Mittwoch, 23. Januar 2019

39,1 °C

»Die Krankheitseitelkeit des Patienten wird nur noch von der Heilseitelkeit der Ärzte überboten.«
Dies war freilich richtig; keine Krankheitsscham kann so groß sein, daß nicht noch Platz für Krankheitseitelkeit übrig bliebe für eine überhebliche Opfereitelkeit, welche meint eine Leistung vollbracht zu haben, weil die Krankheit dem Getriebe des Geschlechtes enthebt, weil alles Begehrende und alles Begehrenswerte aus dem Gesicht des Kranken gelöscht ist, eine Eitelkeit der Selbstzerstörung.

(Hermann Broch, Tod des Vergil, Frankfurt am Main, 4. Aufl. 1986, S. 262).

Donnerstag, 17. Januar 2019

Cambio de luces

Ein Hörspielsprecher bekam Verehrerpost von einer Frau. Er imaginierte die Schreiberin, die allerdings beim leiblichen Treffen nicht seinen Vorstellungen entsprach. Auch er war anders, als sie ihn sich nach der Stimme vorgestellt hatte. Nachdem die beiden dennoch ein Paar geworden waren, versuchte er sie diskret nach seiner Imagination zu modeln, während sie sich einen Liebhaber besorgte, der ihren Vorstellungen von dem Träger der Stimme entsprach (das – daß sie drastischer vorgegangen war – war die Pointe). Der Plot war vorhersehbar, der Stil klassisch gehalten (Henry James, Borges …) aber die Erzählung dennoch war sehr gelungen, Manns indische Legende fällt einem ein …

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Alguien que anda por ahí (1977)).

Am Strand (zweiter Nachtrag: die Kehrseite des Idols)

die andere Seite

Adlershof (West)

Man hat es geahnt

Die objektiven Verhältnisse fühlen sich in der Irregularität wohl.

(Alexander Kluge, Tür an Tür mit einem anderen Leben. 350 neue Geschichten, Frankfurt am Main 2006, S. 348).

Sonntag, 13. Januar 2019

Am Strand (Nachtrag)

Cuello de gatito negro

Ein Mann, der in der Metro mit Frauen flirtete, geriet an eine Frau, deren Finger sich selbständig machten und unersättlich waren (ähnlich der Hand in Las manos que crecen). Er ging mit zu ihr, sie vögelten, aber danach im Dunkeln fielen die Finger über ihn her. Wie Lugar llamado Kindberg nicht so überzeugend.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Las fases de Severo

Diese ein wenig an Kafka erinnernde Erzählung war wieder grandios. Der Ich-Erzähler begab sich mit seinem Bruder und mit Freunden in ein Haus. Es war, als ginge man zu einer Totenwache, doch den, den man besuchte, war nicht tot, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, er hatte seine »fases«, von denen man nicht sagen konnte, welchen Daseins-Status sie hatten. Sie wirkten sich allerdings auf die Besucher aus. Das Grandiose an dieser Erzählung war das Beschreiben, die Art, wie das Ungeheuerliche durch die Beschreibung zu etwas Alltäglichem wurde, ohne aber dabei seine Ungeheuerlichkeit zu verlieren.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Lugar llamado Kindberg

Dies war eine der schwächeren Erzählungen, eine Wunschprojektion mit falscher Tragik, außerdem noch schlecht erzählt: ein älterer Mann nahm eine Anhalterin mit und lud sie zum Essen ein, wonach die beiden im titelgebenden österreichischen Dorf vögelten. Das Mädchen erinnerte ihn an das, was er mit seiner Etablierung aufgegeben hatte. Sie mochte noch mit ihm weiterfahren, er zog es jedoch vor, mit Absicht und 160 km/h gegen einen Baum zu fahren. Darüber hinaus stellte sich einem die Frage, warum ein Argentinier in Mitteleuropa Handlungsreisender für Fertigbauteile sein sollte …

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Samstag, 12. Januar 2019

Ahí pero dónde, cómo

Sein seit drei Jahrzehnten verstorbener bester Freund erschien dem Erzähler immer wieder in den Träumen, aber nur in der Situation nach dem Bekanntwerden der tödlichen Krankheit. Der Erzähler nun gab diesem speziellen Auftauchen in den Träumen den Status des Lebens an einem ihm selber ungewissen »ahí«. Immer wieder mußte der Freund dort sterben. Eingebettet
waren in diese Erzählung Versuche der Legitimation ihrer Niederschrift. Ich wußte nicht, auf was Cortázar da hinauswollte.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Nachtrag vom Montag, dem 21. August 2017, geschrieben in Peniche: ähnliches beschrieb Álvaro de Campos in seinem Gedicht über die Erinnerung an die Toten …

Die Toten! Auf welch erstaunliche Weise
Und mit welch erschreckendem Nachhall
Leben sie in unserer Erinnerung!

Meine alte Tante in ihrem alten Haus, auf dem Land,
Wo ich glücklich war und gleichmütig, und das Kind, das ich war …
Ich denke daran und eine rasende Sehnsucht durchdringt mich …
Und zudem denke ich, sie ist schon seit Jahren tot …
All dies ist, genau genommen, geheimnisvoll wie eine Abenddämmerung …
Ich denke, und die ganze Unergründlichkeit des Universums durchdringt mich.
Ich sehe all dies in der Vorstellung so klar und deutlich wieder,
Daß ich anschließend, wenn ich denke, daß all dies vorbei ist
Und sie tatsächlich tot,
Dem Geheimnis bleicher gegenüberstehe,
Es dunkler sehe, erbarmungsloser, ferner,
Und nicht einmal weine, so aufmerksam bin ich gegen den Schrecken des Lebens …

Wie gern wäre ich Teil der Nacht,
Ohne die Konturen der Nacht, irgendein Ort im Raum,
Kein Ort im eigentlichen Sinn, da nicht zu orten noch klar umrissen,
Doch Nacht in der Nacht, ein Teil von ihr, ihr zugehörend, überall,
Und naher und ferner Gefährte meines Mangels an Leben …

All dies war so wirklich, so lebendig, so gegenwärtig! …
Sehe ich es in mir wieder, wird es erneut lebendig in mir …
Ich kann kaum glauben, daß etwas so Wirkliches vergehen …
Und heute nicht sein oder heute so anders sein kann …
Das Wasser des Flusses fließt zum Meer, entschwindet meinem Blick,
Erreicht das Meer und verliert sich im Meer,
Aber verliert sich das Wasser deshalb selbst?
Ein Ding hört auf zu sein, was es unbedingt ist,
Oder versündigen sich unsere Augen und Ohren gegen das Leben
Und unser äußeres Bewußtsein gegen das Universum?
Wo ist heute meine Vergangenheit?
In welcher Truhe hat Gott sie verwahrt, daß ich sie nicht finden kann?
Wenn ich sie wiedersehe in mir, wo dann sehe ich sie?
All dies muß einen Sinn haben – vielleicht einen ganz einfachen –
Doch soviel ich auch denke, er erschließt sich mir nicht.

13. 12. 1914

(Fernando Pessoa, Álvaro de Campos. Poesie und Prosa, aus dem Portugisischen übersetzt, herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Inés Koebel, Frankfurt am Main 2014, S. 45f.).

Verano

Wegen der Beschreibung der Lage des Hauses vermutete ich anfangs, es handele sich um die Cala de Déjà, aber dann wurden Haus und Garten nicht mehr verlassen, und es war allerdings
unwahrscheinlich, daß sich im Tal unterhalb Déjàs eine Pferdekoppel befand. Die Beherbergung des Kindes und das Auftauchen des Pferdes (ich dachte, ein Imagination des Kindes habe sich materialisiert) brachten den Alltag eines langjährigen (kinderlosen?) Paares aus dem Trott, was mit der Vergewaltigung der hysterischen Frau durch den wütend-rationalen Mann endete. Hysterie und wütend-rationale Gewalt als die klassischen Pathologien – das hätte auch von Hemingway oder Faulkner kommen können.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Über die Risiken des Studiums einer brotlosen Kunst in den Zeiten des Aufbruchs

Der Kommissar, Anonymer Anruf (1970)
Buch: Herbert Reinecker, Regie: Helmut Käutner
Eine Frau prostituierte sich ohne Wissen ihres Mannes, um das Soziologiestudium (!) ihres Mannes gegen den erbitterten Widerstand von dessen reichem Selfmade-Bauunternehmer-Onkel zu finanzieren. Diese Konstellation wurde von dem Mörder – einem schnöden Betrüger – ausgenutzt, um den Onkel zu töten. Die Frau des Täters (Dunja Rajter) hatte ein Verhältnis mit dem Opfer gehabt, doch das hatte den Täter, der davon gewußt, anscheinend nicht gestört, ihm war es bloß ums Geld gegangen, was seine Frau – auch wenn sie ihn seit langem nicht mehr liebte – wohl doch gekränkt haben mußte. – Es stellte sich natürlich auch die Frage, ob man sich als Frau für einen Mann prostituieren sollte, dessen Lektüre nach Jahren des Studiums noch immer rowohlts deutsche enzyklopädie war.

*

Der Fiveoclocktea zog sich, Clemens fühlte sich immer unbehaglicher und, was die Dialoge betraf, da mußte er immer mehr an Der Kommissar denken … (Und jetzt besuchen Sie also meine Tochter. Schön, daß Sie meine Tochter besuchen. Sie braucht jetzt Beistand, wissen Sie, ein schwerer Schicksalsschlag hat sie getroffen, und ich bin ein vielbeschäftigter Mann und – widersprechen Sie nicht! [was Clemens garnicht gewollt hatte] – ein alter Mann. Tja, Sie sind noch jung, und die Jugend … Sie kommen doch her, um ihr Beistand zu leisten, junger Mann, oder? Sie müssen verstehen, ohne Ihnen nahetreten zu wollen, in unserer gesellschaftlichen Position, da muß man achten, mit wem man – Aber Vater! Herr Limbularius ist hier, um mir Beistand zu leisten. – Sicher, Carla, sicher, aber du mußt verstehen … und wie bei einem Schwächeanfall nimmt er die goldene Brille ab und streicht sich mit der Hand über das Gesicht … Herr Limbularius versteht das, ist es nicht so, Herr Limbularius, Sie verstehen das, das Erbe, die Verantwortung …)

(… du rissest dich denn ein. Berlin 2010, S. 149).

Sonntag, 6. Januar 2019

Am Strand

Am Strand

Manuscrito hallado en un bolsillo

Der Titel verwies natürlich auf Poes MS Found in a Bottle, die Erzählung hatte aber auch Elemente von The Man in the Crowd. Ein Mann fuhr nach einem festgelegten Muster in der pariser Metro und wartete darauf, Frauen, die ihm gefielen, gegenüber sitzen und ihr Spiegelbild in der Scheibe anlächeln zu können, mit der Hoffnung, daß sie sich an den Umsteigestationen nach seinem Muster bewegten. Eines Tages brach er jedoch sein Muster und sprach eine Frau an. Die akzeptierte es, man verliebte sich keusch ineinander, da aber offenbarte er ihr, daß er gegen sein Muster verstoßen hatte. Um ihrer Liebe eine Chance zu geben, nahm sie sich zwei Wochen Urlaub, in der sie mit der Metro fuhr, immer in der Hoffnung, die Übereinstimmung der Linien und der Umstiege zu erreichen. Das Ungeheuerliche dieser Erzählung war die Realität des Musters als einziger Möglichkeit, jemanden (Frau oder Mann) kennenzulernen, und nicht als die Pathologie eines einzelnen. Es ging um den Versuch der Konstruktion eines Zufalls, der nicht mehr passieren konnte.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Samstag, 5. Januar 2019

Freitag, 4. Januar 2019

Fenster #228

Los pasos en las huellas

Eine Clemens-Limbularius-Figur in dessen Rolle als Herausgeber Hans Köberlins: ein Literaturwissenschaftler erlangte Ruhm durch die Biographie eines Dichters, um dann zu bemerken, daß seine Geschichte falsch war, und vor allem zu bemerken, daß er die Wahrheit schon immer gekannt hatte. Er von Anfang an befürchtet, daß die Biographie zu einer verkappten Autobiographie geraten könnte. Dann war es eine Welcome to the Machine-Geschichte. Cortázar verwies selber auf Henry James, The Real Right Thing, nach Cortázars Erzählung kamen dann Roberto Bolaños wilde Detektive. Das offene Ende mit den zwei Wegen war wirklich lau, wie auch die Option der Pistole in der Schublade lau gewesen wäre.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Donnerstag, 3. Januar 2019

Mittwoch, 2. Januar 2019

Liliana llorando

Der Ich-Erzähler hatte von einem befreundeten Arzt eine finale Frist bekommen und imaginierte nun das Leben der Seinen nach seinem Tod, die Beerdigung, den Leichenschmaus etc. Sein bester Freund würde sich um seine Frau kümmern und die beiden kämen sich näher, bis der Freund an seine Stelle treten würde. In dem Moment dieser Imagination kam die Nachricht des Arztes, daß er sich geirrt hatte: es gab keine Frist. Der Ich-Erzähler nahm sich vor, den Arzt zu bitten, seiner Frau die gute Nachricht erst am Morgen zu bringen, denn noch sollte sie in den tröstenden Armen des Freundes nicht gestört werden. Eine obsolet gewordene Imagination bekam also a posteriori Realitätsstatus.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Octaedro (1974)).

Dienstag, 1. Januar 2019

Siestas

Während der titelgebenden Mittagsruhen entdeckte die pubertierende Protagonistin von einer frühreifen Freundin initiiert ihre Sexualität, der sie allerdings noch mit einem gewissen Vorbehalt gegenüberstand. Sie lebte bei drei Tanten, die sie dann beim Masturbieren erwischten. Die Erzählung war so gehalten, daß Realität, Traum bzw. Alptraum und die Bilder aus einem pornographischem Album sowie die Zeiten, in denen diese Dinge in Erscheinung traten, ineinander übergingen. Im Zentrum der Vorstellung des Mädchens stand ein Mann in einer dunklen, einsamen Gasse.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Último round (1969)).

El viaje

Ein Mann wollte von A nach B reisen, wozu er sechzig Kilometer mit dem Auto zu einem Bahnhof fahren mußte und von dort mit dem Zug zu einem Umsteigebahnhof, von wo er schließlich an sein Ziel gelangen würde. Als er sich in Begleitung seiner Frau die nötigen Tickets – es waren zwei – kaufen wollte, hatte er die Namen der Orte vergessen. Die Erzählung war die Beschreibung der Erinnerungsversuche und des Kaufs der Fahrkarten. Der Mann war gegenüber seiner Frau ein Tyrann aus Schwäche und Unvermögen heraus, der Schalterbeamte freundlich, geduldig und hilfsbereit – letzteres war auch ein weiterer Reisender – und die Frau stoisch, sie reagierte phlegmatisch auf die Tyrannei ihres Mannes und lächelte den Schalterbeamten an, der dies mit interesselosem Wohlgefallen goutierte.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Último round (1969)).

Silvia

Der Ich-Erzähler verliebte sich in ein Mädchen, das sich um die Kinder seiner Freunde kümmerte. Dann plötzlich kam en passant heraus – der erzählerische Kunstgriff –, daß sie eine erfundene Figur der Kinder war, die nur auftauchte, wenn alle Kinder zusammen waren. Er lud daraufhin die Freunde zu sich ins Haus ein und sah während des Abends für einen kurzen Moment das Mädchen nackt in seinem Bett liegen. Kurz darauf, als die Familien unterschiedliche Wege gingen, wurden die Kinder für immer getrennt.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Último round (1969)).