Samstag, 21. Mai 2016

Mittwoch, der 21. Mai 2014


[232 / 92]
Er saß müde und viel zu früh in der Baracke, die das Terminal C im Grunde war,* und hörte mit dem Taschentelephon Cassiber und dachte an die Orte, an denen er für gewöhnlich die diversen Titel bei seinen morgendlichen Dauerläufen gehört hatte und daß er morgen wahrscheinlich wieder dauerlaufen und schwimmen würde. Die Frau rief nochmals an, man versicherte sich gegenseitig seiner Gefühle und der Sehnsucht.


* Man erinnere sich, daß Hans Köberlin einmal in einem anderen Leben einen Essay über Borgesʼ La espera geschrieben hatte …

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVIII [Drittes Intermezzo – oder: Der Geburtstag der Frau], 15. bis 21. Mai 2014).

Freitag, 20. Mai 2016

Dienstag, der 20. Mai 2014


[231 / 93]
Der Osten bliebe ihm äußerlich, hatte der Busenfreund gemeint – nun: Hans Köberlin blieb die Welt hüben wie drüben äußerlich, warum sich dann nicht in der Nähe seiner Liebsten einnisten? Ein Kellerlochbewohner, doch anders als bei Dostojewski, nämlich ein Kellerlochbewohner mit der Option, zum Abendessen ans Licht zu kommen und im Sommer zum Frühstück in den Garten ans Wasser.* Überhaupt das Wasser … ohne Seen und Flüsse zumindest in der Nähe wollte Hans Köberlin nicht mehr sein.


* Das Projekt ›Kellerlochbewohner‹ sollte sich zerschlagen, siehe unten im Epilog.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVIII [Drittes Intermezzo – oder: Der Geburtstag der Frau], 15. bis 21. Mai 2014).

Donnerstag, 19. Mai 2016

Hier ist der Weg einmal nicht das Ziel

Die Nacht kommt



Montag, der 19. Mai 2014


[230 / 94]
Zwischendurch begann Hans Köberlin mit der Lektüre von Peter Handkes Mein Jahr in der Niemandsbucht. Er war darauf gekommen, das bereits in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschienene Buch zu lesen, weil er sich plötzlich, vor einigen Wochen bereits, an den Titel erinnert hatte, denn auch er verbrachte ja quasi (fast) ein Jahr in einer Art von Niemandsbucht, und nicht bloß in einer metaphorischen Bucht (in der westlichen Peripherie der Stadt der Liebe), sondern in einer reellen Bucht, der Playa La Fossa-Levante, und er hatte sich das Buch bestellt und an die Adresse der Frau schicken lassen. Auch Handke war, wenn Hans Köberlin die Andeutungen nicht bloß in seinem eigenen Kontext las, anscheinend einmal von seiner Frau verlassen worden oder hatte eine Trennung hinter sich und hatte dies als seine erste »Verwandlung« verbucht. »Die neue Verwandlung möchte ich ohne Qual«, hatte er dann geschrieben.* Hans Köberlin hoffte, sich an den Differenzen seiner »Niemandsbuchten« abarbeiten und dadurch mehr eigene Klarheit gewinnen zu können. Aber waren ›Klarheiten‹ nicht noch dumme Relikte aus seinem alten, überholten Leben? Um Uneigentlichkeiten und Mehrdeutigkeiten ging es doch, um Als-obs …


* Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt am Main 2007, S. 13.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVIII [Drittes Intermezzo – oder: Der Geburtstag der Frau], 15. bis 21. Mai 2014).

Mittwoch, 18. Mai 2016

Sonntag, der 18. Mai 2014


[229 / 95]
In Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän tauchte das Buch Die Welt in der wir leben auf, ein Buch, das auch Hans Köberlins Kindheit begleitet hatte. Er hatte aber nie darin gelesen, er hatte sich immer bloß die Bilder angeschaut und von denen immer bloß bestimmte, die mit den Sauriern und den Urmeeresbewohnern und die mit dem heimischen Sonnensystem und dem Kosmos und der wie ein Kürbis aufgeschnittenen Erde mit ihrem glühenden Kern. Hans Köberlin gelangte, als er sich wegen seiner Max-Frisch-Lektüre an Die Welt in der wir leben erinnerte, zu der Einsicht, daß er wohl ein ziemlich oberflächliches Kind gewesen sein mußte. War er ja manchmal auch noch heute …*


* Das einzige Bild in dem ganzen Bilderbuch mit seinen ausklappbaren Bildertafeln, das Spuren von menschlichem Eingriff in jene Welt, in der er, der Mensch, und auch er, Hans Köberlin, lebte, zeigte, war, wenn sich Hans Köberlin richtig erinnerte, ein kleines Schwarzweißbild von Le Mont-Saint-Michel in dem Abschnitt, in dem es um Gezeiten ging. Das zweite Buch in der Art, das Hans Köberlin besessen – Unsere Welt. gestern, heute, morgen. 1800-2000 –, hatte dagegen explizit das Wirken des Menschen thematisiert. Die beiden Bücher hätten sich also ganz gut ergänzt, hätte der vorpubertäre und frühreif pubertierende Hans Köberlin sie nicht bloß so oberflächlich rezipiert, das letztgenannte Buch allerdings in einer anderen Art der Oberflächlichkeit, einer Art, die in dem späteren Leben des postpubertären Hans Köberlin seine Tiefe werden sollte: der postpubertäre Hans Köberlin erinnerte nämlich noch gut jene Photographie einer Theaterinszenierung in dem Kapitel, das den Schock der modernen Kunst auf das bürgerliche Publikum behandelt hatte (so reimte er sich das jetzt zurecht); man sah darauf vor einer Hebbel- oder Wagnerkulisse eine üppige dunkelhaarige Schauspielerin mit einem üppigen Speer, also keine drahtige mit einer mediterranen Lanze … eine Brunhilde? – jedenfalls: sie war nackt gewesen und hatte schöne Brüste gehabt man hatte auf der Photographie ihr gleichschenkelig üppiges Schamhaardreieck und ihre unrasierten Achselhöhlen gesehen …: »… but what should a poor boy do …?«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVIII [Drittes Intermezzo – oder: Der Geburtstag der Frau], 15. bis 21. Mai 2014).

Dienstag, 17. Mai 2016

Happy Days

Fenster #16

Samstag, der 17. Mai 2014 (der Geburtstag der Frau)


[228 / 96]
… nachdem man um Mitternacht den Geburtstag der Frau angemessen zelebriert hatte.*


* Es war aber auch im Jahre 1936 der Geburtstag von Dennis Hopper gewesen, weshalb das Filmkalenderblatt vom 17. Mai 1996 ihn in Lynchs Blue Velvet (1985) und das Kalenderblatt des Jahres 2012 nicht ihn, aber Bruno Ganz, in Wenders Der amerikanische Freund (1977) präsentiert hatte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVIII [Drittes Intermezzo – oder: Der Geburtstag der Frau], 15. bis 21. Mai 2014).

Montag, 16. Mai 2016

Fenster #15

Freitag, der 16. Mai 2014


[227 / 97]
An der Sicherheitskontrolle sah er, als einer von diesen alten fetten Säcken seinen Koffer aufmachte, daß der sämtliche Kleiderbügel seines Hotelzimmers geklaut hatte.


* Hans Köberlin fiel, als er das sah, eine Anekdote ein … Jean Baudrillard hatte, so glaubte er sich zu erinnern, jene Erzählung von Nasreddin überliefert (oder war es Žižek gewesen?), jene Anekdote also, in welcher man ihn täglich mit schwerbeladenen Maultieren die Grenze überqueren sah, und jedesmal seien die Säcke durchsucht worden, aber man habe nie etwas finden können, und als Nasreddin später danach gefragt wurde, was er denn nun geschmuggelt habe, da habe er geantwortet: Maultiere.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVIII [Drittes Intermezzo – oder: Der Geburtstag der Frau], 15. bis 21. Mai 2014).

Sonntag, 15. Mai 2016

Donnerstag, der 15. Mai 2014


[226 / 98]
Sein aktuelles Manuskript (fast hätte Hans Köberlin es versäumt, es auf seiner Reise dabei zu haben) hatte jetzt soviel Seiten, wie Telos am Ende gehabt hatte, nämlich 422 Seiten. »Ich habe«, so Hans Köberlin, »noch nie mit so großer Souveränität und noch nie mit so großen Zweifeln an meinem Tun gearbeitet.«*


* »Das Bild des Definitiven ist der Tod«, las er kurz nach dieser Feststellung (siehe Helmut Heißenbüttel, Projekt Nr. 1: DʼAlemberts Ende, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1981, S. 287).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Samstag, 14. Mai 2016

Fenster #14

Proradies lost









Fenster #13

Mittwoch, der 14. Mai 2014


[225 / 99]
Miles Davis hatte 312 West 77th Street zwischen West End Avenue und Riverside Drive gelebt, und der Block, so erfuhr Hans Köberlin, hieß jetzt ›Miles Davis Way‹. In der Ecke war auch Hans Köberlin damals, während seines Besuches der Stadt, die niemals schlief, gewesen.


* »Warum«, fragte Hans Köberlin sich, »habe ich mich in einer der teuersten Ecken der Welt so heimisch gefühlt?«

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Freitag, 13. Mai 2016

Dienstag, der 13. Mai 2014


[224 / 100]
Jetzt blieben ihm also bloß noch 100 Tage des Exils – also ein ›Hektocalpe‹ in seiner Währung –, wobei Hans Köberlin, wie gesagt, da noch von 98 Tagen ausging.*


* Wegen der 100 sollte ihm in zwei Tagen Pasolini einfallen, aber da betrog ihn seine Erinnerung, denn der Film (1975) hatte den Titel Salò o le 120 giornate di Sodoma gehabt. – Zwanzig Tage mehr hier …

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Donnerstag, 12. Mai 2016

Montag, der 12. Mai 2014


[223 / 101]
Bei Luhmann las Hans Köberlin, daß in den Zeiten der ontologischen Metaphysik »Materie das Medium der Realität« gewesen sei.* Der Meister hatte da wieder einmal eine Trivialität erstaunenswert auf den Punkt gebracht.


* Niklas Luhmann, Das Medium der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 123.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Mittwoch, 11. Mai 2016

Sonntag, der 11. Mai 2014


[222 / 102]
Im Journal der Brüder sollte man an diesem Tag im Jahre 1865 lesen, daß es gut täte, glücklich zu sein.* Sie hatten das vermerkt, nachdem die Comédie Franςaise ein Stück von ihnen angenommen hatte. Diese Art von Theaterglück war Hans Köberlin unbekannt, er würde in fünf Tagen glücklich sein, wenn er die Frau in den Armen halten würde.


* Vgl. Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 221. Hans Köberlin versuchte eine Situation zu konstruieren, in der es nicht gut tat, glücklich zu sein …: a posteriori: seine Zeit mit Diotima, fiel ihm dazu ein, aber a posteriori zählte nicht.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Dienstag, 10. Mai 2016

Samstag, der 10. Mai 2014


[221 / 103]
Während der medialen Kommunikation an der Promenade erzählte die Frau, daß man den Saturn – Hans Köberlins Planeten (natürlich kulturgeschichtlich und nicht astrologisch!) ‒ sehr gut am Südhimmel sehen könne, nachdem das von ihm reflektierte Licht der Sonne ab seiner Reflektion eine Stunde und 14 Minuten unterwegs gewesen sei.
»Morgen in 100 Tagen werden wir in der Hauptstadt ankommen. Hm …«* Aber Hans Köberlin bereute seine Entscheidung nicht.
Bowman … die berühmteste Reise zum Saturn … Hans Köberlin ging nach seiner Heimkunft mit einem Glas Rotwein auf die andere Dachterrasse und schaute …: das könnte er sein … das da war die Venus, die kannte er inzwischen … Bereits mit einem Amateurteleskop würde man in dieser Nacht die Ringe sehen können, hatte ihm die Frau gesagt … »Ich würde mit einem Teleskop bloß Unsinn machen … all die beleuchteten Hochhäuser, da müßte man doch … es sind ja nicht nur pensionistas …«


* Es sollten, wie bereits mehrfach angedeutet, Hans Köberlin noch zwei Tage geschenkt werden.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Montag, 9. Mai 2016

Fenster #13

Unterführung

Freitag, der 9. Mai 2014


[220 / 104]
Und die Brüder berichteten heute vor 149 Jahren von einem Verhalten, das man wohl als für den gestern in fünfzehn Jahren (dem Gestern Edmonds) verstorbenen Flaubert als typisch bezeichnen kann …
Flaubert erzählte uns, als wir aus dem Magny kamen: »Als ich jung war, war ich so eitel, daß ich, wenn ich mit meinen Freunden ins Bordell ging, die Häßlichste nahm und es darauf anlegte, sie vor aller Augen zu ficken, ohne meine Zigarre aus der Hand zu legen. Das machte mir nicht den geringsten Spaß, sondern war für die Galerie.« Flaubert hat immer noch etwas von dieser Eitelkeit, was bedeutet, daß es ihm trotz seiner Offenheit nie ganz ernst ist mit dem, was er zu fühlen, zu erleiden, zu lieben behauptet.*
Hans Köberlin hatte eine ungenaue Erinnerung an einen Film mit Belmondo, in dem der mit seinen Freunden gewettet, eine häßliche Frau zu vögeln oder gar zu heiraten, und die Rolle dieser Frau hatte Mia Farrow gespielt, was Hans Köberlin damals nicht verstanden, nämlich was an der häßlich sein sollte, egal wie man sich auch in der Maske bemüht hatte; eine Gehbehinderung war kein Makel, wie etwa Bloom es bei Gerty empfunden, siehe Arno Schmidts Umsiedler


* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 4, S. 220.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Sonntag, 8. Mai 2016

Fenster #12

Donnerstag, der 8. Mai 2014


[219 / 105]
Und Edmond erreichte heute vor 134 Jahren eine wirklich schlimme Nachricht …
Samstag, 8. Mai – »Fahren Sie Sonntag zu Monsieur Flaubert?« hatte mich Pélagie gerade gefragt, als die Kleine eine Depesche auf den Tisch legte, die zwei Worte enthielt: Flaubert gestorben!
Das brachte mein ganzes Ich für eine Weile so in Aufruhr, daß ich nicht wußte, was ich tat und durch welche Stadt meine Kutsche fuhr. Ich spürte, daß uns ein Band, das sich manchmal lockerte, aber unlösbar verknüpft war, heimlich miteinander verbunden hatte. Und heute erinnere ich mich mit großer Rührung an die Träne, die vor sechs Wochen an der Spitze einer seiner Wimpern zitterte, als er mich umarmte und mir auf der Schwelle seiner Tür Adieu sagte.
Im Grunde waren wir die beiden alten Vorkämpfer der neuen Schule, und ich fühle mich heute sehr allein.*

* Edmond & Jules de Goncourt, Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben, Leipzig 2013, Bd. 6, S. 565.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Samstag, 7. Mai 2016

Fenster #11

Mittwoch, der 7. Mai 2014


[218 / 106]
Und während der noch halbschlafende Hans Köberlin neben sich griff und seinen kleinen Laptop aufklappte und darauf wartete, daß das ebenfalls nur mühsam aus seinem Ruhezustand sich aufrappelnde Gerät endlich in seinem Arbeitsmodus war, damit er, Hans Köberlin, den eben erinnerten Traum in seinem Arbeitsjournal dokumentieren konnte, da sprachen wir uns jene Verse des genialen Borges vor …
… Me placía
Dormir para soñar y para el otro
Sueño lustral que elude la memoria
Y que nos purifica del gravamen
De ser aquel que somos en la tierra.

* Jorge Luis Borges; Endimión en Latmos; in: Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 14: Rose und Münze, S. 202. Und als wir nachschlagen wollten, ob wir auch adäquat vor uns hingesprochen, da stießen wir auf jenes wunderbare Gedicht Caja de música (ebd., S. 200), welches unsere Empfindungen bei dem Hören der Musik aus dem Reich der aufgehenden Sonne adäquat in Verse gefaßt …
Música del Japón. Avaramente
De la c1epsidra se desprenden gotas
De lenta miel 0 de invisible oro
Que en el tiempo repiten una trama
Eterna y frágil, misteriosa y c1ara.
Temo que cada una sea la última.
Son un ayer que vuelve. ¿De qué templo,
De qué leve jardín en la montaña,
De qué vigilias ante un mar que ignoro,
De qué pudor de la melancolía,
De qué perdida y rescatada tarde,
Llegan a mí, su porvenir remoto?
No lo sabré. No importa. En esa música
Yo soy. Yo quiero ser, Yo me desangro.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Freitag, 6. Mai 2016

Dienstag, der 6. Mai 2014


[217 / 107]
Ein ehemaliger Freund, den er auf nie ganz geklärte Art und Weise als Freund verloren, kam Hans Köberlin in den, vielmehr erinnerte er sich an das Treppenhaus, das zu dem in einem ehemaligen Hotel gelegene Zimmer des ehemaligen Freundes geführt hatte. In dem Treppenhaus hatte hinter Glas eine Schwarzweißreproduktion von Carl von Steubens, oder vielmehr: von Charles de Steubens Mort de Napoléon Ier à Sainte-Hélène, le 5 mai 1821 (1828) gehangen … Hans Köberlin hatte bei jedem Auf- oder Absteigen einen Blick auf diese ikonographisch gewordene Szene geworfen, und mit der Erinnerung an dieses Bild kam Hans Köberlin die Erinnerung an den Geruch des Treppenhauses …: es hatte nach einer feuchten, verschlammten Dachrinne gerochen. Manche derartigen Gerüche waren Hans Köberlin nicht unangenehm, da war er wie Leopold Bloom mit seiner Niere zum Frühstück oder dem reifen Gorgonzolakäse, den er auf einem Brot mit Senf und Oliven und einem Glas Burgunder dazu verzehrt hatte … Bilder, Gerüche, Töne …: sinnliche Marginalien, die einen, einmal erlebt, ein Leben lang begleiteten …


* In Hans Köberlins Erinnerung hatten allerdings auf dem Bild weniger Personen dem Sterben von lʼempereur beigewohnt, und der Raum, in dem das Totenbett gestanden, war dort weiß-abstrakter gewesen. Hans Köberlin hatte wahrscheinlich gestern en passant auf einem seiner Film- oder Zitatenkalenderblätter die Zeichenfolge ›†1821 Napoléon Bonarparte‹ ‒ ohne sie in einen seiner Kontexte einzubinden ‒ übersehen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Donnerstag, 5. Mai 2016

Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht?

der motor wird zur bremse.

(Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 152).

Montag, der 5. Mai 2014


[216 / 108]
Und Hans Köberlin beendete die Lektüre des ersten Bandes des Journals der Gebrüder Goncourt. Die Lektüre von zehn Bänden stand noch an, was eine gewisse ‒ zumindest potentielle ‒ Zukunft bedeutete …*


* Am Donnerstag, dem 31. Juli 2014, sollte er, da noch in seinem Exil, die Lektüre des zweiten Bandes beenden, am Sonntag, dem 22. Februar 2015, sollte er, da bereits wieder zurück in der Hauptstadt, die Lektüre des dritten Bandes beenden, am Samstag, dem vierten Juli 2015, sollte er die Lektüre des vierten Bandes beenden, am Dienstag, dem 24. November 2015, sollte er die Lektüre des fünften Bandes beenden und am Sonntag, dem 10. April 2016, sollte er die Lektüre des sechsten Bandes beenden.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Mittwoch, 4. Mai 2016

Ach ja …

Sonntag, der 4. Mai 2014


[215 / 109]
In Borgesʼ Erzählung El espejo y la máscara beauftragte ein in der Schlacht siegreicher irischer König einen Poeten mit einem Epos. Der Dichter verfaßte ein klassisches Werk, das zwar mit einem Spiegel belohnt wurde, das aber den Wunsch nach etwas Unerhörterem nach sich zog. Der zweite Entwurf bot dieses Unerhörte, es wurde mit einer Maske belohnt, weckte aber beim König den Wunsch nach einer weiteren Steigerung. Der dritte Entwurf schließlich, der aus einem einzelnen Vers bestand, den der Dichter dem König ins Ohr flüsterte, zog als Geschenk ein Schwert nach sich, mit dem der Dichter sich selbst entleibte; der König aber zog als Bettler durch sein Reich.* ‒ »Betrachten wir einmal«, so Hans Köberlin, »abgesehen vom Drumherum der Geschichte, die drei Geschenke: der Dichter erkannte sich im Spiegel, zog die Maske auf, in der er sich nicht mehr erkannte, und brachte sich schließlich ‒ jenseits jeglichen Erkennens ‒ um. Man könnte das jetzt auf die Gestalt der drei Versuche übertragen: in der Klassik (v)erkennt man sich, in der Romantik ‒ dem Unerhörten ‒ wird man sich fremd und in … ‒ ja was?! ‒ … jedenfalls kann man nicht mehr weiter, hat man den Vers des Absoluten.«


* Jorge Luis Borges, Werke in 20 Bänden, hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold, Frankfurt am Main 1991ff., Bd. 13, S. 147ff.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Dienstag, 3. Mai 2016

Samstag, der 3. Mai 2014


[214 / 110]
Im Mythos von Echo und Narkissos traf die Fatalität der Sprache auf die Fatalität des Bildes. Es herrschte bei beiden jeweils ein Zuviel: Echo redete zuviel und wurde dazu verdammt, nur noch reaktiv sprechen zu können; Narkissos sah zu gut aus und wurde dazu verdammt, seinem eigenen Bild verhaftet zu bleiben. Der Manierismus der ovidschen Metamorphosen entsprach, so Hans Köberlin, sich vergangener theoretischer Abwege erinnernd, Lacans ‒ bewußter? ‒ Fehlleistung bei seiner Antigonelektüre: er entsprach der Flucht in unmögliche Krankheiten.* Die Flucht ging bei Ovid in Existenzmodi, die in der klassischen Hierarchie unterhalb der des Menschen lagen, also die Flucht ins vegetative, ins asoziale. Bei Narkissos war es (sehr schön artikuliert in der Übersetzung von Ernst Günther Schmidt) »die Art des Tods und die Neuheit des Wahnsinns.«** Warum war noch kein Psychoanalytiker auf den Echokomplex oder das Echosyndrom, nämlich die Manie, alles was man hörte, nachplappern zu müssen, gekommen?


* Siehe Jacques Lacan, Das Seminar Buch VII (1959-1960). Die Ethik der Psychoanalyse, Weinheim / Berlin 1996, S. 330.
** Ovid, Metamorphosen, III.350.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Montag, 2. Mai 2016

»It is the evening of the day …«

Freitag, der 2. Mai 2014


[213 / 111]
Man ging durch die Straße der sieben Schmerzen Mariens, und Hans Köberlin dachte, daß er dies in der Telos-Siebeneraufzählung* noch hätte ergänzen können.


* Siehe vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 148.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Sonntag, 1. Mai 2016

Donnerstag, der 1. Mai 2014


[212 / 112]
Es war nicht verwunderlich, daß Hans Köberlin nach jenen Gesprächen gestern diese Gedanken kamen und er gab für sich eine neue Parole für seine Rückkehr aus …
»Die neueste Parole für meine Rückkehr: ich bin zu alt für die Ochsentour, ich muß einen Coup landen. ‒ Nach Pfingsten …«*
Er schaute auf die Uhr seines Taschentelephons, halbzehn Uhr, und er höre es in der hinteren Wohnung husten und er stand auf, putze sich die Zähne und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen.


* Ob er sich vornehmen wollte, »nach Pfingsten« damit zu beginnen, einen Coup für die Zeit nach seiner Rückkehr vorzubereiten, oder ob sich dieses »‒ Nach Pfingsten …« auf etwas anderes bezog, das konnten wir nicht mehr herausbekommen.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Samstag, 30. April 2016

Mittwoch, der 30. April 2014


[211 / 113]
Er unterhielt sich mit der Archäologin über Eselsbrücken …
»Es gibt da eine, die ist wirklich schlimm …«
»Du meinst die, mit der man Stalagmiten und Stalaktiten unterscheiden kann?«
»Ja, genau! Man schämt sich, es zuzugeben, aber: einmal gehört funktioniert sie immer und ist prompt da, wenn man sie braucht.«
»Jean Paul hat Stalagmiten und Stalaktiten im Hesperus einmal für eine seiner typischen Metaphern benutzt: ›Aber die fallende Stalaktite der Regentschaft tropfet endlich mit der steigenden Stalagmite des Volkes zur Säule zusammen.‹«*
»Sehr schön, aber nicht so einprägsam.«


* Jean Paul, Sämtliche Werke, hrsg. von Norbert Miller und Gustav Lohmann, München 1959ff., 1. Abt., Bd. 1, S. 1018. In dem Kontext verhandelt Jean Paul ebd. einen Sachverhalt, den auch in Gottfried Benns Essay Dorische Welten diskutiert wurde und den wir gleichfalls in Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 55 und dort die Fußnote 108) aufgegriffen: »Setzen aber nicht Sparter Heloten voraus, Römer und Deutsche Sklaven, und Europäer Neger? – Muß sich nicht immer das Glück des Ganzen auf einzelne Opfer gründen, so wie ein Stand sich dem Ackerbau widmen muß, damit ein anderer dem Wissen obliege?« – Apropos Eselsbrücken: der jüngste Bruder der Frau sollte Hans Köberlin am Sonntag, dem 24. Januar 2016, folgende – gleichfalls stets funktionierende – Eselsbrücke zu ›konvex‹ und ›konkav‹ bauen …
Hatte das Mädel Sex,
ist ihr Bauch konvex;
war sie aber brav,
so ist er konkav.
(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Freitag, 29. April 2016

Dienstag, der 29. April 2014


[210 / 114]
Am Nachmittag unterbrach Hans Köberlin seinen Schreibtischaufenthalt, um seine Wanderschuhe einzufetten und um in der hinteren Wohnung die Betten für seine Gäste zu machen.


* Wir dachten dabei an Brecht: »ich brachte vor, daß allzuviel spannung mir nicht erwünscht scheint, da man mit gespannten bauchmuskeln nicht gut lacht« (Bertolt Brecht, Arbeitsjournal. 2 Supplementbände zu den gesammelten Werken, Frankfurt am Main 1974, S. 138).

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Donnerstag, 28. April 2016

Montag, der 28. April 2014


[209 / 115]
Der Montag, der 28. April 2014, war ein von Hans Köberlin lange erwarteter Tag,* was man dem eher lakonischen Eintrag nach der Niederschrift der Traumerinnerung nicht unbedingt ansah. »Bin heute wieder einmal mit Cassiber, Man or Monkey, gelaufen. Dabei, wenn auch nur kurz, Eröffnung der Schwimmsaison. Später im Kimono mit Miles Davisʼ Jack Johnson Sessions am Tisch im leeren Wintergarten.«


* … lange erwartet seit dem Sonntag, dem 17. November 2013.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVII [Phase 7 – darin: Besuch von Freunden], 28. April bis 15. Mai 2014).

Mittwoch, 27. April 2016

Sonntag, der 27. April 2014


[208 / 116]
Und Hans Köberlin stimmte dem Ausruf des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, wie doch alles Bestimmte ermüde, zu.


* Vgl. Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, hrsg. von Richard Zenith, Zürich 2003, S. 160.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).

Dienstag, 26. April 2016

Samstag, der 26. April 2014


[207 / 117]
Und Hans Köberlin erinnerte sich daran, daß er bei David Foster Wallace von der Fernsehserie As the World Turns gelesen hatte, die von 1956 bis 2010 ausgestrahlt worden war, also über einen Zeitraum, der ‒ mit einer kleinen Verschiebung von vier Jahren ‒ dem seines, Hans Köberlins, gesamten Lebens entsprochen hatte. Das berührte ihn seltsam …*


* Uns natürlich, die wir solches kennen (siehe vom Verf. … du rissest dich denn ein., Berlin 2010, pass.), natürlich nicht.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XVI [In der Hauptstadt der autonomen Region], 22. bis 26. April 2014).