Mittwoch, 7. Oktober 2015

Montag, der 7. Oktober 2013


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Hans Köberlin hatte das Vorgefundene (unter anderem gehäkelte und geklöppelte Deckchen und Stehlämpchen überall, einen Wandteppich, zwei an der Wand aufgehängte Teller und ein aus dunklem Holz gefertigtes Basrelief) der vorigen Bewohnergenerationen, nachdem er sorgfältig die Position der Artefakte mit seinem Taschentelephon zwecks späterer Rekonstruktion des status quo ante Hans Köberlin dokumentiert, in die Kartons gepackt, in denen er die Bände seiner Basisbibliothek überführt hatte, und diese Kartons in ein von ihm ungenutztes Zimmer in der hinteren Wohnung gestellt. Er hatte die Bilder, die er in der provisorischen Wohnung vor dem Exil an die Wand gepinnt hatte (Karten und Zeitungsausschnitte, unter anderem die berühmte Duschszene aus Hitchcocks Psycho (1960)* und eine Photographie der frühen Soft Machine (noch mit Daevid Allen), die sich anläßlich der Meldung vom Tode Kevin Ayers’ in einer überregionalen Tageszeitung befunden hatte), hier nicht an die Wand gepinnt, er hing einen Monatskalender mit Abbildungen von Kunstwerken eines guten Freundes und seinen Filmabreißkalender, den morgens zu aktualisieren Hans Köberlin ein liebgewonnenes Ritual war,** auf.
In seinem künftigen Lese- und Schreibzimmer belassen hatte er zwei Seestücke, ein friedliches und ein kriegerisches. Auf dem kriegerischen Seestück, das, wenn er an seinem Lese- und Schreibtisch (striptease table …) saß und aus dem vergitterten Fenster schaute, an der Wand rechts hinter ihm hing, glaubte Hans Köberlin, die ›HMS Victory‹ zu erkennen, Nelsons Flaggschiff bei Trafalgar, als er Napoleons Flotte besiegte,*** und Hans Köberlin mußte an eine begeisterte Lektüre seiner Jugendzeit denken, nämlich an die Horatio Hornblower Novels von C. S. Forester.**** Er hatte bloß noch wenige Erinnerungen, daran, etwa daß Hornblower zu Beginn seiner Karriere einer Bestrafung beiwohnen mußte und seit dem eine Abscheu vor der neunschwänzigen Katze hatte, dann vage an Hornblowers Frau oder Geliebte, irgendeine Lady Soundso, und daran, daß er sich jeden Morgen mit kaltem Meerwasser abspritzen ließ.


* Das war das Jahr, in dem er geboren worden war, und Hans Köberlin hatte die Vorstellung, das vielleicht Janet Leigh genau in dem Moment, als er das Licht der Welt erblickt, ein paar tausend Kilometer westwärts auf dem Set so gegen …: neun Stunden früher …: also so gegen 7 p.m. unter der Dusche geschrien hatte …
** In Wittgensteins Notizbüchern hatte Hans Köberlin einmal – leider ohne sich die genaue Quelle zu merken – die Vermutung gelesen, der Mensch sei »ein rituelles Tier«.
*** Als »onehandled adulterer« hatte Stephen Dedalus den Seehelden bezeichnet (siehe James Joyce, Ulysses, with an Introduction by Cedric Watts, London 2010, S. 131). Während ihres abschließenden Besuchs am Dienstag, dem 29. Juli 2014, sollte die Frau zu Hans Köberlin sagen: »Es ist übrigens die Schlacht bei Trafalgar, hier wird das Bild beschrieben.« Und sie reichte Hans Köberlin den Kriminalroman, den sie gerade las und Hans Köberlin las: »Hellmer musterte die Inneneinrichtung, die zwar nicht seinem Stil entsprach, aber angenehm überraschte. Wenig Prunk, eher ein dezentes Ambiente mit ausgewählten Kunstgegenständen. Nicht überheblich, doch alles andere als schlicht. Protzig wirkte nur das riesige Ölgemälde einer Seeschlacht, dessen kühle Grau- und Blautöne nicht zu den warmen Holzfarben paßten. Drei Segelschiffe waren zu sehen, eines davon mit gebrochenen Masten, im Hintergrund verbargen Rauchschwaden ein weiteres. ›Die Schlacht von Trafalgar‹, kommentierte Cramer, der Hellmers prüfenden Blick bemerkt hatte, und hielt kurz inne. ›Eine Ölreplik?‹, erkundigte sich Hellmer, denn er hatte auf den ersten Blick einen Kunstdruck vermutet, doch dann die unebene Oberflächenstruktur erkannt. ›Eine sehr alte, ja‹, nickte Cramer. ›Unbekannter Künstler, schätzungsweise um 1955, also dem hundertfünfzigsten Jahrestag der Schlacht. Kennen Sie sich aus?‹ ›Ein wenig‹, murmelte Hellmer und sinnierte krampfhaft, wie der originale Künstler des weltbekannten Motivs hieß. ›Crepin, Das Original hängt im Louvre‹, erklärte Cramer, der scheinbar Gedanken lesen konnte oder Hellmers suchenden Blick nach einer Signatur registriert hatte. ›Bevor Sie es sagen: Der kühle Grünstich ist ein echtes Manko. Aber er macht das Bild zu einem Unikat. Es zeigt die letzte große, dramatische Seeschlacht des Segelzeitalters, und entsprechend verehrt wird Lord Nelson auch von den Briten.‹ ›Dabei hat es ihn gleich zu Beginn tödlich erwischt, wenn ich mich recht entsinne‹, murmelte Hellmer mit zusammengekniffenen Augen. ›Aber wir sind nicht hergekommen, um über Kunst oder Geschichte zu sprechen‹, fuhr er sogleich fort.« (Andreas Franz / Daniel Holbe, Teufelsbande. Ein neuer Fall für Julia Durant, München 2013, S. 398f.). Hans Köberlin erkannte gleich das Lexikonwissen, das in dem Genre gerne als Hintergrundkolorit verwendet wurde (beim Namen des Malers hatte man den accent aigu vergessen), und schaute sich das Bild, mit dem er seit nun fast 300 Tagen gelebt, nochmals genauer an. Nein, es war nicht das in dem Kriminalroman beschriebene, sondern eine andere Version, Hans Köberlin konnte trotz intensiver Recherche nichts über das Original und seinen Maler ermitteln, außer daß es irgendwo in einem Schwimmbad in Ostwestfalen eine gekachelte Reproduktion davon gab.
**** Motive daraus wurden 1951 mit Gregory Peck in der Titelrolle unter der Regie von Raoul Walsh verfilmt, die eben erwähnte Diane Cilento hatte in dem Film übrigens – unerwähnt – eine Sprechrolle.

(aus: ¡Hans Koberlin vive!, Kapitel III [Ankunft], 5. bis 9. Oktober 2013).

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