Samstag, 22. Juli 2017

Llama el teléfono, Delia

Die Protagonistin hörte den Blues im Radio und zelebrierte den Blues (Prosa wie ein Blues) in der Ansprache an ihr kleines Töchterchen – ein wirklich genialer Einstieg. Dann kam der Anruf des Mannes, der sie verlassen hatte und der um Verzeihung bat, die ihm nicht gewährt wurde, weil sie ihn noch liebte. Dann kam der Freund des Mannes, der ihr mitteilte, daß der Mann bereits vor der Anrufzeit gestorben war. Im Gegensatz zu Philip K. Dicks Geschichten ist bei denen Cortázars die Ausführung wichtiger als die Idee.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, La otra orilla (1945), Plagios y Traducciones).

Mittwoch, 19. Juli 2017

Las manos que crecen

Ein Dichter, der sich wohl in einer Behörde verdingen mußte, vermöbelte einen Freund, der ihn beziehungsweise seine Dichtkunst geschmäht hatte. Der Dichter war anschließend über die Maßen stolz auf seine Hände, die dann allerdings zu Zentnerschwere wuchsen. Der Zustand wurde unerträglich und der Mann ging zu seinem Arzt um sie amputieren zu lassen. Als er aus der Narkose erwachte, dachte er, das sei ein schlechter Traum gewesen, doch dann sah er seine Armstümpfe. – Die Erzählung war in der Manier von Kafka, die Umwelt erkannte jedoch die Monstrosität als solche, bis auf den Arzt, der damit rational umging, weil er sie unter dem Aspekt seiner Eitelkeit und unter dem seiner ökonomischen Interessen betrachtete.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, La otra orilla (1945), Plagios y Traducciones).

Sonntag, 16. Juli 2017

El hijo del vampiro

Ein Vampir verliebte sich in eine Lady und schwängerte sie, statt sie auszusaugen (er war sich seiner Fehlleistung mehr oder weniger bewußt). Der Fötus aber saugte die Lady aus und nahm nicht bloß den Uterus, sondern ihren gesamten Körper in Besitz. Am Ende war die Gebärerin weg und Vater und Sohn vereinten sich. Es ging also nicht um Leidenschaft (als Ursache der Fehlleistung), sondern bloß um Genealogie oder Gene (Schopenhauers Wille also auch unter Untoten).

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, La otra orilla (1945), Plagios y Traducciones).

Fenster #148

Donnerstag, 13. Juli 2017

Amir · Zwik · Zufall




Le hasard est le plus grand romancier du monde. (Honoré de Balzac, Avant-Propos de La Comédie humaine).

Dienstag, 11. Juli 2017

Mittwoch, 5. Juli 2017

P. K. D. #118

The Alien Mind ist albern, ein unwürdiger Abschluß: ein Raumfahrer erwacht aus dem künstlichen Tiefschlaf, weil es eine Kursänderung gegeben hat. Er stellt fest, daß es Norman, der Bordkater, gewesen war, und bringt ihn um. Die Aliens nun, denen der Raumfahrer die Fracht gebracht hat, rächen Norman, indem sie die das Tiefschlafgerät sabotieren und allen Vorrat für den zweijährigen Flug durch Katzentrockenfutter ersetzen, und alle Packungen enthalten die gleiche Geschmacksrichtung.

Das waren sie, sämtliche 118 SF-Geschichten von Philip K. Dick.

»Weird Scenes Inside the Gold Mine«

P. K. D. #117

In Rautavaaraʼs Case – die Brücke zu Poes The Facts in the Case of M. Valdemar ist sicher beabsichtigt – sterben im Weltraum eine Technikerin und zwei Techniker. Aliens gelingt es, das Gehirn der titelgebenden Technikerin in Funktion zu halten. Dann treffen die drei im Jenseits auf Jesus, was die Terraner und die Aliens durch das Gehirn beobachten können. Die Aliens implantieren schließlich die Vorstellung ihres Erlösers, dessen Fleisch und Blut nicht die Gläubigen essen, um ewig zu leben, sondern der umgekehrt für sein ewiges Leben seine Gläubigen konsumiert. Als die Terraner das sehen, schalten sie zum Bedauern der Aliens das Hirn aus. – Eine etwas fleischlos, wenn man das man so bezeichnen darf, dargestellte Idee.

»A place where nothing ever happens …«


P. K. D. #116

I Hope I Shall Arrive Soon ist wohl eine Geschichte mit autobiographischen Zügen: die Biene aus dem Spinnennetz, die ihren Retter sticht, taucht wieder auf. Das Szenario ist bedrohlich: ein Mann liegt über zehn Jahre im Kälteschlaft, aber durch einen Fehler ist sein Bewußtsein tätig. Damit er über die lange Zeitdauer keine Psychose entwickelt, wird er von dem Raumschiff mit seinen Erinnerungen beschäftigt. Als vierjähriger Junge war er schuld am Tod eines Vogels, diese Erinnerung kontaminiert alle anderen, auch die an seine große Liebe, für deren Scheitern er nun auch diesen Vogel verantwortlich macht. Das Schiff versucht es nun mit Wunschvorstellungen des Ankommens, aber auch das hilft nichts. Da versucht es, die große Liebe des Mannes dazu zu bringen, ihn bei der Ankunft zu erwarten. Ab da läßt es Dick geschickt offen, ob die Ankunft mit erwartender Frau real oder eine Bewußtseinsbeschäftigungstherapie des Schiffes ist. Der Horror könnte weitergehen, wenn die glückliche Ankunft zwar real wäre, der Mann die Realität aber nach zehn Jahren reines Bewußtsein seins nicht mehr anerkennen könnte.

»It is the evening of the day …«

P. K. D. #115

Auch Strange Memories of Death ist eine bemerkenswerte Geschichte. Ein Ich-Erzähler macht sich Gedanken über eine menschenscheue Mitbewohnerin. Nur noch er und sie leben in einem Haus, er hat seine Wohnung gekauft, die ihrige soll nun geräumt werden, denkt er. Er stellt sich sie in ihrer Wohnung und ihre Reaktion auf die Räumung vor, dabei ist sie längst aus- und in eine Sozialwohnung gezogen, und er ist der letzte in dem Haus.

Mittwoch, 28. Juni 2017

»It is the evening of the day …«


P. K. D. #114

Chains of Air, Web of Aether / »The Man Who Knew How to Lose« ist eine der besten Geschichten bisher. Ein Mann auf irgendeiner Relaisstation erfährt, daß seine Nachbarin todkrank ist. Er kümmert sich zögerlich um sie und sie nimmt seine Fürsorge schamlos – aber so, wie es erzählt wird, nicht wirklich unangenehm – in Anspruch, ja, sie zerstört sogar den Nimbus der von ihm verehrten John-Dowland-Interpretin als falsche Sentimentalität, wobei sie selber vor Soap Operas herumhängt. Der Mann bleibt Stoiker mit einer Ethik, die manche als Schwäche bezeichnen würden.

Sonntag, 25. Juni 2017

Muster

P. K. D. #113

The Exit Door Leads In entwirft eine absurde Welt, um den Protagonisten in ein seltsames College der Militärbehörden zu bringen. Dort werden einem Studienthemen zugewiesen und zuvor wird einem demonstriert, daß es Geheimvorgänge gibt. Der Protagonist soll sich mit den Vorsokratikern beschäftigen, wobei ihm die elektronische Lerneinheit scheinbar versehentlich einen dieser Geheimvorgänge präsentiert. Das Ganze ist ein Arrangement, um das Verhalten der Studenten zu testen. Loyalität war in diesem Fall der falsche Weg. Die Anlage zu der Geschichte ist gut, die Ausführung läßt etwas zu wünschen übrig.

Aus der Röhre schauen


In die Röhre schauen #2


In die Röhre schauen


Samstag, 24. Juni 2017

P. K. D. #112

In The Day Mr. Computer Fell out of its Tree wird eine Welt verknappter Ressourcen von einem allwissenden Computer gesteuert. Der dreht manchmal durch, weshalb man den klügsten Menschen der Welt, eine äußerst attraktive Frau, seit Jahren mittel Radiofamilienserien im Dauerdämmerzustand bereit hält, damit sie ihn bei Bedarf reparieren kann. Es kommt heraus, daß der Computer diesmal durchgedreht ist, weil ein einsamer Mann sterben will. Die attraktive Frau nimmt ihn kurzerhand zum Vögeln mit in ihren Dämmerraum, eine einfache aber wirksame Lösung.

Mittwoch, 21. Juni 2017

P. K. D. #111

In The Eye of the Sybil ist die römische Sybille eine Außerirdische, die in die Zukunft reisen kann. Der Ich-Erzähler ist ihr Priester, der in die Zukunft reist und dort als Philip lebt, bis er 1974 zurück nach Rom kommt, um als alter Mann seine Geschichte niederzuschreiben. Auch hier kommt die Gattin schlecht weg, und Dick wird zunehmend esoterischer = flacher.

P. K. D. #110

The Pre-Persons ist das Plädoyer eines radikalen Abtreibungsgegners. Die Frauen kommen hier schlecht weg und die Männer werden als Opfer, denen man ihre Kinder nimmt, dargestellt, schlimm –: diese Geschichte ist wirklich mehr als ärgerlich.

P. K. D. #109

A Little Something for Us Tempunauts ist wieder eine Zeitreisegeschichte. Die Zeitreisenden heißen »Temponauts« und ihre sowjetischen Entsprechungen »Chrononauts«, das sind schöne Neologismen. Am Ende beschließt der verzweifelte Anführer der Temponauten, in der Zeitschleife zu bleiben, um immer wieder und wieder den Trauerzug für ihn und seine Kameraden mitzuerleben. Hier hatte ich das Gefühl, daß nicht alles logisch war, auf jeden Fall war auch dieses Ende unbefriedigend.

Der Sommer

Samstag, 17. Juni 2017

P. K. D. #108

Cadbury, the Beaver Who Lacked ist keine Science-Fiction-Geschichte, sondern eine Mischung aus Fabel und Parabel. Ein unglücklich verheirateter Biber sucht Rettung durch eine andere Frau, man kennt das. Am Ende trifft er auf eine, die sich vor seinen Augen in Kumpel, Mutter und Schlampe aufspaltet. Das Begehren des Bibers wandelt sich in etwas Diffuses, mit dem die Geschichte etwas unbefriedigend endet.

Fenster #145

Fenster #144

Dienstag, 13. Juni 2017

P. K. D. #107

The Electric Ant ist eine Blade Runner-Geschichte: ein Mann entdeckt nach einem Unfall, daß er ein Android ist. Als er anschließend herausfindet, daß sein Wirklichkeitszugang wie bei einem mechanischen Klavier über ein Lochband gesteuert wird, macht er Experimente, um – wie bei Borgesʼ Aleph ‒ die totale Wahrnehmung von allem zu haben. Dabei kommt er ums Leben, woraufhin auch seine Sekretärin verschwindet, was so, wie man es liest, nicht ganz logisch ist. Die konstruktivistischen Modelle und Gedankenspiele waren damals wohl noch nicht so ausgereift, daß sie erzählperspektivisch adäquat umgesetzt werden konnten.

Sonntag, 11. Juni 2017

Zum Glück falsche Versprechen

When I was young, people told me: Youʼll see when youʼre fifty. Iʼm fifty. Iʼve seen nothing.

(Erik Satie, zit. nach: Cohn Cage, Silence. Lectures and writings, Hanover / New England 1961, S. 81).

Samstag, 10. Juni 2017

P. K. D. #106

The Story to End All Stories for Harlan Ellisonʼs Anthology »Dangerous Visions« ist eine kurze Skizze für einen Plot um eine zusammengesetzte Frau nach dem großen Krieg, die sich mit einer außerirdischen Frau paart. Sie bekommt ein Kind, das sie nach der Geburt ißt. Dann stellt sich heraus: das Kind war Gott.

P. K. D. #105

In Faith of Our Fathers haben die, die man in den USA als Kommunisten ansah, die Weltherrschaft erlangt. Der agnostische Protagonist steht zwischen der Karriere in einem Ministerium und dem Auftrag, den großen Vorsitzenden als Alien zu entlarven. Der Vorsitzende entpuppt sich als böser Gott und am Ende wird die sexuelle Vereinigung als Erlösung gefeiert. Es wird unreif mystischer in den Geschichten.

Freitag, 9. Juni 2017

Am Morgen

Der Weg dessen, der sich scheut, ans Ziel zu gelangen, wird leicht ein Labyrinth zeichnen.

(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 427).

Donnerstag, 8. Juni 2017

Fenster #143

Fenster #142

P. K. D. #104

In Return Match veranstalten Außerirdische illegale Glücksspiele auf der Erde. Nach einer Razzia finden die Polizisten einen Flipper, der spielsüchtig macht, um schließlich die Stahlkugel auf den Spieler abzuschießen. Am Ende geht diese Revanche über das Spiel hinaus und einer der Polizisten, der bei der Razzia beteiligt war, sieht, wie eine riesige Stahlkugel auf seine Wohnung zuschießt.

Dienstag, 6. Juni 2017

Fenster #138

Fenster #137

P. K. D. #103

In Not by itʼs Cover werden Bücher in die Haut eines Marstieres eingebunden, die nach dem Tod ihres Trägers weiterlebt. Diese Haut ist intelligent und unsterblich und korrigiert Texte, die die Unsterblichkeit anzweifeln. Die Geschichte ist eher albern.

Fenster #136

Donnerstag, 1. Juni 2017

P. K. D. #102

We Can Remember it for You Wholsale ist zum Teil die Vorlage zu Total Recall, nur zum Teil, weil die Geschichte von Paycheck, wo ein Mann sich selber eine Nachricht schickt und sich selber instruiert, noch dazukommt (als ich Paycheck las, kannte ich diese Geschichte noch nicht). Das Finale findet hier auf der Erde statt, und ich fand, daß Verhoevens Film besser funktionierte, was aber auch an der Abfolge der Rezeption liegen kann. Die Frauen laufen in dieser Zukunft nur noch barbusig herum und malen ihre Brüste in verschiedenen Farben an. Aber immer nur nackt läßt das Geschlechtsorgan Imagination unterbeschäftigt und bringt einen um die Freude des Enthüllens.

Montag, 29. Mai 2017

Fenster #135

P. K. D. #101

In Holy Quarrel trifft man auf einen Vorläufer von HAL 9000 oder der Bombe aus Dark Star. Ein Computer soll die Kriegsgefahr schneller als die Menschen erkennen und einen Präventivschlag vornehmen – so bereits geschehen gegen Frankreich und Israel. Als der Großrechner wegen eines Betreibers von Kaugummiautomaten Nordkalifornien auslöschen will, blockiert man ihn. Es beginnen Untersuchungen sowohl des Computers als auch des Kaugummiimperiums. Dabei kommt heraus, daß der Computer eine religiöse Psychose haben muß, woraufhin man ihn abschaltet. Doch am Ende hatte er doch recht, denn die Kaugummis entpuppen sich als extraterrestrische Einzeller, die sich durch Teilung vermehren und dabei die Welt überschwemmen. – Der Plot ist nicht (mehr?) ganz ausgereift.

Sonntag, 28. Mai 2017

Samstag, 27. Mai 2017

P. K. D. #100

In Your Appointment will be Yesterday wurde in Teilen der Welt der Lauf der Zeit umgedreht. Der Protagonist war ein Bibliothekar, der für die Gesellschaft gefährliche Erfindungen auslöschte. Zu Inkonsistenzen kam es, als es um eine Erfindung ging, die mit der Zeitumkehrung zu tun hatte. Gut war an der Machart der Geschichte – bei der ich an Zum Beispiel Otto Spalt denken mußte –, daß die Welt ohne Erklärungen eingeführt wurde. Aber es blieb zuviel offen, vieles war nicht bis zum Ende durchdacht und funktionierte logisch nicht.

P. K. D. #99

A Terran Odyssey ist die bisher beste Geschichte, sie hätte auch von den Strugatzkis kommen können (Die Schnecke am Hang). Geschildert werden Impressionen aus einer postkatastrophischen Welt. Der Anhang berichtet, daß es sich um zusammengestellte Auszüge aus einem Roman handelt; ich vermute, diese Zusammenstellung ist poetischer als der Roman. Auch in der postkatastrophischen Welt gibt es bei Dick Schlampen (in der Zeit muß ihm eine Frau zugesetzt haben).

Freitag, 26. Mai 2017

Fenster #133

Fenster #132

P. K. D. #98

Auch in Retreat Syndrome geht es um den Status der Realität. Ein Mann zweifelt an dem, was um ihn ist, und vermutet, daß er manipuliert wird. An einem gewissen Punkt der Geschichte erzählt ihm sein Psychiater, daß er in einem durch einen Schuldkomplex ausgelösten Wahn lebt. Wegen ihm ist ein Unabhängigkeitskrieg gescheitert, nachdem seine Frau hinter die Pläne der Revolte kam und diese im Kontext eines Ehestreits verraten hat. Seitdem versucht er immer wieder, die Frau zu töten. Daß es sich um einen Wahn handelt, ist am Ende ziemlich eindeutig, man hätte es offener lassen können.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Fenster #131

P. K. D. #97

Precious Artifact ist wieder ein Vorläufer von Matrix. Ein Ingenieur, der nach einem interplanetaren Krieg den Mars rekultiviert, hat den Verdacht, daß irgendetwas nicht stimmt. Er reist zurück nach Terra und stellt fest, daß die Aliens den Krieg gewonnen haben und ihn nun brauchen, um die vollkommen zerstörte Erde wieder zu rekultivieren. Sie gaukeln ihm zunächst vor, die Welt sei heil, dann bringen sie ihm nach und nach bei, daß seine Situation schlimmer sein könnte (ein Argument der humanoiden Alienfrau war, daß sie ja auch paarungsunfähig sein könnten). Am Ende, wo er denkt, er habe alle Schlichen durchschaut, bekommen sie ihn mit einem künstlichen Kätzchen herum.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Fenster #130

P. K. D. #96

In A Game of Unchance landen regelmäßig Schausteller auf einer Kolonie. Die Siedler geben ein Großteil ihrer Ernte für die Spielgeschäfte aus und werden regelmäßig abgezockt. Als sie mit Hilfe eine telekinetisch begabten Jungen endlich gewinnen, entpuppt sich der Gewinn als eine Invasion von feindlichen Miniaturrobotern – das trojanische Pferd fällt einem ein: die Einladung des Feindes. Man nimmt sich vor, sich künftig von den Schaustellern fern zu halten, aber der Reiz ist für die Provinzler zu groß, und beim nächsten Rummel kann man Fallen gewinnen, die den Miniaturrobotern den Garaus machen würden. Es geht also bloß um Bauernfängerei. Die sexuellen Anspielungen nehmen in Dicks Geschichten zu – wie die Schilderungen der durch den dritten Weltkrieg verwüsteten Erde abnehmen ‒, aber weniger knistert es zwischen gleichberechtigen Personen als zwischen einem Chef und seiner Untergebenen oder es werden auf dem Rummel Go-Go-Girls und Stripperinnen gezeigt.

Samstag, 20. Mai 2017

P. K. D. #95

The War with the Fnools ist leicht zu gewinnen, weil man die als Menschen getarnte Aliens gleich erkennt, da sie nur sechzig Zentimeter groß sind. Ein Agent macht sich einen Gag daraus, einen gefangenen Fnool an einer Zigarette ziehen zu lassen – prompt wächst er auf einszwanzig, und ein Glas Scotch bringt ihn auf normale Größe. Nun hat man das Problem, ihn unter den Menschen aufzuspüren, aber das Vögeln macht aus ihm einen Riesen, den man gleich wieder erkennt. Die drei Laster … Hier lag wohl der Ehrgeiz Dicks, ironisch zu sein.

Fenster #128 (Alles neu …)

Mittwoch, 17. Mai 2017

Heute einmal nicht aus gegebenem Anlaß

Unter allen Gegenständen, die Baudelaire als erster dem lyrischen Ausdruck erschlossen hat, dürfte einer voranstehen: das schlechte Wetter.

(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 168).

»It is the evening of the day …«


P. K. D. #94

In The Little Black Box / »From Ordinary Household Objects« leidet ein religiöser Führer für seine Anhänger. Die leiden mittels eines schwarzen Geräts (einer Art Pain Station) mit. Die Regierung sieht diese Religion als Bedrohung an und möchte sie unterbinden. Die Protagonistin – zuerst skeptisch eingestellt – wird durch die Nachstellungen der Regierung in die Klauen der Religion getrieben. Es ist eine etwas unausgegorene Geschichte, in der die mit den Figuren hervorgerufene Empathie konträr zu ihrem Tun ist: das Religiöse – besonders das auf Leiden basierende ‒ ist zu verdammen. Laut Dick bildet die Geschichte die Grundlage von Do Androids Dream of Electric Sheep? Es ging ihm darum, was der religiöse Führer war, ein Android oder ein Alien oder nur ein Mensch, eine Frage, die ich für zweitrangig halte. Jeder religiöse Führer ist ein abzuschaffender.

Non vitae, sed scholae …

In jedem Jahrhundert muß die Menschheit nachsitzen.

(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk; in: Gesammelte Schriften, unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. v. Ralf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main 1991, Bd. V.1, S. 177).

Sonntag, 14. Mai 2017

P. K. D. #93

In Oh, To Be a Blobel! / »Well, See, There Were These Blobels …« hatte die Menschheit Krieg gegen die Blobels – große intelligente Amöben ‒ geführt. Es hatte auf beiden Seiten Agenten gegeben, die sich je in die andere Spezies verwandelt hatten. Nach dem Krieg war diese Verwandlungsfähigkeit nur zum Teil reversibel, und die Betroffenen verbrachten ein Leben halb und halb. Um einem darunter leidenden Mann zu helfen, verkuppelte ihn sein Psychoanalytiker mit einer Blobel-Agentin. Die Geschichte ist die Geschichte des Scheiterns dieser Ehe, aus der vier Kinder nach den mendelschen Gesetzen hervorgingen: ein Blobel, zwei Hybride und ein Mensch. Der Protagonist war ökonomisch ein Looser, der durch seine Blobel-Frau zum erfolgreichen Geschäftsmann wurde. Am Ende verwandelte sich die Frau nach der Trennung aus Liebe zum kompletten Menschen, und der Mann aus Gier zum kompletten Blobel. Man bemerkt die sexuelle Liberalisierung der sechziger Jahre deutlich in Dicks Geschichten.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Dienstag, 9. Mai 2017

P. K. D. #92

In Whatʼll We Do With Ragland Park? / »No Ordinary Guy« tritt das Personal der vorherigen Geschichte wieder auf, der bauernschlaue Tyrann und der Nachrichtenclown. Protagonist ist der Betreiber eines Kultursenders, der den Nachrichtenclown aus dem Gefängnis holt und einen Folksänger engagiert, dessen Balladen kurz nach dem Vortrag Realität werden, also eine … du rissest dich denn ein.-Geschichte. Der Sänger ahnt nichts von seiner Gabe, und als der Intendant sie entdeckt, bekommt er es mit der Angst ob solcher Macht zu tun, und er fragt sich, wie man den Sänger unschädlich machen kann. Der erledigt das selber, indem er seinen eigenen Märtyrertod besingt. ‒ Häufig bleiben die Orte, an denen sich Dicks Figuren aufhalten, zu vage.

Samstag, 6. Mai 2017

P. K. D. #91

In Stand-by / »Top Stand-by Job« wird die USA von einem Elektronengehirn regiert. Für den Fall seines Ausfalls stellt die Gewerkschaft einen sogenannten Bereitschaftspräsidenten. Dieser bauernschlaue Dumpfmensch übernimmt während eines durch einen Alien-Angriff ausgelösten Computerausfalls die Herrschaft, nachdem er sich zuvor mit dem obersten Nachrichtenclown überworfen hat. Die beiden kämpfen um die Macht, bis das wieder reparierte Elektronengehirn sich zurückmeldet und dem Treiben ein Ende setzt. Ich mußte an Sopranos denken und die Scheinarbeitsplätze, die die Mafia auf diversen Baustellen betrieb.

Montag, 1. Mai 2017

Fenster #126

P. K. D. #90

In The Days of Perky Pat / »In the Days of Perky Pat« verbringen die Überlebenden eines globalen Krieges ihre Zeit damit, eine Art von Barbie-Puppen-Monopoly zu spielen, während ihre Kinder sich heimlich die basalen archaischen Überlebenstechniken aneignen. Es kommt bei dem Spiel zu einem Duell zweier Bunker, wobei die titelgebende Figur, die sich im Teenageralter befindet, gegen eine Figur antritt, die eine reife Frau ist, und zudem schwanger, was impliziert, daß sie Sex hatte. Es ging um Dekadenz und darum, sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Ich mußte an Die Schnecke am Hang von den Strugatzkis denken. Dick kommt es immer, wie bereits desöfteren erwähnt, um die Ausarbeitung einer Idee für eine Geschichte an. Das Interessante, das zwischen Idee und Geschichte liegt und in dessen Ausfabulierung Borges ein Meister war, taucht bloß punktuell auf.

Fenster #125

P. K. D. #89

Orpheus With Clay Feet ist wie Waterspider eine autothematische Geschichte, was mit dem basalen Paradox der Zeitreisen in die Vergangenheit korreliert. Leute, die selbst nicht kreativ sind, reisen in die Vergangenheit, um Künstler zu ihren Werken zu inspirieren. Der Protagonist will einen SF-Autor zu dessen großem Epos inspirieren, was aber schiefläuft und das Epos aus der Geschichte verschwinden läßt. Der Autor verarbeitet sein Erlebnis mit dem Zeitreisenden in einer Geschichte mit dem Titel Orpheus With Clay Feet und stirbt verarmt. Der Protagonist muß daraufhin als Strafe in die Vergangenheit, um den Hitler der wiener Malerzeit zu deinspirieren.

Fenster #124

Fenster #123

Fenster #122

P. K. D. #88

What the Dead Men Say / »Man With a Broken Match« ist in einer Zeit angesiedelt, in der man nach dem Tod noch ein gewisses Quantum Halbleben hat, bevor man endgültig stirbt. Man kommt in Leichenhallen, in denen die Verwandten noch einige Zeit an sogenannten »Wiederauferstehungstagen« mit einem kommunizieren können. Als der mächtigste Mann der Erde stirbt, funktioniert sein Halbleben nicht, dafür hört man durch sämtliche Medien auf der Erde ununterbrochen seine Stimme aus dem All vor sich hinbrabbeln und kann dies Gebrabbel auch in sämtlichen Zeitungen lesen. Und als dann seine psychopathische und drogensüchtige Enkelin ihn beerbt und sein PR-Mann sich in die Erbin verliebt ‒ ein Novum bei den Geschichten bisher ‒, setzen die Verwicklungen ein. An deren Ende entpuppt sich die Erbin als Drahtzieherin des Komplotts, das man mitverfolgt hat, und unter denen, die sich ihr entgegenstellen und sie ausschalten wollen, zieht ausgerechnet der PR-Mann beim Losen um diese undankbare Aufgabe den Kürzeren. Die Erzählung ist etwas zu lang geraten.

P. K. D. #87

Waterspider ist eine autothematische satirische Erzählung: man hat ein Raumfahrtproblem und alles technische Wissen stammt aus Science-Fiction-Magazinen, deren Autoren man für Präkogs hält. Um das Raumfahrtproblem zu lösen, reist man in die Vergangenheit auf einen Kongreß der Science-Fiction-Autoren, wo Dick, Bradbury et cetera sich versammelt haben. Einen der Autoren holt man in die eigene Zeit, er löst das Problem, aber als man ihm vor der Rückreise in die Vergangenheit die Erinnerung an die Zeitreise löscht, ist auch die Lösung wieder verschwunden.

Sonntag, 30. April 2017

Fenster #121

P. K. D. #86

Novelty Act / »At Second Jug« spielt in der nicht ganz so entfernten Zukunft in den USA. Es gibt nur noch eine Partei, die republikanischen Demokraten, und Regierungsform ist das Matriarchat. Die Menschen leben in großen Wohneinheiten, die tribal straff organisiert sind und gegeneinander konkurrieren. Die First Lady ist in den Medien omnipräsent, gewählt wird – wie bei Ranke-Graves beschrieben ‒ ihr Gatte auf Zeit, und die einzige Möglichkeit, sie zu Gesicht zu bekommen, ist bei einem Talentwettbewerb zu gewinnen. Zwei Brüder versuchen es, indem sie auf sogenannten Jugs Bach blasen. Dabei kommt heraus, die First Lady ist ein Kunstprodukt, das seit Jahren von diversen Schauspielerinnen verkörpert wird.

Fenster #120