Sonntag, 7. Februar 2016

Freitag, der 7. Februar 2014


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Das Essen war wie gewohnt gut, man trank zwei Liter Rotwein und anschließend, nach dem Dolce, noch einen Espresso, zu dem Hans Köberlin wie gewohnt einen Brandy nahm.
Beim Abschied gab der Busenfreund seinen ambivalenten Gefühlen Ausdruck: er vermisse Hans Köberlin sehr, aber freue sich für ihn, daß er dort unten so sein könne.
»Wir, die Lieben, die Freunde, sind alle wie oder als wären wir aus Jean Paul«, zitierte Hans Köberlin Clemens Limbularius.
Die Rückfahrt verlief so angenehm wie die Hinfahrt, man freute sich allerdings, als man wieder in der wohlbeheizten Wohnung war. Zur Verdauung des üppigen Mals schauten sie sich die Wiederholung einer alten – und schlechten* – Tatort-Episode an,** dann las man noch ein wenig im Bett, Hans Köberlin schlug noch einmal willkürlich den Echtermeyer auf …
Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten
Und die beringten Hände auf der Flut
Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten
Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.***
Kein Zweifel, man befand sich im Expressionismus. Hans Köberlin erinnerte sich, wie er sich als Kind bei Hochwasser einen Spaß daraus gemacht hatte, mit seiner Schreckschußpistole, die er dazu ausnahmsweise außerhalb der Karnevalszeit benutzen durfte, die Wasserratten in den Flußauen zu erschrecken. Als Kind … Wie hieß es noch in Wendersʼ und Handkes Himmel über Berlin (1987) …?


* Der marxistische Literaturtheoretiker Fredric Jameson soll irgendwo geschrieben haben, etwas Adäquates über das Fernsehen herausfinden zu wollen, könne nur zur Folge haben, daß man es ignoriere und über etwas Anderes nachdenke.
** »Tatort: Borowski und der freie Fall (2012) – Ich habe diese Episode zum ersten Mal an meinem letzten glücklichen Sonntag mit Diotima gesehen, bin diesmal – aber nicht deswegen – gnadenloser in meinem Urteil: soetwas funktionierte – wie auch der 9/11-Fall, den sie einmal aus in der Stadt bei den Mönchen oder in der Hauptstadt gebracht hatten – nicht. Es ging also um Verschwörungstheorien im Fall Uwe Barschel, am Ende ging es aber doch bloß um die Angst um die eigene Karriere. Die eigentlich doch ganz sympathische Assistentin hatte eine undankbare Rolle als naive Hysterikerin. Man fragte sich, wieso die Hinterbliebenen Barschels erlaubt hatten, die Geschichte für einen Krimi zu verbraten. Vielleicht war es der Witwe sogar recht gewesen.«
*** Georg Heym, Ophelia (1911); in: Echtermeyer. Deutsche Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hrsg. von Elisabeth K Paefgen und Peter Geist, Berlin 19. Aufl. 2006, S. 474.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel XI [Erstes Intermezzo – oder: Zäsur], 31. Januar bis 9. Februar 2014).

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