Sonntag, 16. Dezember 2018

La caricia más profunda

Ein Mann versank unbemerkt von seiner Umwelt immer tiefer in den Boden (er versank nur in den Erdboden, nicht ins Bett oder in das Bidet, auf das er stieg, um sich die Zähne zu putzen). Die titelgebende tiefste Liebkosung geschah, als er immer tiefer sinkend bereits ganz versunken mit den Fingerspitzen der linken Hand die Schuhsohlen seiner Verlobten streichelte. Er hatte in diesem Augenblick Mitleid mit ihr, deren Armut er am Zustand der Schuhsohlen erkannte. Sehr poetisch!

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, La vuelta al día en ochenta mundos (1967)).

Samstag, 15. Dezember 2018

El otro cielo

Die Geschichte eines rite de passage: ein künftiger Börsianer mit Verlobter und künftiger Familie floh vor der schlechten Gegenwart und der trostlosen Zukunft temporär in das Halbweltmilieu der Passagen mit seinen Huren. Ein Frauenmörder, der sein Unwesen trieb und der Krieg (ich dachte, es wäre der erste, aber es war der zweite) belasteten die erschlichene Freiheit. Am Ende war der Mörder gefaßt und der Krieg gewonnen und der Protagonist in bürgerlichen Verhältnissen. Der Plot war bekannt, aber die Erzählung war sehr gelungen fesselnd.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Todos los fuegos el fuego

Zwei Geschichten alternierend erzählt: ein römischer Prokonsul hatte in der Arena einen tödlichen Zweikampf für den Gladiator, bei dessen Anblick seine Frau Begehren empfunden, arrangiert, und eine von ihrem Freund mit einer Freundin betrogene Frau beging mit Tabletten Selbstmord, während sie mit dem untreuen Freund telephonierte. Am Ende gingen die Arena und der Mann mit seiner neuen Geliebten in Flammen auf. Es lag auf der Hand, was das Feuer aller Feuer war … Mir fiel Faulkners Doppelgeschichte ein, The Wild Palms und The Old Man or If I Forget Thee Jerusalem. Bei der ersten führte eine Abtreibung zum Untergang eines Liebespaares, bei der zweiten eine zufällige, emotional unbeteiligte Geburtshilfe zum gleichgültigen Weiterlaufen der Welt.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Freitag, 14. Dezember 2018

Empirie, 14. Update

¡Hans Koberlin vive! in Daten (der Stand von heute):
  • Stand des Manuskripts:
    • Seiten: S. 1.238 von ca. 1.800 Seiten
    • Fußnoten: 3.772
  • Stand der Überarbeitung:
    • Seiten: S. 1.016 von ca. 1.800 Seiten
    • Fußnoten: 3.033
    • Kapitel: XIII (= Zweites Intermezzo – oder: Die Hälfte der Zeit des Exils) von XXIV Kapiteln nebst einem Anhang
    • Tag der Überarbeitung: Freitag, der 7. März 2014, der 157. von 324 konkreten und von allen möglichen Tagen
  • Der Beginn der Handlung ist mit Analepsen der Sonntag, der 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung, 9 Uhr vormittags,* ohne Analepsen mit dem Herbst 2012.
  • Das Ende der Handlung fällt mit den Prolepsen mit dem Ende der (oder bloß einer?) Welt zusammen, ohne Prolepsen mit dem Frühjahr 2016.
  • Beginn der Niederschrift: Mittwoch, den 2. Oktober 2013
  • Ende der Niederschrift: noch nicht abzusehen

* (= die Fußnote 5 auf S. 7) »Non in tempore sed cum tempore Deus creavit caela et terram.« (Augustinus).
Nun: »In der Schiffsbibel von Charles Darwin auf der ›Beagle‹, mit der er von 1831 bis 1836 die Welt bereiste, stand das Datum der Weltschöpfung eingetragen: 23. Oktober 4004 vor Christi Geburt, 9 Uhr vormittags.« (Hans Blumenberg, Die Sorge geht über den Fluß, Frankfurt am Main 1987, S. 47). Das war ein Sonntag, am folgenden Freitag war er, der Schöpfer, fertig, und auch das jüngste Gericht soll nach christlichen Vorstellungen auf einen Freitag fallen, ein Datum haben wir gerade nicht zur Hand.
»Soldats, quarante siècles vous regardent!«
»L’ouvrage que j’ai entrepris aura la longueur d’une histoire«, hatte Balzac stolz in seinen Avant-Propos de La Comédie humaine postuliert.

Wird aktualisiert!

Sonntag, 9. Dezember 2018

Instrucciones para John Howell

Ein Theaterbesucher wurde in der Pause genötigt, in dem Stück eine Rolle zu übernehmen. Man sicherte ihm freie Gestaltung zu, was sich aber nicht realisieren ließ, denn es gab die Zwänge des durch den Theaterbesuch geschlossenen ästhetischen Vertrags mit dem Publikum, dann die Zwänge des Stücks (die Handlungslogik), dann noch die Absichten derer, die den Zuschauer genötigt hatten, und schließlich das Ungewohnte der Situation. Dies alles erschien mir als das eigentliche Thema der Erzählung: das Gebundensein in einer eigentlichen Freiheit. In dem Stück ging es um die Ermordung der Protagonistin, und am Ende floh der zum Mitspielen Genötigte mit seinem Nachfolger.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 2. Dezember 2018

Fenster #224 (Centre de …, Freitag, den 15. August 2014)

La isla al mediodía

Diese Erzählung war von Anfang an zu durchschaubar. Ein Stewart bekam von seinen Flugzeugen aus einen Faible für eine griechische Insel. Er plante seinen Urlaub, war da – aber da merkte man schon, daß etwas nicht stimmte –, er sah von dort das Flugzeug, es stürzte ab … etc. Am Ende lag er tot am Strand.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Samstag, 1. Dezember 2018

Fenster #223

La Señorita Cora

In der Manier Faulkners gingen verschiedene Stimmen ineinander über: die eines fünfzehnjährigen Patienten, seiner Mutter, der titelgebenden Krankenschwester, ihres Geliebten (»Die Wahrheit ist, es macht mir nicht viel aus, ob ich die Frauen verstehe oder nicht. Hauptsache man wird von ihnen geliebt, das vor allem zählt.«), der Ärzte … Zuerst hielt ich es für eine willkürliche Spielerei, aber dann kam ich dahinter, daß die verschiedenen Stimmen den eigentlichen Protagonisten der Erzählung ergeben (wie bei dem von Borges überlieferten Mythos, bei dem die vielen Vögel den einen sagenhaften Vogel, den sie suchen, ergeben): den Tod, oder vielmehr: das Sterben. Der Junge kam mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus, doch bei dem Routineeingriff entdeckte man etwas Bösartiges. Der frühreife Junge schämte sich, der sehr jungen Schwester ausgeliefert zu sein, das zog sich bis zur letzten Begegnung hin. Cortázar gelang hier eine meisterhafte Dramatik.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 25. November 2018

Reunión

Die Erzählung Jack Londons, auf die Che Guevara in dem zitierten Motto anspielte, kannte ich aus Borgesʼ Bibliothek von Babel: der von Indianern gefangene Protagonist entging darin dem schmählichen Foltertod, indem er seine Enthauptung provozierte. – Diese Erzählung Cortázars war die schwächste bisher: sie beschrieb eine Operation von Revolutionären, die zu scheitern drohte, aber dann doch erfolgreich war. Der Ich-Erzähler entpuppte sich am Ende als Che, was man als Kenner von Revolutionsmythen wahrscheinlich hätte erkennen können (er war Arzt etc.). Sowas wäre eine Generation früher vielleicht noch gegangen, aber Mitte der sechziger Jahre nicht mehr.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 18. November 2018

La salud de los enfermos

Aus Rücksicht auf ihre Krankheit (sie hatte u. a. Bluthochdruck) verschwieg eine Familie der Mutter mit einem enormen Aufwand den Tod ihres Sohnes und ihrer Schwester. An ihrem Totenbett kam heraus, daß sie ab einem gewissen Moment des Theaters alles gewußt hatte. Zuerst fiel mir Goodbye Lenin ein, dann aber Calderóns La vida es sueño und in Teilen auch Shakespeares A Midsummer Night’s Dream. Dann gab es da noch einen Kriegsthriller, in dem die Nazis einem alliierten Geheimnisträger ein Sanatorium nach der Landung in Frankreich vorspielten, um an Ort und Zeit der tatsächlich noch bevorstehenden Landung zu kommen.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Raum, Zeit

Der Raum scheint entweder gezähmter oder harmloser zu sein als die Zeit: man begegnet überall Leuten, die Uhren haben, und sehr selten Leuten, die Kompasse haben.

(Georges Perec, Träume von Räumen, Zürich / Berlin, 2. Aufl. 2016, S. 142f.).

Donnerstag, 15. November 2018

Strategie

– Waren die Ideen falsch oder die Ausführung?
– Ein Übermaß von Ideen gegenüber den Realitäten ist sicher falsch.
– Hätte man das vermeiden können?
– Sie meinen: keine Ideen haben?
– Beobachten. Abwarten. Vom Ereignis überrascht, zeigen wir, was wir gelernt haben?
– Eher so.

(Alexander Kluge, Gründet sich Revolution auf Arbeit oder auf Ideen? Geisterhaftigkeit revolutionärer Prozesse; in: Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2005, 9 Wach sind nur die Geister; 9.3 Die Schatzsucher / Geisterhaftigkeit der menschlichen Arbeit, S. 760).

Sonntag, 4. November 2018

»It is the evening of the day …«

Noch eine Definition

Leben heißt, von einem Raum zum anderen gehen und dabei so weit wie möglich zu versuchen, sich nicht zu stoßen.

(Georges Perec, Träume von Räumen, Zürich / Berlin, 2. Aufl. 2016, S. 13).

Samstag, 3. November 2018

Fenster #222

Schöneweide (Ost)

La autopista del sur

In der Wohnung [von Camille und Paul in Godards Le mépris (1963)] findet einer der längsten Ehestreite der Filmgeschichte statt, eine Vorwegnahme des längsten Autostaus der Filmgeschichte in Week End (1967).*


* Später, also nach den oben angeführten Notizen, die er auch diesbezüglich nicht mehr ergänzen sollte, da er den Essay zu dem Film aufgegeben hatte, später also sollte Hans Köberlin erfahren, daß manche Filmhistoriker davon ausgingen, daß Teile von Week End von Cortázars La autopista del sur inspiriert worden seien. Es ging in dieser Erzählung um einen Stau auf einer aus dem Süden nach Paris führenden Autobahn, der einen Herbst und einen Winter dauerte und sich erst im Frühling wieder auflöste. Es bildeten sich während dieser Stauzeit tribal organisierte Schicksalsgemeinschaften, die auf Subsistenzebene wirtschafteten, und es passierte eine Liebesgeschichte, die jedoch tragisch scheiterte, als der Stau sich wieder auflöste und man sich ohne eine Möglichkeit des Wechsels zu haben im immer schneller werdenden Verkehrsfluß auf verschiedenen Spuren befand. Es gab schöne Beschreibungen, Cortázar schaffte es aber nicht so ganz, die verschiedenen Zeittempi – Stunden, Tage, Wochen und Jahreszeiten – in ihren spezifischen Dauren darzustellen.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Todos los fuegos el fuego (1966)).

Sonntag, 28. Oktober 2018

Jungfernheide (Ost)

Sus historias naturales

  • León y cronopio – Ein Cronopium entging durch Stoizismus einem Löwen.
  • Cóndor y cronopio – Ein Cronopium entging durch Lobhudelei einem Kondor.
  • Flor y cronopio – Ein Cronopium verhielt sich nicht wie der Knabe in Goethes Heideröslein, sondern wie eine Blume.
  • Fama y eucalipto – Ein Fame tötete einen Baum, anstatt sich eine Schachtel Bonbons zu kaufen.
  • Tortugas y cronopio – Die Bewunderung der Schildkröte für Geschwindigkeit gab nochmals Anlaß, die drei Arten zu charakterisieren. Warum erschirnen die Esperanzen nicht im Titel?
(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Historias de cronopios y de famas (1962), Historias de cronopios y de famas, III. Sus historias naturales).

Pegue la estampilla en el ángulo superior derecho del sobre & Telegramas

Ein Cronopium lief auf dem Postamt Amok, wodurch es die Dienstleistung nicht in Anspruch nehmen konnte (wer ficken will muß freundlich sein).

*

Verschiedene absurde Telegramme von einer Esperanze und drei Cronopien. Zum ersten Mal tauchten Namen auf.

(Julio Cortázar, Cuentos Completos, Historias de cronopios y de famas (1962), Historias de cronopios y de famas, II. Historias de cronopios y de famas).

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Gli angeli (Cimitero acattolico #2)


Fenster #218

Cimitero acattolico


Ein Beispiel jedoch für die Unberechenbarkeit des ewigen Gedächtnisses – das zugleich auch Ovid bestätige – lieferte Oscar Wilde, mit dem Köberlin endlich zum Anlaß seiner Bemerkungen kam, Wilde, der anläßlich seines Besuches der ewigen Stadt im Jahre achtzehnhundertsiebenundsiebzig auch die Pyramide des Cestius besichtigt habe, wie sie da unzerstört inmitten des Trümmerwerks der Zeit vor einem stehe, eine schreckliche, steingewordene Unteilnahme (schön das Wort! Clemens nahm sich vor, es bei Gelegenheit einmal im Original – er hatte hier Wilde bloß in einer Übersetzung zur Hand – nachzuschlagen). Darum wohl auch hätten die Menschen des Mittelalters das Monument für die Grabstatt des Remus gehalten, des zu Zeiten der Stadtgründung vom leiblichen Bruder Erschlagenen. Heutzutage freilich besäße man akkuratere Kunde und wüßte, daß man vor dem Grabmal des Caius Cestius stehe, eines römischen Vornehmen etwelchen Ranges, der um das Jahr dreißig vor Christi Geburt verstorben sein solle (soweit wir wissen starb er im Jahr zwölf vor).
Armer Caius Cestius, so Köberlin, aber vornehm und reich genug sein, um eine Pyramide zu errichten, das allein täte es noch nicht. Und so würde sein Name denn eher als Marginalie überliefert, und zwar wegen eines Umstandes, auf den er zu seiner Zeit keinen Einfluß haben konnte. Zwar konnte Wilde nicht sonderlich viel empfinden für den Toten, der da so einsam unter seinem Denkstein lag, indes ward solche Pyramide doch und für immerdar teuer jedem Besucher englischer Zunge: gegen Abend lege nämlich ihr Schatten sich auf die Grabstätte eines der holdesten Sänger. Zu Füßen der Pyramide erstrecke sich hangabwärts ein grüner besonnter Fleck Erde, der alte Protestantenfriedhof (Jean Paul nannte ihn im Titan den Ketzer-Gottesacker und bezeichnete ebendort die Cestius-Pyramide als dessen Epitaphium … confusion will be my epitaph …), und auf ihm, da gäbe es ein schlichtes Grab, dessen Stein auf Wunsch des dort Begrabenen die Inschrift trage: Here lies one whose name was writ in water.
Das ewige Gedächtnis, so Köberlins Konklusion, zeige also neben seiner Launenhaftigkeit auch noch einen Sinn für Ironie, indem es den Karrieristen, der beharren wolle, vergäße, und jenen, der auf das Verschwinden aus wäre – ein in unseren Breiten damals wie heute doch eher ungewöhnlicher Heroismus –, wegen seiner Werke erinnere, womit wir wieder bei Ovid wären.

(… du rissest dich denn ein., Der zweite Roman der Clemens Limbularius Trilogie, Berlin 2010, S. 168f.).

San Clemente (der Brunnen im Hof)


Auf Clemens’ Schweigen fuhr er fort, der zweite heilige Clemens habe im ersten Jahrhundert nach gelebt – das nach verstehe sich wohl von selbst, sonst könnte er kein Heiliger sein, warf Clemens ein –, ein Papst, Papst Clemens der Erste wäre er gewesen, und sein Namenstag sei der dreiundzwanzigste November. Im Gegensatz zu ihm, Clemens Limbularius, wäre Papst Clemens auch ein Märtyrer gewesen, und ein Jünger des heiligen Petrus und nach Linus und Anaklet sein dritter Nachfolger als Bischof von Rom. Als Kaiser Trajan die Christen verfolgt habe, sei Clemens zur Fronarbeit auf die Halbinsel Chersones auf der Krim, der ewig krisigen, verbannt worden (sein Spirituosenlager, dachte Clemens). Dort hätten bei seiner Ankunft schon mehr als zweitausend Christen in den Marmorsteinbrüchen gelitten, gequält von unablässigem Durst. P. nahm einen Schluck aus der Wacholderbeerschnapsflasche, bevor er fortfuhr: Clemens sei aber einem Lämmlein, das da wohl herumgelaufen wäre, zwischen den durstigen Christen, zu einem Platz gefolgt und habe da seinen Stab in den Boden gestoßen. Prompt habe sich an der Stelle eine Quelle aufgetan, und alle konnten sich erquicken. Nach einer gewissen Frist habe man Clemens jedoch zum Tode verurteilt. Man habe ihm eine glühende Sturmhaube aufgesetzt, ihm einen Anker an den Hals gehängt und ihn ins Meer geworfen, schick, nicht? Die Christen aber hätten gebetet, daß ihnen der Leib des Märtyrers gezeigt werden möge. Da sei das Meer drei Meilen weit zurückgewichen, und sie hätten trockenen Fußes zu einem marmornen Tempel schreiten können, irgendwie gäbe es da Anleihen bei der Mosesgeschichte, zuerst das mit dem Stab und jetzt die weichenden Wasser … Jedenfalls dort, in dem marmornen Tempel, hätten sie Clemens’ Leichnam in einer Arche liegend gefunden. Einer höheren Eingebung folgend ließen sie den Heiligen an dieser Stelle ruhen, und jedes Jahr an Clemens’ Todestag gab das Meer den Zugang für die Pilger frei. Clemens dachte, wenn er im Rieselblick den Tod durch Ertrinken erleiden würde, ob dann auch die Wasser, einmal im Jahr … Einmal, so P. weiter, sei ein Weib mit ihrem Söhnchen gekommen, und während der Feier wäre der Kleine eingeschlafen. Als aber dann das Rauschen der zurückkehrenden Wellen zu vernehmen gewesen wäre, habe die erschrockene Mutter ihr Kind vergessen und sei – ganz Rabenmutter – allein an das Ufer geeilt. Dort fiel ihr der Knabe wieder ein, und sie habe geweint und zum Himmel gefleht, doch er wäre verschwunden geblieben. Erst nur an sich denken und dann beten, warf Clemens ein, das habe man gern … Ein Jahr lang habe sie um ihren Sohn getrauert, dann sei sie wieder an den Ort gekommen und habe das Knäblein in dem marmornen Tempel unversehrt vorgefunden, genau dort, wo sie es zurückgelassen hatte. Wenn das kein Wunder sei, das solle er, Sankt Clemens Limbularius, erst einmal nachmachen. Nun zum Ende der Geschichte: wegen der Sünden der Menschen aber sei eines Tages das Wunder der Öffnung des Meeres vergangen. Clemens’ Gebeine und der Anker seien viele Jahre später von frommen Christen gefunden und nach Rom gebracht worden, und seither lägen sie in der Kirche seines Namens, San Clemente, in der Nähe des Colosseums, im zwölften Jahrhundert über einer Basilika aus dem Jahr dreihundertfünfundachtzig errichtet, die tausendvierundachtzig zerstört worden sei. Die Chorschranken seien noch aus der alten Kirche, das mittelalterliche Apsismosaik sei dem des Vorgängerbaues nachempfunden. Von der Oberkirche, die auch mit beeindruckenden Kosmatenarbeiten (Clemens schaute fragend, wurde aber nicht aufgeklärt) und Fresken geschmückt sei, könne man in die Ausgrabungen der frühchristlichen Kirche hinabsteigen, unter der sich wiederum Reste eines römischen Hauses aus dem zweiten Jahrhundert befänden, vermutlich ein Lupanarium – ah, ein Lichtblick! –, wie die Archäologen aus den Resten der Fresken geschlossen, sowie ein Gebäude mit einem Mithrasheiligtum. Der heilige Clemens, nur so viel noch, werde mit Anker; auch mit Lamm und Quelle dargestellt. Er sei der Patron von Aarhus, Compiègne, der Krim und von Sevilla – La Siraña den Sevilla … –; des weiteren sei er der Schutzheilige der Hutmacher, wohlbemerkt, nicht ihrer Phantome, der Marmorarbeiter, Mosthändler (na also!), Schiffer, Seeleute und der Kinder. Man rufe ihn an gegen Gewitter, Stürme und gegen Schiffbruch. Und P. spekulierte, ob wohl der Schiffskoch seinen, Clemens’ Namenspatron angerufen habe, als ihm in der Kombüse der MS Helena das Wasser bis zum Hals gestiegen …

(HannaH & SesyluS oder Eine Reise aus der Welt in drei Tagen, Der erste Roman der Clemens Limbularius Trilogie, 3. Auflage, unveröffentlichtes E-Book, Berlin 2015, Kapitel XIII).

Lido di Ostia

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Sonntag, 14. Oktober 2018

Rummelsburg (Ost)

»Stars and Stripes«

Walpodenakademie Mainz, Samstag, den 13. Oktober 2018

Zwei Vehikel der Annäherung

KÖNIG MIDAS

In einer der Sagen um den phrygischen König Midas gewährte Dionysos (unser Favorit unter den Göttern) dem Monarchen den Wunsch, daß alles, was er anfaßte, zu Gold werde. In Anlehnung daran könnte man sagen: Ralf Thorn wird alles, was er anfaßt, zur Zeichnung, der Zeichnung als dem Medium, dem die Objekte, Collagen und Installationen und die Gemälde und die Drucke sowieso zugrunde liegen. Auf die Zeichnung geht all sein Schaffen zurück. Zeichnungen sind immer die Grundlage, die Welt ist für Ralf Thorn ein etwas zu Zeichnendes, wobei hier Welt seine Umwelt meint, inklusive der Bilder, die diese Umwelt bereits fertig als solche ihm zuführt, wie etwa die Vorlagen zu seinen Serien nach Postkarten und Photographien. Ralf Thorn frönt dabei einem ästhetischen Pantheismus: alles kann Objekt seiner Zeichnungen werden. – Gerade dieser Aspekt des Anstoßes von außen, der gefundenen oder zugetragenen Motive, ist nicht zu unterschätzen, und er führt zu der zweiten Annäherung.

DIE ANTHROPOLOGISCHE UNTERSCHEIDUNG

Die anthropologische Unterscheidung, das zweite Vehikel zur Annäherung an das Schaffen Ralf Thorns, stammt von Lévy-Strauss. Jener unterschied die Menschen bezüglich ihrer Art der Weltaneignung bekanntlich in zwei Typen, nämlich in Ingenieure und in Bricoleure.

Der Ingenieur

Der Ingenieur ist der Typus des Spezialisten, der eine feste Vorstellung oder Idee von der Welt und von seinem Werk hat und der sich anschickt, die Welt nach dieser Vorstellung oder Idee umzugestalten. Er pfropft ihr sein Werk auf und er hat ein Ziel und einen Königsweg, der zu diesem Ziel führt. Den Urbanisten Georges-Eugène Haussmann, der in das Paris des zweiten Kaiserreichs die Breschen seiner Boulevards schlug, könnte man als ein Beispiel nennen, oder Lenin, der aus Mütterchen Rußland den Sowjetstaat schuf, oder, im Bereich der Kunst, die Maler, die in der Renaissance der Welt zeigten, wie die Menschen sie sehen sollten.

Der Bricoleur

Diesem Typus entgegen stellt Lévy-Strauss den Bricoleur. Der tut der Welt keine Gewalt an, er ist kein Spezialist und orientiert sich nicht nach einer Idee oder einem Plan, sondern an den heterogenen Dingen, die er mehr oder weniger zufällig vorfindet oder die sich in seinem Fundus befinden, weil er, als die Dinge in seine Hände gelangten, gedacht hatte, daß man sie bestimmt irgendwann noch einmal gebrauchen könnte.

Ralf Thorn ist ein Bricoleur, er ist es bezüglich des Materials – alte Kladden, Hefte, Bierdeckel … – und (und dies vor allem), er ist es, wie bereits angedeutet, bezüglich der Motive und natürlich auch bezüglich der Titel der Zeichnungen, die allsonntäglich dem immerwährenden Heilgenkalender entnommen werden. Sich den adäquaten Anstoß von außen zu eigen zu machen, das ist die angemessene Kunst unserer Zeit, wie auch Gérard Genette fand, als er in seinem Buch über Palimpseste schrieb,

»daß die Kunst, ›aus Altem Neues zu machen‹, den Vorteil hat, daß sie Produkte hervorbringt, die komplexer und reizvoller sind als die ›eigens angefertigten‹ Produkte: eine neue Funktion legt sich über eine alte Struktur und verschränkt sich mit ihr, und die Dissonanz zwischen diesen beiden gleichzeitig vorhandenen Elementen verleiht dem Ganzen seinen Reiz.«

Überflüssig zu erwähnen, daß mit dem permanenten Schaffen Ralf Thorns eine permanente Perfektionierung der Technik und der der Methode einhergeht. Und alles was es an Techniken und Stilen gibt – ich kann sie als Laie die nicht alle nennen – wird experimentell auf die Möglichkeit der produktiven Aneignung angegangen.

Wimmelbilder

In der Zeit der Anfänge zog bei Ralf Thorns Zeichnungen ein Strich den anderen nach sich, er setzte an und es ward Gesicht und Gestalt, ward Kreatur und Ornament, ward Flora und Fauna, oder in den Worten des Künstlers: »Wimmelbilder, handlungsfreie Storyboards, oder auch tagebuchartige Skizzen«, wie man sie auf den Streifen sieht, man könnte dabei in Anlehnung an Kleist von dem allmählichen verfertigen der Zeichnung beim Zeichnen sprechen. Es war eine eher introspektive Kunst, deren Ergebnis der spontanen Eingebung geschuldet war, oder manchmal auch dem Material: ein Knick oder ein Fleck auf dem Papier wurden zu strukturierenden Aspekten, wie etwa bei John Cage, der seine Kompositionen nach Einschlüssen im Papier schuf.


DREI MUSIKER

Neben dem eben erwähnten Namen John Cage könnte man noch zwei weitere Namen nennen, nämlich Kevin Coyne und Fred Frith. Kevin Coyne, der über eine ähnliche Doppelbegabung als Musiker und Zeichner verfügte, kann man wohl in beiden Bereichen als ein Lehrer oder Vorbild Ralf Thorns bezeichnen. Fred Frith steht für die Improvisation und die Methode der Bricoleure, die der Ralf Thorns entspricht. Es gibt eine schöne Sequenz in einem Film über Frith, in der man sieht, wie er Material für ein abendliches Sologitarrenkonzert einkauft: Kordel, Erbsen, Vogelsand … Bezüglich John Cage wäre noch der Aspekt des Zen zu ergänzen, den er mit Ralf Thorn gemein hat.

Motive

Von dem Strich, der den Strich nach sich zog, gab es irgendwann eine Entwicklung hin zu dem, was man als ›Wendung zum Motiv‹ bezeichnen könnte. Statt Introspektion und spontaner Eingebung gab es nun Weltsicht und einen – wenn auch nicht kausalen – Abgleich der Zeichnung mit der Welt. Dabei bleibt aber noch genug Verortung im Akt des Zeichnens selbst, um nicht ingenieursmäßig zu werden. Das Gros dieser Motive liefert die Welt in Form von Bildern: Photographie, Postkarten, Zeitungsbildern oder Filmstills.



Stars and Stripes

Die Zeichnungen sind realistisch in dem Sinne, daß man die gezeichneten Bilder durch den spezifischen Blick Ralf Thorns erkennt, wenn man sie sieht, man erkennt sie als selber gesehen, wenn auch nicht konkret, so doch aus Erfahrung. Und wenn die Vorlagen aus einer Zeit vor der eigenen Zeit stammen – wie vielleicht Marlen und Mirella –, dann hat man sie in den Alben der Eltern gesehen. Die von dem Zeichner erfaßte Erkennbarkeit der Zeichnungen, diese unheimliche Vertrautheit, geht jedoch über die gewöhnliche Objektivität hinaus.

Hat man seine Bekanntschaft mit den Motiven bestätigt, dann fallen Unterschiede bei der Ausführung der Details auf, es ist eine andere Art der Genauigkeit, mit der hier gearbeitet wurde. Diese Unterschiede folgen keinem Plan, sind aber signifikant. Sie folgen auch keiner Richtung im Sinne der Lenkung einer Aufmerksamkeit, es liegt in dem Blick des Rezipienten, ob man die Brillanz der Ausführung von Mirams Gesicht goutieren, oder ob man sich fragen soll, was das Hinskizzierte in ihren Armen wohl für eine Kreatur sein mag (es ist ein Nashornjunges) und ob sie es überhaupt in ihren Armen hält. Bei Mirella erkennt man das skizzierte Wesen als Kätzchen (oder Käuzchen?), hier ist es aber die spezifische Art der Brillanz, mit der das Gesicht ausgeführt wurde, die verstört … oder die leichte, kaum merkliche Neigung des Kopfes des Mädchens auf dem mit Adolf betitelten Bild … oder die Melancholie des Jungen in dem komplett perfekt ausgeführten mit Anne-Marie betitelten Bild, die man bei dem Jungen des Julikalenderblattes aus dem Jahre 2017 auf ganz andere Art, quasi aus noch einer anderen Epoche, wiederfindet.


Es findet bei den Porträts zum Teil auch eine Dekontextualisierung statt, die die Zeichnungen enigmatisch macht, im Gegensatz zu der Serie mit dem japanischen Mädchen, wo der Kontext zum Protagonisten wird. Die Bekanntschaft wird durch solches Changieren hintergründig, aber nicht im Sinne einer Entlarvung. Ralf Thorn urteilt nicht über seine Objekte, wenn er sie zeichnet – außer natürlich: sie haben es verdient, verurteilt zu werden.

Zum Augenblicke dürft’ ich sagen …

Die Zeichnungen sind unter der Beachtung der aristotelischen Einheit von Raum und Zeit entstanden. Der Akt des Zeichnens geschieht im Modus der Momentaufnahme, und die Zeichnung selbst ist der Augenblick Goethes, der verweilt, weil er schön ist; und wenn er schön ist, was heißt: wenn Ralf Thorn seine Arbeit als gelungen betrachtet, dann wird dieser verewigte Augenblick geteilt.