liegen gesehen, selbst im Traum nicht, denn Hans Köberlin hatte seine Mutter nie als Frau begehrt. Hans Köberlin wartete mit den Inzesten diverser Abstufungen, bis Cousinen in sein Leben traten und bis er frühreif genug war, die verstorbene Schwester zu imaginieren.
** Bang on a Can, Classics (2002).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
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Donnerstag, 21. Juli 2016
Montag, der 21. Juli 2014
[293 / 31]
… ›etwas nachdenken‹, ohne Präposition, temporal, das gefiel Hans Köberlin: etwas war schon vor einem selber da und man dachte ihm nach …*
* Hans Köberlin war in Wolfgang Schultzens Dokumente der Gnosis, Augsburg 2000, S. 89, darauf gestoßen: »Nach einer gemeinverständlichen und umfassenden Darstellung der Gnosis empfindet man ohne Zweifel überall Bedürfnis, wo religiösen und philosophischen Fragen nachgedacht wird.« – »Bedürfnis empfinden« gefiel Hans Köberlin gleichfalls.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Mittwoch, 20. Juli 2016
Sonntag, der 20. Juli 2014
[292 / 32]
Und Hans Köberlin fiel ein, was Robert Walser im Kontext eines kurzen Essays über Dilettanten betreffs der Kunst geschrieben hatte: »In der Kunst gibt es nie etwas zu erneuern, nur neu zu erfassen, nie etwas zu reinigen, nur selber reinlich zu sein, nie neue Wege zu schaffen, nur selber zu versuchen, wertvoll zu sein.«* Dies mochte bezweifelbar sein, gerade was die Musik betraf, etwa Schönberg, aber Robert Walsers Unterscheidungen waren sämtlich schalkhaft, er kreuzte sie so oft, das man fast glaubte, er hebe sie auf, was er natürlich nicht tat.
* Robert Walser, Dilettanten; in: Sämtliche Werke in Einzelausgaben, hrsg. von Jochen Greven, Zürich und Frankfurt am Main 1985, Bd. 15: Bedenkliche Geschichten, S. 62. Als Hans Köberlin diese Passage exzerpiert hatte, war es zu einem hübschen – den Fehlleister Freud wohl erfreut habenden – Verschreiber gekommen, nämlich: ›nie etwas zu reinigen, nur selber heimlich zu sein‹ … – »Meine Schusseligkeit wird mir noch einmal das Genick brechen!«
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
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Dienstag, 19. Juli 2016
Samstag, der 19. Juli 2014
[291 / 33]
… vielleicht eine aus mangelnder äußerer Sensation resultierende Langeweile … »Es gibt Leidensdrücke (und auch Langeweile ist Leiden), die in hochunwahrscheinliche Kommunikation treiben können.«*
* Peter Fuchs, Blindheit und Sicht; in: ders. / Niklas Luhmann, Reden und Schweigen, Frankfurt am Main 1989, S. 202.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Montag, 18. Juli 2016
Freitag, der 18. Juli 2014
[290 / 34]
Und während die Frau noch schlief, bewegte sich Hans Köberlin in seinem Kimono wie selbstverständlich in seinem Haus, welches doch eigentlich das Haus seines Freundes und dessen Bruder war und welches er in konkret absehbarer Zeit für immer verlassen würde. Und angesichts der noch aktuellen Selbstverständlichkeit fiel ihm ein Satz des Lehrers seines Busenfreundes ein: »Denn nur das Selbstverständliche ist geheimnisvoll.«* Ja, so war es.
* Dietmar Kamper, Zur Geschichte der Einbildungskraft, Reinbek 1990, S. 8. Das hatte natürlich mit der Struktur der Zeit zu tun.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Sonntag, 17. Juli 2016
»Apothese des Absurden«
Verabsurden wir das Leben, von Ost bis West.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 355).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 355).
Donnerstag, der 17. Juli 2014
[289 / 35]
Als Brecht am 13. Mai 1941, also kurz vor seiner Emigration in die USA, in Finnland einen Propagandafilm aus Nazideutschland sah, da merkte er in seinem Arbeitsjournal die Abgeschlossenheit der militärischen Milieus »vom leben« an: »nur zwei zivilisten, den kantinenwirt, der bier bringt, und ein bauernmädchen auf einem acker neben dem flugfeld, das ihren geschlechtsteil bringt.«* Das waren also jene beiden Aspekte des Lebens, die alles durchdrangen, und solange man die nicht ausschließen konnte, dachte Hans Köberlin, bestand noch Hoffnung.
* Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 203.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
Samstag, 16. Juli 2016
Mittwoch, der 16. Juli 2014
[288 / 36]
An eine Metapher mußte er immer wieder denken, nämlich an Hans Henny Jahnns Bild eines Flusses ohne Ufer.* Und Hans Köberlin fragte sich, welcher Teufel ihn wohl geritten hatte, als er seine Ausgabe von Jahnns Werken dahingegeben hatte.
* Borges setzte dem mit seinem Vers »junto al río que tiene una sola margen« noch eins drauf (Jorge Luis Borges, G. A. Bürger; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 14: Rose und Münze, S. 232).
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XXII [Der abschließende Besuch der Frau], 12. Juli bis 12. August 2014).
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