Herbert Neidhöfer, homme de lettres
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Aus dem Katzengraben ·
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Samstag, 17. Juni 2017
P. K. D. #108
Cadbury, the Beaver Who Lacked ist keine Science-Fiction-Geschichte, sondern eine Mischung aus Fabel und Parabel. Ein unglücklich verheirateter Biber sucht Rettung durch eine andere Frau, man kennt das. Am Ende trifft er auf eine, die sich vor seinen Augen in Kumpel, Mutter und Schlampe aufspaltet. Das Begehren des Bibers wandelt sich in etwas Diffuses, mit dem die Geschichte etwas unbefriedigend endet.
Dienstag, 13. Juni 2017
P. K. D. #107
The Electric Ant ist eine Blade Runner-Geschichte: ein Mann entdeckt nach einem Unfall, daß er ein Android ist. Als er anschließend herausfindet, daß sein Wirklichkeitszugang wie bei einem mechanischen Klavier über ein Lochband gesteuert wird, macht er Experimente, um – wie bei Borgesʼ Aleph ‒ die totale Wahrnehmung von allem zu haben. Dabei kommt er ums Leben, woraufhin auch seine Sekretärin verschwindet, was so, wie man es liest, nicht ganz logisch ist. Die konstruktivistischen Modelle und Gedankenspiele waren damals wohl noch nicht so ausgereift, daß sie erzählperspektivisch adäquat umgesetzt werden konnten.
Sonntag, 11. Juni 2017
Zum Glück falsche Versprechen
When I was young, people told me: Youʼll see when youʼre fifty. Iʼm fifty. Iʼve seen nothing.
(Erik Satie, zit. nach: Cohn Cage, Silence. Lectures and writings, Hanover / New England 1961, S. 81).
(Erik Satie, zit. nach: Cohn Cage, Silence. Lectures and writings, Hanover / New England 1961, S. 81).
Samstag, 10. Juni 2017
P. K. D. #106
The Story to End All Stories for Harlan Ellisonʼs Anthology »Dangerous Visions« ist eine kurze Skizze für einen Plot um eine zusammengesetzte Frau nach dem großen Krieg, die sich mit einer außerirdischen Frau paart. Sie bekommt ein Kind, das sie nach der Geburt ißt. Dann stellt sich heraus: das Kind war Gott.
P. K. D. #105
In Faith of Our Fathers haben die, die man in den USA als Kommunisten ansah, die Weltherrschaft erlangt. Der agnostische Protagonist steht zwischen der Karriere in einem Ministerium und dem Auftrag, den großen Vorsitzenden als Alien zu entlarven. Der Vorsitzende entpuppt sich als böser Gott und am Ende wird die sexuelle Vereinigung als Erlösung gefeiert. Es wird unreif mystischer in den Geschichten.
Freitag, 9. Juni 2017
Am Morgen
Der Weg dessen, der sich scheut, ans Ziel zu gelangen, wird leicht ein Labyrinth zeichnen.
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 427).
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 427).
Donnerstag, 8. Juni 2017
P. K. D. #104
In Return Match veranstalten Außerirdische illegale Glücksspiele auf der Erde. Nach einer Razzia finden die Polizisten einen Flipper, der spielsüchtig macht, um schließlich die Stahlkugel auf den Spieler abzuschießen. Am Ende geht diese Revanche über das Spiel hinaus und einer der Polizisten, der bei der Razzia beteiligt war, sieht, wie eine riesige Stahlkugel auf seine Wohnung zuschießt.
Mittwoch, 7. Juni 2017
Dienstag, 6. Juni 2017
P. K. D. #103
In Not by itʼs Cover werden Bücher in die Haut eines Marstieres eingebunden, die nach dem Tod ihres Trägers weiterlebt. Diese Haut ist intelligent und unsterblich und korrigiert Texte, die die Unsterblichkeit anzweifeln. Die Geschichte ist eher albern.
Donnerstag, 1. Juni 2017
P. K. D. #102
We Can Remember it for You Wholsale ist zum Teil die Vorlage zu Total Recall, nur zum Teil, weil die Geschichte von Paycheck, wo ein Mann sich selber eine Nachricht schickt und sich selber instruiert, noch dazukommt (als ich Paycheck las, kannte ich diese Geschichte noch nicht). Das Finale findet hier auf der Erde statt, und ich fand, daß Verhoevens Film besser funktionierte, was aber auch an der Abfolge der Rezeption liegen kann. Die Frauen laufen in dieser Zukunft nur noch barbusig herum und malen ihre Brüste in verschiedenen Farben an. Aber immer nur nackt läßt das Geschlechtsorgan Imagination unterbeschäftigt und bringt einen um die Freude des Enthüllens.
Montag, 29. Mai 2017
P. K. D. #101
In Holy Quarrel trifft man auf einen Vorläufer von HAL 9000 oder der Bombe aus Dark Star. Ein Computer soll die Kriegsgefahr schneller als die Menschen erkennen und einen Präventivschlag vornehmen – so bereits geschehen gegen Frankreich und Israel. Als der Großrechner wegen eines Betreibers von Kaugummiautomaten Nordkalifornien auslöschen will, blockiert man ihn. Es beginnen Untersuchungen sowohl des Computers als auch des Kaugummiimperiums. Dabei kommt heraus, daß der Computer eine religiöse Psychose haben muß, woraufhin man ihn abschaltet. Doch am Ende hatte er doch recht, denn die Kaugummis entpuppen sich als extraterrestrische Einzeller, die sich durch Teilung vermehren und dabei die Welt überschwemmen. – Der Plot ist nicht (mehr?) ganz ausgereift.
Sonntag, 28. Mai 2017
Samstag, 27. Mai 2017
P. K. D. #100
In Your Appointment will be Yesterday wurde in Teilen der Welt der Lauf der Zeit umgedreht. Der Protagonist war ein Bibliothekar, der für die Gesellschaft gefährliche Erfindungen auslöschte. Zu Inkonsistenzen kam es, als es um eine Erfindung ging, die mit der Zeitumkehrung zu tun hatte. Gut war an der Machart der Geschichte – bei der ich an Zum Beispiel Otto Spalt denken mußte –, daß die Welt ohne Erklärungen eingeführt wurde. Aber es blieb zuviel offen, vieles war nicht bis zum Ende durchdacht und funktionierte logisch nicht.
P. K. D. #99
A Terran Odyssey ist die bisher beste Geschichte, sie hätte auch von den Strugatzkis kommen können (Die Schnecke am Hang). Geschildert werden Impressionen aus einer postkatastrophischen Welt. Der Anhang berichtet, daß es sich um zusammengestellte Auszüge aus einem Roman handelt; ich vermute, diese Zusammenstellung ist poetischer als der Roman. Auch in der postkatastrophischen Welt gibt es bei Dick Schlampen (in der Zeit muß ihm eine Frau zugesetzt haben).
Freitag, 26. Mai 2017
P. K. D. #98
Auch in Retreat Syndrome geht es um den Status der Realität. Ein Mann zweifelt an dem, was um ihn ist, und vermutet, daß er manipuliert wird. An einem gewissen Punkt der Geschichte erzählt ihm sein Psychiater, daß er in einem durch einen Schuldkomplex ausgelösten Wahn lebt. Wegen ihm ist ein Unabhängigkeitskrieg gescheitert, nachdem seine Frau hinter die Pläne der Revolte kam und diese im Kontext eines Ehestreits verraten hat. Seitdem versucht er immer wieder, die Frau zu töten. Daß es sich um einen Wahn handelt, ist am Ende ziemlich eindeutig, man hätte es offener lassen können.
Donnerstag, 25. Mai 2017
P. K. D. #97
Precious Artifact ist wieder ein Vorläufer von Matrix. Ein Ingenieur, der nach einem interplanetaren Krieg den Mars rekultiviert, hat den Verdacht, daß irgendetwas nicht stimmt. Er reist zurück nach Terra und stellt fest, daß die Aliens den Krieg gewonnen haben und ihn nun brauchen, um die vollkommen zerstörte Erde wieder zu rekultivieren. Sie gaukeln ihm zunächst vor, die Welt sei heil, dann bringen sie ihm nach und nach bei, daß seine Situation schlimmer sein könnte (ein Argument der humanoiden Alienfrau war, daß sie ja auch paarungsunfähig sein könnten). Am Ende, wo er denkt, er habe alle Schlichen durchschaut, bekommen sie ihn mit einem künstlichen Kätzchen herum.
Mittwoch, 24. Mai 2017
P. K. D. #96
In A Game of Unchance landen regelmäßig Schausteller auf einer Kolonie. Die Siedler geben ein Großteil ihrer Ernte für die Spielgeschäfte aus und werden regelmäßig abgezockt. Als sie mit Hilfe eine telekinetisch begabten Jungen endlich gewinnen, entpuppt sich der Gewinn als eine Invasion von feindlichen Miniaturrobotern – das trojanische Pferd fällt einem ein: die Einladung des Feindes. Man nimmt sich vor, sich künftig von den Schaustellern fern zu halten, aber der Reiz ist für die Provinzler zu groß, und beim nächsten Rummel kann man Fallen gewinnen, die den Miniaturrobotern den Garaus machen würden. Es geht also bloß um Bauernfängerei. Die sexuellen Anspielungen nehmen in Dicks Geschichten zu – wie die Schilderungen der durch den dritten Weltkrieg verwüsteten Erde abnehmen ‒, aber weniger knistert es zwischen gleichberechtigen Personen als zwischen einem Chef und seiner Untergebenen oder es werden auf dem Rummel Go-Go-Girls und Stripperinnen gezeigt.
Montag, 22. Mai 2017
Samstag, 20. Mai 2017
P. K. D. #95
The War with the Fnools ist leicht zu gewinnen, weil man die als Menschen getarnte Aliens gleich erkennt, da sie nur sechzig Zentimeter groß sind. Ein Agent macht sich einen Gag daraus, einen gefangenen Fnool an einer Zigarette ziehen zu lassen – prompt wächst er auf einszwanzig, und ein Glas Scotch bringt ihn auf normale Größe. Nun hat man das Problem, ihn unter den Menschen aufzuspüren, aber das Vögeln macht aus ihm einen Riesen, den man gleich wieder erkennt. Die drei Laster … Hier lag wohl der Ehrgeiz Dicks, ironisch zu sein.
Mittwoch, 17. Mai 2017
Heute einmal nicht aus gegebenem Anlaß
Unter allen Gegenständen, die Baudelaire als erster dem lyrischen Ausdruck erschlossen hat, dürfte einer voranstehen: das schlechte Wetter.
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 168).
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 168).
P. K. D. #94
In The Little Black Box / »From Ordinary Household Objects« leidet ein religiöser Führer für seine Anhänger. Die leiden mittels eines schwarzen Geräts (einer Art Pain Station) mit. Die Regierung sieht diese Religion als Bedrohung an und möchte sie unterbinden. Die Protagonistin – zuerst skeptisch eingestellt – wird durch die Nachstellungen der Regierung in die Klauen der Religion getrieben. Es ist eine etwas unausgegorene Geschichte, in der die mit den Figuren hervorgerufene Empathie konträr zu ihrem Tun ist: das Religiöse – besonders das auf Leiden basierende ‒ ist zu verdammen. Laut Dick bildet die Geschichte die Grundlage von Do Androids Dream of Electric Sheep? Es ging ihm darum, was der religiöse Führer war, ein Android oder ein Alien oder nur ein Mensch, eine Frage, die ich für zweitrangig halte. Jeder religiöse Führer ist ein abzuschaffender.
Non vitae, sed scholae …
In jedem Jahrhundert muß die Menschheit nachsitzen.
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 177).
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 177).
Sonntag, 14. Mai 2017
P. K. D. #93
In Oh, To Be a Blobel! / »Well, See, There Were These Blobels …« hatte die Menschheit Krieg gegen die Blobels – große intelligente Amöben ‒ geführt. Es hatte auf beiden Seiten Agenten gegeben, die sich je in die andere Spezies verwandelt hatten. Nach dem Krieg war diese Verwandlungsfähigkeit nur zum Teil reversibel, und die Betroffenen verbrachten ein Leben halb und halb. Um einem darunter leidenden Mann zu helfen, verkuppelte ihn sein Psychoanalytiker mit einer Blobel-Agentin. Die Geschichte ist die Geschichte des Scheiterns dieser Ehe, aus der vier Kinder nach den mendelschen Gesetzen hervorgingen: ein Blobel, zwei Hybride und ein Mensch. Der Protagonist war ökonomisch ein Looser, der durch seine Blobel-Frau zum erfolgreichen Geschäftsmann wurde. Am Ende verwandelte sich die Frau nach der Trennung aus Liebe zum kompletten Menschen, und der Mann aus Gier zum kompletten Blobel. Man bemerkt die sexuelle Liberalisierung der sechziger Jahre deutlich in Dicks Geschichten.
Donnerstag, 11. Mai 2017
Dienstag, 9. Mai 2017
P. K. D. #92
In Whatʼll We Do With Ragland Park? / »No Ordinary Guy« tritt das Personal der vorherigen Geschichte wieder auf, der bauernschlaue Tyrann und der Nachrichtenclown. Protagonist ist der Betreiber eines Kultursenders, der den Nachrichtenclown aus dem Gefängnis holt und einen Folksänger engagiert, dessen Balladen kurz nach dem Vortrag Realität werden, also eine … du rissest dich denn ein.-Geschichte. Der Sänger ahnt nichts von seiner Gabe, und als der Intendant sie entdeckt, bekommt er es mit der Angst ob solcher Macht zu tun, und er fragt sich, wie man den Sänger unschädlich machen kann. Der erledigt das selber, indem er seinen eigenen Märtyrertod besingt. ‒ Häufig bleiben die Orte, an denen sich Dicks Figuren aufhalten, zu vage.
Samstag, 6. Mai 2017
P. K. D. #91
In Stand-by / »Top Stand-by Job« wird die USA von einem Elektronengehirn regiert. Für den Fall seines Ausfalls stellt die Gewerkschaft einen sogenannten Bereitschaftspräsidenten. Dieser bauernschlaue Dumpfmensch übernimmt während eines durch einen Alien-Angriff ausgelösten Computerausfalls die Herrschaft, nachdem er sich zuvor mit dem obersten Nachrichtenclown überworfen hat. Die beiden kämpfen um die Macht, bis das wieder reparierte Elektronengehirn sich zurückmeldet und dem Treiben ein Ende setzt. Ich mußte an Sopranos denken und die Scheinarbeitsplätze, die die Mafia auf diversen Baustellen betrieb.
Montag, 1. Mai 2017
P. K. D. #90
In The Days of Perky Pat / »In the Days of Perky Pat« verbringen die Überlebenden eines globalen Krieges ihre Zeit damit, eine Art von Barbie-Puppen-Monopoly zu spielen, während ihre Kinder sich heimlich die basalen archaischen Überlebenstechniken aneignen. Es kommt bei dem Spiel zu einem Duell zweier Bunker, wobei die titelgebende Figur, die sich im Teenageralter befindet, gegen eine Figur antritt, die eine reife Frau ist, und zudem schwanger, was impliziert, daß sie Sex hatte. Es ging um Dekadenz und darum, sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Ich mußte an Die Schnecke am Hang von den Strugatzkis denken. Dick kommt es immer, wie bereits desöfteren erwähnt, um die Ausarbeitung einer Idee für eine Geschichte an. Das Interessante, das zwischen Idee und Geschichte liegt und in dessen Ausfabulierung Borges ein Meister war, taucht bloß punktuell auf.
P. K. D. #89
Orpheus With Clay Feet ist wie Waterspider eine autothematische Geschichte, was mit dem basalen Paradox der Zeitreisen in die Vergangenheit korreliert. Leute, die selbst nicht kreativ sind, reisen in die Vergangenheit, um Künstler zu ihren Werken zu inspirieren. Der Protagonist will einen SF-Autor zu dessen großem Epos inspirieren, was aber schiefläuft und das Epos aus der Geschichte verschwinden läßt. Der Autor verarbeitet sein Erlebnis mit dem Zeitreisenden in einer Geschichte mit dem Titel Orpheus With Clay Feet und stirbt verarmt. Der Protagonist muß daraufhin als Strafe in die Vergangenheit, um den Hitler der wiener Malerzeit zu deinspirieren.
P. K. D. #88
What the Dead Men Say / »Man With a Broken Match« ist in einer Zeit angesiedelt, in der man nach dem Tod noch ein gewisses Quantum Halbleben hat, bevor man endgültig stirbt. Man kommt in Leichenhallen, in denen die Verwandten noch einige Zeit an sogenannten »Wiederauferstehungstagen« mit einem kommunizieren können. Als der mächtigste Mann der Erde stirbt, funktioniert sein Halbleben nicht, dafür hört man durch sämtliche Medien auf der Erde ununterbrochen seine Stimme aus dem All vor sich hinbrabbeln und kann dies Gebrabbel auch in sämtlichen Zeitungen lesen. Und als dann seine psychopathische und drogensüchtige Enkelin ihn beerbt und sein PR-Mann sich in die Erbin verliebt ‒ ein Novum bei den Geschichten bisher ‒, setzen die Verwicklungen ein. An deren Ende entpuppt sich die Erbin als Drahtzieherin des Komplotts, das man mitverfolgt hat, und unter denen, die sich ihr entgegenstellen und sie ausschalten wollen, zieht ausgerechnet der PR-Mann beim Losen um diese undankbare Aufgabe den Kürzeren. Die Erzählung ist etwas zu lang geraten.
P. K. D. #87
Waterspider ist eine autothematische satirische Erzählung: man hat ein Raumfahrtproblem und alles technische Wissen stammt aus Science-Fiction-Magazinen, deren Autoren man für Präkogs hält. Um das Raumfahrtproblem zu lösen, reist man in die Vergangenheit auf einen Kongreß der Science-Fiction-Autoren, wo Dick, Bradbury et cetera sich versammelt haben. Einen der Autoren holt man in die eigene Zeit, er löst das Problem, aber als man ihm vor der Rückreise in die Vergangenheit die Erinnerung an die Zeitreise löscht, ist auch die Lösung wieder verschwunden.
Sonntag, 30. April 2017
P. K. D. #86
Novelty Act / »At Second Jug« spielt in der nicht ganz so entfernten Zukunft in den USA. Es gibt nur noch eine Partei, die republikanischen Demokraten, und Regierungsform ist das Matriarchat. Die Menschen leben in großen Wohneinheiten, die tribal straff organisiert sind und gegeneinander konkurrieren. Die First Lady ist in den Medien omnipräsent, gewählt wird – wie bei Ranke-Graves beschrieben ‒ ihr Gatte auf Zeit, und die einzige Möglichkeit, sie zu Gesicht zu bekommen, ist bei einem Talentwettbewerb zu gewinnen. Zwei Brüder versuchen es, indem sie auf sogenannten Jugs Bach blasen. Dabei kommt heraus, die First Lady ist ein Kunstprodukt, das seit Jahren von diversen Schauspielerinnen verkörpert wird.
Samstag, 29. April 2017
P. K. D. #85
In If There Were No Benny Cemoli / »Had There Never Been a Benny Cemoli« landet eine intergalaktische Polizei- und Wiederaufbautruppe auf der nach einem Krieg völlig vernichteten Erde und besetzt sie. Den überlebenden Kriegsverbrechern soll – wie in Nürnberg – der Prozeß gemacht werden. Diese haben, um von sich abzulenken, die Figur des Benny Cemoli erfunden, quasi ein Yancy mit umgekehrten Vorzeichen, der an allem schuld gewesen sein soll, und diese Figur erfolgreich den Besatzern untergeschoben, indem sie die Nachrichten der vollautomatisch funktionierenden reaktivierten New York Times manipulierten.
Dienstag, 25. April 2017
P. K. D. #84
In War Game / »Diversion« werden von Ganymed exportierte Spielzeuge Tests unterzogen, bevor der Import und Verkauf auf Terra erlaubt wird, da man den Produzenten Heimtücke unterstellt. Während der alle Aufmerksamkeit fesselnden Beobachtung eines komplexen Kriegsspielzeugs wird en passent ein Brettspiel zugelassen. Das Spiel ist eine Art von umgekehrtem Monopoly, bei dem der gewinnt, der am Ende alle seine Aktien verloren hat. Es bleibt offen, ob pädagogisch via Kinderzimmer ein Antikapitalismus etabliert werden soll, oder ob die Leute von Ganymed durch allmähliche Umerziehung die Raffgier auf Terra nur deshalb schwächen wollen, um anschließend die Terraner umso besser abzocken zu können.
P. K. D. #83
In Explorers We schicken die Marsbewohner immer wieder Kopien einer eigentlich gescheiterten Marsmission zurück auf die Erde, warum bleibt unklar. Die sechs Astronauten haben kein Bewußtsein von ihrem Status als Kopien und werden jedesmal von einem FBI-Team in Empfang genommen und stante pede mit Napalm verbrannt. Ein sensibler Agent dieses Teams glaubt, daß die Marsbewohner – wie in Martians Come in Clouds / »The Buggies« – Kontakt aufnehmen wollen.
Montag, 24. April 2017
P. K. D. #82
In The Unreconstructed M hat jemand einen Roboter konstruiert, der tötet, dann falsche Spuren legt und sich anschließend zur Tarnung in einen Fernseher verwandelt. Drumherum geht es um eine Frau, die eine Intrige spinnt, um die Scheidung zu erreichen. Interessant ist, daß die Killermaschine in einer altmodischen Hinterhofwerkstatt konstruiert wurde. Wieder einmal verreißt Dick das Ende, indem er es unnötig dehnt, aber man könnte sich auch wieder einmal vorstellen, daß Hollywood die Idee adaptierte.
P. K. D. #81
In Recall Mechanism konsultiert ein Mann einen Psychoanalytiker, weil er panische Angst hat, zu fallen. Der Therapeut findet heraus, daß das Trauma des Mannes nicht in der Vergangenheit liegt, sondern in der Zukunft, in der er in ein paar Monaten zutodegestürzt wird. Er ist ein latenter Präkog, wie sein Mörder, der gleichzeitig mit der panischen Angst, jemanden von irgendwo oben herunterzustoßen, zu einem anderen Psychoanalytiker geht. – Die Präkogs sind eine Erfindung Dicks, mit der er viele einfache Ideen komplex umsetzen kann.
Freitag, 21. April 2017
Donnerstag, 20. April 2017
P. K. D. #80
The Minority Report ist die erste der bis jetzt gelesenen Geschichten, die ich verfilmt gesehen habe (die erste explizite Dick-Verfilmung, die ich bewußt gesehen habe, war Verhoevens Total Recall). Dunkle Erinnerung ans Kino, es war aber anders … Die bereits aus mehreren Erzählungen bekannten Präkogs – hier drei Stück in einer debilen Version – sagen Verbrechen voraus, die die Polizei prophylaktisch verhindert: man wird wegen einer rein potentiellen Tat ins Lager gesteckt. Eines Tages sieht der Polizeichef seinen Namen auf der Täterliste. Durch dieses Wissen um den Report bringt er die Prophezeiungen durcheinander. Es gibt hier keinen minority report, sondern drei individuelle Versionen. Der Moment als Anderton dahinterkommt, daß es minority reports gibt, ist in der Erzählung nicht gut dargestellt: Anderton hätte dies als einer der Initiatoren des gesamten Projekts vergessen können (im Sinne von: nicht präsent haben, was schon unwahrscheinlich genug wäre), aber es hätte keine wirkliche Information für ihn sein dürfen. Am Ende hat Dick zuviel Erklärungsbedürfnis.
P. K. D. #79
In The Mold of Yancy wird die Bevölkerung eines Mondes des Jupiters (oder des Saturns?) durch die in allen Medien verbreitete Kunstfigur Yancy gleichgeschaltet und manipuliert, um sie auf einen Krieg vorzubereiten. Dick hatte nach eigenem Bekunden dabei Eisenhower im Sinn.
Samstag, 15. April 2017
P. K. D. #78
In Captive Market hat eine alte Drugstorebetreiberin ein Zeitloch entdeckt, durch das nur sie kann. Auf der anderen Seite bauen Überlebende des nuklearen Krieges an einer Rakete, die sie von der lebensfeindlich gewordenen Erde zur Venus bringen soll. Für viel Geld übernimmt sie die Verproviantierung. Als die Rakete startet ist sie zunächst entsetzt, ihren lukrativen Markt verloren zu haben, wechselt aber dann das Zeitloch und geht in eine Zukunft, in der die Rakete wieder abstürzt. – In dieser Geschichte bricht Dick der Spanungsbogen. Sein Lektor bei Haffmanns bringt das Problem mit P. K. D. auf den Punkt: »Philip K. Dick fühlte sich nicht der Literatur verpflichtet, sondern den Ideen.« (Heiko Arntz, Philip K. Dick und einige seiner Bewunderer: Zur Neuausgabe der Sämtlichen SF-Geschichten; in: Der Philip K. Dick Companion, Beibuch zu Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, Bd. 5, S. 25).
Empirie, 9. Update
¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
* (= [nach einer Umstellung] die Fußnote 4 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus). ‒ Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
- Stand des Manuskripts:
- Seiten: S. 1056 von ca. 1.800 Seiten
- Fußnoten: 3098
- Stand der Überarbeitung:
- Seiten: S. 860 von ca. 1.800 Seiten
- Fußnoten: 2487
- Kapitel: XII (= Phase V – oder: Un gringo en Calpe) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
- Tag der Überarbeitung: Samstag, der 22. Februar 2014, der 144. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
- Beginn der Handlung: 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags*
- Ende der Handlung: fällt mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen
- Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
- Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen
* (= [nach einer Umstellung] die Fußnote 4 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus). ‒ Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47).
Wird aktualisiert!
Freitag, 14. April 2017
Bei mir ist das immer weniger möglich
Es muß immer möglich sein, zu sagen »Hast du die Geschichte über – – – – gelesen« und dann zusammenzufassen, worum es darin ging.
(Philip K. Dick, Afterthought by the Author; in: Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, Bd. 5, S. 628).
(Philip K. Dick, Afterthought by the Author; in: Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, Bd. 5, S. 628).
P. K. D. #77
In Service Call kommt ein Mechaniker aus der Zukunft, um ein Gerät, das es noch nicht gibt, zu warten. Es stellt sich heraus, daß das Gerät die Menschen kontrolliert und selber von dem Mechaniker kontrolliert wird, der also, ohne sich dessen bewußt zu sein (wie er sich auch der falschen Zeit nicht bewußt ist), so eine Art ›Super Mario‹ ist. Das ist die erste Geschichte, wenn ich das richtig erinnere, in der die Erzählinstanz, ohne diegetisch zu sein, explizit erscheint.
Donnerstag, 13. April 2017
P. K. D. #76
In Autofac produzieren nach dem großen Krieg die von Kybernetikern vor dem großen Krieg konstruierten automatischen Fabriken auf Teufel komm raus Waren und verbrauchen dabei die letzten Rohstoffe. Nach diversen Versuchen der überlebenden Menschen, dies zu stoppen, kommt man darauf, die automatischen Fabriken gegeneinander in einen Konkurrenzkampf um Ressourcen zu verwickeln. Am Ende ejakuliert die unterlegene Fabrik lauter Kugeln, die den Keim für neue automatische Fabriken in sich tragen.
Brecht läßt grüßen
Schaue fasziniert Fassbinders Familienserie Acht Stunden sind kein Tag (1972f.), »eine Alternative zum Heile-Welt-Fernsehen« heißt es auf der DVD-Hülle, aber als heile Welt kommt einem heute das vor, was er gezeigt hat: er hat ein mögliches richtiges Leben im falschen, das es ja nicht (und auch heute noch immer nicht, ja: heute gar weniger als jemals) geben kann, gezeigt, die Oma als deus ex machina. Er hatte wohl Mut machen wollen … Es blitzen aber auch Bilder und Szenen auf, die an den nichtdidaktischen Fassbinder erinnern, etwa die Beerdigung des Meisters oder die Reihe der duschenden Arbeiter oder der Striptease zu Morricones Musik oder wenn der entlarvte Denunziant in Ecce-Homo-Haltung vor dem Büro des Vorgesetzten steht.
P. K. D. #75
Psi-Man heal My Child! / »Outside Consultant« knüpft an die vorherige Geschichte an: die Welt nach dem Krieg (wir schreiben das Jahr 2017), es gibt die gleichen Mutanten wie zuvor und normale Überlebende. Alle Versuche eines Zeitreisenden, den Krieg a posteriori zu verhindern scheitern, der Zeitreisende zeigt dem General seine eigenen Knochen (siehe The Scull), ohne daß es etwas fruchtete. Am Ende verlassen die normalen Menschen ihre Kommunen und begeben sich in die Obhut der friedlichen Mutanten, in der Hoffnung, daß die ihnen helfen können. Die Stimmung nimmt an Esoterik zu.
Dienstag, 11. April 2017
P. K. D. #74
A World of Talent / »Two Steps Right« ist eine Geschichte, bei der man froh ist, daß sie in aller letzter Sekunde (= auf den letzten Zeilen) ein happy end bekommt. Entfernte Kolonien haben sich von Terra losgesagt. Dort leben diverse Mutanten mit normalen Menschen in einem latenten Konflikt, wobei die Mutanten anscheinend mit ihren Fähigkeiten die Unabhängigkeit garantieren. Ein Paar, das eine halbe Stunde in die Zukunft schauen kann, hat einen Sohn, von dem man noch nicht weiß, ob er was kann und wenn ja was. Das Paar ist nur wegen seiner besonderen Fähigkeiten zusammengekommen, man hat sich über. Der Mann hat eine Geliebte, die eine genetische Reaktion auf die Mutanten ist: eine neue, nicht beeinflußbare Realität. Und es stellt sich heraus, daß der Sohn sich in der Zeit bewegen kann. Der Plot ist gut, das Format dafür aber eigentlich zu klein.
P. K. D. #73
In Misadjustment wird Jagd auf Mutanten gemacht. Die haben die Fähigkeit, ihr Wahnsystem über sich selber auszudehnen, das heißt also: um sich herum eine Wahnumwelt zu etablieren. Oft wissen sie selber nichts von ihrer Fähigkeit und sind sich ihres Wahns nicht bewußt. Immun dagegen sind bloß Frauen, weshalb ihnen die Wirtschaftsbosse ein Amt mit großen Machtbefugnissen eingerichtet haben. Als einer der Wirtschaftsbosse selbst in den Verdacht gerät, ein Mutant zu sein, versucht er, statt der Kontrolle durch das Amt eine gegenseitige Kontrolle – jeder überwacht jeden – zu etablieren.
P. K. D. #72
In The Chromium Fence bekämpfen sich Puristen und Naturalisten bis aufs Blut, wobei der Protagonist zwischen den Stühlen sitzt. Die Puristen haben sich als Partei aus dem Reinheitskult der Kosmetikindustrie entwickelt (Zähne, Mund- und Körpergeruch etc.), die Naturalisten trinken Bier und schwitzen. Als die Puristen gewinnen und restriktive Gesetze erlassen, nimmt der Protagonist im Sinne von Voltaire (»Je déteste ce que vous écrivez, mais je donnerai ma vie pour que vous puissiez continuer à écrire.« – Nicos Motto … es soll aber garnicht von Voltaire sein …) die Partei für die Verlierer ein. Zuvor geht er zu einem Roboteranalytiker, dessen Bescheinigung zerreißt er allerdings; zu sich stehend stirbt er.
Montag, 10. April 2017
Der Sommer (P. K. D.s Kommentar zu »A Little Something for Us Tempunauts«)
Addison Doug bringt den Wunsch zum Ausdruck, »keinen Sommer mehr zu erleben«. Wir sollten alle entschieden widersprechen; nichts und niemand sollte uns, mit welch spitzfindigen oder gutgemeinten Argumenten auch immer, dazu verleiten, so etwas zu wünschen: wir sollten uns vielmehr, individuell und kollektiv, danach sehnen, so viele Sommer zu erleben, wie es uns möglich ist, auch in dieser unvollkommenen Welt.
(Philip K. Dick, Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, Bd. 5, S. 631).
(Philip K. Dick, Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, Bd. 5, S. 631).
P. K. D. #71
In War Veteran wurden die Unabhängigkeitskriege der Zeit der Verfassung auf interplanetarische Dimensionen vergrößert. Die ehemaligen menschlichen Kolonisatoren von Mars und Venus sind leicht verändert und werden vom irdischen Mob – aufgestachelt von einem Konzernchef – gejagt. Ein Krieg steht bevor, da taucht ein Veteran auf, der anscheinend aus der Zukunft in die Vergangenheit geschleudert wurde und der verkündet, daß die Erde den Krieg, den sie zu starten gerade sich anschickt, verloren haben wird. Der Konzernchef versucht mit Hilfe des Veteranen herauszubekommen, was in dem Krieg von den Terristen falsch gemacht wurde, als der Alte getötet wird. Am Ende kommt heraus, der Veteran war ein von der Venuskolonie geschickter Android, mittels dessen der Kriegstreiber zum Umdenken manipuliert werden sollte. Der Agent der Venus meinte als Abschluß, alle mit terrestrischem Ursprung sollten zusammenstehen, wenn einmal wirkliche Fremde auftauchen würden. Imperialismus und Xenophobie wurden also bloß weiter hinausgeschoben, nicht kategorisch abgelehnt. ‒ Man war mit der Androidenauflösung nicht ganz glücklich, weil sie aus dem Hut gezaubert wurde und mit der Darstellung des Veteranen nicht kongruierte, höchstens wenn man ihm mit einem künstlichen Bewußtsein ausgestattet hätte, was aber dann irgendwie angesprochen werden hätte müssen. Überhaupt ist die Geschichte etwas dahingehudelt, nicht gut in ihren zeitlichen Einheiten konstruiert.
Sonntag, 9. April 2017
P. K. D. #70
Der Schauplatz von Pay for the Printer / »Printerʼs Pay« ist einmal wieder die Welt nach dem alles vernichtenden Krieg. Eine außerirdische Intelligenz hat sich altruistisch eingefunden, um die überlebenden Menschen zu retten, indem sie ihre verschlissenen Gegenstände kopiert. Doch dann sterben die Aliens aus, ohne sich reproduzieren zu können. In dieser Krisensituation taucht einer auf, der sagt, es ginge nicht ums Kopieren, sondern um das selber Schaffen, und die Artefakte, die nach dem Krieg übriggeblieben wären, seien nicht die Referenz, sondern das anzustrebende Ideal.
Dienstag, 4. April 2017
P. K. D. #69
In Foster, Youʼre Dead geht es – wie in Nanny – um einen ökonomischen Wettlauf, diesmal mit Schutzbunkern. Mr. Foster verweigert sich diesem Wettlauf solange es geht, knickt aber dann ein, als er sieht, wie sein Sohn darunter leidet, weil er der einzige in seiner Klasse ist, der nicht … Der Junge bekommt dann endlich sein Sanktuarium, aber dann muß der Vater den Bunker wieder zurückgeben, weil er die Raten nicht bezahlen kann. Der Junge wollte in seinem Bunker eine Lesung von The Wind and the Willows hören …
Montag, 3. April 2017
Samstag, 1. April 2017
P. K. D. #68
In Upon The Dull Earth hatte eine neurotische junge Frau – Silvia – einen Draht zu einem Jenseits. Sie wollte unbedingt hinüber, aber als sie nach einem Mißgeschick tatsächlich dorthin kam, wollte sie wieder zurück (es hatte sich als Fehler herausgestellt, sie hinüber zu rufen). Ihr Freund rief die Geister wie Odysseus in der Unterwelt mit Blut, doch als er Silvia zurückholte, passierte ein Mißgeschick: in Ermangelung eines eigenen Körpers manifestierte sie sich im Körper ihrer Schwester, dann in dem ihrer Mutter, dann in dem ihres Vaters … am Ende gab es eine Welt nur bestehend aus Silvias, und sogar der Freund wurde zu Silvia. Ich war so gespannt, wie Dick die Geschichte auflösen würde, daß ich sie auf dem Bahnhof Zoo stehend zuende las.
P. K. D. #67
In Shell Game wird eine Siedlung bedroht. Angeblich leben dort den Menschen überlegene Mutanten, die von Menschen angegriffen werden. Es kommt heraus, daß es sich um die Passagiere eines Krankentransports handelt, der auf dem Weg in eine Klinik abgestürzt ist, wobei die Patienten sämtlich Paranoiker sind. Am Ende – das nicht so überzeugt – gibt es zwei Fraktionen, die sich bekriegen, und die Sieger bereiten die Invasion der Erde vor.
P. K. D. #66
In Sales Pitch erinnern manche Beschreibungen an die Jetsons: der Alltag der Gegenwart wird in einem futuristischen Gewand beschrieben. Die allgegenwärtige Werbung hat gigantische Dimensionen angenommen. Der Protagonist glaubt am Ende, ihr bloß durch Selbstmord entkommen zu können, doch sterbend muß er sich die Anpreisungen eines Roboters anhören, der sich selber verkauft.
Mittwoch, 29. März 2017
P. K. D. #65
In The Crawlers / »Foundling Home« kommen in der Nähe eines Strahlenlabors raupenartige Kinder zur Welt. Die Menschen reagieren mit Verunsicherung und Entsetzen, bis die Regierung die Mißgeburten alle auf eine unbewohnte Insel im Golf von Mexiko schafft. Dort bauen die Crawlers an einer Stadt und einem Ozeantunnel, stellen aber fest, daß es bei ihrem Nachwuchs zu Atavismen – es sind menschenartige Babys, auf die mit Verunsicherung und Entsetzen reagiert wird – kommt. Gut gelungen ist Dick der erste Absatz, in dem er in der Manier von Faulkner den Bau einer Höhle aus Sicht einer der Kreaturen schildert.
Montag, 27. März 2017
P. K. D. #64
In Exhibit Piece leidet ein für seinen Perfektionismus bekannter Museumsangestellter unter seinen Vorgesetzten. Er ist Experte für das 20. Jahrhundert im Museum für Geschichte. Als er eines Tages sein Exponat – das Haus eines mittleren Angestellten in Berkeley – betritt, da betritt er die Welt des mittleren Angestellten und seiner Familie. Irritiert konsultiert er dort einen Psychiater, weil die neue Welt ihm vertraut ist. Der Psychiater meint, er leide unter seinen Vorgesetzten und fliehe deshalb in die Welt der Zukunft. Der Protagonist kommt jedoch dahinter, daß beide Welten real sind und er mit seinem realistischen Exponat eine Zeitschleuse gebaut hat. Er entscheidet sich für die alte Welt, woraufhin ihm seine Vorgesetzten im Museum drohen, das Exponat zu vernichten. Er sagt, das mache ihm nichts, doch als er zu seinem 50er-Jahre-Couchtisch zurückkehrt, erfährt er aus der Zeitung, daß die Welt vor dem Untergang steht. – Bereits in mehreren Geschichten tauchte das Entsetzen von Ehefrauen auf, wenn ihre Männer ankündigten, sie würden heute nicht ins Büro fahren …
Sonntag, 26. März 2017
P. K. D. #63
To Serve The Master / »Be As Gods!« ist eine Blade Runner- und Terminator-Variation. Nach dem nuklearen Krieg, in dem alle Roboter vernichtet worden waren, findet ein niedriger, systematisch dumm gehaltener Angestellter einer unterirdischen Company einen nur halb zerstörten Roboter. Der beantwortet als Gegenleistung für die herbeigeschafften Ersatzteile alle Fragen des Angestellten: vor dem Krieg, so seine Geschichte, hätten Roboter alle Arbeit erledigt und die Menschen hätten Muße gehabt, ihren wirklichen Interessen nachzugehen (der junge Marx); dann sei aber eine fanatische Sekte mit der Ansicht gekommen, der Mensch müsse im Schweiße seines Angesichts seine Arbeit verrichten, es sei zu einem Krieg der Moralisten gegen die Hedonisten gekommen, den die Moralisten schließlich gewonnen hätten. Von dem Gedanken beseelt, die alten paradiesischen Zustände wiederherzustellen, besorgt der kleine Angestellte immer mehr technisches Material, bis er erwischt wird. Sein Vorgesetzter klärt ihn nun auf, der Krieg habe gegen die Androiden stattgefunden, die sich für die überlegene Spezies und die Menschen für Vieh gehalten hätten. Am Ende deutet Dick an, daß der kleine Angestellte gleichfalls ein Androide ist. ‒ Ich hätte der Geschichten des Roboters vor dem Auftauchen der Moralisten auch zu gerne geglaubt!
Samstag, 25. März 2017
Zu Lichtenberg
Wäre ich ein gläubiger Mensch, wäre ich anders, aber auch wenn ich verrückt wäre, wäre ich anders. Oder besser: Wenn ich ein anderer wäre, wäre ich anders.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 422).
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 422).
P. K. D. #62
In Null-O / »Looney Lemuel« entwickeln empathielose Logiker, die das gesamte Universum in den Zustand der Entropie versetzen wollen, diverse Bomben. Sie wollen mit der Vernichtung Erde anfangen, dann mit der des Sonnensystems und dann mit der der Galaxis, um schließlich im Universum ihren Plan zu vollenden. Bevor sie jedoch soweit sind, werden sie von zehntausend gewöhnlichen Menschen zur Flucht auf die Venus veranlaßt. Dies ist eine der schwächeren Erzählungen, weil eine nicht völlig durchdachte Idee bloß dargestellt wird, anstatt daß sie andeutend umgesetzt wird.
Freitag, 24. März 2017
P. K. D. #61
In Tony and the Beetles kämpfen Menschen gegen insektenähnliche Aliens, also wieder die Starship Troopers-Konstellation. Die Menschen haben vor hundert Jahren die Aliens aus ihrem Lebensraum vertrieben, seit dem gibt es Krieg, aber nun wendet sich erstmals das Kriegsglück und die Aliens bekommen die Oberhand. Der Protagonist ist ein zehnjähriger Junge, der auf dem Alienplaneten geboren wurde und immer mit den Alienkindern gespielt hat. Diese begegnen ihm nach der Wende des Kriegsglücks plötzlich mit Haß und Gewalt. Für die Aliens könnten die Schwarzen stehen, die Inder oder die Indianer. Eine amüsante Idee in dieser düsteren Geschichte: »Tony war verlegen; weibliche Pas [das sind die Aliens] hatten eine gewisse telepathische Fähigkeit, die zu ihren Geschlechtsmerkmalen zählte. Sie wirkt bei Erdmenschen auf kurze Entfernung.«
Dienstag, 21. März 2017
P. K. D. #60
Mit Strange Eden / »Immolation« beginnt die zweite Hälfte der Geschichten. Eine unsterbliche Kirke verführt Männer, die auf ihrem Planeten landen (oder: läßt sich von ihnen verführen). Durch die Paarung verwandeln die Männer sich in harmlose Großkatzen. Die Kirke kündigt kurz vor dem Vögeln, wenn den Männern eh schon alle Folgen egal sind und es für sie kein zurück mehr gibt, warnend eine Metamorphose an, läßt aber deren Richtung offen.
Sonntag, 19. März 2017
P. K. D. #59
The Father-Thing ist aus einem Kokon geschlüpft den ein komischen Insekt – vermutlich aus dem All – hinterlassen hat. Es gibt auch ein Mother-Thing und ein Charles-Thing, also wieder einmal Body Snatchers. Der Sohn Charles, der dahinterkommt, schafft es mit zwei Freunden, die Invasion im Keim zu ersticken. ‒ Dies war jetzt die erste Hälfte der Geschichten.
P. K. D. #58
In The Last of the Master / »Protection Agency« hatte eine anarchistische Liga alle Regierungen gestürzt und alle Atomwaffen vernichtet, bevor es zu dem großen Krieg, der das Werk Dicks größtenteils bestimmt (Hatte ich bereits erwähnt, daß der dritte Weltkrieg, soweit ich das überblicke, für die fast zeitgleich schreibenden Strugatzkis kein Thema war?), kommen konnte. 300 Jahre später lebte noch ein Regierungsroboter, der die alte Ordnung samt Kriegsproduktion in einem abgeschiedenen Exil am Laufen hielt, bis auch ihm die Anarchisten den Garaus machten. Wie auch in der Geschichte davor – aber weitaus weniger – spielte die Frage, ob schöpfen gleich zerstören sei, eine Rolle, und der, der das Ende des letzten Regierungsroboters möglich gemacht hatte, behielt einen Teil von dessen Gedächtnisrollen in Verwahrung.
P. K. D. #57
The Turning Wheel beschreibt eine Kastengesellschaft, deren Herrscher an die Seelenwanderung glauben, die ganze Scheiße mit allem Drum und Dran: Auf- oder Abstieg im nächsten Leben je nach dem Verhalten in diesem, Schicksalsergebenheit (die aber leicht als Ideologie zu durchschauen ist) et cetera. Der Gott der obersten Barden-Kaste heißt Elron Hu, und ich dachte mir, daß da wer konkretes dahintersteckt (wie ich sicher viele Anspielungen nicht bemerkt habe): L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology. Der Protagonist hat die Möglichkeit, in die Zukunft und darüber hinaus zu schauen, und er erfährt, daß er in acht Monaten sterben und als Schmeißfliege auf dem übelsten aller Planeten wiedergeboren wird. Dann schickt man ihn zu einem Einsatz gegen die Tinker, eine Sekte, die ihre Umwelt beeinflußt. Am Ende verschweigt der Abgesandte ihre Stärke und bekommt dafür Penicillin, das ihn vielleicht vor dem Schmeißfliegenschicksal bewahren kann.
P. K. D. #56
Bei The Golden Man / »The God Who Runs« ist die Diskrepanz zwischen angeblicher Autorenintension und meiner Lesart enorm. Dick schrieb, er habe in einer Zeit, als Mutanten überall als die überlegenen Retter der Menschheit dargestellt wurden, Mutanten vorführen wollen, die für die Menschheit eine Bedrohung darstellten und gnadenlos vernichtet werden müßten. Ich las die Geschichte zunächst ‒ auch wegen der negativen Darstellung der Agenten ‒ als eine Parabel auf die Kommunistenverfolgung unter McCarthy. Und dann kam, zum ersten Mal in den Geschichten, wirklich richtige Sexualität ins Spiel (nicht mit Bäumen), zunächst als erotische Photographie einer Frau mit acht Brüsten (das Plakat zu Fellinis Roma kam mir in den Sinn) und dann als sich die Verlobte eines der Agenten von dem Gott-Tier verführen ließ. Das hat mir gefallen, aber dann kam der Perspektivwechsel: es erschien, als habe sie sich nicht willentlich verführen lassen, sondern sei unwillentlich unter einem Bann verführt worden, daß also der Mutant sie bloß benutzt hatte, um aus dem Gebäude zu kommen. Ich hätte es poetischer gefunden, wenn es wie in der Mythologie gewesen wäre: ohne daß der Agent es ahnt, trägt die Frau einen Halbgott unter ihrem Herzen. ‒ Ich stieß bereits desöfteren auf Beispiele einer hingehudelten Übersetzung.
Samstag, 18. März 2017
Donnerstag, 16. März 2017
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