Freitag, 15. Januar 2016

Mittwoch, der 15. Januar 2014


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Zurück im Haus, bereitete er sich sein Abendmahl, wenn etwas im Fernsehen kam, dann schaute er das (wie heute die Dokumentation zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt), manchmal schaute er auch was, wenn nichts im Fernsehen kam, dann ärgerte er sich über sich selber, sonst saß er am Schreibtisch, trank noch das ein oder andere Glas Wein, hörte Musik und las und schrieb über das Gelesene und das dabei Reflektierte.
Wir müssen gestehen, daß auch wir den ästhetischen Zustand hier genießen und es bei jeder uns bietenden Gelegenheit Hans Köberlin gleichzutun versuchen: wir lesen in seinen Büchlein, trinken von seinen Weinchen und machen uns seine Gedankchen (wir schlafen allerdings nicht in seinem Bettchen und vögeln auch nicht sein Frauchen). Wir hatten bereits überlegt, uns Unterstützung zu rufen, jemanden, der über uns berichtete, wie wir (nicht) über Hans Köberlin berichteten, Supervision quasi … aber auch diese Unterstützung bräuchte bald einen externen Berichterstatter, denn die Möglichkeit einer artgerechten Haltung war schier unwiderstehlich. Vielleicht, wenn wir drei wären …
  • der Beobachter (Hans Köberlin),
  • ein Beobachter zweiter Ordnung (wir, die wir Hans Köberlin beobachteten, wie Hans Köberlin beobachtete) und
  • noch ein Beobachter zweiter Ordnung* (der Externe, der uns beobachtete, wie wir Hans Köberlin beobachteten, wie Hans Köberlin beobachtete vulgo: ein Leser, denn allein ein Leser – oder besser: viele Leser können noch reflektieren, was wir beim bloßen Zusammentragen des Materials nicht reflektieren konnten und was Hans Köberlin – siehe Kafka – als Betroffener schon gar nicht reflektieren konnte),
dann könnten wir vielleicht vereint die nötige kriminelle Energie entwickeln, uns mit dem Geschäftsführer des Instituts für Ausziehtanz zusammenzuschließen, um den ultimativen Coup durchzuziehen, ein Coup, der uns die Mittel brächte, diesen ästhetischen Zustand bis an das Ende unserer Tage aufrecht zu erhalten … ein Coup wie Mesrine: zwei Banken unmittelbar hintereinander. Der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares hatte gemeint, Geld vermöge nicht alles, die persönliche Anziehungskraft hingegen, mittels derer man zu viel Geld kommen könne (und die Hans Köberlin wie auch uns und wie auch Clemens Limbularius versagt war), vermöge tatsächlich fast alles.
»He, du Welt da draußen! – Sag: gibt es noch Mäzene?«
Reich wurde man ja heute nicht mehr durch Arbeit, sondern durch Partizipation an einem virtuellen System … Man müßte sein eigenes virtuelles System etablieren, ein System, das keine andere Funktion hätte, als unseresgleichen – Hans Köberlin, Clemens Limbularius, den Busenfreund, dem Verleger … – ein gutes Leben zu ermöglichen …: ein perpetuum mobile?


* Vgl. vom Verf. Telos oder Beiträge zu einer Mythologie des Clemens Limbularius, Berlin 2013, S. 54 und dort die Fußnote 204: »Einen Beobachter dritter Ordnung gab es nicht … Aber völlig überrascht lasen wir neulich in Niklas Luhmanns Die Politik der Gesellschaft, hrsg. von André Kieserling, Frankfurt am Main 2002, S. 312 in Klammern und mit Ausrufungszeichen versehen: ›(dritter Ordnung!)‹«. Auch wir haben diesen ominösen Beobachter dritter Ordnung bei Luhmann nochmals erwähnt gefunden, nämlich in Das Medium der Kunst; in: Schriften zu Kunst und Literatur, hrsg. von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, S. 136f., wo er der Theorie, und in Weltkunst; in: ebd., S. 214, wo er mit dem Autor (»wir« = Luhmann) gleichgesetzt wurde. Und in dem Text Weltkunst (a. a. O., dort insbes. S. 223) wird der Beobachter dritter Ordnung sogar theoriekonstituierend, denn »nur der Beobachter dritter Ordnung (verfügt) über einen Begriff der Einheit des (binären) Codes.« Und schließlich eine Passage in dem Text Wahrnehmung und Kommunikation anhand von Kunstwerken (in: ebd., S. 255), die für die von uns gewählte Form von Telos und von dieser Langzeitdokumentation relevant ist: »Man wird erwarten dürfen, daß dies [der Versuch des Künstlers, seine Unabhängigkeit zu wahren] im Wege der Selbstfaszinierung durch das im Entstehen begriffene Kunstwerk geschieht, das bestimmte Züge ›verlangt‹ und dadurch Aufmerksamkeit bindet. Aber auch hier gibt es Ansätze zu einer Beobachtung dritter Ordnung, nämlich zur Demonstration von Authentizität im vollen Wissen der auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung laufenden Kommunikation.« – Es war Hans Köberlin als Dilettanten nicht ganz klar, ob Luhmann diese Instanz bloß für das Kunstsystem vorgesehen hatte.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel X [Phase IV – oder: modus vivendi], 7. bis 30. Januar 2014).

1 Kommentar:

loisl hat gesagt…

Es müsste aber schon ein sehr selbstloser, ein unsichtbarer Mäzen sein!